Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 8
O, so möge denn auch die Zeit immer näher kommen, daß Dich, den Ewigen, unseren Gott, alle Geschöpfe in Ehrfurcht preisen, daß alle Menschen auf der Erde erfüllt werden von dem Bewußtsein Deiner Erhabenheit, daß alle einmütig vor Dir sich beugen, daß alle in einem Bunde sich vereinigen, um mit freudigem Herzen Deinen Willen zu üben; daß sie es erkennen, so wie wir es wissen, daß Dein allein die Herrschaft ist, alle Macht nur in Deiner Hand, alle Stärke nur in Deiner Rechten, und daß Dein Name allein würdig ist, der Inbegriff aller Ehrfurcht zu sein für alle Geschöpfe der Erde.
Und so möge es auch zur Ehre Deines Volkes anerkannt werden, daß sein Glauben die Wahrheit ist. Das sei der Ruhm Deiner Verehrer, die Hoffnung derer, die Dich suchen. Das freimütige Wort derer, die auf Dich harren, sei immerdar die Rede: „_Einst wird der Herr das Licht der Wahrheit leuchten lassen über die ganze Welt._“ O tue es bald! O tue es bald!
Bringe näher die Zeiten des Heiles vor unseren Augen, so daß die Gerechten es sehen und dessen sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen in Jubel ausbrechen, wenn das Laster verstummt, die Bosheit wie Rauch vergeht und die Herrschaft des Übermutes schwindet von der Erde.
Dann wird der Glauben an Dich allein die Welt regieren, dann wird erfüllt Dein heiliges Wort:
„_Der Herr allein regiert die Welt, dein Gott ist's, der Gott, auf Zion, angebetet, von Geschlecht zu Geschlecht, Halleluja_!“
O, Ewiger! unser Gott! laß diesen Tag der Versöhnung uns zum Heile werden, auf daß wir entsündigt werden von allen unseren Vergehungen.
Laß an dem heutigen Tage vor Dir aufsteigen das Andenken an uns, die Betenden, auch das Andenken an unsere Väter, die vor Dir gewandelt sind, auch das Andenken an den Erlöser, den Du Deinem Volke verheißen, auch das Andenken an Jerusalem, Deine heilige Stadt, auch das Andenken an das ganze Volk Israel, dem Du ein treuer Hüter gewesen bist auf seinem Wandel durch die Zeiten, damit Du am heutigen Tage der Versöhnung unser gedenkest in Milde und Barmherzigkeit, zum Glücke und zur Rettung, zum Leben und zum Wohlsein.
O, gedenke unser heut zum Glücke! Erinnere Dich unser zum Segen! Steh' uns bei, auf daß wir leben!
Denn auf Dich sind unsere Augen gerichtet, Du bist Gott, Du bist König, Du bist der Allgütige.
Unser Gott, und unserer Väter Gott! Vergib unsere Sünden an diesem Versöhnungstage und lasse unsere Missetaten aus Deinen Augen schwinden, wie Du verheißen hast: „_Ich, ich bin es, der ablöscht deine Missetaten um meinetwillen, und deiner Vergehungen gedenke ich nicht_,“ und wie es ferner heißt: „_Ich habe abgelöscht wie Gewölk deine Missetaten und wie Wolkendunst deine Vergehungen._ Kehre _zurück zu mir, denn ich habe dich erlöset_“, und wie es ferner heißt: „_Denn an diesem Tage entsühnt er euch_, um _euch zu reinigen von allen euren Sünden, vor dem Ewigen sollt ihr rein sein._“
Reinige unser Herz, daß wir mit Eifer und in Wahrheit Dir dienen. Du bist es ja, der sein Wohlwollen nicht ablenkt von den Stämmen Jeschuruns, bis an das Ende der Zeiten. An wen sollten wir uns auch wenden, da nur Du unser König bist, der uns begnadigen kann. Alljährlich läßt Du unsere Schuld dahinschwinden. So liebst Du Dein Volk Israel, und darum auch schenktest Du uns den Versöhnungstag.
Nimm auch unsern Dank, o Gott und Gott unserer Vorfahren, für das Leben, das Du bis heute uns bewahrt, für die Wohltaten, die Du bis heute uns erwiesen. Alles, was Du für uns tust, ist groß und wunderbar, wir könnten nicht genügend Dir danken, wollten wir auch täglich vom Morgen bis an den Abend Dich rühmen. Ohne Ende ist Deine Güte, und Deine Liebe hat keine Grenzen.
O Herr! Laß unsere Bitte vor Dich kommen, wenn wir gleich auf unser Recht nicht bauen können: wir wissen gar wohl, wie vielfach wir gesündigt haben.
Wir sind abgewichen von Deiner Lehre und von Deinen Vorschriften, die so heilsam für uns sind, Du freilich bist gerecht, wir aber stehen beschämt als Sünder vor Dir.
Was sollen wir sprechen vor Dir? Du wohnest in der Höhe und überschauest das All. Was sollen wir Dir mitteilen? Dein Thron ist über den Wolken. Nur vor uns gibt es Geheimes und Offenbares, Dir aber ist alles, alles bekannt.
Du kennst die Geheimnisse der Welt und kennst sie seit Ewigkeit, und ebenso die Verborgenheit, in der das kleinste Wesen lebt, Du durchforschest die geheimsten Gedanken unserer Brust, nichts ist Dir unsichtbar, kein Verbergen gibt es vor dem Auge Deiner Allwissenheit.
O Herr! Darum kennst Du auch mich, mein ganzes Wesen, mein ganzes Leben und meine Fehler und Sünden. Ich aber flehe Dich an, o vergib! Verzeihe und gewähre mir Versöhnung!
O Herr! Wie könnte ich denn Dir zu nahe treten, wie könnte ich Dich beleidigen durch meine Sünde, nur mir, meiner Veredelung und dem Heile meiner Seele kann ich schaden, denn ob ich gleich geboren bin, bin ich immer noch ein Nichts. Staub bin ich bei meinem Leben, um wie viel mehr nach meinem Tode, wenn ich nicht die Seligkeit des ewigen Lebens mir erwerbe. Beschämt und vernichtet ich vor Dir, wenn ich die Geringfügigkeit meiner Tugend mir bedenke. O, Herr! Laß meinen Willen erstarken, daß ich fortan die Sünde meide, und was ich bis jetzt verschuldet, das laß vergessen sein vor Dir. Reinige mich und läutere mich durch Deine Gnade und Verzeihung, aber, o Herr! nicht durch Prüfungen und Strafgerichte.
*Verzeichne zum glücklichen Leben alle Kinder Deines Bundes.*
*Verzeichne uns heut, uns und das ganze Haus Israels, ins Buch des Friedens, der Nahrung und des Wohlseins.*
Bewahre unsere Zunge vor trüglicher Rede und unser Gemüt vor Hochmut, segne uns mit einem willigen Herzen und einem eifrigen Geiste zur Erfüllung unsrer Pflichten, und nimm wohlgefällig auf die Worte meines Mundes und die Gedanken meines Herzens, Du, mein Fels und mein Erlöser! Amen.
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Sünden-Bekenntnis.
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Herr und Vater! Du hast den heiligen Versöhnungstag für uns eingesetzt, daß wir das Heil unserer Seele, die Vergebung unserer Sünden von Dir erlangen. Wohl weiß ich es, daß ich keine Versöhnung für mich herbeiführen kann ohne Reue und Besserung. Darum ist dieser Tag für mich eine Zeit der Selbstprüfung und des eifrigen Forschens nach dem Zustande meines innersten Wesens. So laß mich denn reuevoll das Bekenntnis meiner Sünden vor Dir aussprechen.
Was könnte es mir auch nützen, wenn ich sie verbergen oder auch nur das offene Eingeständnis derselben unterdrücken wollte! Ist Dir ja doch das Geheimste offenbar. Du schauest den verborgensten Zusammenhang aller Dinge im Weltall, und ebenso geöffnet vor Dir sind die Kammern meines Herzens, meine Taten alle und alle meine Gedanken.
Herr und Vater, ich habe _gesündigt gegen Dich_.
Ich habe die falschen Vorstellungen von Dir nicht in dem Maße aus meiner Seele verbannt, als ich es wohl vermocht hätte, wenn ich mit Eifer jede Gelegenheit gesucht hätte, Belehrung zu empfangen, um den Glauben zu befestigen und mich vom Aberglauben zu entfernen.
Ich habe nicht Dir allein gedient: habe mich des Götzendienstes schuldig gemacht, wenngleich ich nicht gebetet vor Holz oder Stein, denn oft habe ich mein Knie gebeugt vor dem Unwürdigen, um die Gunst der Menschen mir zu erkaufen, oft habe ich auch ein Opfer dargebracht auf dem Altar des Genusses, das Dir nicht wohlgefällig war.
Ich habe nicht Dir _allein_ vertraut und nicht Dir _über alles vertraut_; denn ich gründete mein Hoffen oft einzig auf die Hilfe der Menschen und noch öfter auf meine eigene Einsicht.
Ich habe Deine Liebe nicht anerkannt, denn ich habe Deine Gaben genossen, ohne an Dich zu denken und Dir zu danken.
Ich habe Deinen Namen nicht heilig gehalten, sondern ihn leichtfertig und unnötig ausgesprochen, und so die Ehrfurcht gegen Dich verletzt.
Ich habe den Sabbat nicht immer geheiligt, und oft versäumt, ihn anzuwenden zur inbrünstigen Erhebung zu Dir im Gebete.
Ich habe Zeiten, die Dir geweiht sein sollen, zu weltlichen Geschäften verwandt, weil ich mich freuete an der Frucht meiner Arbeit und sie nicht betrachtete als ein Geschenk Deiner Gnade.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt _gegen meine Nebenmenschen_.
Ich habe oft gefehlt in der Ehrfurcht gegen meine Eltern.
Ich habe oft die Gefühle der Dankbarkeit verleugnet gegen die, die mir wohlgetan.
(Ich bin meinen jüngeren Geschwistern nicht immer ein würdiges Vorbild gewesen.)
Ich habe mich aufgelehnt gegen die, die ein Recht auf meinen Gehorsam haben.
Ich habe die Gesetze der Obrigkeit verletzt und nicht beherzigt, daß das Heil aller gegründet ist auf den guten Willen aller, die Ordnung der menschlichen Gesellschaft zu hüten.
Ich habe mich versündigt am Leben meines Nächsten, weil ich ihn nicht gewarnt, wo Gefahr ihm drohte, so daß er einen Schaden genommen, den ich hätte verhüten können.
Ich habe oft unvorsichtig zerstört, was meinem Nächsten Freude gemacht hat.
Ich habe mich hart abgewandt von dem Hungrigen.
Ich habe dem Leidenden meine Hilfe versagt.
Ich habe die, welche mir um Lohn dienten, mit Arbeit überbürdet und ihre Schwäche nicht geschont.
Ich war mitleidslos, vielleicht auch grausam gegen Tiere.
Ich habe Sitte und Unschuld nicht immer in meinen Gedanken bewahrt.
Ich habe durch leichtfertige Reden die Unschuld beleidigt.
Ich habe eingestimmt in den Scherz, der die Sitte verletzt.
Ich habe das Eigentum meines Nächsten nicht geachtet und im Eigennutz sein Recht vergessen.
Ich habe meinen Vorteil auch da gesucht, wo er den Nachteil eines andern herbeiführte.
Ich habe dem Arbeiter seinen Lohn gekürzt und über die Gebühr ihn darauf warten lassen.
Ich habe meinen Nächsten beleidigt und durch Wort und Tat gekränkt.
Ich habe hart geurteilt über die Handlungen anderer Menschen.
Ich habe durch üble Nachrede ihrem guten Namen geschadet.
Ich habe Lästerungen gleichgültig oder wohlgefällig angehört und nicht zurückgewiesen.
Ich bin durch Übertreibung der Fehler anderer abgewichen von der Wahrheit.
Ich habe nicht Rücksicht geübt mit ihren Schwächen.
Ich habe auch ihren Taten oft falsche Beweggründe unterstellt und so den Schuldlosen verdächtigt.
Herr und Vater! Ich habe auch gesündigt gegen mich _selbst_.
Ich war zu selten bestrebt, meine Gedanken und meine Sitten zu veredeln.
Ich habe mein Herz nicht rein gehalten vom Neide.
Ich habe Genüge gefunden an meiner eigenen Mittelmäßigkeit.
Ich habe dennoch der Zufriedenheit zu selten Raum gegeben in meinen Empfindungen.
Ich habe oft die Stimme der Weisheit überhört und die Gesetze der Mäßigkeit nicht geachtet.
Ich habe zu viel nach irdischen Gütern gestrebt und das Heil meist in ihrem Besitze gesucht.
Herr und Vater! Alles dies habe ich getan und noch viel darüber:
Meine Wahrheitsliebe war zu gering, meine Treue zu wankelmütig, mein Mitleid zu selten und zu untätig; meine Ordnungsliebe zu lau, mein Fleiß war oft ohne Ausdauer, meine Mühe ohne Beharrlichkeit.
So habe ich selbst das Recht nur unvollständig geübt und auch vom _Unrechten_ habe ich zu wenig mich fern gehalten.
Ich habe heuchlerisches Lob mit Wohlgefallen aufgenommen, habe der Schmeichelei mein Ohr geneigt, ich habe den Tadel gehaßt, ich habe meine Fähigkeiten überschätzt, meine Ansprüche zu hoch gestellt, meine Ehre oft zu gering gehalten; ich habe meine Bequemlichkeit zu sehr geliebt und meine Pflichten zu wenig.
Ach! ich könnte noch lange nicht enden, wäre ich imstande, meiner Fehler große Zahl vor Dir zu bekennen. Je tiefer ich in mein Inneres schaue, desto tiefer wird vor meinem Blicke der Abgrund meiner Sündhaftigkeit. Ich könnte auf Deine Milde, Allbarmherziger, nicht hoffen, wolltest Du mir vergelten nach Gerechtigkeit. Du aber wirst mich richten nach Deiner unendlichen Gnade. Wo ist ein Mensch, der fehlerlos vor Deinem Angesichte erschienen, denn: _es gibt ja keinen Gerechten auf Erden, der nur das Gute tut und nicht sündigt_.
Darum, Herr und Vater, nimm das Bekenntnis meiner Sünden wohlgefällig auf und schreibe mich in das Buch der Versöhnung und Vergebung.
Laß mich immer erfüllt sein von dem Streben, weiser und besser zu werden. Halte fern von mir die Versuchung, und wo sie mir dennoch entgegentritt, da gib mir Einsicht, sie zu erkennen und Kraft, ihr zu widerstehen.
Das ist mein Gebet, das ist mein Hoffen, das ist mein Vertrauen zu Dir, der Du den heutigen heiligen und ehrfurchtbaren Tag bestimmt hast, daß er ein Versöhnungstag für uns sei, denn Du hast es in Deiner heiligen Lehre ausgesprochen: _An diesem Tage will ich euch versöhnen, euch zu reinigen; von euren Sünden sollt ihr vor dem Herrn rein sein._ Amen.
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Beim Herausheben der Thora am Versöhnungstage.
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*O Ewiger! Ewiger! Barmherziger Gott! Du bist der Allgnädige, langmütig und von unbegrenzter Huld und Treue, der seine Gnade bewahret bis ins tausendste* *Geschlecht, der Missetat, Abfall und Sünde vergibt und den Übeltäter losspricht*.
(Dreimal.)
Herr des Weltalls! O erfülle die Wünsche meines Herzens, so sie zu meinem Heile gereichen; willfahre meinem Verlangen und erhöre meine Bitte: Vergib erbarmungsvoll alle meine Missetaten und vergib Fehl und Sünde allen, die mir nahe stehen und die ich in mein Gebet einschließe. Laß Deine Verzeihung walten über uns aus Gnade und Barmherzigkeit; laß uns rein sein von Sünde und Vergehen. Gedenke heute unser mit Wohlgefallen, erinnere Dich unser zu unserm Heile. Schenke uns ein glückliches Leben, gewähre uns Frieden, Nahrung, Zufriedenheit und sorgenfreie Befriedigung der Bedürfnisse des Lebens. Laß es uns nimmer fehlen an Brot und Kleid. Beglücke uns mit Wohlstand und Ansehen und Lebensfreude, damit es uns vergönnt sei, diese Güter anzuwenden zu Werken der Tugend, schenke uns Leben und Gesundheit, damit wir noch lange zu wandeln vermögen in den Wegen Deiner Lehre. Gib uns Weisheit und Einsicht, daß es uns mehr und mehr gelinge, einzudringen in den Plan Deiner Weltregierung. Befreie uns von den Leiden, die uns drücken und segne die Taten unserer Hände. Verhänge über uns Glück, Heil und Trost. Vernichte die Gefahren, die uns drohen, ob sie uns bekannt oder unbekannt sind. Wende immerdar das Herz unseres erhabenen Regenten zum Wohlwollen, daß nie wieder über Israel hereinbrechen die Tage des Druckes und der Erniedrigung. Also sei es wohlgefällig vor Dir, barmherziger Vater, Herr des Weltalls. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃
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Maskirbetrachtung für den Versöhnungstag.
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Der am heiligen Tage der Versöhnung gelesene Abschnitt der Thora ruft uns allen den tieftraurigen Tod der beiden Söhne des Priesters Ahron ins Gedächtnis. Sie starben vor dem Ewigen, als sie fremdes, unheiliges Feuer in das Heiligtum trugen. So wurde jenen die Stätte des Segens zum Unglücksorte, wurde dem schwergeprüften Vater das Heiligtum, seine zweite Heimat, zum Grabe seiner Kinder. So ist Menschenlos. Wo wir Glück erhoffen und erträumen, erwächst oft Unheil. Die Unerforschlichkeit göttlicher Bestimmung wird uns oft genug erwiesen. Wir stehen stumm und sprachlos, gleich Ahron, vor dem Grabe köstlichster Habe. Das ist Menschenschicksal. Wenn der Hohepriester am Tage der Versöhnung das Heiligtum zu verlassen sich anschickte, war eines seiner andächtigen Gebete: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß den Bewohnern Sarons ihre Häuser nicht zu ihren Gräbern werden.“ Saron, das ist jener liebliche Landstrich des heiligen Landes, der berühmt ist durch die Schönheit und Üppigkeit seiner Fluren; dessen Rosen und Lilien farbenprächtig prangen, köstlich duften. Die Lilie von Saron zierte die jüdische Jungfrau. Kein Jahr jedoch verstrich, in welchem dieses gesegnete Erdreich nicht seine Opfer forderte. Nur an der Oberfläche war der Boden dieser rosengeschmückten Gefilde lieblich und schön. Aus der Tiefe drohten Tod und Verderben. Erderschütterung und die Wühlarbeit unterirdischer Gewässer machten Sarons Ebene zur Schreckenstätte. Die sonst beneidenswerten Bewohner waren von furchtbarer Gefahr bedroht.
Ein anderes Saron ist unser Leben, sind die Gefilde und Triften unseres Strebens und Wirkens, die Stätten unserer Wohnungen und Familienhäuser. Leben, blühendes Leben soll ihnen entsprießen. Wie fruchtbares Erdreich sollen sie sein, in das wir kräftiges Saatkorn senken, um freudig Garben binden und heimwärts tragen zu können. Unseren Häusern erwachsen in Töchtern und Söhnen liebliche Rosen, duftige Lilien. Rein wie die Lilie, keusch und lauter ist des Kindes Unschuld, wie die Rose voll Seelenduft, aber auch ebenso zart und empfindlich. Ihnen schadet die Kälte, scharfer Windhauch des Herbstes. Sie verlangen Wärme und Wacht, auf daß die Töchter und Söhne dem Judentume treu und lebendig bleiben. Der geweihte Boden des Hauses, wo Mütter und Väter sorgen und hüten, ist die Ursprungsstelle jüdischer Frauen und Männer. Hier müssen den zarten Wurzeln Triebkräfte zugeleitet werden, damit die Blumen sich entfalten und nicht vorzeitig welken und sterben. „Möchten doch unsere Häuser nicht zu unseren Gräbern werden.“ Dieses ist unser heißes Flehen in dieser heiligen Stunde, in welcher wir derjenigen wehmutsvoll gedenken, die in den Gräbern ruhen. Ihnen war das Haus verheißungsreiche Pflegestätte edelster jüdischer Tugend, biblischer Kraft, patriarchalischen Geistes. In ihrer Wohnung gediehen Lilien inniger Frömmigkeit, Rosen ungetrübter Seelenfreude, Herzensruhe, Gottergebenheit. Und ihnen erwuchsen in Töchtern und Söhnen verläßliche Glaubensschwestern, Glaubensbrüder.
In sich trugen sie die Bürgschaft für neues Leben. Nie ward ihr Haus ihr Grab. Lasset uns ernstlich Sorge tragen, daß unsere Häuser den drohenden Erschütterungen der Erde nicht zum Opfer fallen, kein wühlendes Gewässer sie zerstöre, Schuld und Sünde die Bewohner nicht dem Tode weihe. So beten wir mit dem Priester andächtig und inniglich: „Möge es Dir wohlgefallen, o Herr, daß unsere Häuser nicht unsere Gräber werden.“
(Siehe „Totenfeier“ am Schlusse des Buches).
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Gebet zu Mussaph am Versöhnungstage.
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Was können wir denn tun, Herr und Vater, um der Gnade würdig zu sein, um die wir Dich anflehen. Der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der heilige Tempel zu Jerusalem, ist nicht mehr das Ziel unserer Wallfahrt; der Hohepriester betritt nicht mehr das Allerheiligste und sprengt nicht mehr das Blut der Entsündigung an die Wände des Altars. Der Sündenbock wird nicht mehr, beladen mit der Schuld des Volkes Israel, in die Wüste gesandt, und die Flammen des Opfers lodern nicht mehr auf dem Altare.
Wohl weiß ich es, Herr und Vater, daß Du das alles heute noch nicht von uns begehrst, und daß Du darum selbst in Deiner erhabenen Majestät nicht aufgehört hast, in der Mitte der Deinen zu thronen, wo sie zu Deinem Dienste sich versammeln an allen Enden der Erde. Du selbst hast es ausgesprochen: „_Und ich werde gedenken des Bundes, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen, welche ich aus Ägypten geführt habe vor den Augen aller Völker, ihnen ein Gott zu sein, ich, der Ewige._“ Du selbst hast uns die Versicherung gegeben: „_Auch alsdann, wenn sie sein werden im Lande ihrer Feinde, werde ich sie nicht verwerfen und verstoßen, sie nicht vergehen lassen, so daß ich meinen Bund mit ihnen zerstöre, denn ich bin der Ewige, ihr Gott._“ Auch für uns gilt das Wort, das Du durch Deinen Propheten verheißen: „_Wenn eure Sünden auch wie Purpur sind, weiß wie Schnee sollen sie werden._“
Und so weiß ich es, daß Du auch uns die Mittel gegeben hast, Deine Gnade zu erwerben. Auch uns ist es nicht versagt, Dir Opfer zu bringen, die Dir wohlgefällig sind. Wenn wir in aufrichtiger Buße unsere Sünden bereuen und Dir geloben, mit allen unseren Kräften die Versuchungen zu bekämpfen und die Fehler zu meiden, wenn wir in inbrünstigem Gebete zu Dir uns wenden allezeit, und wenn wir, eingedenk Deiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, wiederum gütig und hilfreich sind gegen unsere Nebenmenschen, so oft sie unseres Beistandes bedürfen: das alles, Herr, ist wohlgefällig aufgenommen in Deinen Augen, das steigt auf zum Throne Deiner Herrlichkeit wie der liebliche Duft des Weihrauchs vom Altare. Amen!
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Unsere Opfer.
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Wenn auch nicht mehr der Opferduft Entsteiget den Altären, Wir können Opferfreudigkeit Dir dennoch, Herr, bewähren: Des Herzens sündige Begier, Die bringen wir zum Opfer Dir. O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen!
Und kann der Priester nicht für uns Das Heiligtum betreten, Wir können selbst im Heiligtum Zu uns'rem Schöpfer beten. Im Gotteshaus mit Lobgesang Bekunden wir des Herzens Drang. O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen!
Und können wir zum Opfertier Auch keine Gaben spenden, Auf daß wir unsere Sündenlast Zum Wüstenfelsen senden. Wir wollen uns're Gaben weih'n Dem Dürftigen ein Trost zu sein. O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen.
Das können nur die Opfer sein, Die wir zu bringen haben: Die wahre Buße, das Gebet Und milde Liebesgaben. So suchen wir des Schöpfers Huld, So sühnen wir der Sünde Schuld. O Herr, laß von uns allen Solch' Opfer Dir gefallen!
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וּנְתַנֶּה תֹּקֶף Unthanne tokef.
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Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit Des Tages heut, erwäge seine Größe! Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben. Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund. Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet Hast Du vor uns, aus Gnade ihn begründet Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit. Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein Richter bist, Der nimmer irren kann; Allwissenheit Macht Dich zugleich zum Geber des Gesetzes, Zum Zeugen und zum unfehlbaren Richter.
Geschrieben und gezählt von Deiner Hand, Besiegelt auch sind alle uns're Taten, — Die wir vergessen, sind von Dir gedacht. Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf, Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen, Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet, Da tönet mächtig der Posaune Schall, Und sie verhallt in feierlicher Stille, Und zitternd eilt herbei der Engel Schar, Sie laden zum Gericht und rufen aus: „Erschienen nun ist des Gerichtes Tag! Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“ Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde. So wie der Hirte, musternd seine Schafe, Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe, So musterst Du, so leitest Du und zählest Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle; Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen, Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst.
Am Neujahrstage, da wird's aufgeschrieben Und am Versöhnungstage wird's beschlossen: Wie viel der Wesen aus dem Leben scheiden, Wie viel zur Welt gerufen werden sollen, Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n, Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen. Und wen die rohen Kräfte der Natur, Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot Als ihre Beute sich erwählen werden, Und wessen Anteil wird der Frieden sein. Wer unstät irren müsse durch das Leben, Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll, Wer wandeln soll im Segen oder Mangel, Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
*Reue, Gebet und Liebeswerke*
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
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Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm, Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde, Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe, Du willst, daß er bereue, daß er lebe, Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.