Part 12
Herr Edwin nickte und erzählte weiter, und die beiden hingen jetzt mit doppelter Begeisterung an seinen Lippen, denn sie hatten die stolze Empfindung, daß auch sie ein Recht hätten, dermaleinst große Taten zu vollbringen wie Herr Edwin.
„Sehen Sie, Ursel!“ sagte Suse vor dem Zubettgehen strahlend zu der alten Magd. „Ich kann auch Missionarin werden. Der Herr Edwin hat’s gesagt.“
Ursel seufzte und sagte: „Wenn’s der Herr Edwin gesagt hat, wird’s wohl stimmen.“
Lange konnten die Geschwister heute abend nicht einschlafen. Herrn Edwins Worte beschäftigten sie noch immer, und sie hatten ein Gefühl, als wären sie heute ein paar Jahre älter geworden und wüßten mehr als andere Leute. Die Welt erschien ihnen so groß und wunderbar wie nie zuvor.
Von Tag zu Tag schlossen sich die Kinder nun mehr an den Besucher an und hörten manches gute Wort von ihm, das sie nicht so leicht vergaßen. Fast täglich sah man sie, glühend vor heimlicher Freude, an seiner Seite durch die Straßen gehen. Wer konnte sich auch rühmen, mit einem richtigen, leibhaftigen Missionar spazieren zu gehen, der so viele fremde Länder kannte, und so viel zu erzählen wußte? -- Auch lustige Dinge berichtete er ihnen hin und wieder. Ach, einmal war sogar ein Neger, der nicht mehr viel sah, zu Herrn Edwin gekommen und hatte ihn gebeten, ihm ein paar Hunde- oder Katzenaugen einzusetzen, damit er wieder besser sehen könne. --
Leider verging die schöne Zeit, in der Herr Edwin da war, nur allzu rasch. Nach ein paar Wochen schon, als er sich erholt hatte, ging er wieder fort. Hans und Suse begleiteten ihn allein zur Bahn, da die Pfarrfrau, von Abschiedsschmerz überwältigt, ihm das Geleite nicht geben konnte. Sie hatte eine Ahnung, daß sie ihn nie mehr wiedersehen werde.
Hans sah auf dem Gang zur Bahn finster drein, um seine schmerzlichen Gefühle zu verbergen. Suse weinte zum Herzzerbrechen. Sie ließ es sich nicht nehmen, Herrn Edwins Geige bis zuletzt zu tragen und eigenhändig in das Gepäcknetz über seinen Platz zu legen.
Noch einmal drückte er ihnen die Hand zum Abschied und sagte: „Ich bitte euch, bewahret euer reines Herz und bleibet immer gut!“
Dann fuhr er davon. --
Sie sahen ihn niemals wieder. Eines Tages starb er in den fremden Ländern, von denen er Hans und Suse so viel Wunderbares erzählt hatte, und wurde dort im Schatten einer Palme begraben.
Aber das geschah alles zu einer Zeit, als die Doktorskinder nicht mehr bei Frau Cimhuber weilten.
Fünftes Kapitel
Christines Reise
Am nächsten Pfingstfest wurden Theobald und seine Geschwister von ihrem Onkel und ihrer Tante in das Doktorshaus eingeladen. Die Ferienzeit mit Hans und Suse verlief lustig, wie es zu erwarten war. Die ganze Gesellschaft tollte sich nach Herzenslust aus. Ausflüge in die Berge wurden gemacht, alte Bekannte im Dorf aufgesucht. Hans und Theobald strichen die Gartenmöbel an und besserten den Holzzaun des Vorgärtchens aus. Christoph und Henner machten gerade soviel dumme Streiche wie einst ihr Bruder Theobald vor Jahren.
Am letzten freien Tag waren die Kinder bei Christine, dem alten Mütterchen mit dem freundlichen, guten Gesicht zu Gaste gebeten. Punkt zwölf Uhr sollten sie bei ihr sein. Sie zögerten lange.
Da hörte sie endlich helles Lachen und das Laufen von vielen Füßen. Gleich darauf flitzen ein paar helle Köpfe am Fenster vorüber. Die Gäste waren gekommen.
In zwei Sprüngen nahmen sie die steinerne Treppe vor dem Haus und standen atemlos im Stübchen.
„Entschuldige, entschuldige,“ rief Suse, „wir konnten nicht eher kommen. Der Henner ist in den Brunnentrog gefallen und mußte sich erst trocknen und umziehen.“
„Wirst du dich auch nicht erkälten, Kind?“ wandte Christine sich an Henner und strich ihm über das noch feuchte Haar.
„Nein, nein, alles geht vorzüglich,“ meinte der.
Da trippelte sie in die Küche, um das Essen anzurichten.
„Kalbsbraten?“ fragte Suse ganz erstaunt, als sie in die Schüssel sah, die die alte Frau auf den Tisch stellte. -- Das war ja ein Luxus, den sich die armen Gebirgsbewohner sonst nur an hohen Festtagen leisteten.
„Kalbfleisch?“ fragte sie deshalb noch einmal in vorwurfsvollem Ton.
Doch Christine verstand Suse falsch und flüsterte mit erschrockenem Blick nach den übrigen Kindern hin: „Mögen sie es nicht, Suse? Ist es ihnen nicht gut genug? Gelt, sie sind an Besseres gewöhnt? Es ist aber doch das Feinste, das wir hier haben.“
„Viel zu fein ist’s,“ rief das Doktorskind. „Eine Suppe wäre gerade gut genug für uns gewesen.“
„Nein, nein,“ wehrte Christine, „Kalbfleisch ist besser.“
Nun halfen Toni und Suse beim Auftragen der Speisen, und die Gesellschaft fing zu essen an.
Die Kinder mäßigten ihren Appetit etwas, weil der Doktor ihnen daheim anbefohlen hatte, Rücksicht auf der alten Frau geringe Vorräte zu nehmen.
Aber Christine beängstigte ihr Maßhalten, und sie fragte deshalb wiederum erschreckt Suse: „Gelt, sie mögen mein Essen nicht? Gelt, sie ekeln sich vor mir, weil ich eine alte Frau bin?“
Da flüsterte Theobald seinen Brüdern zu: „Eßt, ihr Dächse, wie die Nudelgänse, sonst geht’s euch schlecht. Immer Takt haben.“
Da begann die Gesellschaft zuzulangen, daß Christine ihre helle Freude dran hatte.
Ein halber Laib Brot verschwand, ein Kuchen folgte ihm nach, und von dem Kalbfleisch blieb auch nicht mehr viel übrig. In den Wassergläsern schenkte Christine den Kindern Waldbeerwein ein.
Unter fröhlichen Gesprächen verging das Mahl.
Die Doktorskinder brachten Christine einen ihrer alten Lieblingswünsche vor.
„Christine, besuch uns doch einmal in der Stadt!“ rief Suse, „tu es doch.“
„Ja,“ fielen auch die andern ein, „tun Sie es, bitte.“
„Tu es, es wird herrlich,“ meinte Hans. „Dann sollst du alles in der Stadt zu sehen bekommen. Alles, alles.
Den Zoologischen Garten, wo mein Kamel drin steht. Weißt du, das ich mal fast bekommen habe, das gräßliche Tier!“
„Wenn ich dran denke, wie Ursel damals gejammert hat,“ rief Suse, „muß ich noch jetzt lachen. Ich hab’ gemeint, sie wird verrückt.“
„Christine muß vor allen Dingen Ursel selbst sehen,“ erklärte hier Theobald, „diese blitzsaubere Person. Das Herz lacht einem im Leib, wenn man sie ansieht. So gut ist die, so liebenswürdig, so entgegenkommend, ein Engel in Menschengestalt.“
„Und Frau Cimhuber, die ist auch sehr interessant,“ rief Toni.
„Ja, die wird Ihnen den ganzen Tag von ihrem Sohn erzählen,“ meinte Theobald, „bis Ihnen ein Mühlrad im Kopf herumgeht. Edwin, Edwin, weiter hört man nichts von ihr.“
„Das kann ich vollständig begreifen,“ erklärte Toni. „Sie hat nur einen einzigen Sohn, also redet sie von ihm. Der ist nämlich in Afrika, müssen Sie wissen, Christine, und den größten Gefahren ausgesetzt. Jeden Tag kann ihn der Tod überraschen, und seine Mutter ist fern von ihm.“
Suse nickte.
„Toni hat ganz recht,“ wandte sie sich an die alte Frau. „Nicht wahr, du würdest doch auch in großer Sorge sein, wenn du nur ein einziges Kind hättest und das wäre nicht bei dir und stürbe womöglich eines Tages. Ich denke es mir gräßlich, wenn man nur ein einziges Kind hat und das stirbt einem noch obendrein.“
Christine nickte traurig vor sich hin und faltete ihre Hände.
Da stieß Hans seine Schwester unter dem Tisch an, und Suse biß sich auf die Lippen, erinnerte sie sich doch plötzlich, daß sie eine große Taktlosigkeit begangen hatte.
Christine hatte ja auch nur ein einziges Kind gehabt, eine Tochter, und die war gestorben in demselben Jahre, als Suse geboren wurde.
Rosel hatte den Kindern einmal von diesem Trauerfall gesprochen und zwar mit geheimnisvoll düsterer Miene.
„Gräßlich, gräßlich ist’s gewesen,“ hatte sie geflüstert, „man sollte nicht meinen, daß es solche Menschen gibt. Aber redet nicht davon. -- Redet nicht davon, redet nicht davon.“ Mehr hatten sie nicht vernommen. Und die Frau Doktor, die von ihren Kindern gebeten worden war, ihnen einiges von Christines Tochter zu verraten, hatte nur gesagt: „Christine hat sehr viel Trauriges durchgemacht, aber erinnert sie nicht daran. Wenn ihr einmal größer seid, sollt ihr’s wissen.“
Und nun hatte Suse eine solche Dummheit gesagt. Schnell rief sie deshalb dem alten Mütterlein zu, um sie abzulenken: „Das Haus von den Fremdlingen mußt du auch sehen, Christine. Wir führen dich dran vorbei.“
„Und die herrlichen Granadasöhne auch,“ warf Christoph ein. „Wie die geschniegelten Äffchen auf der Stange sehen sie aus. So unmännlich,“ sagte Theobald.
„Und die Kathedrale müssen Sie sich auch betrachten, Christine,“ rief Toni. „Es ist ein rein gotischer, wunderbarer Bau. Wir haben ihn in der Kunstgeschichte neulich durchgenommen.“
„Ja, Kirchen magst du ja so gern,“ stimmte Suse bei. „Da kannst du beten, und Hans und ich werden derweil hinten im Dunkeln zwischen den Säulen auf dich warten.“
„Ins Kino muß Christine auch,“ rief Henner. „Vielleicht dürfen wir mit. Wir dürfen nur jedes Jahr einmal an unserem Geburtstag hin. Und auch nur, wenn’s ein Seestück zu sehen gibt oder ein Aquarium.“
„Und das Museum sehen wir uns alle an,“ rief Hans.
So zählten die Kinder immer weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Einer wollte noch mehr wissen als der andere, jeder den besten Rat erteilen. Schließlich verstand keiner sein eigenes Wort mehr. Christine lachte fröhlich mit. Dabei ermahnte sie die Kinder immer wieder, ja auch tüchtig zu essen. Beim Abschied drängten Hans und Suse noch einmal: „Besuch uns ja, Christine, besuch uns in der Stadt!“
„Vielleicht,“ antwortete die alte Frau nachdenklich, „vielleicht.“
Da sprangen sie die steinerne Treppe hinunter, blieben aber an der kleinen Gartentür noch einmal stehen und riefen: „Gelt, Christine, du kommst? Gelt, du kommst? Sag’ ja, sag’ ja.“
„Wenn der liebe Gott mich gesund erhält, komm’ ich,“ antwortete die alte Frau, und die Kinder stürmten freudig davon.
Auf dem Weg, der zum Dorf hinaufführte, drehten sie sich zum letztenmal um und winkten ihr zu: „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen.“ Dann waren sie ihren Blicken entschwunden. Die alte Frau aber blieb noch lange, in schweren Gedanken versunken, an ihrem Gartenzaun stehen. Sie dachte an die ferne, fremde Stadt, von der ihr soviel erzählt worden war und die sie schon lange einmal besuchen wollte. Nicht der Wunsch nach ihrer Schönheit und ihren Wundern trieb sie dorthin, auch nicht die Doktorskinder allein, sondern Dinge, von denen sie nicht reden wollte...
Seit Wochen waren die Kinder nun schon in der Stadt, und Christine war noch immer nicht gekommen. Sicher hatte sie ihr Versprechen ganz vergessen.
Und auch die Kinder, die in der ersten Zeit viel von ihrem Besuch gesprochen hatten, dachten zurzeit nicht mehr daran. Ganz andere Dinge bewegten sie. Ursel war wieder einmal nicht gut auf sie zu sprechen. -- Hans trieb nach Ursels Ansicht die Anmaßung zu weit. Er wollte Geigenstunde nehmen. -- Geigenstunde. Außer dem Herrn Missionar hatte nach ihrer Ansicht kaum noch ein anderer Sterblicher die Berechtigung zu geigen. -- Und nun Hans erst. -- „Der werde doch nie etwas Vernünftiges lernen,“ meinte sie. -- „Der Herr Edwin hingegen, der Herr Edwin! Den hätten die Kinder in seiner Jugend mal geigen hören sollen. -- Das war eine Freude, das war ein Hochgenuß. Der ergriff den Bogen und die Geige und geigte herrlich wie die Engel im Himmel.“
„Wer’s glaubt!“ hatte Suse keck dazwischen gerufen. „Der Herr Edwin wird grad auch kein Orchestrion gewesen sein, wo man einen Groschen hineinwirft und dann musiziert’s und donnert’s los.“
Kaum war Suse das Wort entfahren, so sagte sie über und über rot: „Nein, das war zu frech von mir. -- Ich glaube wirklich, daß Herr Edwin mehr konnte als andere Kinder.“
„Suse, du verdienst den Teller Suppe nicht, den du ißt,“ rief Ursel.
„Und ich?“ forschte Hans, „am Ende ich auch nicht? Aber denken Sie daran, Ursel, meine Eltern wollen es, daß ich Geigenstunde nehme.“
„Meinetwegen,“ brummte Ursel, „geige wo du willst, aber nicht in der Negerstube.“
Die Kinder spitzten die Ohren. Aha, da lag der Hase im Pfeffer! Sie wollte nicht, daß die von Sauberkeit blinkende und blitzende Negerstube verwohnt werde.
Zum Glück nahm sich diesmal die Pfarrfrau Hansens an und bestimmte, daß die Geigenstunde wirklich stattfände.
Zweimal in der Woche geschah’s. Dann kam Herr Schnurr, der Lehrer.
Welch ein verstruwelter, zerzauster Herr! Wie sehr stach Hans daneben ab, gar als er sich jedesmal vor der Stunde schniegelte und bügelte wie ein Offizier und mit blankgewichsten Schuhen und glänzendem Scheitel daherkam.
Sein Lehrer war der Tumult selbst. Sobald sich die Tür der Negerstube hinter ihm geschlossen hatte, traf er umständliche Vorbereitungen zur Stunde. Er band seinen Schlips und Kragen ab, warf sie auf den nächsten besten Stuhl und reckte seinen Hals einige Male befreit in die Höhe. Dann klopfte er mit dem Geigenstock auf den Tisch zum Zeichen, daß der Unterricht beginne. Hans kletterte herzklopfend auf ein noch von Edwin Cimhuber stammendes Pult und stimmte mit Herrn Schnurr seine Geige. Das Spiel begann. Wehe, wenn die Töne falsch herauskamen oder der kleine Junge nicht im Takt spielte! Dann wurde Herr Schnurr zum wilden Löwen. Er stampfte mit dem Fuße auf, er rüttelte an den Stühlen, er sprang im Zimmer umher und fuhr sich in die Haare. Hans zitterte. Der Lehrer drückte seine Geige fester unter das Kinn, zählte laut eins, zwei, drei, sang a, a, a, wand sich in ohrwurmartigen Windungen immer höher, immer höher, bis er auf den Zehenspitzen stand wie eine Tänzerin und mit schmerzlich verzogenem Gesicht in dieser Stellung verharrte.
„Halt, halt,“ schrie er plötzlich und warf die Geige hin, „willst du wohl aufhören, willst du mich ins Irrenhaus bringen!“
Und Hans stand einen Augenblick da mit verglasten Augen und Schweißperlen auf der Stirn.
Dann, als der Geigenlehrer wieder zu sich gekommen war, ging der Tanz aufs neue los.
Im Zimmer nebenan saß Suse und konnte ihr Lachen nicht bändigen. Von Zeit zu Zeit spähte Ursel mit argwöhnischer Miene zur Tür der Negerstube herein, als fürchte sie, der Geigenlehrer prügele die Negerprunkstücke von den Wänden herab oder trommele auf den Polstermöbeln herum, anstatt zu geigen.
Frau Cimhuber aber ging jedesmal spazieren, wenn Herr Schnurr kam.
Einmal trat Ursel bei Suse ein, und als sie das kleine Mädchen lachend vorfand, wollte sie zornig werden. Aber Suse umarmte sie und rief: „Ich kann nicht mehr. So was Schönes hab’ ich noch nie gehört.“
„Laß die Albernheiten,“ meinte Ursel streng.
Aber als sie aus dem Zimmer ging, merkte Suse doch an dem Wackeln ihrer Schultern, wie sehr sie lachte. Also war selbst Ursel für die Geigenstunde gewonnen. --
Nun mußte nur noch für Suse Rat geschaffen werden. Das Doktorskind wollte gern, daß die alte Magd ihr für eine Einladung, die nächste Woche stattfinden sollte, zwei Napfkuchen backe. Ursel aber wollte von einer solch üppigen Tafelei nichts wissen.
„Umstände werden nicht gemacht,“ erklärte sie klipp und klar. „Honigbrot und Butterbrot bekommt ihr und jede zwei Tassen Malzkaffee. Und damit basta.“
„Das ist alles?“ rief Suse und faltete vor Schreck die Hände. „Ist das Ihr Ernst, Ursel? Aber denken Sie an, was das für einen Eindruck auf den Besuch macht. -- Meine Freundinnen haben immer Marzipan und Kuchen und Biskuit und Schokolade und Schlagsahne, die reine Konditorei.“
„So, und da schämt ihr euch nicht und eßt das alles auf einmal auf?“ rügte Ursel. „Und das erzählst du mir auch noch? So ein Schwelgerleben steht noch nicht einmal im Kalender. -- Sodom und Gomorrha werden nicht mehr lange auf sich warten lassen bei eurem Sündentrubel.“
Suse lachte hell.
Kaum hatte sie sich aber soweit vergessen, da bereute sie es auch schon; denn Ursel sah sie an wie die strafende Gerechtigkeit. Umsonst schmeichelte Suse jetzt: „Bitte, bitte, liebe Ursel, machen Sie mir doch einen Stärkepudding und zwei Napfkuchen. Hans und ich wollen auch eine ganze Woche lang kein Fleisch essen.“
Die Magd schwieg. Suse flehte weiter: „Wenn Sie wüßten, wie gut es die andern Mädchen haben im Vergleich zu mir, würden Sie barmherzig werden. Denken Sie sich, bei manchen gibt es auch süßen Likör und Blumensträußchen.“
„Blumensträußchen könnt ihr haben, soviel ihr wollt. Die könnt ihr euch im Walde holen. Dagegen hab’ ich nichts, aber Stärkepudding gibt’s nicht und keinen Kuchen.“
„Und in der Negerstube wird auch nicht getafelt. Eßt in deiner Stube.“
„Was,“ rief Suse, „fünfzehn Kinder kommen ja gar nicht in mein Zimmer rein. Das ist doch nicht fein für eine Einladung, daß man aufeinander sitzt wie die Heringe. Heutzutage ist alles für Licht und Luft. Meine Freundinnen werden krank vor Hitze in meinem kleinen Zimmer.“
„Ach was, so leicht wird sich’s nicht krank,“ meinte Ursel kaltblütig. „Eßt nicht zu viel und trinkt schön langsam und nicht so viel auf einmal, macht fleißig Durchzug mit Türen und Fenstern und trinkt kaltes Wasser von der Leitung, dann bleibt ihr frisch wie die Fische im Wasser.“
„Aber Ursel,“ rief Suse entrüstet, „glauben Sie, meine Freundinnen kommen zu mir, weil sie Wasser schlucken wollen wie die Fische. Die wollen doch unterhalten sein und was Feines essen.“ --
Das Doktorskind weinte.
Ursel blieb hart.
„Anderer Leute Kinder haben’s viel besser als wir,“ seufzte Suse etwas später zu ihrem Bruder.
„Warum nicht gar!“ rief der entrüstet. „Wer denkt denn an solche Sachen! Wer hat denn so gute Eltern wie du und ich?“
„Freilich, freilich, du hast recht,“ antwortete die Schwester kleinlaut, „aber sie sind ja so weit.“
Suse seufzte für sich allein weiter. Sie hatte große Bedenken, ob ihre Einladung auch schön genug ausfallen würde. Von jeher hatte sie es ja schmerzlich empfunden, daß die meisten Kinder ihrer Umgebung in glänzenderen Verhältnissen lebten, schönere Feste gaben und feinere Kleider anziehen konnten als sie selbst.
Hans und seine Freunde fragten viel weniger nach diesen Äußerlichkeiten. Was machte es aus, wenn einer der Knaben auch mal einen besseren Anzug anhatte als der andere! Das merkte Hans kaum. Außerdem fiel es ihm und seinen Freunden auch nicht ein, einander einzuladen oder mit schönen Dingen zu beschenken. --
Zum Glück hielten aber auch bei Suse die trüben Betrachtungen über des Lebens verschieden ausgeteilte Lose nicht lange an. Und sie sah voll geheimer Freude dem Fest, das sie ihren Mitschülerinnen geben wollte, entgegen. Von daheim traf zur rechten Zeit noch ein Paket mit Blumen und Gebäck ein und ließ Susens Herz vor Freuden hüpfen. Stolz konnte sie nun zur Schule gehen und ihre Einladungen dort verteilen. Jubelnd wurden diese von den Schülerinnen ihrer Klasse in Empfang genommen, weil sie wohl wußten, wie gar lustig es bei der muntern Suse hergehen werde. Nur einige von ihren Schulgefährtinnen überging Suse mit ihrer Einladung. Zu ihnen gehörte auch die schwarze Karla, das hübscheste, begabteste Mädchen der Klasse, dessen Eltern in glänzenden Verhältnissen lebten. Von jeher hatte dieses Mädchen Susens größte Bewunderung auf sich gezogen wegen ihrer Sicherheit, Schönheit und Klugheit. Aber gerade weil das Doktorskind jenen Stern unter den Schülerinnen so sehr bewunderte, hielt sie sich abseits. -- Sie mochte sich nicht auch noch aufdrängen, wo schon so viele andere Schulgefährtinnen um die Gunst jenes Mädchens warben. Und dann fürchtete sie auch die Spottlust der schwarzen Karla. Denn als Suse vor Jahren aus ihrem kleinen Gebirgsdorf gekommen war, hatte niemand belustigter hinter ihr hergesehen, als jenes Mädchen.
Zu ihrem größten Erstaunen bemerkte nun Suse, wie Karla betrübt und enttäuscht drein sah, als sie mit der Einladung übersehen worden war, und nach Schulschluß, als Suse die Treppe hinunterging, kam sie sogar hinter ihr her und steckte ihren Arm unter den des Doktorskindes und fragte in ihrer liebenswürdigen Weise: „Weshalb lädst du mich nicht auch ein, Suse? Ich möchte doch so gerne zu dir kommen. Sicher wird es sehr fein bei dir.“
Susens Herz klopfte laut. Sie konnte vor freudiger Erregung zuerst kein Wort herausbringen. Das schönste und begabteste Mädchen der Klasse bemühte sich um sie. Andere warben um Karlas Gunst, und sie trug ihr die Freundschaft selbst an.
Arm in Arm trat sie jetzt mit ihrer neuen Freundin durch das Tor hinaus auf die Straße. -- Noch immer vermochte sie kaum zu reden. --
Jenseits, auf dem Steig der Fußgänger, hatte wohl schon eine halbe Stunde lang ein altes Mütterchen gestanden, die Augen sehnsüchtig auf das Tor ihr gegenüber geheftet. -- Sie war in die Tracht der alten Frauen vom Lande gekleidet und trug am Arm einen Henkelkorb mit einem weißen Tuch bedeckt und in der Hand einen dicken Schirm. Als die ersten kleinen Mädchen aus der Tür traten, leuchtete ihr Gesicht hell auf. Man sah’s ihr an, sie hatte auf eins von ihnen gewartet. -- Zufällig flogen Susens Blicke zu ihr hinüber und sie fuhr zusammen. -- Das war ja -- das war Christine! Wie kam sie hierher? War ihr wirklich kein Weg zu weit gewesen, keine Reise zu mühselig, um die geliebten Kinder aufzusuchen? Sie wartete auf Suse. Man sah’s ihr an. Sie wollte auf sie zukommen. Aber weshalb lief Suse jetzt nicht zu ihr hin und umarmte sie und zeigte ihr Entzücken? Weshalb wendete sie sich krampfhaft auf die andere Seite? --
Sah denn Christine wirklich so komisch und armselig aus mit ihrem Kapothut, der ihr wie ein kleiner Kobold auf dem Kopfwirbel saß und seine Bänder flattern ließ, mit ihrem Rock, der viel zu kurz war, so daß man ihre mageren Beine mit den grauen Strümpfen und die bunten Pantoffeln sehen konnte? Mußte man sich ihrer wirklich schämen?
Schämen gerade nicht. -- Aber die feine, stolze Karla! Was würde die darüber denken? Suse ging weiter, ohne Christine zu grüßen.
Eine Weile stand die alte Frau erschrocken da und blickte Suse nach. Das kleine Mädchen mußte sie erkannt haben. -- Deutlich hatte sie ihren Blick gefühlt. Doch warum hatte sie sich abgewandt und war nicht jubelnd auf sie zugekommen wie sonst wohl? Langsam, langsam wurde es da der alten Frau klar, daß sich Suse ihrer schäme und sie nicht kennen wolle. Noch einen langen, sehnsüchtigen Blick schickte sie hinter dem jungen Mädchen her, dann wandte sie sich traurig um und ging mit gesenktem Kopf die Straße hinunter. Ihr war es, als habe sie ihr Herz verloren. Sie kam sich so ausgestoßen und fremd vor, hier in dieser großen Stadt, wie in einer Wildnis. Suse hätte doch fühlen müssen, wie einsam sie hier war und hätte zu ihr kommen müssen. Aber sie hatte es nicht getan.
Die alte Frau wanderte nun ratlos hin und her durch mancherlei Gassen und Straßen, ohne zu wissen wohin. Schließlich brachte ihr Weg sie in die Anlagen der Stadt, wo frischer Rasen grünte, hohe Bäume wuchsen und hier und da vor blühenden Sträuchern Bänke standen. Auf einer davon ließ sich Christine müde nieder. Sie sah noch immer erschrocken drein. Aber kein bitterer Gedanke gegen das kleine Mädchen bewegte ihr Herz. --
Suse hatte ja recht, daß sie so vornehm tat. -- Suse war ja ein so großes, kluges Mädchen geworden und hatte so viel gesehen und so viel gelernt in dieser herrlichen Stadt. --
Und Christine war die arme, alte, unwissende Frau geblieben, mit der man keinen Staat machen konnte. Längst vergangen waren ja die Zeiten, in denen Suse ein kleines unschuldiges Kind war, das Christine über alles liebte. Aber die alte Frau murrte nicht, sie wußte wohl, alles Schöne und alles Gute hatte der liebe Gott ihr nur für eine bestimmte Zeit gegeben, um es ihr dann wieder zu nehmen. So war es sein Ratschluß.
Lange Zeit saß Christine, in diesen Gedanken versunken, auf der Bank und konnte noch immer keinen Entschluß fassen, wohin sich wenden. Zu Frau Cimhuber wollte sie nicht gehen. -- Sie fürchtete, auch dort nicht willkommen zu sein. -- Und dann hatte sie noch einen andern Besuch vor, den wichtigsten und schwersten, der ihr Geheimnis war, von dem selbst die Doktorskinder nichts wissen sollten. -- Den wagte sie nun nicht mehr auszuführen. --
Wenn Suse schon so ablehnend zu ihr tat, was konnte sie erst von jenen fremden Leuten erwarten, denen der Besuch gelten sollte?