Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage

Part 32

Chapter 323,056 wordsPublic domain

Eine zweite Verbesserung von =Plisson= und =Devers= bezieht sich auf den =Condensationsapparat=, der hier aus einer Batterie von 10 Flaschen besteht, von denen 6 unten offen sind und in Trichter endigen, so dass sie in die Mündungen gewöhnlicher Flaschen passen. _G_ (Fig. 68) zeigt eine solche unten offene Flasche. Aus dem hinter dem Mauerwerk _M_ versteckten Cylinder geht ein Rohr aus Steinzeug, mit welchem ein zweimal gebogenes Glasrohr _G_ in Verbindung steht, das in eine der drei Mündungen der ersten Flasche _A_ führt. In dieser Flasche sammelt sich das zuerst Uebergehende, das was vielleicht übersteigt, und überhaupt alle Unreinigkeiten. Die Flasche _A_ ist inwendig mit einem kleinen Rohr _T_ versehen, das einen hydraulischen Verschluss bewirkt in der Weise, dass, wenn die Flüssigkeit in der Flasche eine Höhe von einigen Centimetern erreicht hat, der Ueberfluss durch das Rohr _T_ in die gut verschlossene Flasche _A'_ abfliesst. In der zweiten Mündung der Flasche _A_ ist ein Trichter, durch welchen Wasser aus _F_ in die Flasche _A_ fliesst und die Condensation unterstützt. Durch das Glasrohr _F_ gehen die Säuredämpfe in die Flasche _B_, welche ebenso wie die beiden Flaschen _B'_ und _B''_ die in ihnen verdichteten Produkte durch das Rohr _T'_ in den Ballon _A''_ führt. Die in _B_ nicht condensirten Dämpfe gehen nach _C_ und von da nach _D_; in diesen beiden Flaschen verdichtet sich ein Theil der Säure, der nach _B_ und endlich nach _A''_ fliesst; der nicht condensirte Rest geht durch das Glasrohr _G_ nach _D'_; dann nach _C''_ und endlich nach _B'_, worin die verdichteten Theile sich ansammeln. Von da gehen die Dämpfe durch die Flaschen _B''_ _C''_ _D''_ und aus der letzten Flasche das, was noch nicht verdichtet ist, in den Rauchfang. Aus den =Mariotte='schen Flaschen _F'_ und _F''_ fliesst Wasser zu, was im Verein mit dem Wasser aus _F_ die producirte Säure bis auf 36° B. (= 1,31 spec. Gewicht = 42,2 Proc. N_{2}O_{5}) verdünnt. Um jedem Druck in den Flaschen _A'_ und _A''_ vorzubeugen, geht ein Rohr _H_ und ein ähnliches _H'_ (in der Abbildung weggelassen) von _T_ und _T'_ ab, um die nicht verdichteten Dämpfe in die Flasche _B''_ zu führen, wo sie sich mit dem nicht condensirten Reste vereinigen. -- Der ganze Apparat, der auf den ersten Anblick complicirt zu sein scheint, ist äusserst leicht zu handhaben; die Säuredämpfe condensiren sich im Anfange in der Flasche _A_, aus welcher sie in einen besonderen Recipienten _A'_ geführt werden, darauf verdichten sie sich in den Flaschen _B_ _B'_ _B''_, aus welchen das Produkt in den allgemeinen Recipienten _A''_ fliesst.

Dieser neue Verdichtungsapparat ist äusserst vortheilhaft. Einmal zusammengesetzt, braucht er nur sehr selten auseinander genommen zu werden. Die Handarbeit des Leerens und Zusammenfügens bei dem gewöhnlichen Apparate und der damit zusammenhängende grosse Kittverbrauch fallen bei dem neuen Apparate hinweg. In Folge des langen Weges, den die Dämpfe zurückzulegen haben, geht die Condensation vollständiger vor sich, wie die Ausbeute von 132-134 Kilogr. Säure von 36° auf 100 Kilogr. Salpetersäure beweist, während ältere Apparate nur 125-128 Kilogr. liefern. Die innere Einrichtung der Flaschen und der den hydraulischen Schluss bewirkende Hebetrichter ergiebt sich aus Folgendem. In jeder der =Flaschen= der unteren Reihe befindet sich ein gebogenes Rohr aus Steinzeug _T_ (Fig. 69), dessen Mündung _O_ ins Freie geht; eine spaltenförmige Oeffnung _L_ stellt die Communikation zwischen der Flüssigkeit und dem Innern der Röhre her; die Flüssigkeit kann demnach in der Flasche nur bis zu einer gewissen Höhe sich ansammeln. Es ist klar, dass hierdurch die Flasche einen hydraulischen Schluss erhält. -- Der =Hebetrichter= besteht aus einem steinernen Rohre von etwa 3 Centim. Durchmesser, dessen Seitenwand der Länge nach durchbohrt ist (Fig. 70); die in das Innere der Röhre gelangende Flüssigkeit kann mithin nur bis zur Oeffnung _O_ steigen; sobald diese Höhe erreicht ist, fliesst die Flüssigkeit in demselben Verhältniss aus, als durch den Trichter _E_ nachströmt.

[Sidenote: Andere Methoden der Salpetersäuredarstellung.]

Ausser durch die Einwirkung von Schwefelsäure auf Kalium- oder Natriumnitrat, lässt sich Salpetersäure aus den Nitraten auch noch auf andere Art darstellen. Von den vielen Vorschlägen in dieser Hinsicht seien einige der besseren angeführt:

1) Einwirkung von Manganchlorür (Rückstände von der Chlorbereitung) auf Natriumnitrat. Wenn ein Gemenge beider Salze bis auf etwa 230° erhitzt wird, so entwickeln sich salpetrige Dämpfe (NO_{2} + O) und es bleibt ein Manganoxyd zurück, welches wieder zur Chlorentwickelung dienen kann:

5MnCl_{2} } { (2MnO + 3MnO_{2}) und } geben { 10NaCl 10NaNO_{3} } { 10NO_{2} + 2O

Indem man das Gemenge von Untersalpetersäure und Sauerstoff in den Condensationsapparat mit Wasser zusammen bringt, verwandelt es sich in Salpetersäure; der Ueberschuss der Untersalpetersäure zersetzt sich in Salpetersäure und Stickstoffoxyd. Wenn die in den Apparaten enthaltene Luft hinreichend ist, um die ganze Menge des letzteren wieder in Salpetersäure zu verwandeln, so wiederholt sich dieser Vorgang; wenn dagegen die Luftmenge unzureichend ist, so löst das Stickstoffoxyd sich in der Salpetersäure auf und der Ueberschuss desselben entweicht in die Luft. Aus zahlreichen Versuchen, welche =Kuhlmann= unter Benutzung von Thonretorten anstellte, hat sich ergeben, dass 100 Th. salpetersaures Natrium nach diesem Verfahren im Mittel 125-126 Th. Salpetersäure von 35° liefern. Es ist dies nahezu dieselbe Ausbeute wie beim gewöhnlichen Verfahren (127-128 Proc.). Es wurden auch Versuche mit anderen Chlorüren, namentlich mit Chlorcalcium, Chlormagnesium und Chlorzink angestellt, wobei ein entsprechender Vorgang eintrat, nämlich Salpetersäure, Chlornatrium und Kalk, Magnesia oder Zinkoxyd gebildet wurden;

2) Einwirkung gewisser Sulfate auf salpetersaure Alkalisalze. =Kuhlmann= hat durch viele Versuche bewiesen, dass die schwefelsauren Salze, selbst solche, welche sehr beständig sind und keineswegs die Rolle einer Säure spielen, die Zersetzung der salpetersauren Alkalisalze bewirken können. Mangansulfat zersetzt Natriumnitrat unter Bildung ähnlicher Produkte wie beim Manganchlorür. Aehnliche Reaktionen finden statt mit Zinksulfat, mit Magnesiumsulfat, ja selbst mit Gyps;

3) aus Natriumnitrat und Kohle, wobei neben Soda Salpetersäure auftritt;

4) aus Natriumnitrat und Kieselerde (oder Thonerde). Mit der Darstellung der Salpetersäure mit der Bereitung von Natriumsilicat und von Soda;

5) aus Bariumnitrat und Schwefelsäure (ohne Destillation). Die vom Barytweiss abgegossene Salpetersäure (von 10 bis 11° B.) kann durch Kochen bis auf 25° B. gebracht werden.

[Sidenote: Dichten der Salpetersäure.]

Nach =J. Kolb= steht das specifische Gewicht einer Salpetersäure mit seinem Gehalt an concentrirter Salpetersäure in folgendem Zusammenhange:

=======================+======================== 100 Theile enthalten | Dichte NHO_{3} | N_{2}O_{5} | bei 0° | bei 15° C. ----------+------------+-----------+------------ 100,00 | 85,71 | 1,559 | 1,530 97,00 | 83,14 | 1,548 | 1,520 94,00 | 80,57 | 1,537 | 1,509 92,00 | 78,85 | 1,529 | 1,503 91,00 | 78,00 | 1,526 | 1,499 90,00 | 77,15 | 1,522 | 1,495 85,00 | 72,86 | 1,503 | 1,478 80,00 | 68,57 | 1,484 | 1,460 75,00 | 64,28 | 1,465 | 1,442 69,96 | 60,00 | 1,444 | 1,423 65,07 | 55,77 | 1,420 | 1,400 60,00 | 51,43 | 1,393 | 1,374 55,00 | 47,14 | 1,365 | 1,346 50,99 | 43,70 | 1,341 | 1,323 45,00 | 38,57 | 1,300 | 1,284 40,00 | 34,28 | 1,267 | 1,251 33,86 | 29,02 | 1,226 | 1,211 30,00 | 25,71 | 1,200 | 1,185 25,71 | 22,04 | 1,171 | 1,157 23,00 | 19,71 | 1,153 | 1,138 20,00 | 17,14 | 1,132 | 1,120 15,00 | 12,85 | 1,099 | 1,089 11,41 | 9,77 | 1,075 | 1,067 4,00 | 3,42 | 1,026 | 1,022 2,00 | 1,71 | 1,013 | 1,010

Folgende Tabelle giebt vergleichende Angaben der Dichte und der Grade nach =Baumé=:

========+=========+========================+======================== | | | Grade | Dichte. |100 Theile enthalten bei|100 Theile enthalten bei nach | | 0° | 15° C. Baumé. | | NHO_{3} | N_{2}O_{5} | NHO_{3} | N_{2}O_{5} --------+---------+-----------+------------+-----------+------------ 6 | 1,044 | 6,7 | 5,7 | 7,6 | 6,5 7 | 1,052 | 8,0 | 6,9 | 9,0 | 7,7 9 | 1,067 | 10,2 | 8,7 | 11,4 | 9,8 10 | 1,075 | 11,4 | 9,8 | 12,7 | 10,9 15 | 1,116 | 17,6 | 15,1 | 19,4 | 16,6 20 | 1,161 | 24,2 | 20,7 | 26,3 | 22,5 25 | 1,210 | 31,4 | 26,9 | 33,8 | 28,9 30 | 1,261 | 39,1 | 33,5 | 41,5 | 35,6 35 | 1,321 | 48,0 | 41,1 | 50,7 | 43,5 40 | 1,384 | 58,4 | 50,0 | 61,7 | 52,9 45 | 1,454 | 72,2 | 61,9 | 78,4 | 72,2 46 | 1,470 | 76,1 | 65,2 | 83,0 | 74,1 47 | 1,485 | 80,2 | 68,7 | 87,1 | 74,7

47° B. entsprechen 96° Twaddle 46° " " 92° " 45° " " 88° " 43° " " 84° " 42° " " 80° " 38° " " 70° " 34° " " 60° " 29° " " 50° " 25° " " 40° " 20° " " 30° " 14° " " 20° " 7° " " 20° "

Salpetersäure von 1,52 siedet bei 86° " " 1,50 " " 99° " " 1,45 " " 115° " " 1,42 " " 123° " " 1,40 " " 119° " " 1,35 " " 117° " " 1,30 " " 113° " " 1,20 " " 108° " " 1,15 " " 104°

[Sidenote: Rauchende Salpetersäure.]

Wenn man bei Darstellung der Salpetersäure auf 1 Molekül Kaliumnitrat 1 Molekül Schwefelsäure verwendet, so erhält man als Destillat eine rothgelbe Flüssigkeit, aus einem Gemenge von Salpetersäure und Untersalpetersäure bestehend. Die Flüssigkeit führt den Namen =rothe rauchende Salpetersäure=. Bei Anwendung gleicher Moleküle von Kaliumnitrat und Schwefelsäure wird nämlich nur die Hälfte der Salpetersäure ausgetrieben, die andere Hälfte aber zerlegt in Untersalpetersäure und Sauerstoff, welche erstere sich mit der unzerlegten Salpetersäure zu rauchender Salpetersäure vereinigt. Wendet man dagegen zur Zersetzung des Kalium- oder Natriumnitrates zwei Moleküle Schwefelsäure an, so erhält man alle Salpetersäure unzersetzt und in der Retorte bleibt Kalium- oder Natriumbisulfat zurück. Bei Anwendung von Natriumnitrat braucht man jedoch, da dieses Nitrat weit leichter von der Schwefelsäure zersetzt wird, als die entsprechende Kaliumverbindung, erfahrungsgemäss nicht 2 Moleküle Schwefelsäure anzuwenden. Man begnügt sich mit 1,25-1,50 Molekülen. 100 Th. Chilisalpeter geben 120-110 Th. Salpetersäure von 36° B.

Zum Zwecke der Darstellung von =rauchender= Salpetersäure setzt man in neuerer Zeit bei der gewöhnlichen Darstellung der Salpetersäure einen Körper zu, welcher zersetzend auf sie einwirkt. Früher wendete man hierzu Schwefel an, gegenwärtig Stärkemehl. Nach =C. Brunner='s Vorschrift wird ein Gemenge von 100 Th. Salpeter mit 3-1/2 Th. Stärkemehl in einer Retorte mit 100 Th. englischer Schwefelsäure von 1,85 spec. Gewicht übergossen. Die Destillation beginnt gewöhnlich schon ohne Erwärmung. Durch schwaches Erhitzen wird sie beendigt. 100 Th. Kaliumnitrat liefern auf diese Weise ungefähr 60 Th. stark roth gefärbte rauchende Salpetersäure. Es ist anzurathen, die Retorte nur bis zu 1/3 anzufüllen.

[Sidenote: Anwendung der Salpetersäure.]

Die technische =Anwendung= der Salpetersäure beruht auf ihrer Eigenschaft, mit gewissen Körpern zusammengebracht, in Stickoxyd und Untersalpetersäure und in Ozon zu zerfallen, letzteres bildet entweder mit dem betreffenden Körper ein Oxyd oder es oxydirt ihn zu eigenthümlichen Verbindungen, während die Untersalpetersäure bei Gegenwart organischer Verbindungen zuweilen in die Zusammensetzung der organischen Körper eintritt und sogenannte Nitroverbindungen (Nitrobenzol oder künstliches Bittermandelöl, Nitronaphtalin, Nitroglycerin oder Sprengöl, Nitromannit, Schiessbaumwolle, Martiusgelb, Pikrinsäure) bildet. Eine grosse Anzahl der Metalle löst sich in Salpetersäure, wenn dieselbe nicht zu concentrirt ist. Höchst concentrirte Salpetersäure kann mit Blei und Eisen zusammengebracht werden, ohne dass eine Zersetzung der Salpetersäure stattfindet. Eiweissähnliche Körper (Haut, Wolle, Seide, Horn, Federn) werden durch starke Salpetersäure dauernd gelb gefärbt (wahrscheinlich durch Bildung von Pikrinsäure), daher ihre Anwendung zum Gelbfärben der Seide etc.; längere Zeit fortgesetzte Einwirkung der Salpetersäure auf die genannten Stoffe führt ihre gänzliche Zerstörung und theilweise Ueberführung in Pikrinsäure herbei. Viele stickstofffreie organische Stoffe, wie Cellulose, Stärkemehl, Zucker etc., werden durch die Einwirkung von Salpetersäure unter Bildung von Oxalsäure zerstört. Kurze Einwirkung sehr verdünnter Salpetersäure führt das Stärkemehl in Dextrin, concentrirte Salpetersäure führt es in das explosive Xyloïdin über. Die Eigenschaft der Salpetersäure, gewisse Farbstoffe, wie das Indigblau, zu zerstören, benutzt man in der Kattundruckerei, um durch Aufdrucken von Salpetersäure auf blauem Grunde gelbe Muster zu erzeugen, ferner in der Tuchweberei zum Gelbbeizen der Sahlleisten, damit die Tuche das Aussehen von in der Wolle gefärbten Geweben annehmen, bei denen die gelben Leisten angewebt sind. In der Hutfabrikation verwendet man eine Auflösung von Quecksilber in Salpetersäure, um die glatten Haare zum Verfilzen geeignet zu machen. Ein Hauptverbrauch der Salpetersäure ist der zur Fabrikation der Schwefelsäure; sie findet ferner in der Metallverarbeitung mannichfache Anwendung, so u. A. um Stahl und Kupfer zu ätzen, zum Gelbbrennen des Messings und der Bronze, zum Färben des Goldes, zur Bereitung der unter dem Namen =Rouille= zum Schwarzfärben der Seide angewendeten Eisenbeize (in Lyon allein verbraucht man von dieser Beize täglich gegen 250 Centner), zur Bereitung der Pikrinsäure aus Carbolsäure, des Martiusgelbes aus dem Naphtalin, des Nitrobenzols und Nitrotoluols der Anilinfabriken, zur Darstellung der Phtalsäure (aus Naphtalin) behufs der künstlichen Fabrikation der Benzoësäure, zur Bereitung von Anthrachinon zum Zweck der Alizarindarstellung aus Anthracen, zur Fabrikation des Silbernitrates (bei der enormen Ausbreitung der Photographie ein wichtiger Gebrauch der Salpetersäure), der Arsensäure (für die Fuchsinbereitung), des Knallquecksilbers, des Sprengöls (und der beiden Präparate Dynamit und Dualin) u. s. w.

Technik der explosiven Körper.

a) _Das Schiesspulver und chemische Principien der Feuerwerkerei._

[Sidenote: Schiesspulver. Allgemeines.]

Das gewöhnliche =Schiesspulver= ist ein gekörntes Gemenge von Kaliumsalpeter, Schwefel und Kohle in bestimmten Verhältnissen. Bei einer Temperatur von etwa 300° und bei der Berührung mit glühenden oder brennenden Körpern oder endlich durch Reibung und Schlag entzündet es sich, verbrennt mit einer gewissen Geschwindigkeit und giebt als Verbrennungsprodukte Stickstoff, Kohlensäure oder Kohlenoxydgas und als Rückstand ein Gemenge von Kaliumsulfat und Kaliumcarbonat. Wenn die Entzündung in einem verschlossenen Gefässe vor sich geht, so erleiden die Wände durch die grosse Menge der sich entwickelnden heissen Gase einen solchen Druck, dass sie unfehlbar zerreissen würden, wenn nicht, wie in dem Geschütz, die Einrichtung getroffen wäre, dass ein Theil der Wand nachgiebt. Auf diese Weise wird die Kugel nach einer Richtung hin fortgeschleudert. Dabei ist wohl zu beachten, dass nur derjenige Theil der entwickelten Gase zur Wirkung kommt, welcher gebildet wird, so lange die Kugel den Lauf noch nicht verlassen hat; je langsamer also ein Pulver abbrennt, je geringer ist seine Wirkung auf das Projectil.

[Sidenote: Fabrikation des Schiesspulvers.]

Die zur Pulverfabrikation dienenden Materialien müssen von der grössten Reinheit sein, der Salpeter darf keine Chlormetalle, der Schwefel keine schweflige Säure enthalten, deshalb wendet man nie Schwefelblumen, sondern stets Stangenschwefel an. Die grösste Aufmerksamkeit ist auf die Wahl der =Kohle= zu verwenden. Zur Darstellung der Kohle verwendet man Pflanzen, die eine vorzüglich ausgebildete Bastfaser besitzen, wie Flachs und Hanf. Von Bäumen wählt man mehrjährige Zweige, deren Durchmesser ungefähr 5-9 Centim. beträgt. In dem grössten Theile von Deutschland, Frankreich und Belgien verkohlt man hauptsächlich Faulbaumholz (_Prunus Padus_), aber auch Holz der Pappel, Linde, Erle, Weide, Rosskastanie, in England schwarze Corneliuskirsche und Erle, in Italien nur Hanf, in Spanien Hanf, Flachs, Weinreben, Weiden, Oleander und Taxus, in Oesterreich Hundsbeer-, Haselstrauch oder Erle; die Kohle dieser Vegetabilien eignet sich, wegen ihrer leichten Zerreiblichkeit, am besten zur Pulverfabrikation. Alle die genannten Substanzen geben bei der Verkohlung, die man in Cylindern, die denen der Gasanstalten ähnlich sind, in Gruben, in Kesseln, mittelst erhitzten Wasserdampfes, vornimmt, ungefähr 35-40 Proc. Kohle. Wenn bei der Verkohlung des Holzes die möglichst niedrige Temperatur angewendet worden ist, so erhält man eine röthlichbraune, glatte, mit vielen Querrissen versehene Kohle, die =Rothkohle= (_charbon roux_). Die durch Erhitzen in Cylindern gewonnene Kohle bezeichnet man ziemlich unpassend, zum Unterschied von anderer, durch Verkohlen von Holz in Gruben erhalten, mit dem Namen =destillirter Kohle=.

[Sidenote: Reiben und Mengen der Materialien.]

Die mechanische Bereitung des Schiesspulvers zerfällt in:

1) das Pulverisiren der Materialien; 2) das Mischen derselben; 3) das Anfeuchten des Pulversatzes; 4) das Verdichten desselben; 5) das Körnen und Sortiren des Pulvers; 6) das Poliren desselben; 7) das Trocknen und 8) das Ausstäuben des Pulvers.

[Sidenote: Das Pulverisiren der Materialien.]

Das Pulverisiren oder Zerkleinern der Materialien kann auf dreierlei Weise geschehen, entweder

a) durch die Pulverisirtrommeln, oder b) durch Walzmühlen, oder endlich c) durch Stampfmühlen.

a) Das Zerkleinern der Materialien mit Hülfe der =Pulverisirtrommeln= wurde zuerst Ende des vorigen Jahrhunderts in Folge des ausserordentlichen Bedarfs an Schiesspulver durch die französischen Revolutionskriege angewendet. Es eignet sich dieses Verfahren (Revolutionsverfahren) sehr gut zum Pulverisiren der Pulverbestandtheile, indem es bequem ist, fördert und keinen Staub erzeugt. Die dazu angewendeten Trommeln bestehen aus zwei starken Holzscheiben, welche durch Bretter zu einem hohlen Cylinder verbunden sind. Im Innern befinden sich vorspringende Leisten, durch welche die herabfallenden Kugeln aufgehalten werden. Die Trommel ist inwendig mit Leder überzogen. Man bringt die zu pulverisirende Substanz mit einer gewissen Anzahl bronzener Kugeln von 1/4 Zoll Durchmesser in die Trommel, die auf einer Axe ruht und um dieselbe drehbar ist.

Man pulverisirt nun Kohle und Schwefel (jeden dieser Körper für sich), da der in Gestalt von Salpetermehl erhaltene Salpeter schon die nöthige Feinheit besitzt.

b) Die Zerkleinerung durch =Walzmühlen= mit vertical auf einem Bodensteine umlaufenden schweren Walzen ist gegenwärtig sehr gebräuchlich.

c) Die Zerkleinerung durch =Stampfmühlen= geschieht gegenwärtig nur noch in kleineren Fabriken. Die Stampfen, von denen in der Regel 10-12 in einer Reihe nach einander durch eine Daumenwelle gehoben werden, sind von Holz (Ahorn- oder Weissbuchenholz) und mit einem Schuh aus Bronze versehen. Die Stampfen haben bei einer Länge von 8 Fuss ein Gewicht von ungefähr 1 Ctr. und machen in der Minute 40-60 Stösse. Die Stampflöcher sind in einem Troge von Eichenholz (dem Grubenstock) birnenförmig ausgemeisselt. In jedem Loche stampft man 16-20 Pfd. Substanz auf einmal. In der Schweiz wendet man anstatt der Stampfen =Hämmer= an.

[Sidenote: Das Mengen der Materialien und das Anfeuchten des Salzes.]

Das Mengen der gepulverten Materialien geht in den =Mengtrommeln= vor sich, welche sich von den Pulverisirtrommeln dadurch unterscheiden, dass sie aus Leder bestehen. Das Mengen dauert mit 100 Kilogr. Satz und 150 Kilogr. Bronzekugeln etwa 3 Stunden bei 10 Umdrehungen in der Minute. In den Fabriken, in denen man Walzmühlen oder Stampfmühlen anwendet, schliesst sich das Mengen sofort an das Pulverisiren an. Der Satz wird mit 1-2 Proc. Wasser befeuchtet, was gewöhnlich durch eine an der Axe der Walze angebrachte und mit einem Ventil versehene Giessvorrichtung bewerkstelligt wird. Eine salbenähnliche Beschaffenheit deutet die Vollendung des Mengens an. Man verbindet zuweilen das Pulverisiren der Kohle und des Schwefels in Trommeln mit dem Mengen des Satzes in Walzmühlen.

Bei Anwendung von Stampfmühlen werden Schwefel und Kohle, welche vorher für sich durch 1000 Stösse zerkleinert worden sind, mit dem Salpeter gemischt und eine Zeit lang bearbeitet. Nach 2000 und später nach 4000 Stössen wird der Inhalt der Stampflöcher ausgewechselt, es werden wieder 4000 Stösse gegeben u. s. f., bis nach Verlauf von elf Stunden 40,000 Stösse gegeben worden sind. Man wiederholt das Auswechseln des Inhalts 6-8 mal. Dort, wo man sich der Trommeln zum Mengen der Materialien bedient, folgt auf das Mengen die Operation des =Anfeuchtens=. Zu diesem Zwecke kommt der trockene Satz aus den Trommeln in einen hölzernen Kasten, über welchem sich ein siebähnlich durchlöchertes Rohr befindet, durch welches von Zeit zu Zeit der Satz mit Wasser besprengt wird, bis derselbe, wobei mit einem Holzspatel wiederholt umgerührt wird, 8-10 Proc. Wasser enthält.

[Sidenote: Das Verdichten des Satzes.]