Part 22
Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«
»Du, Klara?«
Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.
Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.
»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest -- gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt' fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer für dich?«
Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten, als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«
»In der Kirche, Klara? -- Wird denn dort gebetet?«
»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein. Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht, und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf, ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«
Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen, sonnenbeschienenen Garten sähen.
Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er einfach: »Wie fromm du bist.«
»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«
»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«
Dabei nickte er versonnen in sich hinein.
Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.
»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das ist mal eine langweilige Person.«
Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch, denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.
»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«
»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach erkundigst.«
»Wieso, Hann? -- Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern müßte.«
Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir mit dir, Klara.«
»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut zu sein.«
Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du -- gut sein -- ja, das is es -- gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar keinem anderen sein könnte. Aber sieh -- ich schäme mich so, wenn ich es aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann, und die andere hat den Zauber?«
»Welchen Zauber, Hann?«
Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will, dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt. Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«
Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.
»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid zitterte aus ihrer Stimme.
Er holte tief Atem und rang die Hände.
»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht will nich auf mich fallen.«
»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«
»Nein, Klara, sie passen nich.«
»Und das weißt du?«
»Das weiß ich ganz genau.«
»Armer Hann.«
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Ja, Klara, was hilft das? -- Da hilft kein Beten. Ich will dir was Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr dienen müßt. Und das hat kein Ende. -- Gar kein Ende.«
»Kein Ende, Hann?«
In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.
»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«
Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.
»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen. Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«
Sie stand auf.
Beide reichten sich die Hände zum Abschied.
»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.
Sie nickte verhalten.
»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer von meinen Kranken.«
Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett. Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. -- Adschö, Klara.«
Damit schob er sie gewaltsam von sich.
Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende leise auf.
An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten: »Nicht -- nicht --«
Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort: »Armer Hann.«
Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.
Der Mond stand voll.
Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.
Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer aus.
Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining -- Lining -- wo bist du? -- Die Abendluft tut dir nich wohl.«
Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen war.
Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.
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Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im Mondlicht.
»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.
»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.
VI
Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt. Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.
Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.
Aber die anderen merken nichts davon.
Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.
So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme Frühlingswässer zu ihr dringen.
Der Winter kam.
Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.
Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.
Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.
Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.
»Stäwelwichs -- Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer hieben mit Eisäxten dazwischen.
Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große, leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte. Man wußte nicht, wo die Grenze war.
Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.
Immer stiller wurd's.
Das aber war Line gerade recht.
Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen und nachzusinnen.
Das war ihr etwas ganz Neues.
Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte --, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, -- da wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing, riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich ein Schatz.
Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.
Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor Schrecken: »Hann, bist du noch da?«
»Ja, Lining, ich bin hier.«
»Dann steck' Licht an, Hann.«
Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.
Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.
Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«
»Es is Schnee, Lining.«
»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«
»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«
Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert, vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt denke?«
»Nein, Lining, wie soll ich?«
Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. -- Du auch -- wir beide -- armer Hann.«
Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt. Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber. Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.
Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.
»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.
»Was, Lining?«
»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«
Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es gesehen.
»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, blicken ernst.
»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist schon meistens schlecht.«
Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen -- sieh, das mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr schlecht als gut. Denn wieso? -- Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? -- Ich sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? -- Da kommt nun der liebe Gott und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. -- Und, Lining, um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? -- So ganz schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den Regenwürmern genieren.«
Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.
Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.
Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.
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Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.
Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.
»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.«
Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet. Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre Schulter.
Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.
»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«
In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf laut aufbrummte.
Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich lesen soll, was soll ich?«
Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.
»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«
»Hier rauchen?«
Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm selbst ein Streichholz an.
»Hier,« sagte sie matt.
»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.
Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.
»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.
Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne sonderlich auf ihn zu achten.
»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.
Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«
»In der Stube, Lining?«
Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.
»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«
Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl fühlst.«
»Wenn ich -- --?«
War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? -- Oder hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten sich die blauen Wolken um das Licht!
Und diese köstliche Stille.
Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.
Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es ihn blende.
Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte.
»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«
Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.
»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.
»Ja.«
Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.
Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.
Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!
So rot die Lippen.
»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche hatte Mudding gehabt.«
»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch schlechte Menschen bessern können?«
Da war es!
Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die Hände.
Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.
Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war, -- nicht ganz gut, verbesserte er sich --, sie wollte in sich gehen.
Hurra -- Viktoria!
Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«
Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«
»Ganz leicht is es, Lining -- ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«
»Wodurch denn?«
»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining, darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu 'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. -- So hab' ich Pastor Witt verstanden.«
Das Mädchen war aufgesprungen.
»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über ihre Stirn.
»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er sich die Hände rieb.
Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß er sich entsetzte.
»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«
»Lining -- Lining -- is dir was?«
Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu. Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über seine struppige Wange.
Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war ihm noch nie geschehen!
»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre Züge an Düsterkeit verloren.
Da wurde er wieder ganz glücklich.
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Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen und jagten die Verstörte auf.
Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte -- Schillers »Kabale und Liebe« -- schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf die Knie und umklammerte das Holz.
Und woher kam diese Sendung?
Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur das Moralische.
An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.
»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn dabei ganz ängstlich an.
Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.
»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«
»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«
»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.
Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.
Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie nichts hören und sehen wollte.