Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 14
Mein Gott! mein Vater! Schwer und bitter ist das Los des Armen. Die Sorge um die Bedürfnisse des Lebens beugt sein Gemüt in Traurigkeit nieder. Hart ist seine Arbeit und gering der Lohn. All seine Zeit muß er hingeben im Dienste um das Brot. Mühe und Drangsal reiben seine Kräfte auf, und doch vermag er nicht, die Mittel zu erwerben, sich wiederum durch Pflege und Ruhe aufzurichten: die er liebt, muß er darben sehen, ohne ihnen hilfreich seine Hand bieten, ohne ihren Kummer lindern zu können. Ach, Herr, mein Gott! das ist böse und mitleidswert! Wenn ich aber solches Leid betrachte und überlege, dann, gütiger Vater, erhebt sich mein Herz in frohem Danke zu Dir, daß Du ein anderes, ein besseres Los mir beschieden hast. Und ob auch andere mit den Gütern der Erde in reicherer Fülle begabt sind, so blickt mein Auge nicht mit Neid auf sie, denn auch mir hast Du so viel beschieden, daß ich nicht bange fragen muß: Was werde ich morgen essen? Wo werde ich mein Haupt zur Ruhe niederlegen? Wo soll ich Kleidung hernehmen, um nicht die Dürftigkeit zur Schau zu tragen?
Bis heutigen Tages hast Du mit Deiner Gnade mir beigestanden, Du wirst auch fernerhin mich nicht verlassen. Frei von den Sorgen um des Leibes Nahrung, kann ich mich aufrichten und erheben an allem Edlen und Schönen, kann teilnehmen an allen Dingen, die die Gesamtheit der Menschen betreffen, habe nicht nötig, in Habgier und Selbstsucht zu versinken. Dank und Preis sei Dir dafür aus der Fülle meines Herzens, Du gütiger Gott, mein Vater. Amen!
——————
Gebet um Erhaltung der Gesundheit.
———
Herr und Vater! Alles Gute kommt von Dir, jedes Glück ist ein Geschenk Deiner Gnade. Soll dieser feste Glauben nur dann lebendig und wach in mir werden, wenn ein unerwartetes, fröhliches Ereignis mich an Deine Güte erinnert, oder soll diese Erkenntnis nur dann aus meinem Munde laut werden, wenn ich in der Angst des Herzens zu Dir um Rettung flehe? Nein, zu jeder Zeit und in allen Lagen des Lebens will ich dessen eingedenk sein, auf daß ich Dich auch voll Demut um solche Gaben bitte, die ich nicht eben entbehre, denn auch auf das, was ich genieße, habe ich keinen Anspruch. Darum bitte ich Dich, mein Gott und Vater, daß Du fernerhin die Huld mir bewahren mögest, mit der Du Gesundheit und Lebensfrische mir geschenkt hast. Gib mir immer auch einen einsichtsvollen Geist, daß ich durch weise Mäßigkeit alles das vermeide, was meiner Gesundheit gefährlich ist, und, wo die Vorsicht nicht ausreicht, da reicht Dein Schutz aus. Aber nicht nur für mich bitte ich. Erhalte auch die lieben Meinigen alle gesund, denn auch die Krankheit lieber Angehörigen ist ein bitteres Wehe. Ich will zu Dir hoffen und auf Dich vertrauen, denn Du bist meine Stütze und Zuversicht, Du schauest gnadenvoll herab auf alle, die ihre Blicke vertrauend zu Dir erheben, Du bist der beste Hüter vor Gefahren, der beste Helfer aller Leidenden in Ewigkeit. Amen!
——————
Gebet um Genesung. (Psalm 6.)
———
O, Herr, mein Gott, o strafe mich In Deinem Grimme nicht! O, sei mir gnädig, zürne nicht, Da mir die Kraft gebricht; Laß' Heilung, Herr, mir nahe sein, Denn, ach! es schwindet mein Gebein!
O, meine Seele ist so matt. Ach! Herr! wie lange noch? Um Deiner Güte Willen nur Errette, Herr, mich doch! Denn in dem Grabe, o wer kann Noch Deiner Güte danken dann!
Von Tränen bleibt mein Auge feucht Nun jede ganze Nacht, Die leidend ich und kummervoll Im Seufzen hingebracht. Es schwindet meiner Augen Licht, Vor Gram verfällt mein Angesicht.
Nun weichet, fort, ihr Leiden, schnell, Der Herr hat mich erhört! Hat meiner Bitte, meinem Flehn Sich wieder zugekehrt! Ihr, Feinde, ja, ihr müßt zurück, Verschwindend wie ein Augenblick.
——————
Dankgebet nach überstandener Krankheit.
———
Lob, Preis und Dank sei Dir, allgnädiger Gott! Lob, Preis und Dank dafür, daß ich wieder imstande bin, mein Herz zu Dir zu lenken, mit dem Worte meines Mundes in andächtigem Gebete Dir zu nahen, denn ach! zu lange habe ich dieser Süßigkeit entsagen müssen, weil die Leiden des Leibes auch den Geist gefesselt hielten in den Banden des Schmerzes, weil die Mattigkeit des Körpers auch die Kraft der Seele lähmte, sich zu Dir zu erheben. Nun Lob und Dank Dir! Die Zeit der Leiden ist vorüber! Du hast mir beigestanden, Du hast mich gerettet, Du hast den Engel der Erlösung ausgesandt, daß er seine Flügel ausgebreitet hat über meine Lagerstätte. Ach, die Gesundheit ist ein gar herrliches Gut, und immer und allezeit nur ein Geschenk Deiner Gnade! Das, himmlischer Vater, erkenne ich als den Segen, der aus der Prüfung mir hervorgegangen ist, daß ich lebendiger dessen inne geworden bin, daß auch der naturgemäße Zustand des Wohlseins nur ein Merkmal Deiner Liebe und Güte ist, daß der Mensch das Glück der Gesundheit seines Leibes auch dann erkennen, auch dann dessen sich freuen und Dir dafür danken muß, wenn er es nicht entbehrt. Darum soll der Dank für Deine Liebe allezeit mich beseelen. Ich habe erkannt, daß der Unterschied zwischen Reichtum und Armut, zwischen Genuß und Entbehrung, zwischen Befriedigung und Entsagung in Tausenden von wirklichen und vermeintlichen Bedürfnissen in Nichts verschwindet vor dem Unterschiede zwischen Gesundheit und Krankheit. Darum will ich mein Herz zu bewahren suchen vor Eitelkeit, mein Streben frei zu halten suchen vor törichten Wünschen und meinen Sinn üben in Bescheidenheit, dessen aber eingedenk bleiben, daß wir Menschen verloren sind, so Du Deine schützende Vaterhand von uns abziehest, und daß in Leid und Trübsal uns geholfen ist, so Du uns gnädig bist. Du bist der Geber alles Guten, Du bist der Helfer aller Leidenden, Du richtest die Gebeugten auf, Du erlösest die Gefesselten, Du heilest die Kranken, Du bist der wundertätige Arzt alles Fleisches! Amen!
——————
Gebet für den erkrankten Vater.
———
Gott! Du erbarmungsreicher Vater! Zuflucht suche ich bei Dir in der Angst meines Herzens. Von bitterem Leide bin ich erfaßt, eine Schreckensgestalt drohender Gefahr steht vor meiner Seele. O hilf mir! Hilf, mein Gott, mein Erlöser! Ach! warum rede ich von mir! Hilf ihm, dem kranken Vater, der in Schmerz und Kraftlosigkeit hingesunken, mit kummervollem Auge auf die Seinen blickt.
Ach, stehe ihm bei mit Deiner Hilfe, die ja wunderbar ist, sei Du sein Arzt und richte ihn auf in neuer Kraft. Verscheuche den Schmerz von seinem Lager, die trüben Gedanken aus seinem Herzen, laß ihn aufs neue Freude finden an seinem Tagewerke, es ist ja stets dieses Tagewerk eine Arbeit in Deinem Dienste, im Dienste der Tugend, denn sein Streben ist, in Liebe zu den Seinigen, die Erfüllung heiliger Pflichten.
O Gott! schau auf sein redliches Herz, auf seinen frommen Sinn, auf seinen gottesfürchtigen Wandel, und übe Barmherzigkeit.
Schaue auch auf meine Träne, auf die Träne der Angst zitternder Kindesliebe. Verzeihe mir, mein Gott, wenn ich Böses getan, „strafe mich nicht in Deinem Zorne, züchtige mich nicht in Deinem Grimme.“ O, ich will mein Herz prüfen, daß es geläutert hervorgehe aus der Zeit der Gefahr, auf das all mein Tun Dir wohlgefällig werde.
Erquicke mich wieder durch die Lehre des geliebten Mundes, der mir stets den Weg der Tugend empfohlen, der die Bahn des Rechtes, der Sitte, der Gottesfurcht mich gelehrt hat.
Ich fühle es, das Gebet erleichtert mein beschwertes Herz; ach, laß mich nicht bloß Trost und Kraft, laß mich auch Gnade und Hilfe finden, Du Gütiger, Allbarmherziger! Amen!
——————
Gebet für die erkrankte Mutter.
———
Allgütiger! Ein Gedanke ist es, der nun schon viele Tage (lange Wochen) mein ganzes Gemüt in düstere Schatten hüllt, meinen Geist niederbeugt, mein Herz mit Angst erfüllt; meine Mutter, meine gute Mutter ist krank. Menschliche Hilfe und treue Pflege vermögen nicht, ihr Heilung und Genesung zu bringen, ihrer Schmerzen sie zu entledigen, ihre Hoffnung aufzurichten und ihr Auge wieder heiter zu machen. Ihre Leiden verdoppeln sich, so oft sie auf uns, die ihrigen, schaut, weil der Gedanke an unser Unglück, wenn sie jetzt von uns scheiden müßte, ihr trübe und schrecklich erscheint. Ach, und auch auf uns lastet der Kummer und die Gefahr so schwer! Wir müssen die geliebte Mutter leiden sehen und können ihr nicht helfen, wir nehmen wahr, wie ihre Kräfte schwinden, und die traurige Besorgnis bemächtigt sich unser, sie vielleicht verlieren zu müssen, sie, die wir so innig lieben, sie, die (gleich unserem Vater) uns das teuerste auf Erden ist.
Was kann ich anderes tun, als meine Zuflucht zu Dir nehmen, Allgütiger, der Du in Deiner Barmherzigkeit so oft uns beigestanden hast in Not und Trübsal. O höre mein Gebet! Wie Du so oft die Gefahr gnädig von uns abgewandt, so befiehl auch diesmal ihr, daß sie von uns weiche. Ach mein Gott, ich will nicht murren gegen Deinen Willen, ich will nicht Zweifel setzen in Deine Allweisheit, aber das Menschenherz, und über alles das vom Leid gequälte Menschenherz ist schwach, und der Geängstigte legt seine Bitte Dir dar in Demut und Vertrauen. Darum, mein Gott! zürne nicht, wenn ich nicht in ruhiger Ergebenheit Deine Weisheit walten lasse, sondern meine Bitte zu Dir erheben will, die nicht Deine Wege meistern, nur Deine Gnade erflehen soll. Richte meine Mutter wieder auf von ihrem Krankenlager, laß sie wieder in Fröhlichkeit an unserer Seite wandeln, laß sie wieder in frohem Danke ihr Herz zu Dir erheben und ob ihrer Genesung Deine Vatergüte preisen.
Herr, mein Gott, Du hast zwar nicht Wohlgefallen an Opfern, und der Mensch kann Deine Weisheit nicht leiten, Deine Gerechtigkeit nicht bestechen; aber Du hast Wohlgefallen an einem reinen Herzen, darum will ich mich prüfen und meine Fehler ausfindig machen und meine üblen Neigungen und meine fehlerhaften Begierden opfern, um Deiner Gnade, Deiner Liebe würdig zu sein und täglich würdiger zu werden.
Ich suche Trost im Gebete und finde ihn, o Herr, laß mich auch Hilfe und Rettung finden. Laß mich nicht leer zurückkehren von Deinem Angesichte und öffne die Pforten der Barmherzigkeit dem andächtigen Worte meines Mundes. Amen!
——————
Gebet der Mutter für ihr krankes Kind.
———
Allgütiger Gott! Mein Herz ist schwer, und traurig mein Gemüt, mein Auge blickt angstvoll auf die Gefahr, die als ein Schreckensbote des Unglücks herangenaht ist und die Hand ausstreckt, mein heilig bewahrtes Gut, mein liebliches Kind, den Liebling meines Herzens mir zu rauben. Ach, vergib, gütiger Gott, wenn ich in der Angst meiner Seele mich allzuweit entferne von der Ruhe der Frommen, deren Pflicht es ist, in Ergebenheit alles, was sie treffen kann, Deinem Willen anheimzustellen. Du aber selbst hast das Gefühl der Mutterliebe in mein Herz gepflanzt und mit ihm die Zaghaftigkeit und auch die Verzagtheit am Krankenbette eines hart und schwer darniederliegenden Kindes. Darum, mein Gott, kann ich auch jetzt nicht dulden und schweigen, ich kann nur beten: O, sei mir gnädig, mein Gott! „Herr! Herr! strafe mich nicht in Deinem Zorne, züchtige mich nicht in Deinem Grimme.“ Schenke Linderung und Genesung meinem lieben Kinde, daß es wieder heiter und freundlich sein Auge auf mich richte, sein Mund mir wieder zulächle in kindlichem Vergnügen. O, laß auch bald, bald mich inne werden des Gebetes Wunderkraft, daß das Bangen verwandelt sei in Hoffen, die Furcht in Vertrauen. Denn wahrlich, ich bedarf des Mutes und der Ruhe, um die heilige Pflicht der Pflege nicht um ein Geringes zu verabsäumen. O, Herr, Herr, gütiger Gott! Du bist ja ein wunderbarer Helfer in der Not, Du hast mir oft die Klage in Jubelton verwandelt, hast der Trauer mich entkleidet und mit Freude umgürtet. Ich will nicht wanken im Glauben an Deine Hilfe, _kehrt oft am Abend auch Betrübnis ein, so wird sie bis zum Morgen Freudenruf._
Mein Gott! sei auch diesmal barmherzig. Amen!
——————
Gebet für den kranken Sohn oder die Tochter.
———
Barmherziger Vater! Harte Prüfung hast Du mir auferlegt, schwere Tage der Angst und Bangigkeit sind über mich gekommen, aber ich will nicht verzagen. Du wirst in meiner Hilfe sein und meine Klage in Jubel, meine Betrübnis in Freudigkeit verwandeln. Auf hartem Schmerzenslager liegt mein guter Sohn (meine gute Tochter). Seine (ihre) Kraft ist gewichen, seine (ihre) Regsamkeit geschwunden, das Leiden hat die Stärke seines (ihres) Geistes übermannt und ihn (sie) unfähig gemacht zu den Beweisen tätiger Liebe, womit er (sie) das Herz der Seinigen (Ihrigen) so gern erfreute. Ach Gott, mein Gott! laß das bald wieder anders werden. Segne die Sorgfalt, mit der wir ihn (sie) pflegen, daß sie bald zu gedeihlichem, erfreulichem Ende führe. Schenke dem (der) Kranken Linderung und Genesung; führe zurück die Kraft und Lebensfrische in seinen (ihren) Körper und frohe Gedanken in seinen (ihren) Geist. Laß ihn (sie) wieder mit Freudigkeit und Hoffnung in die Zukunft schauen und mit Rüstigkeit seinen (ihren) Pflichten dienen. Uns allen aber, die wir bekümmert um ihn (sie) Deine Gnade erflehen, uns gib die Einsicht und die rechten Mittel, ihm (ihr) beizustehen in seiner (ihrer) Not. Auf Dich, mein Gott, der Du barmherzig bist und von großer Gnade, auf Dich will ich hoffen, auf Dich vertrauen; o, öffne die Pforten der Gnade dem schwachen Worte meines Mundes. Amen!
——————
Gebet für den erkrankten Gatten.
———
Allbarmherziger! Mit tiefgebeugtem Gemüte wende ich mich in der Angst meines Herzens zu Dir. O, wende ab den Kummer, der meine Seele niederdrückt, verscheuche die schweren Sorgen, die auf mir lasten, und schenke Kraft und Genesung meinem erkrankten Gatten. Du allein bist ein Arzt, dessen Willen Heilung gibt, trüglich ist die Kunst der Menschen, aber untrüglich ist Dein Beistand, wo Du Hilfe und Rettung senden willst.
O, sieh auf meinen Kummer! Gefesselt an das Schmerzenslager ist der Geliebte meines Herzens (die Stütze des Hauses) (der Ernährer meiner Kinder). O, sieh auf seine Leiden, und gebiete ihnen, daß sie von ihm weichen, daß der Kranke sich bald, recht bald wieder aufrichte, in Fröhlichkeit Dir danke und Deine Gnade preise. Alles Heil kommt von Dir; was nützt Menschenbeistand und Menschenhilfe, wenn Du nicht beistehend und helfend an unserer Seite bist! Auf Dich, Allgütiger, will ich hoffen, Dir will ich vertrauen, Du wirst mich stärken und meinem Geiste Einsicht geben, daß ich die Pflicht der Pflege mit verständigem Sinne übe. Du wirst mich nicht verlassen, gütiger Vater! Amen!
——————
Dankgebet für die Genesung eines Angehörigen.
———
Du, Allmächtiger, bist es, der die Gebeugten aufrichtet, der die Gefesselten erlöset! Auch ich war tief gebeugt in Kummer und Sorge, auch ich war gefesselt an das Krankenlager meines . . . . . Nun bin ich wieder aufgerichtet, nun bin ich wieder erlöset! Könnte ich nun der Freude mich hingeben, ohne Dein und Deiner Hilfe dankbar zu gedenken? Ach wie oft habe ich in den Tagen meiner Angst Dich angerufen, wie oft habe ich Dich angefleht um das Glück, daß Du nun mir beschieden hast! Darum soll mein Herz es auch nimmer vergessen, daß Du allein der höchste Wohltäter bist. Was ist Menschenhilfe, wo Deine Hilfe fehlt! Was ist Menschenkunst und Menschenweisheit, wenn es nicht Dein Willen ist, daß sie nütze! Du, Gott, allein, Du bist der treueste Arzt, der sicherste Retter aus Krankheit und Gefahr. O, ich gedenke lebhaft der trüben Stunden, da der Gedanke sich mir aufdrängte, den ich vergeblich zu verscheuchen bemüht war, den ich nicht zu denken wagte und dennoch in mir aufkommen lassen mußte, daß die Zeit gekommen sei, um meinen . . . für dies Leben zu verlieren; da war mein Herz beklommen und mein Auge voll Tränen, da waren alle Wünsche geschwunden und nur _einer_ mir übriggeblieben, da waren alle Sorgen vergessen und von _einer einzigen_ verdrängt. In solchen Prüfungen wird der Sinn bescheiden und das Herz genügsam. Nicht der Glanz der Welt fesselt da den Blick, er ruht einzig auf dem Antlitz des Leidenden, um ein Hoffnung erweckendes Zeichen zu erspähen. Nicht das Geräusch des Verkehrs und des Vergnügens beschäftigt da das Ohr, es horcht einzig auf die Atemzüge des Kranken, um Trost zu erlauschen aus seinem Schlummer. Und all die Qual hast Du nun von mir genommen. In frischer Lebenskraft steht . . . . . . vor mir, und ich freue mich seines (ihres) Wohlseins. O Gott! wie Du sein (ihr) Retter warst aus der Gefahr, so sei auch ferner in seiner (ihrer), in unsrer aller Hilfe. Amen!
——————
Gebet für das Wohlgedeihen der Kinder.
———
Allwissender! Vor Deinem Auge ist die Zukunft enthüllt, aber vor dem Auge der Menschen ist sie zu ihrem Heile verschlossen. Was die Tage, die da kommen sollen in ihrem Schoße bergen, das stellen wir gern Deiner Allweisheit anheim, und wenn wir auch in dem Gebete, daß Du alles für uns zum besten leiten mögest, uns mit kindlichem Vertrauen an Dich wenden.
Wenn ich aber an die Zukunft denke, so ist es zunächst nicht die meinige, die mich beschäftigt, wohl aber ist es die Zukunft meiner Kinder. All mein Sinnen und Denken ist darauf gerichtet, ihren Lebensweg zu ebnen, ich möchte hinreichen können mit meiner Fürsorge bis ans fernste Ziel ihres Lebens, um jede Gefahr von ihnen fernzuhalten, um jedes Hindernis auf ihrem Pfade zu beseitigen. Ach, das ist eine törichte Sehnsucht, wenn sie gleich aus Liebe und Zärtlichkeit entspringt, denn ich weiß es wohl, daß ich Glück und Segen meinen Kindern nicht geben kann. Du, nur Du kannst es, darum sei ihr Schutz und Helfer immerdar. Doch auch teilhaben will ich an der glücklichen Zukunft meiner Kinder, damit sie in dankbarer Liebe noch meiner gedenken, wenn ich längst nicht mehr an ihrer Seite bin. Dank Dir, mein Gott! daß ich es kann! Du hast die Aufgabe mir zugeteilt, die Saaten der Gottesfurcht und Tugend in ihr Herz zu streuen. O laß das Werk mir gelingen. Mache meine Kinder gut und fromm, erleuchte ihren Geist, daß ihre Bildung ihnen Achtung erwerbe unter ihren Nebenmenschen, erwärme ihr Herz für alles Edle, daß sie sich fernhalten von allem Niedrigen und Unwürdigen in ihren Empfindungen, laß sie leiblich gedeihen, daß sie angenehm zu erscheinen vermögen vor der Welt. Waffne sie mit Mut und Kraft gegenüber den Widerwärtigkeiten des Schicksals, und schmücke sie mit Demut und Ergebung gegenüber Deinem Willen. Wende von ihnen ab Krankheit und Gefahr und erquicke mein, ihrer Mutter, Herz (unser, ihrer Eltern, Herzen), an dem Anblick ihres Wohlgedeihens.
In Deine Hand, mein Gott, befehle ich diesen heißen Wunsch meiner Seele. Amen!
——————
Dankgebet für das Wohlgedeihen der Kinder.
———
Alles Gute kommt von Dir, mein Gott! Deine Liebe ist ohne Ende. Laß in Demut Dich dafür preisen! Wo sollte ich beginnen, wenn ich die Zahl Deiner Wohltaten rühmen sollte, mit denen Du mich begnadigt hast von meiner Jugend an! Aber für ein Geschenk Deiner Huld kann mein Mund nicht schweigen; eins ist es, das das heiligste und höchste Gut mir ist, weil Du mich gewürdigt hast, teil daran zu haben durch eigene Mühe. Es ist das Wohlgedeihen meiner lieben Kinder. Gesund und in Lebensfrische, fröhlichen Gemütes und klaren Geistes stehen sie vor meinen Blicken, und mein Mutterauge ruht mit Stolz und Freude auf ihnen. Nicht jeder Mutter ist gleiches Heil beschieden. Traurig ist das Los der Mutter, deren Kinder der Quell ihrer Betrübnis sind. Mitleidswert ist das gequälte Mutterherz, das sich nicht erfreuen kann an dem leiblichen und geistigen Gedeihen ihrer Kinder.
Wie anders ist es bei mir! Und wie sehr auch ist meine Liebe belohnt durch die Liebe meiner Kinder! Sie halten mich (uns, ihre Eltern) lieb und wert und keines mag mich (uns) betrüben. Sie sind wohlgeraten und an ihre Zukunft knüpfe ich (knüpfen wir) die schönsten Hoffnungen, die meine (unsere) Seele erfüllen. O Gott, mein Gott! laß' sie alle fortschreiten auf der Bahn der Tugend und der Weisheit, daß sie in ihrem ganzen Leben sich Deines Wohlgefallens, und des Wohlgefallens der Menschen erfreuen; erhalte sie gesund an Leib und Seele und statte sie aus mit allen Gaben Deines Segens, behüte sie vor Unglück und Gefahren, rufe keines von ihnen ab aus dieser Erdenwelt bei meinem Leben (und bei dem Leben ihres Vaters). O Herr mein Gott, erhöre mein Gebet und wende nicht von mir Deine Liebe. Amen!
——————
Gebet in trauriger Lebenslage.
———
Du schaust in mein Herz, Allwissender, und es ist Dir bekannt, daß ich nicht mit Neid und Mißgunst auf das Glück meiner Nebenmenschen blicke. Du weißt es, daß ich mich jederzeit der Bescheidenheit in meinen Lebensansprüchen befleißigt habe, daß ich zufrieden bin mit dem Lose, das Du für mich bestimmt hast, wenn nicht Sorge und Kummer in außergewöhnlicher Weise mich niederbeugen. Ach, leider ist es nun schon lange so. Ich will nicht murren und rechten mit Deiner Allweisheit, aber Dir klagen, was mich bedrückt, zu Dir beten um Hilfe, das kann nicht sündhaft sein. Ich war redlich bestrebt, meinen Weg zu ebnen, einen anspruchslosen Pfad für meinen Wandel mir zu bahnen, ich habe dem Leichtsinn nicht Raum gegeben in mir, so daß er mich abführen mußte von der Straße des Glückes und der Zufriedenheit, und doch hast Du es anders über mich beschlossen, und nun reicht meine Einsicht nicht aus, mein Schicksal zu ändern, meine Kraft nicht, ihm Trotz zu bieten. Vielleicht führt dieser Weg mich zum Heile, aber mein Auge schaut es nicht. Vielleicht bedarf ich der Läuterung, aber mir fehlt die Ruhe der Ergebung. Darum ist meine Seele betrübt und mein Herz traurig. Nur Du, mein Gott, bist mein Trost, meine Zuflucht und meine Hoffnung; vor Dir ist die Zukunft offenbar, Du weißt den Ausgang aller Dinge. Deine Weisheit führt alles zum guten Ende. O, laß mich fest sein in diesem Glauben, damit mein Geist aufrecht bleibe. Vielleicht aber auch habe ich durch meine Torheit und meine Fehler mein Schicksal verschuldet. Dann, o Herr, mein Gott! vergib mir, laß es genug sein und blicke wieder freundlich auf mich. Nimm Dich meiner an um Deiner unendlichen Liebe willen, sende wieder Freudigkeit und Frieden in mein Denken und Fühlen. Trostreich spricht zu mir das Wort des Sängers: „_Nicht für immer bleibt der Bedrängte vergessen._“ „_Wird denn Gott ewig zürnen? Wird er denn nicht wieder freundlich sein? Hat denn der Herr seine Gnade vergessen, kann denn im Zorne seine Liebe untergehn?_“ Darum: „_Was betrübst Du Dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?_“ „_Vertrauen will ich auf Gott und werde ihm danken können, angesichts dessen, daß er mein Gott und meine Hilfe ist._“ Amen!
——————
Gebet um Geduld und Zufriedenheit.
———
Allmächtiger! Verschieden verteilt auf Erden sind die Lose der Menschen. Der eine wandelt sorglos dahin und kann nicht eindringen in den Kummer seines Nächsten, wenngleich er ihn oberflächlich zu überschauen vermag; der andere seufzt unter der Bürde drückender Verhältnisse und vermag nicht seinen Geist zu erheben zu urteilsfreier Anschauung der Dinge, weil eben das Leid seinen Blick umnebelt. So ist und bleibt jeder Mensch darauf angewiesen, eine Welt in sich selbst zu finden, daß er den Maßstab von Glück und Unglück nicht anlege an die vermeintlichen Lebensschicksale anderer, auch nicht an Dinge, die außerhalb seines eigenen Willens und seiner Kraft liegen, und ebensowenig an die Erscheinungen der nebelhaften Welt, die seine Einbildungskraft sich aufbaut, und an das Zauberreich, das seine Wünsche aus dem Nichts hervorrufen.
Wohl ist der Mensch nicht dazu geschaffen, unschuldige Wünsche in sich zu unterdrücken, keinerlei Hoffnungen Raum zu geben und in dumpfer Hingebung nie die Frage in sich aufkommen zu lassen: was bin ich? und was möchte oder könnte ich? Im Gegenteil! Wünsche und Hoffnungen sind die freundlichen Sonnenstrahlen, die gar oft die Dunkelheit der Gegenwart verscheuchen, und Streben nach Höherem, Streben nach Besserem ist ganz gewiß ein Zeichen und ein Bedürfnis einer edlen Natur, selbst das Streben nach zeitlichem Wohlsein. Streben ist Leben!