Hann Klüth: Roman

Part 21

Chapter 213,795 wordsPublic domain

Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode stand, um sich die Haare aufzustecken.

Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen. Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick hinaus.

Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.

Line verzog die Stirn.

Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.

Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte das alles nicht.

Diese Einsamkeit!

Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.

Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.

Das roch so schlecht.

Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und jetzt, wo sie ihn immerfort roch -- jetzt schien er ihr beinahe unleidlich.

Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See hinaus.

Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet. Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz sprengen müssen. Und hier? --

Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute. Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.

Man munkelte, ohne zu wissen.

Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.

Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den Fingern. Denn hier -- hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte. Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja nichts! -- Oder Hann vielleicht?

Sie zuckte die Achseln.

Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich -- sie tat nichts dazu -- aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so ungleichen Bauern.

Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie diese elende Hütte mit ihm teile.

»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.

Line fuhr auf.

Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«

Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.

»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling um.«

Damit ging er ehrbar seines Weges.

»Solch ein Kerl!«

Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.

Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen. Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.

Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.

Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? -- Ach die! Die mochte bleiben, wo sie war! -- Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! -- Und nun gar der Konsul Hollander oder Dina?

Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch, als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf die Erde.

An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.

»Da lieg.«

Die Splitter flogen herum.

»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter der niedrigen Tür stehen.

Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen großen Transtiefeln herunter.

»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.

»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder zu festigen.

»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen. Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa ausschimpfen?

»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich tat es nur aus Langerweile.«

»Aus Langerweile, Lining?«

Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.

So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar Heringe gefangen -- kümmerlichen Pfennigerwerb -- heute, wo ihm das Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr seine Lage zu beschreiben.

Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte zugänglich war.

»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining, wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie Line die weiße Stirne kräuselte.

»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.

»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst, wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? -- Lieber verkaufe ich die Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt hat. -- Hörst du? Da -- in dem Schrank, nimm sie.«

»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«

»So nimm dir den Plunder doch.«

»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so schön auf andere Gedanken.«

Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine Gedanken, Hann. -- Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal bin.«

Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf. »Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um, der in der Ecke stand.

»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er nach einer Weile des Schweigens.

Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und nickte kurz.

Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein, in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen war, das Glück ruhe in einem Weibe.

Und dies -- gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der dunkle, unerkannte Trieb.

»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee getrunken?«

»Ja,« murmelte sie durch die Finger.

»Is für mich auch welcher geblieben?«

»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja mal nachsehen.«

»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.

Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.

»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.

»Laß.«

»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in der Stadt gewesen?«

»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.

»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder etwas hört, für das man sich interessieren kann.«

Hann sah sie betrübt an.

»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt hervor.

»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden mögen.«

»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«

Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen, daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß -- ja, muß,« wiederholte sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll. Ist das nicht so?«

Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.

»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«

»Nein, warum? -- Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht mehr her?«

»O Lining, das is doch so natürlich.«

Das konnte sie nicht verstehen.

»Wieso? -- Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? -- Was hast du ihr denn eigentlich gesagt?«

Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt -- Lining, nimm es nich übel -- ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«

Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl zurück.

»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was hat sie gemeint?«

»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.

Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster hinauszusehen.

Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen Heringe in Kisten zu schütten.

Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.

»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? -- Nein, nein, wenn's nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«

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Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«

Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.

»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«

Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.

»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte die Gebärde des Überbeißens.

Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.

»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is nichts für dich.«

»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«

»Ganz gleich.«

»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz bestimmt.«

Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.

Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und brüllte verächtlich: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs.«

Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu wedder eins ganz recht, Klaus.«

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Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.

Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.

Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.

»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann, der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«

Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt! -- Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann überkam wieder das Mitleid mit ihr.

»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.

Sie schüttelte das Haupt.

»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen könnten.

Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.

Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich endlich ein Herz.

»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«

»Woran, Hann?«

»An -- an --« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über seine Zunge. »An Bruno, Lining.«

Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was kommen wird?«

Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm gehört?«

»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«

Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich -- -- --?«

Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld wäre.

Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte -- -- ich wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich das fragen?«

Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«

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Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.

Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm wohl fühle, besonders bitter.

Der August neigte sich bereits seinem Ende.

Eines Sonntags nachmittags -- Hann saß gerade in einem Winkel seines Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten vergaß und sie leise am Arm zupfte.

Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.

Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.

»Was willst du, Hann?«

»Lining, ich hab' eine Bitt'.«

Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.

Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining, Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit mir zusammen aufnähmst. Ja?«

Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg. Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.

Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.

»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf andere Gedanken.

Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.

»Wozu, Hann? -- Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden zuhöre?«

In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie zwingen wollte.

»Oh,« schrie sie unmutig auf.

»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«

»Aber welchen Zweck hätte das?«

»Lining, kannst du dir das nich denken?«

»Nein, wie sollte ich das?«

»Nun denn -- ich -- ich -- ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«

»Du?«

»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.

Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch, wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann, wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so einfach.«

Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren sogleich auf den Rücken.

»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.

»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«

»Ja, ja -- das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«

»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. -- Und du vertrag dich wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«

Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm heraus. »Jawoll, dummer Hann. -- O Gott, weshalb hast du mich da reingebracht? -- Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? -- Und warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste sein? -- Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und solch große Rätsel da reingeschlossen? -- Wozu soll das alles gut sein?«

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Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben hatte.

Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den Vorderflur erreicht haben müsse.

Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.

Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.

Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.

Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.

»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.

Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas Vornehmes und Heiliges verlieh.

»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist unsere Sonntagskleidung -- in der Klinik gehen wir einfacher.«

Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.

»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«