Hans und Suse in der Stadt

Part 11

Chapter 113,813 wordsPublic domain

Sie mußten sich eine gute Weile gedulden. Ein Schwarm junger Mädchen kam durch das Portal, ein Herr, der seine Zigarre wegwarf, ein paar schwatzende Frauen. -- Frau Cimhuber mit ihrem Sohn kam immer noch nicht.

„Da sind sie,“ flüsterte plötzlich eins der Kinder. -- Suse fühlte, wie ihr Herz still stand.

Die Pfarrfrau kam daher und an ihrer Seite -- er... er... nein, das konnte doch nicht er sein, nicht Herr Edwin. -- Wie den Engel Gabriel hatte sie sich ihn vorgestellt. Und nun ging dort ein gebrechlicher, kranker Mann. --

Suse mußte an ihren Zeichenlehrer denken, den alle Mitschülerinnen sehr häßlich fanden. Dem sah Herr Edwin ähnlich. Konnte er’s denn sein?

Hans stieß seine Schwester an und sah ihr bedeutungsvoll in die Augen. Susens Herz zog sich immer mehr zusammen und schmerzte sie wie von lauter kleinen Glassplittern angeritzt.

„Rappeldürr wie ein Fenchelstock ist der Edwin,“ brach endlich Theobald das Schweigen. Entrüstet fuhr Toni auf: „Dummes Geschwätz. Über einen Missionar spottet man nicht. Vater sagt auch, du bist der grünste Junge, der ihm vorgekommen ist.“

Eine Zornesröte stieg Theobald in das Gesicht. -- „Weil du mich so abkanzelst,“ rief er, „werde ich mich rächen. Ich breche heute noch bei Frau Cimhuber ein und mache mich an die Mumie ran.“

Alle durchfuhr ein Schreck.

„Nein, Theobald, das tust du nicht,“ rief Toni. Auch Suse wollte zürnen. Aber in ihrem Herzen lockte plötzlich der Versucher: „Theobald hat recht. Gewiß, er hat recht. Eine Enttäuschung habt ihr schon erlebt. Nun sollt ihr wenigstens eine Überraschung haben, eine freudige Überraschung. Nur Mut, nur nicht so kleinlich.“

„Toni,“ stotterte sie da, „Toni, am Ende ist es keine Sünde. -- Eine Mumie ist doch nicht wie ein gewöhnliches Paket aus Europa. Das ist doch was Außergewöhnliches.“

„Ich leid’ es auf keinen Fall, Suse.“

„Wir wollen’s ja nur begucken, nur einmal schnell angucken,“ drängte Suse. „Du hast ja selbst gesagt, Toni, der gebildete Mensch muß wissen, wie eine Mumie aussieht.“

„Natürlich gehen wir ihr an den Kragen,“ rief Theobald laut dazwischen.

Seine Schwester seufzte tief.

„Aber, Toni, sei doch nicht so sauer wie ein Essighafen,“ bat Theobald, „und mach lieber mit.“

Wieder seufzte die Schwester und sagte dann schweren Herzens: „Allein laß ich dich nicht hingehen, Theobald, sonst gibt’s wieder gräßliches Unheil.“

„Wann soll die Mumie durchforscht werden?“ fragte der Bruder jetzt.

„Um acht Uhr, gelt, Suse,“ meinte Hans.

„Ja, ja, das ist die rechte Zeit. -- Frau Cimhuber hat nämlich gesagt, wir sollen gleich nach Tisch in unser Zimmer gehen. Und dann ist Ursel in der Küche und wäscht das Geschirr und klappert gräßlich damit und singt Volkslieder und Choräle und hört nichts.“

„Vorzüglich,“ rief Theobald, „dann setzt eure Lampe auf die Fensterbank zum Zeichen, daß alles sicher ist und daß wir kommen können.“

Nach dieser Vereinbarung trennten sich die Verschwörer, Suse mit einem tiefen Seufzer. --

Bei Tisch daheim im Hause der Frau Cimhuber ging es heute recht feierlich zu.

Unnahbar und ihnen weltenfern entrückt, kam der Missionar Hans und Suse vor. Susens tiefen Knicks beim Eintreten schien er ebensowenig beachtet zu haben wie Hansens Verbeugung, die tiefste Ehrerbietung bekundete. -- Und nachher während des Mahles, als er ein Glas Wasser verlangte und Hans auf ein Zeichen der Pfarrfrau davonstob und wiederkehrend stolperte und sich und Herrn Edwin bis zum Ellbogen naß goß und Entschuldigungen stammelte wie ein verwirrter Kellner, verzog er keine Miene.

Suse aber glaubte unter den Tisch kriechen zu müssen aus Scham für ihren Bruder.

Da hob der Missionar plötzlich seine Augen, sah Suse lange an, dann Hans.

Dem kleinen Mädchen klopfte das Herz, und Hans verschluckte sich vor Schrecken. -- Jetzt sah Edwin Suse wieder an. Ihr Atem stockte. -- Sollte er? -- Sollte er...

Nein, das ging ja nicht an. -- Er war ja nicht der liebe Gott. -- Er konnte ja nicht wissen, daß sie vorhatte, einmal Missionarin zu werden.

Einen Augenblick schwand ihre Angst. Da kam ihr plötzlich ein anderer schrecklicher Gedanke.

Vielleicht hatte er ihren Plan mit der Mumie erraten! Wie ein Frevel kam ihr jetzt der Vorsatz vor, den sie vorhin so leichten Herzens gefaßt hatte.

Und nach Tisch, als die Zeit immer näher kam, in der die kleinen Verschwörer eintreffen mußten, wurde sie ganz mutlos.

„Hans, lauf’ runter,“ drängte sie schließlich, „und sag’ Toni und Theobald, sie sollen nicht kommen.“

„Warum nicht gar, ich bleib’ hier,“ entgegnete er.

„Nein, Hans, du gehst.“

„Nein, ich bleib’ hier.“

„Doch, du gehst.“

„Das tu ich nicht, ich beseh’ mir die Mumie.“

„Nein, nein, Hans, das dürfen wir nicht. Wir stellen kein Licht ans Fenster, wie wir gesagt haben. Mit einemmal fühl’ ich ganz genau, daß es nicht recht ist.“

„Aber, Suse, das ist jetzt zu spät, das hättest du früher fühlen müssen. -- Ich will jetzt, daß wir das Licht hinstellen.“

Und damit hatte er auch schon die Lampe ergriffen und wollte zum Fenster gehen.

In demselben Augenblick griff auch Suse danach und mahnte: „Hans, laß los; es gibt eine Feuersbrunst.“

„Nein, laß du los.“

Feindlich sahen sich die beiden an. Da klingelte es schwach an der Flurtür.

Sie fuhren zusammen und setzten zitternd die Lampe hin.

„Sie sind da,“ hauchte Suse. „Hans, jetzt ist es zu spät.“

Leise öffneten die beiden die Tür, die ins Treppenhaus führte, und herein schlichen der Stadtvetter und die Base. Toni flüsterte: „Der Vater und die Mutter sind ins Konzert. -- Keiner weiß, daß wir hier sind.“

Theobald aber drängte: „Wo ist die Mumie?“

Zitternd zeigte Suse auf den Ballen in der Ecke. Theobald umfing ihn mit kräftigen Armen und schleppte ihn in Susens Zimmer neben der Negerstube. Aus der Küche tönte es laut: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen?“ Wie im Takt klapperte dazu das Geschirr.

Theobald rollte den Ballen einige Male mit seinem Fuß hin und her und murmelte: „Na, wenn das ein Pharao ist, bin ich der Sultan von Marokko.“

„Rasch, rasch, mach auf, daß wir sie wieder an ihren Platz zurückstellen,“ flehte Suse, „rasch, Theobald.“

Die Vettern begannen im Schweiß ihres Angesichts geräuschlos die dicken Stricke zu lösen, während Suse das Licht hielt und Toni mit einer Schere die Nähte löste.

Im Nebenzimmer hörte man Frau Cimhuber und ihren Sohn reden. Doch es währte nicht lange, so verstummten die beiden, und es wurde still.

„Jetzt packt er seine Geschenke aus,“ flüsterte Theobald.

Aber schon nach einer Weile wurde es im Nebenzimmer wieder laut: eine Geige wurde gestimmt, und gleich darauf begann ein wunderschönes Spiel.

Der Missionar geigte.

„Er spielt,“ sagte Suse verklärt, und ihr ganzes Gesicht leuchtete. Ihr Vorbild war also doch etwas Besonderes und überstrahlte die andern Sterblichen. Er spielte so schön, wie sie es noch nie gehört hatte.

„Hans, horch,“ flüsterte sie und faßte ihn am Arm, „horch.“

Aber es bedurfte dieser Aufforderung nicht. Hans stand da mit gänzlich verändertem Gesicht. Auch ihm kam es vor, als habe er noch nie jemand so schön spielen hören.

Selbst Theobald lauschte erstaunt und meinte: „Das kann doch nicht Herr Edwin sein.“

In diesem Augenblick machte Toni ein Zeichen Und wies auf ein Loch oben in der Wand, durch das einmal ein Klingelzug geführt hatte, und das unverschlossen geblieben war. Dort konnte man durchsehen. Sofort schleppten die beiden Mädchen einen Tisch herbei, kletterten darauf und spähten in das Zimmer nebenan.

„Und ist sein Antlitz auch noch so verbrannt, das Mutteraug’ hat ihn doch gleich erkannt,“ deklamierte Toni leise vor sich hin; denn im Nebenzimmer bot sich ihr ein rührendes Bild.

Im Lehnstuhl saß mit gefalteten Händen die Mutter des Missionars, wandte kein Auge von ihrem Sohn und achtete nicht der Tränen, die in ihren Schoß fielen. Ihr Kind spielte immer schöner mit einem weltentrückten Ausdruck, und nur von Zeit zu Zeit streifte ein leuchtender Blick seine Mutter.

Inzwischen waren auch Hans und Theobald auf den Tisch gestiegen und drängten ihre Köpfe zwischen den beiden Mädchen durch. Keiner sagte ein Wort. Alle lauschten atemlos. Schließlich brach der Missionar sein Spiel ab, legte seine Geige vorsichtig auf das Klavier und sah sich nach einem Stuhl um.

„Setz dich, Edwin,“ bat die Mutter, „setz dich, mein liebes Kind, und ruh’ dich aus, es wird dir sonst zuviel für den ersten Abend.“ Und sie führte ihn zum Sofa und legte ihm vorsichtig ein Kissen in den Rücken.

„Wie schön ist es daheim bei dir, Mutter,“ sagte er und griff dankbar nach ihrer Hand. -- „Wie schön!“ Er lehnte sich müde zurück und sah sie leuchtenden Auges an.

„Nimmt der Edwin seiner Mutter alle weichen Kissen weg,“ flüsterte Theobald. „Na, wenn ich einmal nach Hause käme, und es wär’ vom Krieg und ich hätt’ eine Kugel im Rücken und könnt’ nur auf einem Bein herumhuppen, soviel weiß ich, meiner Mutter nähm’ ich die Kissen nicht weg. Wie unmännlich! -- Komm, Hans, an die Gewehre,“ fuhr er dann fort. -- Sie kehrten zu der Mumie zurück.

Toni und Suse blieben auf ihrem Beobachtungsposten stehen und gewahrten, wie Frau Cimhuber sich neben ihrem Sohn niederließ.

„Gelt, Edwin?“ fragte sie, seine Hand nehmend, „nun bist du doch auch glücklich? Schwer ist dein Beruf. Aber es geschieht ja zur Ehre des Herrn. Nicht jeder kann ein großer Künstler werden. Und es ist ja auch der Wunsch deines Vaters immer gewesen, daß du Missionar würdest, und du bist doch auch glücklich? Nicht wahr? Vielleicht hättest du ja ein großer Künstler werden können. Aber so führst du doch ein reicheres, gottwohlgefälligeres Leben?“

Er hustete, und man merkte ihm wohl an, wie erschöpft er war. Dann sagte er einfach: „Ja, Mutter.“

„Er wollte Künstler werden,“ flüsterte Toni, „genau wie ich. Aber ich glaube, es wird nichts draus. Der Vater will nichts mehr davon hören. -- ‚Schwamm drüber‘, hat er gestern gesagt.“

Suse hörte nicht zu. Sie stand noch immer da mit gefalteten Händen und strahlenden Augen.

Wie schön, wie schön hatte Herr Edwin gegeigt. So schön wie sonst niemand auf der Welt!

Jetzt sah Toni, wie im Nebenzimmer die Tür zum Gang aufging und Ursel eintrat. Sich mit ihrer Küchenschürze die Augen abwischend, sagte sie: „So schön hat der Herr Missionar gespielt, so schön, ich habe gemeint, die Orgel geht am Sonntag in der Kirche.“

„Setzen Sie sich zu uns, Ursel,“ bat Edwin.

„Ach nein, vielen Dank, ich habe soviel zu tun.“

„Immer, immer zu tun, Ursel,“ meinte Edwin Cimhuber, „gerade noch wie früher.“

„Ja, die Pflicht geht vor, Herr Edwin,“ philosophierte Ursel, „und Arbeit versüßt das Leben.“

Wenige Minuten später war sie schon wieder nach der Küche unterwegs.

Toni war begeistert von der Szene, die sie von ihrem Auslug in der Höhe wahrgenommen hatte.

„Selbst Ursel hat einen versöhnlichen Gesichtsausdruck heute,“ flüsterte sie.

Im nächsten Augenblick aber zitterte sie wie Espenlaub und suchte vor Schreck nach einem Halt. Auf dem Flur erscholl Geschrei. -- Ursels Stimme. -- Theobald, Hans und Suse ließen vor Schreck das Bündel, an dem sie trennten, hinfallen und schauten sich entsetzt an.

„Gestohlen, gestohlen, die Matratze ist fort. Diebe, Diebe,“ rief es vor der Tür. -- Jetzt in Frau Cimhubers Stube: „Denken Sie, Frau Pfarrer, die Matratze ist fort, sie ist gestohlen. Vor einer halben Stunde noch war sie da. Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Die Kinder, die haben mal wieder die Tür aufstehen lassen. Sie ist gestohlen, sie ist gestohlen.“

„Was sagt sie... die Matratze?“ stotterte Theobald.

Im nächsten Augenblick schoß Ursel auch schon wie eine Glucke mit gesträubtem Gefieder zur Tür herein und erblickte die Kinder mit der Trennschere und den Messern in der Hand. Sie ergriff ohne Federlesens das halb ausgepackte Bündel, riß die letzte Hülle los und entrollte vor den Augen der Verschwörer eine blau und weiß gestreifte Matratze. Keine Mumie. -- Die geheimnisvolle Mumie war Ursels Matratze.

Suse war blaß wie der Tod.

Und nun stand auch die Pfarrfrau in der Stube, entdeckte den kostbaren Gegenstand und atmete erleichtert auf.

„Da ist sie ja, Ihre Matratze, Ursel,“ sagte sie, „und schon fix und fertig ausgepackt.“

„Habt ihr das getan?“ fragte sie Suse. Diese nickte mit schuldigem Gesicht. Toni aber kletterte beschämt von ihrem Tisch herunter, Theobald sprang mit höflicher Verbeugung in die Höhe, und Hans machte ein Gesicht wie die Katze, wenn’s donnert.

Den vier Ertappten war es schwül zumute. Die Pfarrfrau sagte: „Ihr wolltet Ursel überraschen, ihr wolltet ihr eine Freude machen, nicht wahr? Sie hat sich eine Matratze von ihren Verwandten kommen lassen. Ihre eigene hat sie in mein Bett geschafft und meine hat sie meinem Sohn gegeben. Edwins Matratze ist zu hart. Er muß zwei haben, sonst kann er nicht schlafen. Er ist krank. -- Ihr lieben, lieben Kinder! Ihr wußtet, wie sie heute vor lauter Arbeit nicht zu Atem kommt. Nun kommt mal mit zu meinem Sohn!“

„Hier sind die Diebe, die Missetäter,“ begann sie zu dem Missionar, indem sie Hans und Suse zärtlich bei der Hand faßte, „unsere kleinen Heinzelmännchen, die Ursel die Matratze geöffnet haben. Sie wollten ihr die Arbeit abnehmen. Nicht wahr?“ fragte sie und strich den beiden über den Kopf.

„Nein, nein,“ stotterte Suse, „helfen wollten wir nicht, wir wollten ja nur sehen... wir wollten nachsehen -- wir meinten, die Mumie sei drin.“

„Oh, dieser Blödsinn von Suse,“ dachte Theobald und schlug die Augen zur Decke empor.

„Was sagtest du, mein Kind?“ forschte Frau Cimhuber. Da fühlte Suse Theobalds Blick auf sich ruhen. Sie schluckte nur zweimal trocken runter vor Schrecken und stotterte: „Wir... wir... wir...“

Doch Frau Cimhuber drang auch gar nicht weiter in sie, sondern forderte sie auf, Platz zu nehmen und eingemachte Früchte zu essen und Kuchen, den sie ihnen hinreichte.

„Du ißt doch auch gern Kuchen, Theobald,“ wandte sie sich an den Stadtvetter.

„Da, nimm dir hier dieses Stück. Dieses ist besonders gut. Du hast’s verdient.“

Theobald knirschte innerlich vor Ärger. Wie die kleinen Kinder wurden sie behandelt, wie die richtigen kleinen Kinder. Und man fütterte sie wie die Piepmätze.

Lieber schon wäre es ihm gewesen, Ursel und der Missionar wären plötzlich aufgesprungen und hätten mit ihm zu boxen angefangen. Aber dazu war wenig Aussicht vorhanden.

Erleichtert atmete er deshalb auf, als Toni nach zehn Minuten aufstand und sich verabschiedete. Und draußen wurde es ihm erst recht klar, in was für einem Backofen er gesessen hatte, und mit dem Ruf: „Wie die Kamele, gerade wie die Kamele haben wir uns benommen,“ sprang er die Treppe hinunter, drei Stufen auf einmal nehmend.

Auch Hans und Suse zogen sich bald zurück, denn ihr Gewissen schlug schuldbewußt angesichts der vielen Liebenswürdigkeiten, die Frau Cimhuber ihnen erwies. --

Am andern Tag zur Mittagszeit sahen sie dann den Missionar wieder. Er war heute wie in der folgenden Zeit sehr zurückhaltend.

In der Schule, wo Suse so viel von dem Besuch des interessanten Afrikareisenden erzählt hatte, der Frau Cimhuber und mit ihr ein wenig auch Hans und Suse beehren werde, begann man sich bereits zu wundern, daß die spannenden Geschichten, die Suse von ihm erhofft hatte, ausblieben.

Nun nahm in diesen Tagen Susens Klasse in der Geographiestunde gerade die Westküste Afrikas durch. -- Dorther kam Herr Edwin -- von der Goldküste.

„Ach, wenn er doch einmal reden würde,“ dachte Suse voll Verlangens.

Welche interessanten Dinge würde man da zu hören bekommen! Und welch bedeutenden Eindruck würde Suse in der Schule hervorrufen, wenn sie verkündete, daß sie einen Menschen kenne, der selbst in jenen Ländern gewesen war, der mit eigenen Augen die Menschen, die Tiere, die Pflanzen dort, alles, alles gesehen hatte, der viel mehr wußte, als in den Geographiebüchern stand. Wenn er nur redete!

Da, am Tage vor der Geographiestunde, konnte Suse sich nicht mehr beherrschen und fragte mit einemmal bei Tisch, zu Hans gewandt, während sie im Grunde Herrn Edwin meinte: „Du Hans, wo seid ihr jetzt in der Geographiestunde? Wir sind jetzt an der Elfenbein-, Sklaven- und Goldküste; da herum.“

„Wir nicht!“ sagte Hans und aß ruhig weiter. „Wir nehmen Deutschland durch.“

Frau Cimhuber und ihr Sohn aber hatten von der Unterhaltung überhaupt nichts gehört.

Suse räusperte sich deshalb und sagte lauter als vorher: „Hans, wir sind jetzt in der Geographie an der afrikanischen Sklaven-, Gold- und Elfenbeinküste.“

„Das hast du ja eben erst gesagt,“ meinte Hans und sah sie groß an.

Da wandte sich Suse unter heftigem Erröten an Frau Cimhuber selbst, indem sie sagte: „Wir sind jetzt in der Geographie an der afrikanischen Sklaven-, Gold- und Elfenbeinküste, Frau Pfarrer.“

„Nein, das ist ja interessant,“ meinte die Pflegemutter mit einemmal aufmerksam. „Wie gut trifft sich das. Du, Edwin, die Kinder nehmen jetzt in der Schule die Goldküste durch,“ sagte sie zu ihrem Sohne. -- „Da weißt du ja am besten Bescheid.

Soll euch mein Sohn einmal davon erzählen?“ fragte sie die Geschwister.

„Ja,“ riefen beide hochbeglückt.

„Heute abend könntest du’s tun, wenn wir vom Spaziergang zurückkommen!“ forderte die Mutter ihren Sohn auf. „Wie denkst du darüber? hast du Lust?“

„Warum nicht? Sehr gern!“ antwortete er und nickte den beiden zu. Und sie nahmen seine wohlwollenden Blicke hin, als wär’ es schon der schönste Anfang einer Geschichte.

Am Abend nach Tisch versammelte sich dann die ganze Gesellschaft; Frau Cimhuber und ihr Sohn saßen im Sofa, Ursel und die Kinder auf Stühlen, und auf seinem Ständer in der Ecke der Negergott, der wieder auf seinen alten Platz verpflanzt worden war, nachdem die Kinder vor anderthalb Jahren ihre Pflegemutter gebeten hatten, ihn doch wieder hervorzuholen, sie fürchteten sich nicht mehr vor ihm.

Totenstille herrschte, als Herr Edwin zu erzählen begann. Alles lauschte. Nur zuweilen hörte man Hans und Suse tief atmen. --

Von den großen Weltmeeren, über die er gefahren war, erzählte er, von den großen afrikanischen Wüsten, wo nachts der Ruf wilder Tiere herüberklang, von den undurchdringlichen Urwäldern, wo sich Schlingpflanzen mit Tausenden von bunten Blumen von Baum zu Baum zögen und ein köstliches Gewebe vor den Türen des geheimnisvollen Waldes bildeten.

Hansens und Susens Augen glänzten.

Wie ein Schauer ging es zuweilen durch sie durch, als er von der Größe und Schönheit von Gottes wunderbarer Welt sprach, und eine große Sehnsucht nach der Ferne kam über sie. --

Das war ja alles viel, viel tausendmal schöner, als sie sich vorgestellt hatten.

Da redete Herr Edwin aber mit einemmal von ganz anderen Dingen, und die Mienen der Kinder verdüsterten sich. Von den armen, elenden Menschen in den Tropenländern sprach er, die zuweilen ein Leben führten, schlimmer als die Tiere, die verkamen in geistiger und leiblicher Not. In ihrer Angst errichteten sie sich selbst Götter, aber was für Götter! Jammerbilder, Fratzen, sogenannte Fetische, die zuweilen nichts anderes waren als ein Stück bemalten Holzes oder bemalten Steines.

„Dort die Figur in der Ecke,“ meinte Herr Edwin, auf das Negergöttlein auf seinem Ständer zeigend, „ist ein ganz besonders schöner Gott, verglichen mit vielen andern, die ich gesehen habe. -- Ein wirklicher Staatsgott!“

„Ein Staatsgott?“ sagte Suse ungläubig.

Hans mußte das Lachen verbeißen, wenn er an den drolligen Wicht dort hinten in der Ecke dachte, dem der rechte Mundwinkel herabhing, als hätte er jahrelang eine Tabakspfeife drin gehalten und könne die Lippen nun nicht mehr heraufziehen.

„Den beten sie an?“ fragte Suse erschreckt.

„Ja, das ist ihre Gottheit!“ sagte Herr Edwin fast schmerzlich. „Ein solches Stück Holz ist ihr Gott.“ -- „Ach, wie leiden sie unter dem Aberglauben!“ fuhr er fort. „Sie glauben sich von hunderten von bösen Dämonen umgeben. Das sind die Seelen der Verstorbenen, die sie Tag und Nacht verfolgen und nur auf Greuel sinnen. -- All ihr Unglück schreiben sie ihnen zu, alle ihre Krankheiten, und dabei ist es doch nur die eigene Unsauberkeit und Unwissenheit, die ihre Krankheiten begünstigen.“ --

Der Herr Missionar erzählte nun den Kindern einzelne Fälle von besonders unglücklichen Menschen, die er kennen gelernt hatte.

Hans und Suse rückten mit ihren Stühlen immer näher an den Erzähler heran, fast auf ihn drauf.

Sie waren jetzt ganz mit ihm in Afrika. -- Es war Nachmittag. Sie fühlten die heiße Tropensonne, die auf sie herunterglühte, sie gingen durch hohen, gelben Sand, der ihnen stechend wie Nadeln durch die Kleider drang, sie sahen die Blätter der Palmen, die am Wege in der Glut der Sonne welkend herabhingen. Sie litten in der erstickenden Schwüle brennenden Durst. Sie fühlten, wie sie gleich Herrn Edwin von Fieberschauern geschüttelt wurden und vor Müdigkeit kaum mehr vorwärts schreiten konnten. -- Aber sie mußten weiter, sie mußten vorwärts, denn vor dem nächsten Dorf am Wege lag ein Sklave -- man hatte es ihnen gesagt -- der vom Innern aus den Bergen mit einer Last gekommen war, und dem durch einen Unfall beide Beine zerschmettert worden waren. Voll rohen Sinnes hatten ihn seine Begleiter am Wege liegen lassen, unbekümmert darum, ob er in der Hitze sterbe oder nicht. -- Nur ein Fetischpriester hatte ihm ein Amulett aus Leopardenhaar und Katzenwirbelknochen verkauft, das sollte ihn wieder gesund machen.

Der Missionar und Hans und Suse erreichten den armen Menschen und sahen ihn vor sich liegen, ein Bild des Jammers. Herr Edwin verband ihn unter ihren Augen, und ihr Herz war von Dankbarkeit gegen den Helfer erfüllt.

Je mehr der Herr Missionar erzählte, um so mehr empfand Suse einen schweren Druck auf ihrer Brust. Es waren ihre Pläne über Afrika, die sie quälten und bedrückten. Sie sah sich wieder dort mit ihrem Hofstaat von Affen und Papageien in einem Schloß wohnend, das viel schöner war als das der „Fremdlinge“, umgeben von Sklaven und gefeiert wie eine Königin. -- Und daneben erblickte sie Herrn Edwin, der ein so hartes, ein so einsames und entbehrungsreiches Leben führte, ohne Lohn, ohne Dank, nur von dem Glauben beseelt, daß er Gutes tue Gott zur Ehre.

Vor Beschämung wagte Suse nicht mehr aufzusehen. Und schließlich, in einer Pause, da hielt sie’s nicht mehr aus und sagte: „Ich hab’ mir auch vorgenommen, ich wollte Missionarin werden, Herr Edwin!“

Frau Cimhuber und Ursel fuhren zusammen. Suse saß da wie vor ihrem Todesurteil.

Aber der Herr Missionar sagte ruhig: „Warum solltest du das nicht werden, Kind?“

Suse glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. -- Was hatte er gesagt? Sie durfte auch Missionarin werden, sie?

„Das darf ich auch werden?“ fragte sie glückselig. „Gerade so wie Sie, Herr Missionar?“

„Ja,“ sagte er.

Auch Hans sah begeistert zu ihm hin. Da verdüsterte sich aber Susens Miene wieder und sie beichtete stockend: „Ich hab’ aber immer gedacht, Herr Missionar, wenn ich einmal Missionarin bin, möchte ich dafür schöne Sachen aus fremden Ländern haben.“

„Aber, Suse!“ rief die Pfarrfrau entsetzt.

„Nun,“ sagte der Missionar ganz ruhig, „das ist gar nicht so schlimm. Du kannst auch schöne Sachen dafür haben. Ich glaube aber, du wirst selbst bald einsehen, daß die im Grunde nebensächlich sind, und daß deine schönste Belohnung das Gefühl ist, den Menschen geholfen zu haben.“

„Helfen wollte ich immer, Herr Missionar,“ sagte Suse mehr flüsternd als redend.

„Die Helferei kenn’ ich,“ murmelte Ursel. Aber keiner hörte auf diesen Einwurf. Die Kinder achteten nur auf Herrn Edwin, der jetzt sagte: „Das ist ein schöner Vorsatz, den du da gefaßt hast, Suse, andern zu helfen und Gutes zu tun. -- Die Welt ist ja so groß, und für jeden ist Platz drin, der etwas Tüchtiges und Gutes leisten will. Auch ihr könnt helfen. Ihr müßt nur die Zeit in euerer Jugend anwenden, damit ihr was lernt und hernach auch was könnt. Denn wer selbst nichts kann, kann auch andern nicht helfen.“

„Das hat auch unser Vater schon gesagt,“ fiel Hans ein, „wenn ihr andern helfen wollt, müßt ihr erst selbst was können.“