Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 72
[795] Dass Wahrsagerei mit Hilfe von Geistern geschieht, spricht die Homilia de sacrilegiis III 5 deutlich aus: _qui diuinos uel diuinas id est pitonissas, per quos demones responsa dant, consulit_ ... In der Eirikssaga rauða heissen solche weissagende Geister _natúrur_, Naturwesen. Die Lieder, mit denen sie beschworen werden, heissen nach der Hauksbók _varđlokkur_, nach der Handschrift Am. 557 _vardlokr_ (vgl. das Facsimile bei Reeves, The finding of Wineland the good S. 109 u. 127). Wol dieselbe Art von Liedern sind im Grógaldr 7 gemeint: _urþar lokur_. _varđlokkur_ begegnet im schott. _warlock_, böser Geist. _Varđlokkur_ sind Zauberlieder, aber der etymologische Sinn ist dunkel. _Varđ-_ ist deutsch _wart-_, an. _Varđrún_ zu _Wartrûn_; _warten_ heisst bewahren, schützen. _Lokkur_ kann zu _lokka_ gehören, etwa Lockung; _lokur_ sind Riegel, Schlösser. Die Bedeutung wird nicht klarer. Schwerlich liegt in _varđ-_ der Begriff Geist, Gespenst, es müsste denn zu _urđr_ (_urđir_, Schicksalsgöttinnen) gehören, oder wie norwegisch _vord_, schwed. _vård_, Wächter, Schutzgeist, aus engerer Bedeutung sich zum Begriff „Geist“ überhaupt erweitert und verallgemeinert haben. Die Geister scheinen aber an. _gandar_ genannt worden zu sein. _Gand_ begegnet in deutschen (_Ganthar_, _Gantfrid_, _Gantrih_ bei Förstemann, Namenbuch 1, 468) und nord. (_Gandalfr_, _Gandvik_) Namen. Gleichviel welchen Ursprungs das german. Wort sein mag, die Bedeutung Zaubergegenstand und zauberhaftes Wesen, Gespenst, scheint sicher; vgl. Müllenhoff, Altertumskunde 5, 110; Fritzner, Ordbog I², 544; Kögel, Litteraturgeschichte I, 1, 52. Wie man die Gandar beschwor, zeigt die Vǫl. 28/30. Die Volva sitzt zur Beschwörung draussen (_ein sat úte_), als Odin zu ihr trat. Er gab Ringe und Halsband zur Entlohnung hin und empfing dafür von der Volva weise Kunde und Weissagung der Geister (_spǫ́ ganda_), welche die Volva zu diesem Behufe beschworen hatte. Nach Vǫl. 22 sind die _gandar_ auch bei Heids Zauberei, bei ihrem Seid, im Spiele (_vitte ganda_). Die Fóstbrœðrasaga Kap. 9 erzählt: „Es ereignete sich, dass Thordis nachts im Schlafe sich übel geberdete, und die Leute sprachen davon, dass man sie wecken solle. Ihr Sohn Bodwar sprach: Lasst meine Mutter ihres Traumes geniessen, denn es kann sein, dass der Alten etwas erscheint, das sie wissen will. Und sie ward nicht geweckt. Als sie aber erwachte, holte sie schwer Atem. Ihr Sohn Bodwar sprach: Du gehubst dich übel im Schlafe, Mutter; ist dir etwas erschienen? Thordis antwortete: Weit herum habe ich diese Nacht die Geister getrieben (_víđa hefi ek gǫndum rennt i nótt_) und habe nun Dinge erfahren, die ich zuvor nicht wusste.“ _Gandreiđ_, Zauberritt, heisst in der Njálssaga Kap. 126 die Erscheinung eines gespenstischen Reiters vor grossen Ereignissen, vgl. Maurer, Bekehrung 2, 404.
[796] Diese Auslegung gab Finn Magnusen, den äldre Edda, Kopenhagen 1821, Bd. 1, 5; Müllenhoff, Deutsche Altertumskunde 5, 42; Heinzel, AnzfdA. 12, 49 Anm. vermutet Zusammenhang mit slav. _volchvŭ_?
[797] Vgl. E. H. Meyer, Völuspa S. 9 ff.
[798] Über _seiđr_ vgl. Uhland, Schriften 6, 392 ff.; Maurer, Bekehrung 2, 136 ff.; R. Keyser, Samlede afhandlinger 363 f. Für den Zusammenhang zwischen Seid und Finnenzauber sind Uhlands treffliche Bemerkungen maassgebend.
[799] Lokas. 24 ist mit Bugge, Studien 138 _vitku líke_ für Hds. _vitka líke_ zu lesen. Nie wird Odin _seiđlmađr_ benannt, seine Galdr und Runen bilden ja eben den Gegensatz zum unehrlichen _Seiđr_. Yngl. Kap. 7 „Odin verstand sich auf die Fähigkeit, die am mächtigsten wirkt, und übte sie, die Seid heisst“ enthält einen offenkundigen Irrtum; Snorri sagt selber kurz vorher Kap. 4, Seid sei den Asen fremd gewesen.
[800] Noreen, Indogerm. Forschungen 4, 326 nimmt zwei Formen, ahd. _hazusa_ und _hagazusa_ aus _haga-hazusa_ an. _Hazusa_ ist Participbildung zu got. _hatan_, ahd. _hazzên_; _hazusa_ ist die Feindliche, Unholde, _hagazusa_ die feindliche Waldfrau; vgl. auch Kaufmann, Beiträge 18, 155 Anm. 1.
[801] Die Ausdrücke dafür sind _finnfǫr, trúa á Finna, fara til Finna, gera finnfarar, fara til Finnmerkr at spyrja spá_. Der Name Finnen umfasst in der alten Zeit auch die Lappen. Über die Zauberkunst dieser Völker, die so häufig als Lehrmeister der Nordleute erscheinen, vgl. Fritzner, Lappernes hedenskab og trolldomskunst in der norsk historisk tidskrift 1, 4, 164 f.; 184 ff.; 208 ff.
[802] Drauma-Jónssaga hrsg. von H. Gering, Halle 1893.
[803] Vgl. Wuttke, Der deutsche Volksaberglaube, Berlin 1869, § 220 ff. Zauberbücher sind Fausts dreifacher Höllenzwang, seit Ende des 16. Jhrh. oft gedruckt (vgl. Düntzer in Scheibles Kloster 5, 116), eine Anleitung zum Geisterbann; das Romanusbüchlein, in diesem Jahrh. in Süddeutschland verbreitet, eine Sammlung von Gebeten und Segensformeln, des Albertus Magnus egyptische Geheimnisse, der wahrhaftige feurige Drache oder Herrschaft über die himmlischen und höllischen Geister und über die Mächte der Erde und der Luft, der wahre geistliche Schild, das 6. u. 7. Buch Mose u. dgl. mehr. In dem Wuste von Unsinn taucht auch öfters manche Erinnerung an ältere sinnvollere Zauberbräuche auf.