Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen

Part 4

Chapter 43,770 wordsPublic domain

„zum Segen und nicht zum Fluche zur Sättigung und nicht zum Hunger zum Leben und nicht zum Tode.“

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‎‫טַל‬ Frühlingsgebet am ersten Tage des Passahfestes.

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Bald ist nun der Kampf vorüber, Und die milde Sonne siegt, Darum ist mein Herz so fröhlich, Meine Seele so vergnügt. Nach dem Frühling war mein Sehnen. O, nun ist es bald erfüllt! Süße Lust der Frühlingsahnung Zieht ins Herz mir warm und mild.

Bald ist nun der Kampf vorüber, Und es bricht des Winters Macht! Schon gewichen sind die Stürme, Kürzer wird die kalte Nacht! Nicht mehr strömen rauh hernieder Feuchte Flocken sonder Zahl, Durch der Wolken graue Decke Bricht hervor der lichte Strahl!

Ach, es waren schlimme Tage! Böse war die Winterzeit! O, wir suchten scheu und schüchtern Schützend Dach und warmes Kleid. Ach, und wem der Güter Fülle Nicht die schwache Hilfe bot, Zehnfach bitter mußt' er fühlen Wintershärte, Wintersnot.

Nun, Gottlob! es ist vorüber! Und es kündet seine Spur Tausendfach der holde Frühling Freundlich an in Feld und Flur! Droben nur noch trübe Schatten Einzeln schnell vorüberflieh'n, Und auf Erden keimt und sprosset Lächelnd auf ein junges Grün.

Abgestreift von meinem Geiste Wird der Fessel letzter Rest, Jubelnd feiert meine Seele Heute ein Befreiungsfest. Neuer Mut und neues Leben Sind im Busen mir erwacht, So ist's Israel gewesen Nach Ägyptens Winternacht.

O, es faßten die Befreiten Der Befreiung Wonne kaum, Also ist ein süß Erwachen Nach dem bösen, langen Traum! Darum eil' ich, Dich zu preisen, Vater, vor Dein Angesicht! Du verließest uns, die Deinen, Auch in trüben Tagen nicht.

Wirst auch ferner uns bewahren, Wirst uns stets ein Hüter sein! Bringst den Frühling und den Sommer Uns zum Segen und Gedeih'n! Du wirst Tau und Regen spenden Zu der Erde Fruchtbarkeit Auch in diesem Jahre wieder, Immerdar zur rechten Zeit.

Ja, wir wissen, daß der Vater Alle seine Kinder liebt, Daß er nimmermehr ihr Leben Dem Verderben übergibt. _Wir_, wir können es nicht schaffen, Doch wir können _Dir_ vertrau'n, Können auch in diesem Jahre Hoffend auf den Sommer schau'n.

Du, o Herr! befiehlst den Wolken Durch Dein göttlich Allmachtswort! Daß sie kommen, daß sie gehen, Uns zum Segen fort und fort, Daß die Sonne sie verhüllen, Wenn ihr Strahl uns wird zur Glut, Daß sie schwinden, wenn zu lange Niederströmt des Regens Flut.

Du, o Herr! befiehlst dem Strome, Daß er bleibt in seinem Gleis! Du, Du bist es, der dem Blitze Seinen Weg zu zeigen weiß! Du, Du bist es, der im Taue Himmelsgnade niedersenkt, Der auf reiche Segensbahnen Wunderbar die Winde lenkt!

Darum zieht die Frühlingsahnung Mir ins Herz so warm und mild, Und mein Hoffen und mein Sehnen Ist nun bald so süß gestillt. Bald ist nun der Kampf vorüber Und die milde Sonne siegt, Darum ist mein Herz so fröhlich, Meine Seele so vergnügt.

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2. Das Wochenfest. ‎‫שָׁבוּעוֹת‬

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Festbetrachtung am Wochenfeste.

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„Gott der Herr ist meine Kraft, meinem Fuße verleiht er Behendigkeit, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln.“

So kündet das Prophetenwort am heutigen Tage die Größe und Bedeutung des Segens an, der uns in der Stunde zuteil geworden war, in der wir das heilige Gesetz, die Thora, empfingen. „Gott der Herr ist meine Kraft, er läßt mich auf meinen Höhen wandeln“; das ist der Wahlspruch, der uns zur Selbstvollendung emporführt; das ist der Wegweiser zu sittlicher Vollkommenheit. Zunächst sind wir von der Vorsehung dazu ausersehen gewesen, dieses heilige Gesetz zu empfangen und zu verbreiten. In jener feierlich-großen Stunde galt das große Wort: „Heute bist Du zum Volke geworden Deinem Gotte.“ Wann ist dieser Geburtstag Israels? Das ist der Tag, an dem der Ewige seinem Volke die „Kraft“ verlieh, den „Frieden“ gab. Denn die Thora ist die „Kraft“, die nie versagt und nie versiegt, sie ist der unwandelbare, ewige „Friede“. Sie ist die „Kraft“, die sich jahrtausendelang bewährt, der „Friede“, der durch nichts gestört wird, der Geburtstag der Thora! Wir feiern ihn stolz, wir feiern ihn glücklich; wir feiern ihn in demütiger Anerkennung der unerreichbaren Größe, der unergründlichen Tiefe des Thorawortes, Thorageistes. Sie hat den Siegeszug durch die Welt angetreten, hat Menschenherzen, Menschenseelen erobert und bezwungen. „Du stiegest empor, nahmst gefangen, machtest Menschen zu Deinen Geschenken.“ Mit dem Doppeldiadem des Gehorsams und der Tat wurden nach alter Sage die Väter gekrönt, als sie die Heilsbotschaft Gottes mit den Worten empfingen: „Wir wollen nach dem Gesetze handeln und gehorchen.“ Mit der Krone der Tugend und des Glaubens wird die ganze Menschheit gekrönt durch die Thora. Zum Eigentum der gesitteten Menschheit ist sie geworden. Erfüllt hat sich der alten Weisen Lehre und Deutung: „Die Erde erzitterte und alle Bewohner, als das „Ich“ die Säulen der Erde feststellte“ — jenes „Ich“, mit dem die zehn Gebote beginnen. Allumfassend war die Botschaft; sie erfüllt die ganze gesittete Welt. Wie die Wüste, wo sie zum erstenmal gehört war, niemandem eignet, so ist sie, diese Thora, jedwedem zu eigen, der sie annimmt; wie das Weltmeer, so ist sie weltumarmend; wie Wasser und Feuer nicht feil und käuflich sind, so sind Moral und Glaube. Als Allgemeingut war die Thora gedacht. Dieser Tag ist nicht allein der Geburtstag Israels; er ist der Geburtstag festgegründeter Sittlichkeit. Und wir sollten ihn nicht festlich begehen? sollten nicht die heilige Lade mit Kränzen umwinden? sollten nicht Blumen streuen auf den Weg der Thora, deren „Pfade allesamt sind Lieblichkeit“? Wir sollten nicht in inbrünstiger Dankbarkeit der Zeit gedenken, die uns zum Lehrmeister der Welt gemacht, uns, die vielgeschmähten Stiefkinder der Menschheit, zu den liebeerfüllten Spendern von Friede, Freude und Liebe?! Die „Wüsten freuen sich und Steppen jubeln“; die Wüsten der Lieblosigkeit, die Steppen der Menschenverfeindung, denn einzieht die Lehre der Menschenliebe. Wir wollen Sendboten sein und bleiben dieser Lehre, im Zeichen dieser „Kraft“ auf unseren Höhen wandeln.

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Gebet am Vorabend des Wochenfestes.

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Allgütiger! Das liebliche Fest der Erstlingsfrüchte begrüßt uns wieder mit dem zauberischen Lächeln seines holden Angesichts. Da wird auch unser Angesicht heiter, unser Herz fröhlich, und das Wort des Gebetes wird auf unseren Lippen zum heiteren Jubelton innerer Fröhlichkeit. Was kann das Herz des Menschen mehr entzücken als der Anblick der Natur, die da pranget in ihrer ganzen Herrlichkeit! Das ist eine Freude, die höher steht, als alle anderen Freuden, die gemeinsamer Anteil der Menschen sind, denn sie ist unvergänglich, wenn auch dem Wechsel unterworfen; im Hinschwinden dieser Schönheit liegt schon die Gewißheit des Wiederentstehens. Und wenn sie eingetreten ist, diese Verjüngung, so hat sie nichts von ihrer Anmut verloren, nichts von ihrer Kraft eingebüßt, keines ihrer Wunder ist geringer geworden. Der aus Deinem Munde wieder gerufene Frühling ist derselbe heitere Garten Gottes, der in den Tagen meiner Kindheit meine jugendliche Seele ergötzte, der, immer wiederkehrend, jahraus jahrein mir seine Freuden zum Genusse bot, und der mit süßem Schmeichelton noch in der Brust des Greises und der Greisin die sanfte Empfindung inniger Lebensfreude erweckt und das Bekenntnis hervorruft: Freue, Mensch, Dich Deiner Erde, freue, Mensch, Dich ihres Schöpfers! Wie ist sein Werk so schön!

Nicht wir Menschen allein sind es, die nunmehr ein Fest zu Deinem Preise feiern, Allgütiger. Die ganze Natur hat festlich sich geschmückt, auch sie stimmt ein in unsern Jubel; der heitere Morgen, der freundliche Abend, das junge Grün des Waldes, die Fröhlichkeit der Tiere auf Erden, alles! alles preiset Gott, alles spricht vernehmlich: Halleluja! Gott ist die Liebe, Halleluja!

Wie aber? Ist es denn des Menschen würdig, nicht mehr zu wollen, nicht mehr zu bedürfen, als alle Dinge ringsumher? Unterscheidet sich mein Frühlingsfest nicht von dem Frühlingsfeste der Natur? Reicht es hin zu meiner Befriedigung, wenn in der Schönheit der Erde meine Sinne ihr Genüge finden?

O nein, mein Gott, ich feiere heute noch ein anderes, noch ein höheres Fest der Erstlingsfrüchte!

Einst lag ein harter, starrer Winter auf den Ahnen meines Volkes, auf dem Volke, das Du um ihrer frommen Väter willen bestimmt hattest, die Verkündiger des Frühlings zu werden, der dem Menschengeschlecht anbrechen sollte in der Welt des Geistes. Da hast Du, Allmächtiger, mit starker Hand die Eisdecke der Sklaverei gespalten, da hast Du die Deinen erweckt aus dem Winterschlaf geistiger Finsternis, da hast Du unter ihnen in Deiner wunderbaren Erlösung die Saat ausgestreut, aus der das Heil der ganzen Menschheit für alle Geschlechter auf Erden erblühen sollte, und als am Sinai Dein Donnerwetter ertönte, da war das herrliche, unvergängliche, menschenbeglückende Gesetz die _Erstlingsfrucht des anbrechenden Frühlings_.

Ja, das ist das Fest, das ich feiere, daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbaret in der Körperwelt und daß ich Deiner Liebe mich freue, die sich offenbart in Deiner heiligen Lehre.

Und daß ich einzudringen versuche in die Weisheit Deiner heiligen Gebote vom Sinai, daß ich betrachte, wie sie auch mir zum Heile und zur Glückseligkeit gegeben sind, das sei die Aufgabe, die am morgenden Tage des Festes mich beschäftigen soll!

Allgütiger, Deine Liebe ist mein Glück, Deine Zufriedenheit mein Streben. Amen!

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Gebet am Wochenfeste. (Vorher Nischmath Seite 19.)

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Urquell aller Weisheit! Du, mein Gott, der Du die Menschen beglückt hast durch Deine heilige Lehre, Dir will auch ich danken, daß ich dieser Lehre teilhaftig bin. Darum sei heut, am Feste der Gesetzgebung meine Andachtsübung, daß ich mich beschäftige mit den Geboten, die Du am Sinai verkündigt, die Du ausgesprochen hast unter dem Schalle der mächtigen Posaune, die erweckend forttönt für jedes willige Menschenohr bis zu den spätesten Geschlechtern.

Du wolltest es, o Herr, daß die Menschen nicht ferner in der Finsternis wandeln, daß das Licht der Wahrheit sie erleuchte und ihnen den Blick eröffne weit über die Zeitlichkeit hinaus. Du wolltest sie lehren, daß nichts von allem, was entsteht und vergeht, ein würdiges Ziel ihrer Anbetung sei und Du sprachst es aus: _„Ich, der Ewige, bin Dein Gott!“_

Du wolltest, daß die Menschen nicht bangen und zagen, sich dem Erhabensten zu nahen, daß sie nicht glauben sollen: der Allmächtige ist zu groß für mich, zu erhaben für meine Verehrung; zwischen ihm und mir liegen Millionen Dinge, die Macht über mich haben und über mein Bestehen; all die Kräfte der Natur, all die wunderbaren Erscheinungen am Himmel und auf Erden, warum sollte ich sie nicht anbeten? Oder daß sie sprechen: Der Erhabene, der Unkörperliche ist unfaßbar für mich, ich will ihn mir darstellen im Bilde, und Du sprachst es aus: _„Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesichte!“_

Du wolltest, daß die Menschen, trotz der Gewißheit, daß Du ihnen nahe bist und nahe sein willst, und es keinen Vermittler gibt zwischen Dir und ihnen, sich dennoch mit allen Kräften ihrer Seele zu Dir erheben, und nicht Deinen heiligen Namen aussprechen, als hätte Deine Herrlichkeit sich herabgelassen zu ihrer Niedrigkeit, und Du sprachst es aus: _„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht vergeblich führen!“_

Du wolltest, daß die Menschen Dich verehren als den Schöpfer der Welt, der durch sein Schöpfungswort sie aus dem Nichts hervorgerufen, der noch fort und fort in Ewigkeit sie regieret und leitet, Du wolltest, daß diesem Gedanken ein Tag geweiht sei, der an die Vollendung Deines Schöpfungswerkes sie erinnere, und der sie mahne, daß Du es bist, der für sie sorgt und nicht ihrer Hände Werk, und Du sprachst es aus: _„Gedenk des Sabbattages, daß Du ihn heiligest!“_

Du wolltest, daß die _Liebe_ herrsche unter den Menschen, und Du pflanztest sie ein in ihr Herz, daß sie die Grundlage sei menschlicher Güte und menschlicher Tugend, und Du wolltest, daß der Mensch ihr Dasein und ihre Macht nimmer verleugne, darum schufst Du auf Erden ein sichtbares Abbild Deiner eigenen Liebe in den Herzen der Eltern, und Du sprachst es aus: _„Ehre Deinen Vater und Deine Mutter!“_

Du wolltest, daß der _Frieden_ herrsche unter den Menschen, daß der eine seine Kraft nicht mißbrauche, dem andern zu schaden an seinem Leibe und an seinem Wohlsein, daß der Starke nicht Herr sei des Schwachen, der Mächtige nicht vernichte den Machtlosen, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht morden!“_

Du wolltest, daß die _Unschuld_ herrsche unter den Menschen, daß Sitte und Selbstbeherrschung sie veredle, daß das Band der Liebe und Treue die Menschen zu Familien eine, und die Familie zum Vorbild diene für die Vereinigung aller Menschen untereinander, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht ehebrechen.“_

Du wolltest, daß _Redlichkeit_ und Vertrauen herrsche unter den Menschen, daß nicht der eine rechtlos genieße, was der andere erworben, daß nicht Bosheit und List sich bereichere und der Fleiß und die Rechtschaffenheit darbe, daß nicht die Gewalt siege über die Gerechtigkeit, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht stehlen!“_

Du wolltest, daß die _Lüge verbannt_ sei und verachtet unter den Menschen, daß der Tückische nicht schände den Namen des Unschuldigen, die Gerechtigkeit nicht verhüllt werde von dem Gewebe des Truges, der Gerechte sicher sei vor der Verleumdung des Lasterhaften, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider Deinen Nebenmenschen!“_

Und Du wolltest, daß der Mensch _sorgsam achte_ auf sich selber, daß er selbst der Wächter seiner Tugend sei, daß die bösen Leidenschaften nicht über ihn Herr werden, daß er nicht der Genußsucht und der Habgier zur Beute werde, sondern sein Anteil in Zufriedenheit genieße und nach seinen Kräften Gutes wirke, und Du sprachst es aus: _„Du sollst nicht begehren, was Deinem Nächsten gehört!“_

Das sind Deine heiligen Gebote, o Herr! Sei mir gnädig und gib mir Kraft und Willen, sie zu üben in allen Tagen meines Lebens. Amen!

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Die Hallel-Psalmen. (Seite 39.)

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Gebet beim Herausheben der Thora. (Seite 44.)

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Die Gesetzgebung am Sinai. (2. Buch Mose, Kap. 19 u. 20.) [Vorlesung aus der Thora am ersten Tage des Wochenfestes.]

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Im dritten Monate nach dem Auszuge der Kinder Israel aus dem Lande Ägypten, an eben diesem Tage kamen sie in die Wüste Sinai. Sie zogen von Rephidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste; also lagerte Israel daselbst dem Berge gegenüber. Und Mose stieg hinauf zu Gott, und es rief ihn der Herr vom Berge, sprechend: so sollst du sprechen zum Hause Jakobs und verkünden den Kindern Israels: „Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern getan habe, und wie ich euch auf Adlersflügeln getragen, und wie ich euch zu mir gebracht habe. Und nun, wenn ihr meiner Stimme gehorchen und meinen Bund hüten wollt, dann sollt ihr mir ein auserlesenes Volk von allen Völkern sein, denn mein ist die ganze Erde. Und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und eine heilige Gemeinde. Dieses sind die Worte, welche du zu den Kindern Israels reden sollst.“ Und Mose kam und rief die Ältesten des Volkes und legte ihnen alle diese Worte vor, welche der Herr ihm geboten hatte. Da antwortete das ganze Volk einstimmig und sie sprachen: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun“. Und Mose brachte die Worte des Volkes vor den Ewigen zurück. Und der Ewige sprach zu Mose: „Siehe, ich komme zu dir in einem dichten Gewölke, damit das Volk es höre, wenn ich mit dir rede, daß sie auch dir glauben immerdar“. Und es verkündete Mose die Worte des Volkes dem Ewigen. Und der Ewige sprach zu Mose: „Gehe zum Volke, und sie mögen sich heilig halten heute und morgen, und ihre Kleider sollen sie waschen. Und sie sollen bereit sein für den dritten Tag, denn am dritten Tag wird der Herr sich herablassen vor den Augen des ganzen Volkes auf den Berg Sinai. Du aber sollst das Volk ringsumher abgrenzen sprechend: Hütet euch, den Berg zu besteigen, oder sein Ende zu berühren; wer den Berg anrührt, soll des Todes sein.

Keine Hand soll ihn berühren, er soll gesteinigt oder erschossen werden, es sei Tier oder Mensch, es soll nicht leben; wenn aber das Horn lang ertönt, dann können sie den Berg besteigen. Und Mose stieg hinab vom Berge und heiligte das Volk und sie wuschen ihre Kleider. Und er sprach zum Volke: seid bereit auf den dritten Tag, es nahe keiner einem Weibe. Und es war am dritten Tage, als es Morgen wurde, da waren Donner und Blitze und eine schwere Wolke auf dem Berge und auch die Stimme einer sehr mächtigen Posaune, und es zitterte alles Volk, welches im Lager war. Und es führte Mose das Volk dem Herrn entgegen vom Lager und sie stellten sich hin unten am Berge. Und der Berg Sinai rauchte ganz und gar, weil der Herr sich auf ihn herabgelassen hatte im Feuer, und der Rauch stieg von ihm auf, wie der Rauch eines Ofens, und der ganze Berg bebte sehr. Und die Stimme der Posaune hielt an und verstärkte sich mächtig, Mose redete, und Gott antwortete ihm im Donner. Und es ließ sich nieder der Herr auf den Berg Sinai, auf die Spitze des Berges, und Mose stieg hinauf. Und der Herr sprach zu Mose: steige hinab und warne das Volk, daß sie nicht hinzudrängen zum Herrn, um zu schauen, es könnten sonst viele von ihnen fallen. Auch die Priester, die da hintreten zum Herrn, sollen sich heilig halten, daß der Herr nicht einbreche unter sie. Da sprach Mose zum Herrn: Das Volk kann den Berg Sinai nicht besteigen, denn Du hast uns gewarnt, sprechend: umzäune den Berg und heilige ihn. Da sprach der Herr zu ihm: gehe hinab und steige hinauf, du und Aharon mit dir; aber die Priester und das Volk sollen nicht hinzudrängen, hinaufzusteigen zum Herrn, daß er nicht unter sie einbreche. Da stieg Mose hinab zum Volke und sagte es ihnen.

Und Gott redete alle diese Worte, sprechend:

„Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich herausgeführt habe aus dem Lande Ägypten, aus dem Hause der Knechtschaft.

Du sollst keine andern Götter haben vor meinem Angesicht. Du sollst dir kein Bild machen und keinerlei Gestalt weder von dem, was im Himmel oben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht; denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifervoller Gott, der da ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die mich hassen, der aber Gnade erweiset bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote halten.

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht vergeblich führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen vergeblich führt.

Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten, der siebente Tag aber ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Da sollst du kein Werk tun, weder du, noch dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und dein Fremdling, der in deinen Toren ist; denn in sechs Tagen hat der Herr den Himmel und die Erde geschaffen, das Meer und alles was darin ist, und am siebenten Tage hat er geruht; darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.

Ehre deinen Vater und deine Mutter, auf daß deine Tage lang werden auf der Erde, welche der Herr, dein Gott, dir gibt.

Du sollst nicht morden.

Du sollst nicht ehebrechen.

Du sollst nicht stehlen.

Du sollst nicht falsches Zeugnis aussagen wider deinen Nächsten.

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, seinen Knecht, seine Magd, seinen Ochsen, seinen Esel und alles, was deinem Nächsten gehört.“

Und alles Volk nahm den Donner und die Flammen wahr und die Stimme der Posaune und den rauchenden Berg und es bebte und stellte sich von ferne. Und sie sprachen zu Mose: „Rede du mit uns, so wollen wir hören, möge nicht Gott mit uns reden, wir müssen sonst sterben“. Da sprach Mose zum Volke: „Fürchtet euch nicht, denn um euch zu prüfen, ist Gott gekommen, und damit seine Ehrfurcht auf eurem Angesicht sein soll, damit ihr nicht sündiget“. Und das Volk stellte sich von ferne, und Mose trat in das dichte Gewölk, woselbst Gott war.

Und der Herr sprach zu Mose: So sollst du sprechen zu den Kindern Israel: ihr habt gesehen, daß ich vom Himmel mit euch geredet habe. Ihr sollt nicht neben mir machen silberne Götter, und goldene Götter sollt ihr euch nicht machen. Einen Altar von Erde sollst du mir machen und darauf opfern deine Ganzopfer, deine Freudenopfer, dein Kleinvieh und dein Rindvieh; an jedem Orte, wo ich meinen Namen preisen höre, werde ich zu dir kommen und dich segnen. Und wenn du einen Altar von Steinen mir errichten willst, so sollst du ihn nicht aufbauen von gehauenen Steinen, denn wenn du dein Eisen über sie geschwungen, so hast du sie entweiht. Du sollst auch nicht auf Stufen hinaufsteigen zu meinem Altar, daß deine Blöße auf ihm nicht offenbar werde.

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3. Das Hüttenfest. ‎‫סֻכּוֹת‬

Festbetrachtung am Hüttenfeste.

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Das Fest der Hütten ist das Fest der Freude. An keinem anderen, wie an diesem Jahresfeste, schreibt uns die religiöse Satzung die Freude vor. „Freue dich an deinem Feste, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levite, der Fremde, Waise und Witwe.“ Wir erinnern uns in kindlicher Dankbarkeit der göttlichen Gnadenwaltung, die unseren Vätern bei ihrem Zuge durch die Wüste zuteil geworden war. Wie die schwanke Hütte ihnen sicheren Schutz gewährte gegen Hitze und Kälte und das Zelt des Wanderers stark genug war, feindlichem Angriffe zu widerstehen.

Wenn die Früchte des Herbstes eingesammelt werden, feiern wir das Fest der Hütten, das gleichzeitig ein fröhliches Erntefest war und ist. Und als Zeichen des Erntesegens bringen wir in den traulichen Kreis der Behausung wie in den geweihten Kreis des Gotteshauses die Palmenblätter, Myrtenzweiglein, Bachweiden und die goldige Ethrogfrucht, sie alle in unseren Händen vereint zu einem Bunde, wie die Hausgenossen von einem Familienbande umschlossen sind und zu gemeinsamer Freude sich friedlich vereinigen. Die bescheidene Hütte ist uns nicht minder ein Zeichen der Demut und der Zufriedenheit, des stillen Glückes, das die kampfgewohnten Menschen beruhigt und vereinigt. So verkündet das „Fest der Freude“ mit seinen sinnigen Zeichen den Frieden und die Eintracht. Ist die Palme das Sinnbild der männlichen Kraft, dann ist die Myrte mit ihrem sanften Glanze und würzigem Dufte, dem Weiß der vollen Blüte dem Frauenbilde gleich; und der Weide bescheidener Zweig, vereint mit dem prunkvollen Goldgelb der Ethrogfrucht, stellt den ersehnten Ausgleich dar zwischen Beglückten und Bedrückten. Alle finden sich zusammen unter gemeinsamem Dache der Hütte, über welcher der allen gleiche Himmel sich wölbt. Alles aber stellt uns den Geist des Glaubens dar, den Geist der heiligen Lehre, der unser jüdisches Leben durchdringt und umringt; der auch das Hüttenfreudenfest in deutlicher Rede verkündet. Denn es erzählt von Gottes Liebe und Beschirmung, von reiner, inniger Freude, die allen Menschen zuteil wird. Es ruft uns mit lockender, sanfter Stimme in die vor Einsturz sichere Hütte aufrichtigen Gottvertrauens, in der wir Schatten finden am Tage vor der Sonnenglut, der Leidenschaft, der Mißgunst und Verirrung, Bergung in der Nacht vor der Kälte liebloser Mitwelt und den Enttäuschungen des ränkevollen, harten Lebens. Wir wollen freudig in Deinem Schutze uns bergen, denn in Deinem Hause weilen Liebe und Freude.

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Gebet am Vorabend des Hüttenfestes.

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