Gyges und sein Ring

Part 3

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Rhodope. Ich kenne deine Pflicht und danke dir, Daß du sie rasch erfüllen willst. Sie würde Ja nur die meine, wenn du zögertest. Du hast geforscht, entdeckt und gleich gerichtet, Ich seh's dir an, nun trifft die Reihe mich!

Kandaules. Wohin verirrst du dich!

Rhodope. Erscheinst du nicht Als Rächer hier?

Kandaules. Bei allen Göttern, nein!

Rhodope. So lebt noch jeder, welcher gestern lebte?

Kandaules. Warum nicht?

Rhodope. Mancher frevelte vielleicht!

Kandaules. Ich weiß von keinem!

Rhodope. Und was führt dich her?

Kandaules. Hätt' ich nach dieser Nacht kein Recht, zu kommen? Warst du, wie sonst? Hast du mir nicht sogar, Als säßest du, die Lilie in der Hand, Noch unter dem Platanenbaum' wie einst, Den einz'gen Kuß versagt, um den ich bat?

Rhodope. Das wirst du mir noch danken!

Kandaules. Aber fürchte Dich nicht! Zwar trieb's mich zu dir, wie am Morgen Nach unsrer Hochzeit, doch du brauchst mir nur Zu winken, und ich gehe, wie ich kam! Ja, schneller werde ich von hinnen eilen, Als hätt' ich, um zu trinken, einer Quelle Mich still genaht, und sähe, daß ihr eben Die schüchterne Najade scheu entsteigt.

Rhodope. Bleib!

Kandaules. Nein! Nicht eines Odemzuges Dauer, Wenn es dich ängstigt! Und es ängstigt dich, Ich fühl es wohl. Dies ist gewiß die Stunde, In welcher du, wie du's so lieblich nennst, Dich innerlich besiehst!, Die will ich nicht Entheiligen. Und hätt' auch Aphrodite, Holdselig lächelnd diesem frühen Gang, Den gold'nen Gürtel, den sie nie verschenkt Und kaum verleiht, mir für dich zugeworfen: Ich käm' ein ander Mal und reicht' ihn dir!

Rhodope. Halt ein! Das klingt zu süß und macht mir bang, Denn meine Amme sagte: wenn der Mann Sich allzu zärtlich seinem Weibe nähert, So hat er im Geheimen sie gekränkt!

Kandaules. Das trifft mich auch! Ich habe dich gekränkt! Ich weiß ja, wie du bist, ich weiß ja auch, Daß du nicht anders kannst; dein Vater thront, Wo indische und griech'sche Art sich mischen, Dein Schleier ist ein Teil von deinem Selbst. Und dennoch zerr und zupf ich stets an ihm Und hätt' ihn gestern gern dir abgerissen! Nun, das bereu ich, und ich schwöre dir-- Dies trieb mich her!--es soll nicht mehr geschehn!

Rhodope (lacht).

Kandaules. Denn nie noch sehnte ich mich so, wie heut, Nicht bloß das Leid, das tief ins Mark sich gräbt Und Narben hinterläßt, dir fernzuhalten, Nein, auch den kleinsten Schatten, welcher dir Die Seele trüben könnte, zu verscheuchen, Und würf' ich einen solchen Schatten selbst! Dich hüten will ich, wie die treue Wimper Dein Auge hütet: nicht dem Sandkorn bloß Verschließt sie sich, auch einem Sonnenstrahl, Wenn er zu heiß ist und zu plötzlich kommt.

Rhodope. Zu spät! Zu spät!

Kandaules. Was wär' zu spät, mein Weib?

Rhodope. Ich--Nein, ich sag's ihm nicht, ich kann's nicht sagen, Er mag's erraten, und wenn er's errät, So knie ich stumm und lautlos vor ihm nieder Und deute auf sein Schwert und meine Brust!

Kandaules. Hat dich ein Traum erschreckt?

Rhodope. Ein Traum? O nein, Für mich war keiner übrig, einer Warnung War ich nicht wert! Der Stein, der schmetternd fällt, Hat seinen Schatten, daß der Mensch ihn merke, Das rasche Schwert den Blitz, doch was mich traf-- Kandaules, sprich, ich sehe, du willst fragen, So frage endlich!

Kandaules. Ich? Nun ja doch, ja! Am liebsten deine Hand!

Rhodope. Rühr sie nicht an. Den Fleck nimmt dir kein Wasser wieder weg.

Kandaules. O Gyges!--Nun, wenn du die Hand mir weigerst, Auch deine Wange sagt mir schon genug: Du glühst im Fieber! Doch der beste Arzt Steht vor der Tür. Warum ist sie verschlossen, Indes ein Morgen, welchen alle Horen Beschenkten, draußen, wie ein Bettler, klopft. Rasch auf mit ihr, und gleich bist du geheilt!

(Er will öffnen.)

Rhodope. Halt! öffne lieber eine Totengruft! Nicht finstrer wird der reine Sonnengott Sich von zerbrochnen Aschenkrügen wenden, Als von dem Weibe, das du dein genannt!

Kandaules. Unselige!

Rhodope. Sprich! War im Schlafgemach-- Antworte doch!

Kandaules. Ein Mörder? Nein doch, nein! Ei, frag dich selbst, hätt' ich ihn nicht getötet?

Rhodope. Wenn du ihn sahst!

Kandaules. Und mußt' ich ihn nicht sehn? Die Ampel war nur eben angezündet Und brannte hell.

Rhodope. So scheint's!-- Und doch vernahm Ich mancherlei Geräusch, das nicht von dir Und auch von mir nicht kam.

Kandaules. Die Nacht ist reich An Schällen und an seltsam fremden Klängen, Und wer nicht schläft, hört viel.

Rhodope. Es rasselte.

Kandaules. Ein Mauerwurm!

Rhodope. Es klang, als ob ein Schwert An etwas streifte.

Kandaules. Mag's! Wo wär' der Ton, Den die Natur in wunderlicher Laune Nicht irgendeinem possenhaften Tier Als Stimme einverleibte? Reiß einmal Dein Kleid entzwei und merke dir den Laut, Ich schaff dir ein Insekt, das ganz so schnarrt.

Rhodope. Auch seufzen hörte ich.

Kandaules. Und seufzen Mörder?

Rhodope. Nein, nein! Das ist's!

Kandaules. Der kühle Nachtwind war's, Er wollte dir um Mund und Wangen spielen Und seufzte, als er nur auf Mauern stieß. Ei, gibt's doch Bäume, die, wie jener Stein Das Licht des Tages trinkt, um es im Dunkeln Zurückzugeben, Klang und Schall verschlucken, Die singen, plappern, ächzen dann bei Nacht!

Rhodope. So nimmst du es? Noch mehr! Mir fehlt ein Schmuck

Kandaules. Ein Edelstein vielleicht? Ein Diamant? Der da?

Rhodope. Du hast ihn? Du?

Wer sonst? Du siehst!

Rhodope. Dank, ew'gen Dank, Ihr Götter, und vergebt Den Zweifel eines Herzens, das sich schuldlos Zertreten wähnte! Oh, Ihr seid uns nah, Wie Licht und Luft!

Kandaules. Erinnyen, hinab!-- Da!

Rhodope. In den Tempelschatz mit ihm! Ich bin Den Gnädigen ein reiches Opfer schuldig, Vor allem ihr, der Allverknüpferin! Aus gold'nen Körben sollen ihre Tauben Von heute an die weichsten Körner picken, Aus Marmorbecken löschen ihren Durst! Und du, Kandaules, du--

Kandaules. Der Jüngling küßt, Wenn er des Mädchens denkt, die eigne Hand, Die sie ihm drückte, als sie von ihm schied, Der Mann braucht etwas mehr.

Rhodope. O Tag des Glücks! Ist dir dein Weib so teuer? Nun, da bitt ich Dir stilles Unrecht ab. Ich sorgte immer, Es sei mehr Stolz auf den Besitz, als Liebe, In der Empfindung, die dich an mich fesselt, Und deine Neigung brauche schon den Neid Der andern, um nicht völlig zu erlöschen! Nun fürcht ich das nicht mehr.

Kandaules. Und niemals sollst Du's wieder fürchten! Weiß ich doch, was dir Das Herz vergiftet hat. Du glaubtest dich Verkürzt durch Gyges! Und es ist gewiß, Daß ich gar manchen Tag mit ihm verbrachte, Und fast ein Jäger ward, weil er es ist. Zwar griff das nicht in deine Rechte ein, Denn, was den Mann mit einem Mann verbindet, Ist für das Weib nicht da, er braucht's bei ihr Sowenig, wie den Schlachtmut, wenn er küßt. Doch, muß ich deine Furcht auch töricht nennen: Ich spar kein Mittel, um dich rasch zu heilen, So höre denn: mein Günstling Gyges geht!

Rhodope. Wie?

Kandaules. Heute noch!

Rhodope. Unmöglich

Kandaules. Wär' dir das Jetzt nicht mehr recht? Du schienst es sonst zu wünschen!

Rhodope. Oh, daß ich dies in meinem Freudenrausch Vergessen konnte!

Kandaules. Was denn?

Rhodope. Deine Hand!-- Der war's, der stand auf einmal mir vor Augen, Als wär' sein feur'ger Umriß in der Luft Zurückgeblieben! Oh, wie fürchterlich Bestätigt sich's.--Gib her!--Er hat den Ring!

Kandaules, Der ist mein Eigentum!

Rhodope. Sprich, hast du ihn Nicht wieder abgelegt, seit du ihn trägst? Auch nicht verloren, oder sonst vermißt?

Kandaules. Unglückliche, was quälst du dich mit Schatten!

Rhodope. Er weicht mir aus!--Du schickst den Gyges fort? Auf einmal fort, wie einen Missetäter? Warum?

Kandaules. Das sagt' ich nicht. Er geht von selbst.

Rhodope. Er geht von selbst? Was treibt ihn denn von hinnen?

Kandaules. Ich weiß es nicht und hab ihn nicht gefragt.

Rhodope. Du weißt es nicht? So will ich dir es sagen: Er hat an dir gefrevelt, wie noch keiner, Und du mußt strafen, wie du nie gestraft!

Kandaules. Rhodope, welch ein Wort! Er ist gewiß Der Edelste der Edlen.

Rhodope. Ist er das, Wie kannst du ihn so ruhig ziehen lassen?

Kandaules. Weil auch der Beste wider seinen Willen Statt Segens stillen Fluch verbreiten kann.

Rhodope. Ist das sein Fall? Und hat er's selbst gefühlt?

Kandaules. Und wenn auch nicht--Sein Sinn ist stolz, er strebt Nach großen Dingen, und er darf es wagen.

Rhodope. Meinst Du?

Kandaules. Kein Königsthron steht ihm zu hoch. Und wenn er geht und mir den Grund verbirgt: Gib acht, mit einer Krone kehrt er wieder Und spricht dann lächelnd: diese trieb mich fort!

Rhodope. Ja?

Kandaules. Teures Weib, dich hat die Nacht verstört, Der Schreck--

Rhodope. Kann sein!

Kandaules. Du hörtest allerlei--

Rhodope. Was nicht zu hören war! Fast glaub ich's selbst, Denn--nun besinn ich mich--ich sah auch falsch! Du hast den Ring nicht wieder abgelegt, Du hast ihn nicht verloren, noch vermißt, Und mir kam's dennoch vor--ich spähte scharf, Und Morgen war's, und alles andre sah ich-- Als fehlte er an deiner Hand. So zeugt Denn Sinn hier gegen Sinn, das blinde Auge Verbürgt das taube Ohr. Vergib mir nur, Daß ich dich quälte, und vergönne mir Ein wenig Einsamkeit, um mich zu fassen.

Kandaules (will reden).

Rhodope. Jawohl! Jawohl! Vergib nur, Herr, und geh!

Kandaules (ab).

Rhodope. Kein andrer ist's, als Gyges--das ist klar! Er hat den Ring gehabt--das ist noch klarer! Kandaules ahnt's, er muß--das ist am klarsten! Und statt das Ungeheure ungeheuer An ihm zu ahnden, läßt er ihn entfliehn. So wird ein Rätsel durch ein andres Rätsel Gelöst, das mich von Sinnen bringen kann, Wenn es mir dunkel bleibt! Ein Gatte sieht Sein Weib entehrt--entehrt? Sprich gleich: getötet-- Getötet?--Mehr, verdammt, sich selbst zu töten, Wenn nicht des Frevlers Blut zur Sühne fließt! Der Gatte ist ein König, trägt das Schwert Der Dike, braucht von der Erinnys nicht Den Dolch zu borgen, hat die heil'ge Pflicht, Den Greul zu strafen, wenn die Liebe ihn Nicht antreibt, ihn zu rächen, muß den Göttern Das Opfer bringen, wenn er's mir versagt! Und dieser Gatte, dieser König zückt Nicht Schwert, noch Dolch, er läßt den Frevler fliehn! Doch das soll nicht gelingen! Mir auch fehlt's Nicht an erprobten Dienern. Nicht als Sklavin, Als Königstochter trat ich in dies Haus, Und mein Geleite war ein königliches. Die alten Vielgetreuen ruf ich auf, Daß sie dem Fliehenden den Weg vertreten, Dann sprech ich zu Kandaules: hier bin ich, Dort ist der Günstling, wähle, dieser Dolch Ist für mich selbst, wenn nicht dein Schwert für ihn!

Lesbia (tritt herein). Vergibst du, Königin?

Rhodope. Was denn, mein Kind? Daß du zu mir zurückkehrst? Oh, vergib Nur du, daß ich dich von mir lassen konnte, Mir war--ich wußte selbst nicht, was ich tat. Doch mein ich, daß der König zu mir sagte, Du gingest gern, und ach, ich hatte ihm In jener Nacht so viel schon weigern müssen, Daß mir der Mut zum neuen Nein gebrach.

Lesbia. So bin ich nicht mehr frei? So darf ich mich Zu deinen Dienerinnen wieder zählen?

Rhodope. O nein! Als Schwester komm an meine Brust.

Lesbia. Was ist geschehn? Du bist bewegt, wie nie.

Rhodope. Entsetzliches, das keinen Namen hat! Denn, eh' ich's nennen kann, hat sich's verändert Und ist noch grauenvoller, als es war. Ja, Nachtgeburt, die mir entgegengrinst, Mir deucht, dein erstes Antlitz könnt' ich küssen, Nun dämmernd mir das zweite sich enthüllt.

Lesbia. Kann ich was für dich tun?--Die Frage ist Wohl töricht, nicht?

Rhodope. Du kannst nicht töten, Mädchen, Und wer nicht töten kann, der kann für mich Auch nichts mehr tun.

Lesbia. Gebieterin!

Rhodope. So ist's! Du starrst mich an, du kannst es gar nicht fassen, Daß solch ein Wort aus meinem Munde kommt. Ja, Lesbia, ich bin's! Rhodope ist's, Die euch so oft gewarnt und abgehalten, Dem Tode in sein traurig Amt zu greifen, Und wenn es auch nur eine Spinne galt! Ich hab es nicht vergessen, doch das war, Als ich im frischen Morgentau mich wusch Und in dem Strahl der Sonne trocknete: Jetzt rufe ich nach Blut, jetzt ist von mir Nur so viel übrig, als die Götter brauchen, Um das zu rächen, was ich einmal war!

Lesbia. Weiß dein Gemahl denn nichts? Am Rächer kann's Der Königin von Lydien nicht fehlen.

Rhodope. So scheint's! Und doch--Nun, wissen will ich's bald! Geh, Lesbia, und ruf mir Karna her!

Lesbia. Du meinst, ich soll ihm etwas von dir sagen.

Rhodope. Das ist vorbei!--

Lesbia. Doch deinen Schleier willst du!

Rhodope. Nein! Nein!

Lesbia. Mich graust! Es ist das erste Mal! (Ab.)

Rhodope. Er kann den Freund nicht opfern, darum wird Sein Weib verschont. Denn sonst ertrüg' er's nicht!

Lesbia (tritt mit Karna ein).

Rhodope. Karna, du weißt, was du geschworen hast, Als dir dein Herr, mein königlicher Vater, Am goldnen Tor die Tochter übergab. Saß ich auch hoch auf meinem Elefanten, War ich auch tief verhüllt in meinen Schleier, Doch hab ich wohl beachtet, was geschah, Und nicht ein Wort vergessen, das du sprachst.

Karna. Auch ich nicht, und ich hoff's dir darzutun!

Rhodope. So such den Griechen Gyges auf und künd ihm, Daß ich ihn sehen will.

Karna. Du?

Rhodope. Eile dich, Damit er nicht entkommt, verfolge ihn, Wenn er entfloh, und bringe ihn zurück, Noch eh' es Nacht wird, muß er vor mir stehn.

Karna. Ich liefre ihn, lebendig oder tot. (Ab.)

Lesbia. Was hör ich? Gyges wär' es?

Rhodope. Gyges ist's!

Lesbia. Er hätte dich gekränkt?

Rhodope. Er hat gefrevelt Am Heiligsten, er hat den schwersten Fluch Auf mich herabgezogen, jenen Fluch, Den alle Götter wider Willen schleudern, Weil er nur Menschen ohne Sünde trifft, Er ist es, der mich töten lehrt!

Lesbia. Er nicht Ich schwöre dir's!

Rhodope. Wie kannst du?

Lesbia.

Königin, Auch ich erlebte etwas, und ich weiß, Daß er die Seele eher lassen würde, Als dich verletzen.

Rhodope. So.

Lesbia. Ich habe dir Ein Wort von ihm zu sagen! Oh, wie bitter Hat mich dies Wort geschmerzt, als ich's vernahm, Jetzt freut's mich fast. Ich soll dir von ihm melden Er hätt' mich gar nicht angesehn!--Er liebt dich! Nun frag dich, ob es möglich ist!

Rhodope. Er liebt mich! So ist's gewiß!

Lesbia. Wie?

Rhodope. Törin, sage mir, Kann man das lieben, was man niemals sah? Und wenn mich Gyges sah: wann sah er mich?

Lesbia (legt sich die Hand vor die Augen).

Rhodope. Nun sprich als Mädchen, ob er sterben muß!

Vierter Akt

Gemach der Königin.

Rhodope. Oh, einen Augenblick Vergessenheit! Wozu das Rätsel ewig wiederholen? Es wird ja bald gelöst.--Ich sollt' es machen, Wie meine Mädchen, die zum Zeitvertreib Auf alle Töne horchen und sich streiten, Von welchem Vogel jeder kommt, und ob Der rot ist oder grün.--Welch ein Geräusch! Ist Karna da mit ihm? Still, alles still. Es war wohl nichts.--Wie hab ich mich verändert! Wann fragt' ich sonst den Schall nach dem Woher, Mich schreckte nichts, mich schreckte nicht einmal Des Feuers Glut, und wenn sie noch so rot Am Himmel aufstieg und sich noch so drohend Verbreitete: ich wußte, daß ein Kreis Von treuen Wächtern, unsichtbar um mich Herum gereiht, des Königs Lieblingstochter Mit Blut und Leben schirmte. Jetzt--ein Schritt! Sie sind's! Ja, Karna ist so klug, als tapfer; Das hört' ich stets, und heute soll ich's sehn. Noch nicht! Vielleicht auch gar nicht! Nein, Ihr Götter, So grausam werdet Ihr nicht sein. Ich will Ja nicht, daß Ihr die Hand mir reichen sollt, Um mich am Rand des Abgrunds festzuhalten, Ich will nur sehn, wer mich hinunterstößt. Je mehr ich sinne, um so weniger Begreif ich meinen Gatten. Hört' ich's doch In frühster Jugend schon, daß die Befleckte Nicht leben darf, und wenn mich das als Kind Durchschauert hat, jetzt habe ich den Grund Für dies Gesetz in meiner Brust gefunden: Sie kann nicht leben, und sie will's auch nicht! Gilt das für ihn allein nicht? Oder will er Den Frevler heimlich opfern, weil er hofft, Mir seine Missetat noch zu verbergen? Habt Dank, Ihr Ewigen, auch das kann sein! Und findet Karna den Entflohnen tot, Den kalten Dolch in seiner heißen Brust, So weiß ich, wessen Hand ihn niederstreckte, Und frage niemals mehr, wo Gyges blieb!

Lesbia (tritt ein). Oh, Königin, er kommt!

Rhodope. Ich harre schon!

Lesbia. Und hinter ihm schiebt, wie ein Eisen-Riegel, Sich eine Schar Bewaffneter zusammen.

Rhodope. Ich glaub's, daß Karna sein Geschäft versteht.

Lesbia. Muß es denn sein?

Rhodope. Er oder ich! Vielleicht Wir alle beide!

Lesbia. Oh, du machst mich stumm!

Rhodope. Sag Karna, daß er jetzt zum König sende, Ich laß ihn bitten auf ein einzig Wort.

Lesbia (ab).

Rhodope. Nun, Ihr dort unten, die Ihr keinen Frevel Verhindert, aber einen jeden rächt, Herauf, herauf, und hütet diese Schwelle, Ein blutig Opfer ist Euch hier gewiß.

Gyges (der währenddem eingetreten ist). Du hast mich rufen lassen, Königin!

Rhodope. Du weißt warum!--Du weißt es, denn du zitterst, Kannst du es leugnen? Deine Farbe wechselt, Und hörbar klopft das Herz in deiner Brust.

Gyges. Hat nicht dein Gatte auch vor dir gezittert, Hat er die Farbe nicht, wie ich, gewechselt, Und hat sein Herz nicht ganz, wie meins, geklopft? Erinnre dich der Stunde, wo er dir Zum ersten Mal ins Antlitz schauen durfte, Und frag dich, ob er mir nicht völlig glich.

Rhodope. Dir?!

Gyges. Königin, gewiß. Ihm schwindelte, Er stand geblendet da, und als ihm die Besinnung wiederkehrte, riß er stumm Die Krone sich vom Haupt, wie einen Kranz, Der plötzlich welk geworden ist im Haar, Und warf sie mit Verachtung hinter sich.

Rhodope. Er! ha!

Gyges. Du lächeltest ihn freundlich an, Als du es sahst, da kam ihm so viel Mut, Sich dir um einen halben Schritt zu nähern. Doch seine Kniee wankten unter ihm, Sie wollten einen edlern Dienst verrichten, Und eh' du's ahntest, lag er so vor dir!

(Er kniet währenddem nieder.),

Rhodope. Du wagst?

Gyges. Was denn? Es war ja so. Du strecktest Ihm unwillkürlich, halb um ihm zu wehren, Halb auch vielleicht, um ihn emporzuziehn, Die Hand entgegen, die er scheu und schüchtern Ergriff, und die sich doch zur Fingerspitze Verkürzte, ehe er sie noch berührt. Tatst du das nicht? Oh, sprich!

Rhodope. Auf! Auf mit dir!

Gyges (sich wieder erhebend). Ihn aber traf es, wie ein Wetterschlag. Ihm war zumut, als hätt' er sich bisher, Wie ein ereb'scher Schatten, kalt und nüchtern, Nur unter die Lebendigen verirrt Und jetzt erst Blut bekommen, wie sie selbst; Als hätte er ihr Lachen und ihr Weinen, Ihr Jubeln, Seufzen, ja ihr Atemholen, Nur nachgeäfft und nie geahnt, warum Die Menschenbrust sich ewig hebt und senkt. Da brannt' er vor Verlangen, auch zu leben, Und sog dein süßes Bild mit Augen ein, Die, sonst gleichgültig alle Dinge spiegelnd Und wieder wechselnd, wie ein stilles Wasser, Der Wimper jetzt ihr Zucken kaum verziehn. So glomm er, deine Schönheit in sich trinkend, Allmählich vor dir auf in düstrem Feuer, Wie deine weiße Hand, wenn du sie abends Vor eine Flamme hältst, du aber fuhrst Vor deinem roten Widerschein zurück.

Rhodope. Nicht weiter!

Gyges. Oh, nicht weiter! Weiß ich mehr? Was er empfand, das kann ich nachempfinden Und ganz so voll und glühend, wie er selbst. Doch, wie er warb, und wie er dich gewann, Ist sein Geheimnis; einer nur kann's haben, Und dieser Einzige ist er, nicht ich. Nun weißt du denn, warum ich zitterte: Ein Wonneschauer war's, der mich ergriff, Ein heil'ges Grausen, das mich schüttelte, Als ich so plötzlich vor dir stand und sah, Daß Aphrodite eine Schwester hat; So sag mir jetzt, wozu beriefst du mich!

Rhodope. Zum Tode!--

Gyges. Wie?

Rhodope. Hast du ihn nicht verdient?

Gyges. Wenn du ihn mir verhängst, so muß es sein!

Rhodope. In dieser Stunde noch!

Gyges. Ich bin bereit!

Rhodope. Dich packt kein Schauder, wie er jeden Menschen, Wie er den Jüngling doppelt packen muß? Glaubst du vielleicht, es sei nicht bittrer Ernst, Weil dir ein Weib den blut'gen Spruch verkündigt, Und du das Weib nur noch als Mutter kennst? O hoffe nicht, daß auch die Mildeste Ihn ändern wird. Sie kann den Mord vergeben, Sie kann sogar für ihren Mörder bitten, Wenn er ihr so viel Odem übrigließ. Doch eine Schande, die sie vor sich selbst Vom Wirbel bis zum Zeh mit Abscheu füllte, Solch eine Schande wäscht das Blut nur ab: Je mehr sonst ganz nur Weib, nur scheues Weib, Je mehr vom Manne wird sie da verletzt!

Gyges. Entsetzlich!

Rhodope. Kommt der Schauder? Hör mich aus! Wenn du nicht jetzt gerichtet vor mir ständest, Von blanken Schwertern vor der Tür bewacht, Und, willig oder nicht, das sichre Opfer Der Unterird'schen, die ich schon beschwor: Ich öffnete, wenn auch mit zager Hand, Noch eh' die Sonne sinkt, mir selbst die Adern Und wüsche mich in meinem eignen Blut! Denn alle Götter stehn schon abgewandt, Wenn auch voll Mitleid da, die goldnen Fäden Zerreißen, die mich an die Sterne knüpfen Und aufrecht halten, mächtig zieht der Staub, Und zögre ich, so hüpft die neue Schwester, Die Kröte, mir vertraulich ins Gemach!

Gyges. O Königin, ich könnte manches sagen, Und vielen Sand mir aus den Locken schütteln, Der mir nur angeflogen ist im Sturm! Ich will es nicht. Nur eines glaube mir: Erst jetzt erkenn' ich, was ich tat, und doch War's kaum geschehn, so hat's mich schon gedrängt, Es abzubüßen. Wenn dein Gatte mir Den Weg zum Orkus nicht vertreten hätte, Ich wäre längst ein Schatten unter Schatten, Und du gesühnt, wenn auch noch nicht versöhnt.

Rhodope. Mein Gatte wehrte dir's und wußte doch--

Gyges. Gleichviel! Die seltne Regung, die ihn faßte, Hat mich um das Verdienst des freien Todes, Dich aber um dein Opfer nicht gebracht. Leb wohl!--Und deine Schwerter bleiben rein!

Rhodope. Halt! Nicht durch eigne Hand und nicht durch Mord, Durch deinen höchsten Richter sollst du fallen, Gleich kommt der König und bestimmt dein Los.

Gyges. Der Sterbende, er sei auch, wer er sei, Hat eine letzte Bitte frei. Du wirst Mir nicht mein armes Totenrecht verkürzen, Ich weiß, du kannst es nicht! So laß mich gehn!

Rhodope (macht eine abwehrende Bewegung).

Gyges. Ich tat, was ich vermochte. Komme nun, Was kommen soll, ich trage keine Schuld.

Kandaules (tritt ein).

Rhodope (ihm entgegen). Ich irrte nicht! Es war im Schlafgemach Ein Mensch versteckt!

Gyges. Ja, König, was ich dich Nur ahnen ließ, weil mir der Mut gebrach, Es zu bekennen: es ist aufgedeckt, Und todeswürdig steh ich vor dir da!

Kandaules. Gyges!

Gyges. Mit diesen meinen beiden Augen Verübt' ich einen Frevel, den die Hände Nicht überbieten, nicht erreichen würden, Und zückt' ich auch auf dich und sie den Dolch.

Rhodope. So ist's!

Gyges. Zwar wußt' ich's nicht, das kann ich schwören, Mir sind die Frauen fremd, doch wie der Knabe Nach einem wunderbaren Vogel hascht Und ihn erdrückt, weil er sein zartes Wesen Nicht kennt, indes er ihn nur streicheln will, So hab ich auch das Kleinod dieser Welt Zerstört und ahnte nicht, daß ich es tat.

Rhodope. Sein Wort ist edel. Wehe ihm und mir, Daß es nicht frommt!