Part 31
Der Verbreitung des Renaissancestyles im Norden nachspürend, stossen wir auf den ersten Renaissancebau in %Belgien% bereits im Jahr 1495 (Hôtel der Biskayer in Brügge); doch ist dies nur ein vereinzeltes Beispiel, welches erst im dritten Jahrzehente des 16. Jahrhunderts eine allgemeine Nachfolge findet. Die Stellung des germanischen und des neuitalienischen Styles bezeichnet die Thatsache, dass der erstere auch noch im 16. Jahrhundert ausschliesslich als Kirchenstyl angewendet wird, der letztere, in seiner Ausbildung übrigens durch den Bürgerkrieg unterbrochen, als Civilbaustyl auftritt. Der Uebergangsstyl wird durch die schmalbrüstigen, fensterreichen Zunfthäuser auf der grande place zu Antwerpen vertreten; reiner tritt der Renaissancestyl in der Schützengilde zu Brügge, in der Fischerzunft zu Mecheln auf; durch massive Verhältnisse und Ausdehnung wirken das Rathhaus und der Hansahof zu Antwerpen, beide von _Corneille Vriendt_, gen. _Floris_, 1561 erbaut, welcher auch den Lettner in der Kathedrale zu Tournay fertigte.
Die Bauthätigkeit in %Deutschland% während des 16. Jahrhunderts erscheint dürftig, wenn man nur grosse Monumentalwerke berücksichtigt; sie lockt aber ein nicht geringes Interesse ab, wenn man den eigenthümlichen Backstein- und Holzbau Norddeutschlands mit in Betracht zieht. Ein Gang durch Halberstadt oder Hildesheim, wo das glänzend hergestellte Gildenhaus der Knochenhauer vom Jahre 1529 wieder in heiterer Farbenfülle prangt, reicht hin, von dem noch unverdorbenen (aber nur unverdorben, weil er an ältere Traditionen anknüpft) Bausinne und einer gesunden dekorativen Phantasie zu überzeugen. Den meisten Anspruch auf die früheste Ausbildung des Renaissancestyles dürfte wohl Böhmen haben. Die verheerenden Hussitenkriege hatten eine reiche Zahl von Bauaufgaben hinterlassen, die spätgothische Periode zeichnet sich hier durch eine energische und theilweise auch glückliche Bauthätigkeit aus, und vererbt dieselbe auf das folgende Zeitalter. An _Mathias Reysek_ reiht sich, bereits zum neuen Style hinneigend, der Baumeister K. Wladislavs _Benesch von Laun_ (Hradschiner Schloss 1484); das 16. Jahrhundert sah hier eine der zierlichsten Schöpfungen des Renaissancestyles, das Ferdinandeische Lustschloss von _Ferrabosco di Lagno_, und grossartige Saalbauten im k. Schlosse erstehen. Bedeutendere Schöpfungen des Renaissancestyles sind ausserdem die Vorhalle des Kölner Rathhauses (1569) und der ältere Theil (Otto-Heinrichsbau) des Heidelberger Schlosses (1556).
Die Nachfolge der italienischen Malerei in Deutschland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts (_Joh. v. Aachen_, _Chr. Schwarz_, _J. Rottenhammer_ u. A.) brachte keinen grossen Gewinn; bedeutendere Leistungen offenbaren sich in der Skulptur, welche durch zahlreiche Façadenbildwerke (Köln, Heidelberg), Grabdenkmäler (Köln, Mainz, Würzburg, Freiberg, Innsbruck), und im Fache des Broncegusses ausserdem auch durch zahlreiche Brunnen (Nürnberg, Augsburg) vertreten wird.
Die Baukunst im XVII. und XVIII. Jahrhundert
§. 114.
Die Baugeschichte der römischen Peterskirche, welche das Vorbild für zahllose neuere Kirchen lieferte, den Kuppelbau über der Kreuzführung, die angeklebten Façaden, die, Schmarotzerpflanzen ähnlich wuchernde, Dekoration für zwei Jahrhunderte sanktionirte, belehrt am besten über das Princip der neueren Architektur. Eine organische Durchbildung der architektonischen Idee wurde in den seltensten Fällen beabsichtigt, an eine Unterordnung der Formen unter jene niemals gedacht. Aus den todtliegenden Baugliedern in geistreicher Weise ein neues Ganzes zusammenzusetzen, nicht nach innerer Nothwendigkeit, sondern nach der subjektiven Vorliebe des Künstlers, den Reichthum der dekorativen Phantasie zu bethätigen, durch eine Fülle bewegter Linien, die heftige Lebendigkeit der einzelnen Formen, die sich nur gezwungen dem Hammer und der Kelle fügen, und immer überfliessend und fliehend erscheinen, darin lag das Ziel der Baukunst des 17. Jahrhunderts. Eine gewisse Verdienstlichkeit lässt sich ihren Schöpfungen nicht absprechen. Sie bestechen oft durch ihre Massenhaftigkeit und blenden durch den sinnlichen Glanz der Dekoration; auf eine malerische Wirkung berechnet und hie und da nach den Gesetzen der Perspektive aufgeführt, sind sie vom Standpunkt der landschaftlichen Kunst lobenswerth durchgeführt; nur haben diese Vorzüge mit dem Wesen der Architektur wenig zu schaffen und verbergen nothdürftig den Mangel eines inneren Lebens. Die kirchliche, mit reichen Kräften getriebene Architektur hat dem Baueifer der Jesuiten das Meiste zu danken, welche in ähnlicher Art, wie die Cisterzienser und Predigermönche in früheren Jahrhunderten ihren Stiftungen ein festes Gepräge aufdrückten und den sogenannten Jesuitenstyl schufen. Obgleich sie in einzelnen Fällen noch der germanischen Bauweise (Koblenz, Köln, Bonn) huldigten, so blieb doch der zeitgenössische Styl, welcher der im Orden gepflegten eleganten Bildung so gut entsprach, vorzugsweise bevorzugt. Die Kirche del Gesu in Rom, von _Vignola_ 1568 begonnen und von _Giac. della Porta_ fortgesetzt, beginnt den Reigen der über die alte und neue Welt verbreiteten Jesuitenschöpfungen. Bis in das 18. Jahrhundert setzt sich die Bauthätigkeit des Ordens fort, im Verhältniss zu den gleichzeitigen Werken auch dann durch eine klare Conception und einen kräftigen Formensinn ausgezeichnet. Wie die Professhäuser in der Regel in der Grösse der Anlage und in den massiven, einfachen Verhältnissen untereinander übereinstimmen, so tragen auch die Ordenskirchen und Sodalitäten ein gemeinsames Gepräge. Die Façaden zeigen wieder zwei Säulenordnungen übereinander gestellt, die Säulen oder Pfeiler gekuppelt, das Gebälke verkröpft, die Fenster und Thüren mit geraden oder geschweiften Giebeln bekrönt, den Mittelbau über die Seiten erhoben und mit einem Giebel geschlossen, mit schneckenförmigen Halbgiebeln (Fig. 93) zur Seite, offenen Glockenthürmen; im Inneren wird das Tonnengewölbe und die Kuppel beliebt, die Gliederung des Raumes aber vorzugsweise durch eine übermässig verschwendete malerische Dekoration vollzogen. An den riesigen Altarbauten (S. Peter, del Gesu u. a. in Rom) wird die wüste Willkür der herrschenden Bauweise, die nicht mehr Styl, sondern Mode ist, am traurigsten offenbar. Die Natur derselben bringt es mit sich, dass keine nationalen Schulen mehr vorkommen, die Künstler aller Stämme und Länder mit gleichen Mitteln das gleiche Ziel anstreben. Wohl ist die Zahl der ausserhalb Italiens verwendeten Architekten nicht unbeträchtlich, sie unterscheiden sich aber keineswegs von ihren nordischen Fachgenossen, und auch diese letzteren zeigen sich jenseits der Alpen vollkommen akklimatisirt.
Noch aus dem vorigen Zeitalter ragt in die Periode des beginnenden Zopfstyles _Carlo Maderno_ (1556-1629) herüber. Gleich seinem Vorfahren im Amte eines Bauvorstehers an der Peterskirche, bewahrt _Lorenzo Bernini_ aus Neapel (1556-1629) eine gewisse nüchterne Regelmässigkeit in seinen Bauwerken (Colonnaden am Petersplatze, S. Andrea delle Fratte, Palast Barberini), während in den Werken seines Gegners _Francesco Borromini_ (1599-1667) die Todfeindschaft gegen die geraden Linien anbricht und der willkürlichste Dekorationsstyl Platz greift. (S. Agnese auf Piazza Navona, Sapienza, Kirche und Colleg der Propaganda u. a.) Die zahlreichen Nachfolger _Borrominis_ in und ausserhalb Roms sind einer namentlichen Anführung durchaus unwürdig, ebensowenig als die schulmässigen italienischen Architekten des 18. Jahrhunderts eine besondere Erörterung in Anspruch nehmen.
%Spanien%, welches keine nationale Bautradition der einreissenden Mode als Damm entgegenstellen konnte und schon in früheren Zeitaltern eine Neigung zum Barocken aufwies, that am Ende des 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Seinige, die Baukunst in eine sinnlose Dekoration zu verwandeln. Mit _Pedro de Ribera_ beginnt Verwilderung, in _José Churriguera_ erreicht sie ihren Höhepunkt (arquitetura churriguera z. B. Carmeliterkirche in Granada). Abgelöst wird diese Baumanier unter der Einwirkung italienischer Künstler, am Ende des vorigen Jahrhunderts, durch eine leblose Schulrichtung.
Auch in %Frankreich% hielt sie sich im 17. Jahrhundert nicht auf der durch die Schule von _Fontainebleau_ erklommenen Höhe. Die kirchlichen Anlagen (S. Louis et S. Paul von _Derand_ 1627, S. Gervais et Protais von _Jacques de Brosses_ 1616 in Paris) lassen _Vignolas_ Einfluss durchschauen und bilden den Jesuitenstyl nach, und wenn sie auch von Uebertreibungen sich fern halten, wie die Invalidenkirche von _Bruant_ und _Mansart_ (vollendet 1705), so vermögen sie doch nicht den nüchtern-kalten Eindruck auszulöschen. Das sogenannte Pantheon (S. Géneviève) von _Soufflot_ nimmt unter allen verwandten Werken den ersten Platz ein. Die Civilbaukunst wird durch zahlreiche Palastanlagen vertreten, ohne dass sie aber von der glänzenden Kunstblüthe des Reiches unter _Louis_ XIV. ein günstiges Zeugniss ablegten. (Pal. Luxembourg von _J. de Brosses_, Louvre Façade von _Cl. Perrault_, Versailles von _Mansart_ u. A.)
%England% hielt bekanntlich die längste Zeit am gothischen Baustyle fest, es konnte sich auch einer ausgebildeten Holzbaukunst (_Chester_, _Hereford_, _Ludlow_, _Oswestry_, _John Abels_ Werke im westlichen England 1650) rühmen, ging aber dessen ungeachtet auf die Ausbildung der italienischen Manier gleichfalls ein, und fand die Vorbilder für kirchliche und weltliche Werke jenseits der Alpen. Der Palast von Whitehall, im Palladiostyle von _Inigo Jones_ (1572 bis 1652) erbaut, ragt nebst dem im 18. Jahrhundert errichteten Somersethouse (von _Chambers_) unter den Civilbauten ebensosehr hervor, wie die Paulskirche unter den religiösen Anlagen. Sie wurde nach dem grossen Londoner Brande 1666 von _Christopher Wren_ in der Form eines lateinischen Kreuzes mit einer überaus effektvollen Kuppel (1675-1723) erbaut, und kommt an Grundfläche einem Dritttheil der Peterskirche gleich. Richtiger componirt als die meisten gleichzeitigen Bauten, in der Anlage des Querschiffes nicht ohne Anklang an den älteren englischen Styl, kann sie den Vorwurf einer nur auf den Schein berechneten Architektur nicht ganz von sich abwälzen.
Vortheilhaft unterscheidet sich %Belgien% von anderen Ländern in seiner Bauthätigkeit. Ausser Italien und Böhmen erreicht hier der Jesuitenstyl, getragen von den Architekten _J. Franquart_ (geb. 1577), _Coeberger_ (geb. 1560), _Fayd'herbe_ u. A. seine glänzendste Entwicklung; die Civilarchitektur, welche in dem benachbarten Holland im Amsterdamer Rathhause von _Jac. Campen_ (1648 gegr.) ein technisches Meisterwerk aufzuweisen hat, blieb dagegen in ihrer Entwickelung und Ausbreitung weit zurück.
An den kleinen deutschen Fürsten- und Bischofshöfen, in den theils neugegründeten, theils neu empor blühenden Residenzen fand der Zopfstyl einen weiten Schauplatz für sein Auftreten. Einzelne Rathhäuser (in Augsburg von _Elias Holl_ 1615, in Nürnberg von _Holzschuher_ 1616) wurden noch im 17. Jahrhundert errichtet; die grösste Zahl der Bauten diente aber kirchlichen und höfischen Zwecken. Unter den Schloss- und Palastwerken zeichnen sich aus das Residenzschloss zu Würzburg von _Neumann_ (1720), Schönbrunner Schloss von _Pacassi_ und _Valmagini_ (1744), der Dresdner Zwinger von _Pöppelmann_ (1711), die Bamberger Residenz von _Leonh. Dientzenhofer_ (1712), mehrere Prager Paläste (Czernin, Lobkowitz, Nostitz, Clam Gallas von _Fischer_ von Erlach 1707 u. A.), das königl. Schloss in Berlin von _Schlüter_ (1699-1706), das Zeughaus in Berlin von _Nehring_ und _de Bodt_ (1685) u. A. In der kirchlichen Architektur macht Prag allen anderen Städten den Vorrang streitig, und bewahrt verhältnissmässig einen reineren, wirksameren Baustyl (Nikolauskirche von _Dientzenhofer_ (1628 beg., im 18. Jahrhundert vollendet), die Kreuzherrnkirche 1671, K. Strahov im 17. Jahrhundert von _Canevale_ und _Carloni_ erbaut u. A.) Bunter und ungebundener erscheinen die Karlskirche in Wien von _Fischer_ von Erlach 1716 mit zwei als Säulen behandelten Glockenthürmen, und die katholische Kirche in Dresden von _Chiaveri_ 1756, während in Berlin (Kirchen auf dem Gensdarmenmarkte von _Gontard_ 1780) der Rückgang zu einfacheren Bauformen versucht wird, welcher die Architektur am Schlusse des 18. Jahrhunderts überhaupt charakterisirt und den reineren antiken Styl unseres Zeitalters vorbereitet.
Die Bildnerei im XVII. und XVIII. Jahrhundert.
§. 115.
Noch rascher als in der Baukunst verliert die Schönheit und Wahrheit in der Bildnerei alle Geltung. Die Antike erscheint den Künstlern nicht reich, die Natur nicht lebendig genug, eine willkürliche Manier voll Uebertreibungen und malerischer Scheineffekte wird erfunden, die in der Technik erreichte Virtuosität meist dazu benützt, dem bildnerischen Stoffe Gewalt anzuthun, und die seltsamsten Einfälle einer geschmacklosen Einbildungskraft zu verkörpern. Die weichsten und dünnsten Stoffe, Teppiche und Schleier werden nachgebildet, die Gewänder flattern und bauschen sich ohne Sinn, die Gestalten nehmen eine übermässige Schlankheit an, die Bewegungen werden gewaltsam, der Ausdruck übertrieben, den Mangel an charaktervoller Darstellung muss ein seichter allegorischer Prunk ersetzen, selbst die architektonische Skulptur, wie z. B. Karyatiden, zeigen Unruhe und eine widerspruchsvolle Lebendigkeit. Einzelne besser organisirte Naturen versuchen zwar, sich dem schädlichen Einflusse der Zeitrichtung zu entziehen und leisten in einzelnen Fällen Verdienstliches; hie und da imponirt die Kräftigkeit der Formen, die Keckheit der Anlage; der Mehrzahl nach haftet aber an den Bildwerken eine unerquickliche, trockene Absichtlichkeit; sie sind lügenhaft und oberflächlich. Ein ungebundener Naturalismus erscheint noch als das geringste Uebel, wie dies der Vergleich der hl. Cäcilia (gleichnam. K. in Rom) des _Carlo Maderno_ mit den Werken seiner Zeitgenossen, ja mit seinen anderen Werken selbst lehrt. Man wollte aber über das Natürliche hinaus und erstrebte einen angeblichen idealen Styl, der in Wahrheit nur als geistlose Manier erscheint. Auch hier führt der frühreife _Lor. Bernini_ in Rom den Reigen. Dass die Statuen, mit welchen er die Engelsbrücke zu Rom schmückte, für jüngere Künstler lange Zeit eine vielstudirte Schule abgaben, spricht nicht für ihre Tüchtigkeit, sondern nur für die allgemein herrschende Geschmacklosigkeit, ebenso wie die Lobsprüche, welche seinem Tabernakel in der Peterskirche gespendet wurden, nur ein ungläubiges Lächeln erregen können. Die Zahl seiner Werke ist erstaunlich gross. Ausser mehreren öffentlichen Brunnen (piazza Navona), Grabmonumenten (Urban VIII., Alexander VII.) führen wir nur die von _Bernini_ selbst seinen besten Schöpfungen beigezählte hl. Theresia (K. della Vittoria) und die Reiterstatue K. Constantins im Vatikan an. Minder begünstigt von den äusseren Verhältnissen als _Bernini_ erscheint _Aless. Algardi_ (1602-1654), welcher längere Zeit mit der Fertigung kleiner Modelle für Goldschmiede und Giesser sich begnügen musste, und erst spät mit Monumentalwerken betraut wurde. Keines der letzteren (Statue des Filippo Neri, P. Innocenz, Grabmal Leo XI.) trug ihm einen so grossen Ruhm ein und ist für die Kunstrichtung des 17. Jahrhunderts so vielsagend, wie das riesige Marmorrelief: die Vertreibung Attilas in der Peterskirche. Aus 5 Marmorstücken zusammengefügt, misst es 32 Palmen in der Höhe und 18 in der Breite. Alles hatte der Künstler in diesem Werke berücksichtigt, die Perspektive, den malerischen Reiz, die Lehre von den Verkürzungen, und nur eine Sache vergessen, diese aber ist das Recht und die Grenzen der Plastik. Es ist ein künstlich auf Stein übertragenes Gemälde, eine nur zufällig im plastischen Stoffe verkörperte malerische Composition.
Die italienische Kunstweise beschränkte, wie schon früher bemerkt wurde, ihre Herrschaft nicht auf ihre unmittelbare Heimath, sondern zog auch den Norden in den Kreis ihrer Besitzungen. Als Ersatz dafür erzwang sich der Norden in einzelnen seiner kunstgebildeten Söhne in Italien selbst die unbedingteste Anerkennung, so in _François du Quesnoy_ aus Brüssel, gewöhnlich _il Fiammingo_ genannt, und neben _Bernini_ in Rom thätig (1594-1644). _Tizian_'sche Gemälde sollen ihm die Motive für seine heiteren Kindergestalten geliefert haben, in welchen er sich so glücklich und so häufig versuchte, und für die nächsten Künstlergeschlechter zum Vorbilde wurde (_Manneken-pis_ in Brüssel, in _M. dell'anima_ in Rom, Neapel). Ausserdem werden die Statuen der hl. Susanna (S. M. di Loreto) und des hl. Andreas (Peterskirche) und die Mater dolorosa in S. Jakob zu Antwerpen von ihm gerühmt.
Rom bildete fortan die hohe Schule, wie Italien das gelobte Land für die Künstler, in Rom selbst war _Bernini_ im Fache der Skulptur das am meisten bewunderte Vorbild. Gehülfen und Nachahmer desselben füllen den Bildnerkatalog des 17. Jahrhunderts aus; unter ihnen sind noch am meisten bemerkenswerth: _Ercole Ferrata_, _Melch. Caffa_ (_S. Rosa_ in Lima); _G. Mazzuola_; _A. Razzi_, _il Lombardo_, beide an _Bernini_'schen Werken beschäftigt; _G. Finelli_ und _Andr. Bolgi_ aus Ferrara; der Letztere ebenso wie _Fr. Mocchi_ von _Bernini_ zur Fertigung einer der vier Kolossalstatuen unter der Kuppel der Peterskirche zugelassen, u. A. Die anderen italienischen Städte liefern eine noch geringere Ausbeute. In Florenz wird die Bildnerei selten anders als zu Luxusmonumenten in Gärten (Boboli), Palasthöfen, zur Aufstellung von Schaugerüsten bei öffentlichen Festen benützt. Ausserdem können noch einzelne Grabdenkmäler in S. Croce zur Beurtheilung der Kunstzustände in den zwei letzten Jahrhunderten angezogen werden. Den grössten Lokalruhm genoss hier _Foggini_, wie in Neapel _C. Fansaga_. Mit Rom wetteifert Venedig in dem äusseren Reichthum an Bildwerken, zu welchen die noch immer rege Bauthätigkeit eine stetige Gelegenheit bot. Massenhafte Grabdenkmäler schufen _B. Longhena_ (ai frari) und _Tirali_ (_Giov._ und _Paolo_); ausser ihnen wurden auch deutsche Künstler in grosser Zahl beschäftigt. Auch _A. Corradini_, dessen Statue einer verschleierten Frau im P. Manfrin ihrer Zeit ein so grosses Staunen erregte (ein ähnliches Werk: Christus mit dem Grabtuche bedeckt, lieferte _Sammartino_ für Neapel (C. de' Sangri)), arbeitete in Venedig. Schon hier scheint die Abirrung des Geschmackes den höchsten Grad erreicht zu haben, und doch sind diese Werke noch einfach und geschmackvoll zu nennen gegen den Menschenknäuel, welcher unter dem Namen des Engelsturzes in Padua von der Hand _A. Fasolatos_ bewahrt wird. Darin werden alle monströsen Bildungen des vorigen Jahrhunderts noch übertroffen.
Die %spanische% Bildnerschule, soweit sie die Tradition festhält, und bei der Fertigung in estofado vollendeter Holzschnitzwerke beharrt, lässt den Kunstverfall in keiner Weise merken. Im Gegentheil nimmt die Bildnerei an der hohen Blüthe der Malerkunst im 17. Jahrhundert Theil, und entzückt durch die Anmuth der Köpfe, die Feinheit der Ausführung und die Schönheit der Zeichnung. Der Schauplatz ihrer Thätigkeit ist vorzugsweise der Süden: _S. Martinez Montañes_ ([+] 1649) zu Sevilla, von welchem die Kathedrale eine fast lebensgrosse Conceptio in Holz bewahrt; _Alonso Cano_ aus Granada, Schüler d. V. (1601-1667), der grösste Bildschnitzer Spaniens, und _Pedro Roldan_ aus Sevilla (1624-1700).
Das Zeitalter _Louis_ XIV. zeigt uns die höfische Sitte zu Versailles tonangebend, und als modische Bildung über ganz Europa verbreitet; es sollte in der %Schule von Versailles% auch ein künstlerischer Ausdruck dieser Bildung geschaffen werden. Doch bleibt es bei einem kalten, nüchternen Pompe; an die Stelle der idealen Formenbildung tritt eine gemachte, theatralische Manier, der frische Naturalismus kann unter den Allongeperücken nur mühselig sich entfalten. Die Bildnerei wie die Malerei tragen das deutliche Gepräge der Versailler Scheingrösse und Unnatur. Unter den Bildnern ragen hervor: _Simon Guillain_, _Jacques Sarrazin_ (g. 1590), die Brüder _Michael_ und _Franz Anguier_, _Fr. Girardon_ (1630-1715), welcher nach _Lebrun_'schen Zeichnungen seine in Versailles und Trianon zahlreichen Werke ausführte (Raub der Proserpina, Apollo von Nymphen bedient in Relief, die Büste Boileaus). _P. Puget_ (1622 bis 1694), von seinen Zeitgenossen _Michelangelo_ gleichgestellt, während wir in seinem Hauptwerke: Milon von Croton, von einem Löwen zerrissen, nur einen melodramatischen Effekt finden; _Desjardins_, eigentlich _Mart. van den Bogaert_ ([+] 1694), _A. Coysevox_ ([+] 1720) aus Lyon (Grabmal Colberts in S. Eustache), _N. Coustou_, _P. Legros_ (1656-1719) in Rom, Turin und Paris thätig, in dessen marmorbunten Denkmale des Stanislaus Kostka (S. Andrea di Monte) wir ein trauriges Zeugniss des gröbsten Ungeschmackes erblicken u. A. Doch sind diese vielbeschäftigten und meist in Rom gebildeten Künstler noch ungleich anziehender als ihre Nachfolger im Zeitalter _Louis_ XV. Ausser _Edm. Bouchardon_ (1698-1762), an dessen Werken (bogenschnitzender Amor, Fontaine de Grenelles, Reiterstatue Louis XV.) die verhältnissmässige Einfachheit und Strenge der Zeichnung gerühmt wird, vertritt _J. Pigalle_ (1714-1784) den bizarren und aufgeblasenen Styl seiner Zeit. (Hauptwerk: das Grabmal Moriz von Sachsen in Strassburg.)
Eine besondere Eigenthümlichkeit strebt weder die niederländische, noch die deutsche Bildnerei an. Dort herrscht eine Zeit lang (_Arth. Quellinus_) ein frischer Naturalismus vor, hier wird noch lange die Holzschnitzkunst gepflegt; aber im Allgemeinen waltet überall der unduldsame _Bernini_sche Einfluss. Grabdenkmäler, überaus zahlreich vorhanden, bieten die beste Gelegenheit zur Erkenntniss des giltigen barocken Styles. Kleinere Skulpturwerke, wenigstens reich geputzt, wenn auch unrein in der Zeichnung, gerathen besser als grössere Werke, an welchen nüchterne Allegorien und ein gänzliches Verkennen der plastischen Gesetze sich übermässig breit machen. Der vom Tod in das Grab zurückgewiesene General Lamberg im Mainzer Dome (1680), die aus dem geborstenen Grabe auferstehende Pastorin Langhans in Hindelbank bei Bern (1751) sind bekannte und nicht die schlimmsten Beispiele des in der Bildnerei wuchernden malerischen Geschmackes. Wir heben aus dem 17. Jahrhundert _Balth. Lentz_ in Köln (Ursulakirche), _G. Schweigger_ in Nürnberg (Kastorkirche in Koblenz), die Giesser _Seb. Kopp_ aus Forchheim (Bamberger Dom), _Wolf Herold_ und _K. Enderlein_ in Nürnberg, die Bildschnitzer _Pronner_ aus Kärnthen (in Nürnberg thätig) und _Thamasch_ aus Tirol hervor. Im 18. Jahrhundert erwarben sich eine reiche Wirksamkeit: _J. Würth_ in Wien, _Brokov_ in Prag (Brückenstatuen), _Permoser_ in Wien und Dresden, _Nahl_ in Bern und Kassel, und der unter seinen Zeitgenossen durch ein gesundes Stylgefühl hervorragende _Andr. Schlüter_ (1662-1714) in Berlin.
Die italienische Malerei im XVII. Jahrhundert.
§. 116.