Handbuch der Geschichte der Buchdruckerkunst. Erster Teil Erfindung. Verbreitung. Blüte. Verfall. 1450-1750.

Part 3

Chapter 33,195 wordsPublic domain

Wir nähern uns hiermit schon der Buchdruckerkunst. Die erste ausgedehnte Anwendung eines Druckverfahrens ist der farbige Zeugdruck, der in Europa mutmasslich zuerst in Italien geübt wurde. Ohne uns in ältere Zeiten zu verlieren steht es fest, dass schon im □xii.□ Jahrhundert Seiden- und Leinenstoffe durch Formendruck verziert wurden. Eine allgemeinere Verwendung fand der Zeugdruck im □xiii.□ Jahrhundert und erscheint oft auf den Futterstoffen der reicheren liturgischen Ornate. Gegen den Schluss des □xiii.□, namentlich aber zu Beginn des □xiv.□ Jahrh., wurde auch Leder bedruckt und als Tapete verwendet, selbst auf Bucheinbänden findet man farbige Muster auf dünnes Schafsleder gepresst. Die verzierten Tapeten zeigen nicht nur biblische Scenen sondern auch Gegenstände aus dem Sagenkreise; unter die vorzüglichsten gehören die zu Sitten in der Schweiz. Die beim Zeugdruck vorkommenden Farben beschränken sich zuerst hauptsächlich auf Schwarz und Rot, die Goldverzierungen sind durch Bestäuben erzielt. Auf grösseren Gemälden kommt an den Gewändern der Figuren eine besondere Art von Farbendruck vor, indem die Stellen mit einer kreide- oder gipsartigen Masse überzogen und dann mittels Formen mit Mustern bedruckt wurden (Teigdrucke). Auch nach der Erfindung der Buchdruckerkunst wurde der Zeugdruck mit Holz- oder Metallformen fortgesetzt, der in neuerer Zeit in grossartiger Weise als Kattundruck ausgebildet wurde.

Aelteste Bilder- drucke.

Die ältesten uns bekannten bildlichen Darstellungen in Metallschnitt reichen nach den gründlichsten Untersuchungen bis gegen Ende des □xii.□ Jahrhunderts zurück, Holzschnitte bis gegen Ende des □xiv.□ Einer der ältesten Metallschnitte ist das, früher in der T. O. Weigelschen Sammlung in Leipzig, jetzt in dem Germanischen Museum in Nürnberg befindliche Blatt „Christus am Kreuze“. Unzweifelhaft beglaubigt ist der Holzschnitt „Der heilige Christoph“ aus dem Jahre 1423. Die Erhaltung dieser, wie mancher anderen alten Drucke ist der Sitte zu verdanken, die Deckel der Büchereinbände durch Aufeinanderkleben solcher auszufüttern oder zu bekleben. Freilich haben wir durch diese Sitte andererseits den Verlust zahlreicher Blätter zu beklagen.

Die bildlichen Darstellungen hatten hauptsächlich religiöse Vorwürfe und das Bedürfnis zeigte sich namentlich in den Zeiten bedeutender religiöser Aufregung, wie zu Ende des □xiv.□ und zum Beginn des □xvi.□ Jahrhunderts. Um die Andacht beim Gebet zu erhöhen, wurden die Angerufenen durch Bilder versinnlicht. So entstanden die zahlreichen Darstellungen der heiligen Jungfrau, der Kreuzigung, der Himmelfahrt, der gesamten Passion, der Heiligen, des Weltgerichts. Gesteigert wurde der Verbrauch durch die religiösen Brüderschaften und die Wallfahrten. Es folgten die zusammenhängenden Bildwerke, die zumteil schon im frühen Mittelalter gezeichnet vorhanden waren, und im □xv.□ Jahrhundert xylographisch und typographisch vervielfältigt wurden. Die Hauptsache ward im Bilde dargestellt und die notwendige Erklärung und die Nutzanwendung in Schrift beigegeben.

Daneben machte jedoch auch das profane Leben seine Forderungen geltend und wurde durch eine Menge, teilweise sittenloser Darstellungen befriedigt. Johann Gerson in Paris, zu Anfang des □xv.□ Jahrhunderts, drang -- wie später Luther -- auf eine sittliche Umkehr und auf Beseitigung schlechter und sittenverderbender Bücher und Bilder, die sogar in den Kirchen zu Paris an hohen Festtagen verkauft wurden. Es ist jedoch von solchen Erscheinungen nichts auf uns gekommen. Das öffentliche Schamgefühl scheint das Vernichtungswerk gründlich betrieben zu haben. Von profanen Büchern mit achtbaren Zwecken sind einige erhalten worden, z. B. das „_moral play_“, die „zehn Lebensalter“, das „Glücksrad“.

Die Spielkarten.

Neben den Heiligenbildern, ja vielleicht noch vor diesen, war das Buch des Teufels, die □Spielkarten□, ein sehr gesuchter Artikel, der stark abgenutzt wurde. Schon um das Jahr 1300 wurden die Karten in Italien bekannt, kamen aber wahrscheinlich erst in dem letzten Viertel des □xiv.□ Jahrh. nach Deutschland. Um der grossen Nachfrage zu genügen, benutzte man ein Druckverfahren, durch welches die Figuren (darunter auch Heilige) nach den Farben in Metallblätter ausgeschnitten und die Farben schablonenmässig auf das Papier getragen wurden. Später schnitt man die Umrisse in Holz, druckte diese und malte den inneren Raum aus[3].

[3] □J. G. I. Breitkopf□, Versuch den Ursprung der Spielkarten zu erforschen. Leipzig 1801. -- □W. S. Singer□, _Researches into the history of playing cards_. London. -- □W. A. Chatto□, _History of playing cards_. London 1865. -- □P. Lacroix□, _Origine des cartes à jouer_. Paris 1837. -- □N. H. Willshire□, _Descriptive Catalogue of playing cards in the British Museum_, mit Illustr. 1877. -- □J. Duchesne□ l'ainé, _Jeux de Cartes etc. du XIV au XVIII Siècle_. Paris 1844.

Feststellung der Schnitte.

Die Entscheidung über das Alter eines Metall- oder Holzschnittes ist eine schwierige Aufgabe. Kolorit, Technik, Papier, Kleidung der Figuren, die Art das Haar zu tragen, Bewaffnung u. s. w. müssen in Betracht gezogen werden, um den Ort und die Zeit der Entstehung festzustellen. Später kommt der Vergleich mit den wenigen datierten Drucken hinzu. Auch die Mundart der, von den Figuren ausgehenden Sprüche und die Form der, zu diesen benutzten Schrift gewähren Anhaltepunkte, letztere jedoch insofern weniger, als die Mönchsschrift sich ziemlich unverändert das □xv.□ Jahrh. hindurch erhielt. Nach den erwähnten Merkmalen lassen sich die graphischen Kunsterzeugnisse vor Gutenberg in gewisse Schulen einordnen: die □Schwäbische□ (Ulm, Augsburg); die □Fränkische□ (Nürnberg, Nördlingen); die □Bayerische□ (Freising, Tegernsee, Kaisersheim, Mondsee); die □Niederrheinische□ (Köln, Burgund). Von diesen Schulen lieferten die beiden letzteren die besten Zeichnungen; die letzte ausserdem auch noch die besten Schnitte.

Fortschritte in der Kunst.

Beim Fortschreiten der Kunst bekommen die Zeichnungen Andeutungen von Schattierung. Auf die einfachen Unterschriften der Bilder folgen ganze Sprüche, gewöhnlich Bibelstellen und Verse; oft in der Form von Devisen aus dem Munde einer Figur hervorgehend. Aus den Sprüchen werden schliesslich ganze Textseiten, die dem Bilde gegenüberstehen. Das Bedürfnis der weltlichen Belehrung führt schliesslich zu einem Buch ohne Bilder, dem _Donatus_. Aus den Briefmalern werden □Briefdrucker□ (am Rhein _printers_ genannt) und □Formenschneider□, welche Massen produzieren, von denen leider sehr vieles in der Zeit des dreissigjährigen Krieges vernichtet, einiges aber doch erhalten wurde[4].

[4] □C. F. v. Rumohr□, Zur Geschichte der Formschnitte. 1837. -- □J. D. F. Sotzmann□, Älteste Gesch. der Xylographie. Leipzig 1837 (Raumers Taschenbuch). □J. M. Garnier□, _Histoire de l'imagerie populaire et des Cartes à jouer à Chartres_. Chartres 1869.

Kunst-Zünfte.

Die Zünfte der Genannten standen oft in grossem Ansehen. Als die bedeutendsten sind zu nennen: die in Augsburg (1418), Nürnberg, Frankfurt a. M., Mainz, Köln, Lübeck. In Ulm sind um das Jahr 1410 schon Kartenmacher und Kartenmaler, Formenschneider jedoch erst 1441. In Brügge bestand 1454 eine Brüderschaft St. Johannis des Evangelisten, zu welcher Schreiber, Schulmeister, Buchhändler, Buchbinder, Bildermacher, Bildschnitzer, Illuminatoren, Holzdrucker, Formenschneider und Briefdrucker gehörten und die noch lange nach Erfindung der Buchdruckerkunst blühte. In Italien und Frankreich kannte man solche Vereinigungen erst im □xvi.□ Jahrhundert; sie hiessen im letztern Lande: _tailleurs et imprimeurs d'histoires et figures_.

Reiberdrucke.

Noch druckte man nicht auf einer Presse, sondern das Papier wurde auf die Druckform, welche mit leichter Erdfarbe, später mit einer aus Lampenruss und Firnis gemischten Schwärze eingerieben war, gelegt. Mit einem harten Lederballen, der mit Pferde- oder Kalbshaaren gestopft war, strich man über die Rückseite des Papiers hin und her, ähnlich wie die Holzschneider mittels des Falzbeines ihre Probeabdrücke machen und wie die Chinesen noch heutigentages ihre Bücher drucken. Da der Reiber einen sehr starken Eindruck in dem Papier hinterliess, so konnte man nicht auf die Rückseite desselben nochmals drucken, sondern diese sogenannten □Reiberdrucke□ sind nur einseitige (anopistographische). Um ein Blatt mit bedruckter Vorder- und Rückseite zu bilden, musste das Blatt umgebogen und an den beiden Rändern zusammengeklebt oder geheftet werden, wie es heut zu Tage noch bei den chinesischen Büchern der Fall ist.

Selbst nach Erfindung der beweglichen Typen hört der □Tafeldruck□ nicht ganz auf, namentlich für Sachen, wozu kleinere Typen erforderlich, deren Guss noch zu schwierig war. In dieser Weise vertraten die Holzplatten zumteil die späteren Stereotypplatten. Man konnte die ersteren, deren Material so gut wie nichts kostete, bequem aufbewahren, um nach Bedürfnis Abdrücke zu machen, und hatte nicht nötig, den Aufwand an Papier für längere Zeit im voraus zu bestreiten. Nach Erfindung der Buchdruckerpresse konnte man selbstverständlich beide Seiten des Papiers bedrucken.

Die xylographi- schen Werke.

Von den Tafeldrucken in Buchform, speziell □Xylographische Werke□ genannt, sind etwa 30 auf unsere Zeit gekommen, von denen die umfangreichsten gegen 50 Blatt umfassen. Sie sind teils nur Bilder ohne Text, teils Bilder mit Text, schliesslich Text ohne Bilder. Von einigen sind die Federzeichnungen, welche der Anfertigung der Holzschnitte vorausgingen, erhalten, andere sind später typographisch ausgeführt, andere wieder xylographisch auf der Buchdruckerpresse gedruckt. Der grösste Teil ist religiösen Inhalts, der künstlerische Wert gewöhnlich unbedeutend. Wir nennen die hauptsächlichsten:

_Ars moriendi._ Eine Anleitung, selig zu sterben, in einer kompendiösen und in einer ausführlichen Darstellung (_speculum artis bene moriendi_). Das Buch schildert die Versuchungen des Menschen durch den Teufel, dem der Schutzengel entgegentritt. Der Stoff war ein sehr beliebter und das Buch wurde in allen germanischen und romanischen Sprachen bearbeitet. Der Verfasser ist nicht bekannt. Ein, früher im Besitz von T. O. Weigel in Leipzig befindliches, jetzt dem _British Museum_ einverleibtes xylographisches Exemplar der _ars moriendi_ gilt als die erste, zugleich die vollendetste Ausgabe. Sie besteht aus 12 Bogen kl. fol., in bräunlicher Farbe gedruckt. Die Schrift ist die Mönchsschrift. Die Konzeption und die Ausführung übertrifft in dem geistigen Ausdruck der Figuren und in kunstgerechter Handhabung des Messers alles, was von Kunstblättern des □xv.□ Jahrh. bekannt ist. Allen Anzeichen nach stammt das Werk aus Köln, wo es auch aufgefunden wurde[5].

[5] Das Buch erschien in einer vortrefflichen photographischen Nachbildung 1869. Das Original erzielte in der am 27.-29. Mai 1872 abgehaltenen Versteigerung der Weigelschen Sammlung die Summe von 21450 Mark. Der Seite 17 erwähnte Metallschnitt „Christus am Kreuze“ wurde mit 3375 Mark bezahlt.

Die xylographi- schen Werke.

_Historia St. Johanni eiusque visiones apocalypticae_ oder „das Buch der haymlichē Offenbarungē Sant Johans“ war schon frühzeitig der Gegenstand bildlicher Darstellung. Es giebt drei Ausgaben mit 50, drei mit 48 Vorstellungen.

_Ars memorandi_: Die Kunst, die Erzählungen der vier Evangelisten in Erinnerung zu behalten. Ein ebenfalls beliebtes, öfters aufgelegtes Werk in 15 rohen, mit blasser Farbe gedruckten Holztafeln, und 15 Blättern mit Text.

_Biblia Pauperum_, „Die Armenbibel“, ist eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen von der Geburt der heiligen Jungfrau an bis zum jüngsten Gericht, unter beständiger Hinweisung auf das Alte Testament. Das Buch ist wahrscheinlich niederrheinischen Ursprungs. Die Benennung erklären Einige, als sei das Buch für die geringeren Ordensgeistlichen, die sich _Pauperes Christi_ nannten, bestimmt, Andere nehmen an, es solle damit gesagt sein, sie sei eine Bibel für die an Gütern oder am Geiste Armen.

_Speculum humanæ salvationis_ (holländ.: _Spieghel der menscheliker Behoudnisse_): „Der Heilsspiegel“, ist ebenfalls eine Reihe neutestamentlicher Darstellungen. Von den vielen Ausgaben dieses beliebten Buches ist nur eine mit in den Tafeln geschnittenem Text, die übrigen sind typographisch ausgeführt. Das Buch ist niederrheinischen Ursprungs und die Holländer erklären dieses späte Produkt für ein von Koster mit beweglichen Typen gedrucktes Werk.

„Der Entkrist“, die Legende von dem falschen Messias. 26 Bl. in kl. fol.

„Die Legende des heiligen Meinrad“, 48 xylogr. Blätter in 8°.

Von den xylographischen Werken weltlichen Inhalts sind folgende besonders erwähnenswert:

„Die Kunst Ciromantia Dr. Joh. Hartliebs“, Leibarzt des Herzogs Albrecht des Frommen zu Bayern, 24 auf beiden Seiten bedruckte Blätter.

„Der Kalender des Magisters Johannes de Gamundia“, die älteste bekannte Ephemeride (gedruckt um d. J. 1470). Das Werk bestand nicht bloss aus der uns allein erhaltenen Tafel, sondern hatte 11 Foliobogen Text.

„Der deutsche Kalender von Magister Johann von Kunsperk“ (_Regiomontanus_) um d. J. 1473. Von diesem Werke hat man Exemplare, welche nach dem Druck abgeschrieben sind, ein Beweis, dass die gedruckten Bücher damals noch teuer waren und dass man in den Klöstern immer noch Zeit übrig hatte.

Von den Lehrbüchern war namentlich der _Donatus_ sehr verbreitet. Der Verfasser Älius Donatus, welcher um 335 n. Chr. in Rom lehrte, hat mehrere kleine grammatische Schriften hinterlassen, aus welchen man einen Auszug in Katechismusform: _Donatus minor_ bildete, der bis tief in das □xviii.□ Jahrhundert noch im Gebrauch war.

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Ebnung des Bodens für Gutenberg.

Um die Mitte des □xv.□ Jahrh. hebt sich der Sinn für die klassische Litteratur in merklicher Weise. In Italien erblüht ein frisches Geistesleben, durch Dante, Boccaccio und Petrarca geweckt. Die fürstlichen Häuser der Medici, Visconti und Este suchen ihre Ehre in der Beschützung und Pflege der Dichtkunst und der Wissenschaften. Im Norden bilden der Hof von Burgund und die niederländischen Städte Pflanzschulen der Kultur. In Deutschland geht das Lehns- und Ritterwesen zuende und der Bürgerstand erhebt sich mächtig. Die Fragen der Kirche sind auf die Tagesordnung gesetzt: Wiclef und Huss haben der Reformation vorgearbeitet.

Streitigkeiten an der Prager Universität veranlassen die Auswanderung von Lehrern und Schülern, welche die Gründung der Hochschulen zu Wien, Heidelberg, Köln, Erfurt, Würzburg und Leipzig zur Folge haben. Die Zeit war für die Entdeckung der Buchdruckerkunst gereift und die neue Welt des Geistes sollte noch eher, als die neue Welt jenseit des Meeres, ihren Columbus finden. Dieser war: □Johannes Gutenberg□.

II. KAPITEL.

DIE ERFINDUNG.

Johannes Gutenberg. Herkunft. Aufenthalt in Strassburg. Gutenberg in Mainz. Verbindung mit Johann Fust. Peter Schöffer. Gutenbergs Unglück. Sein Tod. Sein Andenken.

JOHANNES GENSFLEISCH ZU GUTENBERG, geboren in Mainz um das Jahr 1397, gehörte einer dortigen angesehenen Patrizierfamilie an. Sein Vater, □Frielo Gensfleisch□, heiratete □Else□, letzte Sprosse des Patriziergeschlechtes „zum Gutenberg“. Dieser Ehe entstammten zwei Söhne □Frielo□ und □Henne□ (Johannes).

Herkunft und Jugend Guten- bergs.

Von den Jugendjahren und dem Bildungsgang des Johannes ist nichts bekannt. In die Streitigkeiten zwischen dem Adel und den Bürgern von Mainz verwickelt, wanderte die Familie Gensfleisch 1421 von Mainz aus und zog wahrscheinlich zuerst nach Eltville im Rheingau, wo sie Güter besass. Hier wohnte 1434 noch der älteste Sohn Frielo. Aus einer Urkunde, welche □Johannes Gutenberg□ (bei diesem seinen Weltnamen werden wir ihn künftig nennen) im Jahre 1434 in Strassburg ausstellte, erfährt man erst mit Bestimmtheit, dass er dort sein Domizil aufgeschlagen hatte. Er wohnte im Kloster Arbogast an der Ill, eine Viertelstunde vor dem Weissturmthore, an der, jetzt Grüneberg genannten Stelle. In der erwähnten Urkunde erklärt Gutenberg, dass er, dem Strassburger Magistrat zuliebe, den Mainzer Stadtschreiber Nikolaus, den er hatte festnehmen lassen, um die Zahlung einer Rente von dem Mainzer Rate zu erzwingen, welche dieser beanstandete, weil Gutenberg nicht nach Mainz zurückgekehrt war, loslassen wolle. Gleichzeitig verzichtet Gutenberg auf jede Forderung an die Stadt Mainz.

Gutenbergs Associationen.

Als industrielles Talent zeigt sich Gutenberg erst um das Jahr 1435 („etliche Jahre vor 1439“). Zu der erwähnten Zeit sucht □Andreas Dritzehn□ ihn auf, mit dem Begehren, Gutenberg möge ihn in einige von den Künsten einweihen, mit welchen er sich abgebe. Gutenberg ging hierauf ein und schloss einen Vertrag in Betreff des „Steinepolierens“ mit Dritzehn ab. Im Jahre 1437 traf Gutenberg ein weiteres Abkommen mit □Hans Riffe□, Voigt zu Lichtenau, bezüglich des „Spiegelmachens“, einer Kunst, die man anlässlich der 1439 bevorstehenden Wallfahrt nach Aachen mit Vorteil auszubeuten hoffte. Gutenberg sollte zwei Anteile von dem Ertrag haben, Riffe einen. Als Dritzehn hiervon Kenntnis erhielt, drang er darauf, auch in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden und Gutenberg gab ihm schliesslich den einen seiner zwei Anteile. Später erlangte Anthonin Heilmann, ein geistlicher Herr, noch für seinen Bruder □Andreas Heilmann□, der wie Dritzehn zur Kürschnerzunft gehörte, eine Teilnahme. Man einigte sich schliesslich dahin, dass er die Hälfte von Dritzehns Drittel bekam. Jeder Teilnehmer musste an Gutenberg 80 Gulden zahlen.

Als die Aachener Wallfahrt auf das Jahr 1440 verschoben wurde, entschlossen sich die Teilnehmer, den Vertrag zu prolongieren und auf andere Zweige zu erweitern. Andr. Dritzehn und Andr. Heilmann sollten je 125 Gulden einzahlen. Nach einigen Schwierigkeiten wurde der Vertrag im Sommer 1438 auf fünf Jahre abgeschlossen. Starb in dieser Zeit einer der Beteiligten, so sollten dessen Erben nach Ablauf des Vertrags mit 100 Gulden abgefunden werden. Das Verhältnis unter den Teilnehmern blieb ein freundliches. Das Geschäft war namentlich Spiegelmachen, eine Kunst, die damals Bedeutung hatte. Besonderes Gewicht wurde bei dieser Fabrikation auf die gepressten Metallrahmen gelegt. Dass die Compagnons sich mit Metallarbeiten beschäftigten, geht deutlich aus ihren Ankäufen hervor.

Dritzehns Tod.

Weihnachten 1438 erkrankte Dritzehn in gefährlicher Weise und starb an einem der Weihnachtsfeiertage. Andr. Heilmann, dem daran liegen musste, dem Gerede Neugieriger vorzubeugen, ersuchte den Tischler Saspach, der für die Gesellschaft eine Presse gefertigt hatte, diese auseinanderzunehmen, „dann wisse niemand, was die Stücke zu bedeuten hätten“. Saspach ging auch am 26. Dez. hin, aber „das Ding“ war fort. Auch Gutenberg hatte seinen Diener Lorenz Beildeck mit einem ähnlichen Auftrage gesandt. Vergebens; die Presse war fort. Wozu sollte sie aber gedient haben? Es konnte eine Druckerpresse gewesen sein, aber ebenso wohl eine Art von Prägepresse für die Verzierungen der Spiegelrahmen. Andere haben die Vermutung ausgesprochen, es handle sich um ein Giessinstrument, einen Apparat, der wirklich neu und für die Ausbeutung der Erfindung der Buchdruckerkunst, falls es sich doch um diese gehandelt haben sollte, weit massgebender war als eine Presse. Was ein auseinandergenommenes Giessinstrument bedeuten könne, sollte allerdings dem Uneingeweihten zu erraten schwer geworden sein.

Ende der Asso- ciation.

Gegen die klaren Bestimmungen des Vertrags forderten die Brüder des verstorbenen Dritzehn, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Gutenberg, der diesen Antrag verwarf, ward nunmehr von den Dritzehns bei dem grossen Rate zu Strassburg verklagt, jedoch nach Abhören von vielen Zeugen freigesprochen. Das Urteil vom 12. Dezbr. 1439 lautete: Die Erben Dritzehns hätten sich bei der festgesetzten Entschädigung von 100 Gulden zu beruhigen, von welchen 85 Gulden, welche Dritzehn noch an Gutenberg angeblich schuldete, abgezogen werden sollten, vorausgesetzt, dass letzterer die Richtigkeit der Angabe beschwören würde. Den Eid leistete Gutenberg.

Wüssten wir auch nicht aus diesem Rechtsstreit, dass Gutenberg bis zum Sommer 1443 in Strassburg gebunden gewesen, so könnten wir aus dem Steuerregister, in welchem er in den Jahren 1439, 1443 und 1444 verzeichnet ist, leicht erfahren, dass er um diese Zeit in Strassburg verweilte. In diesem Register wird Gutenberg als „Konstofler“ bezeichnet, d. h. als Mitglied einer lokalen Innung im Gegensatz zu den gewerblichen. Auch eine Bürgschaftsurkunde Gutenbergs aus dem Jahr 1441 ist vorhanden. Einem anderen Dokument ist sein Siegel beigefügt mit der Umschrift: •S. Hans Gensfleisch dei Gutenb'g•. Aus dem Strassburger Aufenthalt erfährt man ferner, dass Gutenberg auf Grund eines angeblich nicht gehaltenen Eheversprechens von □Anna zur eisernen Thüre□ in Anspruch genommen wurde. Von einer Heirat ist keine Spur zu finden, jedoch schreibt sich Anna später □Annel Gutenbergerin□.

Gutenbergs Rückkehr nach Mainz.

Die pekuniären Erfolge der Strassburger Unternehmungen entsprachen den Erwartungen der Teilnehmer nicht und Gutenberg kehrte, wahrscheinlich in der Hoffnung von seinen Verwandten das erforderliche Geld zur Durchführung seiner Pläne zu erlangen, nach Mainz zurück. Am 23. April 1444 weilt er noch in Strassburg. Nach Mainz muss er, in Begleitung von seinem treuen Diener Lorenz Beildeck, zu Ende d. J. 1444 oder zu Anfang d. J. 1445 gekommen sein. In Strassburg finden sich keine Spuren einer Buchdruckerkunst vor.

Vertrag mit Fust.

Von den ersten fünf Jahren aus dem Aufenthalt Gutenbergs in Mainz ist so viel wie nichts bekannt, nur dass sein Oheim Henne Gensfleisch der ältere den „Hof zum Jungen“ mietete und ihn darin aufnahm, ferner, dass ein anderer Verwandter Arnold Gelthuss für ein Darlehn von 150 Goldgulden, welches er am 6. Oktober 1448 gegen einen Zins von 5 Goldgulden für das Hundert aufnahm, sich verbürgte. Nur hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass seine Pläne sich in einem vorgeschrittenen Stadium befanden, dass jedoch seine Mittel zur Durchführung nicht genügten.

Da erschien zu einer, in ihrer Folge teueren Hülfe ein angesehener und gut situierter Bürger, □Johannes Fust□. Am 22. Aug. 1450 wurde ein Vertrag zwischen diesem und Gutenberg abgeschlossen, nach welchem Fust 800 Goldgulden gegen 6% Zinsen vorstreckte. „Das Gezüge“ blieb Unterpfand. Sollten die Kontrahenten in Differenzen geraten, so hatte Gutenberg die 800 Gulden zurückzuzahlen. Ausserdem wurde übereingekommen, dass Fust jährlich bis zu 300 Gulden für Löhne, Hauszins, Pergament, Papier, Farbe und andere Erfordernisse vorschiessen sollte. Der ganze Vertrag hatte somit einen rein finanziellen Charakter. Gutenberg gab den Gedanken, das Werkzeug, die Arbeit; Fust das Geld. Von einer Miterfinderschaft des letzteren ist mit keinem Worte die Rede.

Damaliger Stand der Erfindung.