Chapter 9
Todtengräber. Wie, hier, in Dännemark. Ich bin hier Todtengräber gewesen, von meinen jungen Jahren an bis izt, diese dreissig Jahre.
Hamlet. Wie lange kan wol ein Mensch in der Erde liegen, bis er verfault?
Todtengräber. Wenn er nicht schon faul ist, eh er stirbt (wie wir denn heut zu Tag manche Leichen haben, die kaum so lange halten, bis sie unterm Boden sind) so kan er euch acht bis neun Jahre dauren; ein Loh- Gerber dauert euch seine neun Jahre.
Hamlet. Warum ein Loh-Gerber länger als andre Leute?
Todtengräber. Warum, Herr? weil seine Haut von seiner Profession so gegerbt ist, daß sie das Wasser länger aushält. Denn es ist nichts das einem todten Körper eher den Garaus macht als Wasser. Hier ist ein Schedel, der nun bereits drey und zwanzig Jahre im Boden liegt.
Hamlet. Wessen war er?
Todtengräber. Es war ein vertrakter Bursche, dem er gehörte; wer denkt ihr daß es war?
Hamlet. Ich weiß es nicht.
Todtengräber. Daß die Pestilenz den Schurken! Er goß mir einmal eine Flasche mit Rheinwein über den Kopf. Dieser nemliche Schedel, Herr, war Yoriks Schedel, des Königlichen Hofnarrens.
Hamlet. Dieser?
Todtengräber. Dieser nemliche.
Hamlet. Ach der arme Yorik. Ich kannte ihn, Horatio, es war der kurzweiligste Kerl von der Welt; von einer unvergleichlichen Einbildungs-Kraft: Er hat mich viel hundertmal auf seinem Rüken getragen: Und nun, was für ein grausenhafter Anblik! Mein Magen kehrt sich davon um. Hier hiengen diese Lippen, die ich wer weiß wie oft küßte. Wo sind nun deine Scherze? Deine Sprünge? Deine Liedchen? Wo sind die schnakischen Einfälle, welche die Tafel mit brüllendem Gelächter zu erschüttern pflegten? Ist dir nicht ein einziger übrig geblieben, um über dein eignes Grinsen zu spotten? Nun geh mir einer in Mylady's Schlaf-Zimmer, und sag ihr; und wenn sie sich einen Daumen dik übermahle, so müß' es doch zulezt (dazu) mit ihr kommen--Ich bitte dich, Horatio, antworte mir nur auf Eine Frage--
Horatio. Was ist es, Gnädiger Herr?
Hamlet. Denkst du, Alexander habe auch so im Boden ausgesehen?
Horatio. Eben so.
Hamlet. Und so gerochen? Fy!
(Er riecht an dem Schedel.)
Horatio. Ja, Gnädiger Herr.
Hamlet. Zu was für einer unedeln Bestimmung können wir endlich herabsinken, Horatio! Können wir nicht in unsrer Einbildung Alexanders edlem Staube folgen, bis wir ihn an einem Ort finden, wo er ein Spund- Loch stoppt?
Horatio. Eine solche Betrachtung wäre gar zu spizfündig.
Hamlet. Nein, gar nicht, im geringsten nicht: Die Betrachtung ist ganz natürlich: Alexander starb, Alexander wurde begraben, Alexander wurde zu Staub; der Staub ist Erde; aus der Erde machen wir Laim; und konnte mit diesem Laim, worein er verwandelt wurde, nicht eine Bier-Tonne gestoppt werden? Und so kan der Welt-Bezwinger Cäsar eine Spalte in einer Mauer gegen den Wind gestoppt haben. Aber sachte! Sachte eine Weile--da kommt der König--
Zweyte Scene. (Der König, die Königin, Laertes, und ein Sarg mit einem Trauer- Gefolge von Hofleuten, Priestern, u.s.w.)
Hamlet. Die Königin--ein Gefolge von Hofleuten--Was ist das, was sie begleiten? und warum mit so wenig Ceremonien? Das zeigt, daß die Leiche, so sie begleiten von jemand ist, der gewaltthätige Hand an sich selbst gelegt hat--Es muß eine Person von Stande gewesen seyn-- wir wollen uns ein wenig entfernt halten und acht geben.
Laertes. Die übrigen Ceremonien?
Hamlet. Das ist Laertes, ein sehr edler junger Mann: gieb acht--
Laertes. Die übrigen Ceremonien?
Priester. Ihre Obsequien sind so weit ausgedehnt worden, als wir ermächtigst sind; ihr Tod war zweifelhaft; und hätte der Königliche Befehl die Ordnung nicht übermocht, so sollte sie in einem ungeweihten Boden bis zum Schall der lezten Trompete ihr Lager gehabt haben; statt mildherziger Fürbitten sollten Scherben, und Kieselsteine auf sie geworfen worden seyn; nun wird sie mit jungfräulichen Ehrenzeichen, unter Gesang und Gloken-Geläut bestattet.
Laertes. Und ist das alles was gethan werden soll?
Priester. Es ist alles was gethan werden kan; es würde Entheiligung seyn, ihr ein (requiem) zu singen und ihr die lezte Ehre die nur Seelen die im Frieden abgeschieden sind, gebührt, zu erstatten.
Laertes. Legt sie in die Erde; und aus ihrem schönen und unbeflekten Fleisch mögen Violen hervorkeimen! Ich sage dir, hartherziger Priester, meine Schwester wird ein Engel des himmlischen Thrones seyn, wenn du heulend im Abgrund liegst.
Hamlet. Wie? die schöne Ophelia?
Königin. Das lezte lebe wohl, angenehme Schöne! Ich hoffte, du solltest meines Hamlets Weib werden; ich dachte einst dein Braut-Bette zu deken, holdes Mädchen, nicht dein Grab mit Blumen zu bestreuen.
Laertes. O dreyfaches Weh falle zehnfältig dreymal über das verfluchte Haupt, dessen gottlose That dich deiner schönen Vernunft beraubte. Haltet noch ein, bis ich sie noch einmal in meine Arme geschlossen habe.
(Er springt in das Grab.)
Nun werft euern Staub über den Lebenden und Todten, bis ihr aus dieser Ebne ein Gebürge gemacht habt, das den alten Pelion und den Himmelberührenden Olimpus übergipfle.
Hamlet, (der sich zu erkennen giebt.) Wer ist der, dessen Schmerz sich so emphatisch ausdrukt? Dessen Trauer-Töne die irrenden Sterne beschwören und sie zwingen, von Erstaunen gefesselt, stille zu stehn und zu horchen? Der bin ich, Hamlet, der Dähne.
(Er springt in das Grab.)
Laertes. Der Teufel hole deine Seele!
(Er ringt mit ihm.)
Hamlet. Du betest nicht schön. Ich bitte dich, deine Finger von meiner Gurgel weg!--Wenn ich gleich nicht splenetisch und jähzornig bin, so hab ich doch etwas gefährliches in mir, wovor du dich hüten magst, wenn du klug bist. Deine Hand zurük.
König. Reißt sie von einander--
Königin. Hamlet, Hamlet--
Horatio. Mein gnädigster Prinz, halltet euch zurük--
(Die Umstehenden machen sie von einander loß.)
Hamlet. Was, ich will über diese Materie mit ihm fechten, bis meine Auglider nicht länger niken können.
Königin. O mein Sohn! was für eine Materie?
Hamlet. Ich liebte Ophelien; vierzigtausend Brüder könnten mit aller ihrer Liebe zusammen genommen die Summe der meinigen nicht aufbringen. Was willt du für sie thun?
König. O er ist rasend, Laertes--
Königin. Um Gottes willen, habt Geduld mit ihm.
Hamlet. Komm, zeig mir, was du thun willt. Willt du weinen? Willt du fechten? Willt du fasten? Dich selbst zerfezen? Willt du Wein- Essig trinken, ein Crocodil verschlingen? Ich will es thun--Kamst du nur hieher, zu weinen? Vor meinen Augen in ihr Grab zu springen? Laß dich lebendig mit ihr begraben; ich will es auch; und wenn du von Bergen schwazest, so laß sie Millionen Jaucharten auf uns werfen, bis die auf uns liegende Erde, den Ossa zu einem Maulwurfs-Hauffen macht! Wahrhaftig! Wenn du großsprechen willt, so kan ich das Maul so voll nehmen wie du.
Königin. Er spricht in tollem Muth, und so wird der Paroxismus eine Weile auf ihn würken; aber auf einmal wird, so geduldig als die weibliche Daube, eh ihre goldbehaarten Jungen ausgekrochen sind, sein Stillschweigen brütend sizen.
Hamlet. Hört ihr, Herr--was ist die Ursache, daß ihr mir so begegnet? Ich liebte euch allezeit: Aber es hat nichts zu sagen. Laßt den Hercules selbst thun was er kan, die Kaze muß mauen und der Hund seinen Lauf haben--
(Er geht ab.)
König. Ich bitte euch, guter Horatio, habet acht auf ihn.
(Horatio geht ab.) (zu Laertes.)
Stärket eure Geduld durch unsre lezte Abrede. Wir wollen uns nicht länger säumen, die Hand an die Ausführung zu legen--Liebe Gertrude, gebet eurem Sohn einige Hüter zu--Dieses Grab soll ein würdiges Denkmal bekommen--Und nun wollen wir unsrer Ruhe eine Stunde schenken.
(Sie gehen ab.)
Dritte Scene. (Verwandelt sich in eine Halle im Palast.) (Hamlet und Horatio treten auf.)
(Hamlet erzehlt seinem Vertrauten,auf was Weise er den Inhalt der königlichen Commission, womitRosenkranz und Güldenstern beladen waren, entdekt und vereitelthabe. Da diese ganze Scene nur zur Benachrichtigung der Zuhörerdient, so wären zwey Worte hinlänglich gewesen, ihnen zu sagen wassie ohnehin leicht erraten könnten. Hamlet hatte Ursache einMißtrauen in die Absichten des Königs bey seiner Versendung nachEngland zu sezen. Er schlich sich also während daß die beydenGesandten schliefen, in ihre Cajute, fingerte ihr Pakett weg, zogsich damit in sein eigenes Zimmer zurük, erbrach das königlicheSigel und fand einen gemeßnen Befehl an den Englischen König,vermöge dessen dem Hamlet sobald er angelangt seyn würde, der Kopfabgeschlagen werden sollte--Er stekte dieses Papier zu sich, undsezte sich hin, eine andre Commission zu schreiben, worinn derKönig aufs ernstlichste beschwohren wurde, so lieb ihm dieFreundschaft Dännemarks (von welchem England damals abhängig war)sey, die Überbringer dieses Schreibens unverzüglich aus dem Wegeräumen zu lassen. Zu gutem Glüke hatte er seines Vater Signet inder Tasche; und zu noch grösserm Glük war es dem grossen dähnischenSigel vollkommen gleich; er faltete also dieses Schreiben eben sowie das erste, unterschrieb und sigelte es, und legte es sogeschikt an die Stelle des andern, daß Rosenkranz und Güldensterndie Verwechslung nicht gewahr wurden, und also bey ihrer Ankunft inEngland wie Bellerophon, ihr eigenes Todesurtheil überlieferten.Horatio findet hiebey bedenklich, daß dieser mißlungene Ausgang desKöniglichen Bubenstüks nicht lange verborgen bleiben könne. Hamletberuhigst sich hierüber daß doch die Zwischen- Zeit sein sey, undnicht mehr als ein Augenblik erfordert werde, dem Leben einesMenschen ein Ende zu machen. Indessen bedaurt er, daß er sichdurch den Affect habe hinreissen lassen, den Laertes zu beleidigen,und nimmt sich vor, daß er sich bemühen wolle, seine Freundschaftwieder zu erlangen.)*
{ed.-* Man kan hieraus schliessen, daß HamletAbsichten gegen den König gehabt habe; es war aber doch nichtsbestimmtes, kein Entwurf, wobey er sich seiner eignen Sicherheitund eines glüklichen Ausgangs hätte versichert halten können--Hamlet soll und will seinen Vater rächen--Dieser Wille beherrschtihn vom ersten Actus des Stüks bis zum Ende, ohne daß er jemalsselbst weiß, oder nur daran denkt wie er dabey zu Werke gehen wolle--Allein wir haben längst gesehen, daß die Anlegung der Fabel, dieVerwiklung und die Entwiklung derselben gerade die Stüke sind,worinn unser Poet schwerlich jemand unter sich hat. Indessengefällt doch dem Englischen Parterre kein Stük ihres Shakespearsmehr als dieses. Man sollte sagen, es simpathisiere mit ihnen.Der Humor des Hamlet (Denn das was ihn in dem ganzen Lauf des Stüksbeherrscht, ist viel weniger Leidenschaft als Laune,) diese kalte,raisonnirende oder richtiger zu reden, phantasirende Melancholie,die nur dann und wann in plözliche und eben so schnell wiedersinkende Wind-Stösse von Leidenschaft ausbricht, dieseGleichgültigkeit gegen sein eigens Leben, welche das grosseVorhaben der Rache, wovon seine Seele geschwellt ist, demungefehren Zufall überlaßt, und es nicht der Mühe werth hält einenPlan anzulegen oder Präcautionen zu nehmen, um nicht selbst in denFall seines Feindes verwikelt zu werden--Alles dieses sind Züge, worinn Engländer ihr eignes Bild zu sehr erkennen, um nicht weitstärker davon interessiert zu werden, als durch die idealischenCharakters und die starken soutenierten Leidenschaften der Heldendes Corneille. Shakespears Helden, zumal seine Lieblings- Helden,sind alle (Humoristen), und vermuthlich ist dieses eine Haupt-Ursache, warum ungeachtet Sprache, Sitten und Geschmak sich seitseiner Zeit so sehr verändert haben, dieser Autor doch für seineLandsleute immer neu bleibt, und etwas weit anzügelichers für siehat, als alle die neuern, welche nach französischen Modellengearbeitet haben.}
Vierte Scene. (Oßrik des Königs Hofnarr, kommt dem Hamlet zu melden, der König habe eine Wette mit Laertes angestellt, daß ihm Hamlet im Fechten überlegen sey. Diese Scene ist mit der unübersezlichen Art von Wiz, Wortspielen und Fopperey angefüllt, worinn unser Autor seine damaligen Rivalen eben so weit als an Genie und an wahren Schönheiten hinter sich ließ. Nach einem langen Ball-Spiel mit Wiz, unter welchen einige Satyrische Züge gegen die gezwungene und) precieuse(Hof-Sprache der damaligen Zeit mit einlauffen, fertigt Hamlet den Narren mit der Antwort an den König ab, daß er auf der Stelle bereit sey, den Wett-Kampf mit Laertes zu unternehmen. Bald darauf tritt ein Herr vom Hofe auf, und kündigt an, daß der König, die Königin, und der ganze Hof im Begriff seyen zu kommen und dem Wett-Kampf beyzuwohnen. Er sezt hinzu: Die Königin ersuche den Prinzen, vor Anfang des Gefechts sich eine Weile mit Laertes auf einen freundschaftlichen Fuß zu unterhalten. Hamlet verspricht es zu thun, und der Höfling geht ab.)
Horatio. Ich besorge ihr verliehret die Wette Gnädiger Herr.
Hamlet. Ich glaub es nicht; ich bin, seit dem er nach Frankreich gieng, in beständiger Übung gewesen, ich halte mich des Siegs gewiß. Aber du kanst dir nicht vorstellen, wie übel mir allenthalben hier ums Herz ist--Allein das hat nichts zu bedeuten.
Horatio. Ich denke nicht so, mein liebster Prinz.
Hamlet. Es ist nichts, blosse Kinderey; und doch wär es vielleicht genug, um ein Weibsbild unruhig zu machen.
Horatio. Wenn euch euer Herz eine geheime Warnung giebt, so folgt ihm. Ich will ihnen entgegen gehen, und sagen, ihr seyd izo nicht disponiert.
Hamlet. Nein, nein, ich halte nichts auf Ahnungen; die Vorsehung erstrekt sich bis über den Fall eines Sperlings. Ist es izt, so ist es nicht ein andermal; ist es nicht ein andermal, so ist es izt; und ist es nicht izt, so wird es ein andermal seyn--Alles kommt darauf an, daß man bereit sey.
Fünfte Scene. (Der König, die Königin, Laertes und eine Anzahl Herren vom Hofe, Oßrik und einige Bedienten mit Rappieren und Fecht-Handschuhen. Ein Tisch und Flaschen mit Wein darauf.)
König. Kommt, Hamlet, kommt, und nemmt diese Hand von mir.
(Er giebt ihm des Laertes Hand.)
Hamlet. Ich bitte um eure Vergebung, mein Herr, ich habe euch bleidiget; aber vergebet mirs und versichert mich dessen als ein Edelmann. Alle Gegenwärtigen wissen, und ihr müßt es gehört haben, mit was für einer unglüklichen Gemüths-Krankheit ich gestraft bin. Was ich gethan habe, das in euch Natur, Ehre und Rache gegen mich aufreizen möchte, hat, ich erklär' es hier öffentlich, meine Raserey gethan; Es war nicht Hamlet der euch beleidigte--Hamlet war nicht er selbst, da er es that, er verabscheut die That seiner Raserey; sie ist der Beleidiger, er auf der Seite der Beleidigten; seine Raserey ist des armen Hamlets Feind. Laßt also meine feyerliche Erklärung daß ich keinen Vorsaz hatte, übels zu thun, mich so fern in euern edelmüthigen Gedanken frey sprechen, als ob ich meinen Pfeil über ein Haus geschossen, und meinen Bruder verwundet hätte.
Laertes. Ich bin befriedigt, in so fern ich Sohn und Bruder bin, Namen, die in diesem Fall mich am meisten zur Rache auffordern; Aber als ein Edelmann, kan und will ich keine Versöhnung eingehen, bis ich von einigen ältern und bewährten Richtern dessen was die Ehre fodert, die Versicherung erhalten habe, daß ich es ohne meinen Namen zu entehren thun könne. Inzwischen nehme ich, bis dahin, eure angebotene Freundschaft als Freundschaft an, und will sie nicht mißbrauchen.
Hamlet. Ich bin zufrieden, und auf diesen Fuß bin ich bereit, diesen freundschaftlichen Wett-Kampf zuversichtlich zu bestehen. Gebt uns die Rappiere.
Laertes. Kommt, eins für mich.
Hamlet. Ich werde eure Folie seyn, Laertes; eure Kunst wird aus meiner Unwissenheit desto feuriger hervorstralen, wie ein Stern aus der Finsterniß der Nacht; in der That.
Laertes. Ihr scherzet, mein Herr.
Hamlet. Nein, bey dieser Hand.
König. Gebt ihnen Rappiere, Oßrik. Hamlet, ihr wisset, worauf ich gewettet habe?
Hamlet. Ich weiß es, Gnädigster Herr; Eure Majestät hat sich in Gefahr gesezt, zu verliehren.
König. Ich besorge nichts; ich habe euch beyde fechten gesehen, weil er aber indessen stärker worden ist, so haben wir das Gewette angestellt.
Laertes. Dieses Rappier ist zu schwer, laßt mich ein anders sehen.
Hamlet. Das meine ist mir ganz recht; diese Rappiere haben alle die rechte Länge.
König. Füllt mir diese Dekel-Gläser mit Wein! Wenn Hamlet den ersten oder zweyten Stoß beybringt, oder bis zum dritten sogleich erwiedert, so laßt alle Canonen loßfeuren; der König wird auf Hamlets bessern Athem trinken, und in den Becher soll eine Perle geworfen werden, reicher als die kostbarste die jemals ein dänischer König in seiner Crone getragen hat. Gebt mir die Becher: Und laßt es die Kessel- Pauken den Trompeten kundmachen, die Trompeten den Canonieren draussen, die Canonen dem Himmel, die Himmel der Erde, daß der König auf Hamlets Gesundheit trinke--Komt, fangt an, und ihr Herren Richter, habt gute Acht.
Hamlet. Kommt dann, mein Herr.
Laertes. Wohlan, Gnädiger Herr--
(Sie fechten.)
Hamlet. Einer--
Laertes. Nein--
Hamlet. Thut den Ausspruch--
Oßrik. Ein Stoß, und das ein ziemlich fühlbarer.
Laertes. Gut--Noch einmal--
König. Haltet ein--zu trinken! Hamlet, diese Perle ist dein--Auf deine Gesundheit!--Gebt ihm den Becher--
(Trompeten und Pauken und mit Salve von Geschüz.)
Hamlet. Ich will diesen Gang erst ausfechten--Sezt ihn indessen hin--
(sie fechten)
--Wohlan--wieder einen Stoß--was sagt ihr?
Laertes. Gestreift, gestreift, ich gesteh' es.
König. Unser Sohn wird gewinnen.
Königin. Er ist zu fett und von zu kurzem Athem. Hier Hamlet, nimm mein Schnupftuch und wische dir die Stirne--Die Königin trinkt dirs zu, Hamlet, auf dein gutes Glük! --
(Sie trinkt aus dem Becher, der für Hamlet bestimmt war.)
Hamlet. Gütige Mutter--
König. Gertrude trinkt nicht--
Königin. Ich will, mein Herr; ich bitte euch um Vergebung.
König (vor sich.) Es ist der vergiftete Becher; nun ist's zu spät--
Hamlet. Ich darf noch nicht trinken, Gnädige Frau; eine kleine Geduld--
Königin. Komm, laß mich dein Gesicht abwischen.
Laertes. Diesesmal will ich ihm gewiß eins anbringen.
König. Ich glaub es nicht.
Laertes (bey Seite.) Und doch ist es fast gegen mein Gewissen.
Hamlet. Kommt, den dritten Gang, Laertes; ihr tändelt nur; ich bitte euch, gebraucht euch eurer äussersten Stärke; ich sorge ihr wollt mich nur zu sicher machen.
Laertes. Sagt ihr das? Wohlan dann.
(Sie fechten.)
Oßrik. Es hat noch keiner nichts--
Laertes. Da habt es dann--
(Laertes verwundet Hamleten; hernach verwechseln sie in der Hize des Gefechts die Rappiere, und Hamlet verwundet den Laertes.)
König. Trennet sie, sie gerathen in Hize.
Hamlet. Nein, noch einmal--
Oßrik. Seht zu der Königin hier, ho!
Horatio. Sie bluten beyde--Wie geht's euch, Gnädigster Herr?
Oßrik. Wie steht's um euch, Laertes?
Laertes. Wie eine Schneppe in meiner eignen Schlinge, Ossrik; billig sterb' ich durch das Werkzeug meiner schnöden Verrätherey.
Hamlet. Was macht die Königin--
König. Es ist nur eine Ohnmacht, weil sie Blut gesehen hat.
Königin. Nein, nein, der Trank, der Trank--O mein theurer Hamlet! der Trank, der Trank--Ich bin vergiftet--
(Die Königin stirbt.)
Hamlet. O Abscheulichkeit! he! laßt die Thüren verrigelt werden: Verrätherey! wer ist der Thäter--
Laertes. Hier ist er; Hamlet, du bist des Todes, kein Arzneymittel in der Welt kan dich retten. Du hast für keine halbe Stunde mehr Leben in dir, das verräthrische Werkzeug ist in deiner Hand, ohne Knopf und vergiftet; der schändliche Kunstgriff ist mein eignes Verderben worden. Sieh, hier lieg ich, um nicht mehr aufzustehen; deine Mutter ist vergiftet; ich kan nicht mehr--Der König, der König hat die Schuld.
Hamlet. Und diß Rappier auch vergiftet? Nun, Gift, so thu was du kanst--
(Er ersticht den König.)
Alle. Verrätherey! Verrätherey!
König. O helft, meine Freunde, vertheidiget mich, ich bin nur verwundet--
Hamlet. Hier, du blutschändrischer, mördrischer, verdammter Dähne, trink diesen Becher aus--ist die Perle hier? Folge meiner Mutter--
(Der König stirbt.)
Laertes. Er hat empfangen was er verdient hat. Er selbst mischete das Gift. Laß uns einander verzeihen, edler Hamlet; mein und meines Vaters Tod komme nicht über dich, noch deiner über mich!
(Er stirbt.)
Hamlet. Der Himmel mög' ihn dir nicht zurechnen! Ich bin des Todes, Horatio--Unglükliche Königin, Adieu!--Ihr, die ihr mit erblaßten Gesichtern umhersteht, und vor Entsezen über diesen Vorfall zittert; ihr, die ihr nur die stummen Personen oder die Zuhörer bey diesem Trauerspiel seyd--hätte ich nur Zeit--aber der Tod liegt zu hart auf mir--oh, ich könnte euch Dinge sagen--laß es seyn!--Horatio, ich sterbe; du lebst, dir überlaß ich meine Ehre und meine Rechtfertigung bey den Unberichteten.
Horatio. Das glaubt nicht, daß ich leben werde--Ich bin mehr ein alter Römer als ein Dähne--Hier ist noch von dem Trank übrig.
Hamlet. Wenn du ein Mann bist, so gieb mir den Becher; laß gehen; beym Himmel, ich will ihn haben. O mein redlicher Horatio, was für einen verwundeten Namen, werd' ich bey diesen Umständen hinter mir lassen! Wenn du mich jemals in deinem Herzen getragen hast, so verbanne dich selbst noch eine Weile von der Glükseligkeit, und schleppe dich noch so lange in dieser mühseligen Welt, bis du mein Andenken gerechtfertiget hast.
(Man hört einen Marsch und bald darauf ein Salve hinter der Scene.)
Was für ein kriegrisches Getöse ist das?
Sechste Scene. (Oßrik tritt auf.)
Oßrik. Der junge Fortinbras, welcher siegreich von Pohlen zurük kommt, beehrt die Abgesandten von England mit diesem kriegerischen Gruß.
Hamlet. O ich sterbe, Horatio; die Stärke des Gifts überwältigt meinen Geist: Ich kan nicht so lange leben, die Nachrichten aus England zu hören. Aber ich sehe vorher, daß die Wahl auf Fortinbras fallen wird; er hat meine sterbende Stimme: Das sag ihm mit allen den Umständen, die diesen Ausgang--Es ist vorbey--
(Er stirbt.)
Horatio. Nun bricht ein edles Herz; gute Nacht, liebster Prinz, und Engels- Schwingen mögen dich zu deiner Ruhe tragen!--Wie, die Trummeln kommen näher? (Fortinbras und die Englischen Gesandten, mit Trummeln, Fahnen, und Gefolge treten auf.)
Fortinbras. Was für ein Anblik ist das?
Horatio. Der kläglichste und ausserordentlichste, den eure Augen jemals sehen werden.
Fortinbras. Vier fürstliche Leichen, todt und in ihrem Blut liegend--O stolzer Tod, was für ein Gastmal giebst du in deiner höllischen Grotte, daß du so viele Prinzen mit einem Streich geschlachtet hast.
Abgesandten. Der Anblik ist entsezlich, und unsre Commission aus England kommt zu späte. Die Ohren sind fühlloß, die uns Audienz geben sollten. Wir sollten ihm melden, daß sein Befehl an Rosenkranz und Güldenstern vollzogen worden: Von wem werden wir nun unsern Dank erhalten?
Horatio. Nicht von diesem Munde (des Königs), hätte er noch das Vermögen zu reden: Denn er gab niemals keinenBefehl daß sie sterben sollten. Allein, nachdem es sich nungefüget hat, daß ihr beyderseits so schiklich, ihr von demPolnischen Krieg und ihr von England, zu dieser blutigen Sceneangekommen seyd; so gebet Befehl, daß diese Leichen auf einemerhöheten Gerüste ausgesezt werden, damit ich der Welt, für welchealles noch ein Geheimniß ist, sagen könne, wie diese Dinge sichzugetragen haben. Ihr werdet dann von grausamen, blutigen undunnatürlichen Thaten hören, wie einige durch verrätherische Ränke,andre durch den blossen Zufall, und wie am Ende die mißlungenenAnschläge auf ihrer Erfinder eignen Kopf gefallen sind. Von allemdiesem kan ich umständliche und echte Nachricht geben.
Fortinbras. Mich verlangt es zu hören--Die Anstalten sollen gemacht, und der Adel zusammen beruffen werden. Was mich betrift so umarme ich mein Glük mit traurigem Herzen; ich habe einiges Recht an dieses Königreich, welches ich durch diese Zufälle nun geltend zu machen veranlaßt bin.