Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage
Part 133
Man hat meist dem =Arsensäureverfahren= den Vorzug gegeben, trotzdem, dass die arsenhaltigen Rückstände für den Fabrikanten eine Quelle von Unannehmlichkeiten der ärgsten Art werden. Nach dem Verfahren von =Girard= und =Delaire= erwärmt man 1 Ctr. Anilinöl mit 2 Ctr. Arsensäurehydrat von 60° B. (= 1,71 spec. Gewicht) 4-5 Stunden lang bei einer Temperatur, die 190-200° nicht übersteigen darf. Die sich hierbei bildende rothe Masse (die Fuchsinschmelze) wird in kleine Stücke zerschlagen, mit Wasser ausgekocht und sobald die Lösung vor sich gegangen ist, durch Filze oder Leinenbeutel in Krystallisirgefässe filtrirt. Nach 2-3 Tagen leitet man die über den Krystallen stehende Mutterlauge in Gruben, welche mit Sandstein ausgelegt und innen getheert sind, und schlägt die darin befindliche Arsensäure und arsenige Säure mit einer Mischung aus Schlämmkreide und Kalkhydrat nieder. Der Kalkniederschlag wird auf Arsenpräparate verarbeitet[163]. Die auskrystallisirte Masse wird durch Umkrystallisiren gereinigt. In den französischen Fabriken löst man die Fuchsinschmelze in Salzsäure und Wasser auf und neutralisirt mit Soda. Hierbei scheidet sich fast alles Fuchsin in Form eines aus krystallinischen Blättchen bestehenden Kuchens aus, der durch Auskochen in Wasser gelöst und dann zum Krystallisiren gebracht wird. Das so erhaltene Fuchsin ist stets arsenhaltig. Handelt es sich daher um das Färben von Spirituosen und Conditorwaaren, so ist ein Rosanilinsalz zu verwenden, welches mittelst Chlorkohlenstoff oder Quecksilberchlorid dargestellt wurde. Die =Salze des Rosanilins= zeigen meist im reflectirten Lichte den grünen metallischen Glanz gewisser Käferflügeldecken, während sie in durchfallendem Lichte roth erscheinen. Das salzsaure Salz heisst vorzugsweise =Fuchsin=, das essigsaure =Roseïn=, das salpetersaure =Azaleïn=. Ihre Lösungen in Wasser oder Alkohol besitzen die bekannte prächtig carminrothe Farbe. Sie sind von äusserst grosser Färbekraft; 1 Kilogr. Fuchsin reicht hin zum Färben von 200 Kilogr. Wolle. Das =gerbsaure= Rosanilin ist in Wasser schwer löslich. Das Fuchsin ist die Grundlage fast aller übrigen Anilinfarben, so giebt Fuchsin mit Anilinöl Violett oder Blau, Fuchsin mit Jodäthyl Blau oder Violett u. s. w. Die Wirkungsweise der Arsensäure bei der Rosanilinbildung lässt sich auf folgende Weise vorstellen:
(C_{6}H_{7}N / 2C_{7}H_{9}N) } = C_{20}H_{25}N_{3} + 3As_{2}O_{5} Anilinöl. Arsensäure. = C_{20}H_{19}N_{3} + 3As_{2}O_{3} + 3H_{2}O. Rosanilin. Arsenige Wasser. Säure.
[163] Nach =Bolley= kann man die bei der Fuchsinbereitung fallenden arsenhaltigen Flüssigkeiten durch Destillation mit Salzsäure wieder nutzbar machen. Verdünnt man das Chlorarsen enthaltende Destillat mit Wasser, so fällt arsenige Säure heraus. -- Ein Chemnitzer Anilinfabrikant sendet die arsenhaltigen Rückstände auf die Arsenhütte nach Schwarzenberg, wo sie auf Arsen verarbeitet werden.
[Sidenote: Anilinviolett.]
2. Das =Anilinviolett= oder der =Anilinpurpur= (Anileïn, Indisin, Phenameïn, Harmalin, Violin, Rosolan, Mauveïn) wurde am 26. August 1856 von =W. H. Perkins= in London entdeckt und aus dem Anilinöl mittelst Kaliumbichromat und Schwefelsäure dargestellt. Später wurde es auch auf andere Weise erhalten, so durch Behandeln eines Anilinsalzes mit Chlorkalklösung (=Bolley=, =Beale= und =Kirkham=), mit Mangansuperoxyd (=Kay=) oder Bleisuperoxyd (=Price=) bei Gegenwart von Schwefelsäure, mit Kaliumpermanganat (=Williams=), mit Ferridcyankalium (=Smith=), mit Chlor (=Smith=), mit Kupferchlorid (=Caro= und =Dale=) u. s. w. Von all' diesen Vorschlägen hat nur der mit Kaliumbichromat industrielle Wichtigkeit erlangt.
Das nach diesem Verfahren erhaltene Violett hat zur Base das =Mauveïn= C_{27}H_{24}N. Von dem vorstehenden Anilinviolett ist verschieden das von =Girard= und =de Laire= erhaltene _Violet Imperial_, welches man durch Einwirkenlassen von Kaliumchromat auf ein Gemenge von Anilinöl und salzsaurem Rosanilin bei 180° erhält. Ein anderes Violett wird nach =Nicholson= durch Erhitzen von Fuchsin bis auf 200-215° erhalten. Auch beim Erhitzen eines Rosanilinsalzes mit überschüssigem Anilin entstehen, ehe Anilinblau sich bildet, violette Farben, von denen (nach =Hofmann=)
die rothviolette Monophenyl-Rosanilin, " blauviolette Diphenyl-Rosanilin
ist; letztere Verbindung geht bei weiterem Erhitzen in Triphenyl-Rosanilin = Anilinblau über. Demnach ist
Rosanilin roth C_{20}H_{21}N_{3}O Monophenyl-Rosanilin rothviolett C_{20}H_{20}(C_{6}H_{5})N_{3}O Diphenyl-Rosanilin blauviolett C_{20}H_{19}(C_{6}H_{5})_{2}N_{3}O Triphenyl-Rosanilin blau C_{20}H_{18}(C_{6}H_{5})_{3}N_{3}O
Vorstehendes Violett führt gegenwärtig den Namen =altes Violett= oder _Violet nonpareil_. Ausser diesem giebt es nun noch die sogenannten =Neu=- oder =Jodviolette= (=Hofmann's Violette= oder =Dahliafarben=), welche sich von den vorigen dadurch unterscheiden, dass in ihren Basen nicht das Phenyl, sondern die Alkoholradikale Aethyl, Methyl und Amyl die Substituirung vollführen. Man erhält sie, indem man Fuchsin in geschlossenen Cylindern mit den =Jodüren= (neuerdings jedoch meist den Bromüren) der Alkoholradikale und etwas Alkohol als Lösungsmittel auf 100-110° C. erhitzt, wobei je nach der Dauer der Einwirkung
Monäthyl-Rosanilin Diäthyl-Rosanilin oder Triäthyl-Rosanilin
sich bildet. Die höchst äthylirte Base ist blauviolett, die minder äthylirten zeigen röthliche Nüancen. Die methylirten und äthylirten Violette haben vor den mit Phenyl substituirten eine grössere Brillanz voraus. Das von =Poirrier= und =Chappat= eingeführte _Violet de Paris_ ist das Produkt der Einwirkung von Zinnchlorid und ähnlichen Agentien auf Methyl- oder Aethyl-Anilin.
[Sidenote: Anilinblau.]
3. Das =Anilinblau= (Azulin, Azurin) wurde am 2. Januar 1861 von =de Laire= und =Girard= erhalten, indem sie ein Gemenge von Fuchsin mit Anilinöl einige Stunden lang erhitzten und das Produkt mit Salzsäure aufnahmen. Das so erhaltene Blau ist unter dem Namen _Bleu de Paris_ oder _Bleu de Lyon_ in den Handel gekommen. Es erscheint im trocknen Zustande kupferglänzend, ohne die Beimischung von grün oder gelb, welche das Fuchsin und das Anilinviolett charakterisirt. Um das Anilinblau zu reinigen, löst man es in concentrirter Schwefelsäure und digerirt die Lösung 1-1/2 Stunden lang bei 150° C. Durch Zusatz von Wasser wird das Blau aus der Lösung in modificirter und in Wasser löslicher Form abgeschieden. Letzteres heisst _Bleu soluble_. Unter den Bildungsweisen des Anilinblau auf anderen Wegen sei angeführt die aus Rosanilin und Aldehyd (=Lauth=), aus Rosanilin und rohem Holzgeist (=E. Kopp=), aus Rosanilin und alkalischer Schellacklösung (nach =Gros-Renaud= und =Schäffer=), wodurch das sogenannte _Bleu de Mulhouse_ sich bildet, ferner durch Oxydation von Methylanilin (=J. Wolff=), aus Rosanilin und bromirtem Terpentinöl (=Perkins=), aus Rosanilin und Isopropyljodid (=Wanklyn=), aus Rosanilin und Aethylenjodid und -bromid (=M. Vogel=), aus Rosanilin und Jod- und Bromaceton (=Smith= und =Sieberg=).
Die Umwandelung des salzsauren Rosanilins (Fuchsins) durch Erhitzen mit Anilinöl in Anilinblau geht nach folgender Gleichung vor sich:
C_{20}H_{19}N_{3}, ClH + 3C_{6}H_{7}N = Rosanilinsalz. Anilin. C_{20}H_{16}(C_{6}H_{5})_{3}N_{3}, HCl + 3NH_{3} Anilinblau. Ammoniak.
Das mit Rosanilin und Anilinöl dargestellte Anilinblau ist Rosanilin (C_{6}H_{4} / 2C_{7}H_{6} / H_{3})} N_{3}, in welchem die 3 At. basischen Wasserstoffs durch 3 At. Phenyl C_{6}H_{5} ersetzt wurden, mithin Triphenyl-Rosanilin, dessen salzsaure Verbindung die Formel hat C_{38}H_{32}N_{4}Cl. Erhitzt man ein Rosanilinsalz mit Toluidin, so erhält man das analoge =Toluidinblau= (Tritolyl-Rosanilin) C_{41}H_{37}N_{3} = C_{20}H_{16}(C_{7}H_{7})_{3}N_{3}. Erhitzt man Anilinblau, so findet sich unter den Produkten der trocknen Destillation =Diphenylamin= C_{12}H_{11}N, weisse Krystalle bildend, welche mit Salpetersäure übergossen sich prachtvoll blau färben. Das Diphenylamin und seine Homologen, namentlich das Phenyltolylamin C_{13}H_{13}N, welches bei der trocknen Destillation des sogenannten =Bleuin= C_{39}H_{33}N_{3} sich bildet, wendet man seit einiger Zeit zur Darstellung von neuen Blauvarietäten an. =A. W. Hofmann= fand, dass, wenn man, wie oben bemerkt, Rosanilin mit Jodäthyl oder Jodamyl längere Zeit erhitzt, sich als höchst äthylirtes oder amylirtes Produkt (Triäthyl-Rosanilin oder Triamyl-Rosanilin) Anilinblau (Jodblau) bildet. Auch durch Einschieben von Naphtyl in Fuchsin lässt sich (nach =J. Wolff=) prächtiges Blau (=Naphtylblau=) erhalten. -- Eine Sorte Anilinblau, welche bei künstlichem wie bei Tageslichte rein blau erscheint, heisst _Bleu de lumière_ oder _Bleu de nuit_, eine andere ins Violette schimmernde Nüance _Bleu de Parme_.
[Sidenote: Anilingrün.]
4. Das =Anilingrün= existirt in zwei verschiedenen Varietäten, nämlich als Aldehydgrün und als Jodgrün. Das =Aldehydgrün= (Emeraldin) wurde im Jahre 1863 von =Cherpin= (Chemiker in der Fabrik von =Usèbe= zu Saint-Ouen) durch Behandeln einer mit Schwefelsäure versetzten Lösung von schwefelsaurem Rosanilin mit Aldehyd, wobei man vorsichtig erhitzt, bis die Lösung eine dunkelgrüne Farbe angenommen hat, erhalten. Das Aldehydgrün ist schwefelhaltig. Nach =A. W. Hofmann= ist seine Zusammensetzung der Formel C_{22}H_{27}N_{3}S_{2}O entsprechend. Dann setzt man Natriumhyposulfit hinzu und kocht einige Minuten. Alles Grün bleibt in Lösung und dient so zum Färben der Seide. Das Natriumhyposulfit kann durch Schwefelammon oder durch Schwefelwasserstoff ersetzt werden. Durch ein Gemenge von Kochsalz und Natriumcarbonat kann die grüne Farbe aus der Lösung gefällt werden. Sie wird in einer Mischung von 2 Th. Schwefelsäure und 50-70 Th. Alkohol gelöst. Das Anilingrün ist von prächtiger Nüance, besonders bei Kerzenlicht, wodurch es sich von jedem anderen Grün vortheilhaft unterscheidet. Die zweite Art Anilingrün ist das 1863 von =A. W. Hofmann= entdeckte =Jodgrün= (_vert à l'iode_), welches als Nebenprodukt bei der Fabrikation der durch Methylirung und Aethylirung aus dem Rosanilin gebildeten violetten Farbstoffe (=Hofmann's Violett=) entsteht.
Man erhält es auf folgende Weise: 1 Th. essigsaures Rosanilin, 2 Th. Jodmethyl und 2 Th. Methylalkohol erhitzt man unter hohem Drucke mehrere Stunden lang. Nach beendigtem Erhitzen hat man ein Gemenge violetter und grüner Farbstoffe in Methylalkohol gelöst. Nachdem die flüchtigen Produkte durch Destillation entfernt sind, bringt man das Gemisch der Farbstoffe in eine grosse Menge siedenden Wassers. Das Grün löst sich vollständig, die violetten Farbstoffe bleiben ungelöst. Das Grün wird aus der Lösung durch eine kaltgesättigte Lösung von Pikrinsäure in Wasser gefällt. Das Pikrat des Jodgrüns wird auf einem Filter gesammelt, flüchtig mit Wasser gewaschen und nach dem Abdampfen _en pâte_ in den Handel gebracht. Im krystallisirten Zustande hat das (pikrinsäurefreie) Jodgrün die Formel C_{25}H_{33}N_{3}OJ_{2}.
[Sidenote: Anilingelb.]
5. =Anilingelb= und =Anilinorange=. Bei der Darstellung von rothen Farben aus Anilinöl entsteht neben Fuchsin stets ein harzähnlicher Körper, aus welchem =Nicholson= einen prächtigen gelben Farbstoff, das =Anilingelb=, =Anilinorange=, =Aurin= oder =salzsaures Chrysanilin= isolirte, welcher Wolle und Seide schön gelb färbt. Das Chrysanilin ist eine Base und hat die Formel C_{20}H_{17}N_{3}. Das interessanteste Salz derselben ist das Nitrat, welches unlöslich ist in Wasser. Die Darstellung des Chrysanilingelbes ist höchst einfach. Der Rückstand von der Bereitung des Fuchsins wird mit Wasserdämpfen behandelt; sobald sich eine gewisse Menge von Base gelöst hat, fällt man das Chrysanilin mittelst Salpetersäure. =Schiff= erhielt Anilingelb durch Einwirkenlassen von Antimonsäure- oder Zinnsäurehydrat auf Anilin, =M. Vogel= durch die Einwirkung von salpetriger Säure auf eine alkoholische Lösung von Rosanilin. Letzteres Anilingelb hat die Formel C_{20}H_{19}N_{2}O_{6} und ist in Alkohol, nicht in Wasser löslich.
[Sidenote: Anilinschwarz und Anilinbraun.]
6. Das =Anilinschwarz= C_{6}H_{7}NO_{6} (ein dunkles Anilingrün, entstanden durch die Einwirkung oxydirender Agentien auf Anilinöl), von J. von =Fritzsche= bereits im Jahre 1843 wahrgenommen, wurde früher aus den Rückständen von der Bereitung von Anilinviolett mit Kaliumbichromat dargestellt, gegenwärtig aber erhalten durch Einwirkenlassen von Kaliumchlorat und Kupferchlorid auf salzsaures Anilin (=Lightfoot=). Wie =Cordillot= nachgewiesen, kann das chlorsaure Kali und das Kupferchlorid durch Ferridcyanammonium, oder nach =Lauth= durch frischgefälltes Schwefelkupfer ersetzt werden. Letzteres wirkt nach =Bolley=, indem es sich zu Kupfervitriol oxydirt und zugleich Sauerstoff auf das Anilin überträgt. Das nach letzterem Verfahren erhaltene Schwarz, welches seiner Unlöslichkeit wegen auf dem zu färbenden Stoffe selbst erzeugt werden muss, ist auch =schwarzer Indig= oder =Indigschwarz=, genannt worden. Ein neueres Anilinschwarz ist das =Lukasschwarz= (Peterson's Schwarz), dessen werthvollste Eigenschaft darin besteht, dass es bereits Farbe ist und zu seiner Entwickelung nur noch schwach oxydirt zu werden braucht. Es ist eine schwarze flüssige Masse aus salzsaurem Anilin und essigsaurem Kupfer bestehend, die mit Kleister vermischt aufgedruckt wird. Das Schwarz oxydirt sich von selbst an der Luft; die Oxydation wird aber beschleunigt, wenn man die Stoffe in einem feuchten Raume bei 40° aufhängt. Man verwendet das Anilinschwarz in der Färberei und Zeugdruckerei.
7. Das =Anilinbraun= (Havannabraun) stellt man nach =de Laire= durch Erhitzen eines Gemenges von Anilinviolett oder Anilinblau mit salzsaurem Anilin bis auf 240° C. dar, bis die Farbe der Mischung in Braun übergeht. Das so erhaltene Braun ist in Wasser, Alkohol und Säuren löslich und kann unmittelbar zum Färben benutzt werden. Gewöhnlich ist das, was der Färber unter dem Namen Anilinbraun erhält, zu hoch erhitzte (verbrannte) Fuchsinschmelze. Ein anderes Anilinbraun (=Bismarckbraun=) gewinnt man durch Schmelzen von Fuchsin mit salzsaurem Anilin.
II. _Carbolsäurefarben._
[Sidenote: Farbstoffe aus Carbolsäure.]
Aus den bei 150-200° übergehenden Antheilen des schweren Steinkohlentheeröls besteht die =Carbolsäure= (Phenylsäure, Phenol). Sie erscheint, so wie sie von =E. Seil= in Offenbach, von =C. Calvert u. Co.= in Bradford und von =Ch. Löwe= & =Co.= in Manchester in den Handel geliefert wird, als eine krystallinische Masse, die an der Luft schwach geröthet wird, bei 34°C. schmilzt und bei 186° siedet. Sie ist (nach =Laurent='s Methode durch Behandeln des schweren Theeröles mit Alkalien dargestellt) ein Gemenge der drei homologen Körper oder Phenole:
Carbolsäure C_{6}H_{6}O Kresylsäure C_{7}H_{8}O Phlorylsäure C_{8}H_{10}O.
Sie löst sich in 33 Th. Wasser. Die =Calvert='sche Carbolsäure, wie sie die Farbenfabriken verwenden, wird dargestellt, indem man ein Gemenge der =Laurent='schen Säure mit Wasser abkühlt. Bei +4° C. scheidet sich Carbolsäurehydrat C_{6}H_{6}O + H_{2}O aus, welches durch Entziehung des Wassers in reine Carbolsäure übergeht, die bei 41° schmilzt. Sie findet ausser als Conservationsmittel (von Bauholz und Eisenbahnschwellen) auch als Antisepticum z. B. zum Einbalsamiren, in der Pergament- und Darmsaitenfabrikation, in den Leimfabriken und als Desinfectionsmittel für Aborte, Schlachthäuser, Ställe, Käfige und zum Räuchern von Krankenzimmern und Schiffsräumen etc. etc. Anwendung. Aber wol 50 Proc. der gegenwärtig fabricirten Carbolsäure dienen zur Darstellung folgender Farbstoffe:
1) der Pikrinsäure, 4) des Corallin, 2) des Phenylbrauns, 5) des Azulin. 3) des Grénat soluble.
[Sidenote: Pikrinsäure.]
1) Die =Pikrinsäure= (Trinitrophenylsäure) C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O, durch die Einwirkung von Salpetersäure auf Carbolsäure oder besser noch durch Behandeln von krystallisirtem phenylschwefelsaurem Natrium mit Salpetersäure erhalten, ist eine aus gelben Blättchen bestehende Masse, die sich schwer in kaltem Wasser, leicht in heissem Wasser und in Alkohol löst. Sie findet besonders zum Gelbfärben und in Verbindung mit Anilingrün (Jodgrün), Indig oder Berlinerblau zum Grünfarben der Seide und Wolle Anwendung[164].
[164] Es ist in neuerer Zeit vorgekommen, dass anstatt der reinen (nicht explosionsfähigen) Pikrinsäure das =Natronsalz= derselben (von Elberfeld aus) unter dem Namen =Pikrinsäure= und =Anilingelb= in den Handel gebracht worden ist und durch seine explodirenden Eigenschaften zu grossen Unglücksfällen Veranlassung gegeben hat.
In Frankreich stellt man jährlich gegen 80-100,000 Kilogr. Pikrinsäure dar, die indessen nicht nur zum Färben, sondern auch in namhafter Menge zur Bereitung des Pikratpulvers (vergl. Seite 168) Verwendung findet. Von der mit der Pikrinsäure homologen =Trinitrokresylsäure= kommt das Ammoniaksalz unter dem Namen =Victoriaorange= oder _Jaune anglais_ im Handel vor. Pikrinsäure giebt beim Behandeln mit Cyankalium die Isopurpursäure, Trinitrokresylsäure die Kresylpurpursäure (=v. Sommaruga=), deren Kalium- und Ammonsalze das Granatbraun bilden.
[Sidenote: Phénicienne.]
2) Die =Phénicienne= oder das =Phenylbraun= ist ein 1865 von =Roth= dargestellter und in der Seiden- und Wollfärberei angewendeter Farbstoff, welcher durch die Einwirkung einer Mischung von Schwefelsäure und Salpetersäure auf Carbolsäure sich bildet. Das Phenylbraun ist ein amorphes Pulver, das ein Gemenge aus zwei Farbstoffen, einem gelben (nach =P. Bolley= Dinitrophenol C_{6}H_{4}(NO_{2})_{2}O) und einem schwarzbraunen, den Humuskörpern sich anreihenden, sein soll.
[Sidenote: Granatbraun.]
3) Das =Grénat soluble= oder =Granatbraun=, welches in neuester Zeit von =J. Casthelaz= in Paris als Ersatzmittel der Orseille in die Färberei eingeführt wurde, ist nichts anderes als das vor längerer Zeit von =Hlasiwetz= in Wien entdeckte =isopurpursaure Kalium=, welches bei der Einwirkung von Cyankalium auf eine Lösung von Pikrinsäure (nach der von =Zulkowsky= angegebenen Gleichung) auf folgende Weise sich bildet:
C_{6}H_{3}(NO_{2})_{3}O + 3KCN + 2H_{2}O = Pikrinsäure Cyankalium
C_{8}H_{4}KN_{5}O_{6} + NH_{3} + K_{2}CO_{3} isopurpursaur. Ammoniak kohlensaures Kalium Kalium.
Da das Granatbraun bei schwacher Reibung schon mit grosser Heftigkeit explodirt, so kommt es in Teigform (_en pâte_) in den Handel. Zur Verhütung des Austrocknens des Teiges ist derselbe mit etwas Glycerin versetzt.
[Sidenote: Corallin.]
4) Das =Corallin= (oder =Paeonin=), ein scharlachrother Farbstoff, entsteht nach =Kolbe= und =R. Schmidt= durch Erhitzen eines Gemenges von Carbolsäure, Oxalsäure und Schwefelsäure, bis die Farbe sich genügend entwickelt hat; nach beendigter Reaction wäscht man mit siedendem Wasser, um die überschüssige Säure zu entfernen; die zurückbleibende Substanz wird getrocknet und gepulvert und bei einer Temperatur von 150° der Einwirkung von Ammoniak ausgesetzt.
In welcher Beziehung das Corallin zu der von =Runge= im Theer entdeckten =Rosolsäure= steht, ist noch zu ermitteln. Nach den Untersuchungen von =H. Caro= wären beide Körper identisch. Die Rosolsäure C_{20}H_{16}O_{3} entstehe (ähnlich wie Rosanilin aus Anilin und Toluidin sich bilde) aus Carbolsäure und Kresylsäure nach folgender Gleichung:
C_{6}H_{6}O + 2C_{7}H_{8}O = C_{20}H_{16}O_{3} + 3H_{2} Carbolsäure. Kresylsäure. Rosolsäure.
[Sidenote: Azulin.]
5) =Azulin= (Phenylblau). Erhitzt man Corallin mit Anilinöl, so erhält man nach =J. Persoz= und =Guinon-Marnas= einen blauen Farbstoff, welcher den Namen Azulin (Azurin) erhielt.
[Sidenote: Farbstoff direct aus Nitrobenzol.]
Aus dem =Nitrobenzol= direct hat man ebenfalls Farbstoffe darzustellen versucht. Nach =Laurent= und =Casthelaz= erhält man einen rothen Farbstoff, das =Erythrobenzin=, wenn man 12 Th. Nitrobenzol, 24 Th. Eisenfeile und 6 Th. Salzsäure 24 Stunden lang bei gewöhnlicher Temperatur stehen lässt. Es bildet sich eine feste harzähnliche Masse, welche man mit Wasser auszieht; die Lösung wird mit Kochsalz gefällt. Die so erhaltene Farbe ist zum Drucken und Färben anwendbar und soll das Fuchsin zu ersetzen (?) im Stande sein.
III. _Naphtalinfarben._
[Sidenote: Naphtalin.]
Das =Naphtalin= C_{10}H_{8} ward 1820 von =Garden= im Steinkohlentheer entdeckt und später von =Faraday=, =A. W. Hofmann=, =M. Ballo= u. A. näher untersucht. Nach =Berthelot= kann man es synthetisch darstellen, indem man in dem Benzol 2 At. Wasserstoff durch 2 At. Acetylen (C_{2}H_{2}) ersetzt:
C_{6}H_{6} - 2H + 2C_{2}H_{2} = C_{6}H_{4}(C_{2}H_{2})_{2} = Benzol Acetylen C_{10}H_{8} Naphtalin
Das Naphtalin erscheint in sehr dünnen rhombischen Blättchen von eigenthümlichem, etwas an Storax erinnerndem Geruche und brennendem Geschmacke, die nach dem Schmelzen und Erstarren blendendweisse krystallinische Massen von 1,151 spec. Gew. bilden. Es schmilzt zwischen 79 und 80° und siedet bei 216 und 218°C. Durch die Einwirkung von Salpetersäure geht es in die =Phtalsäure= über, die je nach Umständen durch Abspalten von Kohlensäure entweder in Benzol oder in Benzoësäure[165] übergeführt werden kann:
[Greek: a]) C_{8}H_{6}O_{4} - 2CO_{2} = C_{6}H_{6} Phtalsäure Benzol;
[Greek: b]) C_{8}H_{6}O_{4} - CO_{2} = C_{7}H_{6}O_{2} Phtalsäure Benzoësäure.
[165] Die Benzoësäure, die gegenwärtig in erstaunlicher Menge zur Herstellung gewisser Theerfarben und anderer chemisch-technischen Präparate consumirt wird, stammt nicht mehr aus dem Benzoëharze, sondern ist entweder ein Umsetzungsprodukt der Hippursäure des Pferdeharnes oder ein Abkömmling des Naphtalins. Die Naphtalin-Benzoësäure lässt sich auf zweierlei Weise darstellen, entweder dadurch, 1) dass man das Naphtalin in Phtalsäure überführt und dieselbe durch Erhitzen mit Kalk in Calciumbenzoat überführt, aus welchem man durch Salzsäure die Benzoësäure abscheidet; oder 2) indem man die Phtalsäure in Phtalimid C_{8}H_{5}NO_{2} überführt, letzteres durch Destillation mit Kalk in Benzonitril C_{7}H_{5}N umwandelt und das Benzonitril durch Kochen mit Natronlauge in Natriumbenzoat umsetzt, aus dessen Lösung die Benzoësäure durch Salzsäure gefällt wird. Beachtenswerth ist ausserdem das von =Merz= (1868) aus Cyannaphtyl abgeleitete Benzoësäure-Surrogat, die =Naphtoësäure= von der Formel C_{11}H_{8}O_{2} (Vergl. Jahresbericht der chem. Technologie 1868 u. 1870).
Zwischen den Abkömmlingen des Benzols und des Naphtalins findet grosse Analogie statt und zwar nicht nur in Bezug auf Zusammensetzung und Reactionen, sondern auch hinsichtlich der physikalischen und chemischen Eigenschaften. Die Analogie in der Zusammensetzung ergiebt sich aus folgender Zusammenstellung: