Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen

Part 15

Chapter 153,330 wordsPublic domain

Aber verwerflich ist es, zu hadern mit dem Schicksal, daß es uns nicht gleich gemacht hat denen, die wir für glücklich halten; vermessen ist es, zu behaupten, daß wir glücklicher wären, so dasjenige unser Teil würde, was wir als solches annehmen und eintauschen wollen; töricht ist es, dem Glücke verächtlich den Rücken zu kehren, das wir auch in _unserer_ Lage finden können. Im eignen Herzen ist die Welt, die wir nach unserm Wohlgefallen uns einzurichten vermögen.

Darum, mein Gott, will ich mich bestreben, nicht nachzuhängen eitlen Wünschen, will ich mich bestreben, in redlicher, gewissenhafter Ausübung meiner Pflichten meine Ruhe, in dem Gedeihen meiner Arbeit meine Freude, in den Stunden der Erholung und der Sammlung mein Vergnügen zu finden; nicht sorgen um das, was morgen mich treffen könnte, sondern Dir danken für das, was Du heute mir beschieden hast; nicht immer und immer hinschauen auf das, was mir fehlt, sondern mich erfreuen an dem, was ich besitze. Still vor mich hin will ich das Rechte tun und _Dich_ walten lassen. Ich will mich zu schützen suchen vor Ungebühr, die an mich herantritt, aber nicht anstürmen gegen die Scheidewand, die mich trennt von den Beneideten.

Das ist nicht _Trägheit_, das ist _Ausdauer_, das ist nicht _Torheit_, das ist _Besonnenheit_, das ist nicht _Stumpfsinn_, das ist _Zufriedenheit_.

O Herr, laß mich immerdar also wandeln vor Dir, dann wird auch das Leid mir den Frieden meines Herzens nicht rauben können, dann werde ich ausgerüstet sein mit Geduld und Stärke, wenn Schweres mich trifft. Und wenn der Himmel meines Lebens nicht freundlich ist, dann wird nicht meine Torheit und Unzufriedenheit ihn mit Wolken bedecken. Ich werde fähig sein, das Böse zu ertragen und das Gute zu genießen. Amen!

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Gebet um das Wohl des Reiches

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Allgütiger, der Du Kraft und Heil verleihest den Menschenkindern, Weisheit, Macht und Würde der Obrigkeit, spende die Fülle Deines Segens

*unserem geliebten Vaterlande,*

sowie den gesetzlichen Behörden, denen die Fürsorge für des Reiches und Landes Wohl und Ordnung obliegt. Lasse, o Herr, den Geist des Friedens und der Eintracht, der Liebe und Gerechtigkeit überall herrschen, auf daß sich das Vaterland von seinem Falle wieder erhebe zu hoher Blüte und zu einem neuen Aufschwung in allen Werken des Guten und Edlen. Amen!

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Gebet in Zeiten allgemeinen Drangsals.

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Herr und Vater! Böse Zeiten sind über uns hereingebrochen, Kummer und Traurigkeit erfüllen jegliches Herz, Trübsinn und Zaghaftigkeit jeglichen Geist. Ratlos stehen wir vor der Gefahr, angstvoll vor dem feindlichen Verhängnis. Wer aber, o Herr, sollte zweifeln an Deiner Weisheit und Gerechtigkeit! Muß nicht vielmehr die Überzeugung in uns lebendig werden, daß eben Du es bist, der seine strafende Hand ausgestreckt hat über die Menschen, daß sie in Demut ihrer Niedrigkeit inne werden, daß sie ablassen von allem Stolz und allem Dünkel und wiederum in dem gemeinsamen Gefühle ihrer vollständigen Abhängigkeit von Deinem Willen, mächtig hingedrängt werden zum Gebete, tief im Staube vor Dir. Und dieses Gebet, gnadenreicher Gott, laß es vor Dich kommen, schaue freundlich auf uns vom Throne Deiner Barmherzigkeit. Laß es genug sein und wende ab von uns Leid und Not. Gebiete dem Engel des Verderbens, den Du ausgesandt, daß er ablasse von seiner Züchtigung. (Sende den Engel des Friedens, daß er wiederum einkehre in unsere Mitte.) Wahrlich! _Du bist der Herr, „dessen Zorn nur einen Augenblick und dessen Gnade lebenslang währet,“ darum „verbirg nicht ferner Dein Angesicht vor uns, vergiß nicht ferner unser Leid und Elend“. „Stehe auf zu unserer Hilfe und erlöse uns um Deiner Liebe willen.“_ Amen!

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Jahrzeit-, Friedhof-Gebete und Totenfeier.

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1. Jahrzeit-Gebete.

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Gebet am Jahrestage vom Tode des Vaters.

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„_Ehre deinen Vater und deine Mutter_“. So hast Du, Herr, es geboten in Deiner heiligen Lehre. Aber die Ehrfurcht und die Liebe der Kinder zu ihren Eltern sind nicht allein eingegraben in die Tafeln des Gesetzes. Du hast sie auch eingegraben in die Tafeln unseres Herzens. Unverlöschlich ist diese Schrift, unvergänglich ist diese Liebe, sie stirbt nicht im Herzen des Kindes, wenn auch das Auge der Geliebten längst schon gebrochen ist im Tode. Darum, o Herr, mein Gott, wirst Du es in Deiner eigenen Liebe mir anrechnen, als ein Gebet zu Dir, wenn ich heut das Wort meiner Andacht an den verklärten Geist meines Vaters richte, der bei Dir weilt, geborgen im Schatten Deines Zeltes, gewürdigt des seligen Lebens in der Ewigkeit, das Du als ewiges Anteil den Frommen bestimmt hast, die in Deinen Wegen wandeln auf Erden.

Und so wende ich mich nun an dich, verklärter Geist meines lieben Vaters, heute, da im Laufe des Jahres der Tag wiedergekehrt ist, der einst dich abrief von unserer Seite, um dich einzuführen in deine himmlische Heimat.

Ach, ich muß vor dir aussprechen, wessen ich mich _erinnere_, was ich glaube, und was ich hoffe.

Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an deine unendliche Liebe, mit der du in den Tagen deines Lebens mich und alle die Deinen geliebt, wie ihr Wohl dein höchster Wunsch, ihr Glück deine höchste Freude, ihre Tugend dein höchster Stolz war. Ich _erinnere_ mich, lieber Vater, an deine Treue, wie du für uns gesorgt und gearbeitet, gestrebt und gelitten hast in unermüdeter Tätigkeit. Ich _erinnere_ mich heute, lieber Vater, an deine Milde und Güte, wie du stets mit liebevollem Auge uns angeblickt, wie du Nachsicht geübt mit unseren Schwächen und Mängeln, und wie du uns Freuden und Genüsse darbotest, wo du sie zu ersinnen und zu schaffen vermochtest. Ich _erinnere_ mich an deine weise Lehre, die es nie und nimmer fehlen ließ, den Samen der Tugend und der Gottesfurcht in unsere Herzen zu streuen. An alles dieses _erinnere_ ich mich, und wiederum steht dein ganzes Wesen lebhaft vor meiner Seele. Ach, alles das ist hingeschwunden in der Stunde deines Todes.

Meine _Erinnerung_ erfüllt mich mit Trauer, aber mein _Glauben_ erfüllt mich mit Trost. Ich _glaube_, daß dein Geist nicht von uns geschieden ist wie dein Körper, daß er, entledigt der Fesseln des Irdischen, frei und glücklich ein neues Leben lebt im Reiche der Seligen, daß er auf uns schaut und auf uns achtet, ich _glaube_, daß deine Liebe nicht gestorben ist, daß sie fortlebt für uns, wie unsere Liebe für dich. Ich _glaube_, daß wir nicht für die Ewigkeit getrennt sind, daß du uns nur vorangegangen bist in das Land des ewigen Lebens, und daß du harrest, bis daß wir kommen.

Und dieser Glauben, er gibt mir die _Hoffnung_, daß wir nicht ganz entrückt sind dem Einflusse deiner väterlichen Liebe. Unsere menschliche Erkenntnis vermag den Zusammenhang nicht zu bestimmen zwischen den Seelen der Lebenden und denen der Abgeschiedenen, aber das menschliche Herz vermag sein Dasein lebhaft zu empfinden. Was gibt es Süßeres, als das Bewußtsein, daß du mich siehst, daß ich noch heute deine Zufriedenheit mir erwerben, daß ich noch heute dich verehren kann. Und in diesem Glauben _hoffe_ ich auch, daß du, verklärter Geist, ein Fürsprecher für mich und für uns alle bist vor Gott.

Du aber, barmherziger Gott, o gewähre meinem lieben Vater die reinsten Freuden himmlischer Seligkeit. Laß unser Gebet für sein ewiges Seelenheil vor den Thron Deiner Barmherzigkeit gelangen und nimm es auf mit Wohlgefallen. Gedenke seiner Seele all seine Tugend, die er geübt in den Tagen seines Erdenwandels, und laß sie reiche Vergeltung finden in der Ewigkeit, verlösche seine Schuld, wenn er gefehlt in seinem Wollen oder seinem Tun auf Erden, und richte ihn nach Deiner Milde. O Herr, mein Gott, womit kann ich des Herzens Innigkeit Dir bekunden? Dem Auge Deiner Allwissenheit ist der geheimste Gedanke meines Herzens nicht verborgen. Nicht bestechen will ich deine Gnade, nur befriedigen will ich den Drang meines Gemütes durch die Gabe, die ich niederlege auf dem Altar der Wohltätigkeit. Darum nimm wohlgefällig auf die Spende, die ich darbringe für das Seelenheil meines Vaters. Amen!

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Gebet am Jahrestage vom Tode der Mutter.

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Allgerechter! Allgütiger! Vernimm heute in Gnade und Barmherzigkeit ein Gebet aus meinem Munde, das hervorgeht aus der lebhaftesten, aus der tiefsten Empfindung meines Herzens. Heut an dem Jahrestage jenes traurigen Tages, an dem Dein unerforschlicher Ratschluß das Teuerste auf Erden, die inniggeliebte Mutter, von meiner Seite nahm, so daß ich fortan ihre leibliche Nähe entbehren mußte und entbehren muß für die ganze Zeit meines Wandels in dieser Zeitlichkeit, vernimm heute mein inniges Gebet für das ewige Heil der geliebten Seele. O gütiger Vater im Himmel, schenke meiner Mutter jetzt und allezeit die reinste Seligkeit des ewigen Lebens bei Dir, daß sie in himmlischer Wonne Vergeltung finde für alles, was sie auf Erden verdient, für alles, was sie auf Erden gelitten hat. Vergelte mit Deiner Liebe ihrer Seele die Liebe, die sie in diesem Leben so reichlich gespendet und um sich verbreitet hat. Laß ihre Seele in der Ewigkeit Genüge finden für alles Streben, das unbefriedigt geblieben ist auf Erden und stärke mich und alle die ihrigen mit dem Geiste der Tugend und Rechtschaffenheit, der Weisheit und Gottesfurcht, auf daß ihr seliger Geist jederzeit mit Befriedigung auf uns zu blicken vermöge. Amen!

Du aber, verklärte, geliebte Seele, vernimm mit Wohlgefallen den Ausspruch meines Mundes, der mein inniges Andenken an dich bekunden soll. Lebhaft steht heute, du liebe Mutter, dein Bild vor meinem Auge, wie du mit Güte und Zärtlichkeit auf mich und alle die Deinen geblickt, wie du für uns gedacht, gesorgt, wie du uns geleitet und gelehrt, wie du so ganz für uns gelebt hast.

Da muß ich es wohl empfinden, daß ich von dir nicht ganz getrennt bin, daß du von mir nicht ganz geschieden bist, daß du _lebst_, auch in meiner Nähe _lebst_, denn du bist in meinem Herzen geblieben. Das Band der Liebe, das dich mit uns vereinte, ist nicht zerrissen und nicht aufgelöst. Noch vermag ich dir wohlgefällig zu sein, noch vermag ich, dich zu verehren, noch vermag ich deine Zufriedenheit mir zu erwerben. Ja, auch noch vermag ich es, zu bereuen, wenn ich dich betrübt, wenn ich deine Treue und Hingebung verkannt und die Ehrerbietung gegen Dich verletzt habe, und auch jetzt noch wirst du im Reiche der Seligkeit es freundlich hören, wenn ich für alles um Verzeihung dich bitte, wodurch ich einst dein edles Herz verletzt habe.

O, so sei auch du eine Fürsprecherin für mich und die Meinigen alle vor dem Throne des Allmächtigen, daß Gottes Güte von uns wende Gefahr, Trübsal und Not, daß er unser Bestreben segne, reinen Herzens zu wandeln vor ihm und vor den Menschen, damit wir immer und immer so leben, wie du es gewollt, wie du es uns gelehrt hast. Des himmlischen Vaters Barmherzigkeit sei mit uns auf Erden und mit dir in der Ewigkeit. Amen!

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Dasselbe (für eine Frühverwaiste.)

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Mit Andacht und Trauer erfüllt der heutige Tag meine Seele. Ach, es ist der Tag, an dem ich das herrlichste der Erdengüter verloren habe, ehe ich es vermochte, die Größe des Verlustes zu ermessen. Heut ist der Tag, an welchem meine Mutter eingegangen ist in das Reich der Ewigkeit, um die Seligkeit der Gerechten zu genießen. Verlassen aber bin ich auf Erden, nie dringt der liebliche Mutterblick in mein Auge, nie koset mit mir die liebliche Hand der Mutter, nie beglückt mich das himmlische Gefühl, ihre Zufriedenheit zu erwerben, die Zärtlichkeit zu verdienen. Ach, das ist ein trauriges, bitteres Los! Aber eines tröstet mich, eines empfinde ich, daß ich sie dennoch liebe, und daß auch mir ihre Liebe nicht fehlt. Mit Begeisterung habe ich seit meiner Kindheit Tagen jedes Wort vernommen, das von ihr und ihrer Güte und Lieblichkeit mir Kunde gab, und noch heute erregt kein Gedanke mich lebhafter, als die Vorstellung, daß ihr seliger Geist mir nahe sei, mich beachte, mich beschütze, mich liebe.

O, Herr mein Gott! Allgütiger Vater! Nie habe ich in meinem Leben meiner Mutter Freude bereiten, nie meine kindliche Liebe ihr beweisen können. O, so nimm Du mein Gebet nun wohlgefällig auf, das ich für ihr ewiges Seelenheil an dich richte. Schenke ihr alle Freuden, die das Reich der Ewigkeit allen tugendhaften Seelen gewährt.

Du aber, geliebte Seele meiner Mutter, schaue freundlich aus dem Paradiese auf dein treues Kind. Sei eine holde Fürsprecherin für mich (und für meinen Vater und für die Unsrigen alle) vor dem Throne Gottes, daß er seine Gnade und seine Barmherzigkeit nicht von uns wende. Ich will so gern es glauben, daß du es schon bis heutigentags für mich gewesen bist, o, dann fehlt mir auch die Freude nicht, dir dankbar zu sein.

Ehren will ich dich in meinem ganzen Leben durch meine Liebe, durch meine eigene Ehrbarkeit und durch mein inniges Andenken. Amen!

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2. Friedhof-Gebete.

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Gebet zur Feier aller Seelen (auf dem Friedhofe am Vorabend des Nissan-Neumonds)^[4].

[4] Sowie für den Besuch der Gräber überhaupt.

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Herr, was ist der Mensch, daß Du Dich sein annimmst, der Erdensohn, daß Du auf ihn achtest! Der Mensch, einem Hauche gleich, seine Tage — dem Schatten, der dahinzieht! (Ps. 144, V. 3 u. 4.) Und Du hast ihn göttlichen Wesen wenig nachgesetzt, mit Würde und Hoheit krönst Du ihn. (Ps. 8, V. 6.) Doch weiß ich, Du führst zum Tode mich, ins Sammelhaus für alles Lebende. (Hiob 30, V. 23.)

‎‫יְיָ מָה אָדָם וַתֵּדָעֵהוּ בֶּן אֱנוֹשׁ וַתְּחַשְּׁבֵהוּ׃‬ ‎‫אָדָם לַהֶבֶל דָּמָה יָמָיו כְּצֵל עוֹבֵר׃‬ ‎‫וַתְּחַסְּרֵהוּ מְּעַט מֵאֱלֹהִים וְכָבוֹד וְהָדָר תְּעַטְּרֵהוּ׃‬ ‎‫כִּי יָדַעְתִּי מָוֶת תְּשִׁיבֵנִי וּבֵית מוֹעֵד לְכָל חָי׃‬

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Gebet.

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An der Stätte wehmütiger Erinnerungen sind wir versammelt, und lebendig treten uns geliebte Gestalten entgegen, deren liebevolle Nähe wir schmerzlich vermissen. Wir haben viele hierher begleitet, mit denen wir gern gewandelt sind, bis wir zu diesem Orte hin den letzten Gang mit ihnen gemacht haben; erst dann werden wir mit ihnen wieder vereinigt, wenn auch uns die letzte Erdenstunde geschlagen hat. Manches teure Haupt ruht hier, das Gedanken voll Ernst in sich gehegt, mit Hingebung für uns gesorgt und gewirkt hat, und Herzen sind hier vergraben, die bis zu ihrem letzten Hauche in Zärtlichkeit und Wohlwollen sich für uns bewegt haben. Hier schweigen die Lebenskämpfe; auch die Mühseligkeiten finden hier ihr Ende, auch die Eitelkeit hier ihr Grab. Was den Menschen an die Sinnlichkeit und die Selbstsucht fesselt, das ist der Vergänglichkeit preisgegeben; ein wenig Staub, das ist der Überrest seines irdischen Teiles. Aber der Geist, der hienieden schon das Unendliche umfaßt, der hienieden schon über Zeit und Raum sich erhebt, er verwest nicht hier, das liebende Herz, welches seinen Reichtum auf andere überträgt, welches überfließend in der Teilnahme und im Wirken für andere lebt, es ist _nicht tot_. Aus dem Frieden der Gräber tönt es hervor: was irdisch war an uns, das ist der Erde zurückgegeben, _aber der Geist ist unsterblich, die Liebe ist unendlich, ewig_. Die Stimme der im hiesigen Leben uns Teuern rufen uns zu aus den Wohnungen der Verklärten: nicht der finstern, dahinbrütenden Trauer ergebt euch, weil wir von euch geschieden sind; wir sind dem Rufe des ewigen Geistes, des Vaters der Liebe, gefolgt, sein Geist wird auch über euch wachen, seine Liebe auch euch beschützen. Lernet aber hier, dem Geiste und der Liebe, der Wahrheit und der tätigen Fürsorge für die Gesamtheit, dem Ewigen und dem Allgemeinen eure Kräfte zu widmen; es ist das Einzige, das die Brücke bildet zwischen dem Leben hienieden und dem in der Ewigkeit, es allein füllt die Kluft aus, welche das Grab öffnet. Säet Liebe aus, und die Frucht wird euch werden; es heilen die eigenen Wunden, wenn wir anderer Wunden zu heilen bemüht sind.

Ja, mit Ruhe und Ergebung wollen wir zu euren Gräbern hinwandern, die ihr im Leben uns nahe gestanden und Lieblichkeit auf unseren Pfaden verbreitet habt. Im Geiste sind wir noch verbunden, für die Liebe gibt es keine Trennung; die Selbstsucht aber wollen wir bannen, und die Stimme, die den Genuß bejammert, der uns durch euch geworden ist, wollen wir zum Schweigen bringen. Ein edles, reines Band umschlingt uns auch heute noch, und euer Andenken möge uns stärken und erquicken in den Kämpfen des Lebens, auf daß wir in Redlichkeit und mit reichen Gaben des Geistes das Leben durchwandern, bis uns einst des Sieges und des Friedens Palme weht. Dort leben wir dann vereint in den Geistesräumen, wo, wie hier, ein ewiger Vater uns alle beschirmt. Amen!

(Die einzelnen verfügen sich an die Gräber ihrer Angehörigen oder Freunde und verrichten dort ihre Gebete.)

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An dem Grabe der Eltern.

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An dein Grab trete ich, lieber Vater (liebe Mutter), deine teuern Züge treten mir vor die Seele, deiner Liebe gedenke ich lebhaft. Deine zärtliche hingebende Sorgfalt gegen mich hat mich während deines Lebens so treu geführt, und im gegenwärtigen Augenblick erinnere ich mich so vieler Beweise deines unerschöpflichen Wohlwollens, deiner Güte und Freundlichkeit gegen mich. Nicht immer erkennt das Kind bei Lebzeiten seiner Eltern genügend diese reiche Liebe an, die unermüdete Tätigkeit, mit der die Eltern wachen und sorgen, nicht genügend beweiset es ihnen Dank und Erkenntlichkeit. Auch ich habe dich wohl zuweilen, geliebte Seele, betrübt, selbst in den Jahren der Reife, auch ich mag nicht immer deinen Erwartungen entsprochen haben, die nur meinem wahren Wohle galten. Lieber Vater, (liebe Mutter), Du blickest dennoch segnend auf mich herab, denn die Liebe ist nachsichtig und milde! Mir aber fehlt deine Stütze, dein weiser Rat, dein freundliches Wort, deine liebevolle Tat, mir fehlt der seelenvolle Blick, der das Innerste meines Herzens erwärmte, der mich ermutigte und belehrte, mich kräftigte und abmahnte. Jedoch die Weisheit der göttlichen Weltregierung bestimmt es so, daß die Kinder zur Selbständigkeit heranreifen sollen, daß sie, der eigenen Stütze beraubt, andern wieder Stütze werden sollen. (Wohl bist du mir frühzeitig entrissen worden, du hast nicht das gewöhnliche Lebensziel erreicht; mir ward nicht das Glück zuteil, meine Eltern um mich zu sehen, bis sie satt an Tagen, segnend von hinnen geschieden, und in Zeiten ernster Lebensentscheidungen, wo das Kind des Rates und der Führung bedarf, da fehlte mir, da fehlt mir dein gewichtig Wort. Doch wird dein unsichtbarer Geist mich beratend umschweben, ich fühle deine Nähe in solchen Augenblicken, und der alliebende Vater wird auch mich nicht verlassen). (Kaum habe ich dich, lieber Vater (liebe Mutter), gekannt, kaum habe ich jenen Namen, der alle Süßigkeit in sich schließt, aussprechen gelernt; ach, jene schützende Fürsorge, die andere so sehr beglückt, sie ist mir durch den Ratschluß Gottes, durch dich nicht geworden; dein brechendes Auge sah wehmütig auf mich, damals noch Unmündigen (Unmündige), dein enteilender Geist zögerte in Bekümmernis um mich, ach, ich wußte es nicht. Dennoch hängt mein Herz mit Verehrung an dir, ich füge mich in den göttlichen Willen, der eine große Freude meinem Leben entzogen hat. Deine äußere Persönlichkeit vermochte nicht auf mich einzuwirken, deine Liebe blieb mir doch, und, mir unsichtbar, leitest du mich doch.)

Drum sei mein Leben, lieber Vater (liebe Mutter), der Aufgabe geweiht, einen Wandel zu führen, der deinem reinen Geiste wohlgefällt Deine Liebe soll nicht einem (einer) Unwürdigen zugewandt sein. Dein Andenken steht mir allezeit nahe, und dein Name soll durch mich stets geehrt werden. Ich fühle mich mit dir verbunden, und dir nachzueifern in allem Guten und Edlen, sei mein Streben. Blicke auf dein Kind herab und umgib es in allen Lagen des Lebens. Bewahre mein Herz vor Stolz und vor Verzagung, vor der Genußsucht und der Gleichgültigkeit gegen das Leben, lenke meinen Geist auf die Bahn der Klarheit und flöße meinem Herzen Vertrauen ein auf Gott und Wohlwollen gegen die Menschen. In Zeiten der Gefahr und der Versuchung mögest du mir ein unsichtbarer Berater (eine unsichtbare Beraterin) sein, daß ich nicht wanke und strauchle und mich schämen müßte, dann zu dir aufzublicken, damit, wenn ich einst zu dir komme, du mich freudig begrüßen kannst und nicht der Blick des Vorwurfs und des Kummers mich von dir fernhalten müsse.

Für dein Seelenheil aber flehe ich zum ewigen Vater. Bei aller Liebe zu dir, bei aller Verehrung gegen dich darf das Kind es doch aussprechen; kein Mensch ist ohne Fehl, und nur die Gnade Gottes bedeckt die Sünde, nur seine Verzeihung führt zum ewigen Heile. Dunkel ist meinem Geiste jetzt noch die Bahn, die du nun wandelst! Aber du bist, du lebst noch, das fühle ich tief in meinem Innern. Wenn eine solche Gotteskraft schwinden könnte, wenn eine solche tiefe Innerlichkeit, wie deine Liebe war, wenn solche Gefühle, wie du sie gegen mich gehegt, bloß ein Erzeugnis von Erde, von Fleisch und Blut und deshalb vergänglich wären, dann müßte alles zusammenstürzen, dann gäbe es auch hier keinen Geist, keine Höhe, keine Würde, keine Liebe, keine beseeligende Innigkeit. Nein, du lebst, du lebst bei Gott, und in seiner geistigen Nähe strahlt auch dein Geist für und für.

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An dem Grabe eines Sohnes oder einer Tochter.

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