Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs
Part 16
Im „Untergang der Erde am Geist“ habe ich endgültig und für immer klargelegt, daß die sogenannte Kultur selber mit allen ihren Werken, Worten und Werten, daß Artefakte, Kunstwerke, Bücher nichts als ein einziges _Rausch-Surrogat_ sind; am besten zu vergleichen den großen Kohlenfeldern, ohne die wir erfrieren würden, die nichts sind als Niederschlag gewesener Sonnenleben und abgeblühter Lenze, uns im _wachen Bewußtsein_ Lebenden nunmehr aber künstliche Wärmequellen und künstliche Blutwärme zuführen, ohne welche das bis zu abstrakter Objektivität, bis zu logomathischer Maschinerie erkaltete Bewußtseinstier in sich selber erstarren müßte.
So frevelhaft und paradox es klingt: ein Geschöpf wie dieser Haarmann inmitten eines Gerichts wie dem hannoverschen, wirkte zuweilen wie ein Stück Saurierzeitalter inmitten eines Saales voll Berufsautomaten und Zivilisationspuppen, welche ja oft unmenschlicher sind als jeder „Unmensch“.
Von der Art, wie in der Tagesliteratur gegen die hier vorliegende Darstellung des Haarmannprozesses und den Verfasser Stimmung gemacht wurde und sogar schließlich anhängig gemacht wurde ein freilich ergebnislos verlaufenes Disziplinarverfahren von seiten der Technischen Hochschule in Hannover (an welcher ich seit zwanzig Jahren, ohne je Beförderung oder Besoldung erhalten zu haben, als Privatdozent diene); davon kann vielleicht das folgende Zitat aus der „Deutschen Zeitung“ (vom 24. Dezember 1924) einen Begriff bewahren:
„Aus akademischen Kreisen wird uns geschrieben: Unangenehmes Aufsehen erregte in dem Haarmannprozeß in Hannover der Ausschluß des Prof. Dr. Lessing von der Technischen Hochschule Hannover aus dem Gerichtssaal und die Entziehung der ihm zur Verfügung gestellten Berichterstatterkarte durch das Gericht, weil er sich nach den Feststellungen der Verteidigung, des Staatsanwalts und des Vorsitzenden des Gerichtshofs schwerer Verstöße gegen das Grundgesetz jeder Berichterstattung, nämlich der Wahrheitsliebe hatte zuschulden kommen lassen. Die Art und Weise, wie Herr Lessing seine Pflichten des Berichterstatters auffaßte und der allerdings mißlungene Versuch, sich dem Gericht als Psychologe unterzuschieben, ist eines akademischen Lehrers in jeder Hinsicht unwürdig. Sie gibt Herrn Boelitz, derzeit preußischer Kultusminister, die Veranlassung, sich bei seiner ‚Säuberungsaktion‘ der preußischen Hochschulen auch dieses akademischen ‚Lehrers‘ etwas anzunehmen und entsprechende Schritte gegen seine weitere Wirksamkeit als solcher baldigst einzuleiten. Das vorgeschrittene Semester und die Besonnenheit der akademischen Jugend Hannovers bewahrte Herrn Lessing vor etwaigen ‚Beifallskundgebungen‘. Dafür wird aber erwartet, daß diese Angelegenheit baldigst bereinigt wird.“
Es ist gewiß lehrreich, neben dieses Zitat aus der „vornehmsten vaterländischen Zeitung“ einige Sätze aus dem Bericht zu stellen, den eine französische Zeitung von dem betreffenden Vorfall gegeben hat.
Le Temps (vom 12. Januar 1925): „Le professeur Théodore Lessing de Hanovre, docteur en philosophie et en médecine, un des esprits les plus libres, une des plumes les plus alertes du Reich républicain, s’était plongé corps et âme dans l’étude de ce cas unique; il avait approfondi ses problèmes juridiques, psychologiques, dépouillé l’immense dossier au point de le mieux connaître que les avocats de la défense. Combatif et irrespectueux il a lumineusement démontré la part de responsabilité des autorités hanovriennes, de la police, même des experts médicaux et publié les résultats de son enquête dans divers organes de gauche. Lessing fut demandé comme expert par le premier avocat de Haarmann. Mais le successeur refusa les services du spécialiste réputé: ‚Que diable saurions-nous faire d’éclaircissements psychologiques? ...‘ M Lessing assista donc aux audiences en qualité de journaliste. Le 11 décembre nous eûmes la surprise de voir Lessing exclu de la salle, conformément au paragraphe 176 de la procédure pénale. On chercha d’abord à lui faire entendre raison. ‚Nous ne vous avons pas admis ici comme publiciste, mais comme correspondant (Berichterstatter). Vous ne désirons pas avoir ici des gens qui se piquent de psychologie ... Vous allez donc nous promettre de ne reproduire que ce que nous disons!‘ ... Sur son refus, surpris, le brave Landgerichtsdirektor Boekelmann, un de ces juristes habitant le ‚ciel des abstractions‘, dont se moquait si agréablement Ihering, lui demande navré; ‚Comment vous êtes professeur? Est-ce possible? Un professeur, écrivant des feuilletons?‘ ... Et le procureur général: ‚... Nous avons des sentiments humains (!). Nous ne désirons pas vous priver de votre gagne-pain ...‘ On fait venir les experts (le bon billet) pour avoir leur avis sur l’état mental de Lessing. Il fut, cela va sans dire, moins favorable que celui sur Haarmann, qu’ils trouvèrent malgré tout responsable ... Et voilà comment on comprend dans la République allemande la liberté de pensée et de parole, le rôle du publiciste, les devoirs de la critique, le contrôle de la conscience publique. L’autorité des ‚classes dirigeantes‘ doit être sauvegardée au prix de toutes les hypocrisies et de toutes les injustices. ‚Perinde ac cadaver.‘ Juger une magistrature incapable, accuser une police notoirement au-dessous de sa tâche, dénoncer les gaffes de la science officielle, voilà le seul crime méritant une sanction rapide et efficace. Il fallait assister au procès de Hanovre observer le ‚traitement à la corporal‘ des cas juridiques les plus délicats, pour saisir le mécanisme mental de centaines de ces jugements révoltants prononcés au cours des dernières années de Fechenbach jusqu’à Ebert (Magdebourg) par une justice irrémédiablement inféodée à Potsdam contre tout ce qui osa représenter Weimar. Pour les deux magistratures du Reich, la révolution de 1918 n’a point eu lieu.“
In der Sammlung AUSSENSEITER DER GESELLSCHAFT – DIE VERBRECHEN DER GEGENWART. – erscheinen in kürzester Zeit folgende Bände:
*Band 1:
ALFRED DÖBLIN DIE BEIDEN FREUNDINNEN UND IHR GIFTMORD
*Band 2:
EGON ERWIN KISCH DER FALL DES GENERALSTABSCHEFS REDL
*Band 3:
EDUARD TRAUTNER DER MORD AM POLIZEIAGENTEN BLAU
*Band 4:
ERNST WEISS DER FALL VUKOBRANKOVICS
*Band 5:
IWAN GOLL DIE ROTE IUNGFRAU GERMAINE BERTON
*Band 6:
THEODOR LESSING HAARMANN, DIE GESCHICHTE EINES WERWOLFS
*Band 7:
KARL OTTEN DER FALL STRAUSS
*Band 8:
ARTHUR HOLITSCHER DER FALL RAVACHOL
*Band 9/10:
P. DREYFUS – PAUL MAYER RECHT UND POLITIK IM FALL FECHENBACH
Band 11[1]:
L. LANIA – HERRMANN DER HITLER-PROZESS
Band 12:
THOMAS SCHRAMEK DER FALL EGLOFFSTEIN
Band 13:
HENRI BARBUSSE DIE MATROSEN DES SCHWARZEN MEERES
Band 14:
OTTO KAUS DER FALL GROSSMANN
Band 15:
EUGEN ORTNER DER FALL BERNOTAT
Band 16:
WALTER PETRY DER FALL NÄGLER
Band 17:
FRIEDRICH STERNTHAL DER FALL DER RATHENAUMÖRDER
Band 18:
RENÉ SCHICKELE DIE CAILLAUXPROZESSE
Band 19:
KARL FEDERN DER FALL MURRI-BONMARTINI
Band 20:
KURT KERSTEN DER PROZESS GEGEN DIE MOSKAUER SOZIALREVOLUTIONÄRE
Band 21:
MARTIN BERADT DER FALL HASSELBACH
Band 22:
F. A. ANGERMAYER DER FALL DER PARISER AUTOMOBILBANDITEN
Band 23:
WILLY HAAS DER FALL GROSS
Band 24:
WALTER VON HOLLANDER DER FALL GRUPEN
Band 25:
MAX FREYHAN DER JUWELENRAUB IN DER KÖPENICKERSTRASSE
Band 26:
HANS REISER DER FALL STRASSER
Band 27:
FRANZ THEODOR CSOKOR DER FALL EISLER
Band 28:
E. I. GUMBEL EIN POLITISCHER MORD
Band 29:
EDUARD TRAUTNER DER FALL DES SCHUPOWACHTMEISTERS GERTH
Band 30:
ARNOLT BRONNEN DER FALL VAQUIER
Band 31:
HERMANN UNGAR DER FALL ANGERSTEIN
Band 32:
JOSEPH ROTH DER FALL HOFRICHTER
Die mit * versehenen Bände sind bereits erschienen.
[1] Bei den folgenden noch nicht erschienenen Bänden behält sich der Verlag Änderungen sowohl der Titel als auch der Reihenfolge usw. ausdrücklich vor.
Ferner Bände von:
MAX BROD, OTTO FLAKE, WALTER HASENCLEVER, GEORG KAISER, THOMAS MANN, LEO MATTHIAS, JAKOB WASSERMANN, ALFRED WOLFENSTEIN und vielen Anderen.
OHLENROTH’SCHE BUCHDRUCKEREI ERFURT
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 13]: ... ins Land brachte, langsam zerfressend ... ... ins Land brachten, langsam zerfressend ...
[S. 47]: ... einem ihm gänzlich unbekannten 13jährigen ... ... einen ihm gänzlich unbekannten 13jährigen ...
[S. 50]: ... abgehalten, des Gräßlichste einzugestehen), ... ... abgehalten, das Gräßlichste einzugestehen), ...
[S. 55]: ... kurz, die Behörde kennt ihn gar nicht. ... ... kurz, die Behörde kennt ihn gar nicht.“ ...
[S. 63]: ... Menschgewordenem „Urbösen“; an die Sagen ... ... Menschgewordenen „Urbösen“; an die Sagen ...
[S. 100]: ... darauf hatte sich Haarmann und die Lindner ... ... darauf hatten sich Haarmann und die Lindner ...
[S. 102]: ... auch einmal Wurst in Därme, die angeblich ... ... auch einmal Wurst in Därmen, die angeblich ...
[S. 120]: ... ausgehende Medizinerpsychologie angesichts ... ... ausgehenden Medizinerpsychologie angesichts ...
[S. 133]: (mehrfache Fälle) ... Hemd des gemordeten Spieker. – Hat die ... ... Hemd des gemordeten Spiecker. – Hat die ...
[S. 147]: ... des Tisches lag die Zigarrenspitze und die ... ... des Tisches lagen die Zigarrenspitze und die ...
[S. 155]: ... „Welcher ist es? sondern man hält ihm das ... ... „Welcher ist es?“ sondern man hält ihm das ...
[S. 204]: ... „non quia peccatum sed ne peccetur“). ... ... („non quia peccatum sed ne peccetur“). ...
[S. 204]: ... mit langem, nach hinten gekämmten blonden ... ... mit langem, nach hinten gekämmtem blondem ...
[S. 217]: ... an die Gesichte seiner Opfer nicht entsinnen ... ... an die Gesichter seiner Opfer nicht entsinnen ...
[S. 250]: ... ein daß moderner Gerichtshof, den ich (wär ich ... ... daß ein moderner Gerichtshof, den ich (wär ich ...