Hann Klüth: Roman

Part 14

Chapter 143,704 wordsPublic domain

»Oh, -- Klara, das is schön von dir -- das -- das hätt' ich wirklich nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring -- nein, nich umarmen, das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«

Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«

Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.

Beide schwiegen.

Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«

Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«

»O Hann.«

Er fuhr auf.

»Ja -- ja -- willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich runter.«

XIII

Rastlos knarrten die Räder.

Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren gebunden.

»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; »kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache bleiben die Jahren.«

Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem Bureau erschien.

»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? -- Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«

Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich an.

Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.

Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«

»Sieh -- sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, »sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich -- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich direkt gerührt.«

Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen spielte ein vieldeutiges Lächeln. -- --

Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. -- Der Kuß -- dieser eine brennende Kuß -- und sie lächelte hinterlistig -- den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wußte schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte, dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb im Besitz?

Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, daß ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, verstohlen durch die Hand laufen ließ.

Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, glatt wie eine huschende Schlange.

Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken -- bald -- bald. -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung -- man fuhr bereits wieder fleißig zum Fischfang -- hatte Siebenbrod eines Sonntags vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? -- Mit Hann stimmt was nich.«

Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.

»Wieso, Siebenbrod?«

»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion Tran auf das Leder goß -- »er singt.«

»Hann? -- Was singt er denn?«

»Trauriges -- solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«

»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«

»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig geschickt hat; ganz umsonst -- und daß ich der einzigste bin, den er noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. -- Na, Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«

»Du?«

Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel weiterbürstete.

»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da werd' ich eine von meine Dirns fein los! -- Aber Essig! -- Wenn er Hann nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir auch nich gelebt. Nich so?«

Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer eingesungen fanden.

Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.

Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm Leben.«

Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.

Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.

Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.

Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.

Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.

In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog sich zu einem stillen Lächeln.

»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für dich nich gut.«

Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das Haupt.

»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die Wange. »Noch nicht.«

»Aber warum nich?«

Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.

»Weil -- weil es noch nicht gut ist -- nur noch eine kurze Zeit. Hörst du?«

Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie erklären, warum -- --?«

Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht weiterforschen sollte.

»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald -- -- vielleicht sehr bald.«

Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war überhaupt ein nachdenkliches Wesen.

Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.

Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf hervorlugen.

Den kannte er. Er hielt inne.

Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie, halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:

»In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad; Mein Liebchen ist verschwunden, Das dort gewohnet hat.«

Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.

»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.

Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.

Beide streckten sich still die Hände entgegen.

Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung gewesen wäre.

Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.

Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann fühlte er einen langen, langen Kuß.

Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück, dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.

So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei anblickte. So tief, so -- --

»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«

»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«

Er nickte.

»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«

Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon einmal mit Line gelegen.

Er beugte nur kurz das Haupt.

»Line?«

Wieder nickte er plump.

Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm von neuem den Mund.

Das war alles so weich und sanft.

»Klara,« stammelte er wie beschämt.

»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte noch immer, während sie langsam von dannen schritt.

Er sah ihr nach.

Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?

»Hör' ich das Mühlrad gehen, Ich weiß nicht, was ich will -- Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still.«

»Hör' ich das Mühlrad gehen -- -- --«

Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.

»Was is woll das Glück?«

Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.

XIV

Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen, während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die eingegangenen Briefe zu revidieren.

Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.

Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut aufzuseufzen.

Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine Gedanken drangen vorwärts.

Und er?

Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und mit der Summe, über die er verfügte -- nein, nein, er mußte sich die Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen, -- er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!

Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?

Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.

Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor sich her und machte ihn elend.

»Solche Schlechtigkeit -- solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück, daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte, deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.

Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.

Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?

Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie dergleichen erhielt!

Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.

In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?

Er stutzte.

Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage vorher noch keinen Heller besessen.

Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber leider -- leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich, nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in Erstaunen gesetzt?

Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.

Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.

Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.

Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten Verlangen. -- Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er wollte sich Bücher besorgen, er wollte -- --

Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.

Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging, kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde drinnen wisperten, dann -- ein Knall, wie er nur von einer entkorkten Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen ausspähen.

Was sollte das?

Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn veranstaltet wäre.

Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.

»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, -- aber hier -- nun nehmen Sie mal --« und damit reichte er ihm das volle Glas -- »sind doch ein Liebhaber von so was -- Röderer carte blanche -- sagt Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u. Co. in Hamburg?«

Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des Konsuls gefährlichster Konkurrent.

»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu: »Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«

Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an. Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? -- Ja, ja, is ein großer Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie auch!«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle konzertierte. Und um ihn herum -- auf allen vier Seiten des Platzes, flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz, diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.

Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem goldnen Glück nicht bestimmt wäre.

Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.

Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und Wispern.