Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen

Part 16

Chapter 163,651 wordsPublic domain

Du bist mir vorausgeeilt mein liebes Kind! Schon manche Träne habe ich dir nachgeweint, schon mancher Seufzer ist meiner Brust entstiegen, weil du mir fehlst. Es ist eine harte Prüfung, die Gott mir auferlegt, und mein Herz ist tief betrübt, sooft ich deiner gedenke. Du hattest schöne Hoffnungen in mir erweckt, und manche Freude strahlte mir von dir aus der Zukunft entgegen. Ich glaubte, du würdest mein Alter schmücken, du würdest der jugendliche Kranz auf meinem Haupte sein, wenn es greis wird; ach, ich habe dir den Totenkranz auf dein Haar gedrückt! Gott wollte es so! Ich kann nicht, ich darf nicht gegen sein Gebot murren. Habe ich etwa gesündigt gegen dich? War mein Herz zu stolz in der Liebe zu dir? Habe ich meine ganze Hoffnung zu sehr auf dich gesetzt und Gott wollte meine Kraft wachrufen? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, daß das Leben des unvollkommenen Menschen Leiden haben muß, damit das Herz geläutert werde, damit der Mensch tüchtiger werde an Kraft. Ich habe Jahre der Seligkeit genossen in deinem Besitze, die Liebe freut sich der Gabe, freut sich der Sorge um den geliebten Gegenstand, freut sich lieben zu können. Diese Liebe sei mir ein unentreißbares Gut, sei mir das teure Vermächtnis von dir, die Liebe zu dir schwinde nicht aus meinem Herzen, sie lehre mich auch, andere lieben. Der Genuß, auch der reinste, ist vergänglich, aber die Liebestat bereitet immerwährende Freude, sie ist ein Balsam für das verwundete Herz. Mein geliebtes Kind: ich hätte gern noch weiter um dich gesorgt, gern dich eingeführt in die höheren Stufen des Lebens; du bist frühzeitig in ein anderes Dasein versetzt und meiner Sorgfalt entrückt worden. Ob du dort schon als vollendeter Geist wirken kannst? Ich vertraue auf Gottes Güte, er wird dir, was du hier nicht erreichen konntest, dort leicht machen, er wird den jugendlichen Geist rasch zu den Zielen der Vollendung gelangen lassen. Du bist hier über die Mühen des Lebens rasch hinweggeglitten, du hast die harten Prüfungen nicht zu bestehen gehabt, harmlos und heiter wie in diesem Leben gingst du in das Gottesreich ein. Dort ist deine Seele, nicht berührt von den verunreinigenden und niederdrückenden Kräften des Erdendaseins, verklärt, und du weilest im Chore der Edlen. Sollte ich um deinetwillen klagen? Nein, auch ich will den Verlust tragen mit der Kraft der Liebe, welche du mir eingeflößt hast. Dein Andenken sei mir ein reines, nicht getrübt durch die Tränen bittern Schmerzes, welche es mir entlocken könnte, nicht entstellt durch den Gram, der in meine Züge sich einprägen möchte. Wir vereinigen uns einst wieder, die Sehnsucht des elterlichen Herzens ist wahr, sie ist wahrer als alle Erscheinungen der Welt, denn sie lebt im Tiefsten des Gemütes, diese Sehnsucht ist wahr, und der ewige Gott der Liebe wird sie befriedigen.

Für dein Seelenheil aber, mein frühverklärtes Kind, bete ich innigst zu Gott; bist du in jugendlicher Unreife eingegangen in sein Reich, hast du noch Spuren des Leichtsinns in jener ernsten Stunde an dir getragen, der Allgütige wird sie dir vergeben. Ein Vater verzeiht gern, und er ist ja unser aller Vater!

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An dem Grabe des Gatten oder der Gattin.

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Wir hatten ein unauflösliches Band geknüpft, wir wollten gemeinsam durch das Leben wandern; das Band ist zerrissen, ich stehe einsam da. Ich danke dir, mein guter Mann (mein gutes Weib), für die Treue, welche du gegen mich geübt, für die Sorgfalt, mit der du mich umgeben, für die Innigkeit, die du mir bewiesen hast; überall, wenn ich in mich, wenn ich um mich her blicke, da gewahre ich die Spuren deines Wirkens. (Kurz war unsere gemeinschaftliche Erden-Wallfahrt, aber die Erinnerung an die empfundene Liebe bleibt immer erquicklich, das treue Andenken ist unverlöschlich) — (Du hast unsere Kinder (unser Kind) mit einer Zärtlichkeit gehütet, die nur ich verstand, du hast sie (es) gelehrt, daß sie (es) Gott verehren (verehre) und auf ihn vertrauen (vertraue), daß sie (es) das Gute lieben (liebe) und in der Erfüllung der Menschenpflichten ihre schönste Aufgabe finden (finde); du hast ihnen (ihm) als teures Vermächtnis auch die Liebe gegen mich hinterlassen. Auch dafür danke ich dir, mein guter Mann (mein gutes Weib). Deine Sorgfalt kann ich unsern Kindern (unserm Kinde) nicht ersetzen, aber ich werde, soweit es in meiner Kraft liegt — das verspreche ich dir hier, wo deine Asche ruht, und wo dein Geist sich losgerungen hat, das verspreche ich dir hier im Angesicht Gottes — ich werde sie (es) führen nach meiner Kraft, auf daß dein frommes Auge wohlgefällig auf ihnen (ihm) ruhe, ich werde sie (es) führen in Gottesfurcht und Menschenliebe, daß sie (es) ehrenhaft leben (lebe) in redlichem Willen und nicht verachtet seien (sei) bei Gott und den Menschen, ich werde sie (es) lehren, dein teures Andenken ehren und die Liebe zu dir im Herzen tragen.) — Was du mir warst, ich werde es ewig tief fühlen. Doch ich muß noch in diesem Leben weilen, während du schon einen verklärten Himmelssitz einnimmst. Gott will es so. Soll ich fragen? Soll ich klagen? Die Frage wird nicht beantwortet. Der Mensch ist unvollkommen, seine Wallfahrt hienieden, damit er seine Kraft erprobe und ausbilde, nicht, damit er ungestört genieße. Ich will nicht als ein verdrossener Knecht, sondern als ein williges Kind Gottes erfunden werden (verlange ich ja auch von unsern Kindern (unserm Kinde), daß sie (es) sich ohne Murren ergeben (ergebe), und verlange ich ja Gehorsam von ihnen (ihm), wenn sie (es) auch nicht einsehen (einsieht), daß es zu ihrem (seinem) Wohle gereicht). Darum will ich ruhig hienieden fortwandeln, bis es einst dem Herrn über Leben und Tod gefällt, auch mich einzusammeln zu allen, die mir vorangegangen sind, auch zu dir, mein guter Mann (mein gutes Weib). Was rein und edel hier an uns war, das lebt dort sicherlich fort, und schöner wird das Band sein, das uns dann in Wahrheit unauflöslich umschlingt.

Ach, daß es dir dort wohlergehe, bis ich wieder mit dir vereint bin, das ist mein täglich Flehen zu Gott. Wie dein wachsames Auge uns von dort auch umgibt, mich und alle, die uns in Liebe angehören, so möge Gottes Vaterhuld dir die Fülle seiner Segnungen gewähren! Mein guter Mann (mein gutes Weib), dieser Grabhügel decket deine Asche, dein Herz ist nicht tot, dein liebevolles Gemüt ist nicht gestorben, du lebst in mir, du lebst bei Gott!

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Am Grabe der Geschwister, Großeltern, Schwiegereltern und anderer Verwandten.

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Ich sehe dich nicht mehr mit leiblichem Auge, Du, dessen (deren) Nähe mich und alle, die zu uns gehören, so oft erquickte. Du bist dem Kreise der Unsrigen entrückt, und schmerzlich vermissen wir dich. Wir sind um vieles ärmer geworden durch deinen Verlust, ärmer geworden an Lebensfrische, ärmer an den Beweisen deiner Liebe. Du hast überall Freundlichkeit hingetragen, für alle Angehörigen einen Blick der Liebe gehabt. Und dein Wort, es erfrischte und erquickte. Nun du fehlest, da fühlen wir erst recht, was du gewesen bist, wie du das Band so eng geknüpft, wie du heilsam gewirkt, wie du die Liebe gepflegt hast. Mein Herz ist tief betrübt; nur dein kühles Grab kann ich umfassen, ich breite die Arme nach dir aus, sie können dich nicht umfangen. So zieht einer nach dem andern hin, der Kreis wird gelichtet, doch setzen auch neue Äste sich an, wenn nur der Stamm ein gesunder ist. So will auch ich denn in deinen Wegen gehen, ich will die Zurückgebliebenen mit treuer Liebe umfassen, in der Erinnerung an dich, liebe, abgeschiedene Seele, wollen wir uns enger aneinander schließen, und meinem Geiste und Herzen will ich die edlen Saaten zu entlocken suchen, die bei dir so schön aufgegangen waren. Ich will des Lebens Prüfung mit starkem Mute tragen, auf daß ich den unsrigen mit tröstender Kraft vorangehe. Des Lebens Wert besteht in tätiger Liebe, nicht in der Klage um das unwiederbringlich Dahingegangene. In unserm Streben wirst auch du fortleben und in unserm Herzen ist dir eine sicherere Stätte bereitet als die, welche deine Gebeine umschließt. Deine Heimat ist nun im Gottesreiche, und im Kreise verwandter Seelen möge dein Heil wahrhaft erblühen.

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Am Grabe eines Freundes oder einer Freundin.

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Wir hatten einander im Leben gefunden, liebe, verklärte Seele, und ein enges Band war zwischen uns geknüpft. Nicht Fleisch und Blut, nein! dein Geist und dein Herz haben mich zu dir hingezogen, und je tiefer ich in dein Inneres eindrang, je mehr die Tiefen deiner Seele vor mir sich enthüllten, um so mehr lernte ich dich lieben und achten. Der Umgang mit gleichgestimmten Seelen ist die erhebendste geistige Nahrung, das fühlte ich in deinem Umgange, in den heitern und den ernsten Gesprächen, die wir miteinander führten. Deine Klarheit, deine liebevolle Teilnahme belehrten und erquickten mich; dein edler Sinn verlieh auch mir den Aufschwung zum Höhern und Bessern. Habe Dank, du liebe Seele, für deine Freundlichkeit, habe Dank, für die Stunden höheren Genusses, die du mir bereitet, für die Vorahnung eines schönern geistigen Daseins, die du in mir geweckt und bestärkt hast. Die Ahnung, sie ist dir nun zur Klarheit geworden; ich aber soll weiter im Kampfe des Lebens stehen, ohne deine Stütze, ohne deinen ermahnenden und beschwichtigenden Zuspruch. Schwer ist es, einen solchen Verlust zu ertragen. Das seltene Gut wahrer Freundschaft wird nicht so leicht ersetzt. Die Empfänglichkeit des Herzens nimmt ab, der Einklang der Seelen wird schwerer gefunden. Doch mir bleibt die Erinnerung an dich. Bei jedem Schritte des Lebens, bei jedem Gedanken und Gefühle, da seiest du mein Führer und mein Richtmaß. Immer werde ich mich fragen: wie würde dein Freund (deine Freundin) hier geurteilt, wie geraten, wie gehandelt haben? Und in unsichtbarem Verkehre mit dir werde ich mich läutern und veredeln, um deiner stets würdig zu bleiben. So lebe nochmals wohl, teure Seele, bis auch ich einst zu dir komme. Ja, wir vereinigen uns wieder im großen Vaterhause. Was aus dem Geiste entsprungen ist, das ist ewig, was die Liebe zart gewunden hat, das ist unauflöslich. Es ist der Erde gegeben, was der Erde entstammt; aber gehörtest du der Erde ganz an, daß du zu ihr wieder werden könntest? War das Aufblitzen deines Auges, wenn ein schöner Gedanke dich durchleuchtete, irdisch? War der innige Blick, der dich bei teilnehmender Hingebung verklärte, ein Werk des Staubes? Nein, das lebt fort an dir, lebt schöner, freier. So lebe wohl im Umgange mit höhern Geistern. Deine Liebe wird auch jetzt noch mich umschweben, dein Geist aber in Klarheit die lichten Bahnen der Ewigkeit durchwandern, und himmlische Freuden mögen dich erquicken!

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Am Grabe eines Wohltäters oder einer Wohltäterin.

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Viel verdanke ich dir, und deines teilnehmenden Wirkens für mich werde ich nie vergessen. Ich stehe an deinem Grabe und bete für dich aus der Tiefe meines Herzens. Mein leibliches und mein geistiges Wohl hast du gefördert, weil du als Mensch den Menschen liebtest, nicht um meines Verdienstes willen. Aus der Saat der Liebe da sprießen Garben hervor, die du dort einsammeln wirst. Schwach ist mein Dank, was kann ich für den reinen Geist tun? Nur ein ehrendes Andenken bleibt mir, das will ich bewahren; dein Werk nach Kräften fortsetzen, in deinen Wegen der Güte wandeln, das sei mein Dank, der dir am meisten wohlgefällt. Dort aber wirst einen schöneren Lohn du empfangen: „Vor dir her wandelt deine Frömmigkeit, die Herrlichkeit Gottes nimmt dich auf.“

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Am Grabe eines Lehrers oder einer Lehrerin.

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Meinem Geiste bist du, als er noch unentwickelt war, ein redlicher Führer (eine redliche Führerin) gewesen, meinem Herzen hast du die Richtung gegeben. Nun erst erkenne ich es recht, was dein liebevoller Ernst von mir verlangt hat, was ich deinem Wirken schulde. Nimm, verklärter Geist, den Dank des Geistes an, der in dir seine Nahrung gefunden hat; du warst der Quell, der mich befruchtet hat; der Quell versieget nicht, wenn er auch meinem leiblichen Auge sich entzieht. Ob ich immer deinen Wünschen entsprochen habe? Ob deine Lehren eine fruchtbare Stätte bei mir gefunden haben, es sei mein redlich Streben, deine würdige Schülerin heißen zu dürfen. — Schon hier war dein Leben einem höheren Ziele zugewandt, du hast es erreicht; des Lebens Mühsal ist geschwunden, des Geistes freudige Klarheit, nach der du so ernst gerungen, sie ist dein Lohn. Was Menschen nicht belohnen können, oft auch nicht belohnen wollen, das wägt Gott auf gerechter Wage, und seine Liebe wird dort dich beglücken!

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Am Grabe bedeutender Menschen.

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Du weilest nicht mehr unter uns, aber die Spuren deines Wirkens sind tief eingegraben und sprießen vielfach hervor: du bist noch unter uns mit deinem bessern Anteile. An deinem Grabe lerne ich es und wird es mir zur unzweideutigen Gewißheit: es ist nicht alles eitel und vergänglich. Die Taten deines Geistes, deiner edlen Natur leben fort und erquicken viele, die dich nicht geschaut haben mit leiblichem Auge, die, ach, vielleicht kaum ahnen, daß sie dir reiche Nahrung des Geistes und des Herzens zu danken haben. In dem Menschen, der über die Gewöhnlichkeit sich erhebt, da erkennen wir erst das Göttliche, da ist Gott uns nahe. Nicht mit Schmerz stehe ich an deinem Grabe, die Vernichtung hat nur deine Hülle getroffen. Hier fühle ich mich gehoben, denn ich lerne den Menschen in seiner Würde kennen und ehren; neben der Demut, die mich erfüllt, ob meiner eignen Schwäche, gewinne ich doch auch Kraft, um zum Ziele wahrer Menschenbildung mich hinanzuringen. Der Geist, der hier schon die Unendlichkeit in sich getragen hat, ihm ist wohl in den Räumen der Ewigkeit; dort fühlst du dich heimisch, du begrüßest alle Edlen, du lebst in Gott, bei dem da ist des Lebens Quelle, in dessen Licht du Licht schaust.

(Die Gemeinde kehrt von den Gräbern zurück.)

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Es kehrt der Staub zur Erde zurück, wie er gewesen, doch der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben. (Pred. Sal. 12, 7.) Und wall' ich auch im finstern Tale, nicht fürcht' ich Böses; denn du bist bei mir; Dein Stab und deine Stütze, sie trösten mich. (Psalm, 23, 4.) Wandle ich in Frömmigkeit, werde ich Dein Antlitz schauen, erwachend mich freuen Deines Anblickes. (Ps. 17, 15.)

‎ ‫וְיָשֹׁב הֶעָפָר עַל הָאָרֶץ כְּשֶׁהָיָה וְהָרוּחַ תָּשׁוּב אֶל הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר נְתָנָהּ׃‬ ‎‫גַּם כִּי אֵלֵךְ בְּגֵיא צַלְמָוֶת לֹא אִירָא רָע כִּי אַתָּה עִמָּדִי שִׁבְטְךָ וּמִשְׁעַנְתֶּךָ הֵמָּה יְנַחֲמֻנִי׃ ‎‫אֲנִי בְּצֶדֶק אֶחֱזֶה פָנֶיךָ אֶשְׂבְּעָה בְהָקִיץ תְּמוּנָתֶךָ׃‬

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Schlußbetrachtung und Gebet.

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Wir kehren zurück von den Gräbern zum bewegten Leben! Nicht die Vernichtung starrt uns dort entgegen, sondern der Friede der Seele weht uns zu, die der irdischen Bande entledigt ist. Möge dieser Friede in unser Herz einziehen, die Leidenschaft beschwichtigen, die Sinnlichkeit demütigen, auch den Schmerz besänftigen! Wir haben ein treues Andenken erneuert allen denen, die wir hier liebten und achteten; sie sind auferstanden in uns, und in seliger Verklärung bleiben sie uns. Von der Liebespflicht gegen die Toten wenden wir uns wieder zur Liebespflicht gegen die Lebenden, auf daß einst auch unser Andenken nicht untergehe, und zu dem Ewiglebenden richten wir Hand und Herz, Auge und Geist empor.

So sei gepriesen, großer Gott, von den Lippen der Unvollkommenen, wie im Reiche der vollkommenen Geister Dein Name mit Ehrfurcht verkündet wird! Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für das Leben, das Du uns auf Erden anweisest, wie für das ewige Geistesleben, dem wir entgegengehen! Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für die Liebe, mit der Du dieses Leben schmückest, die in höherer Weise einst uns noch aufgehen wird! Amen!

Sei gepriesen, Allgütiger, für die teuren Anverwandten und Freunde, die Du uns hier geschenkt hast, deren Staub hier ruhet, deren Geist in Deinem Reiche sich erquickt. Amen!

Deine Gnade walte über ihnen und gebe ihnen freudiges Seelenheil, Deine Gnade walte über uns auch hienieden, bis wir eingehen in Dein ewiges Reich. Amen!

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3. Totenfeier. ‎‫הַזְכָּרַת נְשָׁמוֹת‬

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Maskir-Betrachtung^[5]. ‎‫הזכּרה‬.

[5] Maskir-Betrachtung für den Versöhnungstag siehe S. 136.

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„Friede, Friede den Fernen und den Nahen“. Unsagbar wehmütig und doch wieder beruhigend zieht die sanfte Melodie dieser Worte jetzt durch unser Gemüt, wo wir der Seligen gedenken, die uns einst nahe waren und jetzt ferne sind. Ist es Verzagtheit was wir empfinden, ist es Todesangst oder Todessehnsucht; ist es Lebensschwäche oder Lebensfreude, was in uns so große Empfindungen erweckt? Ein Gedanke ist es sicher, der sich mit unabweisbarer Macht in uns regt und uns gefangen hält: „Was ist der Mensch, daß Du, o Gott, seiner gedenkest; der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest?“ Wozu hast Du uns ins Leben gerufen? Ist unser Ziel und Zweck das Grab; wozu das Leben? wozu, wenn neben der Wiege die Grube ist, Geburt und Tod rauh und hart aneinanderstoßen? Als der Ewige, so erzählt eine alte Sage, die Welt und in ihr den Menschen zu schaffen sich anschickte, erhob sich Widerspruch in den Scharen der Engel. „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst?“, so fragten sie höhnisch. Was willst Du mit diesem gebrechlichen Gebilde? Lasse es Dir an den himmlischen Wesen, den Monden, Sonnen und Gestirnen, an den irdischen Wesen der Pflanzen und Tiere genügen. „Ich will ein weises Geschöpf; ein freies Gebilde will ich in meine Welt versetzen, das sie besitzen, beherrschen soll“. Und er führte alle Wesen dem neugeschaffenen Menschen vor. In tieferkennender Weisheit gab dieser allen belebten und unbelebten Wesen treffende Namen. Da verstummte der Engel Widerspruch. Und als Gott den Menschen die Thora geben wollte, murrten die himmlischen Geschöpfe und sagten: „Wie, das Werk Deines erhabenen Geistes überlieferst Du der Willkür dieser armseligen, nichtigen Gebilde?“ „Wer bestätigt und betätigt der Thora Inhalt,“ fragte der Ewige; „etwa ihr in den ewiggleichen Sphären des Himmelreiches? Wer bekundet Gottesverehrung, Elternliebe; wer führt den Kampf mit dem Leben, den Kampf mit den Trieben, wie gerade der Mensch? Seid ihr Versuchungen preisgegeben wie er? Naht euch die Verführerstimme wie ihm? Pocht auch im Herzen die Begierde wie ihm? Führt ihr ein Leben der Mühsal und Arbeit wie er?“ Die Engel verstummten und sangen: „Wie gewaltig ist Dein Name auf der ganzen Erde“. Und als die Seele des Moses in die hohen Hallen des Himmels getragen wurde, um vor Gottes Thron zu erscheinen, betrachteten die Engel den Eindringling neidisch und riefen: „Was ist dieser Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst?“ Wie wagt es dieser Rest eines Irdischen in göttlichen Kreis zu treten? Gott aber breitete die Hand über die scheu zurückweichende Moses-Seele und forderte sie auf, Antwort und Rede zu stehen auf die Frage: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest“. Voll Würde und Weisheit sprach sie: Es steht geschrieben: „Ich bin der Ewige, Dein Gott“. Würde Gott verehrt, wenn ich nicht der Mittler seiner Lehre wäre? Wie; sollte der Allgütige mich vergeblich zu seinem Boten erkoren haben, seinem erwählten Volke den höchsten Gedanken zu überbringen und es zum Lehrmeister der Welt zu machen? Und siehe; wieder verstummten die Engel und riefen: „Gott, unser Herr, wie mächtig ist Dein Name auf der ganzen Erde.“ — — — —

Das ganze Rätsel der Schöpfung liegt hier zur Lösung vor. Niederdrückend und gewaltig ist der Weltenbau. Geheimnisvoll ist der Plan, und nur schwach vermag des Menschen Geist einzudringen. Aber der Denker erhebt sich zu kühnstem Fluge; dem Bergmann gleich, steigt er auch hinab in die Schächte grabenden Wissens, hebt das Gold der Erkenntnis. Er verfolgt des Schöpfers Gedanken; prüft, wägt, misset, urteilt, vergleicht, verwirft, lobt, tadelt, zersetzt. So greift er kühn in den Bauplan, blickt zum gestirnten Himmel, findet auch da nicht Ruhe, noch Rast; er rechnet, sinnt und grübelt über Bahnen und Wege der Sterne. „Wie gewaltig ist Dein Name auf der _Erde_, der Du Deine Allmacht im Himmel gezeigt hast“. Er erforscht Geschichte und Ursprung des Menschen; er spricht, schreibt über Lieben und Hassen, Tugend und Laster, Jugend und Alter, Mann und Weib, Mut und Feigheit, Menschenglück und Menschenunheil, Krieg und Frieden, Geburt und Tod. Und vollgesogen und erfüllt von Weisheit schließt er seine Rechnung und findet: „Der Mund der Lallenden und Säuglinge begründet Deine Macht“. Dein Wunderreich sehe ich wirksam in dem unmündigen Kinde; wie es entsteht, wie der sprühende Funke des Abglanzes Deiner Herrlichkeit, die Seele, im Leibe wirkt und das unbeholfene Wesen zum weltbezwingenden Gedankenhelden emporgedeiht, zum welterstürmenden Eroberer. „Nur um geringes hast Du ihn Göttlichen nachgesetzt“; „das All warfst Du unter seine Füße“. — Wir sterben nicht; wir leben in unsren Taten. Ein Teil von uns ist unsterblich. Und wenn wir die goldene Frucht vom Baume der Erkenntnis pflücken, ist uns die Frucht vom Baume des ewigen Lebens wohl versagt; doch die Blüte haben wir erhalten, ihren Duft haben wir eingesogen in den sterblichen Leib als unsterbliche Seele. Wir fragen bange: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest?“ Er ist Dein Werk, o Herr! Zerschlägt der Künstler sein Gebilde? Zerstört der Gärtner seine Pflanzung? Zertrümmert der Weise seinen Gedankenbau? Tötest Du, o Herr, im Tode, alles, alles? Er ist _Dein Kind_, Du Vater der Welt. Wir sind sterblich, wir fühlen es. Wir sind unsterblich, wir empfinden es. Hast Du, Ewiger, ein Vergängliches geschaffen, dann muß es würdig gewesen sein, geschaffen zu werden. Wir fürchten das Ende nicht. Es steht vor uns als natürlicher Abschluß einer Ereigniskette.

Uns ängstigt die Schicksalsfrage nicht: „Wer ist der Erdensohn, daß Du Dich seiner annimmst“. Der Frage klingt die Antwort entgegen: „Ich bin Dein Gott“. In der gedankenvollen Erinnerung an die Ahnen der Vorzeit, an die Großen in Israel und in der ganzen Welt, an die Teueren, die uns Väter, Mütter, Brüder, Schwestern waren, ist die Frage von selbst beantwortet. Ihr Leben war des Lebens wert. Spende auch uns segensreiches Leben, gedenke der Nahen, der Sterblichen, die Du zum Leben geschaffen; der Fernen, der Entschlafenen, Seligen gedenke. Gib uns Mut zum Leben, Mut zum Sterben.

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Gesang.

‎ יְיָ־מָה אָדָם וַתֵּדָעֵהוּ בֶּן־אֱנוֹשׁ וַתְּחַשְּׁבֵהוּ׃ אָדָם לַהֶבֶל דָּמָה יָמָיו כְּצֵל עוֹבֵר׃ ‎ ,וַתְּחַסְּרֵהוּ מְּעַט מֵאֱלֹהִים, וְכָבוֹד וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ׃ כִּי־יָדַעְתִּי מָוֶת תְּשִׁיבֵנִי ‎ וּבֵית מוֹעֵד לְכָל־חָי׃ רוּחַ־אֵל עָשָׂתְנִי, וְנִשְׁמַת שַׁדַּי תְּחַיֵּנִי׃ וְיָשֹׁב הֶעָפָר ‎ עַל־הָאָרֶץ כְּשֶׁהָיָה וְהָרוּחַ תָּשׁוּב אֶל־הָאֱלֹהִים אֲשֶׁר נְתָנָהּ׃ גַּם כִּי־אֵלֵךְ בְּגֵיא ‎ צַלְמָוֶת לֹא־אִירָא רָע כִּי־אַתָּה עִמָּדִי שִׁבְטְךָ וּמִשְׁעַנְתֶּךָ הֵמָּה יְנַחֲמֻנִי׃ אֲנִי בְּצֶדֶק ‎ אֶחֱזֶה פָנֶיךָ אֶשְׂבְּעָה בְהָקִיץ תְּמוּנָתֶךָ׃

Herr, was ist der Mensch, daß Du Dich seiner annimmst? der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest? Der Mensch einem Hauche gleich, seine Tage — dem Schatten, der dahinzieht (Ps. 144, 3. 4.)! Und Du hast ihn göttlichen Wesen wenig nachgesetzt, mit Würde und Hoheit krönst Du ihn (Ps. 8, 6.). Wohl weiß ich, Du führst zum Tode mich, heim ins Sammelhaus für alles Lebende (Hiob 30, 23.). Doch Gottes Geist hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen belebet mich (Hiob 33, 4.). Und kehrt der Staub zur Erde zurück, wie er gewesen, so kehrt der Geist zu Gott zurück, der ihn gegeben (Pred. Sal. 12, 7.). Und wall' ich auch im finstern Tale, nicht fürcht' ich Böses! denn Du bist bei mir; Dein Stab und Deine Stütze, sie trösten mich (Ps. 23, 4.). Ich werde in Tugend Dein Antlitz schauen, erwachend mich freuen Deines Anblickes (Ps. 17, 15.).

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Der Rabbiner.

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