Chapter 6
Herzogin. O! dann gebe mir weder die Erde Nahrung, noch der Himmel Licht! Dann komme bey Tag und bey Nacht weder Freude in mein Herz noch Ruhe auf meine Auglieder! Elender sey mein Leben als das Leben des büssenden Einsiedlers, ein fortdaurender Tod; jeder meiner Wünsche begegne dem was ihm am meisten entgegen ist, und ewige Qual verfolge mich hier und dort, wenn ich aus einer Wittwe, jemals wieder eine Vermählte werde.
Hamlet. Wenn sie diese Schwüre bricht--
Herzog. Das sind grosse Schwüre! Meine Geliebteste, verlaß mich izt eine Weile; meine Geister werden matt; ich will versuchen, ob ich schlafen kan--
(Er entschläft.)
Herzogin. Ruhe sanft, und niemals, niemals komme Unglük zwischen uns beyde!
(Sie geht ab.)
Hamlet (zur Königin.) Gnädige Frau, wie gefällt euch dieses Stük?
Königin. Mich däucht, die Dame verspricht zu viel.
Hamlet. O, wir werden sehen, wie sie ihr Wort halten wird.
König. Kennt ihr den Inhalt des Stüks? Ist nichts anstössiges darinn?
Hamlet. Nein, gar nichts; es ist alles nur Spaß; sie vergiften nicht im Ernst; auf der Welt nichts anstössiges.
König. Wie nennt sich das Stük?
Hamlet. Die (Maus-Falle;)--In der That, in einem figürlichen Verstande, vermuthlich--Das Stük ist die Vorstellung eines Mords der in Wien begegnet ist; Gonzago ist des Herzogs Name, seine Gemahlin heißt Baptista; ihr werdet gleich sehen, daß es ein schelmisches Stük Arbeit ist; aber was thut das uns? Eure Majestät und andre, die ein gutes Gewissen haben, geht es nichts an; der mag sich krazen, den es jukt; wir haben eine glatte Haut. (Lucianus tritt auf.)
Das ist einer, Namens Lucianus, ein Neffe des Herzogs.
Ophelia. Man kan den Chor mit euch ersparen, Gnädiger Herr.
Hamlet.** --Nun, fang einmal an, Mörder. Hör auf, deine verteufelte Gesichter zu schneiden, und fang an. Komm, der krächzende Rabe schreyt um Rache.
{ed.-** Hier hat man zwey Scherz-Reden Hamlets weglassen müssen, wovon die erste dem Übersezer unverständlich, und die andre eine zweydeutige Zote ist.}
Lucianus Schwarze Gedanken; willige Hände; schnellwürkendes Gift, und gelegne Zeit--Alles stimmt zusammen, und kein Mensch ist da, der mich sehen könnte. Ergiesse, du fatale Mixtur, aus mitternächtlichen Kräutern gezogen, und dreyfach mit Hecates Zauber- Fluch geschwängert, ergiesse deine verderbliche Natur und magische Eigenschaft, und mach' einem mir verhaßten Leben ein plözliches Ende!
(Er gießt dem schlaffenden Herzog das Gift in die Ohren.)
Hamlet
(zum Könige.)
Er vergiftet ihn in seinem Garten, um Herr von seinem Vermögen zu werden; sein Nam' ist Gonzago; die Historie davon ist im Druk, sie ist im besten Toscanischen geschrieben. Sogleich werdet ihr sehen, wie der Mörder auch die Liebe von Gonzago's Gemahlin gewinnt--
Ophelia. Der König steht auf.
Hamlet. Wie, von einem blinden Lermen erschrekt?
Königin. Was fehlt meinem Gemahl?
Polonius. Hört auf zu spielen!
König. Gebt mir Licht. Weg! weg!
Alle. Lichter, Lichter, Lichter!
(Sie gehen in Verwirrung ab.)
Siebende Scene. (Hamlet und Horatio bleiben.)
Hamlet. Laßt weinen den verwundten Hirsch, Der unverlezte scherzt: Denn billig wacht die Missethat Indem die Unschuld schläft. Würde das, Herr, (wenn alles andre fehlschlüge) und ein Wald von Federn auf dem Hut, und ein paar ungeheure Rosen auf meinen gestreiften Schuhen, mir nicht einen Plaz unter einen Kuppel von Comödianten verschaffen?
Horatio. Ich mache mit, wenn's dazu kommt.
Hamlet. O mein guter Horatio, ich wollte des Geists Wort für zehntausend Thaler annehmen. Hast du's gesehen?
Horatio. Nur gar zu wohl, Gnädiger Herr.
Hamlet. Wie die Rede vom Vergiften war?
Horatio. Ich hab' es sehr wol beobachtet. (Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
Hamlet. He! holla! kommt, spielt uns eins auf. Kommt, wo sind die Flöten? Wenn die Comödie dem König nicht gefällt, nun, so gefällt sie ihm eben nicht, und er muß wissen warum. Kommt, spielt auf, sag ich.
Güldenstern. Mein Gnädiger Prinz, erlaubet mir ein Wort mit euch zu reden--
Hamlet. Eine ganze Historie, Herr.
Güldenstern. Der König, mein Herr--
Hamlet. So, mein Herr, was giebt's von ihm?
Güldenstern. Hat sich in sein Cabinet verschlossen, und befindet sich ausserordentlich übel--
Hamlet. Vielleicht von zu vielem Wein?
Güldenstern. Nein, Gnädiger Herr, von Galle--
Hamlet. Eure gewöhnliche Weisheit hat euch nicht wohl gerathen, mein Herr, da sie euch zu mir gewiesen hat; zum Doctor hättet ihr gehen sollen; ich kan hier nichts; denn wenn ich ihm auch ein Purgier-Mittel eingeben wollte, so möcht' es ihm leicht noch mehr Galle machen.
Güldenstern. Gnädiger Herr, höret mich an, anstatt durch solche seltsame Absprünge meinem Vortrag auszuweichen.
Hamlet. Ich will stehen bleiben, Herr--Sprecht!
Güldenstern. Die Königin, eure Frau Mutter, schikt mich in grössester Betrübniß ihres Herzens zu euch.
Hamlet. Ihr seyd willkommen.
Güldenstern. Nein, Gnädiger Herr, dieses Compliment ist hier ausser seinem Plaz. Wenn es euch beliebig ist, mir eine gesunde Antwort zu geben, so will ich mich des Auftrags entledigen, den mir eure Mutter aufgegeben hat; wo nicht, so werdet ihr mir verzeihen, wenn ich gehe, und mein Geschäft für geendigt halte.
Hamlet. Herr, das kan ich nicht--
Güldenstern. Was, Gnädiger Herr?
Hamlet. Euch eine gesunde Antwort geben; mein Wiz ist gar nicht wohl auf Aber, Herr, so gut als ich eine Antwort geben kan, steht sie euch zu Diensten; oder vielmehr wie ihr sagt, meiner Mutter--also nur ohne fernern Umschweif zur Sache!--Meine Mutter, sagt ihr--
Rosenkranz. Nun dann, das sagt sie; euer Betragen hat sie in das äusserste Befremden und Erstaunen gesezt.
Hamlet. O erstaunlicher Sohn, der seine Mutter so in Erstaunen sezen kan! Aber stolpert nicht etwann eine Folge hinter dieser Erstaunung her?
Rosenkranz. Sie wünscht, eh ihr zu Bette geht, in ihrem Cabinet mit euch zu sprechen.
Hamlet. Wir werden gehorchen, und wenn sie zehnmal unsre Mutter wäre. Habt ihr noch weiter was mit uns zu handeln?
Rosenkranz. Gnädiger Herr, ihr liebtet mich einst--
Hamlet. Das thu ich noch--
Rosenkranz. Nun, dann, liebster Prinz, um unsrer alten Freundschaft willen, was ist die Ursache dieses euers seltsamen Humor's? Seyd versichert, ihr sezt eure eigne Freyheit in Gefahr, wenn ihr euch länger weigert, eure Beschwerden einem Freunde zu vertrauen.
Hamlet. Mein Herr, ich möchte gern Befördrung.
Rosenkranz. Wie kan das seyn, da ihr das Königliche Wort für eure Thronfolge in Dännemark habt?
Hamlet. Schon gut, aber, (weil das Gras wächßt)--Das Sprüchwort ist ein wenig schmuzig. (Einer mit einer Flöte tritt auf.) O, die Flöten; laßt mich eine sehen--Wir gehen mit einander, mein Herr--Wie, warum geht ihr so um mich herum, mir den Wind abzugewinnen, als ob ihr mich in ein Garn treiben wolltet?
Güldenstern. O mein Gnädiger Prinz, wenn mich meine Pflicht zu kühn macht, so zwingt mich meine Liebe so gar unhöflich zu seyn.
Hamlet. Das versteh' ich nicht allzuwol. Wollt ihr auf dieser Flöte spielen?
Güldenstern. Ich kan nicht, Gnädiger Herr.
Hamlet. Ich bitte euch.
Güldenstern. Glaubt mir, auf mein Wort, ich kan nicht.
Hamlet. Ich bitte recht sehr.
Güldenstern. Ich kenne keinen Griff, Gnädiger Herr.
Hamlet. Es ist eine so leichte Sache als Lügen; regiert die Windlöcher mit euern Fingern und dem Daumen, blaßt mit euerm Mund darein, und es wird die beredteste Musik von der Welt von sich geben. Seht ihr, hier sind die Griff-Löcher.
Güldenstern. Aber das ist eben der Fehler, daß ich sie nicht zu greiffen weiß, damit eine Harmonie heraus komme; ich verstehe die Kunst nicht.
Hamlet. So? seht ihr nun, was für ein armseliges Ding ihr aus mir machen wollt; ihr möchtet gern auf mir spielen; ihr möchtet dafür angesehen seyn, als ob ihr meine Griffe kennet; ihr möchtet mir gern mein Geheimniß aus dem Herzen herausziehen; ihr wollt daß ich euch von der untersten Note an bis zur höchsten angeben soll; das wollt ihr; und es ist so viel Musik, ein so reizender Gesang in diesem kleinen Stüke Holz, und doch könnt ihr sie nicht herausbringen? Wie, bildet ihr euch ein, daß ich leichter zu spielen bin als eine Pfeiffe? Nennt mich welches Instrument ihr wollt, aber wenn ihr schon auf mir herumpfuschen könnt, so könnt ihr doch nicht auf mir spielen--Grüß euch Gott, mein Herr--
Polonius (zu den Vorigen). Gnädiger Herr, die Königin möchte gern mit euch sprechen, und das sogleich.
Hamlet. Seht ihr dort jene Wolke, die beynahe wie ein Camel aussieht?
Polonius. Bey Sct. Veit, in der That, vollkommen wie ein Camel.
Hamlet. Mich däucht, sie gleicht eher einer Amsel.
Polonius. Sie ist schwarz wie eine Amsel.
Hamlet. Oder einem Wallfisch?
Polonius. Sie hat viele Ähnlichkeit mit einem Wallfisch, das ist wahr.
Hamlet. Nun, so will ich gleich zu meiner Mutter kommen--
(vor sich.)
--Die Kerls werden mich noch toll machen--Ich will kommen, augenbliklich.
Polonius. Ich will es so sagen.
Hamlet. Augenbliklich ist bald gesagt. Laßt mich allein, gute Freunde.
(Sie gehen ab.)
Es ist nun Mitternacht, die Zeit wo Zauberer und Unholden hinter dem Vorhang der Finsterniß ihre abscheulichen Künste treiben; die Zeit, wo Kirchhöfe ihre Todten auslassen, und die Hölle selbst verpestete Seuchen in die Oberwelt aufdünstet. Nun könnt ich heisses Blut trinken, Dinge thun, von deren Anblik der bessere Tag zurükschauern würde. Stille! Nun zu meiner Mutter--O mein Herz, verliehre deine Natur nicht! Laß nicht, o! nimmermehr! die Seele des Nero in diesen entschlossenen Busen fahren; ich will grausam seyn, nicht unnatürlich; ich will Dolche mit ihr reden, aber keinen gebrauchen. Hierinn sollen meine Zunge und mein Herz nicht zusammen stimmen. So unbarmherzig immer meine Worte mit ihr verfahren werden, so fern sey es doch auf ewig von meiner Seele, sie ins Werk zu sezen.
(Er geht ab.)
Achte Scene. (Der König, Rosenkranz und Güldenstern treten auf.)
König. Er gefällt mir gar nicht, und es würde auch nicht sicher für uns seyn, diese Tollheit so ungebunden fortschwärmen zu lassen. Macht euch also reisefertig; ich will euch unverzüglich eure Instruction aufsezen, und er soll mit euch nach England. Die Umstände gestatten nicht, uns den Gefahren bloß zu stellen, welche stündlich aus seinen Mondsüchtigen Launen entstehen können.
Güldenstern. Wir wollen uns anschiken; es ist eine höchst gerechte und heilige Furcht, für so vieler tausend Personen Sicherheit besorgt zu seyn, die in Eu. Majestät leben.
Rosenkranz. Es ist die Privat-Pflicht eines jeden Menschen, alle Kräfte seines Verstands dazu anzustrengen, sich selbst vor Schaden zu bewahren: Aber vielmehr ist es eine Pflicht deßjenigen Geists, der die Seele des ganzen Staats-Körpers ist, und von dessen Wohl das Leben so vieler andern abhängt. Der Tod eines Königs ist nicht der Tod eines einzigen, sondern zieht, wie ein Strudel alles was ihm nahe kommt, in sich. Er ist wie ein Rad, das von dem Gipfel des höchsten Bergs herunter gewälzt, unter seinen ungeheuren Speichen tausend kleinere Dinge die daran hangen zertrümmert. Ein König seufzt nie allein; wenn er leidet, leiden alle.
König. Rüstet euch, ich bitte euch, aufs eilfertigste zu dieser Reise; wir müssen dieser Gefahr Fesseln anlegen, die bisher so frey herum gegangen ist.
Beyde. Wir wollen unser äusserstes thun.
(Sie gehen ab.)
(Polonius tritt auf.)
Polonius. Gnädigster Herr, er ist im Begriff, in seiner Frau Mutter Cabinet zu gehen; ich will mich hinter die Tapeten versteken, um zu hören, wie sie ihm den Text lesen wird. Denn wie Euer Majestät sagte, (und es war weislich gesagt) es ist nicht überflüssig, daß noch jemand andrer als eine Mutter, (die das mütterliche Herz immer partheyisch zu machen pflegt) mit anhöre, was er zu seiner Verantwortung sagen wird. Lebet wohl, mein Gebieter, ich will euch wieder aufwarten, eh ihr zu Bette geht, und euch erzählen, was ich gehört haben werde.
(Er geht ab.)
König. Ich danke euch, mein ehrlicher Polonius.
(allein.)
O! Mein Verbrechen ist stinkend; es riecht zum Himmel hinauf; es ist mit dem ältesten Fluche beladen; ein Bruder-Mord--Beten kan ich nicht--wie könnt' ich, da ich, in innerlichem Streit zwischen meiner Neigung und meinem Vorsaz demjenigen gleich bin, der zwey Geschäfte vor sich liegen hat, und unterm Zweifel, welches er zuerst thun soll, beyde versäumt.--Wie, wenn diese verbrecherische Hand diker als sie ist, mit Bruder-Blut überzogen wäre? Hat der allgütige Himmel nicht Regen genug, sie schneeweiß zu waschen? Wozu dient Barmherzigkeit, als dem Verschuldeten Gnade zu erweisen? Hat nicht das Gebet diese doppelte Kraft, uns Unterstüzung zu verschaffen, eh wir fallen, oder Vergebung, wenn wir gefallen sind? So will ich dann aufschauen--Mein Verbrechen ist hinweg. Aber, o! was für eine Formul von Gebet kan ich gebrauchen?--"Vergieb mir meinen schändlichen Mord!"--Das kan nicht seyn, da ich noch immer im Besiz der Vortheile bin, um derentwillen ich diesen Mord begieng-- meiner Krone, und meiner Königin? Wie kan ein Verbrecher Vergebung hoffen, so lang er sich den Gewinn seiner Übelthat vorbehält? Ja, nach dem verkehrten Lauf dieser Welt kan es seyn, kan des Verbrechens übergüldete Hand das Auge der Gerechtigkeit zuschliessen; hier, wo oft der Lohn der Ungerechtigkeit selbst das Gesez auskauft; aber so ist es nicht dort oben: Dort gelten keine Ausflüchte; dort liegt die That in ihrer natürlichen Blösse da, und wir sind gezwungen, ihr Zeugniß wieder uns, im Angesicht unsrer Sünden, zu bekräftigen. Wie dann? Was bleibt übrig?--Versuchen, was Reue vermag: Was vermag sie nicht?--Aber was vermag blosse unfruchtbare Reue?--O unseliger Zustand! O, im Schlamme versunkene Seele! die du desto tiefer versinkst, je mehr du dich losarbeiten willst. Helft mir, ihr Engel! helfet! Zur Erde, ihr ungeschmeidigen Kniee! Und du, Herz mit Fibern von Stahl, enthärte dich, und werde so weich wie die Sehnen eines neugebohrnen Kinds!-- Es kan noch alles gut werden.
(Er begiebt sich in den hintersten Theil der Scene und kniet nieder.)
Neunte Scene. (Hamlet tritt auf.)
Hamlet. Izt könnt' ich's am füglichsten thun, izt da er betet, und izt will ich's thun--so fährt er doch gen Himmel--Und das sollte meine Rache seyn? Das würde fein lauten!--Ein Bösewicht ermordet meinen Vater, und davor schik ich sein einziger Sohn, diesen nemlichen Bösewicht gen Himmel--O, das wäre Belohnung nicht Rache! Er überfiel meinen Vater unversehens, bey vollem Magen, mit allen seinen in voller Blüthe stehenden Sünden--und wie es nun um ihn steht, weiß allein der Himmel--Unsern Begriffen nach übel genug. Wär ich also gerochen, wenn ich ihm in dem Augenblik wegnähme, da sich seine Seele ihrer Schulden entladen hat, da sie zu diesem Übergang geschikt ist?--Hinein, mein Schwerdt; du bist zu einem schreklichern Dienst bestimmt! Wenn er betrunken ist und schläft, oder im Ausbruch des Zorns, oder mitten in den blutschänderischen Freuden seines Bettes, wenn er spielt, flucht, oder sonst etwas thut, das keine Hoffnung der Seligkeit übrig läßt, dann gieb ihm einen Stoß, daß er seine Beine gen Himmel streke, indem seine schwarze Seele zur Hölle fährt--Meine Mutter wartet auf mich--eine Arzney, die zu nichts dient, als eine unheilbare Krankheit zu verlängern.
(Er geht ab.)
(Der König steht auf, und tritt vorwärts.)
König. Meine Worte fliegen auf, meine Gedanken bleiben zurük; und Worte ohne Gedanken langen nie im Himmel an.
(Er geht ab.)
Zehnte Scene. (Verwandelt sich in das Cabinet der Königin.) (Die Königin und Polonius treten auf.)
Polonius. Er wird sogleich da seyn; seht, daß ihr rund mit ihm zu Werke geht; sagt ihm, die Streiche die er gespielt habe seyen zu grob, zum Ausstehen; der König sey sehr ungehalten darüber, und wenn ihr nicht seine Fürsprecherin gewesen wäret, so hätte es Folgen haben können--Ich will mich hier verbergen; ich bitte euch, sagt ihm die Meynung fein scharf.
Hamlet (hinter der Scene.) Mutter! Mutter!--
Königin. Seyd deßwegen ohne Sorge; verlaßt euch auf mich--Entfernt euch, ich hör' ihn kommen.
(Polonius verbirgt sich hinter die Tapeten.)
(Hamlet tritt auf.)
Hamlet. Nun, Mutter, was ist die Sache?
Königin. Hamlet, du hast deinen Vater sehr beleidiget.
Hamlet. Mutter, ihr habt (meinen) Vater sehr beleidiget.
Königin. Kommt, kommt, ihr gebt mir eine verkehrte Antwort.
Hamlet. Sie schikt sich auf eine boshafte Anrede.
Königin. Wie, was soll das seyn, Hamlet?
Hamlet. Was wollt ihr dann?
Königin. Kennst du mich nicht mehr?
Hamlet. Nein, beym Himmel, das nicht; ihr seyd die Königin, euers Gemahls Bruders Weib, aber ich wollte, ihr wäret es nicht!--Ihr seyd meine Mutter.
Königin. Gut, wenn du aus diesem Ton anfängst, so will ich dir jemand antworten lassen, der reden kan--
Hamlet. Kommt, kommt, und sezt euch nieder; ihr sollt mir nicht von der Stelle: Ich laß euch nicht gehen, bis ich euch einen Spiegel vorgehalten habe, worinn ihr euch bis auf den Grund eurer Seele sehen sollt.
Königin. Was hast du im Sinn? Du wirst mich doch nicht ermorden wollen? Hülfe! ho!
Polonius (hinter der Tapete.) Wie? He, Hülfe!
Hamlet. Was giebt's da? Eine Maus? Todt um einen Ducaten, todt.
(Er ersticht den Polonius.)
Polonius. O, ich bin ein Mann des Todes.
Königin. Weh mir! Was hast du gethan?
Hamlet. In der That, ich weiß es nicht: Ist es der König?
Königin. O, was für eine rasche und blutige That ist das!
Hamlet. Eine blutige That; beynahe so schlimm, meine gute Mutter, als einen König ermorden und seinen Bruder heyrathen.
Königin. Einen König ermorden?
Hamlet. Ja, Gnädige Frau, das war mein Wort.
(Zu Polonius.)
Du unglüklicher, unbesonnener, unzeitig-geschäftiger Thor, fahr du wohl! Ich hielt dich für einen Grössern als du bist; habe nun, was du dir zugezogen hast; du erfährst nun, daß es gefährlich ist, sich gar zu viel zu thun zu machen--
(Zur Königin.)
Macht nicht so viel Hände-Ringens, still, sezt euch nieder, und laßt mich euer Herz in die Presse nehmen; denn das will ich thun, wenn es anders von lasterhafter Gewohnheit nicht so eisenhart worden ist, daß es alles Gefühl verlohren hat.
Königin. Was hab ich gethan, das dich vermessen genug macht, mich so rauh anzulassen?
Hamlet. Eine That, welche die keusche Röthe der Unschuld selbst verdächtig macht, und die Tugend eine Heuchlerin nennt; die Rose von der schönen Stirne einer rechtmäßigen Liebe wegreißt und eine Eyter- Beule an ihre Stelle sezt; eine That, die den Ehgelübden nicht mehr Glauben übrig läßt, als die Schwüre falscher Würfel-Spieler haben-- O! so eine That, die den ehrwürdigsten Verträgen die Seele ausreißt, und die holde Religion in leeren Wörter-Schall verwandelt. Des Himmels Angesicht sieht, seit dem diese That geschehen ist, mit trübem Auge auf diesen Erdball herab; so düster und traurig, wie beym Anbruch des Welt-Gerichts.
Königin. Weh mir, was für eine That?
Hamlet. Die so laut brüllt, daß sie bis in die Indien donnert--Seht hieher, seht auf dieses Gemählde, und auf dieses, die Abbildungen zwoer Brüder: seht, was für eine Würde saß auf dieser Stirne--Hyperions Loken--die Stirne des Jupiters selbst--ein Auge, wie des Kriegs- Gottes, zu schreken oder Befehle zu herrschen; eine Stellung, wie des Herolds der Götter, der sich eben auf einen himmelküssenden Hügel herabgeschwungen hat; eine Gestalt, auf welche jeder Gott sein Siegel gesezt zu haben schien um der Welt zu urkunden, daß das ein Mann sey. Das war euer Gemahl--Seht nun hieher; hier ist euer Gemahl, er, der wie der Mihlthau eine gesunde Ähre, seinen Bruder vergiftete. Habt ihr Augen? Konntet ihr die gute Weyde auf diesem schönen Berge verlassen, um euch in diesem Morast zu wälzen? Ha! habt ihr Augen? Ihr könnt es nicht Liebe heissen; denn, in euerm Alter, ist das Blut zahm, und läßt sich von der Vernunft leiten; und welche Vernunft würde von (diesem) zu (diesem) übergehen? Sinnlichkeit habt ihr, das ist gewiß; sonst könntet ihr keine Vorstellung haben; aber diese Sinnen sind vom Schlage getroffen: Wahnwiz könnte sich nicht so sehr verirrt haben; so toll wird niemand, daß ihm nicht noch immer so viel Unterscheidungs-Kraft übrig bleibe, eine solche Verschiedenheit wahrzunehmen--Was für ein Teufel hat euch denn die Augen verbunden, wie ihr diese Wahl machtet? Augen ohne Gefühl, Gefühl ohne Augen, Ohren ohne Hände oder Augen, oder nur ein kranker Rest eines einzigen unverblendeten Sinn's hätte sich nicht so verfehlen können--O Schaam! wo ist deine Röthe? Rebellische Hölle, wenn du in den Gebeinen einer Matrone einen solchen Aufruhr machst, so laß immer die Keuschheit der Jugend Wachs seyn, und in ihrem eignen Feuer wegschmelzen. Ruft keine Schande aus, wenn der ungestüme Trieb der Jugend-Hize in Ausschweiffung auflodert, da der Frost selbst eben so ungezähmt brennt, und Vernunft die Kupplerin schnöder Lüste wird.
Königin. O Hamlet, halte ein! Du drehst meine Augen in meine innerste Seele, und da seh ich so schwarze, so häßliche Fleken, daß sie nimmermehr ihre Farbe verliehren werden.
Hamlet. Gewiß nicht, so lang ihr fähig seyd in dem stinkenden Schweiß eines blutschändrischen Bettes zu leben, der Liebe in einem unflätigen Schwein-Stalle zu pflegen--
Königin. O höre auf; diese Reden dringen wie Dolche in meine Ohren--Nichts mehr, lieber Hamlet.
Hamlet. Ein Mörder, und ein schlechter Kerl oben drauf!--Ein Sclave, der nicht der zwanzigste Theil eines Zehentheils von euerm ersten Herrn ist, der Pikelhäring unter den Königen, ein feiger Schurke und Gaudieb, der die Krone von einem Küssen wegstahl, und sie in seinen Schnapsak stekte--
Königin. Genug, genug--
(Der Geist läßt sich sehen.)
Hamlet. Ein zusammengeflikter Lumpen-König--Himmel!
(Er starrt mit Entsezen auf.)
umschwebet mich mit euern Flügeln, ihr himmlischen Wächter!--Was will deine ehrwürdige Erscheinung?
Königin. O weh! er ist wahnsinnig--
Hamlet. Kommt ihr nicht, euern trägen Sohn zu beschelten, der die Zeit in unthätigem Gram verliehrend, das grosse Werk, das ihr ihm anbefohlen habt, liegen läßt?
Geist. Vergiß es nicht: Dieser Besuch hat sonst keine Absicht, als deinen fast stumpfen Vorsaz zu wezen. Aber, siehe! Erstaunen ergreift deine Mutter! O tritt zwischen sie und ihre kämpfende Seele: In den schwächsten Körpern wirkt die Einbildung am stärksten. Rede mit ihr, Hamlet.
Hamlet. Wie steht es um euch, Gnädige Frau?
Königin. O weh! wie steht es um dich? daß du deine Augen so auf einen Ort ohne Gegenstand heftest, und mit der unkörperlichen Luft Gespräche führst? Deine Geister schauen wild aus deinen Augen heraus, und gleich schläfernden Soldaten bey einem plözlichen Alarm, starren deine Haare, wie beseelt, empor, und stehen unbeweglich auf ihren Enden--O mein lieber Sohn, sprize kalte Geduld auf das Feuer deiner Leidenschaft--Was schauest du so an?
Hamlet. Ihn! Ihn selbst!--Seht ihr den düstern Schein, den er von sich giebt? Seine Gestalt und seine Sache zusammengenommen, könnten Steine in Bewegung und Leidenschaft sezen--O sieh mich nicht an, oder dieser traurige Blik verwandelt meinen frömmern Vorsaz in Wuth-- und macht hier Blut für Thränen fliessen.
Königin. Mit wem redet ihr?
Hamlet. Seht ihr denn nichts hier?
(Er zeigt mit dem Finger auf den Geist.)
Königin. Nicht das geringste; und doch seh ich alles was ist.
Hamlet. Hört ihr auch nichts?
Königin. Nein, nichts als uns beyde.
Hamlet. Wie, seht nur dorthin! Seht, wie es hinweg gleitet! Mein Vater in seiner leibhaften Gestalt! Seht, eben izt geht es durch die Thüre hinaus.
(Der Geist verschwinde.)
Königin. Es ist ein blosses Gespenst euers Hirns, ein unwesentliches Geschöpf der schwärmenden Phantasie.