Hanna: Gebet- und Andachtsbuch für israelitische Frauen und Mädchen
Part 10
So wie damals, so hast Du Herr, noch oft Dein Volk Israel aus der Gewalt mächtiger Feinde gerettet. Gar viele Männer sind im Geiste Hamans gegen uns aufgetreten, aber Israel ist nicht untergegangen, und ist heute noch, was es sein soll, ein _Gotteskämpfer_ auf Erden, um alle Herzen und Geister zu gewinnen für Dein Reich, für die Verehrung des einzigen Gottes.
Mir aber soll Esther ein Muster und ein Vorbild sein in Mut und Stärke zur Erfüllung der Pflicht, in treuer Liebe und Anhänglichkeit an mein Volk und in unwandelbarem Vertrauen auf Deine Hilfe in den Tagen der Prüfung. Amen!
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V. Gebete am 9. Ab, dem Gedächtnistage der Zerstörung des heiligen Tempels zu Jerusalem.
תִּשְׁעָה בְּאָב
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Allgerechter Gott, der Du der Herrscher der Welt bist, Du bist auch der König aller Völker auf Erden und der allweise Leiter ihrer Schicksale. Dein Wille ist es, wenn sie emporblühen; Dein Wille ist es, wenn sie vergehen; ihr Leben und ihr Wirken ist vorgezeichnet im Plane Deiner Weltregierung. Voll Wehmut richte ich heute meinen Blick auf die Vorzeit meines Volkes, voll Ernst und Andacht betrachte ich die wechselvollen Schicksale Israels, und voll des Dankes schaue ich auf seine Gegenwart.
Ja Wehmut und Trauer erfüllen mich, wenn ich der Vorzeit meines Volkes mich erinnere, wenn ich all' die verlorene Herrlichkeit vor mein Auge führe, die einst der Anteil Deiner Lieblinge war. Finsternis und Irrwahn erfüllten die Welt, sinnloser Götzendienst umstrickte den Geist der Heiden, als in Israel allein das Licht der Erkenntnis Deines heiligen Namens hell leuchtete, die Lehre der Wahrheit sein Gesetz war, und die Gebete des Volkes und seine Lieder, sein Weihrauch und seine Opfer geweihet waren dem Höchsten, dem Einzigen. Da war der Tempel zu _Jerusalem_ der sichtbare Wohnsitz Deiner Herrlichkeit, der geheiligte und heiligende Mittelpunkt der Gemeinschaft Deines Volkes und das froh gesuchte Ziel ihrer Wallfahrt. Herrlich und gesegnet waren die Fluren des Landes Israel, sichtbar waltete Deine Gnade über seinen Bewohnern. Fromme Priester eiferten in Deinem Dienste, und von Deinem Geiste erleuchtete Propheten verkündeten laut das Wort der Wahrheit. Aber ach! sie sprachen auch von dem Verfall des Glaubens und der Sitten, von Deinem Zorne, von Deiner Strafe und von den trüben Tagen der Zukunft. Und diese bösen Tage sind hereingebrochen; das Volk ist abgewichen von Deiner Lehre, das Anrecht auf Deine Gnade ging verloren. Der Feind tobte gegen Land und Volk, die Edelsten und Besten vernichtete das Schwert, die Flamme verzehrte den heiligen Tempel und der Rest des Volkes mußte hinwandern in alle Welt. Ihr Los war Heimatlosigkeit und Zerstreuung unter die Völker der Erde.
Wechselvoll, unheilvoll und wunderbar zugleich waren seitdem die Schicksale der Zerstreuten. Arm und elend, machtlos und hilflos irrten sie vereinzelt umher in der weiten Welt, nichts mit sich nehmend aus dem Lande ihrer Heimat, als die Liebe zu Gott im Herzen und die unvergängliche, von Geschlecht zu Geschlecht fortlebende, glühende Sehnsucht nach dem Lande Israel, nach dem längst verblichenen Glanze ehemaliger Herrlichkeit. Und wo im fremden Lande ein friedliches Plätzchen sich ihnen darbot, da schlugen sie ihre Zelte auf, wie das Zelt eines Wandernden, nicht wie das Haus dessen, der eine Heimat sich gründet. Doch das Bedürfnis, Gott dem Herrn zu dienen, vereinigt zu ihm zu beten, und Glauben und Sitte der Väter treu zu bewahren, vereinte die einzelnen zu Gemeinden, zu tausend und abertausend Gemeinden, und nur ein einziges Band schlang sich um alle; das Band gemeinsamen Unglücks und gemeinsamer Hoffnung. Überall und überall, in unbedeutender Minderzahl, in der Mitte mächtiger, feindlicher Nationen, stürmte tausendfältige Bosheit vernunftloser Dränger gegen sie heran. Der Spott bespritzte sie mit seinem Geifer, die Habsucht riß das Brot aus ihrer Hand, der Mutwille hetzte sie wie scheues Wild, Stolz und Übermacht erniedrigten sie zur Knechtschaft, die Bürger der Staaten stießen sie aus ihrer Gemeinschaft, und der blinde Eifer abergläubischer Widersacher verfolgte sie ihres Glaubens willen mit Feuer und Schwert. So ging es durch die Jahrhunderte. So war es aller Orten.
Mächtige Völker, vereinigt unter mächtigen Herrschern, sind während dieser Zeit entstanden und untergegangen. Ihre Spur ist von der Erde vertilgt, ihre Erinnerung ist wie vom Winde verweht. Selbst das mächtigste aller Reiche, das Reich, das Judäa vernichtete, ist längst dahin. Aber Israel, das schwache, kleine, schutzlose und verfolgte, ist nicht untergegangen. Das war die Wundermacht des göttlichen Willens. Mehr als Gewalt und Drangsal droheten Verführung und Verlockung den Bekennern meines Glaubens, sie abzuführen von der Lehre Gottes, von dem Wege der Väter. Sie ließen sich ins Elend führen, aber nicht auf Abwege, sie stürzten sich ins Unglück, aber nicht in die Schlinge der Versuchung, sie gingen in den Tod, aber nicht in die Gemeinschaft der Glücklichen, die liebkosend sie aufzunehmen bereit war für den Preis ihres Glaubens.
Und wohin hat bis heutigentages dieses wunderbare Schicksale uns geführt? O wahrlich! nicht zur Hoffnungslosigkeit, nicht zur Entmutigung. Wir haben es eingesehen, daß die Hand Gottes uns geführt hat, wir haben es eingesehen, daß nicht Macht und Herrschaft unter den Völkern das Ziel ist, das Gott unserem Wandel bestimmt hat eine Macht des Geistes zu sein, als Träger der reinen Gotterkenntnis voranzuziehen den Geschlechtern auf der Erde, bis aller Wahn und aller Irrglaube geschwunden sein wird unter den Menschen, bis alle sich vereinigen werden in dem Bekenntnis Israels: _Der Herr ist Gott, der Herr ist einzig!_
Siehe da, mein Geist! Schon tagt der Morgen! Die Nacht unserer Trübsal beginnt zu sinken. Die grellen Flammen sind erloschen, die unsere Edlen verzehrten, und das Licht der Menschenliebe und Menschenachtung leuchtet freundlich. Das Schwert des Mordes hängt nicht mehr über unserm Haupte, aber das Schwert der Wahrheit ist zum Kampfe erhoben in der Hand unserer Besten. Unsere Nachbarn sind nicht mehr unsere Feinde, sie sind unsere Genossen auf dem Wege zum Licht und zum Recht. Die Sehnsucht nach dem Jerusalem des Morgenlandes ist innig verknüpft mit der Liebe zu dem _Vaterlande_, in dem wir geboren sind. Dabei ist die Hoffnung auf ein _gemeinschaftliches Jerusalem_ keineswegs erloschen. Ein neuer Tempel des Friedens wird dereinst erbaut werden, in dem alle Menschen zum Dienste des Herrn sich vereinigen werden.
Und dafür meinen Preis und Dank Dir, höchster Gott! Dir, Herr des Himmels und der Erde, Dir, Lenker der Völker und ihrer Schicksale! Wir haben Dich nicht verlassen, wir haben Deine Lehre nicht vertauscht. Darum bist Du unser Helfer gewesen und Deine Lehre unser Schutz in den Zeiten der Not.
Fern sind wir noch davon, den heutigen Tag trauriger Erinnerung verwandeln zu können in einen Tag der Freude. Aber die Trauer ist milder geworden, sie ist in Wehmut verwandelt, und mit dem Schmerze um das verlorene Zion dürfen wir den Dank verbinden für Deine wunderbaren Taten, die uns aufrechterhalten haben in den Ländern einstiger Verbannung. Wir können hoffen auf ein neues herrliches Zion im Reiche der Erkenntnis, des Glaubens und der Sitte. O bringe uns denselben immer näher, und laß' uns alle beitragen zur Verherrlichung Deines Namens auf Erden. Amen!
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צִיּוֹן Klage um das verlorene Zion.
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O, Zion! wollte Gilead Dir seines Balsams Fülle Gewähren, daß er deinen Schmerz, Den bittern Schmerz dir stille. Er reichte nicht, sei er dir ganz Zur Heilung überlassen, Dein Unglück ist so groß, so groß, Das Meer kann es nicht fassen.
Als herrlich Land warst du erkannt Ringsum von allen Heiden, Wer wollte nicht an deinem Glanz Entzückt sein Auge weiden? Der Mittelpunkt der Köstlichkeit, Des Erdballs schönste Stelle, Der Garten Gottes, Edens Flur, War deiner Ströme Quelle.
Des mag Naëman Zeuge sein, Der zweifelnd seine Schritte Zum Jordan lenkte und entstieg Geheilt aus seiner Mitte. Da mußtest du dem Heiden wohl Im Wunderglanz erscheinen! Was er bekannt, wie sollten's nicht Bekennen wir, die Deinen!
Dem Staub von deiner Erde muß Der Wert des Goldes weichen, Dem Edelstein ist dein Gestein Der Berge zu vergleichen. Erst halb gereist bot deine Frucht Ein liebliches Genießen, Dein Bitt'res war dem Honig gleich, Dem Honigseim, dem süßen.
Genesung brachte jedes Blatt Und jedes Gras der Felder, Es überströmten überall Von Honig deine Wälder, Nie ist der Otter wild Gezücht Aus dem Geklüft geschossen, Und mit dem Löwen war ein Bund, Ein Friedensbund geschlossen.
In dir hat Gott allein regiert Und seinen Thron begründet, Durch deine Lieder ward sein Ruhm Der ganzen Welt verkündet. Wie herrlich war's, wie lieblich war's, Der Stämme frohes Wallen Dreimal des Jahres hin zu dir, Zu deines Tempels Hallen!
Vom fernen Osten kamen selbst Des Morgenlandes Söhne, Daß deiner Bücher Weisheit dort Ihr eignes Wissen kröne; Die Richter wandelten im Recht Und in der Wahrheit Gleisen, Und deine Lehrer wurden dort Die Lehrer aller Weisen.
Es konnte dort des Jünglings Geist Prophetengeist bekunden, Der Sterne Lauf, der Sonne Bahn, Sie sind durch dich gefunden. Wo bist du hin! wo bist du hin! Wer zeigt zu dir die Pfade! Wo ist der heilige Tempel hin, Wohin die Bundeslade!
Wohin sind deine Priester ach' Wohin sind die Propheten! Und deine Fürsten alle sind Tief in den Staub getreten. Ob deiner Frevel ist's geschehen, Um deiner Sünden willen, Mußt also, ach! dein Ende sein, Dein Schicksal sich erfüllen!
O, flehe doch zum Herrn! o fleh'! Bis daß er sich erbarme, Bis daß er Hoffnung dir gewährt Und Trost in deinem Harme. Wie würde meine Seele sich, Die schmachtende, erquicken, Könnt' ich, o Zion! deinen Glanz Nur einmal noch erblicken!
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אֱלִי צִיּוֹן Eli Zion.
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Klage, Zion, laut im Leide, Gleich der Braut im Trauerkleide, Die den Jüngling, auserkoren, Durch des Todes Macht verloren!
Ob des Tempels, dessen Hallen Durch der Sünde Schuld gefallen, Ob der Spötter frechen Horden, Die des Tempels Herrn geworden.
Ob der Sänger, die gefangen In die Sklaverei gegangen, Ob des Blutes, das vergossen, Das in Strömen hingeflossen.
Ob der Lieder, die verklungen In den Städten, die bezwungen, Ach! in ihren öden Kreisen Flehen des Gesetzes Weisen!
Opfer werden nicht gespendet, Die Geräte sind geschändet, Und des Räucherwerkes Düfte Sind verweht in alle Lüfte.
Und des Fürstenstamms Genossen, Die aus Davids Haus entsprossen, Sind von Finsternis umfangen, Glanz und Herrschaft sind vergangen.
Ob des Ruhmes magst du trauern, Der gesunken mit den Mauern, Magst um all des Unglücks Willen Dich in Leidgewänder hüllen.
Zahllos häuften sich die Plagen, Daß die Edelsten erlagen, Die der Säuglinge Gebeine Sah'n zerschmettert am Gesteine;
Die geseh'n der Feinde Rotten, Froh ob solchen Unheils, spotten, Während tief im Drucke weinen Die einst Freien, die einst Reinen.
Weil die Sünde sie erkoren, Und der Tugend Pfad verloren, Deines Zornes Glut verbrannte Alles, was dein Volk sich nannte.
Und dein Jammer, laut erhoben, Tönte durch der Feinde Toben, Die des Tempels Hof erreichen, Schreitend über tausend Leichen.
Ob des Heil'gen Namens klage, Der in dir entweiht, und sage Bittend ihm von deinem Harme, Daß er wieder sich erbarme.
Klage, Zion, laut im Leide, Gleich der Braut im Trauerkleide, Die den Jüngling, auserkoren, Durch des Todes Macht verloren.
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B. Häusliche Andacht. ——————
Tägliches Morgengebet.
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שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃ בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gott.
Gelobt sei der Name der Herrlichkeit seines Reiches in Ewigkeit!
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אֲדוֹן Es hat der Herr als König seit Ewigkeit regiert, Noch eh' ein Körperwesen ins Dasein eingeführt, Und als durch seinen Willen die ganze Welt entstand, Ward Gott, der Herr, als König auf Erden anerkannt. Und wollt' er sie vernichten, so wie sie schuf sein Wort Er würde doch regieren für ewig, fort und fort. So wie der Herr gewesen von je, so ist er heut, So wird er immer bleiben in seiner Herrlichkeit. Er ganz allein erfüllet das ganze Weltenreich, Wo hätte Raum ein Zweiter? Kein Wesen ist ihm gleich! Wer hat wohl Ziel und Anfang von ihm sich je erdacht! Und alle Macht und Stärke ist Ausfluß seiner Macht. Und dennoch! dem Erhab'nen, ich bin ihm nicht zu klein; Er schaut auf meinen Wandel, sieht in mein Herz hinein; Er ist mein Fels, mein Hoffen und meine Zuversicht; Er überhört mein Bitten und meine Klage nicht. Ich schlafe oder wache, er ist mir zugewandt, Drum geb' ich meine Seele getrost in seine Hand. Und auch mein Leib, er bietet dem bangen Zagen Trutz. Was kann ich denn noch fürchten, ist Gott, der Herr, mein Schutz!
Allgütiger! Du hast wiederum den Schlummer nach süßer Ruh' von meinem Auge verscheucht, hast mich wieder neu gestärkt erwachen lassen zum lichten Tage. O segne mir auch diesen Tag, daß ich Gutes an ihm verrichte, daß ich die Pflichten erfülle, die Du als mein Anteil mir zugemessen hast. Hüte mich vor Unglück und Gefahren und laß auch heute mich weiser und besser werden. Amen!
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Tischgebet.
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Mein Gott! Du sorgest als ein Vater für alle Geschöpfe auf Erden und gibst jedem Wesen seines Leibes Nahrung nach seinem Bedürfnis. Durch Deine Liebe habe auch ich mich wieder gesättigt, und wie ich bisher nicht Mangel gelitten habe, so wirst Du für und für mir Deine Gaben nicht versagen, daß mir mein täglich Brot nicht fehle. O möge es Dein Wille sein, daß mein Tisch, an dem ich esse, immerdar ein gesegneter sei, damit beim Genusse Deiner Spende auch die Fröhlichkeit des Herzens mir nicht fehle. Laß mich nie satt werden durch fremdes, unrechtmäßig erlangtes Gut, laß mich nie satt werden von dem Brote menschlicher Mildtätigkeit, sondern ernähre mich aus der Fülle Deines Segens. Versage mir, gütiger Gott, auch nie den Überfluß in solcher Weise, daß der Dürftige hungrig von meiner Türe hinweg gehen müßte.
Mein Gott, ich lobe Dich! Mein Gott, ich danke Dir! Mein Gott, ich hoffe auf Dich! Du bist es, der da _öffnet seine Hand, und sättigt alles, was da lebt, in Wohlgefallen_. Amen!
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Nachtgebet.
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Mein Gott! Ich danke Dir für Deine Huld und Güte, die Du auch in des heutigen Tages Stunden an mir bewiesen.
Ich lege mich nun getrost zum Schlummer nieder und übergebe meinen Leib und meine Seele Deiner Obhut. Wahrlich, _Du schläfst nicht, Du schlummerst nicht, Du Hüter Israels_. O, möge es Dein Wille sein, daß ich schlafe in Frieden, und daß ich erwache in Frieden, daß nicht böse Träume mich erschrecken und nicht kummervolle Gedanken die Ruhe von meinem Lager scheuchen.
Auf Deine Hilfe hoffe ich, Herr, allezeit.
In Deine Hand befehle ich meinen Geist zur Zeit, wenn ich schlafe und wenn ich erwache, und mit meinem Geiste auch meinen Körper; ist Gott mit mir, so fürchte ich nichts. Amen!
שְׁמַע יִשְׂרָאֵל יְהֹוָה אֱלֹהֵינוּ יְהֹוָה אֶחָד׃ בָּרוּךְ שֵׁם כְּבוֹד מַלְכוּתוֹ לְעוֹלָם וָעֵד׃
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Gebet am Sonntag.
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Und Gott sprach: Es werde Licht!
Schöpfer des Himmels und der Erde! In sechs Tagen hat Dein Wink die Welt aus Nichts hervorgerufen, und als Dein allmächtiges Wort am ersten Schöpfungstage den Himmel und die Erde gebildet hat, da erschufst Du auch das Licht. Ehe die Sonne ihre Strahlen zur Erde sandte, war es helle, denn nicht sie ist der Urquell des Lichtes, Du allein bist es, Du hast es auch ihr gegeben. Alles Leben in der Körperwelt strebt nach dem Lichte. Alle Wesen freuen sich des Lichtes, doch höher als alle hast Du den Menschen bevorzugt, daß er außer dem Lichte, das er aufnimmt durch sein Auge, auch nach einem höheren Lichte strebe, nach dem Lichte des Geistes. Das Licht des Geistes aber ist die _Wahrheit_. Ihr immer näher zu kommen, ist die höchste Aufgabe der Sterblichen; sie mehr und mehr in sich aufzunehmen, ist seine höchste Seligkeit. Darum ist es mein inbrünstiges Gebet am ersten Tage der Woche, daß Du, mein Gott und Vater, auch mein Streben nach Licht und Wahrheit segnen mögest, auf daß es nicht fruchtlos sei. Die Unendlichkeit Deiner Größe zu fassen und zu ergründen, das freilich bleibt dem schwachen Menschengeiste auf Erden versagt, aber streben darnach, das kann ich und soll ich, das ist eine Aufgabe, des Menschengeistes würdig. Und so will ich nicht gedankenlos vorübergehen bei den Wundern Deiner Schöpfung, nicht die Kräfte der Natur, weil sie alltäglich vor mein Auge treten, unbeachtet lassen, nicht den Himmel und die Erde betrachten, ohne auf die belehrende Stimme zu hören, die aus ihnen zu mir spricht, sondern alles dies soll der Quell für mich werden, aus dem ich Lehre und Erkenntnis schöpfe, auf daß Licht und Wahrheit mir zuteil werde aus dem Buche der Natur, damit ich in Demut mich selbst erkenne und im Staube Dich anbete als den Herrn und Schöpfer der Welt. Amen!
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Gebet am Montag.
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Und Gott schied das Wasser über der Feste von dem Wasser unter der Feste, und nannte die Feste Himmel.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du hast den Himmel ausgebreitet über die Erde. Das ist die endlose Ferne, in die der Blick des Menschen sich verliert, wenn er sein Auge emporhebt vom Staube der Erde, dem er angehört. Da ist kein Ende und keine Grenze, nicht für das Auge, und auch nicht für die Gedanken.
Unendlich ist die Welt und sie ist _Dein_ Werk. Die Himmel und alle Welten, die in ihnen schweben, sind Dir untertan. Mit welchem Worte soll ich Dein Wesen bezeichnen! O Unfaßbarer! Nie wird der Blick, den ich emporhebe, mich von Deinem ganzen Wesen belehren, aber von dem meinigen belehrt er mich, und verwandelt meinen Stolz in Demut. Wie ist die Erde so klein im Reiche Deiner Welt, nicht vergleichbar dem Tropfen im Meere, und auf der Erde, was bin ich?
O Herr, mein Gott, segne mein Bestreben, diesen Gedanken in mir zu befestigen, daß er auch die Grundlage meiner Handlungen werde. Der schwache Mensch ist allzusehr geneigt, sich für den Mittelpunkt dessen zu halten, was ihn umgibt. Wenn ich aber in Demut von meiner Niedrigkeit überzeugt bin, alsdann wird die Selbstsucht aus meinem Herzen schwinden. Nicht meinetwegen, Herr, mein Gott! hast Du die Welt erschaffen, nicht meinetwegen wirst Du ihre Gesetze ändern, nicht ich bin imstande den Lauf der Dinge zu hemmen, den Deine Allweisheit vorzeichnet, und Unzufriedenheit ist Torheit.
Nicht mein Wille, sondern _Dein_ Wille geschehe, das ist der ganze Inhalt menschlicher Weisheit, mit der er die Wünsche seines Herzens beruhigen muß. Du hast ja in Deiner Vatergüte mich nicht minder bedacht als Deine übrigen Wesen, Du hast ja auch mir die Kräfte gegeben, die ich zu meinem Heile anwenden kann. So mir aber dies gelingt, so möge auch mein Herz befriedigt sein. Mein Leben und mein Heil sind in der Hand Gottes; er, der den Himmel ausgebreitet hat über der Erde, er hat auch meine Schritte gezählt. „In seine Hand empfehle ich meinen Geist und mit meinem Geiste auch meinen Leib. Ist Gott mit mir, so fürchte ich nichts.“
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Gebet am Dienstag.
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Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort.
Und Gott sprach: Die Erde lasse hervorsprießen Gras und Kraut und alles, was Samen hervorbringt.
Schöpfer des Himmels und der Erde! Du gebotest dem Wasser, daß es sich sammle in den Tiefen der Erde, Du bestimmtest den Kreislauf der Gewässer, daß sie aus den Quellen sich ergießen in die Bäche und die Bäche sich vereinigen zu Flüssen und Strömen, und „_alle Ströme gehen in das Meer und füllen es nicht_“, und die Dünste, die aufsteigen aus dem Meere, bewässern wiederum das Land, daß es fruchtbar werde. So gibt das Wasser Nahrung dem Menschen und den Tieren und wird nicht weniger in Ewigkeit. Und die Oberfläche hast Du bedeckt mit Gewächsen aller Art, die Samen hervorbringen und Früchte tragen in tausendfältiger Abwechselung für die Bedürfnisse des Menschen. Ehe der Mensch auf Erden wandelte, war sein Tisch ihm bereitet. Du hast Deine Gaben ihm gespendet, noch ehe er ihrer bedurfte, denn Du wolltest, daß er lebe und sich des Daseins freue, Du bist ein liebender Vater aller Deiner Geschöpfe, Du willst nicht, daß sie Mangel leiden. Wie sollte ich fürchten, daß Du mich vergessen werdest, das meines Leibes Nahrung mir fehlen könnte. Du segnest unserer Hände Werk, bald in reicherer Fülle, bald in geringerem Maße, aber was ich auch erwerbe, es ist nicht die Frucht _meiner_ Anstrengung, sondern die Spende Deiner Gnade. „_Du öffnest Deine Hand und sättigst alles, was da lebt, mit Wohlgefallen._“ Dir allein gebührt der Dank meines Herzens für den Segen, mit dem Du mich begnadigst, denn „_Dein ist die Erde und was sie füllet_“. Mit diesen Gedanken will ich Deine Gaben genießen und Deine Güte preisen.
Aber auch Du sei bei mir allezeit und gib Gedeihen dem Werke meiner Hände. Nicht meines Fleißes will ich mich rühmen, nicht meiner Weisheit und Geschicklichkeit will ich vertrauen, aber wenn Du dabei in meiner Hilfe bist, so wird der Segen mir nimmer fehlen. Amen!
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Gebet am Mittwoch.
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Und es machte Gott die beiden großen Lichter, das größere Licht, daß es den Tag regiere, und das kleinere Licht, daß es die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.