Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage
Part 134
Benzol (Phenylhydrür) C_{6}H_{6} Nitrobenzol C_{6}H_{5}(NO_{2}) Anilin C_{6}H_{7}N Rosanilin C_{20}H_{19}N_{3} Naphtalin (Naphtylhydrür) C_{10}H_{8} Nitronaphtalin C_{10}H_{7}(NO_{2}) Naphtylamin C_{10}H_{9}N Base des Naphtalinroth C_{30}H_{21}N_{3}.
Die dem Anilin entsprechende Base, das =Naphtylamin= C_{10}H_{9}N wird genau so wie das Anilin aus dem Benzol dargestellt, indem man das Naphtalin mit einem Gemische von concentrirter Schwefelsäure und Salpetersäure in Nitronaphtalin überführt und dieses nach dem =Béchamp='schen Verfahren (vergl. Seite 659) zu Naphtylamin reducirt. Wie =M. Ballo= (1870) gezeigt hat, kann man das Naphtylamin aus der mit Eisen und Essigsäure reducirten Masse sehr leicht mit Wasserdämpfen überdestilliren. Das Naphtylamin krystallisirt in weissen Nadeln, schmilzt bei 50° und siedet bei etwa 300°. Es schmeckt scharf und bitter und ist fast unlöslich in Wasser.
Das Naphtylamin dient zur Darstellung folgender Farbstoffe:
1) des Martiusgelb; 3) des Naphtalinvioletts und 2) des Magdalaroth; 4) des Naphtalinblau.
[Sidenote: Martiusgelb.]
1) Das =Martiusgelb= (Manchestergelb, Naphtalingelb, _Jaune d'or_) ist die Calcium- oder Natriumverbindung der =Binitronaphtalinsäure= (C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O), die man erhält, indem man zu einer Lösung von salzsaurem Naphtylamin Natriumnitrit setzt, bis alles Naphtylamin in Diazonaphtol übergegangen ist. Die Flüssigkeit, welche salzsaures Diazonaphtol enthält, wird mit Salpetersäure gemischt und bis zum Sieden erhitzt. Die Binitronaphtylsäure scheidet sich dabei in kleinen gelben Nadeln aus. Die Umwandlung des Naphtylamins in Binitronaphtylsäure (Binitronaphtol) lässt sich durch folgende Gleichungen ausdrücken:
[Greek: a]) C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{10}H_{6}N_{2} Naphtylamin Diazonaphtol;
[Greek: b]) C_{10}H_{6}N_{2} + 2HNO_{3} = 2N + H_{2}O + Diazonaphtol C_{10}H_{6}(NO_{2})_{2}O Binitronaphtylsäure.
Wie =M. Ballo= gezeigt, kann indessen letztere Säure direct durch die Einwirkung von Salpetersäure auf Naphtylamin sich bilden. Das Martiusgelb färbt Wolle und Seide in allen Tönen vom hellen Citronengelb bis tief Goldgelb ohne Mordant. Mit 1 Kil. der trocknen Calcium- oder Natriumverbindung, kann man gegen 200 Kil. Wolle noch in schönem Gelb ausfärben. Eine Haupteigenschaft des Martiusgelb ist, dass es sich auch dämpfen lässt, während die Pikrinsäure mit den Wasserdämpfen sich verflüchtigt. In England findet es häufig Anwendung zum Nüanciren von Magenta.
[Sidenote: Magdalaroth.]
2) Das =Magdalaroth= (Naphtalinroth) C_{30}H_{21}N_{3}, von =Schiendl= in Wien 1867 entdeckt und von =Durand=, =Ch. Kestner=, =A. W. Hofmann= u. A. näher untersucht, entsteht aus dem Naphtylamin, indem von 3 Mol. desselben 3 Wasserstoffmoleküle sich abspalten:
3C_{10}H_{9}N - 3H_{2} = C_{30}H_{21}N_{3} Naphtylamin Magdalaroth.
Im Grossen zerfällt die Darstellung des Magdalaroth in _zwei_ Phasen. In der _ersten_ geht das Naphtylamin durch die Einwirkung von salpetriger Säure in Azodinaphtyldiamin über
[Greek: a]) 2C_{10}H_{9}N + HNO_{2} = 2H_{2}O + C_{20}H_{15}N_{3} Naphtylamin Azodinaphtyldiamin;
In der _zweiten_ Phase, in welcher man das Azodinaphtyldiamin mit Naphtylamin behandelt, bildet sich Magdalaroth:
[Greek: b]) C_{20}H_{15}N_{3} + C_{10}H_{9}N = C_{30}H_{21}N_{3} Azodinaphtyldiamin Naphtylamin Magdalaroth. + NH_{3}
Das Magdalaroth indessen, wie es im Handel in Form eines schwarzbraunen, undeutlich krystallinischen Pulvers vorkommt, ist das Chlorid einer Base von obengenannter Zusammensetzung. An Färbekraft steht das Magdalaroth dem Fuchsin nicht nach, übertrifft es aber durch seine bemerkenswerthe Beständigkeit. Mit Jodmethyl und Jodäthyl liefert das Naphtalinroth violette und blaue Farbderivate.
[Sidenote: Naphtalinblau und Naphtalinviolett.]
3) und 4) =Violette= und =blaue Naphtalinfarbstoffe= lassen sich auf verschiedene Weise erzeugen, so durch Phenyliren, Naphtyliren, Methyl- und Aethyliren von Magdalaroth, ferner durch Behandeln von Naphtylamin mit Quecksilbernitrat (=Wilder=), durch Substitution von Wasserstoff in dem Anilin und Toluidin durch Naphtyl C_{10}H_{7} (=J. Wolff=, der bereits 1867 auf diese Weise prächtiges =Naphtylblau= erhalten hat), aus Rosanilin und Monobromnaphtalin, so wie aus Rosanilin und Naphtylamin (=M. Ballo=). =Blumer-Zweifel= einerseits und =A. Kielmeyer= andererseits haben endlich in neuester Zeit Naphtylaminviolett auf Baumwolle und leinenem Stoff durch Behandeln von Naphtylamin auf dem Stoffe selbst mit Kupferchlorid, Kaliumchlorat, kurz mit allen jenen Agentien erzeugt, durch die man Anilinschwarz (vergl. Seite 663) hervorzurufen im Stande ist[166].
[166] Es liegt auf der Hand, dass man durch Combinationen von geeigneten Anilin-, Naphtyl- und Cetylverbindungen die verschiedensten Arten von Blau und Violett darstellen kann, so wurden (durch die von =J. Wolff= in gleicher Richtung ausgeführten Arbeiten angeregt) bei Laboratoriumversuchen bereits im Sommer 1867 blaue Farbstoffe erhalten 1) aus Fuchsin und Naphtylbromür; 2) aus Fuchsin und Cetylbromür; 3) aus Naphtylaminfuchsin mit Anilinöl; 4) aus Cetylaminfuchsin mit Anilinöl; 5) aus Naphtylaminfuchsin mit Cetylamin; 6) aus Cetylaminfuchsin mit Naphtylamin.
IV. _Anthracenfarben._
[Sidenote: Anthracenfarben.]
Das =Anthracen= (Paranaphtalin, Photen) C_{14}H_{10}, im Kohlentheer in der Menge von 0,75-1,0 Proc. sich findend, wurde im Jahre 1831 von =J. Dumas= entdeckt und im Jahre 1869 zuerst von =C. Graebe= und =C. Liebermann= zur Fabrikation von Anthracenroth (künstlichem Alizarin) angewendet. Das Anthracen kommt in den letzten Produkten der Destillation des Steinkohlentheers vor und findet sich vorzugsweise in den zuletzt übergehenden dickflüssigen Produkten, die unter dem Namen _Green Grease_ früher in England als Schmiermittel vielfach Anwendung fanden. Das _Green Grease_ besteht aus schweren Oelen, etwas Naphtalin und etwa 20 Proc. Anthracen; durch Centrifugiren und starkes Pressen erhält man Rohanthracen (mit 60 Proc. Reingehalt), welches man durch Behandeln mit Petroleumnaphta in der Wärme, Centrifugiren, Schmelzen und Sublimation in reines Anthracen überführt.
Das Anthracen erscheint in kleinen, geruch- und geschmacklosen, weissen Blättchen, die bei 215° schmelzen und bei höherer Temperatur unzersetzt überdestilliren, sich wenig in Alkohol und Benzol, leichter in Schwefelkohlenstoff lösen, mit Pikrinsäure eine in rubinrothen Krystallen auftretende Verbindung bilden, durch die Einwirkung oxydirender Mittel in Anthrachinon (Oxanthracen, Oxyphoten) C_{14}H_{8}O_{2} übergehen, welches letztere auf Umwegen in Alizarin C_{14}H_{8}O_{4} übergeführt wird.
Nach der ursprünglichen Methode der Darstellung des =Alizarins= wurde das durch oxydirende Agentien wie Salpetersäure aus dem Anthracen erhaltene =Anthrachinon= C_{14}H_{8}O_{2} durch Bromiren in Bibrom-Anthrachinon C_{14]H_{6}Br_{2}O_{2} übergeführt und letzteres durch Erhitzen mit Aetzkali als Aetznatron bei einer Temperatur von 180-200° C. in Alizarin-Kalium umgewandelt, aus welchem man dann mit Salzsäure das Alizarin ausfällte:
[Greek: a]) C_{14}H_{6}Br_{2}O_{2} + 4KOH = C_{14}H_{6}K_{2}O_{4} Bibrom-Anthrachinon Alizarin-Kalium. + 2BrK + 2H_{2}O
[Greek: b]) C_{14}H_{6}K_{2}O_{4} + 2ClH = C_{14}H_{8}O_{4} + 2ClK Alizarin-Kalium Alizarin.
Gegenwärtig stellt man das Alizarin aus dem Anthrachinon dar, indem man dasselbe durch Behandeln mit Schwefelsäure von 1,84 spec. Gew. bei einer Temperatur von 260° zunächst in Sulfosäure überführt, diese Säure hierauf mit Calciumcarbonat neutralisirt, die Flüssigkeit vom Gyps abfiltrirt und dann mit Kaliumcarbonat versetzt, bis aller Kalk ausgefällt ist. Die klare Flüssigkeit wird zur Trockne abgedampft und die erhaltene Salzmasse durch Erhitzen mit Aetzkali in Alizarin-Kalium übergeführt, aus welchem das Alizarin durch Säuren gefällt wird. Nach einem =anderen= Verfahren umgeht man die Bildung des Anthrachinons und verwendet direct Anthracen, welches man durch Erhitzen mit concentrirter Schwefelsäure in =Anthracensulfosäure= C_{28}H_{18}SH_{4}O_{3} überführt. Diese Sulfosäure wird mit Wasser verdünnt und mit gewissen Oxydationsmitteln (Braunstein, Bleisuperoxyd, Chromsäure, Salpetersäure) behandelt. Die saure Flüssigkeit wird durch Versetzen mit Calciumcarbonat von der freien Schwefelsäure und bei Anwendung von Braunstein, auch von dem Mangan befreit und die oxydirte Sulfosäure in Form von Kaliumsalz mit Aetzkali erhitzt, wodurch sich, wie oben, Alizarin-Kalium bildet. -- Es unterliegt keinem Zweifel nicht nur, dass das Anthracen auch noch auf andere Weise in Alizarin übergeführt werden kann, sondern auch, dass es gelingen wird, aus anderen Kohlenwasserstoffen des Kohlentheers (Benzol, Toluol, Naphtalin) Anthracen und Anthracenroth darzustellen.
Die fabrikmässige Herstellung des künstlichen Alizarins, um welche sich ausser den Entdeckern =Graebe= und =Liebermann= noch =J. Gessert= in Elberfeld, =Brönner= und =Gutzkow= in Frankfurt a/M., =Brüning= in Höchst, =Greiff= in Cöln, =Perkin= in London u. a. m. Verdienste erworben haben, bildet eines der schönsten Blätter in der Geschichte der chemischen Technologie und wird voraussichtlich nach einer Reihe von Jahren dem Krappbau und der Garancinfabrikation eine tödtende Concurrenz bereiten. Vor der Hand ist aber das Anthracenroth gegen den Krappfarbstoff noch nicht concurrenzfähig.
V. _Farbstoffe aus Cinchonin._
[Sidenote: Farben aus Cinchonin.]
An die aus Theerbestandtheilen erhaltenen Farben schliessen sich unmittelbar die aus gewissen Alkaloïden, namentlich aus dem bei der Chininfabrikation in grosser Menge abfallenden =Cinchonin= an. Das Cinchonin wird mit überschüssigem Natronhydrat destillirt, wobei etwa 65 Proc. rohes Chinolin (Chinolinöl) übergeht, welches ein Gemenge ist der drei homologen Basen
Chinolin C_{9}H_{7}N Lepidin C_{10}H_{9}N Kryptidin oder Dispolin C_{11}H_{11}N.
Das Lepidin macht den Hauptbestandtheil aus. Erhitzt man das Chinolinöl mit Jodamyl, so bildet sich eine Verbindung beider, das Amyllepidinjodür, aus welchem durch Behandeln mit Natronlauge ein prächtigblauer Farbstoff, das =Cyanin= oder =Lepidinblau= (Chinolinblau) C_{30}H_{39}N_{2}J entsteht. Letzteres bildet Krystalle mit metallgrünem Glanz und goldgelbem Reflex, die sich schwer im Wasser, leicht in Alkohol lösen. Die Bildung des Cyanins lässt sich durch folgende Gleichungen veranschaulichen:
[Greek: a]) C_{10}H_{9}N + C_{5}H_{11}J = C_{15}H{20}NJ Lepidin Jodamyl Amyllepidinjodür.
[Greek: b]) 2C_{15}H_{20}NJ + NaOH = C_{30}H_{39}N_{2}J + NaJ + H_{2}O Amyllepidinjodür Cyanin.
B. Die im Pflanzen- und Thierkörper vorkommenden Farbstoffe. Rothe Farbstoffe.
[Sidenote: Rothe Farbstoffe. Krapp.]
Der =Krapp= ist die Wurzel der =Färberröthe= (_Rubia tinctorum_ in Süd-, Mittel- und Westeuropa, _R. peregrina_ im Orient, _R. mungista_ (Mungeet) in Ostindien und in Japan), einer im südlichen Europa und in Asien wachsenden ausdauernden Pflanze. Die Wurzel ist 10-25 Centimeter lang, wenig ästig und etwas stärker als ein Federkiel. Sie ist mit einer braunen Decke überzogen, innerlich aber von gelbrother Farbe. Sie kommt theils von der Rinde und den Wurzelfasern befreit, theils gemahlen in den Handel. Im gemahlenen Zustande erscheint sie als ein grobes, rothgelbes, stark und eigenthümlich riechendes Pulver, das sorgfältig gegen Luft- und Lichteinwirkung geschützt, aufbewahrt werden muss. Die beste Sorte des Krapps ist die aus der Levante (Smyrna, Cypern), die unter dem Namen =Lizari= oder =Alizari= ungemahlen in den Handel kommt. Der holländische Krapp ist =geschält= oder =beraubt=, wenn man mittelst der Mühlbeutel die Schale der Rinde und zuweilen selbst den inneren Theil entfernt hat. =Ungeschält= und =unberaubt= wird er genannt, wenn er gemahlen worden ist, ohne die Schale der Rinde zu entfernen. Am häufigsten findet sich Krapp aus dem Elsass (Strassburg, Hagenau, Geisselbrunn) und der Provence (Avignon). Unter dem =Mullkrapp= versteht man die schlechteste Sorte Krapp aus Staub und Abfall bestehend. Die Krappwurzel enthält ausser den Farbstoffen auch noch Zucker in namhafter Menge[167]. Während man ehedem in dem Krapp nicht weniger als fünf Farbstoffe annahm, scheint aus neueren Untersuchungen hervorzugehen, dass diese Wurzel im frischen Zustande nur zwei Farbstoffe, die =Ruberythrinsäure= (früher Xanthin genannt) und das Purpurin enthält. Erstere Säure zerfällt unter dem Einflusse einer eigenthümlichen, in dem Krapp enthaltenen stickstoffhaltigen Substanz (nach =Rochleder=) in den eigentlichen Farbstoff des Krapps, in das =Alizarin= und in Zucker:
C_{20}H_{22}O_{11} = C_{14}H_{8}O_{4} + C_{6}H_{12}O_{6} + H_{2}O Ruberythrinsäure Alizarin Zucker.
[167] =W. Stein= (1869) fand in frischer Krappwurzel bis zu 8 Proc. Rohrzucker.
Nach den Untersuchungen von =Graebe= und =Liebermann= ist das Alizarin ein Derivat des Anthracens C_{14}H_{10} und hat die Formel C_{14}H_{8}O_{4}. Den genannten Chemikern ist es neuerdings (1869) gelungen, Anthracen künstlich in Alizarin (vergl. Seite 667) überzuführen. Das Alizarin ist von gelber Farbe, wird aber durch Alkalien und Erden roth gefärbt. Ausserdem findet sich in dem Krapp noch ein rother Körper, das =Purpurin= oder Rubiacin (welches die Formel C_{14}H_{8}O_{5} hat), das für sich ohne Färbevermögen, aber in Verbindung mit Alizarin den Färbeprocess unterstützt.
[Sidenote: Krapplack.]
[Sidenote: Krappblumen.]
[Sidenote: Azale.]
=Krapplack= ist eine Verbindung von Alizarin und Purpurin mit basischen Thonerdesalzen; um ihn darzustellen, zieht man ausgewaschenen Krapp mit einer Alaunlösung aus und schlägt die Flüssigkeit durch Natriumcarbonat oder durch Borax nieder, worauf der Niederschlag ausgewaschen und getrocknet wird. Die =Krappblumen= (_fleur de garance_) erhält man durch Auswaschen und Gährenlassen des gemahlenen Krapps; sie werden ebenso wie der Krapp angewendet, vor welchem sie den Vortheil besitzen, dass sie durch Erniedrigung der Temperatur des Färbebades nicht an Färbevermögen einbüssen. Das Waschen des Krapps scheint demnach die Entfernung derjenigen Substanz (einer Pektinsubstanz?) zu bewirken, welche unter den letzteren Umständen unlöslich wird. Indem man die Krappblumen mit siedendem Holzgeist extrahirt, den Auszug filtrirt und ihm destillirtes Wasser zusetzt, erhält man einen reichlichen gelben Niederschlag, der mit Wasser ausgewaschen und getrocknet wird. Er führt den Namen =Azale= (von _azala_, einer arabischen Bezeichnung des Krapps) und ist von Frankreich aus zum Färben vorgeschlagen worden. Wahrscheinlich ist dieser Körper nichts anderes als rohes Alizarin. Letzterer Körper, durch Extraction von Krapp oder Garancin erhalten, kommt seit einigen Jahren unter dem Namen =Pincoffin= in den Handel.
[Sidenote: Garancin.]
[Sidenote: Garanceux.]
Das =Garancin= (sogenannte Krappkohle) ist ein Präparat aus Krapp, welches die bei der Färberei wirkenden Bestandtheile in einer concentrirteren und leichter ausziehbaren Gestalt enthält. Um es darzustellen, übergiesst man fein gemahlenen, mit Wasser befeuchteten Krapp mit 1/2 Th. concentrirter Schwefelsäure und 1 Th. Wasser, erhitzt das Gemisch ungefähr eine Stunde lang bis auf 100°, befreit darauf die Masse durch Auswaschen von aller Säure, presst und trocknet sie. Durch die Schwefelsäure werden die der Färberei hinderlichen Substanzen des Krapps zerstört und durch das darauf folgende Auswaschen entfernt, während die Farbstoffe mit zum Theil verkohlten organischen Substanzen zurückbleiben. Im Durchschnitt kann man annehmen, dass 3-4 Th. Krapp durch 1 Th. Garancin ersetzt werden können. Da der Krapp beim Ausfärben seine Farbstoffe nicht vollkommen verliert, so trennt man die Rückstände durch Filtriren von der Flüssigkeit, und behandelt dieselben mit 1/3 ihres Gewichtes englischer Schwefelsäure. Die Masse wird dann ebenso wie die Garancine ausgewaschen und getrocknet. Sie heisst =Garanceux= und steht selbstverständlich der Garancine an Färbevermögen nach.
[Sidenote: Colorin.]
Die im Handel unter dem Namen =Colorin= vorkommende Substanz ist das weingeistige und zur Trockne verdunstete Extract des Garancins und besteht wesentlich aus Alizarin, mit Purpurin, Fett und anderen in Weingeist löslichen Bestandtheilen des Krapps verunreinigt. Seit einigen Jahren stellt =E. Kopp= die technisch reinen Farbstoffe aus dem Krapp durch Ausziehen mit einer wässrigen Lösung von _schwefliger Säure_ dar. Diese Präparate, welche bereits grosse Verbreitung gefunden haben, werden unterschieden als =grünes Alizarin= (_Alizarine verte_), welches in der Menge von 3 Proc. aus dem Elsasser Krapp erhalten wird und neben dem Alizarin noch einen grünen harzigen Stoff enthält, als =gelbes Alizarin= (_Alizarine jaune_), von welchem dieser grüne Stoff getrennt wurde, als =Purpurin= und als =Krappblumen=. Das Färbevermögen des Purpurins beträgt das 10fache des Krapps, das grüne und gelbe Alizarin das 32-36fache des Krapps. Im Grossen erhält man aus gutem Krapp
Purpurin 1,15 Proc. Grünes Alizarin 2,50 " Gelbes Alizarin 0,32 " Krappblumen 39,00 "
[Sidenote: Rothholz.]
Mit dem Namen =Roth=- oder =Brasilienholz= bezeichnet man mehrere in der Rothfärberei angewendete Hölzer der Gattung _Caesalpinia_. Die beste Sorte ist das Fernambukholz von _Caesalpinia brasiliensis s. crista_, das auswendig gelbbraun, inwendig hellroth, schwer und ziemlich hart ist. Es führt den Namen von der Stadt Fernambuco in Brasilien, in deren Nähe es häufig wächst. Es kommt ganz und gemahlen in den Handel. Eine schlechtere Sorte ist das =Sapanholz= (_C. Sapan_), welches in Japan wächst; noch weniger Werth hat das =Lima=- oder =Nicaraguaholz= oder _Bois de Ste. Marthe_ (_C. echinata_) und das =Brasiletholz= (_C. vesicaria_). In allen diesen Hölzern findet sich der Farbstoff =Brasilin= (nach =Bolley= von der Formel C_{44}H_{40}O_{14} + 3H_{2}O), ein in farblosen, kleinen Nadeln krystallisirender Körper, dessen wässerige Lösung an der Luft, besonders schnell beim Sieden und bei Gegenwart von Alkalien ins Carmoisinrothe übergeht. In der Färberei wird vermittelst des Rothholzes eine schöne rothe, aber keineswegs dauerhafte Farbe erzeugt[168]. Ausserdem gebraucht man es zur Darstellung des Kugellackes, obgleich es in dieser Hinsicht häufig durch die rothen und violetten Theerfarbstoffe ersetzt wird.
[168] Man benutzt das Rothholz zur Fabrikation der =rothen Tinte=. Man nimmt dazu 250 Grm. Rothholz, 30 Grm. Alaun, 30 Grm. _Cremor tartari_ mit 2 Liter Wasser, kocht die Flüssigkeit bis auf 1 Liter ein und setzt darauf zu der durchgegossenen Flüssigkeit 30 Grm. arabisches Gummi und 30 Grm. weissen Candiszucker. Eine noch schönere und haltbarere Tinte erhält man, indem man 2 Decigramme (4 Gran) Carmin in 1 Loth Aetzammoniakflüssigkeit löst, und dazu eine Lösung von 1 Grm. (18 Gran) arabischem Gummi in 3 Loth Wasser setzt. Gegenwärtig stellt man häufig die rothe Tinte aus mit arabischem Gummi und etwas Alaun versetzten Fuchsinlösungen oder durch Lösen von Aurin (einer Varietät von Rosolsäure) in Natriumcarbonat dar.
[Sidenote: Santelholz.]
Das =Santelholz= (Kaliaturholz) kommt als gelbes und rothes im Handel vor. Das rothe stammt von _Pterocarpus Santalinus_, einem auf Ceylon und in Ostindien wachsenden Baume. Man führt es in gespaltenen Scheiten von gradfaserigem Gefüge und dunkelrother, innen hellerer Farbe ein. Der in dem Santelholz enthaltene Farbstoff ist harzartiger Natur und führt den Namen =Santalin=. Nach einer 1869 von =H. Weidel= ausgeführten Untersuchung findet sich in Santelholz ein farbloser Körper, das =Santal= C_{8}H_{6}O_{3}, welche durch Oxydation in Santalin überzugehen scheint. Man benutzt das Santelholz zu gefärbten Lacken, zur Möbelpolitur, zur Erzeugung von Braun in der Wollenfärberei, zum Rothfärben des Leders, zu Zahnpulver u. s. w. Der gleiche Farbstoff findet sich in dem sogenannten =Barwood=- oder =Camholz=, das von _Baphia nitida_, einem in Afrika wachsenden Baume stammt. Dieses Holz soll 23 Proc. Santalin enthalten, während das Santelholz nur 16 Proc. enthält.
[Sidenote: Safflor.]
Der =Safflor= besteht aus den getrockneten Blumenblättern der =Safflorpflanze=, Färbedistel (_Carthamus tinctorius_), eines distelartigen Gewächses (aus der Familie der Synantheren), das in Ostindien, Aegypten, in den südlichen Ländern Europas, zum Theil auch in Deutschland angebaut wird. Der Safflor enthält einen rothen, in Wasser unlöslichen (Carthamin) und einen gelben, in Wasser löslichen Farbstoff. Je reiner der Safflor von Samen, Spreu u. s. w., je dunkler feuerroth die Farbe, desto besser ist er. Das =Carthamin= (C_{14}H_{16}O_{7}) oder _Rouge végétale_ wird auf folgende Weise dargestellt: Man zieht den Safflor mit einer sehr verdünnten Lösung von Natriumcarbonat aus, taucht in die Lösung Streifen von Baumwolle und neutralisirt das Alkali mittelst Essigs oder verdünnter Schwefelsäure. Die roth gefärbten Streifen werden darauf ausgewaschen, mit einer Lösung von Natriumcarbonat ausgezogen und diese mit einer Säure gefällt. Der so erhaltene Niederschlag wird ausgewaschen und auf Tellern getrocknet (Teller- oder Tassenroth). Das Carthamin erscheint in dünnen Rinden, die im auffallenden Lichte goldgrün, im durchgehenden roth aussehen. Das durch wiederholtes Auflösen und Niederschlagen gereinigte Carthamin führt den Namen =Safflorcarmin=. Das Carthamin wird mit gepulvertem Talk gemengt, als =rothe Schminke= angewandt. Der Safflor wird in der Seidenfärberei benutzt. Die erzeugte rothe Farbe ist aber sehr vergänglich.
[Sidenote: Cochenille.]