Hann Klüth: Roman

Part 25

Chapter 25867 wordsPublic domain

Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit. Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line fühlte.

»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst, dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der Brief sie haben wollte. Aber nichts -- sie wurde immer nur munterer, allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jünging,« schloß Hann, während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.«

Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte, mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und klammerte sich an Hanns Beine an.

»N'abend, Hann,« sagte der Große.

»Hann heißt er?« fragte ich.

»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben. Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das kleine Einmaleins.«

»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?«

Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück, »die Muchows sind mit uns gezogen.«

»Na, und was sagen die Moorluker dazu?«

»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.«

»Ganz schön -- aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb frage ich dich.«

Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum Aufwachen.«

Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.«

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Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben der Mauer.

»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je erschien, die Ruhe.

Wortlos mußte ich nicken.

»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit, Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht erstreben.«

Aber Hann schüttelte das Haupt.

»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht, aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? -- Jetzt weiß ich ganz genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is? Das is so ein schöner Traum -- und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das Allerglücklichste und Allerhöchste!«

»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber, dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?«

Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe.

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Dies ist die Geschichte von Hann Klüth.

Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und das Leben dichtet »ohne Ende«.

FUSSNOTEN:

[1] Märchen.

[2] Wartet, ihr Mädel, wollt ihr wohl nach Hause?

[3] Hier vorbei -- hier vorbei, ich fresse euch auf.

[4] Mutter, Mutter, zu Hilfe.

[5] Wartet, ich werde euch helfen.

[6] Zu Hilfe -- zu Hilfe!

[7] »Kuck,« sagte der Donner-Alte, »wie gut ich alter Mann noch bei Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht schönen Schottischen tanzen.«

[8] Abkürzung von Sophie.

[9] Stiefelwichse.

[10] Eierkuchen.

[11] Als der Teufel.

[12] Nein, Bräutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr, war sie erst fünfzehn.