Part 8
Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul Hollander zu Tisch aß -- und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. -- Ne, ne, die Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten -- hm --
»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die »verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene Holztreppe in die Höhe.
»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«
Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.
»Ei der Tausend -- eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die Lippen. »Das sind doch nicht etwa -- -- --?«
»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«
»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.
Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr sei, und daß er herzlich gratuliere.
»Ich danke Ihnen -- ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.
Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. -- Wie groß war sie geworden, wie hatte sie sich entwickelt.
»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.
»Ja, Lining -- dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar nicht recht aus der Kehle.
»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von ihrem Antlitz weichen wollte.
Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«
Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd: »Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.
»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«
»Und Siebenbrod?«
»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft. Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«
Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.
Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten. Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft vermehre.
»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann weiter, wie es ihm selbst ginge.
»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß --«
Er stockte.
»Nun, was denn?«
»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«
»Du?«
Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen Seiten zu betrachten.
»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen -- wie?«
Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne, Madamming, das tu' ich nich!«
»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.
Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? -- Ne -- werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder totschießt? Und dann -- wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring', dann werd' ich geköpft -- aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«
Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich möcht' lieber nich unter die Soldaten.«
Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja sonderbar -- hm --« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.
Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.
Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den Hüften abschloß -- -- und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand wohlig am Knie auf und nieder fuhr.
Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen: »Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«
Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen? Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er alle Frauen ängstlich vermied, weil -- ja weil -- --
Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.
»Lining -- oh --«
»Na, was wär' denn dabei?«
Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten. Und dann -- immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert necken und schwatzen zu dürfen.
»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«
Hann rückte hin und her.
»Lining -- das wohl -- ich konnt' mir auch nich anders helfen.«
»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht, wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz legten?
Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme: »Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß ich geh'.«
Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte langsam sein blaues Schifferwams zu.
Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem Kummer.
»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann möchtest du wohl lieber mich? Wie? -- Weißt du noch, wie wir uns verlobt haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«
Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen, treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick begegnete, hielt sie inne.
»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.
»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch Kinder und sehr dumm.«
»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so die untergegangene Stadt finden könntest, dann --«
Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den Traum.
»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man so 'ne Kinderstadt --«
Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das war gar nicht so dumm.«
»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so -- Und nun adschö.«
Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.
Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den -- weißt du, von wem der is?«
Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja noch zu.
»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«
Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem Bruder Bruno stammen.
Eifrig nickte Line: »Ja, ja -- und weißt du, was drin steht? Heute morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«
»Bruno?«
Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den Mahagonispiegel in der Ecke.
»Ja -- aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.
Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht weitersagen, Hann,« stotterte sie, -- »ich -- war so neugierig -- du weißt ja -- und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf ein bißchen geöffnet -- bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? -- Aber nicht weitersagen! -- Hörst du?«
Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das Unerhörte begangen.
»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß -- -- wie --«
»O, das war doch nur Spaß.«
»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner philosophischen Methode weiter.
Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer Junge. -- Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«
»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, dann komm' ich auch bald wieder; aber -- aber --«
Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.
»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, ja -- aber will man nach Haus gehn.«
IV
Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren -- -- -- »Schockschwerenot -- nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.
»Sieh mal an! -- Die asiatische Linie bestellt also doch den Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm -- und die Holländische Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh -- schockschwerebrett.«
Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen; aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.
»Merkwürdig.«
Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die Backe wund rieb.
»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller Grobheit an.
Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.
»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«
»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«
Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.
»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun eigentlich mit der Wurzel?«
»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«
»Nicht zu glauben -- also ganze vierundzwanzig -- So!? -- Kuck mal an! Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer gesagt habe, heimlich halten?«
Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich, der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen, auch heute nicht entschleiern.
Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt. Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen habe und sie auch heute noch nicht besitze.«
Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. -- -- »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? -- Sie leisten ja das Ihrige. -- Das ist es eben. -- Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht helfen. -- Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? -- Sie kommen einfach und haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die Vorsichtigsten so zu blenden, daß -- -- --«
Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, »Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft um die Ledermappe.
»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, während er wieder auf das Kissen schlug -- »Lügen!? -- I wo, so dumm werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine Einbildungsgabe, so eine -- na, wie drück' ich mich aus? -- solch eine Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«
»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.
Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.
»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. »Ja, das weiß ich auch nicht. -- Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? -- Nein! War auch nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im Flug -- wenn auch heimlich gegen meinen Willen. -- Aber ich konnte nicht recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist -- sehr gut sogar, in mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. -- Nicht wahr, Sie wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie mal aufrichtig, Klüth -- ist es nicht so?«
Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines Geschäftes gerichtet gewesen?
Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja, die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie allein. -- Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse auszuplündern -- -- --«
»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.
»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht, nachlässig und ein Duckmäuser geworden« -- hier erhob sich die Stimme des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden, wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan, um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden? Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich Ihnen nicht, Herr Konsul.«
Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich, und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen aufstiegen.
Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum. Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr, plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und was nun weiter?«
»Was weiter? -- Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt, vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«
Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«
»Ja.«
»Hm!«