Handbuch der chemischen Technologie Achte Auflage

Part 132

Chapter 1323,005 wordsPublic domain

Die in der Färberei angewendeten Farben, welche den zu färbenden Gegenstand in seiner ganzen Masse färben, heissen allgemein =Zeugfarben=. Farben, die dagegen nur auf der Oberfläche färben, nennt man =Malerfarben=. Letztere werden unterschieden als Saftfarben, Lackfarben und Anstrichfarben. Die =Saftfarben= sind in Wasser oder Firniss mehr oder weniger lösliche Farben, welche nicht decken, sondern durchscheinend (lasirend, daher Lasurfarben) sind. Hierher gehören Saftgrün, Gummigutt, Carminlösung, die meisten Theerfarben und lösliches Berlinerblau.

A. Die aus dem Kohlentheer stammenden Farbstoffe[158].

[Sidenote: Der Kohlentheer.]

Der bei der trocknen Destillation der Steinkohlen behufs der Gas- und Kokserzeugung in reichlicher Menge sich bildende =Theer= (Steinkohlentheer, Kohlentheer, _coal-tar_) ist ein Gemisch von flüssigen und festen Kohlenwasserstoffen (Benzol, Toluol, Cumol, Cymol, Anthracen, Naphtalin), mit Säuren (Carbol- oder Phenylsäure, Cresylsäure, Phlorylsäure, Rosolsäure), Basen (Anilin, Chinolin, Odorin oder Picolin, Toluidin, Coridin etc.) und Asphalt bildenden Bestandtheilen (siehe unter Gasbeleuchtung) in wechselnden Verhältnissen. Am Allgemeinen lässt sich die Zusammensetzung des Theeres in 100 Theilen in folgender Weise ausdrücken, wobei von der geringen Menge der Basen Umgang genommen wurde:

Benzol 1,5 Naphta 35 Naphtalin 22 Anthracen 1 Carbolsäure 9 Pech 31,5 ----- 100,0

[158] Es sei verwiesen auf folgende Werke: =G. Lunge=, Die Destillation des Steinkohlentheers, Braunschweig 1867; =Th. Oppler=, Theorie und prakt. Anwendung von Anilin, Berlin 1866; =M. Vogel=, Die Entwickelung der Anilinindustrie; 2. Auflage; Leipzig 1870; =M. Reimann=, Die Technologie des Anilins, Berlin 1866; =E. Kopp=, Examen des matières colorantes dérivées du goudron de houille, Saverne 1861; =M. P. Schützenberger=, Die Farbstoffe. Bearbeitet von =H. Schröder=, I. und II. Band, Berlin 1868-1870; Rapports du Jury international, Paris 1868 (Tome VII p. 223-304); =Ad. Wurtz=, Dictionnaire de chimie pure et appliquée, Paris 1868-1871 (Tome I et II).

Durch Destillation des Theeres und fractionirtes Auffangen der Produkte erhält man einestheils leichte Oele, aus denen man das Benzol und seine Homologen abscheidet, andertheils schweres Theeröl, welches auf Carbolsäure verarbeitet wird. Aus den pechartigen Theilen des Theeres scheidet man das Anthracen ab.

Zur annähernden Schätzung der =Ausbeute= an den verschiedenen =Zwischenprodukten=, die bei der trocknen Destillation der Steinkohle sich bilden, mögen folgende Angaben dienen:

100 Kilogr. Steinkohlen geben 3 Kilogr. Theer, 100 " Theer " 0,75-1,0 Kilogr. Anthracen, 100 " " " 3 Kilogr. Rohbenzol, 100 " " " 1,5 " reines Benzol, 100 " " " 3 " Nitrobenzol, 100 " " " 2,25 " Rohanilin, 100 " " " 3,37 " rohes Anilinroth, 100 " " " 1,12 " reines Fuchsin.

Zur Darstellung von 1 Kilogr. reinem Fuchsin sind folglich 60 Centner Steinkohle erforderlich.

[Sidenote: Benzol.]

Das =Benzol= (Benzin) im chemischen Sinne ist ein flüssiger Kohlenwasserstoff von der Formel C_{6}H_{6}. Es wurde 1825 von =Faraday= unter den Produkten der trocknen Destillation der fetten Oele entdeckt und 1833 von =E. Mitscherlich= bei der Destillation der Benzoësäure mit überschüssigem Kalk aufgefunden. =Leigh= in Manchester fand es 1842 im Steinkohlentheer, =Mansfield= dagegen war der erste, der 1847 das reichliche Volumen des Benzols im Theer nachwies und Mittel und Wege zur Isolirung des Benzols angab. -- Das =käufliche= Benzol ist ein Gemenge von Benzol (bei 80,4° siedend) mit Toluol C_{7}H_{8} (Siedepunkt bei 108°), Xylol C_{8}H_{10} (bei 130° siedend), Cumol C_{9}H_{10} (151° Siedepunkt) und Cymol C_{10}H_{12} (bei 175° übergehend). Die vorherrschenden Bestandtheile sind Benzol und Toluol. Die Benzole werden den Anilinölfarbenfabrikanten und den Producenten von Anilinfarben mit genau bestimmtem Benzolgehalte geliefert; ein Benzol von 30-40 Proc. (d. h. mit einem Gehalte an Benzol C_{6}H_{6} von 30-40 Proc., der Rest von 60-70 Proc. ist Toluol und Xylol) eignet sich gut zur Fabrikation von Anilinroth, ein Benzol von 90 Proc. zur Darstellung von Anilinöl für Blau oder Schwarz. Der Siedepunkt der zur Farbenfabrikation geeigneten Benzole liegt zwischen 80 und 120°, ihr spec. Gewicht variirt zwischen 0,85 und 0,89.

Die Darstellung des Benzols geschieht aus den =leichten= Theerölen (demjenigen Antheil der flüssigen Produkte bei der Destillation des Theeres, welcher unter 150° siedet). =Mansfield= wendete hierzu den durch Fig. 265 versinnlichten Apparat an. Das Theeröl befindet sich in der über der Feuerung _R_ stehenden Blase _A_. Das Gefäss _C_ ist mit kaltem Wasser angefüllt. Sobald das Oel siedet, verdichten sich die ersten Antheile der sich entwickelnden Dämpfe in _B_ und gelangen wieder nach _A_ zurück. Sobald jedoch das Wasser in _C_ auf eine gewisse Temperatur sich erwärmt hat, condensiren sich die flüchtigsten Partieen des Theeröles nicht mehr in _B_, sondern gelangen in den mit kalt erhaltenem Wasser beschickten Kühlapparat _D_, und verdichten sich dort erst zu einer Flüssigkeit, die aus der Kühlschlange bei _n_ in den untergestellten Ballon _S_ abläuft. Sobald das Wasser in _C_ bis zum Sieden erhitzt ist, sind alle Bestandtheile des Theeröles, die bei 100° dampfförmig bleiben, überdestillirt und in _S_ aufgefangen worden. Man erhält mit diesem Apparate ein sehr reines Benzol. Mittelst des Hahnes _m_ kann man, nachdem das Benzol abdestillirt worden, die über 100° siedenden Kohlenwasserstoffe rectificiren. Der Hahn _i_ dient zum Entleeren der Blase. -- In den Benzolfabriken wendet man zur Benzolgewinnung gegenwärtig beistehend (Fig. 266) abgebildeten Apparat an. _A_ ist die Destillirblase, _B_ der Condensator, _C_ das Wasserreservoir. Bei Beginn der Destillation heizt man das Wasser in _C_ durch das Dampfrohr _D_, welches mit dem Dampfgenerator communicirt. Das Rohr _G_ trägt die Blase. _i_ dient zum Füllen, _b_ zum Entleeren derselben. Durch _H_ wird das Condensationswasser abgeleitet. Zur vollständigen Reinigung kann man das Benzol gefrieren lassen und die erhaltene feste Masse schnell auspressen.

Im Jahre 1860 schon hat =E. Kopp= (in Turin) die Vortheile der Anwendung eines Apparates zur Benzoldarstellung hervorgehoben, welcher den modernen Spiritusdestillirapparaten nachgebildet ist. Auf diesen Ideen fussend, hat 1863 =Th. Coupier= seinen Destillirapparat construirt, der überall, wo Benzol im Grossen dargestellt wird, eingeführt ist. Er besteht, wie Fig. 267 zeigt, aus der Blase _A_, in welche man durch die Oeffnung _B_ die der fractionirten Destillation zu unterwerfenden Benzole bringt. Die Blase wird mit Dampf geheizt, welcher durch das Rohr _C_ zuströmt. Die aus der siedenden Flüssigkeit sich entwickelnden Dämpfe gelangen in die als Dephlegmator wirkende Säule _N_, wo eine erstmalige Fractionirung stattfindet. Die flüchtigsten Antheile der Dämpfe, welche in _N_ nicht condensirt werden, gelangen in den mit Chlorcalciumlösung angefüllten Apparat _D_, welcher durch das Dampfrohr _m_ bis auf eine bestimmte, durch das Thermometer _t_ zu ermittelnde Temperatur gebracht wird. Der Dampf des Heizrohres entweicht durch _P_. Soll nun reines Benzol dargestellt werden, so wird die Chlorcalciumlösung bis auf 80° erwärmt. Die nach _G_ kommenden Dämpfe sind ein Gemenge von Benzol, Toluol etc. Da die Temperatur des Recipienten _G_ nicht höher als 80° ist, so verdichten sich darin die Dämpfe des Toluols und der übrigen homologen Glieder wie Xylol etc., während die in _G_ nicht condensirbaren Dämpfe nach den Recipienten _H_, _I_ und _K_ gelangen, dort die letzten Spuren der minder flüchtigen Kohlenwasserstoffe verlieren und endlich in dem mit kalten Wasser gespeisten Kühlapparate _L_ condensirt und in dem Ballon _M_ aufgefangen werden. Die in _G_, _H_, _I_ und _K_ verdichtete Flüssigkeit geht in die Säule _N_ zurück. Da der Recipient _G_ die schwersten Produkte enthält, so müssen dieselben behufs der Dephlegmation in den unteren Theil der Säule gelangen, während die Condensationsprodukte aus _K_ in den obersten Theil der Säule geleitet werden. Will man kein Benzol, sondern Toluol darstellen, so erwärmt man die Temperatur des Chlorcalciumapparates bis auf 108 bis 109°.

Ein eigenthümliches Verfahren der Bereitung von Benzol nicht aus Theer, sondern aus =Steinkohlenleuchtgas= ist von =H. Caro=, =A.= und =K. Clemm= und =F. Engelhorn= (in Mannheim) in Vorschlag gebracht worden. Dasselbe beruht darauf, dass das Leuchtgas in möglichst innige Berührung mit Theerölen, namentlich solchen, die einen höhern Siedepunkt als Benzol und Toluol haben, Petroleum, Schieferöl, fetten Oelen oder ähnlichen Körpern, gebracht wird. Die Theeröle etc. lösen dabei das Benzol und dessen Homologen, die dann durch fractionirte Destillation aus ihnen abgeschieden werden können; nach der Abscheidung können die Oele wieder zur Aufnahme von Benzol verwendet werden. Bei dem immer wachsenden Bedarfe von Benzol erscheint das neue Verfahren, welches sehr grosse Mengen zu gewinnen gestattet, beachtenswerth. Dem Uebelstande, dass das Leuchtgas, welchem die Dämpfe von Benzol entzogen werden, namhaft an Leuchtkraft verlieren wird, liesse sich dadurch abhelfen, dass man das Gas nach Abscheidung des Benzol mit Dämpfen von Petroleumäther sättigt.

[Sidenote: Nitrobenzol.]

Das Benzol wird durch die Einwirkung der Salpetersäure in =Nitrobenzol= (das wiederum ein Gemenge ist von Nitrobenzol C_{6} {(H_{5} / NO_{2}), Nitrotoluol C_{7} {(H_{7} / NO_{2}) und Nitroxylol C_{8} {(H_{9} / NO_{2}) übergeführt. Das Nitrobenzol wurde 1834 von =E. Mitscherlich= dargestellt und von =C. Collas= in Paris unter dem Phantasienamen _Essence de Mirbane_ (Mirbanöl) zuerst im Grossen dargestellt. Früher wendete man hierzu den =Mansfield='schen Apparat an. Derselbe besteht in einer grossen gewundenen Glasröhre, deren oberes Ende sich gabelförmig in zwei Röhren theilt, welche mit Eingiesstrichtern versehen sind. In den einen dieser Trichter fliesst ein Strom concentrirter Salpetersäure, während der andere zur Aufnahme des Benzols bestimmt ist. An dem Vereinigungspunkte der Trichterröhren, wo beide Körper zusammentreffen, geht die chemische Verbindung vor sich und das neue Produkt kühlt sich beim Durchfliessen durch das schlangenförmige Rohr so weit ab, dass es am untern Ende aufgefangen werden kann. Es braucht nur noch mit Wasser und zuletzt mit einer verdünnten Lösung von Natriumcarbonat gewaschen zu werden, um zur weiteren Verarbeitung geeignet zu sein[159]. Ein weit besseres Verfahren als das vorstehende ist die Darstellung des Nitrobenzols mit einer Mischung von 2 Th. Salpetersäure von 40° B. und 1 Th. Schwefelsäure von 66° B. Man arbeitet in geschlossenen Gefässen, welche den zur Anilinfabrikation benutzten sehr ähnlich sind. Der obere Theil des Gefässes steht durch ein Rohr mit einem Schornstein in Verbindung, um die nitrösen Dämpfe abzuleiten, andererseits communicirt er durch ein S förmig gebogenes Rohr mit einem Reservoir, in welchem das Säuregemenge sich befindet. Das zu nitrirende Benzol wird auf einmal in den Apparat gebracht, während das Säuregemisch allmälig hinzuläuft. Die Reaction wird mittelst einer Rührvorrichtung befördert. Ein mit dem Kessel communicirender Kühlapparat condensirt das während der Reaction sich verflüchtigende Benzol. Die Beendigung der Einwirkung erkennt man daran, dass die Flüssigkeiten entfärbt sind und in zwei Schichten über einander sich gelagert haben. Nachdem die Säure durch Zusatz von Wasser bis auf 50° B. verdünnt worden ist, trennt man beide Flüssigkeitsschichten durch Decantation. Das Nitrobenzol wird durch Waschen mit Wasser etc. gereinigt[160]. Gegenwärtig wendet man zuweilen (nach =E. Kopp='s Vorschlag) bei der Darstellung des Nitrobenzols ein Gemenge von Natriumnitrat und Schwefelsäure an. 100 Kilogr. Benzol liefern 135-140 Kilogr. Nitrobenzol.

[159] In den Waschfässern findet sich die mit der Nitrobenzoësäure isomere =Paranitrobenzoësäure=.

[160] Die abfallende salpetersäurehaltige Schwefelsäure dient zur Schwefelsäurefabrikation, zum Aufschliessen der Phosphate in den Düngerfabriken, zur Darstellung von Eisenvitriol etc. etc.

Den verschiedenen Benzolen entsprechen verschiedene Nitrobenzole, nämlich 1) =leichtes= Nitrobenzol, zwischen 205 und 210° siedend. Es bildet das in der Parfümerie und Seifenfabrikation massenhaft verwendete künstliche Bittermandelöl oder die _Essence de Mirbane_; spec. Gew. = 1,20 (= 24° B.); 2) =schweres= Nitrobenzol, zwischen 210 und 220° destillirend. Sein eigenthümlicher Fettgeruch verhindert seine Anwendung in der Parfümerie; spec. Gew. = 1,19 (= 23° B.); aus diesem Nitrobenzol werden die Aniline für Roth dargestellt; 3) =sehr schweres= Nitrobenzol, zwischen 222 und 235° destillirend; spec. Gew. = 1,167 (= 21° B.). Sein Geruch ist unangenehm. Dieses Nitrobenzol wird vorzugsweise auf Anilin zum Zweck der Darstellung von Anilinblau verarbeitet.

[Sidenote: Anilin.]

Das =Rohanilin=, welches zur Herstellung der Theer- oder Anilinfarben dient, ist im wesentlichen ein Gemenge von Anilin C_{6}H_{7}N, Toluidin C_{7}H_{9}N und dem (von =Rosenstiehl= entdeckten) Pseudotoluidin (isomer mit Toluidin). Es führt in der Technik den Namen Anilinöl. Reines =Anilin=, so wie reines Toluidin geben für sich nur unter gewissen Bedingungen Farben. Das Anilin wurde zuerst 1826 von dem Chemiker =Unverdorben= (in Dahme in der Provinz Sachsen) unter den Produkten der Destillation des Indigs, und im Jahre 1833 von =Runge= (in Oranienburg) als Bestandtheil des Steinkohlentheers wahrgenommen. Letzterer fand zugleich, dass der neue Körper mit Chlorkalklösung zusammengebracht, eine prächtig violette Färbung annehme, weshalb er =Kyanol= (oder Blauöl) genannt wurde. Staatsrath =v. Fritzsche= (in Petersburg) studirte (1841) den von =Unverdorben= aus dem Indig erhaltenen Körper, bestimmte seine Zusammensetzung und nannte ihn (nach _anil_, dem portugiesischen Namen des Indigs) =Anilin=. =Zinin= endlich fand (1842), dass beim Behandeln von Nitrobenzol mit Schwefelwasserstoff eine Base sich bildete, die er =Benzidam= nannte. Spätere Untersuchungen von =O. L. Erdmann= und =Hofmann= ergaben, dass der von =Unverdorben= erhaltene Körper, Krystallin genannt, das Kyanol, das Benzidam und das Anilin identisch seien. Der letztere Name wurde beibehalten. Um die Kenntniss des Anilins und der Anilinverbindungen hat sich =A. W. Hofmann= hervorragende Verdienste erworben.

Der Theer enthält 0,3-0,5 Proc. Anilin, jedoch die Ausscheidung des letztern ist mit so vielen Schwierigkeiten verknüpft, dass man es allgemein vorzieht, das Anilin indirect durch die =Zinin='sche Reaction aus dem Nitrobenzol darzustellen, dadurch, dass man es mit reducirenden Agentien zusammenbringt. 1 Mol. Nitrobenzol C_{6}H_{5}NO_{2} = 123 giebt 1 Mol. Anilin C_{6}H_{7}N = 93. In der Praxis nimmt man an, dass 100 Th. Nitrobenzol 100 Th. Anilin geben.

Obgleich das Schwefelwasserstoffgas eine vollständige Reduction des Nitrobenzols zu Anilin bewirkt, so giebt man doch in der Praxis der von =Béchamp= eingeführten Behandlung des Nitrobenzols mit Eisenfeile und Essigsäure den Vorzug. Der dabei verwendete Apparat ist der von =Nicholson= construirte (Fig. 268). Er besteht im wesentlichen aus einem gusseisernen Cylinder _A_ von 10 Hektoliter Capacität, in dessen Längenaxe ein starkes Rohr bis fast auf den Boden des Cylinders hinabgeht. Der obere Theil dieses Rohres steht mit dem Bewegungsmechanismus _G_ in Verbindung, seine Oberfläche ist mit stählernen Flügeln versehen. Dieses Rohr dient zum Einleiten von Dampf und als Rührwerk. Zuweilen wendet man anstatt des hohlen Rohres eine massive Welle an; in diesem Falle ist ein besonderes Dampfrohr _D_ vorhanden. Die Oeffnung _K_ dient zum Eintragen der Materialien, durch _E_ entweichen die verflüchtigten Produkte. _H_ dient zum Entleeren und Reinigen des Apparates. Das mit dem Gefässe _B_ verbundene S-förmig gebogene Rohr dient als Sicherheitsventil. Soll der Apparat in Gang gesetzt werden, so trägt man durch _K_ 10 Kilogr. Essigsäure von 8° B., die mit der 6fachen Gewichtsmenge Wasser verdünnt wurde, ein, hierauf 30 Kilogr. gepulvertes Gusseisen oder Eisenfeile oder Drehspäne und 125 Kilogr. Nitrobenzol, und lässt das Rührwerk spielen. Die Reaction tritt sofort unter Temperaturerhöhung und Entwickelung von Dämpfen ein. Man trägt nach und nach neues Eisen ein, bis die Menge des zugesetzten Eisens 180 Kilogr. beträgt. Die während der Reduction des Nitrobenzols zu Anilin entweichenden Dämpfe verdichten sich in dem Kühlapparate _F_ und sammeln sich in dem Ballon _R_ an, und werden von Zeit zu Zeit in den Cylinder _A_ zurückgegeben. Nach einigen Stunden ist die Reduction beendigt. Die entstandene dicke Masse ist von rothbrauner Farbe und besteht wesentlich aus Eisenoxydhydrat, Anilin, essigsaurem Anilin, Eisenacetat und überschüssigem Eisen. Lässt man die Essigsäure aus dem Spiele, so geht der Process nach folgender Gleichung vor sich:

C_{6}H_{5}NO_{2} + H_{2}O = C_{6}H_{7}N + Fe_{2}O_{3} Nitrobenzol. Anilin. Eisenoxyd.

Sie wird entweder für sich oder mit Kalk gemengt in gusseisernen Cylindern von der Form der Gasretorten entweder mit Dampf oder über freiem Feuer der Destillation unterworfen. Das Produkt, aus Aceton, Acetanilin, Anilin, Nitrobenzol etc. bestehend, wird noch einmal destillirt und nur der zwischen 115 und 190° übergehende Theil aufgefangen. Der zwischen 210 und 220° übergehende Antheil ist besonders zur Darstellung von Anilinblau geeignet. Das so erhaltene Anilinöl erscheint als eine bräunliche Flüssigkeit, etwas schwerer als Wasser und für die Zwecke der Farbendarstellung genügend rein. Nach =Brimmeyr= kann man die Essigsäure ganz entbehren und erzielt ein sehr gutes Resultat, wenn man z. B. Nitrobenzol und 60 Th. Eisenpulver unter Zusatz von angesäuertem Wasser (2-2,5 Proc. Salzsäure vom Gewicht des Nitrobenzols) in einer Retorte erst drei Tage zusammen in Berührung lässt und dann das entstandene Anilinöl abdestillirt. In der Anilinfabrik von =Gebr. Coblentz= in Paris reducirt man das Nitrobenzol durch Eisenfeile, welche zur Hälfte durch Verweilen in Kupfervitriollösung verkupfert wurde.

Die Zusammensetzung des =Anilinöles=, wesentlich ein Gemenge von Anilin mit Toluidin und Pseudotoluidin, richtet sich nach der Natur des zu seiner Darstellung angewendeten Benzols und Nitrobenzols. Das zwischen 180 und 195° siedende Anilinöl (spec. Gewicht = 1,014 bis 1,021 = 2-3° B.) wird dargestellt aus Nitrobenzolen, welche zwischen 210 und 220° sieden; das schwere Anilinöl für Anilinblau wird, wie oben bemerkt, mit sehr schwerem Nitrobenzol dargestellt. Anilin für Anilinroth wird dargestellt mit Nitrobenzol bei 210-220° siedend, Anilinöl für Anilinviolett mit Nitrobenzol, welches bei 210-225° siedet. Um diese Siedepunktverhältnisse würdigen zu können, erinnern wir an die Siedepunkte nachstehender Körper:

Benzol 80° Nitrotoluol 225° Toluol 108° Anilin 182° Nitrobenzol 213° Toluidin 198°

Es folgt aus dem Vorstehenden, dass viele Benzole, Nitrobenzole und Aniline im Handel vorkommen, die man mit demselben Rechte auch Toluole, Nitrotoluole und Toluidine nennen könnte.

Die =Produktion an Anilin= ist gegenwärtig (1871) eine erstaunlich grosse. Nach den Angaben von =J. Gessert= in Elberfeld werden jährlich gegen 3,500,000 Pfd. Anilinöl consumirt, davon kommen auf Deutschland 2,000,000 Pfd., der Rest vertheilt sich auf die Schweiz, auf England und auf Frankreich.

I. _Anilinfarben._

[Sidenote: Anilinfarben.]

Aus dem Anilinöl stellt man nun fabrikmässig die =Anilinfarben= (Toluidinfarben) dar, von denen bis jetzt folgende erhalten wurden:

1) Anilinroth, 5) Anilingelb und Anilinorange, 2) Anilinviolett, 6) Anilinbraun, 3) Anilinblau, 7) Anilinschwarz. 4) Anilingrün,

[Sidenote: Anilinroth.]

1. Das =Anilinroth= oder =Fuchsin= (auch unter den Bezeichnungen Azaleïn, Mauve, Solferino, Magenta, Roseïn, Tyralin etc. vorkommend) ist die Verbindung einer Base, die von =A. W. Hofmann= mit dem Namen =Rosanilin= bezeichnet wurde, mit einer Säure, gewöhnlich mit Essigsäure und Salzsäure[161]. Die Base selbst ist ungefärbt, ihre Salze dagegen, welche sämmtlich leicht krystallisiren, gefärbt. Ihre Zusammensetzung wird durch die Formel C_{20}H_{19}N_{3}, H_{2}O ausgedrückt. Sie ist auf die Weise entstanden, dass 2 At. Toluidin sich mit 1 At. Anilin unter Austritt von 4 At. H, welche oxydirt werden, vereinigen (2C_{7}H_{9}N + C_{6}H_{7}N + 3O = 2H_{2}O + C_{20}H_{19}N_{3}, H_{2}O). Die Constitution des Rosanilins wäre demnach (C_{6}H_{4} / 2C_{7}H_{6} / H_{3})} N_{3} = C_{20}H_{19}N_{3}. Nach den Untersuchungen =Rosenstiehls= (1869) findet sich in allen Fuchsinsorten des Handels die mit Rosanilin isomere Base, das =Pseudorosanilin=.

[161] In Deutschland und in der Schweiz ist das Fuchsin das =salzsaure= Salz des Rosanilins C_{20}H_{19}N_{3}, ClH, in England gewöhnlich das =essigsaure=, von der Formel C_{20}H_{19}N_{3}, C_{2}H_{4}O_{2}.

Das Anilinroth kann aus dem Anilinöl auf verschiedene Weise sich bilden, so mit Zinnchlorid (nach =Verguin=), mit Kohlensuperchlorid (=Hofmann= und =Natanson=), mit salpetersaurem Quecksilberoxyd (=Gerber-Keller=)[162], mit Quecksilberchlorid (=Schnitzer=), mit Salpetersäure (=Lauth= und =Depoully=), mit Antimonsäure (=Smith=), mit Arsensäure (=Medlock=, =Girard= und =de Laire=), mit Anilinöl, Nitrotoluol, Salzsäure und metallischem Eisen (=Coupier=). Aus 100 Th. Anilinöl erhält man 25 bis 33 Th. an krystallisirtem Fuchsin.

[162] Das mit salpetersaurem Quecksilberoxyd bereitete Fuchsin wird in der Seidenfärberei und zum Färben von Liqueuren und Conditoreiwaaren unter dem Namen =Rubin= vielfach verwendet.