Hans und Suse in der Stadt

Part 14

Chapter 143,783 wordsPublic domain

Aber Christine sollte davon nichts wissen. Sie sollte leichten Herzens in ihre Heimat zurückkehren.

Sechstes Kapitel

Schluß

Es war im Winter vor Susens vierzehntem Geburtstag. Das Doktorskind war ein großes, schlankes Mädchen geworden, und ihr Haar, das Rosel einst mit soviel Geschick in zwei knochenharte, steif abstehende Zöpfchen verwandelt hatte, hing ihr jetzt als langer, loser Zopf über den Rücken. Heimlich freute sich Suse an dieser leuchtenden Haarpracht, aber im Kreise ihrer Freundinnen hütete sie sich wohl, ihre Eitelkeit durchblicken zu lassen.

Auch Hans war genau wie sie, lang und rank geworden, und seine Jackenärmel waren ihm immer gleich viel zu kurz.

Frau Cimhuber und Ursel waren nun genötigt, zu ihren Pfleglingen aufzublicken, nachdem sie noch vor zwei Jahren so erhaben auf sie herabgesehen hatten.

Der Pfarrfrau Urteil lautete im allgemeinen über der Kinder Charakter: „Gute, liebe Kinder.“

„Zu ausgelassen,“ setzte dann Ursel jedesmal hinzu, „zu ausgelassen. Am liebsten sprängen sie über Tisch und Stühle. Immer über Tisch und Stühle, vom Morgen bis zum Abend.“

Nun hatte ja allerdings niemand mehr, als gerade die alte Magd, unter der Ausgelassenheit der Kinder zu leiden. --

Wie oft geschah es, daß die zwei, als Antwort auf eine von Ursels Ermahnungen, die Predigerin ohne viel Federlesens auf ihre zum Sitz geschlungenen Hände setzten und mit ihr im Sturmschritt durch das Haus rannten! All ihr Schreien, all ihr Wehren nützte der alten Magd nichts. -- Sie mußte eben aushalten. -- In einer Redeschlacht zog Ursel erst recht den Kürzeren, namentlich der mundfertigen Suse gegenüber.

Wenn Ursel etwa anhub: „Zuviel Dummheiten macht ihr, zuviel Dummheiten. -- Ihr wart eben von jeher zu sehr verwöhnt. Schon im Wickelkissen ist es euch zu gut ergangen,“ fiel Suse lachend ein: „Im Wickelkissen hat’s jedermann gut. -- Ach, Ursel, wenn Sie jetzt mit einem Schlag im Wickelkissen drin säßen! Wie herzig müßte das aussehen!“

„Gräßlich dumm,“ ließ sich Ursel vernehmen. „Aus dir und Hans wird euer Lebtag nichts. Ihr habt eben zu viel Dummheiten im Kopf. Der Ernst fehlt euch. Ernst ist das Leben.“

„Aber, Ursel,“ rief Suse, „unser Vater sagt doch immer, lieber ein bißchen zu übermütig, als die Mundwinkel bis unters Kinn herunterhängen lassen. Ganz elend kann es einem werden bei mißvergnügten Menschen.“

„Hm, hm,“ sagte Ursel, „mir scheint, das hast du geträumt, so spricht ein ernster Mann nicht.“

„Doch, Ursel, so hat er gesprochen, und erst bei unserem letzten Besuch hat er gesagt, er ist sehr zufrieden mit uns. Hören Sie, Ursel, sehr, sehr zufrieden mit unserem Lernen.“

„Na, das fehlte auch noch, daß ihr nichts lerntet,“ brauste da Ursel auf, „bei dem vielen Schulgeld, das ihr bezahlt, und bei der guten Kost, die ihr hier bekommt, und bei der guten Aufsicht, und bei den Tausenden von Stunden, die ihr schon auf der Schulbank herumgesessen seid. -- Das fehlte auch noch, daß ihr da nichts lerntet.“

„Aber, Ursel, es gibt sogar recht viele Kinder, die trotzdem nichts lernen.“

„Was sagst du da?“ rief Ursel empört. „Was sagst du da? Wiederhol’s noch einmal, die lernen nichts, meinst du? Na, da sollte ich der Schuldirektor von euch sein,“ fuhr sie sich auf die Brust schlagend mit rollenden Augen fort. „Da würde ich euch an einem schönen Montag oder Dienstag alle miteinander auf die Straße jagen, und eure Schulsäcke würde ich obendrein hinter euch herwerfen.“

Suse lachte hell und zog sich dann schnell zurück, da die alte Magd Miene machte, einem rachesüchtigen Schuldirektor nachzueifern.

Frau Cimhuber sagte im ganzen wenig zu den Reibereien, die sich nicht selten zwischen der alten Magd und den Kindern abspielten. Sie wußte, sie vergingen schnell wieder, wie sie gekommen waren, und Sonnenschein folgte dem Gewitterregen. Dann kochte Ursel den Kindern ihre Leibgerichte und strich ihnen dicke Schichten Zwetschenmus auf ihr Brot. „Aha, die Zwetschenmushäfen sind geöffnet, es weht ein guter Wind,“ pflegte Suse bei dieser Gelegenheit auszurufen. --

In Ursels Gemüt hatte sich mit der Zeit auch ein heilsamer Umschwung zugunsten des Herrn Schnurr, Hansens Geigenlehrer, fühlbar gemacht.

Erst hatte sie nichts als finstern Haß gegen den fremden Eindringling verspürt, dann war ein gottergebenes Sichfügen in seine Besuche gekommen, hierauf ein vorurteilsloses Betrachten seiner Person, dann Nachsicht für sein Tun, Verständnis für seine Lehrweise, und ganz zuletzt das Keimen freundschaftlicher Gefühle.

Der Grund zu einer wirklichen Freundschaft zwischen ihr und Herrn Schnurr wurde aber gelegt, als dieser gemeinsam mit den Doktorskindern zu ihrem sechzigsten Geburtstag eine kleine Feier veranstaltete.

Am Nachmittag ihres Wiegenfestes, als die alte Magd ihre Arbeit in der Küche vollendet, ihre Werktagsschürze gegen die seidene Sonntagsschürze umgetauscht und ihr Haar noch glätter als sonst gestrichen hatte, wurde sie an Susens Arm in die Negerstube geführt, wo Hans mit seiner Geige wartete und Herr Schnurr mit verstruweltem Haar am Klavier saß, bereit, die Choräle, die er mit Hans zu Ursels Ehre eingeübt hatte, ertönen zu lassen.

Auf dem Tisch, über den ein blendend weißes, mit Tannenzweigen geschmücktes Tischtuch gebreitet war, lagen die Geschenke für die Sechzigjährige ausgebreitet: ein hohes, auf einem Sockel befestigtes Alabasterkreuz von Frau Cimhuber, eine Vase mit Immortellen, Ursels Lieblingsblumen, ein Geschenk von den Doktorskindern, eine schwarze Seidenschürze von der Mutter der beiden und das Bild einer Tänzerin, von Herrn Schnurr gestiftet.

Leider hatte er es mit dem richtigen verwechselt, dem Bilde Melanchtons, das seine Frau daheim los sein wollte.

Geistesabwesend, wie Herr Schnurr war, hatte er das erste beste Paketchen ergriffen und war damit davongegangen. Sein Irrtum störte aber die Feier nicht.

Ursel nahm, die Hände gefaltet, auf einem mit Tannengrün geschmückten Stuhl Platz und erwartete die Huldigungen. Auf ein Zeichen von Herrn Schnurr ergriff Hans die Geige, und unter Violin- und Klavierspiel erklangen die schönsten Choräle: „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“ -- „Was Gott tut, das ist wohlgetan.“ -- „Harre, meine Seele.“ -- „Befiehl du deine Wege.“ -- Und noch eine Menge andere Lieder.

Eine feierliche, erhebende Stille herrschte in der Negerstube. Ursel saß nickend und mit einem weltentrückten Ausdruck auf ihrem Stuhl, und vor ihrem Geist zogen all die schweren Jahre ihres Lebens vorüber, in denen sie nur Mühe Und Arbeit gehabt und sich zufrieden gefühlt, wenn sie am Sonntag mit einer schwarzen Schürze vor dem Tisch in der Küche hatte sitzen können, das Gesangbuch offen vor sich und in den Liedern Kraft findend. -- Die Tränen liefen ihr in den Schoß.

Auf ihren besonderen Wunsch spielten die beiden Musikanten zum Schluß noch ihr Lieblingslied: „Wenn ich einmal soll scheiden.“ -- Man hätte meinen können, Ursel selbst werde zu Grabe getragen, so ernst und dumpf klang die Weise. Sogar Suse konnte die Tränen nicht zurückhalten, was Ursel nicht ohne Genugtuung bemerkte. --

Seit jenem Tage nun konnte die alte Magd Herrn Schnurr nicht mehr die Tür öffnen, ohne an ihre schöne Geburtstagsfeier zu denken.

„Ja, damals haben Sie sehr schön gespielt,“ sagte sie öfters zu ihm, und nickte lebhaft, „oh, so schön.“

„Ja, das macht die Kunst,“ erwiderte Herr Schnurr, indem er den Zeigefinger so steil nach oben hob, daß Ursel seiner Richtung folgte.

„Die Kunst, die hebt uns nach oben.“

Ursel nickte beifällig.

Allerdings, die Kunst in der Negerstube, die sich in wilden Sprüngen, in einem Trommeln auf Tisch und Stühlen anzeigte, die behagte ihr noch immer nicht.

Deshalb konnte sie trotz ihres Wohlwollens für den Lehrer es nicht unterlassen, ihr Ohr an die Tür der Negerstube zu legen, wenn er drin sein Wesen trieb. Und das war schlimm, erfuhr sie auf diese Weise doch allerlei, was im Grunde nicht für sie bestimmt war. -- Herr Schnurr, der sich in der ersten Zeit seines Amtsantrittes Hans gegenüber als finsterer und gestrenger Lehrer gezeigt, hatte mit der Zeit geruht, den Knaben zum Freunde zu erwählen. Es war ein merkwürdiges Verhältnis. Herr Schnurr erzählte, und Hans hörte mit offenem Mund und offenen Augen zu.

Da kamen Bekenntnisse aus des Lehrers schweren Wanderjahren, als er in einer größeren Musiktruppe von Ort zu Ort gezogen war. Viel Lug und Trug habe er gesehen, aber ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch sei er doch immer geblieben, erwähnte er stets aufs neue. -- „Rechtschaffen müsse der Mensch sein, vor allen Dingen rechtschaffen...“ Auch seine häuslichen Sorgen enthielt der Lehrer dem Schüler nicht vor, und dem fuhr kein übler Schreck in die Glieder, als er seinen Geigenmeister eines Tages in jämmerlichen Tönen von mißratenem Essen erzählen hörte, das ihm täglich vorgesetzt werde, von unordentlichen Stuben, in denen er sich herumtreiben müsse, und in die er Samstags mit Galoschen an den Füßen und einem Besen und Eimer in der Hand eindringe, um eine rauschende Sintflut darüber niedergehen zu lassen. Immer beklommener wurde es Hans bei diesem Geständnis, und schließlich, als er Herrn Schnurr Trost zusprechen wollte, stotterte er verlegen: „Herr Schnurr, können Sie sich nicht eine Magd nehmen, wie Ursel, oder unser Rosel daheim, wenn Ihre Frau Gemahlin die Haushaltung nicht versteht.“

„Eine Magd!“

Etwas Dümmeres hätte Hans nicht sagen können.

„Was soll ich nehmen?“ rief Herr Schnurr und machte einen Sprung rückwärts vor Entrüstung.

Hans hätte vor Schreck fast die Geige hingeworfen.

„Was soll ich nehmen, eine Magd? Was soll denn die essen, wenn wir selbst am Hungertuch nagen? Oh, du einfältiger Gockel, komm jetzt her und spiele deine Tonleiter, das ist besser, als deine Weisheitssprüche Salomonis da herunterzulispeln, unpraktischer Held.“

Und Hans tat, wie ihm gesagt worden war, und atmete dreimal tief auf, als er den tüchtigen Lehrer wieder sein Handwerkszeug ergreifen und in gemäßigte Bahnen zurückkehren sah.

Ursel aber, die Herrn Schnurrs Beichte mit angehört hatte, überlegte, ob sie sich nicht augenblicks in die Negerstube zwängen und dem Lehrer eine gesalzene Botschaft an seine pflichtvergessene Gattin daheim mitgeben solle.

„Lieber nicht,“ sagte sie sich aber voll Klugheit.

Indes sein häusliches Elend ließ ihr keine Ruh, und viel, viel später, Anfang des Frühjahrs, da mischte sie sich endlich doch einmal in seine Verhältnisse. Allerdings geschah es auf eine recht barmherzige und christliche Weise.

„Bringen Sie mir mal Ihre Strümpfe mit, Herr Schnurr,“ sagte sie, als sie ihn über sein zerrissenes Zeug klagen hörte. „Ihre Frau stopft sie ja doch nicht. Für mich ist das eine Kleinigkeit, und aus Dankbarkeit tu ich’s gern.“

Suse, die zufällig hinhorchte, war erstaunt. Sie lachte belustigt. Ursel und Herr Schnurr gut Freund! Das war ein Spaß.

Rasch entschloß sie sich, es ihrer Vertrauten, der schwarzen Carla mitzuteilen, die mit der Zeit ihre beste Freundin geworden war. Da die Herzensgenossin, die häufig leidend war, augenblicklich zur Pflege ihrer Gesundheit im Süden weilte, schrieb ihr Suse die längsten Briefe. Carla mußte von all den bunten Ereignissen im Cimhuberschen Haus unterrichtet werden. Leichtsinnig und unüberlegt pflegte Suse drauf los zu plaudern, und genau wie beim Reden, was immer ihr durch den Kopf schoß, sofort auszusprechen. So schrieb sie denn an dem Brief, an dem sie gerade angefangen hatte, weiter.

„Du erkundigst Dich nach Theobald, liebe Karla, er ist lange nicht mehr derselbe gräßliche Geck wie früher, obwohl er noch immer große Volksreden hält. Onkel Fritzens Heirat war sein Glück. Sein Vater meinte es auch. Er findet, Onkel Fritz hat seinem Sohn nur lauter Raupen in den Kopf gesetzt.

Nun frägst Du auch nach Ursel und Herrn Schnurr. Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft, ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß. Wie die Verlobten sind sie. Wie Braut und Bräutigam. Denke Dir, Ursel will sogar dem Herrn Schnurr die Strümpfe stopfen! Jedesmal, wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen. Und immer horcht sie an der Negerstube, wenn drin seine süße Stimme erschallt, damit sie jedes Wörtlein von ihm aufschnappt.“

Und dieser Brief voll leichtsinniger, loser Redensarten sollte die schlimmsten Folgen haben.

Es fügte sich nämlich, daß Suse während des schriftlichen Ausbruches ihrer buntschillernden Geistesraketen von ihrer Freundin Grete überrascht und zu einem Spaziergang abgeholt wurde.

Kurz entschlossen packte die Schreiberin den unvollendeten Brief nebst ihrem Tagebuch in das Bett, das neben ihrem Tisch stand, da jenes ihr heute als sehr gutes Versteck erschien, alldieweil Hans den Kommodenschlüssel mitgenommen hatte und sie nicht an den eigentlichen Aufbewahrungsort ihrer Schreibsachen -- die Kommodenschublade -- gelangen konnte.

Frohgemut nahm sie hierauf von Frau Cimhuber und Ursel Abschied und ging von dannen.

„Bleib nicht zu lange,“ rief Ursel ihr nach, „du weißt, wir haben große Wäsche, und du sollst mir helfen.“

„In anderthalb Stunden bin ich wieder da,“ tönte es zurück.

Klar wie der Himmel, der sich hoch über ihr wölbte, war es Suse zu Sinn, und munter schritt sie fürbaß.

Daheim ging inzwischen Ursel ihrer Beschäftigung nach und brummte allerlei mißmutige Worte vor sich hin. Die Arbeit häufte sich für sie. Je weiter die Zeit vorschritt, um so mürrischer wurde sie deshalb.

Sonntag war Susens Geburtstag, den sie eingedenk des eigenen genossenen Festtages recht schön gestaltet wissen wollte. Aber die Vorbereitungen gingen nicht von der Stelle. Die Tannenzweige zum Ausschmücken von Susens Stube lagen noch immer im Gang. -- Suse blieb auch lang über die Zeit weg und dachte nicht an ihre Arbeit. Dabei sollte sie im ganzen Haus die Bettbezüge abnehmen, die Kissen mit neuen Leinen bekleiden und die schmutzige Wäsche Ursel an das Waschfaß bringen. -- Indessen, das flatterhafte Doktorskind hielt es für besser, im lichten Frühlingswäldchen vor der Stadt spazieren zu gehen.

Als nahezu drei Stunden seit ihrem Fortgang verstrichen waren und noch keine Spur von ihr zu entdecken war, machte sich Ursel selbst an die Arbeit, die sie dem jungen Mädchen zugedacht hatte. Schlürfenden Schrittes ging sie von einem Bett zum andern und nahm die Bezüge ab. So kam sie schließlich auch an Susens Lagerstatt, in der, verhängnisvoll wie ein Geschenk aus der Büchse der Pandora, der leichtsinnige Brief schlummerte. Seufzend trat sie an das Bett. Jetzt breitete sie ihre mageren Arme aus, um das Deckbett zu heben. -- Hätte sich in diesem Augenblick die Tür geöffnet und Suse sich gezeigt, so wäre alles noch zu retten gewesen. -- Aber die Übeltäterin war ja weit. Zorniger als bei den ersten Betten zog Ursel an Susens Leinenbezug, schleuderte ihn in die Höhe und riß ihn zu sich heran in die Stube. Polternd fiel etwas Schweres hinterher. Ursel bückte sich und hob ein Buch und einen Brief auf.

„Unordnung, Unordnung,“ murmelte sie. „Wozu ist denn die Kommode da? Aber das wird alles hingestopft, wo es gerade hingeht.“

Vielleicht hätte nun die alte Magd den Brief ungelesen zur Seite gelegt, wenn nicht auf dem ersten Blatt, nahe seinem untern Rande ein großer Tintenklecks gewesen wäre, der ihre Blicke auf sich gezogen hätte. Ganz mechanisch griff sie danach und prüfte, ob er auch trocken sei. Und da legte sie ihren Finger mitten auf ihren eigenen Namen. Ursel stand dort, dick und groß geschrieben. -- „Ursel.“ -- Sie sah näher hin. Ja, es hieß Ursel. Sie hielt den Brief dichter vor ihre Augen. Wahrhaftig, es war ihr Name. Ursel, Ursel stand dort.

Und nun begann sie zu lesen, und ihr Gesicht wurde immer länger. Sie glaubte schließlich, sie sei nicht mehr recht bei Verstand.

„Du erkundigst dich nach Ursel und Herrn Schnurr,“ stand dort. „Zwischen diesen besteht jetzt eine innige, minnige, sich stets vervollkommnende Freundschaft..., ein unaustilgbarer Herzensbund. Nächstens geben sie sich einen Kuß... Wie die Verlobten sind sie, wie Braut und Bräutigam.“ Ursel konnte nicht mehr weiter lesen. Träumte sie denn, ging denn die Welt unter?

Nein, nein, da stand klar und deutlich, „nächstens geben sie sich einen Kuß, wie die Verlobten sind sie. Wenn er erscheint, lächelt sie ihn an, süß wie ein Honighafen.“

Das war zuviel. Stöhnend sank Ursel auf Susens Bett.

Das war die Schändlichkeit in ihrer höchsten Vollendung! Das war der Gipfel der Erbsünde! Das war schlecht, schlecht, erbärmlich! Das war höllisches Gift!

Ursel faßte sich an den Kopf.

In diesem Augenblick klingelte es, und die alte Frau, in dem Wahne, Suse komme, sprang mit Brief und Buch in die Höhe auf den Flur und öffnete die Tür, um die Sünderin zu packen und zu richten.

Der Einlaß Begehrende, der draußen stand, war aber nicht Suse, sondern der unschuldige Knabe Hans, der einen großen Sprung rückwärts tat, als er Ursels zornfunkelndes Gesicht vor sich sah.

„Heilige Maria und Joseph, was ist denn los!“ rief er. „Sie blasen mich ja um, Ursel, Sie blasen mich um.“

„Soll ich vielleicht noch nicht mal mehr blasen?“ schrie Ursel. „Unverschämter Bub! Hinter die Ohren will ich dir eins geben! Was los ist, willst du wissen? Hier, hier steht, was deine saubere Schwester von mir geschrieben hat. ‚Wie Braut und Bräutigam sind sie, wie die Verlobten küssen sie sich, sie stopft Herrn Schnurr seine Strümpfe, sie lächelt ihn wie ein Honighafen an.‘ -- Willst du’s hören, willst du’s hören?“ Und die alte Magd drückte ihm das Tagebuch mitsamt dem Brief so fest gegen das Gesicht, daß er kaum imstande war, zu atmen, geschweige denn ein Wörtlein zu piepsen.

Nur ein eiskalter Schreck schoß ihm durchs Gebein. -- Er wußte, nun war Susens Geburtstag verdorben.

„Wo, wo, wo haben Sie denn das gefunden?“ stotterte er.

„Wo, wo, wo! Ei, da, wo’s lag. Und jetzt kommt’s in den Herd.“

Und mit diesen erregten Worten eilte die alte Magd an Hans und Frau Cimhuber vorüber, die seit dem ersten Entsetzensschrei ihrer alten Dienerin bestürzt herbeigekommen und nicht mehr gewichen, sondern händeringend gefolgt war.

Ursel nahm ihren Weg in die Küche. Dort riß sie die eisernen Herdringe zur Seite, und mit einem Schwung lagen Brief und Tagebuch im Feuer.

„Halt, halt,“ rief Hans, „halt, halt,“ faßte in die Glut und zog das versengte Tagebuch wieder heraus.

Nun stürzte die alte Magd auf den Knaben zu, um ihm den Schatz zu entreißen, und eine tolle Jagd um den Tisch herum hub an. Ursel sprang hinter Hans her wie der Hund hinter dem Wild. Jetzt hatte sie ihn beinahe gepackt, da war er um die Tischecke herum, und sie schoß geradeaus gegen die Tür.

Dann war sie wieder hinter ihm und riß im Laufen einen irdenen Topf vom Tisch herunter, der polternd auf den Boden stürzte. Da brach Hans in lautes Lachen aus, so lustig fand er das Spiel.

Hierauf ging Ursel stumm hinaus.

Aber es währte nicht lange, Hans stand noch immer auf derselben Stelle wie vorhin und schnappte nach Luft, da öffnete sich die Tür wieder, und Ursel kam zum Vorschein und trug eine große Pappschachtel schweigend vor sich her.

„Sie will fort,“ durchschoß es Hansens verängstigtes Gemüt. -- „Jetzt packt sie.“

Aber vor seinen erstaunten Augen löste die alte Magd die Schnüre der Schachtel und entnahm ihr ein schwarzes Kaschmirkleid, einen Orangeblütenkranz und einen Schleier, indem sie mit Tränen im Auge sagte: „Da ist mein Brautkleid und mein Schleier und mein Kranz, und bei Königgrätz ist mein Bräutigam gefallen. Und mein ganzes Leben lang bin ich ihm treu geblieben. Und hier ist seine Photographie. Und nun muß ich auf meine alten Tage soviel Schande erleben.“

Hans wurde es ganz schwarz vor den Augen bei dieser Beichte und so beklommen und elend zu Sinn, als habe er selbst auf Ursels Bräutigam die Todeskugel abgefeuert. Was sollte er nur sagen! Was sollte er nur sagen!

„Aber Ursel, das ist ja doch nicht Susens Ernst, das ist doch Spaß,“ stotterte er schließlich.

Noch hatte er seine Worte nicht ausgesprochen, da klingelte es wiederum, und allen dreien fuhr es wie ein Schlag durch den Sinn, daß jetzt Herr Schnurr zur Stunde komme.

„Er bleibt draußen,“ rief Ursel mit halberstickter Stimme. „Ich will ihn nicht sehen. Er soll mir nicht mehr vor die Augen kommen.“

Frau Cimhuber war so verwirrt von den Ereignissen der letzten Viertelstunde, daß sie nicht mehr recht wußte, was sie tat und selbst zur Türe ging, um Herrn Schnurr abzuweisen und zwar mit einer Lüge, der ersten, die sie seit Jahren über die Lippen brachte. Aber die Sorge um Ursel machte selbst ihre Grundsätze wankend.

„Hans ist krank,“ sagte sie leise.

Kaum hatte der Lehrer das Wort „krank“ vernommen, so bestand er erst recht darauf, seinen Schüler zu sehen und trat, Frau Cimhuber sanft auf die Seite schiebend, in den Gang. Als er an der Küchentür vorüberging, erspähte er Ursel, die dort vor ihrem Brautstaat tränenden Auges stand. Den Finger schalkhaft erhebend, meinte er: „Na, na, Ursel. -- Sie werden doch nicht. -- Ein schwerer Schritt das Heiraten! Da heißt’s überlegen.“

Hier fielen seine Blicke auf Hans, der wie ein verschämter Bräutigam errötend hinter Ursel stand. Und kurz entschlossen nahm er ihn am Arm und führte ihn mit sich fort.

Nach Herrn Schnurrs wilden Ausrufen und dem Schall seiner Schritte, die aus der Negerstube drangen, konnte man erkennen, wie eifrig er bei der Sache war. --

Der temperamentvolle Lehrer war schon längst wieder von dannen gezogen, da kam endlich die Ausreißerin Suse nach Hause.

Wie ein gezackter Gebirgsstock, über dem ein schwarzes Wetter steht, kam ihr Ursels Gesicht bei der Begrüßung vor. Und in dem Glauben, die Ursache von soviel finsterem Groll zu kennen, begann sie schmeichelnd: „Bitte, bitte, liebe Ursel, entschuldigen Sie, daß ich so lange fort war, seien Sie mir, bitte, nicht böse. Ich werde ihnen jetzt mit neuen Kräften helfen wie eine Scheuerfrau. Es ging einfach nicht, daß ich früher kam. Wir haben eine unserer Lehrerinnen getroffen, die wir so gerne haben, und sie nahm uns mit in den Wald und zeigte uns Plätze, wo schöne Anemonen stehen, herrlich! Ursel, es ist so herrlich, in das Pflanzenleben einzudringen, dies Wachsen und Blühen und Gedeihen. Überhaupt das ganze Pflanzenleben. Wie schön ist doch die Natur!“

Ursel verzog keine Miene.

Suse schwärmte weiter: „Sehen Sie, ich habe Frau Cimhuber einen ganzen Arm voll Blumen mitgebracht. Wie ein Frühlingsgarten wird’s bei uns sein. Ursel, der Vorfrühling ist gekommen. Man spürt’s. Und der Kuckuck ruft. -- Und der Waldesduft, und das Moos...“

Ursel blieb stumm wie das Grab. Eine dicke Hornhaut schien sich über ihr Gemüt gelegt zu haben; über die eindruckslos wie Zephyrfächeln über Felsgestein Susens Schmeichelworte hinstrichen.

Da beschloß das Doktorskind, die alte Magd nicht mehr durch Worte, sondern durch Taten zu versöhnen, und sie ging von dannen, um sich eine große Schürze vorzubinden und Arbeit zu suchen.

Zu ihrem Erstaunen erwiderte aber auch Frau Cimhuber, die eben in die Küche trat, ihren Gruß nur mit knappem Dank.

„Wie auf einem Geisterschiff,“ murmelte das Doktorskind leise vor sich hin, als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete.

„Komm nur herein, komm nur herein!“ tönte es ihr dort aus dem Hintergrund entgegen. „Was Gutes hast du angerichtet! Was Sauberes! Einen feinen Salat, den wir jetzt zusammen ausgrasen können!“

Und in die Stube tretend, sah sie ihren Bruder auf Zehenspitzen umherlaufen, während er den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatte und beschwichtigende Bewegungen machte.

„Es hat zwölf geschlagen, es hat zwölf geschlagen,“ rief er. „So was haben wir noch nie erlebt, noch nie.“

„Was ist denn los?“ fragte Suse. „Was ist geschehen? Was läufst du denn so närrisch da herum?“

„Schau,“ sagte Hans und deutete mit ausgestreckter Hand auf Susens Bett, „guck, dann weißt du alles.“

Suse folgte mit ihren Augen der Richtung seines Fingers, stieß dann einen lauten Schreckensruf aus und ließ sämtliche Anemonen zu Boden fallen, so daß sie mit verwirrten Köpfchen und Stielen dort lagen, wie vom Sturmwind zerwühlt.