Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 13
Da muß ich wohl oft der Zeiten gedenken, da es noch anders war; da mein treuer Gatte noch lebte, da er mit redlichem Herzen und rüstigem Fleiße der Versorger und Ernährer meines Hauses war. Der treu mich liebte, ist von mir gegangen, meine Stütze ist gebrochen, meine Sorglosigkeit vernichtet. Statt dessen ist das Brot, das ich esse, mir karg zugemessen, und oft vermag ich kaum den Mangel zu wehren, daß er meine Schwelle nicht überschreite (den Mangel, der mich doppelt drücken muß, um meiner lieben Kinder willen.)
Wenn ich aber auch dies alles bedenke und der Betrübnis mich nicht entschlagen kann, so will ich dennoch nicht murren und nicht rechten mit Deiner Allweisheit. Denn wenn ich eines Teiles nicht weiß, ob nicht die Prüfungen, die Du mir bestimmt hast, zu meinem Heile sind, so weiß ich andernteils gewiß, daß noch manches teure Gut mir geblieben ist, und daß es Menschen gibt, die weit tiefer hinabsteigen mußten in die Tiefe des Unglücks.
Über alles dies ist ja _eine_ Freudigkeit mir geblieben als die Grundlage alles dessen, was mir noch Trost und Hoffnung gibt: es ist das _Vertrauen_ auf Dich, die Zuversicht, daß Du mich nicht verlassen wirst, daß Du mich hörst, so oft ich Dich rufe. Darum auch will ich es nimmer unterlassen, die Bitte um Deinen Beistand vor Dir auszusprechen:
O mein Gott! sei mir gnädig und erhalte meine Gesundheit.
(Laß meine Kinder wohl gedeihen an Leib und Seele und gib mir die Kraft, ihnen jederzeit beizustehen mit Rat und Tat.)
Wende den Mangel von meiner Tür und laß mich in Redlichkeit und Ehre mein Brot mir erwerben.
Laß mich nicht der Hilfe der Menschen bedürfen und nie Fremden oder Angehörigen eine Last sein.
Erhalte die Zufriedenheit in meinem Herzen, daß aus ihr wieder aufsprieße der frische Lebensbaum der Seelenruhe und der Freudigkeit.
Du, mein Gott, bist ein Versorger der Witwen und Waisen, Du bist auch der meinige. Das sei Dein Willen! Amen!
——————
Gebet einer Stiefmutter.
———
Mein Gott! Wie die Liebe der Mutter zu ihren Kindern das festeste Band auf Erden ist, das Menschenseelen aneinanderknüpft, so ist die Mutterliebe auch die süßeste Empfindung, die das Menschenherz beglückt. Dieses natürliche Band kann durch kein gewähltes ersetzt, diese Empfindung nicht willkürlich hervorgerufen werden. In dieser Überzeugung betrachte ich die Aufgabe, die Du mir zugeteilt hast, die Stelle der Mutter bei Kindern zu vertreten, die nicht leiblich mir angehören, als eine sehr schwere, als eine so schwere, daß ich meiner schwachen Einsicht nicht zutraue, sie zu vollbringen, wenn nicht Deine besondere Hilfe mir beisteht. Und um diese Hilfe flehe ich, Herr! Dich mit Inbrunst an, denn ich bin weit entfernt davon, die Arbeit von mir zu weisen oder sie als eine Last zu betrachten, ich fühle mich vielmehr glücklich, ihr unterworfen zu sein, und mein höchster Wunsch ist es, das Höchste und Beste in ihrer Vollziehung zu erreichen, was einem redlichen Herzen erreichbar ist.
Darum, mein Gott, flehe ich Dich an, schenke mir Einsicht, das Rechte jederzeit zu treffen, damit ich bestehen kann vor Deinem Auge und vor dem Auge der Menschen. Laß mich nie müde werden in der Ausübung meiner Pflichten und verscheuche jeden Gedanken aus meiner Seele, der nur dahin zielt, mir die Rechte einer Mutter zu erkaufen, gib mir Geduld und Ausdauer, daß ich auch mit den Mängeln und Schwächen meiner Kinder Nachsicht übe wie eine Mutter. Laß mir immer die Vorstellung gegenwärtig sein, daß meine Arbeit nur Stückwerk ist, und daß ich ihnen nie in Wahrheit die Mutter zu ersetzen imstande bin. Laß mich nie Mißtrauen fassen gegen sie, als ob sie nicht bereit wären, die Mutter in mir zu suchen und zu erkennen. Laß die Kinder gedeihen unter meiner Pflege, auf daß ich Freude habe an ihrem Wohlsein und meine Aufgabe mir leicht werde.
Laß mich in der Erziehung der Kinder auch die Wünsche meines Gatten befriedigen, daß der Kummer, den ihre Mutterlosigkeit ihm verursacht, gänzlich von ihm genommen werde und sein Herz immer mehr und mehr Zutrauen zu mir fasse.
Um alles dies flehe ich Dich, Allgütiger, in Demut an, zu all dem bedarf ich Deiner besonderen Hilfe. Du wirst sie mir nicht versagen, so ich mit Redlichkeit strebe, eine gute Mutter zu sein den Unschuldigen, die ihre leibliche Mutter verloren haben. Auf Dich will ich vertrauen. Amen!
——————
Gebet eines vaterlosen Mädchens.
———
Vater aller Menschen! In dieser Anrede allein schon liegt der Trost, den ich im Gebete suche, diese Anrede allein erfüllt mich mit Mut, und so oft mein Mund sie ausspricht, ist es, als spräche auch noch eine andere Stimme freundlich zu mir: „Sei nicht betrübt, sei nicht traurig, du bist nicht vaterlos, wenngleich dein irdischer Versorger und Ernährer, der dich zärtlich liebte, von dir geschieden ist und frühzeitig eingegangen ist in seine Ruhestätte im Reiche der Seligen“. Ja, ich bin nicht vaterlos, denn die Fürsorge des guten Vaters, der mich verlassen hat, war in der Zeit darauf bedacht, mich einen ewigen Vater finden zu lassen, der so lange nicht von mir weicht, so lange ich treu und fest an ihn glaube, auf ihn vertraue und ihm gehorsam bin. Ja, Du, himmlischer Wohltäter und Versorger! Du bleibst auch der meinige.
Du hast Geduld und Nachsicht mit mir und liebst es, daß ich vor Dir mich ausspreche über alle Regungen meiner Wünsche, über alle Gedanken meines Herzens.
O, so neige Dich auch jetzt freundlich zu meiner Bitte.
Ich bitte Dich, gütiger Vater, zuerst um das, was meinem Herzen das teuerste ist: ich bitte Dich um das Wohlsein meiner geliebten Mutter. Sie trauert als Witwe um den Verlust ihres Gatten, als schwaches Weib um den Verlust dessen, der ihr Stab und Stütze, Helfer und Berater war, sie trauert als Mutter über das Leid ihrer Kinder, die des väterlichen Beistandes entbehren.
O, sei Du immerdar ihr Schutz und Schirm. Erhalte ihre Gesundheit und laß es ihr nicht an den Gaben Deines Segens fehlen, auf daß zum Schmerze sich nie der Mangel und die Entbehrung gesellen. Gib ihr Freude an allen ihren Kindern, daß keines ihr trübe Tage bereite.
Ich bitte Dich, gütiger Vater, auch für mich; halte mein Herz rein von Leichtsinn und Übermut, daß ich immer geneigt sei, alle Pflichten zu erfüllen, die Du mir zugewiesen hast. Laß mich einsichtsvoll und verständig werden, daß ich stets imstande sei, meiner guten Mutter eine treue Ratgeberin zu sein. Laß mich nie abweichen von den Lehren meines bei Dir weilenden Vaters, so daß ich seinem Andenken, das aus meinem Herzen nicht schwinden wird, auch durch meine Taten Ehre bereite.
Viel, sehr viel sind der Dinge, um die ich Dich bitten muß, ich kann ihre Zahl nicht überschauen; aber es bedarf ja auch dessen nicht; Du siehst mein Herz und weißt auch, was mir not tut. Sei Du in meiner Hilfe, und mir wird nichts fehlen. Amen!
——————
Gebet eines mutterlosen Mädchens.
———
Öfter wohl als vielen andern meines Alters und meines Standes muß es mir, der Mutterlosen, ein Bedürfnis sein, ein stilles Stündchen zu suchen, um im andächtigen Gebete mein oft so betrübtes Herz zu erleichtern.
Immer und immer lastet der Gedanke schwer auf mir, daß ich so einsam, so verlassen bin, wenn ich des mütterlichen Rates bedarf. Immer erfüllt Trauer meine Seele, wenn die liebliche Erscheinung meiner nun im Reich der seligen Geister weilenden Mutter vor mein geistiges Auge tritt, und ich kann mich von der Vorstellung nicht entfernen, wie schön es wäre, wenn sie noch leiblich in unserer Mitte weilte. Und der Schmerz erfüllt mich, wenn ich meinen guten Vater betrachte, wie auch er verlassen ist von der treuesten Gefährtin seines Lebens.
Sollten alle diese Empfindungen sündhaft sein? Sollten sie der Pflicht widerstreben, mit Ergebung sich in Deinen Willen zu fügen? Ach nein! Du findest kein Unrecht an ihnen. Hast Du doch die Liebe zu meinen Eltern in mein Herz gepflanzt, und die ernste Betrachtung meiner Lage ist ja nur ein Ausfluß dieser Liebe.
Ach nein! diese Empfindungen sind kein Unrecht. Ich fühle es, daß auch sie zum Heile an mir werden können, weil ernste Entschlüsse, gute Vorsätze aus ihnen hervorgehen.
Ich will das Andenken an meine Mutter ehren, ihr Beispiel der Gottesfurcht und Tugend stets vor Augen haben und an dem Gedanken mich aufrichten, daß ihr Geist über mir wacht, damit ich jederzeit auch bereit sein kann, Rechenschaft vor demselben abzulegen über meinen Wandel.
Ich will hoffen und vertrauen, daß auch Du mich nicht verlassen wirst, und daß Deine Liebe mir immer Menschenherzen zuführen wird, die mir mit Zuneigung und Aufrichtigkeit begegnen.
Ich will meinem lieben Vater kindliche Treue und innige Hingebung bewahren, auf daß mein Umgang imstande sei, ihm einen Teil seines Verlustes zu ersetzen.
Zu all dem versage Du, Allgütiger! mir Deinen Beistand nicht, dann wird auch die Fröhlichkeit des Herzens mir wieder ein bleibendes Eigentum werden, und wie ich in Betrübnis zu Dir bete, so werde ich in Freudigkeit Dir danken können. Amen!
——————
Gebet einer Verwaisten.
———
Einsam und verlassen, himmlischer Vater, stehe ich da in der weiten, weiten Welt! Was ist die Güte befreundeter Menschen, was ist die Freundlichkeit der Anverwandten! Ach, sie gleichen einem blassen Scheine, verglichen mit dem strahlenden Lichte elterlicher Liebe. Den lieblichen Schimmer dieses Lichtes muß ich entbehren und bin noch so jung, so unerfahren, den rechten Weg allein zu finden. Ich muß im Finstern wandeln. Doch „_wall ich auch im Tal der düstern Schatten, so wall ich ohne Furcht, denn Du begleitest mich, Dein Stab und Deine Stütze sind immerdar mein Trost!_“
Vater und Mutter ruhen aus von den Beschwerden des Erdenlebens nun schon im Grabe, nur ihr Geist ist es, der mir nahe geblieben ist, ihr Andenken allein begleitet mich, ihre Liebe ist nicht geschwunden und hält mich wunderbar zurück, wenn die Verlockung des Unrechts mich reizen will, den Weg der Tugend zu verlassen.
Darin aber, himmlischer Vater, erkenne ich dankbar Deine Liebe, daran merke ich es, daß, „_wenn auch Vater und Mutter mich verlassen haben, so hast Du mich aufgenommen_“.
O, gib, daß es immer also sei! Laß das Andenken an meine im Reiche der Seligkeit weilenden Eltern nimmer aus meinem Herzen schwinden. Es tröste mich, wenn ich verzagen will, und rufe mir zu: Fürchte nicht! wir wachen über Dich. Es strafe mich mit den Vorwürfen des Gewissens, wenn ich die weisen Lehren verlassen will, die meine guten Eltern mir eingeprägt, es erinnere mich an ihr würdiges Beispiel, wenn ich die Schönheit verkennen sollte, die ein edles Leben schmückt, es rüste mich allezeit mit Geduld und Stärke, auch die Mißhelligkeiten des Lebens zu ertragen.
O, laß auf diesem Wege mich die Einsicht gewinnen, deren ich so sehr bedarf, um die Bahn meines Wandels mir zu ebnen. Groß und mannigfach sind die Hindernisse, die sich mir entgegenstellen, und groß muß meine Kraft sein, sie zu beseitigen. Bald wird die Versuchung mich locken, weil sie glaubt, daß die leitende Hand mir fehle, bald wird falsche Teilnahme mich betören, weil das Herz einer Verwaisten jeder Teilnahme begierig vertraut, bald wird ungerechtes Mißtrauen gegen wahrhaft gute Menschen mich erfüllen, weil der Schwache überhaupt mißtrauisch wird, und es könnte auch, — o, laß es nicht zu, mein Gott! der Sinne Lust mich betören und auf den trügerischen Pfad des Wohllebens mich führen, weil kein Mensch ein Recht zu haben vermeint, mich mit Strenge, gegen meinen Willen auf gutem Gleise zu erhalten.
All diese Gefahren haben jugendliche Seelen nicht zu fürchten, die überwacht sind von den Augen liebender Eltern.
Bei alledem will ich jedoch kein Bangen und Zagen fühlen. Weiß ich doch ein Mittel, das auch mir Schutz gewährt. Es ist das inbrünstige Gebet. Das bringt mich nahe zu Dir, meinem Beschützer, der Du ein Vater der Verwaisten bist.
Du, der Du in Deiner heiligen Lehre den Menschen das Gebot gegeben hast: „_Ihr sollt die Witwen und Waisen nicht bedrücken, denn wenn sie zu mir rufen werden, so werde ich ihre Stimme hören_,“ Du wirst auch meine Stimme hören und mein Gebet wohlgefällig aufnehmen. Amen!
——————
Gebet einer Dienenden.
———
Gütiger Gott! _Dank_ und Bitte will ich vereinigen mit _Lob_ und Preis, wenn ich im Gebet in stiller Stunde mein Herz zu Dir erhebe. Ja, ich _danke_ Dir aus dem Grunde meines Herzens für die Gaben Deiner Liebe, mit welchen Du mich gesegnet hast, für die Freuden, die den Reichen und Begüterten unbekannt bleiben müssen, weil sie die Empfindungen der Armen nicht kennen, weil sie tausend Dinge als gewöhnlich und kaum bemerkenswert hinnehmen, die besser geeignet sind, das Herz mit Zufriedenheit zu erfüllen als alles Wohlleben und aller Genuß zeitlicher Güter des Glückes. _Dank_ Dir, mein Gott! daß Du meinem Geiste redlichen Willen und meinen Armen rüstige Kraft gegeben hast, in unermüdeter Arbeit mein tägliches Brot mir zu erwerben. _Dank_ Dir, mein Gott! für die Süßigkeit, die jede Stunde der Erholung mir bringt. Und wenn ich hinschaue auf viele andere, denen gleich mir die Güter der Erde in reicherer Fülle versagt sind, wenn ich so viele unter ihnen bemerke, die nicht die Kraft besitzen, der Versuchung zu widerstehen, und die der Sünde und Niedrigkeit anheimfallen, und die, welche nur deshalb darben müssen, weil schlechte Erziehung oder körperliche Fehler sie unangenehm machen in den Augen der Menschen, auch die, welche, gefangen von den Banden körperlicher Gebrechen, vom Mitleid der Menschen leben müssen und nicht von dem Lohne für ihre Leistung, ach, dann ist zwar mein Herz betrübt, wenn ich auf sie blicke, aber es jubelt im Danke vor Dir auf, wenn ich mich _selbst betrachte_. Und wenn mein Tagewerk mir gelingt, wenn ich denen, so ich diene, das Geständnis der Zufriedenheit abnötige, ach, dann fehlt meiner Eitelkeit auch nicht der Schmuck des Stolzes, und Du, o Herr, vergibst und vergönnst mir ihn, weil er mich nicht zum Bösen führt.
Aber, lieber, gütiger Gott! auch _bittend_ muß ich an Dich mich wenden, und der Gegenstand meiner Bitte ist vor allen Dingen die Erhaltung alles dessen, wofür mein Herz Dir eben dankte. O, laß mich nicht krank und hilflos werden, daß ich nicht leben muß von den Gaben der Menschengüte, sondern mich immer erhalten kann von den Gaben Deiner Gnade, die ich durch meinen Fleiß mir erwerbe. Bewahre mich aber auch immerdar vor der giftigen Schlange der Versuchung. Sie umschleicht den Armen von allen Seiten, und nur ein standhaftes Gemüt vermag ihr zu widerstehen.
Wie ist es oft so verführerisch, die Hand auszustrecken nach ungerechtem Gute, um nur ein Weniges, ein Unmerkliches zu genießen von dem Überfluß anderer! Wie oft empört der Undank für redliche Mühe mein Herz und die Stimme der Versuchung flüstert mir zu, daß ich künftig in meiner Arbeit nur dem Scheine genügen soll! Wie oft behandelt der Hochmut mich verächtlich, und ein böser Geist in mir will mich die Glücklichen hassen lehren! Wie oft muß ich unschuldige Wünsche meines Herzens unterdrücken, weil mir die Mittel fehlen, sie zu befriedigen, und das Laster winkt mir heuchlerisch und verspricht mir reichen Lohn, wenn ich ihm diene. Ach! das alles macht das Leben einer Dienenden schwer und gefahrvoll, und nur des Herzens Frömmigkeit und die unerschütterliche Liebe zu Gott zeigt ihr den rechten Weg. Laß, gütiger Gott! mich immer ihn finden. Vor Dir sind ja alle Menschen gleich. Du beachtest nicht den Grad des Standes und der Erdengüter.
Und wie ich Dir danke, und wie ich zu Dir bete, so will auch ich Dich _preisen_. Du, gütiger Vater, warst es, der das Auge der Menschen geöffnet hat, daß sie in ihren Nebenmenschen den Menschen achten. Wie schrecklich muß die Zeit gewesen sein, da auch bei den gebildeten Völkern der Sklave nicht abhing von weisen Gesetzen des Staates, sondern von der Willkür seines Herrn. Ich diene, weil ich dienen _will_, und weil ich es für nötig halte, und bin frei, sobald ich die Notwendigkeit nicht mehr anerkenne. Ich bin nicht der Willkür dessen preisgegeben, der mich bedrücken kann, ich habe mich der Arbeit unterworfen, aber kann den Herrn mir wählen. Solche Zustände hast Du geschaffen. Du bist ein Vater aller Menschen, auch mein Vater, den ich liebe, auf den ich vertraue, und den ich _preisen_ will in allen Tagen meines Lebens. Amen!
——————
Gebet für die Eltern in der Ferne.
———
Lieber Gott! Es ist Dein Willen, daß ich fern von meinen lieben Eltern leben muß, und nicht, wie es mein Herz so sehr ersehnt, imstande bin, ihnen täglich und stündlich meine Liebe und Zärtlichkeit zu beweisen. Auch muß ich selbst die Lieblichkeit ihrer Nähe entbehren, kann nicht teilnehmen an allem, was sie erfreut, kann ihnen nicht dienen in kindlichem Gehorsam, um zu ihrer Fröhlichkeit und Behaglichkeit des Lebens durch meine Tätigkeit beizusteuern.
Wenn ich aber auch sie nicht leiblich vor mir sehe, so sind sie doch in jeder Stunde meinem Geiste und meinem _Herzen_ nahe. Meinem Geiste, weil ihr Wort und ihre Lehre in meinen Gedanken lebendig sind, und meinem Herzen, weil ich an sie denke in Liebe und Treue.
Und wenn es mir auch versagt ist, für sie wirksam zu sein mit der tatsächlichen Äußerung meiner Liebe, so ist es mir doch vergönnt, für sie zu Dir zu beten, mein Gott!
Du, Allgütiger, o, erhalte sie in Deinem Schutze, bewahre sie vor Unglück und Gefahren, gib, daß die Sorge für das Leben (für das Wohl aller ihrigen) ihnen leicht werde. Verleihe ihnen eine kräftige Gesundheit und ein fröhliches Herz, gib ihnen Freude an mir (und meinen Geschwistern) und vereinige mich wieder mit ihnen in Glück und Wohlsein. Amen!
——————
Gebet um Hilfe aus der Not.
———
Allgütiger Vater! Du bist allwissend und kennst das Leid, das meinen Geist beschwert, vor Dir ist nichts verborgen, somit auch nicht die geheimsten Gedanken meines Herzens. Vor Dir gilt kein Schein, vor Dir gilt nur die Wahrheit. Was kann es mir frommen, wenn ich auch vor Dir, gleichwie vor den Menschen, das Leid verbergen will, das mein Herz bedrückt! Aber zum Heile wird es mir, wenn ich vor Dir meinen Kummer im Gebete offenbare, weil ich nicht vergebens Trost und Hilfe bei Dir suchen werde. O, mein Gott! Ein Gedanke ist es, der mein ganzes Wesen erfüllt, der mich begleitet auf allen meinen Schritten, der jede wahre Fröhlichkeit in mir unterdrückt, der, ach, auch den Schlaf verscheucht von meiner Lagerstätte. O, mein Gott! Es bedrückt mich schwer, daß (hier ist das wörtliche Bekenntnis der betrübenden Tatsache einzuschalten). Laß durch dieses Bekenntnis mein Herz erleichtert, meine Seele mit Hoffnung erfüllt sein. Ich will das Vertrauen in mir beleben, daß Du eine Hilfe bist allen denen, die auf Dich hoffen. So ich aber selber dazu beitragen kann, daß mein Leid von mir gehe, so erleuchte mein Auge, daß den rechten Weg ich finde, stärke die Kraft meines Willens, daß auf dem rechten Wege ich ausharre. Wohl weiß ich es, daß Du auch Prüfungen den Menschen zu ihrem Heile sendest, und daß auch ich weiser und besser aus ihnen hervorgehen kann, so ich mich selbst prüfe und meine eigenen Fehler und meine falsche Auffassung der Dinge erkennen lerne. Aber das menschliche Herz ist schwach, und der Gedanke an _Hilfe_ ist im Leide ihm der nächste. Nicht um meines Verdienstes willen flehe ich zu Dir, aber um Deiner unendlichen Liebe willen hilf mir, mein Gott! Nimm Dich meiner an, wie der Vater sich annimmt seines Kindes. Verschließe Dein Auge meiner Unwürdigkeit, denn ich bitte nicht um Deine Gerechtigkeit, ich bitte um Deine Gnade, und bei Dir ist Gnade und Erbarmen. Amen!
——————
Dankgebet für Hilfe aus der Not.
———
Mein Gemüt ist heiter, mein Herz ist leicht! Die Not und die Betrübnis sind gewichen, und mit Freudigkeit schaue ich wieder in die Zukunft! Das war Dein Werk, mein Gott, mein gütiger Erlöser! Danken will ich Dir im Staube, Du hast mir wohlgetan, Du hast meine Gebete erhört, und ich bin nicht leer zurückgekehrt von meiner Annäherung zu Dir.
„Heil denen, die auf Dich vertrauen.“ „Nahe ist Gott allen, die ihn rufen, die zu ihm flehen in Wahrheit.“
„Ist Gott mein Hirt, so wird der Schutz mir nimmer fehlen. Er lagert mich auf grüner Weide, er leitet mich an stillen Bächen, er labt mein schmachtendes Gemüt und führt mich auf gerechtem Steige zu seines Namens Ruhm. Und wall' ich auch dahin im düstern Tal der Schatten, so wall' ich ohne Furcht, denn du begleitest mich, Dein Stab und Deine Stütze sind immerdar mein Trost.“
Nimm hin, mein Gott, den Preis für Deine Liebe in den Worten des erhabenen Sängers. Du bist mein Fels und meine Zuversicht jetzt und alle Zeit. Amen!
——————
Gebet bei einem freudigen Ereignis.
———
Allgütiger Lenker der Schicksale! Wenn Sorge und Kummer mein Herz beschwerte, da fand ich den Weg zu Dir, da flehte ich um Deine Hülfe; wenn zaghaft ich bangte vor der Zukunft, da suchte ich demutsvoll Deinen Beistand! Wie wäre es sündhaft, wenn ich nun, da meine Seele voll ist der freudigen Erregung, nicht auch mich in Demut Dir nahen wollte, um meinen _Dank_ vor Dir zu bekunden! Ja ich weiß es, alles Gute kommt von Dir, und so Du es nicht gewollt hättest, so hätten alle Mächte der Erde mir mein Glück nicht bereiten können. Aber auch zum Genusse desselben bedarf ich Deiner Gnade, darum will ich mit meinem Danke auch meine _Bitte_ vereinigen. O Herr! gib mir Weisheit, das Geschenk Deiner Güte würdig anzuwenden, laß mich nicht übermütig sein und Dein vergessen, laß mich im Gefühle des Glückes nicht das Leid meines Nebenmenschen aus dem Auge verlieren. O Herr! mein Gott, bestätige auch Du die Freudigkeit, der ich so gern mich hingebe, damit ich nicht für Glück annehme, was nur Versuchung ist, damit es nicht ein trügerischer Schein sei, den ich für Wahrheit halte. Nicht vor Menschenaugen, sondern nur vor Deiner Allwissenheit ist das Ziel der Dinge offenbar, o, segne mich mit Deiner Huld, daß das Gute mich auch zum Guten führe. Weiß ich es doch, daß immer und immer das Beste von allem Gutem ist, Dich zu lieben, Dir zu vertrauen und in Deinen Wegen zu wandeln. Dazu gib mir Kraft und Willen heut und alle Tage meines Lebens! Amen!
——————
Gebet um Nahrung.
———
Gütiger Vater im Himmel und auf Erden, der Du liebend sorgest für alle Deine Geschöpfe, daß sie nicht Mangel leiden an dem, was sie zu ihres Lebens Unterhalt bedürfen, o erhöre mein Gebet, das auch ich um meines Leibes und Lebens Wohlfahrt an Dich richte. Nicht Reichtum und Überfluß sind es, die des Menschen Glück und Tugend erhöhen oder befördern, und um diese Gaben flehe ich auch nimmer zu Dir. Weiß ich doch nicht, ob sie der Fröhlichkeit meines Herzens zuträglich, dem Heile meiner Seele nützlich sein würden. Aber Mangel und Entbehrung andrerseits sind der Fröhlichkeit des Herzens, des Heiles der Seele gefährliche Feinde. Im ihrem Gefolge sind Unmut und Unzufriedenheit, Selbstsucht und Neid. Der höchste Sieg der Tugend ist es freilich eben, auch in der Versuchung zu bestehen und den rechten Weg zu gehen, trotz aller Hindernisse. Wer aber soll die Gefahr lieben, nach der Prüfung sich sehnen? Darum gütiger Gott und Vater! neige Dein Ohr der Bitte meines Mundes: halte fern von mir und den Meinigen Not und Entbehrung, (daß nicht die schwere Sorge um das tägliche Brot meinen Mut niederbeuge), (daß auch meine Erhaltung nicht eine Last sei denen, die sie als Pflicht auf sich genommen haben), (daß nicht die harte Arbeit mich niederdrücke und jede fröhliche, freie und edle Regung des Herzens und der Seele unter ihrem Drucke verkümmere). Segne die Arbeit (meiner) unserer Hände, daß wir in Redlichkeit und Ehre die Früchte des Fleißes genießen und Dir mit zufriedenem Herzen danken. Amen!
——————
Dankgebet für die Nahrung.
———