Handbuch der Germanischen Mythologie

Part 47

Chapter 473,470 wordsPublic domain

Die Gylfaginning fährt in ihrem Berichte fort: „Diese Flüsse, die Eliwagar heissen, waren soweit von ihrem Ursprunge fortgekommen, dass die darin enthaltene giftige Flüssigkeit (d. h. die bitterkalte Flut) erstarrte wie die Schlacke in der Esse. Dort befand sich Eis, welches stehen blieb und nicht mehr vorrückte; da legte sich Reif darauf und auch das Nass der Giftflut gefror zu Reif, und so schob sich eine Reifschicht über die andere nach _ginnunga gap_ hinein. Der nördliche Teil der gähnenden Kluft füllte sich mit dicken, schweren Eis- und Reifmassen, die Sprühregen und Winde hervorbrachten. Der südliche Teil wurde lauer durch die Funken, welche aus Muspellsheim hereinflogen. Wie die grimmige Kälte aus Niflheim kam, so war alles in der Nähe von Muspellsheim heiss und hell. _Ginnunga gap_ ward so lau wie windstille Luft. Als die heisse Luft den Reif erreichte, so dass er zu schmelzen und zu tropfen begann, da entstand ein Wesen, wie ein Mensch gestaltet. Sein Name war Ymir, den die Reifriesen Örgelmir (den gewaltig Rauschenden) nennen, und er ist der Stammvater ihres Geschlechts.“ So sagt auch Wafthrudnir (Vafþr. 31):

Aus den Eliwagar troff ätzendes Gift, Das türmte sich, bis ein Thurs draus ward; Das ist der Ursprung unsres Geschlechtes, Drum ist rauh der Riesen Sinn.

Der leere Raum erfüllt sich allmälig mit den Elementen, die sich zu einer Riesengestalt verdichten. Die Riesen bewohnen überhaupt die unwirtlichen, den Menschen unzugänglichen Gegenden. So ist jener erste Riese im Ureise der nordischen Vorstellung völlig angemessen und ebenso gut denkbar, wie die Riesen im Eise des nächtigen Polarmeeres, welche Hymir verkörpert. Das Gesamtbild der von Wasser, Nebel und Eis erfüllten Urwelt, deren Nacht vom Süden her allmälig Licht und mildere Luft empfängt, ist deutlich genug der nordischen Natur entnommen. Dort spielen sich die in der Gylfaginning geschilderten Vorgänge immer von neuem ab. Dass dem Urstoff ein organisches Gebilde entwächst, berichten auch andere Kosmogonien. Die dem Chaos entspringenden Kinder Erebos und Nyx sind keineswegs abstrakt als Zustände, vielmehr persönlich, als titanische, riesenhafte Wesen gedacht, ja Chaos selber gilt später auch für persönlich. So wird auch der Abyssus der biblischen Schöpfungslehre als ein im Abgrund eingesiedelter Riese gedacht und dargestellt. Nach der Vǫlospǫ́ sind _Ymir_ und _ginnunga gap_ gleichzeitig und mit Recht: sie verhalten sich wie _Chaos_ und _chaos_, _Abyssus_ und _abyssus_. Auf der einen Seite steht die geistigere, des abstrakten Denkens fähige Vorstellung, auf der andern die sinnliche, die nur Gestalten begreift. Die Gylfaginning philosophiert, wie der Urstoff zum riesenhaften Urleib werden konnte, wie in beiden die gleichen Grundkräfte der Natur wirken.

_Ymir_ (zu _ymja_, rauschen) besagt dasselbe wie _Örgelmir_, den rauschenden, brausenden Urstoff, das Gewässer des Meeres, zum riesenmässigen Urleibe geformt. Sobald aber ein menschenähnliches Gebilde dem Chaos entstiegen, vollzieht sich auch die weitere Entwicklung auf dem Wege natürlicher Zeugung. Dass im ersten Leibe beide Geschlechter vereinigt waren, wusste wol auch die germanische Theogonie und Anthropogonie. Tuisto ist ja vielleicht der Zwitter, ebenso Ymir (Vafþr. 33). Als er schlief, geriet er in Schweiss, da wuchs ihm unter dem linken Arme Mann und Weib, sein eigner Fuss zeugte mit dem andern einen Sohn, und so erwuchsen ihm Nachkommen. Denn von Ymirs Geschlecht sind alle die Riesen (Hyndl. 34). Ymirs-Örgelmirs Sohn und Enkel heissen Thrudgelmir und Bergelmir, von letzterem stammt das jüngere Reifriesengeschlecht, nachdem das ältere in der grossen Flut umkam. Zu beachten ist das Festhalten des gleichen Stammes in den Namen _Hwergelmir_, _Örgelmir_, _Thrudgelmir_, _Bergelmir_. Hwergelmir, der Urquell aller Gewässer, ist das rauschende Element selber, aus dem sich auch die Riesen erheben. Man wird an die griechische Lehre vom Okeanos als dem Anfang aller Dinge erinnert. Okeanos ist ebenso das flüssige Element selbst wie dessen Beherrscher, also sachlich und persönlich gedacht. So liegen in der nordischen Weltlehre verschiedene Anschauungen neben einander, indem das erste Geschöpf dem Chaos, den Elementen, dem Urflüssigen entwächst. Kann man allenfalls dem naiven dichterischen Glauben den Gedanken zutrauen: Im Anfang war das Wasser und der Riese des Wassers, oder im Anfang war das Chaos und der Riese des Chaos, so ist der Versuch, die Entstehung dieses Urgeschöpfes zu erklären, jedenfalls ein Stück mittelalterlicher Physik und gewiss nicht selbständig in den Köpfen isländischer Gelehrter entstanden.[638]

Als der Reif weiter schmolz, entstand die Kuh Audumla daraus. Vier Milchströme rannen aus ihren Zitzen und damit nährte sie den Ymir. Die Kuh aber fristete dadurch ihr Leben, dass sie die Reifsteine beleckte, welche salzig waren. Am ersten Tag nun, als sie leckte, kam eines Mannes Haar zum Vorschein, am zweiten Tage der Kopf und am dritten der ganze Mann. Sein Name war Buri; er war der Vater des Bur, welcher Bestla, die Tochter des Riesen Bolthorn, zur Frau nahm. Dies Paar hatte drei Söhne, Odin, Wili und We. Nur bei Snorri steht dieser wunderliche und dunkle Bericht. Der Name Audumla widerstrebt der Deutung. Ihr Amt ist ein zwiefaches. Sie nährt den Ymir, wozu sich anderwärts ähnliches nachweisen lässt. Zeus hat eine Ziege zur Amme; in Sage und Legende treten häufig Tiere als Nährmütter der Menschenkinder auf. Da noch kein andres Leben herrscht, muss die Sage der Audumla denselben Ursprung beilegen wie dem Ymir. Wer in Audumla die Nass und Fruchtbarkeit spendende Wolke sieht, weil in einigen Mythologien, namentlich in der indischen, die Wolken oft als Milchkühe erscheinen, verkennt doch zu sehr den Unterschied zwischen südlicher und hochnordischer Natur. Unerhört aber ist, dass die Kuh die Götter zum Leben erweckt. Riesen und Götter sind nach der nordischen Weltsage nicht erschaffen wie Menschen und Zwerge, sondern von selber aus dem Chaos aufgegangen; die Riesen früher als die Götter, wie auch die Titanen vor den lichten Göttern da sind. Buri und Bur, Wili und We, diese Namen entstammen der christlichen Dreiheit, wie bereits oben gezeigt wurde. Ein spät erfundener Stammbaum führt Odins Sippe in die Weltanfänge hinauf. Während Zeus einem Titanen entsprosst, berührt sich Odin nur mutterhalb mit den Riesen.

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So waren die elementaren Naturmächte, die wilden, ungebändigten Riesen, und die ordnenden, geistigen, göttlichen Gewalten bereits vor Erschaffung des Himmels und der Erde vorhanden. „In den Asen erscheint eine edle, gelungene zweite Hervorbringung gegenüber der ersten halbmissratenen riesischen. An den Riesen war ein Übermaass des plumpen Leibes aufgewandt; bei den Asen gelangten Leib und Seele zu vollem Gleichgewicht, und neben unendlicher Stärke und Schönheit entfaltete sich durchdringender, schöpferischer Geist“ (J. Grimm, Mythol. 529). Alsbald beginnt aber auch der Kampf zwischen ihnen, welcher das ganze Dasein der Götter in der nordischen Sage erfüllt. Die Götter bändigen die ungezügelten Elemente, um geordnete, wirtliche und wohnliche Zustände dem Chaos entgegenzustellen. Aber es bedarf steter, scharfer Wachsamkeit, den Bestand des Gewonnenen zu sichern. Am Ende stürzt doch alles wieder vor den entfesselten Elementargewalten zusammen. Die Riesen rächen ihre lange Unterjochung an den Göttern. Aus den Trümmern taucht eine neue vollkommene, sündlose Welt unter einem andern ewigen Gotte empor. Auch Zeus ringt seine Macht den Titanen und Giganten ab. Doch gewaltiger und heldenhafter ist Odins That, und das in der Zukunft drohende Ende, dessen Herannahen die Götter wissen, verleiht der nordischen Göttersage eine mit Recht bewunderte erhabene Tragik.

Die Söhne Burs töteten den Ymir, und es lief aus seinem Körper so viel Blut, dass sie darin das ganze Geschlecht der Reifriesen ertränkten. Nur einer entkam mit seinen Angehörigen: ihn nennen die Riesen Bergelmir. Er begab sich mit seiner Frau in ein Boot und rettete sich darin. Von ihm stammen die jüngeren Geschlechter der Reifriesen.

Wafthrudnir erzählt (Vafþr. 35):

Ungezählte Winter vor der Erde Schöpfung Geschah Bergelmirs Geburt; Als Frühstes weiss ich, dass der erfahrene Riese Im Boote geborgen ward.

Die Angaben des Liedes und der Gylfaginning stimmen nicht vollständig überein. Hier besteigt der Riese mit seiner Frau das Boot[639], dort wird er allein hineingelegt, vielleicht als Kind, falls nicht die Bezeichnung _„enn fróþe jǫtonn“_, der erfahrene Riese, dagegen spricht. Die nordische Sinflut[640] fällt noch in die chaotische, urweltliche Zeit. Sie entsteht aus dem Blute des erschlagenen Ymir zur Vernichtung seiner Nachkommen. Die Götter versuchen durch Totschlag und Überschwemmung ihre Gegner zu verderben. Auch die nordische Flut wird zur Strafe wilden Übermutes von den Göttern verursacht. Dass die Flut mit Ymir zusammenhängt, findet vielleicht in den Worten der Genesis 7, 11 _rupti omnes fontes abyssi_, wodurch die biblische Flut herbeigeführt wird, Erklärung, sobald nämlich hier, wie an andern Stellen Abyssus persönlich gedacht wird.

2. Die Schöpfung der Erde und des Himmels.

Die Söhne Burs erhuben nun die Lande und erschufen den schönen Midgard, und zwar aus dem Riesenleibe.[641]

Aus Ymirs Fleisch ward die Erde geschaffen, Aus dem Blute das brausende Meer, Die Berge aus dem Gebein, die Bäume aus den Haaren, Aus dem Schädel das schimmernde Himmelsdach. Doch aus seinen Wimpern schufen weise Götter Midgard dem Menschengeschlecht; Aus dem Hirne endlich sind all die hartgesinnten Wetterwolken gemacht.

Gylfaginning Kap. 8 fügt noch bei, die Götter hätten den erschlagenen Ymir in die Mitte von Ginnunga Gap geschleppt und dort aus seinem Leibe die Welt gebildet. Aus dem Schädel fertigten sie den Himmel und setzten ihn über die Erde auf vier vorstehenden Stützen, und unter jede Stütze setzten sie einen Zwerg, den Austri, Westri, Nordri und Sudri. Um die Erde rings herum legten sie das Meer. Himmel und Erde sind also zum Riesenleibe in Beziehung gesetzt. Die Himmelswölbung wird dem gewölbten Riesenschädel verglichen, folgerichtig sind die das Himmelsgewölbe erfüllenden Wolken aus dem Gehirn Ymirs entsprungen. Der Riesenleib ist der Erde gleich, was ins einzelne ausgemalt eine Zusammenstellung von Blut und Wasser, Bein und Stein, Haar und Pflanzen ergibt. Dass Midgard aus den Wimpern erschaffen ist, deutet auf eine schützende Umzäunung, vielleicht auf einen am Rande der Erdscheibe herumlaufenden Waldgürtel. Snorri nennt aber Midgard einen Wall (_borg_), den die Götter wegen der feindlichen Gesinnung der an den Meeresküsten angesiedelten Riesen rund um die Erde errichtet hätten. Auch in andern Mythologien finden sich Ansätze oder ähnlich durchgeführte Gleichungen zwischen Himmel und Erde und einem Riesenleib. In mittelalterlichen Schriften begegnen Spekulationen über das Verhältniss des _Makrokosmos_ und _Mikrokosmos_. Adams Leib ist aus acht Teilen gebildet, worunter die Gleichungen Erde und Fleisch, Stein und Bein, Meer und Blut, Pflanzen und Haar, Wolken und Gedanken wiederkehren. Der Unterschied zwischen der heidnischen und christlichen Lehre besteht darin, dass dort die ganze Natur der auseinander gefallene Urmensch ist, hier der Mensch aus natürlichen Elementen zusammengesetzt wird. War man früher geneigt, die christliche Vorstellung aus der heidnischen abzuleiten, so dringt neuerdings die umgekehrte Auffassung durch, dass die Ymirsage von der Adamsage abhängig sei. Schliesslich ist die Möglichkeit beiderseitiger selbständiger und unabhängiger Entstehung nicht abzuweisen, nachdem ähnliche Gedanken bei den verschiedensten Völkern und zu verschiedenen Zeiten auftauchen.

Aus den Funken aus Muspellsheim machten die Götter Himmelslichter. Dann ordneten sie den Lauf der Sonne, des Mondes und der Sterne, die Folge von Tag und Nacht und die Jahreszählung. Von Süden her beschien die Sonne den Erdengrund, da entsprosste grünes Gras.

Darauf schufen die Götter in der Mitte der Welt Asgard, das Götterheim. Dort ist ein Ort, der Hlidskjalf (Thürbank, Thürschwelle) heisst. Von dort aus kann Odin die ganze Welt übersehen. Der Hochsitz Hlidskjalf, der Übersicht über die ganze Welt gewährt, ferner Namen einzelner Götterburgen wie Breidablik (Breitglanz), Glitnir (der Glänzende), Himinbjorg (Himmelsberg) zeigen deutlich, dass Asgard im Himmel über Midgard liegend gedacht ist.[642]

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Wenn ausserdem einige Male noch von Jǫtunheim[643], der Riesenwelt, Alfheim[643], der Albenwelt, die Rede ist, so soll damit nur allgemein der Aufenthaltsort dieser Wesen bezeichnet werden. Eine bestimmte Welt, wie Midgard und Asgard, ist nicht damit gemeint. Anders verhält es sich mit Muspellsheim und Niflheim[644], die ja schon in Snorris Schöpfungsberichte am Anfange erschienen. Niflheim oder Niflhel gilt als die Totenwelt, als die Nebelhölle, als die Unterwelt. Einige Male wird nach christlichem Vorbilde auch noch von der untersten Hölle gesprochen. Dass die Hölle unter Midgard sich ausdehnt, mag altgermanischer Glaube sein. Der Aufenthalt der Toten, die im Grabe geborgen werden, muss ja als unterirdisch gedacht werden.

Die Vǫlospǫ́ 2 und die Vafþrúþnesmǫ́l 43 erwähnen neun Welten, _nio heimar_. Auf Grund dieser Stellen ist auch in der Snorra Edda beiläufig von neun Welten die Rede.[645] Aber nirgends werden sie aufgezählt, vor allem nirgends im Weltgebäude vorausgesetzt. So einfach und klar das Weltbild der vom Himmel (Asgard) überwölbten Erde (Midgard) sich darbietet, so unmöglich ist die Vorstellung von neun Welten, will man sie gleichberechtigt mit jenen im Weltganzen unterbringen. In den Liedern erscheint die Neunzahl beidemal im selben Zusammenhang und im selben Sinn: wer die neun Welten durchfuhr, weiss alles. Die neun Welten scheinen nur typisch gezählt zu sein.[646] Die Vǫlva und Wafthrudnir wollen damit sagen, dass sie bei allen Wesen und in aller Welt geweilt, alles durchforscht haben und darum alles Weltwissen besitzen. Ein ähnlicher Gedanke liegt auch dem Alwisliede zu Grunde. Thor verlangt vom weisen Zwerge Bescheid, wie einzelne Begriffe in den vielen Welten genannt werden, und Alwis antwortet demnach, wie Erde, Himmel, Sonne, Mond, Wind, Wolke, Meer, Feuer u. s. w. bei Asen, Wanen, Menschen, Riesen, Zwergen, Elben heissen. Darum scheint es ein vergebliches Bemühen, die neun Welten als bestimmte Örtlichkeiten aufzusuchen, eher sind die verschiedenen Wesenklassen gemeint, deren Aufenthaltsorte ja zuweilen auch als „_heimr_“ bezeichnet werden. Die Neunzahl mag bildlich zu verstehen sein als der Inbegriff des Vorhandenen.

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Die nordische Weltvorstellung ist so zu denken: Midgard ist rings vom Meere umgeben, Meer und Erde bilden eine kreisrunde Scheibe, über welche sich der Himmel wölbt. Der ganze Weltbau, Himmel und Erde und Meer, schwebt im leeren Raum (_ginnunga gap_). Dort war ja Ymir zerstückelt worden. Wer sich allzuweit auf das erdumgürtende Meer hinauswagt, gelangt schliesslich zu den Grenzen der Welt und läuft Gefahr, in den gähnenden leeren Raum zu stürzen. So ist _ginnunga gap_ im 11. Jahrhundert bei Adam von Bremen ein geographischer Begriff, die Grenze des Weltmeers im hohen Norden.[647] Midgard ist die wirkliche Erde, wo Menschen wohnen. Über ihr steht die himmlische Götterwelt, Asgard, unter ihr dehnt sich die Hölle, Niflheim, aus. Ausser Asgard, Midgard und der Hölle gab es ursprünglich wol nur Utgard. Darunter sind unwirtliche, dem Anbau widerstrebende, öde und wilde Landstrecken gemeint; dorthin sind Trolle und Riesen versetzt. Bei der Fahrt Thors nach Utgard, ins Riesenland, ist es jenseits des Meeres gedacht. Nach ihrer Landung haben die Gesellen noch einen breiten und weiten Wald zu durchwandern. Nach der Gylfaginning werden die Riesen längs der Meeresküste angesiedelt. Die Vorstellungen über die Lage von Utgard schwanken. Ursprünglich galt wol die Anschauung, dass die Riesen streckenweise am diesseitigen Gestade, vor dem Schutzwall Midgards, hausten, im Ost- und Nordgebirge Norwegens. Denn jenseits des Meeres ist Ginnunga Gap. Im 9. und 10. Jahrhundert erweiterten sich die geographischen Begriffe der Nordleute beträchtlich infolge der Entdeckungsfahrten. Um 880 wurde das Nordkap umschifft, um 874 Island entdeckt, gegen Ende des 10. Jahrhunderts Grönland. Infolge davon scheint Utgard jenseits des Meeres verlegt worden zu sein. Handelt es sich ja doch auch um kein rechtes bewohnbares Land, vielmehr um wüste Gegenden. Da die Riesen schon vor Erschaffung von Midgard und Asgard im chaotischen Urzustände, im Ginnunga Gap heimisch waren, so fällt Utgard mit Ginnunga Gap gewissermaassen zusammen.

Wie viel von diesen Vorstellungen gemeingermanisch sind, lässt sich einigermaassen bestimmen. Schwerlich die Schöpfung, wol aber die Einrichtung der Welt dachten sich auch die andern Stämme gleich. Denn derselbe Name für die bewohnte Erde (got. _midjungards_, ahd. _mittil-mittingart_, as. _middilgard_, ags. _middangeard_) geht überall durch. Midgard ist der mittlere, eingefriedigte Raum, das mittlere Gehege. Der Begriff „Mitte“ geht von der natürlichen Anschauung aus, wonach die Erde im Mittelpunkt der Welt steht. Möglicherweise ist auch wie im griechischen μεσόγαια das Binnenland gemeint im Hinblick auf das umgürtende Erdmeer. Als Erdkreis und Himmelskugel stellt sich die Welt dem Auge dar. Dass die Götter im Himmel hausen, ist von selbst verständlich und wird im langobardischen Wodansliede bezeugt. Auch die Hölle ist allen Germanen bekannt. Die Namen Asgard, Utgard u. a. sind aber auf den Norden beschränkt. Die Grundzüge des Weltbildes scheinen somit gemeingermanisch, die Einzelheiten und die Sagen von ihrem Ursprung müssen wir als ausschliesslich nordisch betrachten, so lange anderweitige unzweifelhafte Überlieferung versagt.

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Noch einige Sagen, die auf Tag und Nacht, Sonne und Mond Bezug nehmen, stehen in äusserlichem Zusammenhang mit der Kosmologie. Aber man merkt beim ersten Blick, dass sie viel jünger sind. Ihr Ursprung liegt teilweise in dem Bestreben nach der Personifikation bestimmter Erscheinungen und Vorgänge des Naturlebens. Auch fremde Vorbilder mögen teilweise eingewirkt haben.

Tag und Nacht sind von Allvater an den Himmel gesetzt. Er gab ihnen zwei Pferde und zwei Wagen, auf denen sie um die Erde fahren. Die Nacht fährt mit Hrimfaxi, der die Erde mit seinen Gebisstropfen betaut; der Tag hat den Skinfaxi, von dessen Mähne Luft und Erde erglänzt.[648] Auch in Deutschland trifft man das Bild des einher reitenden Tages, der begrüsst wird wie eine freundliche Gottheit. Bældæg, heller Tag, war des Lichtgottes Namen bei den Angelsachsen. Die vom Zauberschlaf erwachte Brynhild ruft mit feierlichem Grusse den Tag und die Söhne des Tages (Lichtgottheiten), die Nacht und die Tochter der Nacht (Jord, die Erde) an. Bereits die zahlreichen Redensarten, die von Tag und Nacht gebräuchlich sind, drängen auf Personifikation hin. Mit dem Tage mag in früherer Zeit leicht auch das Bild des Lichtgottes verschmolzen sein. Der Tag auf Skinfaxi, dem hellmähnigen Rosse, mag aus dem reisigen Himmelsgotte, aus Baldr-Bældæg entwickelt sein. Aber die auf dem Wagen stehenden, rosselenkenden Gestalten des Tages und der Nacht sowie der Sonne erinnern stark an antike Mythen von Helios mit den sonnenhellen, von Nyx mit den dunkeln Rossen. Auf die Nachwirkung altarischer Sagen zu schliessen, scheint nicht ratsam; denn das, was die Edda von Tag und Nacht erzählt, zeigt keine tiefere Verflechtung mit den Grundzügen der Götter- und Weltgeschichte. Nur die Begriffsnamen sind zu notdürftiger, unselbständiger Persönlichkeit gelangt. Den Verdacht der Entlehnung und Nachahmung bestärkt die Genealogie: der Riese Norwi oder Narfi[649] in Jotunheim ist Vater der Nacht. Zuerst ist Nott dem Naglfari vermählt, dann mit Onar, endlich mit Delling.[650] Der ersten Ehe entsprosst Aud, der zweiten Jord, der dritten Dag. Diese Reihe von Zeugungen titanischer Wesen hat auffallende Ähnlichkeit mit der hesiodischen Theogonie. Aus dem Chaos gingen Erebos und Nox hervor. Mit Erebos erzeugte Nox den Äther und Dies. Die Erde, Tartaros und Eros (Amor) erhielten in den verschiedenen lateinischen Genealogien, welche in den mittelalterlichen Schriften im Anschluss an Hesiod erscheinen, unter den Vor- und Nachfahren ihre Stelle. Die nordischen Namen sind zum Teil Übersetzungen der griechisch-lateinischen wie Nott-Nox, Nor-Erebus, Dag-Dies, Jord-Terra; zum Teil vielleicht volksetymologische Umbildungen wie Aud-Äther, Onar-Amor. Naglfari mag den Tartaros vertreten.

Das Bild des Sonnenwagens schildert das Grimnirlied 37 und 38.

Arwakr und Alswid ziehn aufwärts die Sonne, Ziehn matt sich und müde daran, Doch inmitten der Buge brachten milde Asen Klüglich kühlende Eisen an. Swalin heisst er, der Sonnenschild, Der vor der glänzenden Göttin steht, Felsen und Fluten, weiss ich, wird Feuer verzehren, Fällt er einstmals ab.

Die Namen der Rosse bedeuten frühwach (Eous) und allklug. Dem Norden eigen sind die Blasebälge -- denn nach Gylfaginning sind unter den „kühlenden Eisen“ solche zu verstehen --, welche die in der Sonnenglut ermattenden Pferde immer neu abkühlen und erfrischen. Eigentümlich ist der Sonnenschild Svalin (der abkühlende), welcher die Erde vor dem Verbrennen bewahrt. Vielleicht ist eine Vermischung zweier Vorstellungen im Spiele. Die Sonne wird auch „Himmelsschild“[651] genannt. Sonnenwagen und Sonnenschild scheinen vereinigt. Märchenhaft klingt der Bericht der Gylfaginning, Kap. 11: Mundilföri hatte zwei Kinder: Mani (Mond) hiess der Sohn und Sol die Tochter. Diese wurde mit Glen (glänzend) vermählt. Die Götter zürnten wegen des Hochmuts, dass sie solche Namen führten, und setzten sie an den Himmel. Sol liessen sie die Pferde lenken, die den Wagen der Sonne zogen, welche die Götter aus einem Funken geschaffen hatten, der aus Muspellsheim flog.[652] Man erkennt das Bestreben, die späte märchenhafte Erfindung von der Abstammung der Sonne mit der alten echten Sage, die das Himmelslicht als Geschöpf der Götter bezeichnet, in notdürftigen Einklang zu bringen. Die Mondflecken[653] gaben zu allerlei Erzählungen unter den verschiedenen Völkern der Erde Anlass, so auch zu folgender nordischer, die a. a. O. steht: Mani lenkt den Lauf des Mondes und waltet über Neumond und Vollmond. Er hob von der Erde die beiden Kinder Bil und Hjuki zu sich empor, als sie vom Brunnen kamen, der Byrgir heisst; ihr Wassergefäss hiess Sägr und die Stange, an der sie es auf den Achseln trugen, Simul. Widfinn hiess der Vater dieser Kinder, die den Mond begleiten, wie man das von der Erde aus sehen kann. Also zwei Gestalten, die einen Wassereimer an der Stange auf den Schultern trugen, sah man in den Mondflecken.

Der weitverbreitete Volksglaube, der in Sonnen- und Mondsfinsternissen Untiere erblickt, welche die Gestirne zu verschlingen drohen, zeigt sich auch im Norden in den Wölfen Skoll und Hati, dem Sohne Hrodwitnirs, d. i. Fenrirs.[654] Nach Vafþr. 47 verschlingt Fenrir selber die Sonne, die aber eine Tochter gebiert, welche nach dem Falle der Götter die Pfade der Mutter fahren wird. Bei ganzer Verfinsterung nimmt der Volksglaube ein vollständiges Verschlingen, aber auch eine Erneuung, eine Wiedergeburt des Gestirnes an. Hati ist der _mánagarmr_, der Mondhund, da er den Mond verschlingen wird. Ein Riesenweib ostwärts von Midgard im Walde Jarnwid (Eisenwald, Urwald) hat die Teufelsbrut geboren. Einst wird das Himmelsgestirn, die Sonne, vom Verfolger errafft werden, dann kommt Finsterniss und wüstes Wetter über die Welt.

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