Part 10
„Theobald,“ flehte die erstere, „laß uns doch auch mitgehen, wie die Feiglinge können wir doch unmöglich draußen stehen bleiben.“
„Ausgeschlossen,“ erklärte Theobald streng. „Der Vater will nicht mehr, daß ihr die Raufereien mitmacht. Auch die Großmutter hat geweint, als sie uns das letztemal besucht hat und gesehen hat, wie dir der Henner ein Stück vom Zopf geschnitten hat und damit die Friedenspfeife geraucht hat. Und obendrein ist es Onkel Rudolf seine gute, geschnitzte Pfeife gewesen, und er sagt, man riecht’s noch jetzt zehn Schritt gegen den Wind. Es sei eine Barbarei.“ --
„Hier habt ihr zehn Pfennig,“ setzte er milder hinzu. „Kauft Verbandstoffe und wartet hinter dem Gitter der Villa auf den Gang der Ereignisse. Kommen wir in wilder Flucht aus der Villa, so rennt ihr mit uns was ihr könnet. Verstanden? Nicht umsehen. Nur rennen, rennen -- rennen. --“
Seufzend nickte Toni und schloß sich mit Suse dem Zug der Rachedurstigen an. Alle Knaben, bis auf Hans, trugen einen Stock in der Hand; und damit auch er bewaffnet sei, holte ihm Theobald unterwegs aus der Wohnung eines seiner Freunde einen derben Eichenknüppel.
Fünfzig Jahre wäre dieser Stock schon in der Familie gewesen und hätte bereits dem Urgroßvater gute Dienste getan, hatte der Freund zur Empfehlung des Steckens gesagt.
Hans nahm ihn dankend an.
Vor dem Eingangstor der Villa Granada verabschiedeten sich die Knaben von den Mädchen. Die bewaffnete Schar drang nun in den Garten ein, vorüber an dem kleinen efeubesponnenen Pförtnerhäuschen, dessen Bewohner ihnen mit Erstaunen nachsahen.
Hansens Gesichtsfarbe wurde jetzt blässer. Die Augen saßen tief in ihren Höhlen. Seine Nase schien spitz geworden. Nur die Lippen hielt er fest zusammengepreßt mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck. Theobald, der Leiter der Bewaffneten, räusperte sich zuweilen und warf seinen Kopf herausfordernd in den Nacken, als stehe er bereits an der Anklagestätte. Christoph schritt am kecksten einher. Sein spanisches Rohr flitzte zuweilen pfeifend durch die Luft, als wittere es bereits die Granadasöhne.
Ein gutes Stück hinterher trottete Henner. Ihm war die hohe Aufgabe zuteil geworden, den Korb mit dem Jockel zu tragen. Zärtlich schmiegte er sein Ohr an das Geflecht des Korbes und flüsterte mit sanfter Stimme: „Jockerl, sei still, gutes Tier, sei still. Unser aller Rettungsengel bist du. Unser lieber, guter Jockerl. Denen wollen wir mal Mores lehren, gelt? Ich werde dich herausnehmen, wenn’s Zeit ist.“
Und als sei der Knabe bereits bei dem Onkel angelangt und walte seines Amtes, so begann er jetzt an dem Verschluß des Korbes zu zerren, zu rütteln und zu heben. Der Deckel sperrte sich. --
„Das verflixte Ding,“ grollte er, zerrte heftiger und riß plötzlich den ganzen Deckel weit auf. -- Es rührte sich im Korb. Heraus sprang der Jockerl und jagte davon.
„Er ist fort,“ schrie da gellend sein Wächter, „er ist fort!“
Die vier Helden vor ihm fuhren wie von der Kugel getroffen herum.
Hans fiel vor Schreck der Eichenknüppel aus der Hand.
Theobald, der in Gedanken gerade zu seinem Onkel gesagt hatte: „Angesichts des Eichhörnchens ist Hansens Unschuld erwiesen, so rein, so sonnenklar, so hell wie der Tag,“ stürzte laut schreiend auf seinen Bruder los. „Unglücklicher, was hast du gemacht!“ rief er. „O du jämmerliches Trampeltier, einfältiger Eselskinnbacken! Käsweiser Rabenvater! Was jetzt? Was jetzt?“
Der Bruder war leichenblaß, er hatte ein Gefühl, als hätte er einen Schlag auf den Kopf bekommen. Seinen Händen entglitt der Korb.
Jockerl jagte derweil auf den nächsten Baum zu, kletterte daran in die Höhe und hüpfte bald als ein braunes, kleines Etwas im Gewirr der Äste herum. Mit Geschrei verfolgten ihn die Kinder. Auch Toni und Suse kamen von draußen herein und schlossen sich der Verfolgung an. Jockerl kletterte vom Baum herab, rannte dreimal um das große Blumenbeet und verschwand in den Ziersträuchern am Wege. Auf das gräßliche Geschrei der Kinder hin kam nun der Gärtner der Villa herbei, und, sie für Eindringlinge von der Straße haltend, warf er ihnen seine Schaufel und Hände voll Erdklumpen hintendrein. Der Sand prasselte und stob ihnen um die Ohren.
Sie kümmerten sich nicht darum. Sie schlugen mit den Knüppeln an die Bäume und schrien: „Jockerl, Jockerl, komm herunter! Jockerl, Jockerl!“
Der Jockerl aber schwang sich immer weiter fort. Noch einmal jagte er um die schönsten Blumenbeete herum und in die Ziersträucher hinein. Dann verließ er den Garten auf Nimmerwiedersehen. Im Park der gegenüberliegenden Villa verschwand er.
Voll dumpfen Grolls auf ihren Bruder Henner traten sie darauf den Heimweg an.
In dem Haus der Frau Cimhuber aber wuchs die Angst vor dem Kamel von Stunde zu Stunde. Vor allen Dingen Ursel zweifelte nicht mehr daran, daß es komme. Erschallte unten auf der Straße Lärm, oder ließen sich aufgeregte Stimmen vernehmen, so beugte sie sich ängstlich über die Fensterbrüstung und spähte in die Tiefe.
„Es kommt, es kommt,“ rief sie an einem Morgen so laut, daß auch Frau Cimhuber herzklopfend herbeieilte und sich weit über die Fensterbrüstung beugte. Ihre Brille fiel dabei in die Tiefe.
Die ganze Aufregung war einem Reklamewagen zu verdanken, der mit bunten Tierbildern bemalt, am Kanal entlang fuhr.
„Ich sehe Gespenster am hellen Tag,“ erklärte Ursel seufzend, „das endet nicht gut.“
An demselben Morgen, an dem sich dieser Zwischenfall ereignete, erschien ein Beamter des Zoologischen Gartens, um nach der Adresse von Hansens Vater zu fragen. --
Die Würfel waren gefallen. --
Keiner zweifelte mehr daran.
Hans war wie verstört. Er sah Kamele an allen Ecken und Enden. Sie schauten über seine Schulter, wenn er Diktate schrieb, sie gingen vor dem Pult auf und nieder, wo der Lehrer saß; sie warteten an der Haustreppe, wenn er aus der Schule kam. Fünf schreckliche Tage vergingen.
Da -- am sechsten, als Hans und Suse aus der Schule heimkehrten und zur Tür hereintraten, flüsterte ihnen Ursel zu: „Er ist da in der Negerstube.“ --
„Wer?“ fragten die Kinder erschreckt, „der Direktor? Der Wärter?“
Da erschien Frau Cimhuber und forderte sie auf, in die Negerstube zu treten und ihren dort wartenden Onkel Gustav zu begrüßen.
Schnell brachten sie ihr Haar und ihre Kleider ein wenig in Ordnung und schritten dann erwartungsvoll dem hohen Besucher entgegen.
„Schau den Onkel fest an, Hans, und guck nicht auf die Erde,“ ermahnte Suse den Bruder, „sonst denkt er, du hast das Kamel geworfen. -- Sieh so, Hans,“ und Suse trat mit kühner Miene in die Negerstube und erhob ihre Stupsnase so keck, als wollte sie den Onkel damit aufspießen.
Hans versuchte es seiner Schwester gleich zu tun. Aber das war gar nicht nötig; denn der Besucher hatte eine so herzlich gewinnende Art und sah einen mit seinen hellen Augen so gütig an, daß man gleich Zutrauen zu ihm haben mußte. Freundlich forderte er die beiden Kinder auf, sich auf einen Stuhl neben ihn zu setzen und begann dann allerlei mit ihnen zu reden, das sie interessieren konnte. -- Von ihrer Heimat sprach er, von ihren Eltern, von den Bergen. Man konnte meinen, er sei schon einmal auf Besuch dort gewesen. Am liebsten hätte Suse ihm gleich allerlei von Rosel, Christine, Minnette und dem Käterle von Michel und Genoveva anvertraut.
Doch der Onkel leitete das Gespräch geschickt auf den Besuch über, den die Kinder vor einigen Tagen in seinem Hause gemacht hatten. Dann mußte Hans erzählen, wie es ihm im Zoologischen Garten gefallen habe, welches Tier für seinen Geschmack das schönste sei. Und so allmählich kamen die drei auch auf das Abenteuer mit dem Kamel zu sprechen.
Durch Suses lebhafte Zeichensprache ermuntert, erzählte Hans frei und offen alles, was sich gestern zugetragen hatte.
„Hast du nicht vielleicht auch Lust gehabt, ein ganz klein wenig mit Sand zu werfen, wie du sahst, daß die andern es taten?“ forschte sein Onkel.
Hans sagte ganz erschreckt: „Das tut man doch nicht, das tut den Tieren ja weh.“
Da trat ein bekümmerter Zug in das Gesicht seines Onkels und wich nur ganz langsam wieder. Dann leitete der Besucher das Gespräch auf harmlosere Dinge über und fragte schließlich die beiden, ob sie nicht Lust hätten, ihn und seine Kinder bald einmal wieder zu besuchen. Er werde ihnen dann Geschichten erzählen, und seine Sammlung von wilden Tieren zeigen.
Da wurden Bruder und Schwester sehr verlegen, bekamen rote Köpfe und drucksten an einer Antwort herum. Endlich stotterte Hans: „Ihre Kinder und die schwarzen Frauen haben gesagt, wir sind schmutzig und arm, und jetzt dürfen wir niemals mehr zu ihnen auf Besuch kommen. Unsere Eltern wollen’s nicht.“
Und Suse setzte verlegen hinzu: „Unsere Mutter hat noch geschrieben, sie möchte nicht, daß wir immerzu daran denken, daß wir auch so wunderschöne Dinge haben möchten wie Sie, einen so schönen Pfau und solch einen schönen Garten und solche ausgestopften Tiere und Schlangen in Spiritus. Dann würde sie sich für uns schämen. Wir sollen nicht neidisch sein. Wenn wir älter sind, dürfen wir sie einmal wieder besuchen, jetzt nicht.“
Wieder kam der bekümmerte Ausdruck in das Gesicht des Onkels. Er sah nach seiner Uhr und sagte: „Es ist Zeit, daß ich gehe. Ich habe mich schon etwas verspätet. -- Dann also, adieu. -- Das mit dem Kamel wird sich machen. -- Wo ist Frau Cimhuber?“ fragte er Suse.
Darauf holte das kleine Mädchen die Pfarrfrau, und als er sich freundlich von ihr und den Kindern verabschiedet hatte, ging er die Treppe hinunter...
Zwei Stunden mochten seit seinem Weggang verstrichen sein, da klingelte es, und als Ursel die Tür aufmachte, befand sie sich dem Briefträger gegenüber, der einen großen Brief in der Hand hielt. „Von der Direktion des Zoologischen Gartens,“ murmelte sie erschreckt. -- „Also doch, es kommt!“
Und mit diesen Worten trug sie den Brief zu ihrer Herrin in die Negerstube.
„Lesen Sie, lesen Sie,“ sagte sie bestürzt, „ich will nicht hören, was in dem Unglücksbrief steht. -- Ich bin wie geschlagen. Ich fühle es in allen Gliedern, es kommt.“
So sprechend hielt sie sich die Ohren zu und lief in die Küche, um hier die Tür fest hinter sich abzuschließen.
Hans und Suse, die auf Ursels aufgeregten Ruf von vorhin in die Negerstube geeilt waren, standen mit großen Augen neben Frau Cimhuber und fühlten ihr Herz klopfen. Ihre Pflegemutter setzte die Brille auf, öffnete den Brief mit einem Falzbein und begann langsam zu lesen. Mit einemmal seufzte sie tief, tief aus Herzensgrund.
Gleich darauf hörte Ursel in der Küche einen lauten Schrei der Kinder und schrie aus Entsetzen mit. -- Jetzt mußte die Nachricht verlesen worden sein.
Aber was war das? Das waren ja Jubelrufe!
„Das Kamel ist gesund, das gräßliche Kamel ist gesund,“ tönte es draußen, und als Ursel durch eine Türritze spähte, sah sie Hans und Suse wie die verzückten Derwische im Gang auf- und niederwirbeln, laut jubelnd: „Es ist gesund, das schauderhafte Kamel ist gesund.“
Hans schlug einen Purzelbaum mitten im Gang.
Da liefen Ursel die Tränen über die Backen und sie rief, die Küchentür weit öffnend: „Lacht und singt, Kinder, lacht und singt! Heute soll’s nicht darauf ankommen! Fünftausend Mark! Eure Eltern wären bankerott gewesen. -- Und was für eine Schande für uns, wenn es hier angekommen wäre. Lacht und singt!“
Und als etwas später Gretel und Peter kamen, um wie gewöhnlich in den letzten Tagen des Nachmittags nach einer Nachricht von dem Kamel zu fragen, kochte sie den Gästen Schokolade und setzte ihnen kleine Kuchen vor. Alles aus reiner, seliger Freude über das genesene Kamel.
Als Hans am andern Morgen seinen Vettern in der Schule die frohe Nachricht von dem glücklichen Wechsel der Dinge überbringen wollte, ließen sie ihn erst gar nicht zu Worte kommen, so brannte sie eine eigene, wichtige Nachricht auf der Zunge. --
„Die Täter sind entlarvt,“ rief Theobald seinem Vetter von weitem zu.
„Unser Vater war gestern bei den Fremdlingen. Fein hat er’s gedeichselt. Und sie haben alles gestanden, diese miserablen Granadasöhne, und die schwarzen Ungeheuer auch...“
An demselben Tag traf der Doktorssohn zufällig auf seinem Heimweg mit seiner Schwester Suse zusammen, und die beiden gingen die letzte Strecke Weges miteinander. Hans lachte und summte fortwährend vor sich hin und sprang alle paar Schritte eine Elle hoch vor Freude.
„Nicht wahr, wie schön, daß wir nicht mehr an das Kamel zu denken brauchen?“ fragte er.
Seine Schwester nickte beifällig.
Aber trotzdem blieb sie nachdenklich, und mit einemmal seufzte sie tief vor sich hin.
„Was hast du?“ fragte der Bruder besorgt.
Eine Weile blieb sie die Antwort schuldig, dann stotterte sie etwas verlegen: „Weißt du, Hans, wenn wir recht viel Geld hätten, wäre es doch wunderschön, wenn wir ein Kamel für uns ganz alleine hätten. Denke dir wie herrlich wäre es, wenn es jetzt bei Frau Cimhuber auf uns wartete. Ich möchte wohl eins haben.“
Doch Hans entgegnete: „Nein, weißt du, Suse, früher hab’ ich Kamele sehr gern gehabt, aber jetzt wird’s mir ganz schlecht, wenn ich nur an eines denke. Noch nicht einmal in Bilderbüchern mag ich sie mehr besehen.“
Doch Hans änderte seine Meinung mit der Zeit, als Onkel Fritz ihn und Suse des öfteren mit in den Zoologischen Garten nahm, und er das Tier in seiner ganzen Harmlosigkeit betrachten konnte. Nur in die Villa Granada ging keines von den Kindern mehr. Auch Onkel Sepp hatte nach dem Vorfall mit dem Kamel seinen Kindern verboten, ihren Besuch dort zu wiederholen. -- Wie an fremder Erde gingen sie nun an der Villa der Fremdlinge vorüber. Zuweilen sahen Hans und Suse wohl den Pfau mit seinem prunkenden Gefieder durch die Gitterstäbe leuchten und blieben ein Weilchen stehen, um ihn zu betrachten. Aber zu ihm hinein verlangte es sie nicht mehr. Und so erfuhren sie auch nie, wie sehr sich Onkel Gustav grämte darüber, daß seine Kinder von allen gemieden wurden.
Viertes Kapitel
Der Missionar
Zwei Jahre waren vergangen, seit Hans und Suse bei Frau Cimhuber, der Pfarrfrau, in dem hohen weißen Haus am Kanal wohnten, und manch inhaltsreicher Brief war in dieser Zeit aus der Stadt nach dem Heimatsort der beiden gewandert. Die Eltern und Freunde der Kinder waren die glücklichen Empfänger dieser abwechslungsvollen Schreiben gewesen.
Da erhielt nun eines Tages Christine, ihre alte Kinderfrau, einen ganz besonders langen Brief Susens. Es traf sich, daß bei seiner Ankunft gerade Rosel, die Magd der Doktorsleute, zugegen war und die las ihn vor.
„Jesus, Maria und Joseph,“ schrie sie mit einemmal und sprang mitten in die Stube. „Hört, Tante, was Suse schreibt: Der Herr Edwin kommt zu Frau Cimhuber auf Besuch; er hat schon eine Leiche vorausgeschickt. Die Leiche ist schon viele tausend Jahre tot. Schon viele Jahre vor Christi Geburt. Sie steht im Gang bei Frau Cimhuber. Sie ist etwas größer als Hans.“
Das war zuviel für Rosel. Sie schleuderte den Brief weit von sich.
„Scht,“ mahnte Christine, „heb den Brief auf. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Das ist nicht geheuer, was Suse schreibt. Wir müssen zur Frau Doktor gehn und ihr den Brief zeigen. Sie weiß Rat.“
Der Brief, der Rosel und Christine in solche Verwirrung versetzte, war von Suse am vergangenen Sonntag in größter Aufregung geschrieben worden; denn vor dem Kirchgang hatte Frau Cimhuber plötzlich zu Hans und ihr gesagt: „Mein Sohn Edwin aus Afrika kommt nach Hause.“ Die Kinder waren zusammengefahren, und Susens Herz hatte laut geklopft.
Herr Edwin kam! Ihr Held, ihr Vorbild! Alles was groß, schön, herrlich, erhaben war, verkörperte sich für sie in seiner Person; denn in den zwei Jahren, die sie bei Frau Cimhuber verbracht, hatte sie soviel Außergewöhnliches von ihm und seinen Taten gehört, daß er ihr wie ein Welt- und Meerwunder vorkam.
Herrn Cimhubers Gepäck traf einige Tage vor ihm ein: eine Kiste und ein umfangreiches, in Sackleinwand eingenähtes, längliches Bündel. Er selbst verzog noch eine Woche in seinem Missionshaus in einer entfernten Stadt.
Die Doktorskinder gingen von nun ab nur noch flüsternd durch den Gang, die Augen in stiller Ehrfurcht auf des Missionars Gepäck gerichtet. Ein Duft von fremden Ländern haftete ihm an.
Sie berieten hin und her, was es wohl enthielte. Suse meinte, die große Kiste sei voll schrecklicher Götzen, Schwerter, Spieße und dergleichen fremdländischer Gegenstände mehr.
Aber was mochte der große Ballen enthalten? Leise strichen die Kinder darüber. Auch Theobald und seine Geschwister wurden eingeweiht und tauschten Betrachtungen über den möglichen Inhalt des seltsam geformten, in Wachstuch genähten Bündels aus.
„Hört,“ meinte Toni mit einemmal, „ich glaub ich hab’s. Herr Edwin interessiert sich für Altertümer. Es könnte eine Mumie sein.“
„Eine Mumie.... was ist das?“ riefen Hans und Suse.
„Nun, ein einbalsamierter Mensch,“ entgegnete Toni. „Oder besser gesagt, ein durch Spezereien für alle Zeiten unvergänglich gemachter, menschlicher Leichnam.“
„Welch ein Blödsinn,“ seufzte Theobald.
„Durchaus nicht, mein lieber Bruder, vielleicht ist die von Herrn Edwin herbeigeschaffte Mumie sogar eine ägyptische... ein Pharao, ein ägyptischer König.“
„Ja,“ rief Suse, „ein Pharao.“
Sie war Feuer und Flamme für die Erklärung. Das Bündel, das bei Frau Cimhuber im Gang stand, konnte nur eine Mumie sein... ein ägyptischer König, vielleicht jener, der die Kinder Israel aus Ägypten getrieben hatte. Wie geheimnisvoll!
Auf Zehenspitzen schlich sie von nun an daran vorüber. Alle ihre Freunde und Bekannten wurden von dem interessanten Paket unterrichtet, und so geschah es, daß jener oben erwähnte Brief an Christine geschrieben wurde.
Hans redete weniger von der Mumie als seine Schwester, brannte aber in demselben Maße wie sie darauf, jene von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Frau Cimhuber mochte er nicht behelligen. So fragte er denn eines Tages die alte Magd: „Was will denn der Herr Missionar mit der Mumie anfangen, Ursel?“ Die Magd sperrte den Mund auf. „Was schnatterst du da?“ rief sie endlich. „Was für ein Kauderwelsch? Willst du mich utzen, raucht’s dir im Kamin?“
„Nein... nein, Ursel, durchaus nicht... die Mumie mein ich... da draußen auf dem Gang. -- Er... er... der Pharao, der König von Ägypten. Kommen Sie, schauen Sie doch her... hier.“
Er lockte die Magd hinaus.
„Saperlott,“ schrie Ursel, als sie nichts sah wie das Bündel. „Willst du mich zum Besten haben? Soweit ist’s denn doch noch nicht mit uns gekommen. Ich will sehen, wer Meister ist, du oder ich...“
Hans stürzte Hals über Kopf die Vorplatztür hinaus und in fünf Sätzen die Treppe hinab.
Am andern Tag hatte er sich aber bereits wieder soweit gefaßt, daß er von neuem beginnen konnte: „Ursel, sollen denn die Sachen noch lang im Gang stehen, die Kiste und das andere Paket?“
„Warum frägst du?“ entgegnete die Magd. „Sind sie dir im Weg?“
„Nein, nein, durchaus nicht, im Gegenteil. Ich freue mich, daß die Sachen da sind. Ich interessiere mich dafür, auch Suse. Wir möchten die Gegenstände mal von inwendig besehen.“
„Was?“ rief Ursel erzürnt. -- „Die ‚Gegenstände‘ -- -- --. Die ‚Gegenstände‘ wollt ihr durchschmusen? Was habt ihr in meinen Sachen verloren? Überall müßt ihr eure Nase drin haben.“
„Das sind Ihre Sachen?“ stotterte Hans und machte überlebensgroße Augen, „den König von Ägypten schenkt er Ihnen -- Ihnen -- Ihnen -- na, da können Sie sich aber freuen.“
„Freuen soll ich mich?“ rief Ursel und rückte ihm auf den Leib. „Sag’s noch einmal, und du wirst es büßen.“
Hans flüchtete. Verwirrt keuchte er: „Da können Sie sich aber freuen. Das hätt’ ich nicht im Schlaf gedacht -- Ihnen -- Ihnen schenkt er den Pharao.“
Hinterdrein kam Ursel. „Ich will euch lehren, mir Mordgeschichten vom Pharao zu erzählen,“ schalt sie. „Wartet, euch sticht der Hafer. Nichts hört man mehr von dir und Suse als vom Pharao. Euch ist eine Schraube los. Gleich will ich dir einen Pharao mit dem Kochlöffel geben.“ --
„Kriegen wir bald zu sehen, was in den Paketen ist?“ fragte Suse einige Tage darauf schüchtern Ursel, als Hans sie auf Kundschaft ausgeschickt hatte.
„Niemals,“ entgegnete Ursel, „zur Strafe für eure Neugier.“
Theobald, der sich ebenfalls für die Mumie interessierte, erklärte eines Tages, er werde, um allen Streitigkeiten ein für allemal ein Ende zu machen, hingehen und die Mumie rauben.
„Theobald, das tust du nicht,“ rief Toni mit erschrecktem Gesicht. „Du weißt doch, Frau Cimhuber verachtet dich. Wie kannst du es wagen, ihr Haus zu betreten?“
„Abwarten,“ entgegnete Theobald, „die Sache will überlegt sein.“
Inzwischen kam der Tag immer näher heran, an dem der Missionar erwartet wurde. Immer aufgeregter wurde Frau Cimhuber, und eines Morgens da konnte sie sich endlich, endlich sagen: „Heute kommt mein Sohn.“ Hoch schlug ihr Herz, und immer wieder suchte sie das Zimmer auf, das zu seinem Empfang bereitet war. -- Es war Susens Zimmer, das der Missionar in seiner Kindheit bewohnt hatte und das er jetzt wieder beziehen sollte. Drum war das kleine Mädchen in ein Gemach neben der Negerstube verbannt worden.
Ein Waldstrauß, den die Kinder am Sonntag mit Ursel geholt hatten, schmückte Herrn Edwins zukünftiges Reich. Die Mullgardinen am Fenster leuchteten blütenweiß, und in der Ecke stand ein kleiner Schrank, der angefüllt war mit den Spielsachen aus des Missionars Kinderzeit. An Frau Cimhubers Seite durften sich die Doktorskinder das festlich geschmückte Zimmer betrachten. Ihre leuchtenden Augen flogen bewundernd durch den Raum, und Suse sagte leise vor sich hin: „Wie an einem Weihnachtsfest so schön ist’s hier.“
Die Pfarrfrau küßte sie und sagte leise: „Mein liebes, liebes Kind.“
Geschmeichelt fuhr das kleine Mädchen fort: „Ach, wenn wir doch so artig wären, wie Ihr Sohn gewesen ist, nicht wahr, Frau Pfarrer? Dann hätten Sie mehr Freude als jetzt. Dann würden Sie sich niemals über uns ärgern.“
Die alte Dame strich Suse liebkosend über den blonden Scheitel.
Hier runzelte Hans die Brauen und sagte seiner Schwester etwas später erzürnt: „Du wolltest dich natürlich bei ihr anschmusen, alte Schmeichelkatze; ich merkte es wohl. Schäme dich. Gepiepst hast du, als könntest du keine drei zählen.“
Jetzt aber fragte Suse Frau Cimhuber weiter: „Er bleibt doch lange da, der Herr Edwin, nicht wahr, Frau Pfarrer?“
„Ich weiß es nicht, Kind,“ erwiderte jene. „Mein Edwin ist krank. Aber wir pflegen ihn wieder gesund, nicht wahr? Jeden Tag muß er spazieren gehen. Bald bekommt er wieder rote Backen und wird frisch und blühend. Alle seine Leibgerichte bekommt er.“
„Ißt er auch Kalbshaxen und Knödel gern?“ fiel Hans schüchtern ein.
Hier war es nun an Suse, die Brauen zu runzeln und hernach ungehalten zu ihm zu sagen: „Sie hat natürlich gemerkt, daß nur du die Kalbshaxen wolltest. Du brauchtest sie doch an einem solch schönen Tag durch deine Gefräßigkeit nicht zu kränken. Toni hat auch gesagt: ‚Das ist ein Markstein in Frau Cimhubers Leben.‘“ --
Inwiefern man an einem Markstein in seinem Leben nicht an Kalbshaxen mit Knödeln erinnert werden dürfe, war Hans schleierhaft, und er sah Suse deshalb wie versteinert an, um hernach zu erklären: „Aber so was Dummes, aber so was Dummes, Suse! Seit der Herr Missionar kommt, meint man grad, du bist närrisch. Wie verdreht bist du. Immer piepst du so und gehst wie auf Eiern und tust so fein, grad als wärst du die Kaiserin. Ich kann es bald nicht mehr mit ansehen. Theobald hat auch gesagt, wenn du so fortmachst, wirst du eine auf Draht gefädelte Zierpuppe.“
Um vier Uhr wurde der Missionar erwartet. Kurz nach eins lagen auf der Pfarrfrau Bett schon der schwarze Hut, ihr Schleier und die Handschuhe bereit, die sie anziehen wollte, um ihrem Sohn zum Bahnhof entgegen zu gehen. Je weiter die Stunde vorschritt, je unruhiger wurde sie. Ursel fürchtete schon, sie würde krank werden.
Auch die Doktorskinder waren in großer Aufregung. Nach Schulschluß eilten sie zum Bahnhof, wo Toni und Theobald sich bereits eine Nische neben dem Hauptportal ausgesucht hatten; und hier erwartete die ganze Gesellschaft nun Mutter und Sohn.