Hann Klüth: Roman

Part 7

Chapter 73,814 wordsPublic domain

Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn eine Einbildung macht immer glücklich. -- Begreifst du mir?«

Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich kalt.

Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.

»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre her. -- Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten, denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins -- zwei -- eins -- zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn, daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache. --«

»Und Hann?«

»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<

»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<

»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich von dem Drehen auch was merken tu'?<

»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen Malagawein abzieh' -- was? Küster Bollentin, dann merkt man's. -- Und am allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<

»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche Bücher zeigen?<

»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<

»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei schüttelte es ihn durch alle Glieder.

»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß Er, was ein Roman is? -- Ja? -- Na also, hier steckt einer.< Und dann gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei hinaus.«

Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. »Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, -- hüh.«

Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett herauslugten.

Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja -- allens hat seine Zeit. Anzünden und Auslöschen.«

Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind über die vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der Folterschrei eines bösen Geistes klang.

Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht -- das Biest hat Hunger.«

Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein Philosoph geworden wäre.

»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun, da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus, die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen Fehler, sagte der Bengel.«

»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«

»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line, die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na, und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? -- Es hatte sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«

»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.

»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber als sie nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. -- Und daraufhin packte Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster, nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet, denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! -- Ich war erst neulich dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen hat.<

»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern nicht wieder rein können? -- Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr Paster, wegen so'n einzigen Appel. -- Bei Schullehrer Tollen hängen lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke, und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<«

»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.

»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und wackelte mit dem Kopf.

»Na, und was wurd' nu draus?«

»Ja, das kannst du dir nicht denken. -- Das kam anders, als mit Petrus und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine Herr Pastor da und war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag; an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens: >So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte, was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher, bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich. Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<«

Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.

Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch Nacht und Schneetreiben etwas zu:

»Prost Neujahr!«

Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich soweit, das weiß ich besser.«

Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so ziemlich alles aus ihm herausgefragt.

Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht. Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.

»Aber Line?«

»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«

»Line muß doch bildschön geworden sein?«

»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«

Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.

Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und braune Glacés!«

»Und Paul?«

Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.

»Achtung!«

Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis: »Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das sind die stärksten, da hab' ich meinen meisten Spaß dran. -- Dann kommen die Schaffensjahren, und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind? Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol' dich ab, aber dahinten -- kuck, hier.«

Er zeigte auf seine Ladung.

Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim -- bum hallte es verschlafen vom Moorluker Kirchturm.

»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.

Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging, Jünging, Prost Neujahr -- Prost Neujahr -- komm rein, hier drin bei mir sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«

»Steig ab,« forderte der alte Gott.

»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.

»Na, ich fahr noch ein Stück.«

Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der Wagen um die nächste Ecke bog.

Der Alte knallte mit der Peitsche.

III

»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir nur rote und weiße.«

Es war Neujahrsmorgen.

In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.

Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.

Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst aus.

Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.

Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.

»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese schönen Farben und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«

»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.

»Tante,« verbesserte sich Line.

»Gut -- so klingt es liebevoller. -- Zwar, wenn wir allein sind, dann höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«

»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«

»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, -- und am Neujahrsmorgen kommt einem das so unwillkürlich -- dreißig Jahre hab' ich all die kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und sticken gelehrt -- jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir kaufen mußte -- und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich selbst kostete. -- Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu ungeschickt an; aber schließlich -- lernen mußten sie es eben, denn damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat verlangt. -- Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, und dazu -- das weiß ich gewiß -- dazu war grade mein Fach so recht geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei -- feste Masche -- eins, zwei, drei -- Stäbchen --,< siehst du, dann kam ordentlich etwas Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das alles anders.«

Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben entfaltet hatte.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen Ofen lustig brannten.

Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.

»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe aufsehend.

»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines Guckloch in die Eisscheiben malte.

»Aber es klang doch so.«

»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße hinausblinzelte.

»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. »Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«

Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.

Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt vorüberzutraben.

Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.

Warum Line ihn wohl so fragte? -- Und weshalb sie stets die Lippen zu solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er -- Hann Klüth -- das wußten alle andern man nich -- und dabei lachte er während des Hintrabens wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab -- er war auch gar nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, -- das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.

»O je -- nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.

»Donnerwetter -- Mensch -- nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem Bauerntölpel bemerkt haben müsse.

»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe Ihnen nich gesehn.«

Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«

»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.

»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen« Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein Schafskopf von einem Esel wären -- -- --«

»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen, und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«

Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich: »Kamel,« und stürzte triumphierend davon.

»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. -- Auch >Hund< und -- --« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen. Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«

Der Schiffer zuckte zusammen.