Part 13
Mitten in diesen Betrachtungen fuhr sie zusammen. Ein Windstoß hatte das weiße Tuch, das über ihren Korb gebreitet war, aufgehoben und trieb es in die Sträucher hinter ihr. Ein Heidelbeerkuchen, den sie den Kindern mitgebracht hatte, wurde im Korbe sichtbar.
Die alte Frau erhob sich umständlich, legte ihren Schirm vorsichtig neben sich und sah sich nach ihrem Tuche um. In diesem Augenblick ertönte ein Jubelschrei, und von dem Wege her, der in einiger Entfernung von der Bank vorüberführte, kamen zwei Knaben auf sie zugerannt. Es waren Hans und Theobald. Zufällig hatten die beiden Vettern ihren Heimweg aus der Schule durch die Anlagen genommen und trafen jetzt unerwartet auf Christine. Beide gerieten in große Freude. Hans sagte in einemfort, Christines Hand drückend: „Wo kommst du her, wo kommst du her? Oh, wenn Suse wüßte, daß ich dich zuerst getroffen habe, wie würde die sich ärgern!“
Theobald aber schlang seinen Arm um das alte Mütterchen und deklamierte in seiner närrischen Art: „Habe ich dich endlich wieder gefunden? Ruhe an meinem Herzen, mein süßer Schatz.
Zu jener Zeit, wie liebt ich dich, mein Leben...
Wissen Sie noch, in jener Zeit, Christine, als Sie mich im Bett versteckt haben, weil der Schmied mit dem Dreschflegel vor der Tür stand und mich versohlen wollte, weil ich seinem jüngsten Flachskopf auf den Kopf gespien hatte?“
Die alte Frau hatte sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholt. -- Hier war Hans, und da war Theobald, die beiden Knaben, und einer freute sich noch mehr als der andere. -- War es denn kein Traum? -- Merkten sie denn nicht, daß immerzu fremde Leute vorübergingen und zusahen, wie sie eine arme, alte Frau voll Liebe begrüßten. Die Knaben sahen es wohl, aber sie machten sich nichts daraus.
Da breitete sich langsam über Christines Gesicht ein glückliches Lächeln, und sie drückte Hans dankbar die Hand.
„Sie müssen natürlich bei uns zu Mittag essen,“ fiel Theobald hier ein, „meine Mutter hat schon immer gesagt: ‚Wenn Christine kommt, ladet sie ein.‘ Was wollen Sie auch bei der Cimberklinkerin und der Ursel? Ich sage Ihnen, das unzutunlichste Geschöpf meines Lebens. Die rechnet ja doch gleich nach, wieviel Margarine und sonstigen Tutti Frutti sie in die Pfanne tun muß, wenn Sie mitessen!“
Und mit diesen Worten hatte der Stadtvetter auch schon den Schirm der alten Frau ergriffen und Hans ihren Korb übergeben. Dann machte sich das seltsame Kleeblatt auf den Weg nach Hause.
„Eins, zwei, drei,“ kommandierte plötzlich Theobald, und die Knaben gingen in einen Polkaschritt über.
„Laßt doch, laßt doch,“ wehrte Christine, „das darf man ja nicht hier.“
„Was darf man nicht?“ rief Theobald, „alles darf man, was man will. -- Wenn sich einer untersteht und seinen Mund auftut, so spieße ich ihm Ihren Paraplü mitten durch den Leib.“
Und nachdem der Stadtvetter also großspurig geredet hatte, wurde er wieder liebenswürdig und erkundigte sich nach allem aus Christines Heimatsort, nach ihrem Häuschen und ihrer Ziege, nach ihren Kartoffeln und Bohnen, selbst nach dem Reiserbesen, den er ihr in den letzten Ferien gebunden hatte. Und zuletzt steuerte er mit seinen Begleitern auf ein schmuckes Haus in einem großen Garten zu, indem er erklärte: „Nun wollen wir gemeinsam in unsern Wigwam einfallen.“
Damit öffnete er weit und einladend die Tür seines Vaterhauses...
Was war inzwischen aus Suse geworden? -- An der Seite der schwarzen Karla war sie in entgegengesetzter Richtung davongegangen wie Christine, beherrscht von dem Gefühl des Triumphes, den sie errungen hatte. -- Wie in einem Taumel war sie zuerst befangen. Sie war die Königin der Klasse geworden, umworben von dem einflußreichsten Mädchen unter ihren Mitschülerinnen. Und an ihrer Seite redete jenes schöne Mädchen nun lauter angenehme Dinge, die ihr kleines, eitles Herz erfreuten. -- Sie beide gehörten zusammen, meinte Karla. Sie seien ja die begabtesten Kinder der Klasse. Suse müsse sie recht oft besuchen, ihre Eltern hätten schon häufig darum gebeten. Was für schöne Stunden würden sie gemeinsam verbringen!
Doch je weiter sie sich von der Schule entfernten, je weniger achtete das Doktorskind auf der Freundin schmeichlerische Reden. Scheu blickte sie sich einmal um und sah Christine ganz in der Ferne davongehen. --
Da wurde des kleinen Mädchens Gang zögernder, ihre Antworten unsicherer, ihr ganzes Wesen unruhig. Sie zog ihren Arm unter dem ihrer Freundin hervor und blieb unschlüssig stehen.
„Was hast du, Suse?“ fragte ihre Freundin.
Das Doktorskind antwortete nicht und ging langsam mit ihr weiter. -- Sie sah jetzt immer Christines erschreckte Augen hilflos auf sich gerichtet, und langsam wurde ihr klar, was sie eigentlich getan hatte. Mit verstörtem Gesicht sah sie sich abermals um. Da sah sie ihre Freundin Gretel, die sich in der Schule etwas verspätet hatte, des Weges kommen.
Und das kleine Mädchen erzählte ganz aufgeregt von einem armseligen, altmodisch gekleideten Mütterchen, das vor der Schule gestanden sei und so verirrt und traurig ausgesehen habe, daß es sie gedauert habe.
„Sicher ist sie vom Lande,“ meinte Gretel, „und wußte nicht wohin. Ach, wie tat sie mir leid. Sie sah so ängstlich um sich. Am liebsten hätte ich sie mitgenommen.“
Schon gleich bei den ersten Worten ihrer Freundin war Suse zusammengefahren.
Nun gab es kein Halten mehr für sie.
„Das war Christine,“ rief sie, „Christine, von der ich dir schon so viel erzählt habe, Gretel. Aus meinem Heimatsort. Hansens und meine alte Kinderfrau. Sie ist gekommen und will uns besuchen, Hans und mich. Sie hat uns so lieb und ist so gut zu uns, und ich hab’ sie verleugnet. Ach, wenn sie jetzt fort ist, ist alles aus.“
Und vor den erstaunten Augen ihrer Freundin riß sie sich los und flog davon zur Schule zurück. Aber als sie dort ankam, war weit und breit niemand mehr zu sehen. Da irrte sie weiter durch die Straßen und Gassen, in denen sich die heiße Glut des Mittags fing, und suchte nach der alten Frau. Umsonst. Auch im Hause von Frau Cimhuber, wo sie nach ihr forschte, war sie nicht gesehen worden. So bestand denn nur noch die Möglichkeit, daß sie mit dem nächsten Zug in die Heimat gefahren sei. Aber auch vom Bahnhof mußte Suse unverrichteter Sache wieder umkehren. Erschöpft kam sie daheim an. Ein freundlicher Empfang ward ihr hier nicht zuteil. Denn als sie ängstlich durch die Küchentür spähte, sah sie von Ursels Scheuerwasser Spritzer und Strahlen aufsteigen, wie von spielenden Delphinen, und ihr entgegen klang es zornig: „Zweimal ist schon nach dir gefragt worden. Christine und Hans sind bei deiner Tante Hedi und essen zu Mittag. Jeder ist schon in Angst um dich. Frau Cimhuber hat schon ihre Migräne.“
Da machte Suse, so schnell sie konnte, die Tür hinter sich zu und lief in ihr Zimmer. Dort schloß sie sich ein und weinte. Christine war da, Christine war gefunden. Kein Mensch hatte ihr ein Leid zufügen dürfen. Kein Weg hatte sie irre geleitet. Sie war in Gottes Hand gewesen.
Noch saß Suse stumm da, die Hände wie im Gebet gefaltet, da hörte sie Besuch kommen. Sie horchte hin und hörte Hans reden und noch eine andere liebe Stimme. -- Christine war gekommen. --
Im nächsten Augenblick rüttelte Hans auch schon an ihrer Tür und rief: „Mach auf, mach auf, wir sind draußen.“
Und als sie öffnete, stürmte er über die Schwelle, Christine mit sich ziehend, und rief mit blitzenden Augen: „Hier, hier, sieh, wen ich hier habe, ich habe sie gefunden. -- Was sagst du nun, was sagst du nun?“
„Was ich sage,“ tönte da ungefragt eine Stimme aus der Küche, wo Ursel herumwirtschaftete. -- „Was ich sage, in einer Minute kommt Herr Schnurr. -- Kein Pult ist zurecht gerückt, kein Geigenkasten steht am Platz, kein Bogen ist eingerieben! Soll ich’s vielleicht besorgen?“
Diese Nachfrage fuhr Hans derartig in die Glieder, daß er auf der Stelle zurückflog, in die Negerstube eilte, dort rückte und schob und in den Gang zurückkehrte, wo er sich bürstete und glättete, und gleich darauf mit höflicher Miene den Lehrer empfing.
Christine aber stand auf der Türschwelle mit ihrem Korb und Schirm in der Hand und wagte nicht einzutreten.
„Christine komm, Christine komm,“ sagte Suse und zog sie an der Hand herein.
Und mitten in der Stube blieb sie plötzlich stehen, drückte beide Handrücken vor die Augen, wie sie oft als Kind getan, und begann bitterlich zu weinen. Da nahm die alte Frau ihr die Hände vom Gesicht weg, zog sie fest an ihre Brust und hielt sie dort verborgen.
„Weine nur nicht,“ tröstete sie, „der liebe Herrgott weiß alles, und er macht alles, alles gut. Sei still Suse. Sei jetzt nur ganz still, Kind. -- Ich habe euch auch Heidelbeerkuchen mitgebracht. -- Sieh her! Es sind nicht mehr viele Beeren darauf, du weißt ja, ich kann nicht mehr so weit gehen und sie suchen. Ich bin eine alte Frau. -- Ganz nahe am Fuchskopf, wo ich sie sonst immer geholt habe, finde ich jetzt keine mehr. Die Kinder holen sie alle weg. -- Aber er hat euch ja immer am besten geschmeckt, der Heidelbeerkuchen. -- Glaubst du, du magst ihn noch? -- Er ist ja sicher nicht so gut wie der, den ihr in der Stadt bekommt. -- Und ihr scheut mich doch nicht, weil ich eine arme alte Frau bin?“
Und Christine hob vorsichtig den Kuchen heraus, der auf einem Teller im Korb stand, und stellte ihn auf den Tisch. Und Suse schnitt sich ein Stück ab und fing an zu essen, obwohl der Kuchen und die Tränen sie am Schlucken hinderten.
„Gelt, Christine, du denkst jetzt nicht mehr gut von mir?“ fragte sie, nachdem sie sich ausgeweint hatte. „Es liegt dir jetzt nichts mehr an mir. Und du frägst auch nichts mehr nach der Stadt?“
„Aber freilich, Suse. Ich will doch die schöne Stadt sehen, von der du mir immer so viel erzählt hast. Ich bin ja nur einmal in meinem Leben hierher gekommen, und wenn ich jetzt fortgehe, komm’ ich niemals mehr wieder. Das spür’ ich, ich bin viel zu alt dazu.“
„Wollen wir gleich gehen und alles besehen?“ drängte Suse.
„Nein, nein, wir warten erst, bis Hans mitgehen kann.“
„Gelt, du hast Hans jetzt lieber als mich,“ flüsterte Suse. Christine schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich habe euch alle gleich lieb.“ Und sie wischte Suse mit ihrem Taschentuch das Gesicht ab.
Danach führte das Mädchen die alte Frau durch ihr Zimmer und zeigte ihr die ganze Einrichtung, auch den Schrank mit ihren Heften und Büchern. Mit gefalteten Händen stand die alte Frau davor und richtete ihre Blicke bewundernd auf Suse. -- Alle diese Hefte hatte ihr Liebling, die Suse, vollgeschrieben, in all diesen Büchern konnte sie lesen, fremde Sprachen lernte sie sogar. -- Was war sie doch für ein bedeutendes Mädchen geworden.
Aber noch heller strahlten Christines Augen, als sie plötzlich ihren Wachsengel im Glaskasten auf der Kommode entdeckte. -- Unversehrt stand er dort, heilig gehalten von den Kindern. Wie waren sie doch gut!
Ein dankbarer Blick traf Suse, aber dem jungen Mädchen stieg eine heiße Röte in die Wangen, und schnell führte sie ihren Besuch zum Fenster, damit sie einen Blick in die schwindelnde Tiefe tue, wo die Menschen klein wie Mücken spazieren gingen. -- Gerade beugte sich Christine voll Staunen über die Fensterbrüstung, da trafen laute Stimmen ihr Ohr und sie fuhr zusammen. Der Lärm kam aus der Negerstube, wo Herr Schnurr wieder einmal außer Rand und Band umherhüpfte, weil Hans aus lauter Freude über den Besuch seiner alten Kinderfrau zum Erbarmen spielte.
Als der Lärm lauter wurde, bekreuzigte sich Christine, nahm Suse bei der Hand und sagte gefaßt: „Komm, Kind, wir gehen, hier ist es nicht geheuer.“ Aber Suse hielt sie zurück und erklärte: „Ach, Christine, das ist ja nur Hans seine Geigenstunde.“
„Seine Geigenstunde?“ fragte Christine ganz verstört. -- So was vermochte sie nicht zu fassen. --
„Wir wollen ihm helfen,“ sagte sie deshalb. „Das endet nicht gut.“
„Nein, nein, Christine, so geht’s immer. Zuerst ist Herr Schnurr oft wie außer sich, und hernach streicht er Hans über den Kopf Und sagt: ‚Brav, Büberl, mach’s das nächstemal wieder so.‘“
Trotz dieser zuversichtlichen Rede beruhigte sich Christine keineswegs. Bei jedem neuen Schelten fuhr sie zusammen. Ihren Schirm und Korb in der Hand stand sie auf dem Sprung da.
Ihre Angst vor der großen Stadt, wo alles drüber und drunter ging, wo man nicht ein noch aus wußte, wurde immer größer, und schließlich beschlich sie ein unheimliches Gefühl, als könne sie den weiten Weg nach Hause nicht mehr zurückfinden.
„Christine, gelt, du bleibst noch ein paar Tage bei uns?“ bat Suse.
„Nein, nein, ich will morgen wieder fort,“ sagte die alte Frau ängstlich. „Ich muß nach meiner Ziege sehen und nach meinem Garten.“
Suse machte ein trauriges Gesicht und fragte leise: „Gelt, Christine, du willst wieder fort, weil ich so häßlich zu dir war?“
„Nein, nein, ich bin ja nicht zu euch allein gekommen, Suse, ich bin noch wegen einem andern kleinen Mädchen gekommen, das will ich aufsuchen.“
Suse horchte verwundert auf.
„Zu einem andern kleinen Mädchen?“
Die alte Frau nickte. „Freilich.“
„Aber, Christine, hast du Verwandte hier?“
„Ja, es ist eine Enkelin von mir, ein kleines Mädchen, so alt wie du.“
„Was, Christine, du hast eine Enkelin?“ rief Suse ganz erstaunt, „und wir wissen’s nicht. Weiß es denn niemand auf der Welt?“
„Doch, dein Vater und deine Mutter wissen’s. Euch hab’ ich nur nie davon erzählt, weil ihr zu klein wart und weil ich nicht wollte, daß ihr auch traurig würdet.“
„Ach, Christine, bitte, bitte, erzähl’ mir. Ich bin ja jetzt schon sehr groß und werde mich beherrschen, auch wenn deine Erzählung sterbenstraurig wird. Ganz still will ich sein und dich nicht durch dummes Reden stören,“ drängte Suse.
-- So erzählte denn Christine, die sonst ihre Sorgen ängstlich vor aller Welt hütete, ganz verwirrt durch die Ereignisse des Morgens und erschreckt durch die Eindrücke der geräuschvollen Geigenstunde, Suse den schweren Kummer ihres Lebens.
Das Doktorskind hörte still zu, und je mehr sie erfuhr, um so schwerer wurde ihr Herz.
Von einer einzigen Tochter hörte sie ihre Kinderfrau erzählen, die sich an einen bösen Menschen verheiratet, der getrunken und seine Frau schlecht behandelt habe und schuld an ihrem Tod geworden sei. Das Kind aus dieser Ehe, ein kleines Töchterchen, Resi genannt, habe die alte Frau nach dem Tode ihrer Tochter zu sich nehmen und erziehen wollen. Aber der Vater des Kindes habe verlangt, sie solle ihr Haus verkaufen, ihm den Erlös davon geben und mit ihm zusammen in die Stadt ziehen.
Durch Susens Vater sei indes jener Plan vereitelt worden, und Christine sei von Not und Elend verschont geblieben, wie der „Herr Doktor“ schon so und so oft gesagt habe.
Der Schwiegersohn der alten Frau habe sich schnell wieder verheiratet und sei in die Stadt gezogen. Von ihrem Enkelkind habe Christine nie mehr etwas erfahren, auch dann nicht, wenn sie ihm Geschenke gemacht oder um seinen Besuch gebeten habe. Nur um Geld habe ihr Schwiegersohn immer wieder geschrieben. Jetzt sei Christine gekommen, um ihr Enkelkind zu suchen, damit sie es vor ihrem Tod noch einmal sehe, denn sie wisse ja nicht, ob sie noch lange lebe.
Da nahm Suse Christine in den Arm und sagte in demselben Ton, in dem sie gewohnt war, ihre alte Kinderfrau sonst selbst reden zu hören: „Sei still, Christine, der liebe Gott weiß alles und hilft uns sicher. Christine, wir finden dein Resi ganz gewiß, und du wirst sehen, es wird dir viel Freude machen.“
Doch die alte Frau meinte mit Tränen im Auge: „Am Ende läßt mich der Vater das Kind nicht sehen und schickt mich fort von seinem Hause.“
„Aber nein, Christine, wir gehen ja alle mit, Hans und ich und Theobald und Toni. -- Wenn wir gleich fünf Mann hoch anrücken, wird er schon Respekt bekommen. -- Und dann fällt mir noch was ein, Christine, ich hab’ noch ein Fünfmarkstück von Onkel Fritz für ein schönes Buch geschenkt bekommen. Das geb’ ich deinem Schwiegersohn. Wenn dieser scheußliche, geizige Mann das Geldstück sieht, läßt er sicher viel besser mit sich reden. Und eines von meinen Kleidern nehmen wir auch mit und eine Schürze und Strümpfe und Schuh.“
Und in Suses Phantasie wurde dieser Gang zu Christines bösartigem Schwiegersohn zu einem glänzenden Triumphzug, in dem sie sich alle mit Ruhm bedeckten und Freude über Freude einheimsten.
„Wo wohnt denn dein Enkelkind?“ fragte die eifrige Suse.
Und die alte Frau zog ein Stück Papier hervor, auf dem eine Adresse von Rosels Hand geschrieben stand.
„Kleinstraße,“ las Suse und schüttelte den Kopf. -- „Kleinstraße, die kenn’ ich nicht.“
Aber mit einemmal ging ein Leuchten über ihr Gesicht, und sie rief strahlend: „Weißt du, wer sie kennt? Fräulein Hirt kennt sie, die kennt alle Straßen und alle armen Kinder. -- Die ist in vielen frommen Vereinen. Die weiß es. Komm, komm. Ich glaube bestimmt, daß sie es weiß. Sie wohnt jetzt über uns im vierten Stock, seit ihre Großmutter gestorben ist.“
Christine folgte ihr eilig mit trippelnden Schritten, das Herz schon viel froher und zuversichtlicher als bisher. Nur im Gang blieb sie wieder einmal erschreckt stehen. Hier streckte nämlich Ursel ihren Kopf zur Küchentür heraus und verkündete: „Um vier Uhr ist der Kaffee fertig,“ mit einer Miene, als wollte sie sagen: „Um vier Uhr sollt ihr alle gefressen werden!“
„Vergelt’s Gott,“ sagte die alte Frau und folgte Suse zur Tür hinaus und die Treppe hinauf.
In Fräulein Hirts Zimmer wurden die beiden von der liebenswürdigen Lehrerin auf das freundlichste begrüßt, und Christine bekam sogar den Ehrenplatz im Sofa angewiesen. Während sie nun dort verschüchtert und ängstlich saß, den Blick trostheischend auf Suse gerichtet, erzählte diese mit glühenden Wangen, ganz durchdrungen von dem Ernst der Stunde und von der Wichtigkeit ihrer Rolle, Christines Schicksal. Ab und zu flog ein mütterlich beruhigender Blick zu ihrer alten Kinderfrau hin oder sie streichelte jener sanft die Hand, indem sie sagte: „Es wird schon gut, es wird schon gut, Christine.“
Fräulein Hirt aber hörte gespannt Susens Erzählungen zu. Und schließlich, als diese fragte: „Kennen Sie die Straße, wo Resi wohnt?“ antwortete sie lächelnd: „Nicht nur die Straße, ich kenne Resi selbst. -- Sie ist bei mir in der Sonntagsschule.“
„Resi selbst?“
Suse wurde dunkelrot vor Freude, sprang auf und rief: „Siehst du, siehst du, Christine! Alles kennt sie, alle Leute, und allen hilft sie und uns auch. Wir sind gerettet.“
Und das Doktorskind sprang auf, umarmte Fräulein Hirt und Christine und hätte sie am liebsten sofort zu Resi entführt.
„Weißt du was,“ rief sie, „jetzt warten wir keine Minute mehr! Jetzt gehen wir sofort zu Resi. Warum noch lange warten! Je eher du Resi siehst, Christine, je lieber ist’s dir ja doch.“
„Nein, nein,“ wehrte da Fräulein Hirt, „ich hole das Kind allein hierher. Es ist besser, Christine macht den weiten Weg dorthin nicht. So viele Anstrengungen nach einer solch langen Reise kann sie nicht ertragen.“ --
Aber den wahren Grund, weshalb sie den Besuch Christinens bei ihren Verwandten verhindern wollte, verschwieg sie. Sie fürchtete, daß die alte Frau von ihres Schwiegersohns Tür gewiesen würde. --
Zur Zeit des Nachmittagskaffes verließen die alte Frau und das kleine Mädchen ihre liebenswürdige Helferin.
In der Cimhuberschen Wohnung wurden die beiden in größter Ungeduld von Hans erwartet, dem es gar nicht angenehm gewesen war, unter Herrn Schnurrs Lehrmethode zu schwitzen, während seine Schwester ihr Leben genoß.
Auch Toni hatte sich eingefunden, um die Doktorskinder samt ihrem Besuch zu einer Wagenfahrt abzuholen. Strahlend erzählte sie, ihr Vater habe ihr fünf Mark für das Vergnügen geschenkt, und Theobald käme gleich in einer Droschke an.
Bei der Spazierfahrt mit den Kindern konnte Christine von dem weichen Sitz des Wagens aus bequem die Wunder der Stadt erschauen. Aber so schön sie auch waren, ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, zurück nach Frau Cimhubers Haus, wo etwas viel Schöneres und Besseres ihrer wartete. -- Ihr Enkelkind.
Und nach ihrer Rückkehr aus der Stadt bekam sie das Kind endlich zu sehen. An Fräulein Hirts Hand drückte sich Resi schüchtern zur Tür herein und stand verwirrt vor ihr.
Der alten Frau liefen die Tränen über das Gesicht, und sie brachte nur mühsam die Worte hervor: „Ich bin deine Großmutter, Resi.“
Stumm sah das kleine Mädchen zu ihr auf.
Da nahm Suse sie bei der Hand und sagte strahlend: „Ja, deine Großmutter, deine liebe Großmutter, unsere gute Christine. Die haben wir alle schrecklich lieb. Sie gehört dir. -- Willst du ein Stück Heidelbeerkuchen haben? Den hat Christine uns mitgebracht. Wunderschön schmeckt er. Komm, iß. -- Und du besuchst deine Großmutter, gelt? Und dann werden wir Freundinnen. Und Christine hat eine weiße Ziege und ein kleines Häuschen und viele Blumen im Garten. Das wird dir Freude machen, wenn du das alles siehst.“
Aber trotz dieser sprudelnden Rede taute Resi nicht auf, und kein Wort ging über ihre Lippen. Nur ganz am Schluß ihres Besuches, als Suse sie aufforderte, doch zum Abendessen zu bleiben, schüttelte sie den Kopf und sagte ängstlich: „Nein, nein, ich muß fort, ich werde sonst gescholten.“
So wurde sie denn entlassen, nachdem sie aber Fräulein Hirt versprochen hatte, am andern Tag noch einmal wiederzukommen.
Als Resi fortgegangen, war für Hans endlich der langersehnte Augenblick gekommen, an dem er Suse über die geheimnisvollen Dinge zur Rede stellen konnte, die sich hinter seinem Rücken abgespielt hatten. Er wünschte zu wissen, was für Beziehungen zwischen Christine und dem kleinen, fremden Mädchen beständen, und warum man gerade ihn nicht eingeweiht habe.
Nichts Angenehmeres konnte Suse widerfahren, als ihn über alles, was sich während der Geigenstunde zugetragen hatte, drei lang, drei breit aufzuklären.
„Christine schien wirklich froh zu sein, daß sie eine Stütze an mir hatte,“ schloß Suse voll Eingebildetheit ihren Bericht. „Ohne mich hätte sie Resi sicher nicht so leicht gefunden.“
Sei es nun, daß diese Aufgeblasenheit Hansens Zorn entfachte, oder daß ihn das schlechte Betragen von Resis Vater Christine gegenüber wirklich empörte, jedenfalls ergriff er plötzlich den ersten besten Stuhl und stieß ihn mit einer Gebärde auf, als wolle er ihn seiner vier Beine berauben. Dazu rief er: „Den Kopf sollte man ihm abhacken, diesem Lumpen, diesem scheußlichen, gemeinen Kerl, diesem Vater von Resi.“
„Sei still, sei doch still,“ mahnte Suse, „man meint ja gerade, du seist Herr Schnurr. Nächstens springst du auch hier herum wie von Sinnen. Wer benimmt sich denn so ungebildet!“
Etwas später, als Suse zu Bett gegangen war, da kam ihr wieder die Begegnung von heute morgen ins Gedächtnis zurück, und die Schamröte stieg ihr heiß ins Gesicht.
Sie mußte an die Zeit denken, als Herr Edwin dagewesen war und an ihre Vorsätze von damals, dem Missionar nachzueifern und immer nur Gutes zu tun. -- Große Taten wollte sie vollbringen -- in fremde Länder wollte sie ziehen und unbekannten Menschen helfen. -- Und nun? Ihre alte Christine hatte sie verleugnet, die Frau, die, solange sie lebte, ihr nur Gutes getan hatte! -- Wie hatte Herr Edwin doch beim Abschied gesagt: „Bewahret euch euer reines Herz.“ Da begann Suse laut zu schluchzen und schlüpfte unter die Bettdecke. Und bat Gott um Hilfe gegen ihr eitles Herz.
Am folgenden Tage rüstete sich Christine zur Abreise. Ihr Gesicht strahlte wieder in dem lieben, freundlichen Glanze. Der schwere Gang in die Stadt war ihr schließlich doch zum Segen ausgeschlagen. Von all den fremden Menschen, die sie hier kennen gelernt hatte, war ihr nur Gutes widerfahren. Und was das Schönste war, sie hatte ihr Enkelkind wiedergefunden. Es bestand sogar Aussicht, daß sie das kleine Mädchen bald für immer zu sich nehmen konnte. --
Fräulein Hirt hatte ihr Hoffnungen darauf gemacht. Mit mütterlich beschirmendem Blick hatte Suse ihre Versprechungen angehört und war sich fast erwachsen vorgekommen. Wußte sie doch viel mehr als Christine und Hans, nämlich, daß Resi mit Gewalt ihren Eltern genommen werden würde, weil sie so schlecht behandelt wurde.