Part 23
»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, -- -- -- aber die Ärmste ist ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! -- Gott, wie ich sie bloß finden werde?«
Draußen wieherten die Pferde.
Fräulein Dewitz erschrak.
Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?
Ja, ja, das waren sie wohl.
Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man nicht meinen, ich billige solche -- hm, das Wort flößt mir bereits Angst ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas Tante sich nun von mir zurückziehen würde? -- Draußen donnerten die Pferde über die Moorluker Notbrücke.
»Herr Bals -- Herr Bals.«
»Madamming?«
»Ich fahre nicht weiter.«
»Kuck, was sagte ich gleich?«
»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. -- Aber die Kiste, die bringen Sie gleich dahin. -- Sie wissen schon! Herrgott, da drüben wohnt sie. In diesem Katen. -- Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da bin.«
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So kam die Kiste in Lines Besitz.
Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren Leben. Immer tiefer!
Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.
Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand. Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.
Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos. Was bedeutete das?
»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.
In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis gelegen -- ich möcht' was Warmes.«
Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.
Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.
»Was hast du da zu lesen?«
»Ein Theaterstück.«
Er ballte die Faust.
»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus ihm heraus. »Ich meinte -- --« Aber er unterdrückte das übrige, wandte sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.
Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.
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Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch dichter an ihr vorbeistreifen.
Oll Kusemann humpelte in die Küche.
Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel in die Höhe, den er in der Hand trug.
»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt. Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«
»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«
»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm -- weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? -- denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«
Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein Wort.
Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.
Da hielt sich Line nicht länger.
»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden Schulter.
»Wohin?« fragte er kurz.
»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«
Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.
»Hann,« mahnte sie scharf.
Diese Art war ihr neu.
Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine Mutter und auch um Siebenbrod. Und du -- --«
Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr abwandten.
»Nun, und ich?« forderte sie herb.
»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,« quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.
Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.
Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost, ihre letzte Zuflucht.
Zuerst sah sich Line um.
Wo befand sie sich eigentlich? -- Und war das Hann, der ewig freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?
Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser, unartikulierter Ruf wurde hörbar.
»Lining -- is dir was?«
Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.
»Lining, ich hab' solche Schmerzen -- ich meinte das nich so.«
Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz große Tränen zu fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie gesehen.
Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.
»Lining -- Lining.«
»Lining, ich will dich ja nur hüten.«
»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch das erste. -- Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann woll die Hand geben?«
Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon lange so häßlich, Hann?«
»Du, Lining? -- O Gott --« Er getraute sich nicht, von seinem vollen Herzen mehr zu verraten.
»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und unter Tränen schmerzlich lächelnd.
»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«
»Armer Hann -- dir glaub' ich's -- armer Hann.«
Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte, als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf, sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges Schweigen senkte sich herab.
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Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht vertrieb.
Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.
»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«
»Lining, was soll ich?«
»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«
»O Lining -- du -- du.«
»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten hast. Merkst du das, Hann?«
»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«
»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer Mensch aus mir werden?«
Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«
»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle. Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«
»Lining -- Lining -- du zerreißt mir rein das Herz.«
»Still -- still.«
Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick warteten.
VII
Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße, zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung hereintritt.
»Hann, du?«
»Line stirbt.«
»Da sei Gott vor.«
»Klara, Klara, es darf nich -- das kleine Kind -- und ich -- und, und -- warum soll ich es vor dir verschweigen? -- mir is, als ob du und ich und die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«
»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«
Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.
»Klara, sie is gut -- du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im Laufen.
»Und du auch, Hann -- du auch. -- Gott wird helfen.«
»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es geht nich anders.«
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Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean und die hinabtauchende Sonne.
Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind; und der junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.
Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze abschiednehmend durch das Geländer zu recken.
»Na, adjüs ok, Herr.«
»Adjüs?« -- Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein Plattdeutscher, Schmidt?«
»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend von Wolgast.«
Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem Gehege heraus.
»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch, »wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben Sie dort eine Braut?«
»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst föfteihn.«[12]
»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«
»Ne, dei sünd all dot -- aberst Herr, ick -- ick --« und der Zimmermann reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«
Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein Vorgesetzter erblaßt ist.
Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.
»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«
»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. -- Oh, das is woll ein Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«
»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die spielende See.
»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«
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Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde. Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.
»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.
»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck, Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da -- jetzt sieht er direkt auf die See raus.«
»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«
Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie sie -- »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns hier gerade fürchten.«
»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.
Und das Kind begann laut zu schreien.
»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.«
Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten, das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.
Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn bereits erschöpft.
»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«
Er schüttelte das Haupt.
»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«
Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.
Zwei Zoll. »Noch hält's.«
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Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.
Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen ließen die Scheibe nicht.
Unmerklich flüsterte sie.
»Nun?«
Und dann wieder.
»Wann kommst du?«
Dann winkte sie verstohlen.
Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete, sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen.
Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz hervorquollen.
Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen, und nun konnte sich die Liegende aufrichten.
»Komm,« bat Klara, »sieh von da fort.«
Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise, »ich muß drauf warten.«
»Worauf, Line?«
Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.
Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren, tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken, der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line und lauerte.
Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?«
Und dann wieder.
»Wann kommst du?«
Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte, streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen, sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.
Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor, etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? -- Beide nicht?
Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.
Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen, dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah winzig aus.
Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum.
»Klara.«
Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. --
»Klara, woran arbeitest du da?«
»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«
Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange darauf.
»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch später stricken.«
»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«
Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See, über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.
»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem Finger zeigte, »wie es heult?«
Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«
»Weshalb willst du das wissen?«
»Wir ängstigen uns alle deshalb.«
»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden. -- Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der Gedanke an das Kind und an seinen Vater -- das stößt mich immer wieder zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben? Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara, und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«
Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden. Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht wahr, du hast Hann doch lieb?«
Line zuckte und sah starr auf die Decke.
»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.
»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.
Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.
Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno, Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«
Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein langer irrender Blick auf die See hinaus.
»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans Leben fesseln?«
»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser weiß allein, wie alles enden wird.«
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Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in der Hand und verstört darauf niederschauend.
Frau Fiek wurde neugierig.
»Hann, was liest du da?«
Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«
Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.
»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des Schreibens zu erwischen.
»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.
»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder vielleicht etwas gewonnen hätte.
»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«
Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob. Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram, Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. -- Und wie faltig die Furchen sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.
Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der Brust schlich.
»Frau Muchow?«
»Jawolling?«
»Wird es mit Line besser werden?«
»Hann, wer kann das sagen? -- Aber mir will es bald so vorkommen.«
»Ja -- ja.«
Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und ich hab' -- -- --«
»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es, weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir noch was.«
Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die Dunkelheit.
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Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.
Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran, in den Krallen die roten flatternden Fähnchen der Sünde, als wollte jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner aufpflanzen.