Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 7
_Gott, Du allein bist Richter!_ Laß ab, mein Geist, von dem vergeblichen Streben, die Größe des Erhabenen zu erkennen; kehre zurück zur kleinen Erde und preise Gott als den, der auch das Kleine schauet! Ja, Deiner Allwissenheit ist nichts verborgen. Du kennst die Wesen alle und ihr Tun, Du kennst auch mich. Vor Dir ist meine Seele offenbar, und die Gedanken meines Herzens sind bekannt. Fern bist Du mir und unerreichbar, wenn ich meinen Blick hinaussende in Deine weite Welt; aber nahe bist Du mir und fühlbar, wenn ich ihn in mein Inneres richte. Wenn die Begierden in mir streiten, wenn die Tugend mit der Sünde in mir um die Herrschaft kämpfen, dann empfinde ich es, daß ich verantwortlich bin für meine Taten, daß ich die Freiheit des Willens nicht erhalten habe zum Dienste der Leidenschaft, sondern als Waffe gegen sie, auf daß ich bestehe vor dem prüfenden Auge des Richters. Mein _Richter_ aber bist Du, Dein Urteilsspruch ist mein Schicksal. O richte mich, mein Gott! Richte mich nach Deiner Gnade und nicht nach meinem Verdienste.
_Gott, Du allein bist Lehrer._ Wollte ich auch mit der besten Kraft des Willens meine Tugend einrichten nach meiner Weisheit, so würde ich im Finstern wandeln. Du aber hast das nicht gewollt. Du hast den Weg des Verdienstes mir vorgezeichnet in Deiner heiligen Lehre. Du hast den Menschen Deinen Willen kund getan am Sinai. Dein Willen sei mein Gesetz! Deine _Lehre_ sei meine Weisheit!
So möge denn das Horn ertönen, es wird mich vorbereitet finden, seine Sprache zu verstehen. Fremdartig und wunderbar erklingt es vor meinem Ohre, wie der Widerhall aus ferner, alter Zeit, als wollte es von den Wundern erzählen, die Gott in grauer Vorzeit meinen Vätern erwiesen, und dennoch spricht es zu uns und zu allen Geschlechtern in der verständlichen Zunge gegenwärtiger Zeit: _Erwache, Menschengeist, erwache! Erhebe Dich, Menschenherz, erhebe Dich!_ Es ruft Dich Gott! er ist Dir nahe. Bringe Huldigung dem _Könige_, bringe Bekenntnis dem Richter, bringe Dank und Ehrfurcht dem erhabenen _Lehrer_. _Herbei! Herbei_! es ist der Tag des Herrn! Amen!
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du uns geheiligt hast durch Deine Gebote und uns befohlen hast zu vernehmen die Stimme des _Schofars_!
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וּנְתַנֶּה תֹּקֶף Unthanne tokef.
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Erwäge nun, mein Geist, die Heiligkeit Des Tages heut, erwäge seine Größe! Denn mächtig ist er, furchtbar und erhaben. Heut tust Du, Herr! uns Deine Herrschaft kund. Der Weltregierung Herrscherstuhl errichtet Hast Du vor uns, auf Gnade ihn gegründet Und thronest d'rauf im Himmelsglanz der Wahrheit. Ja, Wahrheit ist's, daß Du ein _Richter_ bist, Der nimmer irren kann; Allwissenheit Macht Dich zugleich zum _Geber des Gesetzes_, Zum Zeugen und zum unfehlbaren _Richter_. Geschrieben und gezählt von Deiner Hand, Besiegelt auch sind alle uns're Taten, — Die wir vergessen, sind von Dir gedacht. Heut schlägst das Buch Du der Erinn'rung auf, Und siehe! Alles deutlich d'rin zu lesen, Als wär's von uns'rer eigenen Hand verzeichnet.
Da tönet mächtig der Posaune Schall, Und sie verhallt in feierlicher Stille, Und zitternd eilt herbei der Engel Schar, Sie laden zum Gericht und rufen aus: „Erschienen nun ist des Gerichtes Tag! Herbei, ihr Himmelsscharen! eilt herbei!“ Denn sie auch sind nicht fehlerlos vor Dir.
Und die Geschöpfe alle zieh'n vorüber Vor Deinem Angesichte, wie eine Herde. So wie der Hirte, musternd seine Schafe, Sie läßt dahinzieh'n unter seinem Stabe, So musterst Du, so leitest Du und zählest Die Seelen der Lebend'gen, alle, alle; Das Ziel bestimmst Du jedem Deiner Wesen, Verzeichnest ihr Gericht, wie Du's verhängst
Am _Neujahrstage_, da wird's aufgeschrieben Und am _Versöhnungstage_ wird's beschlossen: Wieviel der Wesen aus dem Leben scheiden, Wieviel zur Welt gerufen werden sollen, Wer leben soll und wer zum Tode eingeh'n, Wer da sein Ziel erreichen, wer verfehlen, Und wen die rohen Kräfte der Natur, Wen Schwert und Krankheit oder Hungersnot Als ihre Beute sich erwählen werden, Und wessen Anteil wird der Frieden sein. Wer unstät irren müsse durch das Leben, Wer Freudigkeit, wer Trübsal finden soll, Wer wandeln soll im Segen oder Mangel, Und wer erniedrigt, wer erhöhet werde;
aber
*Reue, Gebet und Liebeswerke*
lassen das böse Verhängnis vorübergehen.
Denn wie Dein Name, so ist auch Dein Ruhm, Bist schwer erzürnt und leicht geneigt zur Milde, Du willst nicht, daß der Todesschuld'ge sterbe, Du willst, daß er bereue, daß er lebe, Du harrst auf ihn bis auf den Tag des Todes Und nimmst ihn auf, so er zu Dir sich wendet.
Fürwahr, Du bist der Schöpfer aller Menschen, Kennst ihre Triebe, — sie sind Fleisch und Blut. — Der Mensch ist Staub und kehrt zurück zum Staube, Wenn mühsam er das Leben hingebracht. Er ist zerbrechlich, gleich dem ird'nen Scherben, Dem dürren Grase gleich, der welken Blüte, Dem Schatten gleich, der stumm vorüberzieht, Der Wolke gleich, die sich als Nebel löset. Wie Wind dahingeht, wie der Staub verfliegt: So fliegt er hin vergänglich wie ein Traum.
*Du aber bist König, Gott, der Lebendige, der Bestehende in Ewigkeit!*
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עָלֵינוּ Olenu.
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Wohl mag es uns gebühren, ihn, den Herrn der Welt zu preisen, Ihm, der das Schöpfungswerk vollbracht, Anbetung zu erweisen. Er hat uns nicht, den Heiden gleich, in Finsternis gelassen, Und seiner Größe Herrlichkeit vermögen wir zu fassen. Beneidenswert ist unser Los durch seiner Gnade Gaben, Die uns der Wahrheit Licht gezeigt, daß wir erkannt ihn haben. Es kennt ihn nicht den Herrn der Welt, der blöden Heiden Menge, Wir aber nahen seinem Thron durch Dank und Lobgesänge. Wir bücken uns, wir beugen uns vor seinem heil'gen Namen. Der Heilige ist der Herr der Herrn, in Ewigkeiten! Amen!
Er hat den Himmel ausgespannt, er hat erbaut die Erde, Auf daß der Abglanz seiner Macht geoffenbart uns werde! Es thronet seine Herrlichkeit am hohen Himmel droben; Er nur allein ist unser Gott, den wir in Demut loben, Er nur ist König uns allein und außer ihm kein Wesen, Wie wir es in dem heil'gen Wort der Gotteslehre lesen: „So wisse nun und laß erfüllt dein Herz vom Glauben werden: Der Ewige allein ist Gott im Himmel und auf Erden.“
Und darum hoffen wir auf Dich, es wird die Zeit erscheinen, Daß alle Erdenkinder sich in Deinem Dienst vereinen; Daß aller Wahn und aller Trug und Aberglaube schwinden, Und alle Zungen Deinen Ruhm und Deine Macht verkünden. Und alles Fleisch wird demutsvoll zu Deinem Dienst sich wenden, Und alle Bosheit wird vergehn an allen Erdenenden, Und jedes Knie — es wird vor Dir, vor Dir allein sich beugen, Und jeder Mund wird schwören Dir, Dir jedes Haupt sich neigen, Und Preis allein wird Dir gebracht, Dir von den Menschen allen, Und im Gebet zum Staub vor Dir der Staubgebor'ne fallen; Und Deiner Herrschaft Allgewalt wird jeder Geist empfinden: So wird auf Erden sich Dein Reich für Ewigkeit begründen, So wie es heißt: „Es kommt der Tag, dann wird des Ewigen Namen Von allen Menschen anerkannt: _Der Herr ist einzig!_“ Amen!
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2. Der Versöhnungstag. יוֹם כִּפּוּר
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Die Versöhnung.
Festbetrachtung am Versöhnungstage.
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Wie die kühlende Flut den vom Sonnenbrande ermatteten Leib erfrischt, so verjüngt sich unser Geist, wenn er niedertaucht in die belebende Wahrheit der Versöhnung; und der Hinblick auf die lange Reihe von Vergehungen, die bei dem Gedanken an unsere Entsündigung uns vor die Seele treten, soll uns den göttlichen Frieden, den dieser Tag uns bietet, nicht verbittern, uns nicht verhindern, die Größe des Tages in ungetrübter Reinheit zu empfinden, seine Wohltat in unverkürzter Fülle zu genießen.
Die Versöhnung, mit welcher Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, ist die notwendige Ergänzung unseres lückenhaften Daseins. Sündhaft, wie wir sind, wären wir im Grunde dem göttlichen Strafgericht unabänderlich verfallen, darum tritt Gottes Gnade, tritt dieser Tag vor den Riß, er bildet den Kitt unseres Lebens und gibt dem Stückwerk unserer Tätigkeit Abschluß und Abrundung.
Das ist wohl der edelste Gedanke aus dem Gedankenschatze des Judentums. Er weist die Annahme kräftig zurück, daß es einer Vermittelung zwischen Gott und der Welt durch den Opfertod eines Menschen bedurft hätte, der für die Welt habe sterben müssen. Gott selber vielmehr gleicht alljährlich durch den _Versöhnungstag_ das Mißverhältnis zwischen unserer Aufgabe und unseren Leistungen aus.
Wenn nun aber das Bewußtsein, daß wir die Versöhnung als ein Gnadengeschenk Gottes unmittelbar aus der Hand des liebenden Vaters empfangen, uns auch Trost und Erhebung gewährt, ist es alsdann nicht schon bitter genug, daß wir der Sünde so leicht anheim fallen, daß wir die Idee der Vollkommenheit denken und doch nicht erreichen können? Warum sollen wir nicht wenigstens die Kraft der Ausgleichung besitzen, warum sollen wir, was wir gesündigt, nicht selbst wieder gut machen, die Versöhnung nicht _verdienen_ können?
Und in der Tat, wir können es. Gott will nicht, daß sie als ein Geschenk uns zufalle, Gott will, daß wir als einen Lohn und nicht als eine unverdiente Gnade sie empfangen, und seine heilige Lehre zeigt uns den Weg, auf welchem wir durch unsere eigene Leistung die Versöhnung zu unserer Tat gestalten können. Gott spricht zu Mose auf seine Fürbitte für die Sünder: „Ich vergebe nach deinen Worten.“ In diesem knappen Satze ist es angedeutet, worin die Leistungen bestehen, die der Versöhnung den Stempel einer freien Tat verleihen, darin nämlich, daß wir zuvörderst _nach der Versöhnung verlangen und an die Versöhnung glauben_. Das ist die erste Aufgabe, zu deren Erfüllung dieser Tag uns aufruft.
Gott spricht zum Sünder: Ich vergebe, wenn du ein Wort nur aussprichst, denn dies eine Wort ist das Verlangen nach Aussöhnung — es bedeutet für Gott die Sehnsucht nach dem Göttlichen, das Bedürfnis, sich im Einklange zu wissen mit den ewigen Gesetzen der Tugend und Sittlichkeit, und diese Sehnsucht, dieses Bedürfnis, das ist der Puls, der, wenn er auch leise schlägt, so lange er schlägt, sittliche Kraft, sittliches Leben, ein fühlendes Menschenherz bekundet. So hoch hat das Judentum den Menschen gestellt, daß er tief sinken kann, ohne zu versinken, daß er tief fallen kann, ohne unterzugehen — es hat dem Menschen fast unmöglich gemacht, ein _verlorener_ Mensch zu sein. Das Verlangen nach Aussöhnung ist auch an und für sich schon eine sittliche Tat. Wie oft weigert sich die Lippe des Freundes gegenüber dem Freunde, die des Kindes gegenüber den Eltern, das Verlangen nach Aussöhnung zu offenbaren, sie scheint oft verschlossen und versteinert, weil die Bitte schwer erscheint; erst der Sieg der Selbstüberwindung muß dem ausgesprochenen Sieg vorangehen. Mehr aber als dies fordert der heutige Tag, er fordert einen größeren Sieg.
Der _verstockte_ Sünder hat den Lohn seiner Selbstüberwindung in der Erreichung des Zieles klar vor Augen, nicht so der _gebrochene_ Sünder. Er hat sich selbst aufgegeben, ihm fehlt die Kraft des Vertrauens, er wähnt, wie vom Menschen, so auch von Gott sich verstoßen, er sinkt und sinkt, bis die Wellen über ihm zusammenschlagen. „Bin ich denn aus _jener_ Welt verstoßen“, so spricht er, „so will ich die Freuden _dieser_ Welt genießen.“ Dieser Ausspruch ist eine Giftpflanze, die der Trümmerhaufen eines gebrochenen Menschendaseins, der Sumpf der Verzweiflung noch hervorzubringen vermag. Aber das Judentum hat keine Anerkennung für die gänzliche Verlorenheit eines Menschen, es hat für alle die Pforten der Versöhnung erschlossen; doch fordert es von dem Sünder den Sieg über die Verzweiflung, es fordert von ihm den Sieg des Glaubens: das Vertrauen auf die Versöhnung. Wende dich an die Gnade Gottes, spricht die Religion zu dem Verzweifelnden, und auch für dich hat Gott es ausgesprochen: „_Ich vergebe, so du nur ein Wort zu mir sprichst._“
Aber auch darin besteht unsere Leistung, durch die wir der Versöhnung den Stempel der freien Tat zu verleihen vermögen, daß wir das _Verlangen nach Versöhnung und den Glauben an sie offen_ aussprechen.
Gott spricht: „Ich vergebe nach deinen Worten“, das will uns bedeuten: Ich vergebe, wenn du _bekennst_. In dem rückhaltlosen Bekenntnis, darin äußert sich eben das Verlangen und der Glauben. Wer da glaubt, daß Gott ihm vergebe, warum sollte der verschlossen sein, warum sollte der sein schuldbeladenes Herz nicht öffnen wollen? So tritt denn heute nicht umsonst an uns die Pflicht heran, unser Herz zu entsiegeln, und was wir verbrochen, was wir gefehlt, vor dem Herrn aufzudecken.
Freilich wohl bedarf der Allwissende unseres Bekenntnisses nicht, er sieht ja doch in die geheimsten Falten unserer Brust, kennt unsere Gedanken, noch ehe sie in uns aufgestiegen sind, unsere Worte, noch ehe sie uns von den Lippen strömen. Allein, wenn es auch für Gott unseres Bekenntnisses nicht bedarf, so doch _für uns_. Wir sind so sehr an die Selbsttäuschung gewöhnt, daß uns die Wahrheit nur allzu leicht unter den Händen entschlüpft. Nur das _Bekenntnis_ macht die _Erkenntnis_ unserer Fehler zur wirklichen Tat. _„Ich vergebe“, spricht Gott, „so du offen und rückhaltslos dich aussprichst.“_
In solcher Weise erkennen wir die _Versöhnung_, mit der Gott der Herr uns alljährlich bedenkt, für ein Geschenk seiner Gnade, das uns ohne Vermittelung vom liebenden Vater zuteil wird, und auch für _mehr_ als dies: als eine Gabe, die wir _erwerben_ können durch _unsere eigene freie Tat_. Amen.
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Am Vorabend des Versöhnungstages.
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Wir beugen tief uns nieder, O Herr, vor Deiner Macht! Du hast den Tag uns wieder, Den heiligen, gebracht. O laß uns Gnade finden! O schau' auf uns in Huld! Ach tilge uns're Sünden, Vergib uns uns're Schuld!
Laß uns'rer Bitte offen Des Himmels Pforte sein: Auf Dich ist unser Hoffen Gerichtet, Herr allein. Wie könnten wir bestehen, Wenn Du nicht Gnade übst, Wenn nicht auf unser Flehen Die Sünden Du vergibst!
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Gebet am Vorabend des Versöhnungstages.
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Allmächtiger! Die Andacht meines Herzens möchte ich offenbaren im Ausspruch meiner Lippen, alle meine Gedanken möchte ich zutage rufen im inbrünstigen Gebete.
Was soll ich sprechen vor Dir, Allmächtiger, Unfaßbarer! Wie soll ich beginnen, wo soll ich enden!
Alle meine Worte reichen nicht hin für die Anbetung, die mein Herz Deiner Heiligkeit zollt; alle meine Worte reichen nicht hin, meine Niedrigkeit zu bezeichnen, in der ich vor Dir stehe! Alle meine Worte reichen nicht hin, den Wünschen meines Herzens Ausdruck zu geben, die vor Dir ich offenbaren will, und alle meine Worte reichen nicht hin, die Schuld zu bekennen, für die ich um Gnade flehe vor dem Throne Deiner Herrlichkeit!
Anbeten will ich Dich, — das ist heute, an dem großen, Dir geweiheten Tage mein Verlangen. Wer ist _heilig_, wie Du, wer ist erhaben wie Du! Du bist der Schöpfer aller Dinge, die Erde und der Himmel sind das Werk Deiner Hand, und die Sonne und den Mond und das zahllose Heer der Sterne hast Du geschaffen. Du leitest alle Weltkörper in ihren Bahnen, Du weißt auch, wann sie zu wandeln begonnen, und wann ihr Ende sein wird. Mein Auge kann wohl gen Himmel blicken, aber wie sollte ich sprechen: Ich überschaue den Himmel? Weiter als meine Gedanken reichen, reicht die Ferne, in der immer neue Welten Deiner Schöpferhand entrollen. Wo aber, wo ist der Wohnsitz Deiner Herrlichkeit? O Gott, wie bist Du so groß, so groß! Welcher Sterbliche kann so vermessen sein, zu sprechen: Ich kenne den Herrn! Und betrachte ich Dir gegenüber mich, den Erdenbewohner, ach, dann erscheine ich mir gleich dem Sandkorn unter den millionenmal Millionen am Ufer des Meeres; und denke ich an die Zeit, die meinem Erdenleben bestimmt ist, so erscheint sie mir flüchtig, wie der Schatten eines Pfeiles, der über einen Fußbreit Landes dahinfliegt. _Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?_
Und doch! o Herr! Nimmst Du auch meiner _Dich_ an!
Du bist mir nahe und sorgst für mich, Du kennst meine Lust und mein Leid, meine Freude und meinen Schmerz, meine Bedürfnisse und meine Sehnsucht. Also bist Du mir nahe, wie der gotterfüllte Sänger es ausspricht: „_Herr! Du erforschest mich und weißt von mir, ich sitze, stehe auf, Dir ist's bekannt, und was ich denke, prüfest Du von ferne. Du hast mir Gang und Lager zugemessen und meine Wege alle angeführt. Bevor ein Wort auf meiner Zunge schwebt, hast Du es, Herr! schon ganz gewußt._“ Darum ist es keine Vermessenheit, wenn ich mit den Wünschen meines Herzens mich unmittelbar vor Dich zu stellen wage, denn wie ein _Vater_ sich seiner Kinder annimmt, so nimmst Du Dich der Menschen an. _O Vater!_ zu Dir will ich beten. Du nur kannst mir Leben und Gesundheit schenken, Du nur kannst meine Seele bewahren vor allen Gefahren, die ihr drohen durch des Herzens Gelüste und durch den Tand der Welt. Du nur kannst mich bewahren vor Betrübnis und Herzeleid, in Deiner Hand liegt es, daß nicht meine Arbeit eine fruchtlose, mein Bestreben ein unnützes, meine Hoffnung eine trügerische sei. Du nur kannst mich erleuchten mit dem Lichte der Wahrheit, daß meine Wege mich nicht durch Finsternis und Torheit, Irrglauben und Aberglauben führen. Du nur kannst mir den Mut verleihen, der Sünde zu trotzen, und die Kraft, die Leidenschaft zu überwältigen.
Und dies alles kannst Du tun, und mögest Du tun ohne Rücksicht auf meine Würdigkeit. Denn wahrlich! Nicht auf unser Verdienst können wir bauen, wenn wir auf Deine Liebe hoffen. Sündhaft ist der Mensch, und gerecht ist in Deinen Augen schon der, der mit seiner schwachen Kraft gegen die Macht des Lasters ankämpft.
O, auch ich kenne meine Fehler und Sünden. Ich will sie nicht zu beschönigen suchen mit der Ausflucht, es sei alles menschliche Schwäche. Ich weiß es wohl, daß ich nicht immer genügend bemüht war, alle meine Kräfte zu meiner Besserung anzuwenden. Ich habe nicht immer Gott vor Augen und im Herzen gehabt, und nur allzuoft so gehandelt, als ob der Genuß irdischen Wohlseins und das Vergnügen das Ziel des menschlichen Lebens wären. In mancher Stunde des letztverlebten Jahres bin ich wider besseres Wissen rückwärts geschritten und nicht vorwärts in der Veredlung meines Geistes, weil ich den Leidenschaften freien Lauf gelassen, die mich nicht fördern konnten. Oft auch habe ich meine wahre Aufgabe verkannt, nützlich zu sein auf Erden, und habe der Eigenliebe und der Eitelkeit gedient. O, mein Gott, wo soll ich enden, wenn ich die Menge meiner Verschuldungen zu zählen beginne?
Darum ist mir aber auch der heutige Tag heilig und lieb und wert, darum erkenne ich in ihm eine der herrlichsten Wohltaten, mit welchen Du Dein Volk Israel bedacht hast, weil der Versöhnungstag erscheint wie ein ernster, aber lieber und tröstender Freund, der zu uns spricht: „Bange nicht, Mensch, und zage nicht! Du bist um Deiner Sünden willen nicht von Gott verstoßen! Er will dich aufrichten, er will dich neu beleben, er will dich reinigen von aller Schuld und verlangt nichts weiter von dir als wahrhafte Reue und Besserung!“ Wie sollte ich nicht mit Freuden diese Wohltat anerkennen, und all mein Sinnen darauf richten, ihrer ganz teilhaft zu werden! Ich will mich nicht meiner Sünden entledigen, um neue zu begehen, sondern ich will wahren und bleibenden Gewinn ziehen aus der hohen Bedeutung dieses Tages.
Darin soll meine andächtige Erhebung bestehen, daß ich dankend und preisend Dir nahe, Du Ehrfurchtbarer! Daß ich meine Bitten und alles, was mein Herz beschwert, vor Dir ausspreche, daß ich mich selbst prüfe und meine Sünden bekenne und Reue und Besserung aufrichtigen Sinnes Dir angelobe, auf daß ich am nächsten Versöhnungstage — der mir und uns allen herankommen möge zum Heile — mit freudigem Herzen zurückblicken könne auf ein im Dienste Gottes, im Dienste der Religion und Tugend verlebtes Jahr. Also sei es Dein Wille, Allmächtiger! Amen!
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אָבִינוּ מַלְכֵּנוּ Owinu malkenu.
(Dieses Gebet wird am Sabbate nicht gesprochen.)
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Herr und Vater! Wir haben gesündigt vor Dir. H. u. V.! Du bist allein der Herr, auf den wir vertrauen. H. u. V.! Übe Gnade an uns zur Verherrlichung Deines Namens. H. u. V.! Laß das neue Jahr zum Glück und Heil uns herankommen. H. u. V.! Halte fern von uns jedes schwere Verhängnis. H. u. V.! Vernichte die Ratschläge unserer Feinde, die sie gegen uns gerichtet. H. u. V.! Halte fern von uns Pest, Krieg und Hungersnot. Laß die Deinen nicht in die Gewalt der Unterdrückung und des Verderbens fallen. H. u. V.! Behüte uns vor gefährlicher Krankheit. H. u. Vater! Verzeihe uns und vergib uns unsere Sünden. H. u. V.! Laß in vollständiger Buße uns zu Dir zurückkehren. H. u. V.! Sende vollkommene Heilung allen unseren Kranken. H. u. V.! Gedenke unser mit Wohlwollen und Gnade. H. u. V.! Bestimme für uns ein Leben ohne Unglück. H. u. V.! Bestimme für uns Heil und Erlösung. H. u. V.! Bestimme für uns, daß Not und Mangel uns fern bleiben. H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß auch wir verdienstlich leben. H. u. V.! Möge es Deine Bestimmung sein, daß Fehl und Unrecht uns verziehen werde. H. u. V.! Laß das Heil der Menschen wachsen und zunehmen. H. u. V.! Erhebe Israel zu seiner wahren Größe und zur Erkenntnis seiner Bedeutung. H. u. V.! Laß Dein Reich auf Erden immer mehr und mehr sich erweitern. H. u. V.! Fülle unsere Hand mit Deinen Segnungen. H. u. V.! Höre unsere Stimme und erbarme Dich über uns. H. u. V.! Nimm unser Gebet in Gnaden auf. H. u. V.! Öffne die Pforten des Himmels unserm Flehen. H. u. V.! Gedenke, daß wir nur Staub sind. H. u. V.! Laß uns nicht leer zurückkehren, da wir gebetet vor Deinem Angesicht. H. u. V.! Laß diese Stunde sein eine Stunde der Barmherzigkeit, eine Zeit der Gnade vor Dir. H. u. V.! Erbarme Dich über unsere unmündigen Kinder. H. u. V.! Gedenke des Verdienstes der Frommen, unserer Vorfahren, die in den Tod gegangen sind um des Glaubens willen, die standhaft ihr Leben geopfert haben für das Bekenntnis Deiner Einheit. H. u. V.! Laß auch ferner Deinen Namen durch uns geheiligt und verbreitet werden. H. u. V.! Nicht unserem Verdienste vertrauen wir, sondern Deiner Gnade. Amen!
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Morgengebet am Versöhnungstage. (Vorher Nischmath Seite 19.)
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O Herr! öffne meine Lippen, daß mein Mund Deinen Ruhm verkünde.
Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Du bist der Allmächtige, der Erhabene, der Ehrfurchtbare. Du bist der Vergelter aller guten Taten, Du bist es, dem alles angehört, und der auch der Frömmigkeit der Väter gedenket, um zu vergelten den Kindern um seines Namens willen in Liebe.
*O gedenke unser zum Leben, Du, König, der da Wohlgefallen hat am Leben, und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.*
König, Beistand, Retter und Schirm bist Du! Gelobt seist Du, Ewiger Schild Abrahams.
Du bist mächtig in Ewigkeit, o Herr! Du belebest die Toten und ernährest die Lebendigen, Du stützest die Fallenden, heilest die Kranken, erlösest die Gefesselten. Wer ist Dir gleich, Herr aller Mächte! wer kann mit Dir sich messen! Du tötest, Du belebest, von Dir kommt alles Heil.
*Wer ist wie Du, Vater der Barmherzigkeit! Du gedenkest in Gnade aller Deiner Geschöpfe, von Dir kommt ihr Leben.*
Heilig bist Du, und heilig ist Dein Name, und allen Frommen gebührt es, Dich täglich zu loben.