Handbuch der praktischen Kinematographie Die verschiedenen Konstruktions-Formen des Kinematographen, die Darstellung der lebenden Lichtbilder sowie das ...

Part 21

Chapter 213,484 wordsPublic domain

Die geladene Kassette, aus deren Schlitz das Ende des angeklebten Filmstückes heraushängt, wird in der Dunkelkammer sorgsam geschlossen. Das Einsetzen der Kassette in oder an die Kamera sowie das Einspannen des Film geschieht dann bei Tageslicht. Man kann wie beim gewöhnlichen photographischen Apparat mehrere Kassetten zum Auswechseln haben, die man sämtlich in der Dunkelkammer ladet und mit auf die Tour nimmt; eine Kassette muß man zum Aufrollen der belichteten Films leer halten. Nachdem ein Film ganz exponiert ist, dient die dadurch leer gewordene Kassette zum Aufrollen des zweiten Films usw. Das durch den Schlitz heraushängende Filmende, das man, um es besser durchstecken zu können, vorher mit der Schere an den Ecken abgeschrägt hat, knickt man ein paarmal ein, damit es nicht in die Kassette zurückgleitet.

Beim Einspannen muß man, wie schon gesagt, darauf achten, daß die Schichtseite des Film dem Objektiv zugekehrt ist. Man überzeuge sich ferner zuvor, ob alle Metallteile, mit denen das Band in Berührung kommt, blank und sauber sind, ob das Sammetstück, wenn sich ein solches in der Türführung befindet, frei von Staub ist und keine herabhängenden Fransen hat, und ob die Federn in der Türe sanft und gleichmäßig aufdrücken. Unter keinen Umständen vergesse man den Film oberhalb und unterhalb der Türe einen Bausch bilden zu lassen; doch mache man die Schlaufe auch nicht zu groß, weil dann der Film Gefahr laufen kann, gegen die Kamerawand zu stoßen.

Es wird dann die zweite leere Kassette in bezw. an die Kamera gesetzt, und zwar derart, daß die Spule derselben von der Aufrollvorrichtung gut mitgenommen wird. Durch den Schlitz führt man das Ende des Film ein und befestigt es auf der Spule. Dazu wird der Film nicht einfach hinter die Feder der Spule gesteckt, denn so würde er beim Anziehen nicht halten. Vielmehr knickt man das Ende des Film zurück und klemmt das zurückgeknickte Stück unter die Feder. Man muß nun noch der Kurbel eine oder zwei Umdrehungen geben, um sich davon zu überzeugen, ob das Band auch richtig und glatt transportiert wird, ob die Schlaufenbildung gut ist und ob das Aufrollen ordnungsgemäß vonstatten geht. Es ist übrigens auch darauf zu achten, daß die Kurbel an der richtigen Stelle eingesetzt wird; die Kameras haben nämlich in der Regel zwei oder drei Einsatzstellen, deren eine für Aufnahmen in größeren Zeitintervallen dient, indem dabei jede volle Umdrehung nur ein einziges Bild belichtet.

Die Scharfeinstellung des Objektivs läßt sich dadurch kontrollieren, daß man den Film aus der Türe zur Seite biegt und ein Stück mattes Zelluloid oder Pauspapier einsetzt, das als Visierscheibe dient; darauf läßt sich die Schärfe des Bildes gut beurteilen. Soll dies für eine zweite Aufnahme auf dasselbe Filmband geschehen, so geht dabei natürlich das freiliegende Stück Negativfilm verloren, da es beim Öffnen der Kamera Licht empfängt. Den Negativfilm selbst kann man nur dann als Ersatz für die Visierscheibe benutzen, wenn die Beleuchtung sehr kräftig ist; denn bei schwächerem Licht erscheint das Bild nicht hell genug.

Bei Apparaten, welche einen quer durch die Kamera laufenden Einstellkanal besitzen, darf man nicht vergessen, das viereckige Rohrstück, das zum Öffnen der Türe zurückgeschoben wird, wieder vorzuschieben, sodaß es vorne dicht aufsitzt, und ferner auf das offene Rohrende in der Rückwand die Büchse aufzustecken. Wenn das nicht geschieht, gelangt falsches Licht auf den Film und man bekommt verschleierte Aufnahmen. Der Apparat selbst muß sorgsam geschlossen werden. Den Zähler stellt man vor Beginn der Aufnahmen auf Null.

Macht man zwei oder mehrere Aufnahmen auf einen und denselben Film, so bezeichne man das Ende jeder Aufnahme durch Einstiche mit einer Nadel; manche Apparate sind dazu, wie bereits oben erwähnt, mit einer Markiervorrichtung versehen. Die durchbrochenen Stellen sind auch im Dunkeln durch Fühlen leicht zu finden; dort wird das Band durchgeschnitten, damit man jede Aufnahme einzeln entwickeln kann.

Wie bei der Handkamera bedient man sich auch hier des Suchers, um den Apparat gegen die aufzunehmende Szene zu richten. Bei der Handkamera ist die Arbeit allerdings einfacher, indem die Aufnahme in einem Moment gemacht ist, während sich beim Kinematograph die Reihenaufnahme naturgemäß über eine gewisse Zeit hin erstreckt, innerhalb der man ständig mit Hilfe des Suchers kontrollieren muß, ob die Szene auch auf dem Bild bleibt. Nötigenfalls folgt man mit der Kamera nach. Wie aber schon bei Besprechung des Stativs erwähnt wurde, dürfen Bewegungen des Apparates während der Aufnahme, ob sie nun in seitlicher Richtung oder nach oben oder unten geschehen, nur langsam vorgenommen werden, da rasche Verschiebungen Unschärfe im Bilde herbeiführen. Es mag ferner nochmals darauf hingewiesen werden, daß das gleichzeitige Arbeiten an den Kurbeln des Apparates und des drehbaren Stativkopfes für eine einzige Person eine Aufgabe ist, die viele Übung verlangt.

Der Anfänger tut gut, das Einsetzen und Durchdrehen des Filmbandes mit einem Blankfilm oder gebrauchten Film einzuüben, bevor er daran geht, ein unbelichtetes Band einzuspannen und Aufnahmen zu machen. Auch das Einhalten eines gleichmäßigen Tempos beim Drehen will geübt sein; in der Regel ist der Mechanismus so beschaffen, daß zwei Umdrehungen in der Sekunde die richtige Geschwindigkeit geben. Am besten schraubt man bei den Übungen den Apparat auf das Stativ und versucht gleichzeitig, wie man die Kamera halten muß, um Vibrationen zu vermeiden; denn die geringsten Erschütterungen bei der Aufnahme machen sich in der Projektion durch Tanzen des Lichtbildes unangenehm bemerkbar. Es gehört dazu vor allem ein kräftiges und stabil gebautes Stativ; der Apparat muß fest darauf geschraubt sein und das Stativ sicher auf dem Boden stehen. Man tut gut, mit der linken Hand fest auf den oberen Teil des Statives zu drücken, während man mit der rechten Hand dreht. Dabei achte der Photograph ja darauf, daß nicht durch einen Arm das Objektiv verdeckt wird. Die Abbildung (Fig. 127) zeigt den Apparat auf Stativ, fertig zum Gebrauch.

Noch ein Punkt ist zu beachten. Anfänger neigen leicht dazu, unregelmäßig zu drehen, derart, daß sie jedesmal im Augenblick, wo die Kurbel am tiefsten steht, einen Moment stoppen. Diese unbeabsichtigten Ruhepausen haben zur Folge, daß bei jeder Tiefstellung der Kurbel eine längere Belichtung stattfindet, und wenn beispielsweise die Trommel bei jeder Umdrehung 8 Bilder transportiert, so wird jedes achte Bild stärker belichtet. Diese Bilder kommen im Negativfilm dunkler heraus als die andern, und im Positivfilm, welcher danach kopiert wird, entsprechend schwächer.

Eine Kontrolle der Blendscheibe auf ihre genaue Einstellung hin ist unter keinen Umständen zu versäumen, und zwar sollte man eine solche öfters vornehmen. Die Verschlußblende muß so arbeiten, daß sie das Objektiv genau zu der Zeit verdeckt, während welcher der Film vorwärts bewegt wird. Hat sich die Blende »versetzt« und gibt sie das Objektiv im Moment der Weiterbewegung frei, um die Linse in der Ruhepause zu verdecken, so wird auf den in Bewegung befindlichen Film belichtet, wobei natürlich nichts anderes als ein verdorbener Film herauskommt. Ein solcher Fehler ist um so verhängnisvoller, wenn es sich, wie das schon vorgekommen ist, um eine wichtige Aufnahme handelt, die nicht wiederholt werden kann.

Fehlresultate gibt es bei der Aufnahme zuweilen dadurch, daß die Linsen des Objektives beschlagen sind. Die Bilder werden dann flau und verschwommen; es fehlen Kraft und Details. Das Beschlagen geschieht hier aus gleicher Ursache wie bei Brillengläsern und ist namentlich zu befürchten bei warmem, dunstigem Wetter, wenn die Linsen kühler sind als die Luft. Man muß den Niederschlag durch sanftes Abreiben entfernen. Abgesehen hiervon ist auch ein regelmäßiges Reinigen der Linsen von Staub erforderlich, was am besten mit einem feinen Pinsel geschieht.

Alles in allem: vor übereilter Benutzung des Apparates ist dringend zu warnen; denn sie bringt Verdruß und kostet Films, und Films kosten Geld.

Das Werk muß gut instand gehalten werden; vor Gebrauch ist aller Staub daraus zu entfernen. Namentlich die Sammetdichtungen der Kassetten müssen mit einem Pinsel regelmäßig von Staub gereinigt werden; ausgefranste Kanten sind durch Entfernung der Kanten wieder glatt zu richten. Wenn nötig, ist der Sammet durch eine neue Einlage zu ersetzen. Das gleiche gilt von dem Sammetstück, das man bei den Aufnahme-Apparaten zuweilen in der Türführung findet. Alle Metallteile, mit denen der Film in Berührung kommt, halte man durchaus sauber. Auch versäume man nicht, die Lager von Zeit zu Zeit zu ölen, ohne aber dabei den Mechanismus zu verschmieren. Der Spiralzug, der die Aufrollvorrichtung bedient, darf nicht geölt werden.

Der Photograph tut ferner gut, eine Werkzeugtasche mit sich zu führen, um in unvorhergesehenen Fällen gerüstet zu sein; er sollte bei sich haben Flachzange, Schraubenzieher, Hammer, Bohrer, diverse Reibahlen, Feilen und Schrauben, Ölkännchen, Bürste und Pinsel, ferner einige Ersatzteile, wie Spiralzug, Sammeteinsätze für die Kassetten u. dergl.

Die Aufnahme.

Wenn die Handgriffe gut einstudiert sind und klappen, kann man zur Herstellung von Aufnahmen schreiten. Aber auch hier heißt es: Halt -- keine Überstürzung! Es ist hier mancherlei zu bedenken, mancherlei zu beachten, wenn die Aufnahme zufriedenstellend ausfallen soll.

In erster Linie arbeite man nur bei gutem Licht; Aufnahmen bei schlechter Beleuchtung bringen nur Verlust an Film und Verdrießlichkeit. Wie weit man da gehen darf, unter welchen Umständen die Aufnahme Erfolg verspricht, und wann keine Aussicht mehr auf gut exponierte Bilder besteht, das hängt nicht nur von der Stärke der Beleuchtung ab, sondern auch von den zu photographierenden Gegenständen und von der Lichtstärke des Objektives. Die praktische Erfahrung gibt da den besten Fingerzeig. Man beachte, daß an der See das Licht infolge des Reflexes im Wasser ungleich heller ist als im Binnenlande. Der Anfänger tut gut, mit Aufnahmen bei möglichst günstigem Licht zu beginnen.

Aufnahmen gegen die Sonne sind zu vermeiden; auch ist es als unvorteilhaft anzusehen, wenn die Sonne direkt im Rücken des Photographen steht. Man richte es wenn möglich so ein, daß der Gegenstand oder die Szene schräg von vorne beschienen wird.

Nun kommt die Geschwindigkeit des Objektes! Ein vorbeisausendes Automobil muß beispielsweise wesentlich kürzer belichtet werden, als eine Prozession. Um die kürzere Exposition zu erzielen, wird die Verschlußöffnung entsprechend kleiner gestellt. Man kann auch durch rascheres Drehen kürzere Belichtungen herbeiführen; aber es ist zu berücksichtigen, daß dann der Film schneller zu Ende ist und daß er auch bei der Projektion rascher durchgedreht werden muß, um ein lebenswahres Bild zu geben. Man wird daher die normale Umdrehungszahl nach Möglichkeit einhalten und nur im Notfalle zu größerer Geschwindigkeit, etwa 18 bis 20 Bilder in der Sekunde, übergehen.

Bei Beurteilung der Geschwindigkeit ist noch folgendes zu berücksichtigen. Es macht einen Unterschied, ob das sich bewegende Objekt in der Nähe oder ob es in größerer Entfernung ist, ferner ob die Bewegung in der Richtung zur Kamera vor sich geht oder quer zu ihr stattfindet. Der Photograph muß die relative Geschwindigkeit des Objektes taxieren; es kommt für ihn darauf an, wie rasch die Bewegung im Bilde selbst verläuft, und darnach muß er die Verschlußblende einstellen. Ein Automobil z. B., welches sich in sehr großer Entfernung vom Apparate befindet, wird, auch wenn es mit großer Geschwindigkeit fährt, sich im Bilde nur langsam verschieben, und diese Verschiebung wird noch geringer sein, wenn die Bewegung in der Richtung zur Kamera erfolgt.

Man könnte nun sagen: wenn die Verwendung einer größeren Verschlußöffnung bei der Aufnahme rasch bewegter Objekte unscharfe Bilder zu bringen droht, so wäre es am einfachsten, stets mit ganz kleiner Verschlußöffnung zu arbeiten. -- Allerdings würden dann Fehler in dieser Hinsicht ausgeschlossen, aber man legte sich damit in anderer Richtung eine große Beschränkung auf. Man muß nämlich bedenken, daß die rasche Belichtung entsprechend kräftige Beleuchtung bedingt: das immerwährende Arbeiten mit kleiner Verschlußöffnung würde daher das Photographieren bei weniger gutem Lichte völlig ausschließen. Solange man mit schöner Beleuchtung und langsam bewegter Szene zu tun hat, gibt es keine Schwierigkeiten; solche treten erst auf, wenn es gilt, bei weniger günstigem Licht Objekte in relativ schneller Bewegung aufzunehmen. Da heißt es, die Verschlußöffnung hinreichend klein stellen, damit der Gegenstand scharf wird, aber andererseits sie nicht so klein machen, daß zu viel Licht abgeschnitten und die Bilder unterbelichtet werden.

Die Belichtungszeit, die man bei dieser oder jener Verschlußöffnung erhält, läßt sich leicht berechnen. Wenn die Öffnung z. B. ein Viertel des Kreises einnimmt und wenn man ferner die Kurbel mit normaler Geschwindigkeit dreht -- 16 Bilder auf die Sekunde -- so beträgt die Belichtung jedes Bildes 1/4 × 1/16 = 1/64 Sekunde; macht die Verschlußöffnung 1/8 Kreis aus, so bekommen wir Belichtungen von 1/128 Sekunde. Zweckmäßig wird dazu die Verschlußscheibe mit einer Teilung versehen, welche die Größe der Öffnung in Bruchteilen einer Kreisfläche angibt.

Aber noch einen Punkt hat der Photograph in Betracht zu ziehen. Das Objektiv ist mit einer Abblendevorrichtung versehen, welche dazu dient, bei Aufnahmen mit großer »Tiefe« dem Bilde in allen Teilen die erforderliche Schärfe zu geben. Das Objektiv gibt wohl Gegenstände, die sich in verschieden weitem Abstand vom Apparat befinden, gleichzeitig scharf wieder, aber nur innerhalb gewisser Grenzen; hat man sehr nahen Vordergrund und gleichzeitig Ferne auf dem Bild, so muß man in der Regel »abblenden«, um beides scharf zu bekommen; dies ist namentlich dann erforderlich, wenn das Objektiv eine große »Öffnung« hat und sehr lichtstark ist. Abblenden bedeutet aber gleichzeitig: Licht abschneiden; also muß man auch in dieser Hinsicht vorsichtig zu Werke gehen.

Das Abblenden steht in direkter Beziehung zur Einstellung des Objektives. Kameras mit weniger lichtstarken Objektiven haben vielfach eine feste Einstellung. Sonst ist eine Vorrichtung mit Zahntrieb oder Archimedestrieb vorhanden, welche mit Hilfe einer Skala gestattet, die Linse auf eine bestimmte Entfernung scharf einzustellen. Bei manchen Apparaten kann man die Scharfeinstellung durch Beobachtung des Bildes auf einem eingesetzten Stück matten Zelluloid oder Pauspapier kontrollieren. Auf welche Entfernung muß das Objektiv nun aber eingestellt werden, wenn man beispielsweise sehr nahen Vordergrund und Ferne gleichzeitig auf das Bild bekommt? -- Da ist durch Berechnung herausgefunden worden, daß man sich am besten steht bei einer Einstellung auf die doppelte Entfernung des nächsten Gegenstandes. Wenn dieser also z. B. 3 Meter weit entfernt ist, sollte man das Objektiv auf 6 Meter einstellen. Bei solcher Einstellung kann man nämlich mit möglichst großer Öffnung und mithin bester Lichtausnutzung arbeiten; stellt man näher oder weiter ein, so muß man stets stärker abblenden und verliert damit Licht. Würde man in obigem Falle z. B. auf die Ferne einstellen, so ergibt es sich, daß dann eine doppelt so starke Abblendung erforderlich wäre, um die gleiche Schärfe in allen Teilen des Bildes zu erzielen, und verdoppelte Abblendung bedeutet viermal weniger Licht. Die Entfernung des Vordergrundes wird man bei einiger Übung mit hinreichender Genauigkeit schätzen.

Wenn nun der Photograph alle diese Punkte beobachtet, wird er dann und wann »in die Brüche geraten«; er wird sich sagen: »Unter diesen Verhältnissen bekomme ich eine unterbelichtete Aufnahme; entweder muß ich die Verschlußöffnung oder aber die Objektivblende größer machen, um mehr Licht auf den Film zu bekommen«. -- Im ersten Falle ist zu befürchten, daß das bewegte Objekt unscharf wird, im zweiten Falle wird ein Teil der unbewegten Szenerie mehr oder minder verschwommen. Welches von den beiden Übeln ist nun das geringere? Der Erfahrung nach das erstere; das Auge ist sehr empfindlich für unscharfe Wiedergabe des »feststehenden« Bildteiles, dagegen sieht es über Unschärfe bei einem sich rasch bewegenden Gegenstande eher hinweg. Allgemein gültige Regeln lassen sich hier natürlich nicht aufstellen; wenn das in Bewegung befindliche Objekt z. B. besondere Aufmerksamkeit verdient, so wird man gewiß auf eine scharfe Wiedergabe desselben nicht verzichten. Die Sachlage muß von Fall zu Fall beurteilt werden.

Kinematographische Aufnahmen werden dadurch komplizierter, daß leicht etwas Unvorhergesehenes eintreten kann. Bei einer Straßenszene mag z. B. plötzlich ein Automobil mit größter Geschwindigkeit heransausen, worauf der Verschluß nicht eingestellt ist, oder es mag ein Neugieriger bis dicht vor die Kamera laufen, wobei er dann durch seine unscharf und übergroß wiedergegebenen Gliedmaßen das Bild verunstaltet. Die Aufnahme einer Prozession oder eines festlichen Aufzuges mag dadurch verdorben werden, daß sich einer aus der drängenden Menge direkt vor den Apparat schiebt und nun seinen Buckel photographieren läßt; bei einer Regatta kann man das Unglück haben, daß im schönsten Augenblick ein Dampfer dazwischen fährt und die Aussicht versperrt. Die Films sind kostspielig und jede mißlungene Aufnahme bedeutet daher einen unangenehmen Verlust. Daher ist besondere Mühe für die Vorbereitung, wie Wahl eines geeigneten Standpunktes, wohl angebracht. Bei Straßen-Aufnahmen tut der Photograph gut, einige Freunde oder Gehilfen zum Freihalten der »Schußlinie« mitzunehmen, welche die Passanten bitten, nicht gerade mit der Nase gegen den Apparat zu rennen; natürlich darf keiner von diesen Freunden auf das Bild kommen. Wenn möglich, richte man es so ein, daß die Figuren etc. nicht näher als einige Meter an die Kamera heran kommen.

Einstudierte Szenen bieten, wenn sie programmäßig sich abwickeln, bei der Aufnahme am wenigsten Schwierigkeiten, dagegen schaffen sie vorher viel Mühe und Arbeit. Die Bedingung für guten Erfolg ist hierbei: gut geschultes Personal, ein technisch und künstlerisch tüchtiger Regisseur und nicht zuletzt gute Ideen. Besonders beliebt sind Darstellungen humoristischer Art, aber auch Trauergeschichten und Dramen bieten vielfach dankbaren Stoff. Was sich da erreichen läßt, das zeigen zur Genüge die Vorführungen in den zahlreichen Kinematograph-Theatern, wo man manch geschmackvolles, leider aber auch viele geschmacklose Stücke zu sehen bekommt.

In den Aufnahme-Ateliers braucht man zur Unterstützung des Tageslichtes eine mehr oder minder große Zahl von Bogenlampen; wegen ihrer aktinischen Wirkung sind Quecksilberbogenlampen besonders geeignet.

Aufnahme-Vorrichtungen für besondere Zwecke.

Mancherlei Aufnahmen, insbesondere die gesamten Trickaufnahmen, verlangen besondere Vorrichtungen. Da gibt es z. B. ein Bild, worin ein Mann die Wände hinaufkriecht und an der Decke hinläuft. Hierzu werden auf den Boden des Ateliers abwechselnd Dekorationen gelegt, welche die Seitenwände und die Decke eines Zimmers darstellen; der Mann kriecht oder läuft darüber und wird vermittels des Apparates, der hoch über ihm montiert ist, von oben her photographiert. Viele Effekte werden durch Unterbrechung der Aufnahme erzielt. Wenn es z. B. gilt, eine Person zu verwandeln, so schließt der Photograph im festgesetzten Moment das Objektiv und hört auf zu kurbeln. Nun wird die Person durch eine andere ersetzt, die natürlich dieselbe Stellung einnehmen muß; der Photograph öffnet wieder das Objektiv und kurbelt weiter. In gleicher Weise macht man die Aufnahmen von Gegenständen, die selbsttätig sich bewegen; von Werkzeugen, die ohne Zutun arbeiten, von Streichhölzern, die aus der Dose wandern und sich zu Figuren gruppieren, von einem Tonklumpen, der sich zu einer Büste formt. Hierzu wird jedes Bildchen für sich belichtet und nach jeder Belichtung wird eine Pause gemacht, in der man den betreffenden Gegenstand entsprechend weiter rückt oder verändert. Das ist eine langwierige Arbeit; sie wird erleichtert durch eine elektrische Auslösung, mittels welcher man den Apparat zu jeder Belichtung durch einfachen Druck auf einen Kontaktknopf in Tätigkeit setzen kann.

Schwieriger ist es, Personen allmählich, gewissermaßen aus dem Nebel, erscheinen oder verschwinden zu lassen. Dazu muß das Objektiv mit einer Irisblende versehen sein und der Apparat muß eine Rücklaufvorrichtung besitzen, derart, daß beim Linksdrehen der Kurbel der Film zurückläuft. Der Photograph verfährt folgendermaßen. Wenn die Szene so weit fortgeschritten ist, daß die Figur in Erscheinung treten soll, so beginnt er die Irisblende allmählich zu schließen. Die Bilder empfangen der Reihe nach immer weniger Licht und werden schwächer und schwächer, bis das Objektiv ganz geschlossen ist und die Aufnahme unterbrochen wird. Die Figur, welche erscheinen soll, tritt nun an ihren Platz. Inzwischen dreht der Photograph die Kurbel rückwärts und läßt den Film bis zu jenem Punkt zurücklaufen, wo er anfing, die Blende zu schließen. Alsdann öffnet er wieder das Objektiv, kurbelt vorwärts und stellt dabei allmählich die anfangs geschlossene Irisblende offen, wodurch die Beleuchtung nach und nach zunimmt. Das betreffende Filmstück wird mithin zweimal übereinander belichtet, und zwar werden sich die Belichtungen, wenn der Photograph mit der Irisblende richtig verfährt, in jedem einzelnen Bilde zu einer richtigen Exposition ergänzen. Die Figur aber, die nur einmal dabei aufgenommen wurde, und zwar anfangs mit kleiner und dann mit größer werdender Irisblende, wird in der Reihenfolge der Bilder ganz allmählich immer kräftiger werdend in Erscheinung treten.

Bei wissenschaftlichen Aufnahmen hat man ebenfalls Einzelbelichtungen anzuwenden, wenn es gilt, Bewegungen, die in der Natur sehr langsam erfolgen, wie z. B. das Wachsen der Pflanzen, in beschleunigtem Masse wiederzugeben. Je nach dem Zeitumfange, den der Verlauf der Bewegung einnimmt, und der Zahl der anzufertigenden Bilder, macht man alle Minuten, Stunden oder Tage eine Aufnahme. Apparat und Objekt müssen dabei an Ort und Stelle bleiben und es muß für gleichbleibende Beleuchtung gesorgt werden. Die Exposition kann durch ein Weckerwerk, welches auf die oben erwähnte elektrische Auslösung arbeitet, automatisch erfolgen; wenn die Zeitabstände groß sind und die Lampe nicht ständig brennen soll, so mag das Werk gleichzeitig dazu dienen, die Lampe zu jeder Belichtung ein- und auszuschalten.

Die Ausführung mikroskopischer Aufnahmen mit Hilfe des Kinematographen erfordert zunächst Kenntnisse und praktische Erfahrung in der mikrophotographischen Technik. Das Mikroskop wird, wie sonst an die Kamera, so hier an den kinematographischen Aufnahmeapparat montiert, der je nach der Anordnung eine horizontale oder vertikale Stellung erhält. Schwierigkeiten bietet besonders die genügend kräftige Beleuchtung des lebenden Präparates, das unter der Hitze der Strahlen nicht leiden darf: während man sonst nach Sekunden oder Minuten belichtet, müssen hier innerhalb einer Sekunde durchschnittlich 16 Aufnahmen gemacht werden. Die Verschlußscheibe, welche normalerweise zwischen Objektiv und Film läuft, ordnet man nach dem Vorgange von Marey zweckmäßigerweise zwischen Lichtquelle bezw. Kondensierungslinse und Präparat an. Während der Film sich weiterbewegt und die Blendscheibe wirkt, wird alsdann das Licht nicht nur vom Apparat, sondern auch vom Präparat abgesperrt, sodaß letzteres einer weniger starken Erhitzung ausgesetzt ist.