Part 12
»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was sonst? -- Das is einer, wie er leibt und lebt!«
Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten sie den sich nähernden Farbenfleck.
»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.
Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.
Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«
»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.
»Weiß nicht.«
»Dann laß mich visieren, -- so.«
Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die Haut ihres Nackens hätte berühren können.
Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein ein Küssing. -- Ich treffe, bautz.«
Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.
Da krachte der zweite Schuß.
»Liegt -- liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.
In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte, indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu, so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder -- einen Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte er sich an ihre Seite.
Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.
Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.
Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.
»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den Seehund.«
Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.
»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«
So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu, ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«
* * *
In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei Tageshelle den Heimweg angetreten.
So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um: »Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«
Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden Schlitten hineinstiegen.
»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und sie -- so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen -- ja, ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«
Hier stockte er, erschrak und schämte sich.
Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge, blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.
»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.
»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es auch ganz treu und ehrlich meint?«
»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch Dunkelheit und Mondschein.
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Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.
Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen, dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken abzubringen.
»Bist du müde?« fragte er.
»Ja.«
Er berührte zaghaft ihren Arm.
Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?«
»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben Jahren getrieben hast? -- Es interessiert mich so.«
»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's auch heute noch.«
»Und zu welchem Zweck?«
»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.«
»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein feindseliger Blick.
»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken. Aber weißt du was?« -- Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete auch wirklich eines.
»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal -- du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort -- lauter Kußhände. Ah -- das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.«
Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich hin.
Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde, Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen.
»Hast du was?« fragte sie.
Er verneinte. »Kopfschmerzen.«
»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin müde.«
Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar wäre.
Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.
Ob sie wirklich schlief? -- Oder ob die raffinierte kleine Person ihm nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen hervorblitzen konnten.
Nein -- nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.
Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.
Nein, nein.
Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.
Ob sie wirklich schlief?
Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.
Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war stärker als er.
Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.
Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie es in ihm.
Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.
Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.
Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise, wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.
Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.
Ob Hann zurückgeblickt hatte?
Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab, dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«
»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu: »Fest eingeschlafen.«
Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.
Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.
Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und meinte gleichgültig: »Ah -- das war geschlafen. Aber seht da oben, da lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut nach Hause.«
Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte nocheinmal zurück und verschwand.
Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da hielt er in seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld. Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.
»Hüh, Schimmels!«
X
Zwei Tage später -- bei Sonnenaufgang -- da fand der einzige, goldige Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem, verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.
»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.
»Je -- je --«
Hann riß abermals die Augen weit auf.
Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.
Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft darein verrichten sollte. Sonst nichts.
Kein Stuhl -- kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle, graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke bot.
Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.
Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen, als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht etwas polterte.
Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.
»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«
Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und der Verschluß hob sich wieder.
»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen -- -- --«
»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte, wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.
Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? -- Was war denn nun?
Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.
Fi -- das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die Brust zusammenschnürten.
»Präsentiert das -- Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein klirrender Schlag.
Je, ja, waren das nicht Soldaten? -- Hann erschrak so sehr, daß ihm beinahe der Krug entglitten wäre, -- Bilder, lauter fremde Bilder zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. -- Ein Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! --
Wo war er denn gestern gewesen?
Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf, und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.
Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten. Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.
»Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab. -- Das Gewehr über!«
»Also doch!«
Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit der Faust auf die Stirn.
Ja -- ja -- er hatte es also doch erlebt. -- Wie war's doch?
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Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.
Unter der ersten Abteilung befindet sich -- Hann.
Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in die Stadt gekommen.
»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«
Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier -- richtig, Hoffmann hieß der Brave -- der sich unternehmend einen mächtigen, starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«
Die Burschen entkleiden sich.
»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines Überziehers entledigt.
»Selbstverständlich -- wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.
Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so auf die anderen schielt.
»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.
»Donnerwetter -- Mensch -- was sind das für Reden?« wettert der Aufseher.
»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«
»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«
Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem Notizbuch etwas revidiert.
Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem Ohr: »Maul halten -- vorwärts -- das weitere wird sich finden.«
-- -- -- Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen, weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.
»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von da.
»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.
»Stand?«
»Fischer!«
»Woher?«
»Aus Hermsmühl.«
»Geboren -- Konfession?«
»21. Oktober 1877. -- Evangelisch.«
»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende Beamte. »Stimmt.«
»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß festgestellt werden.
Der Querbalken senkt sich.
»1,70,« meldet Hoffmann.
»Kagelmacher, Heinrich -- 1,70,« murmeln beide Schreiber.
»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.
»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«
Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.
Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert, leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab, während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er in der Hand hält.
Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch gebeugt, verfolgt.
»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«
Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre Plätze nieder.
Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln, bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert. »Na, da wird wohl nicht viel zu machen sein -- treten Sie mal vorläufig zurück, Mann.«
Der Nächste.
Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.
Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.
Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein unterdrückter Fluch: »Die Bande.«
Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf den Henker lauert.
Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper vor Kälte zittert.
Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.
Da --
»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas, wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige Stimme meldet: »1,65.«
»Klüth -- Johann -- 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos gleichgültig.
Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen gesprochen.
Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen kürzeren Fuß.
»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.«
»O je -- o je -- Hurra,« stößt er hervor.
Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren könnte -- -- --
Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er hört bloß verschwimmend: »Frechheit -- hier Freude Ausdruck geben -- Drückeberger von Kaisers Diensten -- Exempel gegen solche Sozialdemokraten statuieren -- stehen zum Glück am heutigen Tage alle unter den Kriegsartikeln -- die Hermsmühler Bande noch besonders vornehmen --«
Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.
Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in der Rechten und der Linken.
Was is denn nu?
Is das Kaisers Dienst??
Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und eine frische Stimme summt dazu:
»Wer will unter die Soldaten, Der muß haben ein Gewehr, Der muß haben ein Gewehr, Das muß er mit Pulver laden Und mit einer Kugel schwer.«
XI
Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns unzeitige Späße.
Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.
Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für einen gesorgt wurde.
Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren Blick.
Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.
Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.
Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.
Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab -- das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.
Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.
Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr begünstigte.
Und so vermochte er's.
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Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch vorgenommen und vorgeträumt hat.