Handbuch der Germanischen Mythologie
Part 33
Muss es bei Saga zweifelhaft scheinen, was Odin bei ihr holt, so spricht die Sage von _Mimir_[414] umso deutlicher, dass Odin nach seinem weisen Rat verlangt. Die Wolwa sagt zu Odin, sie wisse sein Auge im weitberühmten Quell des Mimir verborgen. Allmorgenlich trinkt Mimir aus Walvaters Pfand. Ein Strom ergiesst sich mit schäumendem Sturze aus Walvaters Pfand. Snorri erklärt das verpfändete Auge Odins damit, dass der Gott zu Mimirs Brunnen trat, worin Weisheit und Verstand verborgen war. Odin verlangte einen Trunk, erhielt ihn aber nicht früher, als bis er sein eines Auge zum Pfande setzte. Das Auge des Gottes barg nun Mimir in seinem Quell. Später sagt die Seherin, Odin raunt mit Mimirs Haupt, womit vielleicht auf die in der Ynglingasaga erhaltene Erzählung angespielt wird. Beim Friedensschluss zwischen Asen und Wanen tauschten sie Geiseln. Die Asen entsandten Hönir und gaben ihm den weisen Mimir zum Begleiter. Diesem schlugen jedoch die Wanen das Haupt ab und schickten es an die Asen zurück. Odin salbte das Haupt so ein, dass es nicht verfaulen konnte, und sprach Beschwörungen darüber, dass das Haupt ihm Rede stand und verborgene Dinge kund that. Weiter wird von dem Ursprung der Denkrunen gesagt, sie habe Hropt (Odin) erdacht, geritzt und ersonnen aus dem Trank (d. h. von ihm begeistert), der aus dem Schädel Heiddraupnirs und aus dem Horne Hoddrofnirs fliesst. Heid-draupnir, Klarheit oder Gold träufelnd, Hodd-rofnir, Hort-brecher (d. h. Verteiler des Reichtums) sind vermutlich Beinamen Mimirs, der auch Hodd-Mimir, Hort-Mimir, der reiche Mimir heisst. Auf dem Berge stand Odin mit Schwert und Helm, da murmelte Mimirs Haupt weise das erste Wort und sprach wahre Worte. Endlich wird Mimameid, Baum des Mimi genannt. Kein Mensch weiss, aus welchen Wurzeln er wuchs. Wenige ahnen, was ihn zu fällen vermag; Feuer und Eisen thuts nicht. In Hoddmimirs Gehölz verbirgt sich beim Weltuntergang das Menschenpaar, von dem in der neuen Welt ein neues Geschlecht ausgeht. Offenbar ist mit diesem wunderbaren Baum die Weltesche, die sonst Yggdrasil heisst, gemeint. Die verstreuten Züge geben vereinigt dieses Bild: Aus den Wurzeln der Weltesche entspringt der Quell des weisen Mimir oder Mimi, dort birgt der Mimirquell sein Haupt. Der Ursprung der Quelle, wie Ortsnamen Brunnhaupt, Bachhaupt, Seeshaupt, Salhaupt (des Baches Sal) u. ä. zeigen, wird ihr Haupt genannt. Nach dem urweisen Wassergeist heisst der Baum auch Mimameid. Mimir (urgerm. *_Mimiaz_) oder Mimi (urgerm. *_Mimiō_), der Denkende, war ein allen Germanen bekannter Geist der Gewässer, der Beherrscher der Gewässer, die seine Söhne heissen (Vǫl. 46), dessen Sitz im Schatten der Wälder unter heiligen Bäumen gedacht wurde. Ihm eignete tiefes, unergründliches Wissen. Auf besondere Weise ist die Sage im Norden entwickelt und mit Odin und dem Weltbaum verknüpft worden. Ob man Odins Einäugigkeit auf die Sonne deuten darf, scheint zweifelhaft. Aber vorerst ist keine bessere Erklärung gefunden. Dichterische Bildersprache mag die Sonne als das Auge des Himmelsgottes bezeichnen, wie die Sonne das Auge des Zeus ist. Ihr Spiegelbild im Gewässer ist das andre Auge, das der Gott, um Weisheit zu erholen, in den tiefen Quellengrund hinabsenkte. In ständigem Verkehr stehen Sonne und Wasser, die Sonne zieht Wasser, das Wasser nimmt ihr Bild zum Pfand. So mag zur Not das Verhältniss zwischen Odin und Mimir gedeutet werden. Auch das Versinken der Sonne im Meer könnte den Mythus veranlasst haben. Liegt die Sonne im Quellengrunde, in Mimirs tiefem Brunnen, aus dem alle Gewässer ihren Ursprung haben, dann mag auch dadurch die Vorstellung, dass ein Strom aus Odins Pfande fliesst, erklärt werden. Die Sage von Odin und Mimir ist schwerlich sehr alt, sie ist allzu geistig und weist auf bewusst schaffende, kunstreiche dichterische Erfindung. „_Mimirs Haupt_“, Quellursprung, wurde später missverstanden, wörtlich genommen. Dazu mag auch mitgewirkt haben, dass Mimir an den Fuss des Weltbaumes verlegt worden war. Der Weltbaum ist aber der Kreuzesbaum und unmöglich aus dem nordischen oder gar germanischen Heidentum allein zu deuten. Der Kreuzesbaum steht, wie noch zahlreiche Krucifixe erkennen lassen, auf Adams Schädel, auf einem Menschenhaupt. Geheimnissvolle Beziehung webt vom Grunde zum Stamm hinauf, von Adam zu Christus. An der Weltesche hängt Odin, wie Christus am Kreuzesbaum. So steigt die Sage von Odin und Mimir aus ihren einfachen, volkstümlichen, germanischen Anfängen in geheimnissvolles Dunkel, in kühne Phantasien auf, deren Entstehung in eine bereits von christlichen Einwirkungen erfüllte Zeit fällt.
Odin erzählt in den Hǫ́vamǫ́l:
138 Ich weiss, dass ich hing am windbewegten Baum Neun Nächte hindurch, Verwundet vom Speer, geweiht dem Odin, Ich selber mir selbst, An dem mächtigen Baum, von dem Menschen nicht wissen, Aus welchen Wurzeln er wuchs. 139 Man bot mir kein Horn noch Brot zur Labung, Nach unten spähte mein Auge, Ächzend hob ich, hob aufwärts die Runen, Zu Boden fiel ich alsbald. 140 Bestlas Bruder, des Bolthorn Sohn, Lehrte mich wirksamer Weisen neun, Und den Trank erlangt ich des trefflichen Metes, Aus Odrerirs Inhalt geschöpft. 141 Zu gedeihn begann ich und bedacht zu werden, Ich wuchs und fühlte mich wol; Ein Wort fand mir das andere Wort, Ein Werk das andere Werk.
Die Deutung dieser Strophen ist überaus schwierig. Zunächst muss man erkunden, welche Vorstellung ihnen zu Grunde liegt, ob die Reihenfolge ursprünglich oder zufällig ist, ob Einschaltungen (etwa 140) anzunehmen sind, ob wirklicher alter Zusammenhang der Strophen und damit auch der darin berührten Ereignisse herrscht, oder ob sie aus verschiedenen unabhängigen Gedichten zusammengestellt sind. Es wird nie gelingen, über diese verhältnissmässig leichten und einfachen Grundfragen Gewissheit zu erhalten, noch weniger natürlich über den Ursprung der seltsamen Sage. Wer die Strophen als ein Ganzes betrachtet, kann etwa diese Deutung versuchen: Odin wird aus unbekannten Gründen am windumrauschten Baum aufgehängt. Ohne Labung hängt er dort und späht in die Tiefe. Ächzend erhält er Runenzauber, der ihn erlöst, dass er herabfällt. Bolthorns Sohn verleiht ihm kräftigen Zauber und erlabt ihn aus Odrerir. Darauf wächst und gedeiht er. Bolthorns Sohn weilt offenbar am Fusse des Baumes, der sicherlich die Weltesche ist. Dort fanden wir Mimir, also ist der sonst nirgends erwähnte Sohn Bolthorns, des Grossvaters Odins, mit Mimir gleichzusetzen, welcher Odins Oheim mütterlicherseits wäre. Der ganze Vorgang spielt in Odins früher Jugend, weil er danach erst gedeiht und wächst. Aber 140 ist eher aus einem ganz fremden Gedicht über Odrerirs Erwerbung hier eingeschaltet, wie ja die Hǫ́vamǫ́l gerade an dieser Stelle aus allerlei Liedbruchstücken zusammengeflickt sind. Nirgends ist Mimir im Besitz Odrerirs, wie man bei obiger Auslegung annehmen müsste. Die Strophe 140 muss als fremdartig ausgeschaltet werden; sie besagt, dass Odin von dem Sohne seines Ahns, einem weisen Riesen neun kräftige Zaubersprüche erhielt, mit deren Hilfe er den Dichtermet Odrerir erlangte. Dann bleibt nur die Sage übrig, dass der speerdurchbohrte Odin am Baume ohne Labung neun Nächte und Tage lang hing, er selber sich selbst zum Opfer hingegeben. In die Tiefe spähend hob er Runen auf, die ihm Wachstum und Gedeihen brachten. Die Weltesche heisst Yggdrasil, Ross des Yggr. _Yggr_ ist ein vielgebrauchter Name Odins, _drasil_ eine Benennung des Pferdes. Das Hängen am Galgen wird aber als Reiten auf dem Rosse bezeichnet. Yggdrasil heisst demnach _Odins Galgen_. Die Weltesche heisst nach dem Gott, der als Opfer in ihrem Gezweig hing, und gerade dieses Opfer beschreiben die ausgehobenen Strophen. Bugge hat nachgewiesen, wie der speerwunde Odin am Baume Zug für Zug ein Seitenstück zum speerwunden Christus am Kreuz, das bei den Germanen Galgen genannt wurde, ergibt. Das Kreuz ist aber gerade in seiner Eigenschaft als Galgen des höchsten Gottes ein Weltbaum, dessen Wurzeln zur Hölle reichen, dessen Wipfel den Himmel rührt, dessen Arme über die Erde deuten. Auf zwei entscheidende Punkte kommt es einzig an, für die das nordische Heidentum nicht die geringste Voraussetzung bietet, die aber ohne Schwierigkeit aus der christlichen Mythologie ihre Lösung finden: dass der Gott sich selber opfert und dass der Galgenbaum, an dem solches geschah, eben dadurch Sinnbild der Welt wurde. Dass etwa Odin mit diesem Opfer den Helden den Weg nach Walhall zeige, wie er sich nach der Ynglingasaga, wo er aber als irdischer menschlicher König gedacht ist und daher auch sterben muss, mit dem Speere ritzen lässt, ist nicht anzunehmen, schon weil der Gedanke gar nirgends angedeutet wird. Da hätte Odin auch schwerlich den Galgentod des Kriegsgefangenen, welcher den Göttern geopfert wird, gewählt, sondern den Heldentod im Schlachtsturm. Yggdrasil, Odins Selbstopfer, wie er vielleicht als Har dem Odin, er selbst sich selber, nach der Dreieinigkeit Christus Gottvater, die eins sind wie Har und Odin, am Galgen hingegeben wird, ist nur als Nachbildung christlicher Vorstellungen verständlich.[415] Nimmt man die Strophen 138, 139, 141 als zusammenhängend, so gewann Odin damit Runenweisheit, Wachstum und Gedeihen.
+Odrerir+.
Der Wundertrank _Odrerir_ ist mit der schönen Riesin Gunnlod, Suttungs Tochter verknüpft. Gunnlod hütet ihn im Berge. Odin gewinnt listig ihre Liebe und damit den Trank. Bereits oben unter Odins Liebesabenteuern wurde die Sage mitgeteilt. Dass Riesen im Besitze alter Weisheit gedacht wurden, zeigte sich bei Wafthrudnir. An Odins Aufenthalt bei Gunnlod gemahnen Volkslieder aus Schweden und Dänemark vom Ritter Tinne, den der allbezaubernde Runenschlag einer harfespielenden Zwergtochter in den Berg lockt, wo man ihm Met einschenkt und er auf goldenem Stuhl einschläft, dann durch hervorgetragene Runenbücher vom Zauber entbunden und mit heilkräftigem Segen für Streit, Reise und Seefahrt, sowie mit der Gabe, treffliche Worte zu sprechen, entlassen wird. Zweifellos ist eine Volkssage von Bergjungfrauen, die in das unterirdische Reich hineinlocken, in den Kreis der Odindichtungen hineinbezogen worden. Aber mit dem Trank Odrerir hat es doch noch besondere Bewandtniss. Odrerir wurde als der Begeisterungstrank, der den Sinn erregt, gedeutet; vielleicht ist es ursprünglich ein Trank der Verjüngung, _ú-hrerir_, der nicht verfallen, altern lässt. In der Odinsdichtung gilt er aber nur als der Dichtermet. Suttungs Met ist für die bestimmt, welche gut dichten können. Zahlreiche Anspielungen auf den begeisternden Trank, wie ihn Odin raubte, dass er aus verborgener Tiefe aufstieg zur bewohnten Erde, finden sich bei den Skalden.[416] Dem Odrerir ist noch eine wunderliche und umständliche Vorgeschichte angedichtet, wie er entstand und aus dem Besitze der Zwerge und Riesen endlich zu den Göttern und Menschen kam. Der wenig ansprechenden Erzählung in ihrer Gesamtheit kommt weder hohes Alter noch volkstümliche Grundlage zu, sie scheint auf gelehrtem Wege ausgesonnen, allerdings noch unter den heidnischen Skalden.
Die Asen und Wanen schlossen auf die Art Frieden, dass sie beiderseits an ein Gefäss traten und hineinspuckten. Aus dem Speichel schufen die Götter einen Mann namens Kwasir, der war so weise, dass er auf alle Fragen Bescheid wusste. Als er auf seinen Wanderungen einmal zu zwei Zwergen Fjalar und Galar zu Gaste kam, erschlugen ihn diese und liessen sein Blut in zwei Krüge und einen Kessel rinnen: der Kessel heisst Odrerir[417], die beiden Krüge Son und Bodn. Unter das Blut mischten sie Honig, und daraus ward der Met, durch den jeder, der davon trinkt, zum Dichter oder Weisen wird. Die Zwerge sagten aus, Kwasir sei am eignen Witz erstickt. Die Zwerge brachten den Riesen Gilling und sein Weib hinterlistig ums Leben. Gillings Sohn, Suttung, ergriff die Zwerge, ruderte sie ins Meer und setzte sie auf einer Klippe aus. Da baten sie um Schonung und boten zur Vaterbusse den kostbaren Met. Damit kam es auch zur Sühne. Suttung aber brachte den Met ins Gebirge Hnitbjorg und setzte seine Tochter Gunnlod ihm zur Hut. Odin kam dahin, wo neun Knechte Gras mähten. Er erbot sich, ihre Sensen zu schärfen und zog einen Wetzstein aus der Tasche. Den warf er in die Luft. Wie alle darnach haschten, schnitten sie sich mit den Sensen die Hälse durch. Odin herbergte beim Riesen Baugi, Suttungs Bruder, und nannte sich Bolwerk. Baugi erzählte, dass er auf schlimme Art um alle seine Knechte gekommen sei. Da erbot sich Odin, an Stelle jener neun allein die Arbeit zu verrichten, wenn er dafür einen Trunk von Suttungs Met erhielte. Baugi erwiderte, dass er über den Met nicht verfügen könne, da Suttung ihn für sich allein behalten wolle. Doch wolle er mit Bolwerk ausziehen und versuchen, ob sie den Met erlangen könnten. Hierauf folgt die bereits mitgeteilte Erzählung, wie Odin in Schlangengestalt durchs Bohrloch in den Berg schlüpfte.[418]
Die Gewinnung des Wundertrankes durch den Höchsten der Götter wurzelt vielleicht in indogermanischen Mythen, wenigstens finden sich merkwürdig ähnliche Sagen bei Indern und Griechen[419], zumal wenn man den Bericht, dass Odin in Adlergestalt Odrerir entführt, in Betracht zieht. Riesische Wesen, Naturmächte befinden sich im Besitz des Soma und Nektars. Als Falke holt Indra den Soma zu den Göttern, den Nektar aber bringt des Zeus grosser Adler aus einem Felsen im äussersten Westen. Den Wundertrank ewiger Jugend, _ú-hrerir_, verwandelten die Skalden in den Trank der Poesie, Odrerir. Was in der nordischen Mythologie überhaupt zu beobachten ist, bestätigt sich auch hier: die ursprünglich physischen Kräfte, die aus den Naturerscheinungen erwachsenen Mythen steigern sich mehr und mehr in das Bereich des geistigen Lebens. Ob es sich im idg. Mythus um den Regen handelte, den der Gott aus der Gewitterwolke hervorlockte, lassen wir dahingestellt. Zu Kwasirs Entstehung bietet die des Orion entfernte Ähnlichkeit. Bei Hyrieus kehrten drei Götter, Zeus, Poseidon und Hermes ein, empfingen Gastmahl und stellten ihm eine Bitte frei. Er wünschte sich einen Sohn, hatte aber nach dem Tode seiner Gattin gelobt, sich nicht wieder zu vermählen. Da vereinigten die Götter ihr Wasser, vermischten es mit dem Staube der Hütte und erschufen den Orion.[420] Besteht ein Zusammenhang, so stammt er natürlich nicht aus urverwandter Überlieferung, sondern aus später gelehrter Übertragung. Endlich begegnet noch ein alter Märchenzug, wie Bolwerk die neun Mähder ums Leben bringt. Schon Kadmos und Iason veranlassen die aus der Saat der Drachenzähne gewachsenen Krieger durch einen Steinwurf in ihre Mitte zu wechselseitigem Mord; ebenso macht es das tapfere Schneiderlein mit den zwei Riesen.
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Einer nicht recht verständlichen Strophe der Hǫvamǫl zufolge empfing Odin Weisheit von einem Zwerge Namens Thjodreyrir, der „vor Dellings Thüren“ d. h. im Tageslicht, bei aufsteigendem Tage Zauber sang:
159 Kraft sang er den Asen, den Elben Tüchtigkeit, Hohe Weisheit dem Hroptatyr.[421]
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Noch weniger klar ist die Stelle im Harbardslied:
Thor:
43 Woher nur holst du diese höhnischen Worte, Wie ich höhnischer nimmer gehört sie habe?
Harbard:
44 Ich holte sie von den Männern, den hochbejahrten, Die in den Hügeln der Heimat wohnen.
Thor:
45 Da gibst du den Gräbern einen guten Namen, Wenn du sie Hügel der Heimat nennst.[422]
Wer unter diesen alten Männern gemeint ist, Elbe oder Tote, also wol seelische Geister, lässt sich nicht bestimmen. Man erwartet eher, dass Odin irgend welche verborgene Weisheit dort erlangt, als nur Hohnworte.
+Odins Verwandtschaft und Odins Namen.+
Den nordischen Skalden ist Odin der höchste und älteste der Asen. Er waltet über alle Dinge, und wie mächtig auch die andern Götter sind, so dienen sie ihm doch alle wie Kinder dem Vater. In aufsteigendem Aste ist ihm ein Stammbaum ersonnen, der aufs engste mit der Schöpfungsgeschichte zusammenhängt. Er ist Sohn des Bur, des Sohnes des Buri. Bur (Bor) und Buri bedeuten „_Sohn_“, haben also ursprünglich gar nicht den Wert eines Eigennamens. Bur nahm Bestla (Bastbinderin?) des Riesen Bolthorn Tochter zur Frau.[423] Odins Brüder heissen Wili und We, die eine Zeitlang sein Reich und sein Weib inne hatten. Odins Gattin ist Frigg, ihr Sohn Baldr. Mit Jord, der eignen Tochter zeugt Odin Thor. Andere Söhne hat er von Rind, Gunnlod, Grid oder Hlodyn, Skadi. Odins Verwandtschaft ist nordische, ziemlich junge Erfindung. In Odins Sippe begegnen die Begriffe Sohn, Wille, heilig. Sie entspringen der Trinität, wo der Gottessohn auch Gottes Wille (_voluntas dei_) heisst. We, der Heilige, zielt auf den heiligen Geist. Odins Namen Har, der Hohe, Jafnhar, der Gleichhohe, Thridi, der Dritte weisen auf denselben Ursprung: altus, altissimus ist Gott, der Sohn ist mhd. _ebenhêr_, der heilige Geist wird oft kurzweg die dritte Person, der Dritte genannt. Die Namen verharren in abstrakter Leblosigkeit, nur Odin handelt.
Die nordischen Dichter legen Odin eine Menge von Eigennamen bei, in denen seine gesamte Wirksamkeit teilweise auch nach Seiten, die uns wegen mangelnder Überlieferung nimmer verständlich sind, zum Ausdruck gelangt.[424] Als Allvater, Vater der Menschen (_aldafađir_, _aldagautr_), Allwaltender, Allmächtiger ist er nicht ganz ohne christlichen Einfluss seiner Machtstellung nach gekennzeichnet. Ebenso sind seine Namen _Hávi_[425], der hohe, _Jafnhár_, der gleich hohe, _Tveggi_, der zweite, _þrídi_, der dritte (aus der Dreieinigkeit), _Haptaguđ_, Gott der Götter aufzufassen. Odins Beziehungen zu Heerfahrt, Kampf und Walfall enthalten die Namen _Heervater_, _Herteitr_, der Heerfrohe, _Hertýr_, Heeresgott, _Herjan_, Heerführer, _Herblindi_, Heerverblender, _Hjálmberi_, Helmträger, _Siegvater_, _Sigtýr_, _Sigmundr_, _Sigtryggr_, siegestreu, _Siggautr_, _Walvater_, _Valgautr_, _Atríđr_, _Fastríđr_, der gewaltige Anreitende, _Viđurr_ (Odin sagt selber, _hétomk Viþorr at vígom_, Grimn. 49). Als Rabengott, _hrafnaguđ_, _hrafnfreistađr_ erscheint er seiner Raben wegen, als _drauga dróttinn_, Beherrscher der Gespenster, _hangaguđ_, _heimþinguđr hanga_, _hangi_, Gott der Gehängten, weil er das wilde Heer führt. _Farmaguđ_, _farmatýr_, Gott der Frachten, zeigt Odin als Beschützer des Handels, vermutlich in seiner Eigenschaft als Windgott. _Viđrir_, der Wetterer, _Váfuđr_, der Schwebende, _Svipall_, der Bewegliche, _Þundr_, der Schwellende, _Ómi_, Rufer, Lärmer, können auf den Sturmgott zielen. _Geiguđr_, der Schreckliche, ist ein Name Odins und eine Benennung des Sturmwindes. Häufig begegnet _Yggr_ (_Uggerus_ bei Saxo), der Schreckliche. Den Wanderer zeigen die Namen _Gangráđr_, _Gangleri_, _Vegtamr_, weggewohnt, _Víđforull_, Weitfahrer, sein Aussehen _Langbarđr_, Langbart, _Hárbarđr_, Graubart, _Síđskeggr_, Langbart, _Siđgrani_, Langbart, _Síđhottr_, mit herabhängendem Hut, _Blindr_, der Blinde, _Heklumađr_ (vgl. hakulberand), Mantelträger, _Grímr_, _Grímnir_, der Verlarvte, _Bileygr_, der Mildäugige, _Báleygr_, der Flammenäugige. Auf Odins Weisheit, die oft Trug birgt, deuten _Fjǫlsviđr_, vielwissend, _Glapsviđr_, trugwissend, _Skollvaldr_, Trugwalter, _Hvatráđr_, scharfsinnig, _Sađr_, wahr, _Sanngetall_, wahres ahnend, _Gǫndlir_, Träger des Zauberstabes (?), _Oski_, Wunsch, Erwünschtes verleihend. _Ari_, Adler, _Arnhǫfđi_, adlerhäuptig, spielen wol auf Odins Verwandlungen an, wenn er nach SE. als Adler dem Suttung entflieht; da _Ofnir_ und _Sváfnir_ auch Schlangennamen sind (Grimn. 34), könnte Odins Wurmgestalt damit gemeint sein. _Vakr_, der Wachsame, _Þekkr_, der Willkommene, _Þrjótr_, der Hartnäckige, schildern besondere Sinnesart. _Njótr_, der Geniesser, bezeichnet den Gott als Empfänger der Opfer. Namen wie _Hroptr_, _Hvedrungr_, _Hnikar_, _Hnikuđr_, _Jalkr_, _Jólnir_ u. a. entziehen sich der Deutung. Dieselben Namen gehören zuweilen auch andern Wesen und es ist schwer auszumachen, wohin der Name von Rechts wegen zuerst gehört. Viele Namen haften an besonderen Sagen und sind wol mit diesen entstanden. So berichtet Odin selber im Grimnirlied 49:
Grimnir hiess ich in Geirröds Halle Und bei Asmund Jalk, Kjalar damals, als ich die Kufen zog, Bei den Thingversammlungen Thror, Widur im Wirbel des Streits.
Von diesen Sagen ist uns nur die von Grimnir bekannt, wo Odin eben als Grimnir verlarvt bei Geirröd einspricht. Selten passt der Name so zur Sage wie hier.
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Odins Art schildern trefflich die Verse:
Lasst uns Heervater bitten, seine Huld zu gewähren, Der gern dem Gefolge sein Gold spendet; Dem Hermod gab er Helm und Panzer, Ein schneidiges Schwert schenkt er dem Sigmund.
Dem einen gibt Sieg er, dem andern Schätze, Weisheit vielen und gewandte Rede; Dem Seemann Fahrwind, dem Sänger Dichtkunst, Männliche Thatkraft manchem Helden.[426]
Alles, was aus den einzelnen und verstreuten Überlieferungen zu erfahren war, enthalten diese Worte, die uns ein Gesamtbild Odins geben, des Gottes der Helden und Sänger.
Uhland (Schriften 7, 345) schildert Odins Art: Von allen Asen und von allen Wesen der Götterwelt äussert Odin weit die mächtigste und allgemeinste Wirkung in der Heldensage. Wie er die Wolsungensage vom Anfang bis zum Ende durchschreitet, so können wir durch viele andere Sagenreihen seine Spur verfolgen. Seine Erscheinung ist von der Art, dass er auch dort, wo sein rechter Name verschwiegen bleibt, doch immer leicht zu erkennen ist. Einäugig, alt und bärtig, in Hut und Mantel gehüllt, tritt er unerwartet und ungekannt in die Königshalle, oder steht plötzlich an der Seite des einsamen Heldensohnes, oder verlangt vom Vorgebirge aus in das vorübersegelnde Schiff aufgenommen zu werden. Auch diese irdische Erscheinung steht in Übereinstimmung mit seinem göttlichen Wesen; einäugig ist er, weil er sein andres Auge um einen Trunk aus Mimirs Weisheitsbrunnen zum Pfand gesetzt; alt erscheint er als der Vater der Götter und Menschen; verhüllt und unter andern Namen geht er auch in der Götterwelt aus, die Weisheit der Riesen und der unterirdischen Wolwen zu erkunden. Er nimmt auch die Gestalt eines bestimmten Menschen an, so diejenige des im Strom verunglückten Bruni, des Ratgebers Harald Hildetands. Als ein Bauer, Hrani, bewirtet er den König Hrolf Kraki.