Handbuch der Germanischen Mythologie

Part 45

Chapter 453,138 wordsPublic domain

Unter vielen Namen, die nach den verschiedenen Gegenden wechseln, erscheint zu gewissen Zeiten, namentlich in den Zwölften und zu Fasten, nach neuerer Volkssage ein gespenstisches Weib, das die Wohnungen der Menschen, die Spinnstube heimsucht, das Speiseopfer empfängt, an dessen Namen auch sonst allerlei Geistersagen anknüpften. Man hat lange Zeit mit dieser Erscheinung des späteren, mittelalterlichen und neuzeitlichen Volksglaubens Missbrauch getrieben, indem darin Spuren vom Umzug der altgermanischen Hauptgöttin gesucht wurden. Zum Nachweise sollten die oft recht zweifelhaft überlieferten und willkürlich gedeuteten Namen dienen. J. Grimm, A. Kühn, Schwartz, Simrock und ihnen folgend fast alle neueren Sagenforscher haben sich täuschen lassen und allzu schnell Volksbräuche neueren Ursprungs in ihren Einzelheiten zum germanischen Götterglauben in Beziehung gebracht. Freke, Fricke, Fru Gode, Fru Wode erinnerten an Frija, Wodans Frau, obwol sprachliche und sachliche Gründe entgegen stehen; Frau Holda und Berchta, womit _Bjort_, Menglods Jungfrau, sich verglich, galten als alte Beinamen. Frija, die holde, lichte, wie sie zu heiligen Zeiten unter den Menschen Umfahrt hielt, haftete noch bis zur Gegenwart herab im Bauernglauben. Dass Holda und Berchta meistens gar nicht hold und schön erscheinen, sondern im Gegenteil als hässliche Hexen, that nichts, indem das Christentum das edle und hoheitvolle Bild der göttlichen Frau ins Schlimme verkehrt hatte. Und mitunter fanden sich ja doch auch bei diesen Gestalten freundlichere Züge, in denen hinter der verunstaltenden Maske das wahre Wesen der gütigen und schönen Göttin hervorbrechen konnte. Hafteten die Namen der alten Götter in den Wochentagen und vielleicht auch hie und da in Ortsnamen, warum nicht auch in der mündlichen Überlieferung des gemeinen Mannes, in den uralten bäuerlichen Bräuchen, in denen ja thatsächlich und unleugbar ein gutes Stück Heidentum noch fortlebt? Dass sie vorwiegend erst in den Sagensammlungen unseres Jahrhunderts auftauchen, ist nicht zu verwundern, weil man früher der Volkssage nur selten und beiläufig Beachtung schenkte. Überdies lassen sich auch einzelne der fraglichen Göttinnen bis ins 14. Jahrh. zurück verfolgen, woraus ihr Alter und ihre Echtheit erhellt. Mögen auch einige der Namen ihren Anklang an die Heidengötter dem frommen Übereifer moderner Forscher verdanken[612], so bleibt doch immerhin in älteren Quellen ein unanfechtbarer Rest bestehen. Soweit scheint die Beweisführung begründet und geglückt. Und doch hält sie nicht Stand. Unerklärt bleiben diejenigen Namen, welche keinen Zusammenhang mit den heidnischen Göttinnen zeigen, unerklärt bleibt das eigentliche Wesen der Erscheinung, wovon allein ausgegangen werden muss. Das Heidentum selber zeigt die fraglichen Beiwörter nicht in Verbindung mit Frija, was allerdings in Anbetracht unserer dürftigen und lückenhaften Kenntniss nicht allzu schwer ins Gewicht fällt. Aber weit leichter wird auf andrem Weg eine befriedigende Erklärung erzielt, die nicht über das Sichere und thatsächlich Gegebene, den Volksbrauch und Aberglauben hinausgreift, und somit einer die Thatsachen bei Seite schiebenden Auslegung vorzuziehen ist. Die deutsche Mythologie hat die gemeinsame Grundlage aller dieser gespenstischen vielnamigen Frauen hervorzuheben, dann die etwaigen weiteren Zuthaten, in denen keineswegs dieselbe Übereinstimmung herrscht, die vielmehr mancherlei Sonderbildungen aufweisen. Das Alter jeder einzelnen Erscheinung ist so gut als möglich zu belegen, aber eine Anknüpfung ans Heidentum nicht gewaltsam zu erzwingen, wo die Umstände eine solche nicht gebieten, eher verbieten.

Aus dem Glauben an Gespenster, Seelen, Maren, Elbe, entspringen zahllose Volksgebräuche, so auch die, welche den wiedergehenden und umziehenden Geistern einen gewissen Dienst gewähren. In den Zwölften darf kein Flachs auf dem Wocken, kein Garn auf Spinnrad und Haspel mehr sein, sonst bekommen böse Wesen Macht darüber und spinnen ihn ab, zünden ihn an oder machen ihn durch Besudelung unbrauchbar. Oft greift eine Hand zum Fenster herein, wirft Spindeln herein, die zur Strafe schnell vollgesponnen werden müssen. Die Spinnarbeit soll an den bestimmten Abenden gethan sein und ruhen. Offenbar zielt der Brauch auf Feiertagsheiligung, welche mit Aussetzen der Werktagsarbeit bethätigt wird. Die Säumigen überrascht ein Geisterbesuch, der Teufel oder gespenstische Frauen mit hexenhaftem Aussehen. Die Arbeitseinstellung deutet manchmal auch darauf, dass dem unheimlichen Besuch der sonst dem Menschen gehörige Platz eingeräumt wird. Neben der Einstellung der Spinnarbeit begegnet auch das Speiseopfer in zwiefacher Art: dass den einkehrenden Geistern Speisen angerichtet werden, dass die Leute an den Tagen nur bestimmte Nahrung zu sich nehmen. Die einsprechenden mit Opfer geehrten Geister bringen ein gutes Jahr, Gedeihen des Hausstandes und der Feldfrucht. Wer eine andere als die altherkömmliche Speise an dem betreffenden Tage zu sich nahm, dem schneidet das Gespenst den Bauch auf und füllt ihn mit Häckerling oder gibt ihm wenigstens einen Tritt. An den allgemeinen, in Arbeitsruhe und Speisegebot sich äussernden Brauch knüpfen nun die Sagen von der dem Bruche des Feiertags folgenden Strafe, von der Macht böser Geister, welcher der Nachlässige verfällt, die in der Hauptsache ebenfalls zusammen stimmen und eigentlich nur in der Benennung der zukehrenden Frau unter sich abweichen. Die Namen der Erscheinung entstammen verschiedenen Anschauungen, die teilweise verständlich sind. In Mitteldeutschland ist _Frau Holle_ oder _Hulda_ bekannt. Das Gebiet der Volkssagen, welche sie nennen, reicht im Norden bis zum Harz, im Osten bis in die Gegend von Halle und Leipzig; von hier aus südwestlich ins Mainthal nach Unterfranken. Vereinzelt reicht Frau Holle auch nach Oestreich und Siebenbürgen. Nebenformen lauten Frau Rolle oder Frau Wolle. Ältere Belege als aus dem 16. Jahrhundert, wo „_Fraw Hulde mit der Potznasen_“ bei Luther, Erasmus Alberus, in Hexenprocessakten vorkommt, fehlen.[613] Frau Holle gehört zu den _Hollen_. Die Hollen in Mitteldeutschland entsprechen den obds. Holden. Schon ahd. begegnet _holdo_ für Genius, mhd. _holde_, der Geist, _waȥȥerholde_, der Wassergeist. Hollenzopf entspricht dem Alp-, Wichtel-, Weixelzopf, der von tückischen Elben verursachten Verwirrung der Haare. Einkehrende „Hollen“ sind gemeint, denen die zwölf Nächte geweiht sind. Aus dem Geisterschwarm erhebt sich in der Frau Holle, der Unholdin, eine einzelne Gestalt. Das Weib empfing hier seinen Namen aus der naheliegenden Vermischung mit den schweifenden Gespenstern, den Hollen, denen es ja auch von Rechts wegen zugehört.

In Oberdeutschland und streckenweise auch in Mitteldeutschland treffen wir die _Berchta_ oder _Perchta_[614], bei welcher die grauenhafte Seite noch mehr hervorgekehrt wird, als bei Holda, von der auch einige mildere Züge überliefert sind. Berchta ist völlig Kinderscheuche, wie solches überhaupt den umziehenden Geistern nachgesagt wird. Im Gebirge um Traunstein sagt man den Kindern am Vorabend des Erscheinungsfestes, wenn sie böse seien, werde die _Berchte_ kommen und ihnen den Bauch aufschneiden. Isst man fette Kuchen, so glitscht ihr Messer ab. Schon Hans Vintler nennt _Frau Precht mit der langen nas_. Ein mhd. Gedicht (von der Hagen, Gesamtabenteuer LIV) ermahnt die Kinder:

_ir sult fast eȥȥen, daȥ ist mîn bete, daȥ iuch Berhte niht trete._

Der Bercht wird Essen und Trinken zugerichtet. Im Pinzgau findet in den Rauchnächten ein Mummenschanz, das Berchtenlaufen, statt. J. Grimm war auf der rechten Spur, als er die Frau zum Erscheinungsfest in unmittelbare Beziehung setzte. Doch gab er das bereits richtig gefundene Ergebniss wieder dran, um eine altdeutsche Göttin aufzustellen. Im Ahd. befestigte sich die Übertragung _giperahta naht_, die leuchtende Nacht, für Epiphania wegen der himmlischen Lichterscheinung, die den Hirten auf dem Felde widerfuhr. Urkunden des Mittelalters datieren mit der Dativform: _perhtentag_, _perhtennaht_. Daraus entwickelte sich die im Sinne einer Kalenderheiligen persönlich gedachte _Perhtennaht_ d. h. _Nacht der Perhte_, wie entsprechend bei den Italienern aus _Epiphania_ (_befania_) die Kinderscheuche _Befana_ ward, wie in Baiern die _Luz_, die _Pfinz_ aus _Lucientag_ und _Pfingsten_, Frau _Fasten_[615] aus der _Fastenzeit_ sich entfalteten. Überall herrscht dieselbe Vorstellung von der umziehenden Frau, die aber diesmal nach dem Kalendertage ihren Namen empfing. Vor dem 14. Jahrh. ist Berchta nicht nachweisbar, dann aber gewinnt sie stetig an Ausbreitung. Dass eine Gestalt, deren Art im Gespensterglauben, deren Benennung im Kalender wurzelt, unmöglich den germanischen Göttinnen zugesellt werden darf, leuchtet ohne Weiteres ein.

„_Daȥ mære von der Stempen_“ zeigt diese in den Ostalpen heimische Gestalt der Berchte gleich geartet.

_„Eȥȥet hînte fast durch mîn bete, daȥ iuch diu Stempe niht entrete“. daȥ kintlîn dô von forhten aȥ, eȥ sprach „veterlîn, waȥ ist daȥ;, daȥ du die Stempen nennest? sag mir, ob dus erkennest“. der vater sprach: „daȥ sag ich dir, du solt eȥ wol gelouben mir, eȥ ist so griuwelich getân, daȥ ich dirȥ niht gesagen kan: wan swer des vergiȥȥet, daȥ er niht fast iȥȥet, ûf den kumt eȥ und trit in“._

Wie eine Mare kommt hier _Stempe_ (die Stampferin, Treterin, Drückerin) über den Menschen, der die gebotene Speise nicht zu sich nimmt, und von ihren Mareneigenschaften haben wol auch Stempe und die fränkische _Trempe_ (die Trampel)[616] den Namen erhalten.

Im 18. Jahrhundert wurde _Fru Freke_[617] in Niedersachsen ebenso geehrt, wie Holda in Obersachsen. Der Name Freke ist unklar, doch sicherlich ohne Zusammenhang mit Frija, weil die beiden Namen lautlich gar nichts mit einander gemein haben.

_De olle Haksche_, die Hexe, versieht das Geschäft der Rockenbesudelung bei Halberstadt. Wenn Kuhn und Schwartz auch Frau Harke[618] damit betrauen, mag eine Verwechslung mit der Riesin Harke vom Harkenberg bei Camern in der Mark mit unterlaufen. _Frau Gode_[619], die namentlich mit der wilden Jagd verwebt ist und darum in den Zwölften umzieht, verunreinigt in Mecklenburg und in der Prignitz den Rocken derer, die nicht abgesponnen haben. Im Voigtlande besorgt es die _Werre_[620], die Verwirrerin, wol da sie Flachs und Haar nach Elbenart verwirrt. Sie besichtigt, ob alle Rocken abgesponnen sind; wo es nicht der Fall ist, verunreinigt sie den Flachs. Am heiligen Abend muss ein besonderer Brei aus Mehl und Wasser gegessen werden; wer es unterlässt, dem reisst sie den Leib auf. Schon um 1640 ist die fürchterliche _Werra_ bekannt. Am Zürchersee heisst die Garnverwirrerin _de Chlungere_[621], weil sie faulen Mägden _Chlungel_, Kneuel in das unabgesponnene Garn bringt. Was von den _Fronfastenweibern_, Frau Fasten in Schwaben und in der Schweiz, berichtet wird, muss ebenso beurteilt werden. Aus dem Geisterschwarm erhebt sich eine Gestalt und erhält den Namen nach der Schwarmzeit.

Somit erkennen wir einen über das gesamte deutsche Gebiet verbreiteten Brauch, der aus dem Gespensterglauben gekeimt ist. Die Erscheinung der vielnamigen Hexe ist nicht davon loszulösen. Nicht die geringste Spur weist auf einen Zusammenhang des umziehenden Weibes mit einer altgermanischen Göttin, am allerwenigsten die Namen, die erst im späteren Mittelalter, in einer längst christlichen Zeit, aus den verschiedensten Beziehungen entsprangen. Nur insofern, als die allgemeinen Grundlagen des Gespensterglaubens im Altertum dieselben waren, wie in der Neuzeit, könnten ähnliche Vorstellungen schon in der Heidenzeit als möglicherweise vorhanden gedacht werden. Damit ist aber gar nichts gesagt, indem die uns überkommene Form eben nicht heidnisch ist. Nur eine Ausnahme liesse sich anführen: in Schweden soll Frigg die Spinnstube besuchen.[622] Hier liegen, falls die Sage Glauben verdient, die Verhältnisse wesentlich anders, indem überhaupt die alten Götternamen treuer gewahrt erscheinen, vermutlich durch gelehrte Beihilfe irgend welcher Art oder auch nur durch blosse Personifikation der Wochentagsnamen. Aber wenn auch die Namen, so sind doch keineswegs ebenso die alten Mythen erhalten. Denn Frigge ist Thors Weib und die Donnerstagsheiligung gilt beiden zusammen. Das vereinzelte und nicht ganz unverdächtige schwedische Zeugniss kann unmöglich die Behauptung rechtfertigen, die spätere Volkssage vom Weib der Zwölften oder der Fasten sei einst von der hehren Göttin Frija gegangen. Sollte neben dem Gespensterkult zu jenen Zeiten im Heidentum auch Gottesdienst gepflegt worden sein, so war er wesentlich anders, öffentliche Sache des Volkes, mit bedeutungsvoller Feierlichkeit geübt. Die besprochene Erscheinung gehört aber zum Geisterglauben.

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Dasselbe Weib, das als Frau Gode oder Wode, Berchte, Holle, Fuik die Spinnstuben heimsucht, begegnet aber auch noch in Verbindung mit andern abergläubischen Vorstellungen, die jedoch nicht die gleiche allgemeine Verbreitung zeigen und darum nur wie vereinzelte Zuthaten zur gemeinsamen Sage erscheinen. Vielleicht würde sich dadurch eine Erweiterung und Erhöhung ihres Wesens ergeben, eine Anknüpfung an heidnische Göttinnen ermöglichen lassen. Die nach dieser Richtung gemachten Versuche erweisen sich ebenso hinfällig, wie der vorige, weil sie die weit einfachere und näher liegende Erklärung, die einen Zusammenhang mit germanischen Göttinnen ausschliesst, geflissentlich vermeiden. Das wütende Heer unter Wode und andern Führern zieht in den Zwölften und sonst noch häufig um. Wie die Concilienbeschlüsse bei Burchard von Worms zeigen, fanden frühzeitig im christlichen Mittelalter Vermischungen biblischer und antiker Sagen mit dem Aberglauben zunächst des romanischen, dann aber auch des germanischen Volkes statt. Die jüdische Königstochter Herodias, die des Johannes Enthauptung bewirkt hatte, und Diana, die nächtliche Mondgöttin, die wilde Jägerin traten an die Spitze des wilden Heeres. Man glaubte von Frauen, dass sie zu gewissen Zeiten zum Dienste der Diana und Herodias in die Schar ihrer Gespenster gerufen würden. Zahlreiche gespenstische Unholdinnen, auf Tieren reitend, fuhren in deren Gefolge nächtlicher Weile weithin durch die Lande. In vielen mittelalterlichen Schriften wird dieser allgemeine und weitverbreitete Aberglaube erwähnt. Man erkennt deutlich seinen Ursprung: die nachtfahrenden Hexen erhielten eine Anführerin aus dem Kreise antiker und biblischer Vorstellungen. Somit haben wir eine bestimmte, hieraus hervorgegangene Form des wilden Heeres vor uns, welche erst verhältnissmässig spät, in christlicher Zeit aufkommen konnte. Wenn nun Frau Holle, Berchte, Gode zuweilen auch im wütenden Heere oder als wilde Jägerinnen erscheinen, so hängt dies zweifellos hiermit zusammen. J. Grimm[623] meint freilich, Herodias und Diana seien an Stelle der deutschen „Göttinnen“ getreten. Doch wie hätten deutsche Göttinnen auf romanischem Gebiete der Herodias und Diana Anknüpfung an die Hexenschar vermitteln sollen? Ausserdem ist ihr hohes Alter sehr fraglich. Herodias und Diana hatten sich vermutlich schon an die Spitze der wilden Schar gesetzt, ehe die Holle, Berchte u. s. w. im Volksglauben auftauchten. Desshalb verhält sich die Sache umgekehrt. Die Holle, Berchte, Gode verdrängten die älteren Gestalten der Diana und Herodias. Die „_turba daemonum in similitudinem mulierum transformata_“, die Schar der Unholdinnen[624] zog besonders in den Zwölften, und da kehrte auch das gespenstische Weib in den Spinnstuben ein. Alle Geister gehören schliesslich ins wilde Heer. Dass die unheimliche Gestalt manchmal auch als oberste der Hexen an Stelle der Diana und Herodias oder auch des Wode gedacht wurde, ist wol zu verstehen. Trat einmal irgendwo eine abergläubische Vorstellung, stark in den Vordergrund, in Mitteldeutschland etwa Frau Holle, auf einzelnen Strecken der norddeutschen Tiefebene Frau Gode, so ergab sich ohnehin leicht ihr Übergewicht über die andern geisterhaften Wesen. Nur eine Abart der Sage vom wilden Heere ist es, wenn die Frau mit einem Wagen erscheint, der am Kreuzwege zerbricht. Ein des Weges kommender Mann wird von ihr aufgefordert, den Schaden zu bessern, damit sie weiter fahren kann. Zum Lohn seiner Arbeit erhält er die abgefallenen Spähne, die sich am andern Tag zu Gold verwandeln. Die Frau in ihrer Beziehung zum wilden Heer reicht ebensowenig wie die einzeln umherziehende aus dem Kreise des Gespensterglaubens der Zwölften und anderer Schwarmzeiten hinaus. Abgesehen davon, dass Diana und Herodias ihr Vorbild abgaben, weist auch hier kein einziger Zug aufs germanische Heidentum, auf die göttliche Frija. Ja es scheint fraglich, ob in der Heidenzeit ein Weib neben Wode die Schar hätte führen können, und dann wäre es sicherlich keine der hohen Göttinnen, am wenigsten Frija, des lichten Tiuȥ Weib gewesen.

Frau Holle wohnt in Teichen oder in Bergen. Im 17. Jahrh. weiss Prätorius, dass sie im Hörselberge sitzt. Er stellt sie also der Venus, der mit den Seelen Abgeschiedener, nach christlicher Meinung Ungetaufter und Verdammter, im Berge hausenden Elbin gleich. Kinderseelen, die Heimchen oder bei Berchte die Berchteln, werden ihr zugewiesen. Die Neugeborenen kommen aus ihrem Brunnen. Oft sieht man sie mit den Heimchen im Lande umziehen. Ihre Umfahrt verleiht den Äckern Fruchtbarkeit. Hier tritt mit einem Male eine ganz andere Gestalt uns entgegen, anstatt der hässlichen Kinderscheuche eine milde, gütige Frau. Sollte darin etwa die Göttin nachwirken? Doch warum begegnen solche Züge so selten und nicht überall, nur bei Berchte und Holle? Auch gehören diese Sagen zu den jüngsten. Das Kinderparadies unter der Obhut einer milden, guten Frau erscheint zu weich, um ins deutsche Heidentum zurück verlegt zu werden. Von Maria wird nun ganz dasselbe erzählt.[625] In Köln werden die Kinder aus dem Brunnen der St. Kunibertskirche geholt. Dort sitzen sie um die Mutter Gottes herum, welche ihnen Brei gibt und mit ihnen spielt. Es ist nicht dunkel im Brunnen, sondern tageshell. In Jugenheim a. d. Bergstrasse sitzt Maria mit Johannes im Brunnen, geigt den darin befindlichen Kindern und spielt mit ihnen. Von holden weissen Frauen, die nicht näher bezeichnet werden, gehen noch viele ähnliche Sagen.[626] Durch Brunnen und Seen steigen Menschen öfters zu den wundersamen Gefilden der freundlichen Elben hinab. Ihre Seelen gehen in die Gemeinschaft der guten Holden. Vergleicht man hiermit die betreffenden Holdasagen, so wird auch über deren Entstehung kaum ein Zweifel möglich sein. Maria und die Heiligen nahmen sehr viel vom Wesen der guten Geister an. An Brunnen, da früher die Wasserfrau Verehrung genoss, erhub sich später ein Marienbild. Nach der Ammenrede kommen die Kinder aus dem Brunnen. Alles das wirkt zusammen zu den erwähnten Mariensagen. Frau Holle mit den Heimchen entstammt denselben Vorbedingungen. Man kann nur schwanken, ob die Entwicklung der Hollesagen selbständig und unabhängig verlief, oder ob blosse Nachahmungen der Mariensagen vorliegen. Letzteres, dünkt noch eher glaubhaft, zumal im Hinblick auf andere Berührungen zwischen Holle und Maria. Frau Holle als die holde Frau verstanden gab leicht Anlass zu ihrer Verschmelzung mit Maria.

Frau Holle wird im Himmel, über den Wolken thronend, gedacht. Daher die Redensart, wenn es schneie, schüttle Frau Holle die Betten aus, deren Federn fliegen. Da ist also Holle doch einmal eine hehre himmlische Göttin. Im Kindermärchen belohnt sie das brave, fleissige Kind mit Gold, das faule bestraft sie mit Pech. Diese Eigenschaft Holdas darf, wie J. Grimm, Myth. 246 Anm., erkannte, mit einem Namen der Maria verglichen werden. Am 5. August feierte die Kirche das Fest der _Maria ad nives, notre dame aux neiges_. Aus dem 16. Jahrhundert, aus der sächsischen Chronik des Pomarius (1588) bringen die Brüder Grimm in den Deutschen Sagen Nr. 462 eine hieher gehörige Erzählung. Kaiser Ludwig setzte einmal, als er durch einen Wald ritt, sein Marienbild auf einen Stein. Als ers darauf wieder zu sich nehmen wollte, vermochte er es nicht von der Stätte zu bringen. Da kam eine Stimme vom Himmel: So ferne und weit ein Schnee fallen wird, so gross und weit sollst du einen Dom bauen, zu Marien Ehre! Und alsbald hub es an vom Himmel zu schneien auf die Stätte.[627] Die Schnee-Maria ist somit eine legendarische, nicht bloss auf Deutschland beschränkte Gestalt. Allein schon deshalb fällt J. Grimms Behauptung, es sei eine Eigenschaft Holdas auf Maria übergegangen. Das Verhältniss ist umgekehrt, Frau Holle ist der Maria nachgeahmt.[628]

Wenn in einigen norddeutschen Landstrichen Fru Gode, Fru Gaue, de gaue Fru dasselbe Ernteopfer erhält, wie Wode, so beruht dies entweder auf der Frau Wode, der wilden Jägerin, der Diana-Herodias, oder es lässt sich ein segnender Flurgang der guten Frau, der Maria, denken.[629]

Zieht man aus der Betrachtung der gesamten Überlieferung den Schluss, so bleibt das unanfechtbare Hauptergebniss, dass in diesen Gestalten der spätmittelalterlichen und neueren Volkssage ein Nachhall germanischer Göttinnen nicht nachweisbar ist. Wol aber bieten sich ungezwungen andere ausreichende Erklärungen. Die gespenstische Frau wurzelt im Volksaberglauben; treten manchmal, namentlich an Frau Holle, mildere Züge hervor, so zeigt sich Zusammenhang mit Maria und den guten Holden. So verschiedenartig die Bestandteile sind, aus denen die umgehende Frau des Volksglaubens sich entfaltete, nirgends wirkt heidnischer Götterglaube nach. Sowenig wie früher bei Zisa, Frau Eysen (Isis) gelehrter Übereifer sich als gerechtfertigt erwies, gelang es den neueren Sagenforschern auf die Dauer, die Holda, Berchta, Fricka als germanische Göttinnen zu kanonisieren. Doch leben sie wenigstens im wirklichen Aberglauben, nur nicht, wie man wähnte, als verblasste und erniedrigte Göttinnen.

DRITTES HAUPTSTÜCK.

Von der Weltschöpfung und vom Weltende.