Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 5
Herr der Welt, ewig gütiger Wohltäter der Menschen! In Deiner Liebe hast Du uns, den Kindern Deines treuen Volkes, das _Hüttenfest_ eingesetzt, _auf daß wir uns freuen sollen vor dem Herrn, unserem Gotte_. Und also heißt es in Deiner heiligen Lehre: „_Am fünfzehnten Tage des siebenten Monats, wenn ihr eingesammelt habt die Früchte der Erde, da sollt ihr ein Fest feiern dem Ewigen, sieben Tage._“ Da sollen wir anerkennen mit freudigem Danke, daß Du, Herr, wiederum unsere Speicher gefüllt hast mit dem Ertrage der Felder.
Ach, wie so ganz stimmt dieses Gebot mit dem innigsten Bedürfnis unseres Herzens überein! In wessen Seele könnte das Gefühl des Dankes und der Freude unerweckt bleiben bei dem Beginn des Herbstes, wenn der Gedanke sich auf die Größe Deiner Gnade richtet, die sich offenbaret in der Fülle Deiner Gaben, mit der Du in dem nun schon hinschwindenden Sommer unsere Felder gesegnet hast, auf daß wir getrosten Mutes auf die Zeit hinblicken, da nicht Saat und Ernte sein wird.
Bedarf es denn aber eines besonderen Festes, einer absichtlich erregten Stimmung, um uns diesen Dank und diese Freude lebhafter empfinden zu lassen? Erinnert nicht jedes Brot, das wir genießen, das auch im Winter uns nicht fehlt, daran, daß Du, o Herr, der Spender aller Gaben bist, die uns Nahrung und Erquickung gewähren?
Freilich wohl bedarf es eines Festes; und auch hierin, daß Du es uns eingesetzt, gibt sich Deine Liebe kund. Nur allzuweit entfernen die verschiedensten Lebenswege, die verschiedensten Beschäftigungen mit all ihren Gedanken und Sorgen von dem süßesten, reinsten Genuß auf Erden; der Freude und der Erbauung an den Vorgängen in der Natur. Nicht wir alle pflügen den Boden und ernten die Frucht der Saaten. Der Reiche labt sich am gesegneten Tische, doch seine Hand hat keine Furche in die Erde gezogen. Der Arbeiter wendet sich von seiner Werkstatt zum Mahle, aber der Schweiß seines Angesichts galt nicht dem Acker, aus dem sein Brot hervorgegangen ist; und auch derjenige, der den Boden des Geistes fruchtbar macht im Reiche der Gedanken, er ißt das Brot des Feldes, dem er die Frucht nicht entlockt hat durch die Arbeit seiner Hand. Da betrachten wir bald in unserer Alltäglichkeit das uns so Naheliegende teilnahmslos als ein Fernes, und mit der unmittelbaren Beschäftigung mit der Erzeugungskraft der Erde geht uns die Freude verloren an ihrer Fruchtbarkeit und Schönheit.
Da ruft uns denn das frohe Erntefest herbei von allen Grenzen unseres Berufes und spricht zu uns: Kehret zurück, ihr Kinder der Erde! Seht, der liebende Vater hat wieder für euch gesorgt, und wenn auch das Laub herabrieselt von den Bäumen, ihre Früchte sind für euch aufbewahrt; und wenn die Decke des Winters auch die Oberfläche umhüllt, euch verschließt sie den Quell der Ernährung nicht, drum kommet herbei: _und freuet euch vor dem Herrn, eurem Gotte._
Also danken wir Dir für Deinen Segen und für dies Fest, und erkennen frohen Herzens, daß Du es bist, der jeder redlichen Aussaat ihre Ernte, jeder rechtschaffenen Tätigkeit ihren Lohn gibt.
Und auch, wer den Frühling seines Lebens benutzt hat als eine Zeit der Aussaat und den Sommer seines Lebens als eine Zeit der Arbeit, der sammelt im Herbste seine Früchte und darf den Winter seines Erdenwandels nicht fürchten.
O laß' mich, Herr, immer stark und fest sein in dieser Erkenntnis, daß auch das Vertrauen auf Dich als Festesfreude das Hütten- und Erntefest mir verherrliche. Amen!
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Gebet am Hüttenfeste. (Vorher Nischmath Seite 19.)
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Du, Herr der Welt, der Du in Deiner heiligen Lehre uns geboten hast, das _Erntefest_ zu feiern sieben Tage und an demselben den _Feststrauß_ zu binden aus Palmen und Myrten und Bachweiden und sie zu vereinigen mit der Frucht des herrlichen Baumes, auf daß wir mit diesem Strauße uns freuen vor dem Herrn, unserem Gotte, Du hast auch bestimmt, daß dies Ernte- und Freudenfest gleichzeitig ein Erinnerungsfest für uns sei, damit, wie Du es ausgesprochen hast, „_die spätesten Geschlechter es wissen, daß ich in Hütten die Kinder Israels habe wohnen lassen, als ich sie herausführte aus Ägypten, denn ich bin der Ewige, euer Gott_.“
Und diese Bedeutung des Festes, diese Erinnerung an jene geschichtliche Tatsache, ist die schönste Ergänzung zur Feier des Erntefestes. Wir haben Deine Vatergüte erkannt in den Gaben, die auf Dein Geheiß die Natur uns hervorbringt, und nun sollen wir auch dessen inne werden, daß Du selber über die Natur erhaben bist, daß ihre Gesetze von Dir ausgehen, Du aber selber ihnen nicht unterworfen bist.
Der Winter naht heran, und wir fürchten nicht, denn wir haben Vorrat eingesammelt für die unfruchtbare Zeit und schützen uns in festen Häusern vor den Stürmen der rauhen Jahreszeit. Anders war es bei unseren Vätern in der Zeit ihrer Wanderung durch die Wüste. Da war nicht Saat und Ernte und selten genug ein Quell frischen Wassers; aber die Wanderer in der Wüste haben nicht Mangel gelitten, Du hast sie gespeist mit dem Brote des Himmels, Du schufst das Manna zu ihrer Nahrung, und stilltest ihren Hunger vierzig Jahre, und der Fels verwandelte sich auf Dein Wort zum lebendigen Wasserquell.
Und sie hatten kein festes Haus, keine sichere Wohnung, weil sie keine Heimat hatten; aber die Hütten, die sie sich bauten in der Wüste, waren ein hinreichender Schutz für sie, denn mehr als die Hütte schützte sie Dein allmächtiger Wille.
Und als denjenigen, dessen Wille mächtiger ist als alle Gesetze und Kräfte der Natur, sollen auch alle späteren Geschlechter Dich verehren, und als denjenigen, dessen Schutz allein uns, den Menschen, Bürgschaft sein kann für ihr Bestehen auf Erden.
O, wir wären töricht, wollten nicht auch wir das erkennen. Unser ganzes Leben auf Erden ist eine Wanderung durch die Wüste. Die Kräfte der Natur sind nur zum Teil für uns, zum Teil sind sie auch gegen uns. Von tausend und abertausend Gefahren sind wir bedroht; Du aber, o Herr, schützest uns, und Deine Fügungen für unser Heil sind nicht minder wunderbar, als Deine Taten für unsere Väter.
Ja, unser Leib selber ist nur eine zerbrechliche Hütte, die jedes Unwetter und jeder böse Zufall vernichten kann, so Du nicht mit Deiner Liebe ein schützendes Zelt über uns ausbreitest.
Du aber hast es ausgesprochen: In Hütten sollt ihr wohnen, wie Eure Väter in Hütten gewohnt haben, und trotzdem nicht fürchten: denn „_ich, der Ewige, bin ja euer Gott!_“
So ist es gewesen bis heutigen Tages. Auch das Leben unseres Volkes war eine Wanderung durch die Zeiten, durch die Jahrtausende, durch die traurige Wüste, aber Deine Hand hat uns bewahrt vor dem Untergange, und endlich führtest Du uns dennoch in das gelobte Land, in das Reich auf Erden, in dem alle Menschen, als Brüder vereint, Dich anbeten und den Namen des Einzigen preisen sollen. Amen!
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Die Hallel-Psalmen. (Seite 39.)
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Gebet beim Herausheben der Thora. (Seite 44.)
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4. Das Schlußfest. שְׁמִינִי עֲצֶרֶת
Festbetrachtung.
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„Besser ist der Dinge Ende, als ihr Anfang.“ So lautet eines der Weisheitsworte des Denkers, der in dem Koheleth-Buche zu uns spricht, das wir im Verlaufe dieses Festes lesen. Es ist ein trostreicher, herzstärkender, ermutigender Kernspruch, der uns schaffensfreudig und zukunftsfroh machen soll. Am Tage des Schlußfestes zumal gewinnt dieser Gedanke besondere Bedeutung. Die Reihe der Feste ist nun bald geschlossen. Eine ernst-ehrliche Rückschau soll zu dem befriedigenden Ergebnis führen, daß „das Ende besser ist als der Anfang“. Wie würde doch jede Kraft gelähmt, jeder Plan zerstört, jede Hoffnung getötet werden, wenn nicht diese Zuversicht uns erfüllte? Im Keime müßte jede Saat verderben und ersterben, wenn nicht die beschwingende Kraft dieser Aussicht den Mut des Sämanns heben würde. Alles Gedeihen, alle Arbeit, aller Fortschritt ruhen auf dem fruchtbringenden Boden dieser Überzeugung. — Versöhnt mit Gott und Menschen, gesühnt von Schuld und Fehlern hat uns die Zeit der Rückkehr, der Buße und der gnadenreichen Fülle des Versöhnungstages. Reine Herzensfreude und aufrichtende geschichtliche Erinnerung brachte uns das Fest der Hütten. Denn es greift nach seinem Wesen und Festgedanken zurück auf das Fest der ungesäuerten Brote, da es ja gleich diesem an den Auszug aus Mizrajim gemahnt und auch an das Fest der Offenbarung, die dem Volke Israel in der Wüste zuteil geworden war, in der unsere Ahnen in Hütten gewohnt hatten. So steht das Schlußfest am Ende der Reihe und sammelt die Gedankenernte aller Festeszeiten, heimst den Gefühlsertrag ein, den jene schönen, guten Tage aufgehäuft haben sollen. Das sichere Ergebnis ist ein wahrer, tiefer Segen für Israel. „Dies ist der Segen“; so beginnt der letzte Abschnitt des fünften der Mosesbücher, das wir am Fest der Thorafreude lesen. Das ist der Segen, der unseren Festen stetig entströmt. Sie rufen große Tage großer Geschichte wach; festigen uns zu gestähltem Gottvertrauen, hämmern unseren Charakter, adeln unser Volksbewußtsein und erweitern es zu allumfassender Menschenliebe.
Um den aus Wolken quellenden Regen und Segen beten wir an diesem Tage. Er befruchtet die Scholle und lockert das Erdreich. So strömt die heilige Lehre in unser empfängliches Herz, träufelt das Wort Gottes Heilung und Labung in alle schwachen Gemüter. Wenn der Fuß des müden Weltwanderers über raschelndes, dürres Laub schreitet und Nebelschleier sich vom feuchten Himmel zur Erde senken, Vogelsang verstummt und der Sonne sonst wärmender Strahl nur fahl und kalt durch nebelfeuchtes Dunkel dringt; dann verzagt mein Herz nicht und ist nicht bange. Denn: „Es ward Abend und es ward Morgen“. Das Abendrot ist der Bruder des Morgenrots. Das „Ende der Dinge ist besser als ihr Beginn“. Aber in dem Ende schlummert der Trieb zu neuem Leben in nie versiegender Schaffenskraft, in unaufhörlichem Kreislauf. Wie in dem Menschenkörper der Kreislauf des Blutes vom Herzen zum Herzen das Leben bedingt, so wirkt der Feste Jahreskreislauf belebend auf den Körper des Judentums. Sein Herz aber ist die Thora, die Lehre des Lebens, seine Seele der feste Glaube an den einzigen Gott.
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Gebet am Schlußfeste. (Vorher Nischmath, Seite 19.)
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Herr und Vater! Der Feststrauß ist aus der Hand gelegt, die Hütte ist verlassen, diese sinnbildlichen Darstellungen unserer Festgedanken sind nicht mehr verknüpft mit der Feier des heutigen Tages. Mit kurzen Worten hast Du uns unsere Aufgabe angedeutet, die für diesen Tag uns geworden: „Und am achten Tage sollt ihr feierliche Festversammlung halten, ein _Schlußfest_ soll es euch sein.“
Aber ich kenne den Sinn dieser Aufgabe; sie fordert von mir, daß ich am Schlusse der heiligen Feiertage noch einmal die Andacht meines Herzens erwecke, um die Gedanken, die an den heiligen Tagen meine Seele erfüllt haben, noch einmal an mir vorüberzuführen, und den Gewinn, den mein Geist in ihnen gesammelt hat, als bleibendes Gut mit hinüberzunehmen in das Leben der Alltäglichkeit.
Es hat das heilige _Neujahrsfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den allwissenden Richter, der die Handlungen der Menschen kennt und ihre innersten Gedanken. Vor diesem Richter kann die Lüge nimmer bestehen, der Trug zerfällt in nichts, und kein Schein kann vor ihm die Wahrheit verhüllen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Fest in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß der Mensch nur dann weise handelt, wenn in jedem Augenblicke seines Lebens das Bewußtsein in ihm klar ist, daß Gott der Herr seine Wege kennt und seine Taten prüft. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend bleiben, der es nie vergißt, daß er Rechenschaft geben muß vor dem Allwissenden für alle seine Schritte!
Es hat alsdann der große _Versöhnungstag_, mit seinem ganzen mächtigen Eindruck auf unser Gemüt, Gott den Herrn mir gezeigt als den Gott der Gnade, der die Sünden der Menschen vergibt, so sie in wahrer Reue ihn um Vergebung anflehen. Aber dieser Reue mußte die strengste Selbstprüfung sich verbinden, auf daß der Mensch sich des Unterschiedes bewußt werde zwischen dem, was er in Wirklichkeit leisten kann, und dem, was er in Wirklichkeit leistet. Wir sollen es kennen lernen, daß die Neigung zum Bösen nicht zu den Naturnotwendigkeiten gehört, denen der Mensch unterworfen ist, daß es vielmehr in unserer Kraft liegt, das Gute zu üben und das Böse zu fliehen. Aus all' den Betrachtungen, die an jenem Feste in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß strenge Selbstprüfung die beste Führerin ist, dem Irrenden die rechte Bahn zu zeigen, die beste Beschützerin ist gegen jede feindliche Macht der Versuchung. Wie sollte der nicht auf dem Gleise der Rechtschaffenheit und der Tugend bleiben, der bei allen seinen Schritten sich selber prüft, ob nur die Neigung des betörten Herzens ihn leitet, oder ob Vernunft, Religion und Gottesfurcht sein Bestreben billigen!
Es hat das fröhliche _Hüttenfest_ mir Gott den Herrn gezeigt als den liebenden Vater, der für alle seine Geschöpfe sorgt, der ihnen Saat und Ernte, Früchte und Labung gibt, damit es ihnen niemals an dem mangle, dessen sie bedürfen, und daß sie viel des Guten noch darüber hinaus genießen dürfen, auf daß ihr Herz fröhlich sei; der auch in den Zeiten der Not den Menschen beisteht und seine Güte nie abwendet von denen, die auf ihn vertrauen. Aus all' den Betrachtungen, die an diesem Feste in mir rege wurden, mußte die Überzeugung hervorgehen, daß Gott der Herr Freude hat an unserer Fröhlichkeit. Wie sollte auch der die Gleise der Rechtschaffenheit und Tugend finden, wie sollte der beitragen zum Glücke seiner Nebenmenschen und zu ihrer Freude, der nur trüben Sinnes einherwandelt auf Erden, die Erde für eine Stätte des Jammers und der Finsternis hält, der Freude keinen Vorzug gibt vor dem Leide, der Tugend keinen Vorzug vor dem Laster, der Liebe keinen Vorzug vor dem Hasse.
Das sind die Lehren und die Vorteile, die ich aus den Tagen der Festzeit mit hinübernehmen will in die Tage der Alltäglichkeit: daß Gott der Herr alle meine Wege kennt, und daß ich vor ihm Rechenschaft ablegen muß, daß die strengste Selbstüberwachung und Selbstprüfung die beste Führerin ist, die den rechten Weg mir zeigt, und daß Gott der Herr es will, daß ich des Daseins auf Erden mich freue und im Bewußtsein seiner Liebe fröhlich sei und Frohsinn um mich verbreite.
Mein Gott! Gib zu all' dem mir Deinen Beistand und Deinen Segen. Amen!
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Die Hallel-Psalmen. (Seite 39.)
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Gebet beim Herausheben der Thora. (Seite 44.)
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גֶּשֶׁם Herbstgebet am Schlußfeste. Betrachtung über den Regen siehe Seite 45 „Tau und Regen“.
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Nun am Fest, dem Schluß der Feste, Die wir, Schöpfer, Dir geweiht, Die uns ernst und freundlich brachte Dieses Monats heil'ge Zeit, Sei vor Dir noch eine Bitte Uns'res Herzens dargelegt; O, vernimm es wohlgefällig, Was zum Bitten uns bewegt:
Ewig rollt das Rad der Zeiten In dem sichern, festen Gleis, Tage kommen, Tage schwinden In der Jahreszeiten Kreis. Kürzer wird die Bahn der Sonne, Matter ihr belebend Licht, Und schon zeigt mit trübem Ernste Uns der Herbst sein Angesicht.
Und der Herbst, er wird vergehen, Trüber noch, als er erschien, Und der Winter wird die Schatten Über uns're Erde zieh'n; Und die Stürme werden toben, Und der Tag wird seine Macht Schüchtern eilend überlassen, Weichend schnell, der strengen Nacht.
Und der Frost, er wird erstarren Alles, was die Erde schmückt, Wenn auf sie die weiße Hülle Uns der Wolkenhimmel schickt. Da ist Sprossen nicht und Keimen, Nicht ein Wachsen und Gedeih'n, Da wird nicht der Fluren Segen Aller Menschen Freude sein.
Böse sind die kalten Tage, Düster ist die Winterszeit! O, wir werden sorgsam suchen Schützend Obdach, warmes Kleid. Doch wenn auch der Armut Bürde Mit des Mangels Last bedroht, Fürchten muß er, ach, mit Schrecken, Wintershärte, Wintersnot.
D'rum, o Schöpfer, nimm in Liebe Gnädig uns're Bitte auf: Mach' uns freundlich auch den Winter In der Jahreszeiten Lauf; Laß' ihn nicht zu strenge walten; Und sein ernstes Angesicht Trübe uns're Lebensfreude, Uns're Lust, zu hoffen, nicht.
Laß' der Speicher Vorrat reichen, Daß wir ohne Furcht dabei Wissen, daß am Tisch der Armen Nicht der Hunger Herrscher sei; Daß wir ohne Furcht und Zagen Sorglos in die Zukunft seh'n, Und dem Frühling und dem Sommer Frohen Mut's entgegengeh'n.
Tu's, um Deiner Liebe willen, Die Du immer uns bewährt, Du, Du bist ja unser Vater, Der die Kinder gern ernährt. Tu's, um Deiner Liebe willen, Die Du immerdar geübt, Denn es ist nicht uns're Tugend, Die ein Recht, zu hoffen, gibt.
Tu's, um Deiner Liebe willen, Wie Du stets uns wohlgetan, Wie Du stets die Deinen leitest Auf des Heiles rechter Bahn. Ja, wir wollen auf Dich harren, Stets auf Deine Liebe bau'n! Du verlässest nie die Frommen, Die in Demut Dir vertrau'n! Amen!
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Simchath-Thora. שִּׂמְחַת תּוֹרָה
Festbetrachtung.
„Seid fröhlich und freudig am Simchath-Thora Und Ehre verleihet der Thora. Das Köstlichste ist sie der Güter, Teurer als Gold- und Perlengeschmeide.“
Unerschöpflich scheint die Quelle, aus welcher Propheten, Dichter und Sänger des Judentums ihre helle Begeisterung für die Thora schöpfen. Wenn sie von der Thora künden, sprechen und singen, dann erfüllt die Rede inbrünstige Andacht, die Dichtung höchster Gedankenschwung, den Gesang wundersam ergreifende Melodie; alle sind von den reinsten, edelsten Gefühlen getragen. Die Thora ist die Sonne, die das ganze jüdische Leben erwärmt, durchleuchtet vom ersten bis zum letzten Tage des Jahres, des Lebens. — Sie ist Lehrerin, Erzieherin, Trösterin, ist Führerin, Warnerin, Meisterin. _Sie gibt Haltung und Festigkeit dem Glücklichen; Regel und Ordnung dem Leben._ Des Gesetzes starke Hand leitet durch die Irre und Wirrnis; führt an Anstoß und Hindernis sicher vorüber. Handel und Wandel weist es die Wege, Lieben und Meiden zeigt es den Pfad. Gutes und Böses lehrt es scheiden, Recht und Unrecht mit Klarheit erkennen. Das Thorawort ist tief und wahr, der Thorageist ist gerecht und milde. _Sie gibt Kraft und Weisung dem Unglücklichen; Richtung und Zweck dem Leben._ Sie ist das Leben. Seit uralten Tagen der Vorzeit hat sie sich dem Judentume als lebenerhaltende Kraft bewährt. Im buntwechselnden Wogen der Völker, die durch Jahrtausende der Geschichte kamen und gingen, ist das Judentum aufrecht und im Wesen unverändert geblieben. Das will auch die Sage erzählen, welche meldet, daß Gott selbst seine Thora zu allen Völkern der Erde trug, sie ihnen anzubieten, sie aber die Gotteslehre als unannehmbar zurückwiesen, bis endlich nach langer Irrfahrt Israel sich bereit fand und erklärte, „die Last des Gesetzes“ zu tragen und die Sendung übernahm, den Glauben an den Einzigen und Einen in der ganzen Welt zu verbreiten, und mit diesem Glauben den friedenstiftenden Gedanken der Menscheneinheit, Menschenliebe, Menschenerlösung. Denn von einem Menschenpaare läßt die altehrwürdige Erzählung der heiligen Schrift alle Menschen stammen und schafft so die Vorstellung gleicher Würde aller Menschenkinder, denen Gott ein Allvater ist. Und nur auf diesem geweihten Boden konnte die Wunderblume der unbedingten „Nächstenliebe“ wachsen; man hat sie zu entwurzeln und als einem anderen Muttergrunde entsprossen zu bezeichnen versucht. Vergeblich. Dieser Ruhm gebührt unserer Thora; diese Botschaft hat sie der lauschenden Mit- und Nachwelt gebracht.
Deshalb auch freuen wir uns an diesem Tage, beglückt durch solche Betrachtung und in allen Widerwärtigkeiten gestärkt durch diese geschichtliche Überzeugung. Deshalb lesen wir das letzte und das erste Wort der Thora am heutigen Tage der Thorafreude, den ewigen, ungeschmälerten Wert der heiligen Lehre anzuerkennen, deren Anfang und Ende Liebe ist. In festgeschlossener Kette reiht sich Sabbat an Sabbat im Jahreslaufe. Ein gottesdienstliches Jahr schließt unmittelbar an das andere. Wenn wir das Schlußwort der Thora hören: „Vor den Augen aller Kinder Israel“, klingt uns schon vertraulich und bekannt die Botschaft entgegen: „Im Anfange hat Gott Himmel und Erde erschaffen.“ Glücklich im Besitze des Kleinods, hüten wir es treu und sorgsam. Und zum Zeichen, daß die Thora uns auf allen Wegen sicheres Geleite gibt, tragen wir die ehrwürdigen Rollen liebevoll in unseren Armen und umschreiten in feierlichem Zuge den heiligen Schrein, in dem sie ruhen. Sie, die Thora, ist Losung im Kampfe, Losung zum Siege.
„Freuen und jubeln lasset uns am Simchath-Thora, Denn sie ist uns Kraft und Leuchte.“
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Gebet am Simchas Thora. שִּׂמְחַת תּוֹרָה
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Herr und Vater! Es heißt von Deiner heiligen Lehre: „_Sie soll nicht schwinden aus Deinem Munde und aus dem Munde Deiner Nachkommen in Ewigkeit!_“ und eben darum machen wir an dem heutigen Festtage dieselbe Stunde, in der wir die Vorlesung aus der Lehre Moses beendigen, zur Stunde des Wiederbeginnens. Nie soll es in unserem Leben eine Stunde geben, die uns außerhalb der Beschäftigung mit den heiligen Büchern der Thora fände, eine Stunde, von der wir sagen können, wir haben die Durchlesung zwar beendet, aber noch nicht wiederbegonnen. Und ist auch dies nur ein äußerliches Werk, so ist es uns doch ein Zeichen und eine Mahnung, daß wir nie aufhören sollen in der heiligen Lehre zu forschen, daß wir es nie imstande sind, ihren ganzen Inhalt zu erschöpfen, daß wir nicht immer wieder aufs neue Belehrung, Trost, Weisheit und Erbauung in ihr zu finden vermöchten. Und das ist auch am heutigen Feste, dem Tage, den wir „die Freude des Gesetzes“ nennen, der Sinn dieser Freude, daß in der Lehre ein ewiger, nie versiegender Quell des Heiles uns gegeben ist, dessen Labung eine immer süßere wird, je mehr wir aus ihm schöpfen.
Aber auch eine hiervon ganz verschiedene Betrachtung macht uns diesen Tag würdig. Wie ein erhabenes Kunstwerk aus dem Reich der Töne, das bald ernst und würdig, bald stürmisch brausend, bald süß und liebkosend, bald zürnend und erschütternd, aber immer in gleicher Pracht und Herrlichkeit zu uns geredet hat in den verschiedenen Melodien, wie ein solches Kunstwerk der Töne endlich verhallt in leiser, zitternder Klage, so verhallt am heutigen Tage der Inhalt des Gottesbuches in der Erzählung vom Tode des herrlichsten der Menschen, des göttlichen Propheten. Aber auch dieser Schluß, er enthält noch eine hohe unschätzbare Lehre der Weisheit. Mose, der Mann Gottes, der sein Leben und Streben eingesetzt für das Glück seines Volkes, für das Glück der Menschheit, er sieht das Ziel seiner Taten von ferne, er selbst genießt keine Frucht seiner treuen Aussaat. Von der Höhe des Berges schaut er das herrliche Land, in das sein Volk einziehen soll, er selber aber zieht ein in die Heimat der seligen Geister. Laß' dieses Leben, diesen Tod, o Herr, mir eine Lehre sein! Nicht der Genuß sei das Ziel unseres Strebens, sondern die edle Tat. _Gutes wirken, das allein heißt leben._ Die Bahn der Tugend ebnen für andere, das heißt auch selber auf ihr wandeln. Nicht strebe meine Seele darnach, zu herrschen über andere und zu glänzen vor Anderen, wohl aber ein leuchtendes Vorbild zu sein für andere in edlem Wollen und Wirken, um endlich in der Stunde des Scheidens aus der Erdenwelt das Bewußtsein mitzunehmen in die Ewigkeit, keine Kraft, die der Herr mir gegeben, unbenutzt gelassen, sondern sie angewandt zu haben zum Wohle der Menschen und zur Ehre Gottes.