Hans und Suse in der Stadt

Part 15

Chapter 153,819 wordsPublic domain

„Wer hat das Bett abgezogen?“ stotterte Suse.

„Ursel.“

„Und meinen ganzen Brief hat sie gelesen?“

„Ja.“

„Alles, was ich zusammengeschmiert habe von Braut und Bräutigam und Verlobtsein und Küssen und herrlicher Freundschaft und Herrn Schnurr und gestopften Strümpfen und all das dumme Zeug?“

„Ja, von A bis Z.“

„Und schlecht ist mir’s noch,“ fuhr Hans fort, „wenn ich nur daran denke, wie sie gejammert hat. Und ihr Brautkleid in einer Lade hat sie hinterher geholt und hat drauf geweint. Entsetzlich!“

„Aber eine so alte Frau kann sich doch ihr Lebtag nicht in einen solch jungen Mann wie Herrn Schnurr verlieben,“ jammerte Suse, ihr Gesicht in den Händen vergrabend und laut weinend. „Da lachen ja die Hühner. Sie muß doch wissen, daß es nur Unsinn war.“ --

„Nun ist alles, alles aus, mein ganzer Geburtstag. Und nie in meinem ganzen Leben hab’ ich mich so auf einen Geburtstag gefreut, wie auf diesen. Gelt Hans, nun ist alles verloren?“

Der Bruder nickte begossen.

„Was wolltet ihr denn eigentlich anfangen an meinem Geburtstag?“ fragte Suse nach einer Weile, in Tränen zerfließend.

„Ich kann dir’s jetzt ja sagen,“ entgegnete Hans zage, „denn aus ist’s ja doch. -- Die Papierschlangen und Lampions sind bereits wieder zu Pastor Brauers zurückgeschickt worden, die sie uns geliehen hatten. Wir hatten dir herrliche, dreistimmige Lieder eingeübt, Herr Schnurr, Ursel und ich. Herr Schnurr ist zuweilen fast aus der Haut gefahren, so falsch hat Ursel gesungen. Aber schließlich hat sie’s doch kapiert. Und zur Dankbarkeit für Herrn Schnurrs Bemühungen wollte sie ihm die Strümpfe stopfen. Dann beabsichtigten wir, dir noch eine wunderbare Laube aufzubauen, von Tannenzweigen und Papierschlangen, und die ganze Negerstube abends mit Lampions zu erleuchten, zu singen und zu tanzen.“

Susens Tränen flossen reichlicher bei dem Gedanken an den prunkvollen Ehrensitz, um den sie sich durch ihren Leichtsinn gebracht hatte. Hans aber fuhr fort: „Außerdem wollten Christoph und Henner mit ihrem Kasperletheater ankommen und ein selbsterfundenes Stück vorspielen. Es heißt: „Wie die Fremdlinge die Kühe melken.“ Und das darf ich nicht vergessen, Ursel wollte sich eine ganze Marzipantorte von einem halben Meter Durchmesser abzwacken. Das ist nun alles Essig. -- Ich glaub’, sie wollen jetzt sogar der Mutter abschreiben, daß sie nicht kommt.“

„Die Mutter wollte kommen?“ rief Suse aufspringend. „Die Mutter? Seit wann wollte sie denn kommen? Seit wann? Sag’ Hans, seit wann? Gelt, das ist meine Überraschung von daheim?“

„Ach, ich dummer Papagei,“ rief Hans, sich mit beiden Händen an den Mund fassend. „Das ist mir jetzt herausgewitscht. Ich weiß nichts, ich weiß nichts. Ob sie kommt, ob sie nicht kommt, frag’ mich nicht.“

Suse erhob sich langsam, sammelte ihre Blumen vom Boden auf und ordnete sie zierlich. Köpfchen neben Köpfchen, und Stiel neben Stiel, und steckte sie, mit Tränen benetzt, in eine Vase.

Eigentlich waren die Anemonen für Frau Cimhuber bestimmt gewesen, aber wie hätte sie es unter diesen Umständen gewagt, der Pfarrfrau Blumen anzubieten.

Nach einer Weile schlich sich Hans in die Küche, um dort zu sehen, wie der Wind wehe. Aber schneller, als Suse gedacht, kehrte er wieder zurück und flüsterte: „Ursel sitzt noch immer, in Tränen gebadet, auf ihrem Stuhl und hat die Schachtel mit dem Brautkleid offen vor sich stehen.“

Susens Herz klopfte schuldbewußt. Und der Abend verlief in gedrückter Stimmung. Nur Hans fühlte, obwohl von Mitleid für Suse ergriffen, wie sich ein kleiner Freudefunken in seinem Herzen rührte, der immer lebhafter wurde, so daß er ihn schließlich herausspringen lassen mußte.

„Bin ein fahrender Gesell, kenne keine Sorgen,“ tönte es erst leise, dann immer lauter werdend von seinen Lippen, „labt mich heut der Felsenquell, tut es Rheinwein morgen...“

Morgen ging es ja fort von hier, fort, hinaus in die köstliche Freiheit, in die Berge, wo der frische Wind wehte. Mit Theobald und Peter und einigen andern Knaben hatte er eine Wanderung verabredet. --

Zwei Tage war ja keine Schule des Examens wegen. -- Seine Brust dehnte sich, und seine Augen leuchteten, und sein Gesicht rötete sich, und mit einemmal stieß er einen solch durchdringenden Jauchzer aus, daß Ursel und Frau Cimhuber in der Küche zusammenflogen.

Schnell erinnerte er sich aber wieder an die unheimlichen Nachtgespenster, die zurzeit im Cimhuberschen Haus umgingen, und er schwieg.

Behutsam holte er seinen Rucksack von der Wand herunter, schnürte ihn auf und packte alle möglichen Dinge ein, die er zur Wanderschaft brauchte: Strümpfe, Wäsche, Nähzeug, auch Brot in einen Beutel und Suppenwürfel. Dann nähte er sich die grüne Schnur, die von seinem Lodenhut abgerissen war, wieder kunstgerecht fest und erzählte Suse dabei allerlei von seinen Wanderplänen. -- Die erste Nacht gedachten Theobald, Peter und er in einem größeren Ort, Wildershausen, zu übernachten. -- Wie Suse sich vielleicht noch entsinne, meinte der Bruder, habe der Vater diesen Ort in seinem Brief ein- oder zweimal erwähnt, und zwar mit dem Vermerk, Hans solle das Städtchen auf seiner Wanderung doch einmal aufsuchen und ihm dann schreiben, wie es ihm gefallen habe. -- Weshalb der Vater das wissen wolle, sei ihm allerdings nicht klar. --

„Ach, könnt’ ich doch nur mit, ach, könnt’ ich doch nur mit,“ seufzte Suse.

„Sei nicht traurig,“ tröstete Hans, „Samstag abend komme ich ganz bestimmt wieder, und wenn Ursel uns nicht haben will, so wird dein Geburtstag eben bei Tante Hedi gefeiert. Ich werde schon dafür sorgen. Das Theaterstück bekommst du auf alle Fälle zu sehen. Es ist, um an den Wänden heraufzukrabbeln vor Lachen. Solche verrückten Dinge, wie drin vorkommen, hast du noch nie gesehen. Die Reden für das Kasperle hat Theobald gedichtet.“

Hier holte Hans seine nägelbeschlagenen Gebirgsschuhe aus dem Schrank hervor und beschloß, sie in die Küche zu tragen und dort einzufetten.

„Heute muß ich acht geben, daß ich keinen einzigen Spritzer Öl vorbeitröpfeln lasse,“ flüsterte er Suse zu, als er zur Türe hinausging, „sonst schlägt mir Ursel die Hasenpfoten um die Ohren, die ich ihr neulich eigenhändig zum Schuheinschmieren gestiftet habe.“

Etwas später suchte Suse Frau Cimhuber auf, um sie zu bitten, doch den dummen Brief zu entschuldigen und ein Wörtlein zu ihren Gunsten bei Ursel einzulegen. Aber die Pfarrfrau sagte streng: „Selbst im Spaß schreibt man keine solch’ dummen Verleumdungen, wie du es getan hast, Suse. Ich verstehe Ursels Empörung vollständig. Wenn sich zwei junge Mädchen weiter nichts zu schreiben haben als Narrheiten wie ihr, dann geben sie das Briefschreiben besser ganz auf.“

„Wir schreiben uns doch auch noch andere Sachen,“ entgegnete Suse kleinlaut.

„Herrliche Naturbeschreibungen stehen manchmal in unseren Briefen, und noch andere, viel, viel ernstere Dinge, von denen ich nicht reden darf, so ernst sind sie. Über manchen Brief von Karla hab’ ich schon geweint. Wir schreiben uns nämlich zurzeit gerade darüber, daß wir uns später einen Beruf erwählen wollen, in dem wir recht viel zum Glück der Menschheit beitragen. Ich habe in diesen Tagen auch schon an Herrn Edwin deshalb geschrieben.“

Aber Frau Cimhuber war nicht umzustimmen. Und Ursel verschloß ihr Gemüt erst recht.

Sie antwortete nicht. Sie seufzte nicht. Sie war ein Fels geworden. Sie deckte den Tisch auf wie eine Salzsäule. Sie deckte ihn wieder ab. Sie räusperte sich noch nicht einmal. Und das Brautkleid lag noch immer in der Küche und quälte Suse durch seinen Anblick. --

Am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe, als die andern noch schliefen, machte sich Hans dann auf die Wanderung.

Nun war Suse allein. Trübselige Tage folgten. Die Welt erschien ihr wie ein Grab. Kein Kuchen-, kein Schokoladeduft verkündete ihr, daß ein Umschwung zu ihren Gunsten eingetreten sei. Die Kuchenbleche blieben unangetastet an der Wand hängen, die Rosinen ruhten in ihrer Tüte, die Vanillestangen in ihrer Büchse. Es roch nach Negerstube, nach Schmierseife, nach den altbekannten Düften des Cimhuberschen Hauses, nach nichts anderem.

Endlich, endlich kam der Samstagabend heran, und mit ihm das Ende ihrer Qual, wie Suse hoffte. Heute mußte Hans ja wiederkommen. Er hatte es versprochen. Und vielleicht auch, vielleicht auch -- die Mutter. Ganz auszudenken wagte Suse diesen herrlichen Gedanken nicht. Als es aber Abend war, lief sie zum Zug, der aus ihrer Heimat kam, um die Mutter in Empfang zu nehmen. Doch umsonst.

Auch Hans kam nicht.

Den ganzen Abend wartete sie vergebens auf ihn. Es schlug zehn, es schlug elf, es ging auf Mitternacht. Er kam immer noch nicht. Müde und verängstigt suchte sie da ihr Bett auf. Erst spät fand sie den Schlaf.

Der erste Gedanke, der Suse am andern Morgen beim Erwachen durchfuhr, war der an ihren Geburtstag. Vierzehn Jahre war sie heute alt. Vierzehn Jahre! Es war ein Sonntag heute. Die strahlende Sonne lachte über die ganze Welt. Die Anemonen am Fenster hatten ihre Kelche weit geöffnet und fingen das helle Licht in ihrem kleinen Blütentellerchen auf.

Die Uhr sagte Suse, daß es schon sehr spät sei. Schon neun Uhr.

Nicht wie sonst hatte Ursel sie um sieben geweckt, damit sie zur Kirche gehe. Sie hatte sie schlafen lassen. Kein Laut regte sich im Haus. Totenstill war es, als wären Ursel und Frau Cimhuber gestorben. Auch Hans war nicht gekommen. Suse schlüpfte unter die Decke und machte die Augen zu. Am liebsten wäre sie in einen hundertjährigen Schlaf verfallen. Aber wie das anfangen.

Es blieb ihr nichts anderes übrig als aufzustehen, sich anzuziehen und Frau Cimhuber und Ursel, die aus der Kirche kamen, zu begrüßen und nachzusehen, wie der Wind heute wehe. -- Die Geburtstagswünsche fielen mager genug aus. Und als Suse heimlich den Tisch in der Negerstube betrachtete, auf dem sonst die Geschenke ausgebreitet lagen, sah sie, daß er leer war wie eine frischgemähte Wiese. Keine einzige Gabe schmückte ihn. Noch nicht einmal ein Brief aus der Heimat war zu sehen. Wüstenartig öde kam Suse die Welt vor. Auch kein Kuchen war in der Speisekammer zu entdecken, wohin Suse ihre Streifzüge ausdehnte. Und als sie ihre Pflegemutter schüchtern fragte, was aus ihrer Nachmittagseinladung werden solle, wurde ihr der betrübende Bescheid, daß diese unter den obwaltenden Umständen natürlich unterbleiben müsse. So fiel Suse denn die recht beschämende, peinliche Aufgabe zu, ihre sämtlichen Gäste wieder auszuladen.

Auf ihrer Morgenwanderung kam sie auch in das Haus von Onkel Sepp und Tante Hedi und fand hier die ganze Bewohnerschaft in großer Aufregung.

Theobald war genau wie Hans am gestrigen Abend nicht zurückgekehrt, und hatte auch kein Wort der Entschuldigung geschickt. Hingegen war ein Trupp ihm befreundeter Knaben, die auf einer Wanderschaft begriffen waren, aus einer entfernten Stadt eingetroffen, und jetzt wußte kein Mensch, was mit ihnen anfangen. Auch sonst hatte es noch allerlei gegeben, was die Gemüter in Aufruhr versetzte. Am Abend vorher hatte sich Liselotte, Theobalds älteste Schwester, verlobt, eine Gelegenheit, die Christoph und Henner dazu benutzt hatten, sich in ihrem vollsten Glanze zu zeigen.

Bei der Verabschiedung des Bräutigams von der Braut hatten sie durch das Treppenhaus einen bekleisterten Zeitungsausschnitt mit dem Aufruf: „Wasche dein Haupt mit Javol“ auf die Glatze ihres zukünftigen Schwagers fallen gelassen und saßen nun, eine harte Strafe verbüßend, eingesperrt in der Bodenkammer.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen Tante Hedi ihrer jungen Nichte Geburtstag ganz vergaß.

Das Doktorskind mußte darum betrübter, als sie gekommen war, von dannen gehen. Im Vorgarten des Hauses traf sie mit Liselottes Bräutigam, einem sehr feinen Herrn, zusammen, der mit höflicher Verbeugung zu ihr die Worte sprach: „Guten Morgen, gnädiges Fräulein, wie geht es Ihnen?“

Gnädiges Fräulein, wie achtungsvoll, wie angenehm das klang! -- Suse richtete sich an dem Gruße auf wie der erschöpfte Wanderer an einem Stab. Nach all den Niederlagen der letzten Tage war ihr diese Erfrischung zu gönnen.

Allein, als sie wieder zu Hause angekommen war, ging ihr Freudefünkchen jäh in der allgemeinen Begräbnisstimmung unter.

Von Hans war noch immer keine Nachricht gekommen. Und Frau Cimhuber und Ursel fingen an, sich zu ängstigen. Wie zwei aufgescheuchte Fledermäuse huschten sie durch das Haus.

Und nach Tisch zog sich jeder in seinen besonderen Unterschlupf zurück, Frau Cimhuber in die Negerstube, Ursel in die Küche, Suse in ihr Zimmer, um die Nachmittagsstunden nach Einsiedlerart, in sich gekehrt, zu verbringen. Aber die Trauergesellschaft hatte die Rechnung ohne den Wirt, in diesem Falle ohne Herrn Schnurr, gemacht.

Mit einemmal trat er lächelnd mit einem Blumenstrauß in der Hand durch die Tür der Negerstube und begehrte, Susens Wiegenfest in der geplanten Weise zu feiern, ohne Auslassung einer einzigen Programmnummer.

Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen bei seinem Anblick und quälten sich mit dem Gedanken an das Versäumnis, das sie begangen hatten.

Sie hatten ja ganz und gar vergessen, den Lehrer abzubestellen. Sie hatten ihm ja kein einziges Wörtlein von der verhängnisvollen Donnerstagkatastrophe verraten, durch die das Cimhubersche Haus sozusagen auf den Kopf gestellt war. Nichts wußte er. Unschuldig wie ein neugeborenes Kind stand er da. Treuherzig lächelte er Frau Cimhuber und Ursel an. Seine Seele war rein und durchsichtig wie ein Bergkristall. Kein Schatten trübte sie.

Und nun war es zu spät, ihn wegzuschicken. Das sagten sich die zwei Frauen, die ihn genau kannten und wohl wußten, daß er sich nicht mehr verdrängen lasse. Er war ja störrisch wie ein Maultier.

„Wo steckt denn der Hans?“ rief er. „Ich bin doch nicht für die Katz gekommen, wir haben doch nicht wochenlang im Schweiße unseres Angesichts gespielt und gesungen, daß wir uns heute stumm wie die Fische gratulieren.“

„Hans ist auf einer Wanderung,“ stotterte Suse.

„Noch besser,“ sagte Herr Schnurr, „geht der auf eine Wanderung, wenn ich hierher bestellt bin. Das ist so die Art der modernen Kinder. Rücksicht auf Eltern und Erzieher kennen sie nicht.“

„Hans hat Ihnen doch einen Brief geschrieben, eh’ er fortging,“ sagte Suse stotternd. „Ich selbst hab’s gesehen. Haben Sie ihn denn nicht bekommen? Mein Geburtstag darf nämlich nicht gefeiert werden, weil hier allerlei vorgefallen ist.“

„Brief -- Brief?“ fragte Herr Schnurr. „Ich hab’ keinen Brief bekommen. Na, ich kann’s mir schon denken, wo der hingekommen ist,“ sagte er mit einemmal. -- „Der ist mal wieder bei uns in den Papierkorb gewandert mit den Drucksachen. -- Das kommt öfters bei uns vor.“

„Ja, Susens Betragen war sehr ungehörig in den letzten Tagen,“ fiel hier die Pfarrfrau ein, „und deshalb haben wir von einer Feier ihres Geburtstages abgesehen.“

Herr Schnurr setzte sich auf einen Stuhl und erklärte kalt lächelnd, er sei jetzt da, und er bleibe auch da. Und die einstudierten Lieder würden trotz allem gesungen.

„Gelt, Ursel?“ wandte er sich vertrauensvoll an die erschrockene Magd. „Wir zwei singen zusammen. Wir zwei haben uns ja immer gut miteinander vertragen. Wir zwei werden jetzt unser Licht leuchten lassen.“

Ursel fuhr zusammen und wurde blaß bis an die Nasenspitze. Ihr Herz zitterte vor Zorn.

Aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als vor der Sünderin Suse zu singen. Wie Knödel steckten ihr die Töne im Hals, aber tapfer sang sie ein Lied nach dem andern, aus lauter Angst vor ihrem Peiniger.

Suse aber fühlte angesichts des fleißigen Vortrags eine tiefe, tiefe Beschämung über sich kommen, so daß ihr die Tränen in die Augen traten.

Dort stand die gute Ursel in ihrem Sonntagsstaat und sang voller Verzweiflung die schönsten Lieder.

Und hier saß sie wie eine Königin und ließ sich feiern und hatte es so wenig verdient.

Schließlich konnte sie nicht mehr zuhören und beschloß heimlich davon zu schleichen und die zwei allein weiter singen zu lassen.

Aber Herr Schnurr hatte erraten, was sie wollte, packte sie am Arm und drückte sie unerbittlich auf ihren Stuhl zurück.

„Innsbruck, ich muß dich lassen,“ klang es begeistert von seinen Lippen in Gemeinschaft mit Ursel.

Dann empfahl er sich.

Ein Alpdruck wich von den drei Frauen. Suse stürzte, einen verwirrten Dank stammelnd, an Ursel vorbei in ihr Zimmer und wollte keinen Menschen mehr sehen.

Allein nur wenige Minuten verstrichen nach Abbruch des Vortrags, dann öffnete sich die Tür ihres Stübchens, und Frau Cimhuber trat ein, um ein Paket auf den Tisch zu legen.

Es sei schon einige Tage da, aber in dem allgemeinen Aufruhr der letzten Woche vergessen worden, sagte sie entschuldigend.

Suse betrachtete das Paket mit freudigem Erröten und entdeckte, daß es von Christine sei. Zärtlich wie einen lieben Bekannten drückte sie das Geschenk an sich. Es war ihr erster Gruß aus der Heimat. Mit aufgeregten Fingern löste sie die Schnur der Schachtel und entnahm ihrem Innern ein buntbesticktes Seidentuch, ein Erbstück von Christines Großmutter, das sie oft bei ihrer alten Kinderfrau bewundert und um ihre Schultern gelegt hatte.

Sie erfreute sich auch heute wieder an dem Glanz der leuchtenden Rosen- und Veilchensträußchen, die in das lila Tuch gestickt waren, und spürte mit Entzücken den Duft getrockneter Kräuter, der aus Christines Kommode kam, wo Steinklee in Büscheln zwischen Hauben, Tüchern und den sonstigen Habseligkeiten der alten Frau lag. Leibhaftig sah Suse Christines friedliches Reich vor Augen, und es wurde ihr ganz sehnsüchtig zu Sinn. Zu unterst in der Schachtel entdeckte sie dann einen Brief, der von Rosel geschrieben, aber von Christine diktiert war.

„Mein liebes, liebes Kind,“ stand darin, „Du weißt, ich kann nicht schreiben. Ich hab’ es in der Schule nicht gelernt. Wir brauchten nicht in die Schule. Rosel schreibt diesen Brief für mich. Und sie soll Dir viel Glück wünschen und Gesundheit und ein langes Leben. Und das Seidentuch in der Lade will ich Dir schenken, weil Du es ja immer so gerne hast leiden mögen. Und ich weiß ja nicht, ob ich noch lange lebe. Und vielleicht, wenn ich einmal gestorben bin, gibt’s Dir keiner.

Und wenn ich auch schreiben gelernt hätte, so könnt’ ich doch jetzt nicht mehr schreiben, liebe Suse, denn ich bin blind geworden, ganz blind. Du kannst es auch Hans sagen. Schon Weihnachten, wie Ihr daheim gewesen seid, und wie Du mir unter dem Tannenbaum so schön vorgelesen hast, unter dem Tannenbaum hab’ ich’s gespürt. Ich kann Euch jetzt nicht mehr sehen, wenn Ihr heimkommt, aber ich kann Euch noch sprechen hören und Eure Hände in meine nehmen. Erst im Himmel, wenn wir wieder alle zusammen kommen, kann ich Euch anschauen und sehen, ob Ihr noch Eure lieben, guten Gesichter behalten habt.

Es ist mir immer schwärzer vor den Augen geworden, und zuletzt habe ich nur noch einen dicken Nebel gesehen, und jetzt ist es ganz dunkel um mich wie in der Nacht. Euer Vater sagt, mir ist nicht mehr zu helfen. Jetzt kann ich die schöne Welt nicht mehr sehen. Siebzig Jahre lang hat unser Herrgott sie mich sehen lassen und hat es immer so gut mit mir gemeint, und jetzt hat er mir die Augen zugemacht, und ich bin blind. Und jetzt sitz’ ich immer draußen in der Sonne auf der Treppe und rieche die Veilchen, die aus der Erde kommen, und höre die Vögel. Und ich weiß doch, wie alles aussieht. Resi führt mich an der Hand durch den Garten und den Weg ins Dorf hinauf, wenn ich zu Euern Eltern gehe. Ich weiß, daß Ihr bald fortziehen werdet, weit, weit fort, und nicht mehr wiederkommt. Eure Mutter hat’s mir gesagt. Ich weiß auch, dann sehen wir uns hier nicht mehr wieder. Ich weiß, daß ich nicht mehr lange leben werde. Der liebe Gott hat mir die Augen zugemacht, das ist ein Zeichen, daß ich zu ihm kommen soll. Aber ich kann ruhig sterben, denn jetzt ist alles gut. Für mein Kind sorgt der Herr Doktor und die Frau Doktor, und ich weiß, daß auch Ihr gut zu ihm sein werdet. Alle Leute hier sind traurig, weil Ihr fort wollt, und sie sagen, so ein guter Doktor kommt nicht wieder...“

Da konnte Suse vor Weinen nicht mehr weiter lesen. Christine war blind geworden, und die Eltern wollten von zu Hause fort. Das war zuviel des Traurigen auf einmal. Sie legte den Kopf auf das bunte Tuch und schluchzte zum Herzzerbrechen.

Ursel hörte sie draußen weinen. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, nach dem Grund ihres Schmerzes zu forschen. Eine merkwürdige Zeitungsnachricht, die sie im Sonntagsblatt gelesen, hatte sie erschreckt. --

Ein Brandunglück war dort vom Freitag abend aus einem Ort namens Wildershausen gemeldet. -- An verschiedenen Stellen sollte es gebrannt haben. Mehrere Scheunen sollten eingeäschert, und drei Knaben, die im Heu übernachtet hätten, schwer zu Schaden gekommen sein. Wildershausen -- Wildershausen, ging es Ursel durch den Sinn. Das war ja der Ort, in dem Hans am Freitag abend übernachten wollte. Ja, ja, so hieß der Ort. Er hatte ihn ihr genannt, als er beim Schuheinfetten am Donnerstag abend in der Küche neben ihr gesessen war und sie auf andere Gedanken zu bringen versucht hatte.

Und nun war er nicht heimgekommen. --

Ursel hatte sich schon den ganzen Morgen um ihn geängstigt. -- Am Ende... Ursel wurde es ganz schwarz vor den Augen..., die Knaben waren ja immer noch nicht da. Es ging auf fünf Uhr. Kein Mensch wußte, wo sie waren. Gestern abend hatte Hans bestimmt kommen wollen.

„Frau Pfarrer,“ rief da Ursel, „Frau Pfarrer, hieß der Ort nicht Wildershausen, in dem Hans übernachten wollte?“

„Ja, Wildershausen,“ sagte Frau Cimhuber.

„Sehen Sie,“ rief die alte Magd und reichte ihrer Herrin das Zeitungsblatt, „sehen Sie, da steht’s, Brand. Die Scheune brannte nieder. Zwei Knaben kamen ums Leben. Nein, zu Schaden,“ verbesserte sie.

„Hören Sie, das ist Wildershausen, und da wollte Hans die erste Nacht hin. Am Ende er wird doch nicht... es wird doch nicht... unser Hans... ich sag’s ja immer, das ist nichts mit diesen gräßlichen Wanderungen. Da erkälten sie sich, sie essen schlecht, und zuletzt fallen sie in die Flammen hinein. Das ist das Ende vom Lied. Haben sie es daheim nicht viel besser!“

Ursel begann nun um den Doktorssohn laut zu klagen. Er, den sie am Donnerstag abend noch einen unverschämten Bub genannt hatte, war mit einmal der liebe, gute, freundliche Hans, der ihr so oft das Geschirr abgetrocknet und das Feuer angemacht hatte, wenn ihre Hände vom Rheumatismus angeschwollen waren. Immer wieder hatte er ihr neue Mittel zur Heilung gebracht.

Noch einmal vertiefte sie sich in die Zeitungsnachricht und erklärte dann: „Er ist’s. Drei Knaben steht hier. Das ist Theobald und Hans und Peter. Die schlafen ja immer des Nachts in Kuhställen und auf Heuböden. Ich will jetzt mal hingehen und sehen, was mit Theobald los ist, ob der immer noch nicht da ist.“

Damit legte sie ihren Sonntagsstaat an, einen abgelegten Capothut von Frau Cimhuber und eine schwarze Pelerine, und machte sich auf den Weg zu Susens Verwandten. Leider verfehlte sie Toni um einige Minuten, die mit einer inhaltsreichen Depesche von Theobald in der Hand ihren Weg zu Frau Cimhubers Wohnung hinauf genommen hatte.

Während sich all dies in der Stadt zutrug, hatten Hans und Theobald ereignisreiche Tage verlebt.

Im Kreise einiger Freunde waren sie am Freitag morgen dem Gebirge zugefahren, hatten dort die Bahn verlassen und waren zur Höhe emporgestiegen, von wo sie eine Kammwanderung angetreten hatten.

Hans fühlte sich am Wandertage nach den beklemmenden, letzten Ereignissen im Cimhuberschen Haus so frei wie der Vogel in der Luft. Sein Hut hing am Rucksack. Der Wind spielte ihm frisch um die Stirn. Ein herber, stärkender Hauch wehte hier oben. Große landschaftliche Schönheit breitete sich vor seinen Augen aus. Von der Ebene her leuchteten die Dörfer und Ortschaften, von der Sonne beschienen, weiß herauf. Am Bergeshang tief unten lag ein zarter Schleier über den Wald gebreitet. Es war das erste Frühlingsgrün, duftig wie ein feiner Hauch. Hier oben, wo es nur niedere Tannen und verkrüppelte Buchen gab, merkte man noch nichts vom Blühen und Wachsen.