Part 1
Friedrich Hebbel Gyges und sein Ring Eine Tragödie in fünf Akten
Einen Regenbogen, der, minder grell, als die Sonne, Strahlt in gedämpftem Licht, spannte ich über das Bild; Aber er sollte nur funkeln und nimmer als Brücke dem Schicksal Dienen, denn dieses entsteigt einzig der menschlichen Brust.
Personen:
Kandaules, König von Lydien
Rhodope, seine Gemahlin
Gyges, ein Grieche
Lesbia und Hero, Sklavinnen
Thoas und Karna, Sklaven
Volk
Die Handlung ist vorgeschichtlich und mythisch; sie ereignet sich innerhalb eines Zeitraums von zweimal vierundzwanzig Stunden.
Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Vierter Akt Fünfter Akt
Erster Akt
Halle.
Kandaules und Gyges treten auf. Kandaules schnallt sich das Schwert um, Thoas folgt mit dem Diadem.
Kandaules. Heut sollst du sehn, was Lydien vermag!-- Ich weiß, ihr Griechen, wenn auch unterwürfig, Weil ihr nicht anders könnt, tragt knirschend nur Das alte Joch und spottet eurer Herrn. Auch wird nicht leicht was auf der Welt erfunden, Das ihr nicht gleich verbessert: wär's auch nur Der Kranz, den ihr hinzufügt, einerlei, Ihr drückt ihn drauf und habt das Ding gemacht!
Thoas (reicht ihm das Diadem).
Kandaules. Das neue Diadem! Was soll mir dies? Hast du dich auch vielleicht im Schwert vergriffen? Ja, beim Herakles, dessen Fest wir feiern! Ei, Thoas, wirst du kindisch vor der Zeit?
Thoas. Ich dachte--
Kandaules. Was?
Thoas. Seit fünf Jahrhunderten Erschien kein König anders bei den Spielen, Die dein gewalt'ger Ahn gestiftet hat, Und als du es das letzte Mal versuchtest, Die alten Heiligtümer zu verdrängen, Da stand das Volk entsetzt und staunend da Und murrte, wie noch nie!
Kandaules. Nun meinst du denn, Ich hätt's mir merken und mich bessern sollen, Nicht wahr?
Thoas. O Herr, nicht ohne einen Schauder Berühre ich dies Diadem, und nie Hab ich dies Schwert am Griff noch angefaßt, Das alle Herakliden einmal schwangen. Doch deinen neuen Schmuck betracht ich ganz, Wie jedes andre Ding, das glänzt und schimmert, Und das man hat, wenn man's bezahlen kann. Nicht an Hephästos brauche ich dabei Zu denken, der dem göttlichen Achill Die Waffen schmiedete, und in dem Feuer, Worin er Zeus die Donnerkeile stählt, Auch nicht an Thetis, die durch ihre Töchter Ihm Perlen und Korallen fischen ließ, Damit es an der Zierde nicht gebreche: Ich kenn den Mann ja, der das Schwert geliefert, Und jenen, der das Diadem gefügt!
Kandaules. Nun, Gyges?
Thoas. Herr, die Treue spricht aus mir, Bin ich zu kühn, so bin ich's deinetwegen! Und glaube mir: die vielen Tausende, Die hier zusammenströmen, wenn sie auch In feinrer Wolle gehn und leckrer essen, Sind ganz so töricht oder fromm, wie ich. Dein Haupt und dieser Reif, das sind für sie, Trau deinem Knecht, zwei Hälften eines Ganzen, Und ebenso dein Arm und dieses Schwert.
Kandaules. Das denken alle?
Thoas. Ja, bei meinem Kopf!
Kandaules So darf's nicht länger bleiben! Nimm denn hin Und tu, was ich gebot.
Thoas (mit dem alten Schmuck ab).
Gyges. Du tatst ihm weh.
Kandaules. Ich weiß, doch sprich: wie hätt' ich's ändern können? Wahr ist, was er gesagt! Hier gilt der König Nur seiner Krone wegen und die Krone Des Rostes wegen. Weh dem, der sie scheuert, Je blanker, um so leichter an Gewicht. Allein, was hilft's, wenn man sich nun einmal So weit vergaß, weil man's nicht mehr ertrug, Bloß durch den angestammten Schmuck zu glänzen, Zu gelten, wie geprägte Münzen gelten, Die keiner wägt, und mit den Statuen, Die in geweihten Tempelnischen stehn, Die schnöde Unverletzlichkeit zu teilen: Man kann doch nicht zurück?
Thoas (kömmt mit dem neuen Schmuck).
Kandaules. So ist es recht!
(Er setzt das Diadem auf.)
Das sitzt! Und alles, was mein Königreich Im Schacht der Berge und im Grund des Meeres An Perlen und Kleinodien nur liefert, Nicht mehr, noch weniger, ist hier vereint: Der Edelstein, den man bei uns nicht findet, Und wär' er noch so schön, ist streng verbannt, Doch freilich ließ ich auch für den noch Platz, Den man in hundert Jahren erst entdeckt.-- Begreifst du nun?
(Zu Gyges.)
Das andre eignet sich Für einen Riesenkopf, wie eure Bildner Ihn meinem Ahnherrn wohl zu geben pflegen, Wenn er im Löwenfell mit plumper Keule Von eines Brunnens moos'gem Rand herab Die Kinder euch erschrecken helfen soll.
(Er gürtet sich das Schwert um.)
Dies Schwert ist etwas leichter, wie das alte, Doch dafür kann man's schwingen, wenn man muß, Und nicht bloß draußen, unterm freien Himmel, Wo die Giganten sich mit Felsen werfen,
(Er zieht's und schwingt's.)
Nein, auch in menschlich engem Raum, wie hier! Drum, Thoas, spar dir ja die dritte Rede, Die zweite hört' ich heut!
Thoas. Vergib mir, Herr! Doch weißt du: nicht die jungen Glieder sind's, In denen sich ein Wittrungswechsel meldet, Die alten Knochen spüren ihn zuerst! (Ab.)
Gyges. Er geht betrübt.
Kandaules. Gewiß, er sieht's nicht gern, Daß jetzt der nächste Donnerkeil mich trifft, Und das steht fest für ihn, es wäre denn, Daß mich die Erde früher schon verschlänge, Wenn nicht der Minotaurus gar erscheint!-- So sind sie, denke darum aber nicht Gering von ihnen! Nun, noch heute wirst du Sie spielen sehn!
Gyges. Und wünsche, mitzuspielen.
Kandaules. Wie, Gyges?
Gyges. Herr, ich bitte dich darum
Kandaules. Nein, nein, du sollst an meiner Seite sitzen, Damit ein jeder sieht, wie ich dich ehre, Und wie ich will, daß man dich ehren soll.
Gyges. Wenn du mich ehrst, so schlägst du mir's nicht ab.
Kandaules. Du weißt nicht, was du tust! Kennst du die Lyder? Ihr Griechen seid ein kluges Volk, ihr laßt Die andern alle spinnen und ihr webt. Das gibt ein Netz, wovon kein einz'ger Faden Euch selbst gehört, und das doch euer ist! Wie leicht wär's zugezogen und wie rasch Die ganze Welt gefangen, wenn der Arm Des Fischers nur ein wenig stärker wäre, Der es regieren soll. Da aber fehlt's! Ihr könnt durch keine Kunst die Nervenstränge Uns aus dem Leibe haspeln, darum stellen Wir uns viel blinder, als wir wirklich sind, Und gehn zu unsrem eignen Spaß hinein: Ein kleiner Ruck macht uns ja wieder frei.
Gyges. Wir feiern diese Spiele auch.
Kandaules. Ja, ja! So unter euch! Da ringt der Dorier Mit dem Ionier, und mischt am Ende Gar der Böotier sich mit hinein, So glaubt ihr, Ares selber schaue zu Und merke sich mit Schaudern jeden Streich. Gyges, und wenn du alle Preise dort Errungen hättest, warnen müßt' ich dich, Hier auch nur um den letzten mitzukämpfen. Denn wild und blutig ging es immer her, Doch würbest du, der Grieche und mein Günstling, Auch nur um einen Zweig der Silberpappel, Wie man sie heut zu Tausenden verstreut: Du kämst mit deinem Leben nicht davon.
Gyges. Nun habe ich dein ja, du kannst mir's jetzt Nicht länger vorenthalten!
Kandaules. Nimmst du's so? Dann muß ich schweigen!
Gyges. Herr, ich kam nicht bloß, Zu bitten!
(Er zieht einen Ring hervor.)
Nimm! Es ist ein Königsring! Du siehst ihn an, du findest nichts an ihm, Du staunst, daß ich ihn dir zu bieten wage, Du wirst ihn nehmen, wie vom Kind die Blume, Nur um die arme Einfalt nicht zu kränken, Die dir sie brach, nicht, weil sie dir gefällt. Unscheinbar ist er, das ist wahr, und schlicht, Und dennoch kannst du für dein Königreich Ihn dir nicht kaufen, noch ihn mit Gewalt Trotz aller deiner Macht, dem Träger rauben, Wenn er ihn dir nicht willig reichen will. Trägst du ihn so,
(mit Zeichen und Gebärden)
daß das Metall nach vorn Zu sitzen kommt, so ist er bloß ein Schmuck, Vielleicht auch keiner, aber drehst du ihn So weit herum, daß dieser kleine Stein, Der dunkelrote, um sich blitzen kann, So bist du plötzlich unsichtbar und schreitest, Wie Götter in der Wolke, durch die Welt. Darum verschmäh ihn nicht, denn noch einmal: Es ist ein Königsring, und diesen Tag Ersah ich längst, ihn dir zu übergeben, Du bist der einz'ge, der ihn tragen darf!
Kandaules. Von unerhörten Dingen kam auch uns Die Kunde zu, man sprach von einem Weibe, Medea hieß sie, welche Künste trieb, Die selbst den Mond herab zur Erde zogen, Doch nie vernahm ich noch von diesem Ring. Woher denn hast du ihn?
Gyges. Aus einem Grabe, Aus einem Grabe in Thessalien!
Kandaules. Du hast ein Grab erbrochen und entweiht?
Gyges. Nein, König, nein! Erbrochen fand ich's vor! Ich kroch nur bloß hinein, um mich vor Räubern Zu bergen, die in großer überzahl Mir auf der Fährte waren und mich hetzten, Als ich in abenteuerlichem Triebe Das öde Waldgebirge jüngst durchstrich. Die Aschenkrüge waren umgestoßen, Die Scherben lagen traurig durcheinander, Und in dem falben Strahl der Abendsonne, Der durch die Ritzen des Gemäuers drang, Sah ich ein Wölkchen blassen Staubes schweben, Das vor mir aufstieg, als der letzte Rest Der Toten, und so seltsam mich bewegte, Daß ich, um meinesgleichen, meine Väter Vielleicht, nicht unwillkürlich einzuatmen, Den Odem lange anhielt in der Brust.
Kandaules. Nun? Und die Räuber?
Gyges. Hatten meine Spur Verloren, wie's mir schien, denn fern und ferner Verhallten ihre Stimmen, und ich glaubte Mich schon gesichert, wenn ich auch noch nicht Mein dämmriges Asyl verließ. Als ich Nun so auf meinen Knieen kauerte, Erblickte ich auf einmal diesen Ring, Der aus dem wüsten Trümmerhaufen mir Mit seinem Stein, wie ein Lebendiges, Fast an ein scharfes Schlangen-Auge mahnend, Entgegenfunkelte. Ich hob ihn auf, Ich blies die Asche von ihm ab, ich sprach: "Wer trug dich einst am längst zerstäubten Finger?" Und, um zu sehen, ob's ein Mann gewesen, Steckt' ich ihn an. Doch das war kaum geschehn, So schrie man draußen: "Halt! dort muß er sein! Siehst du das Grab? Heran, heran, Gefährten, Wir haben ihn!" und rasch erschien der Trupp. Ich aber, um nicht wehrlos, wie ein Tier, Das man in eine Höhle trieb, geschlachtet Zu werden, sprang hervor und stürzte ihnen Entgegen, hoch in meiner Hand das Schwert. Die Sonne war dem Untergange nah Und strahlte, wie die Kerze, welche bald Erlöschen soll, noch einmal doppelt hell. Doch sie, als wär' für sie allein die Nacht Schon eingebrochen, stürmten, grimmig fluchend, An mir vorbei und reihten sich ums Grab. Das ward nun streng durchsucht, und als sie mich Nicht fanden, höhnten sie: "Was tut's, er trug Wohl auch nichts bei sich, als das trotz'ge Auge, Das uns mit seinem kecken Blick so reizte, Und dieses bläst ihm schon ein andrer aus!" Nun abermals, doch langsam und verdrießlich, Ja, spähend, und mir selbst ins Antlitz stierend, An mir vorbei und wieder nicht gesehn!
Kandaules. Da dachtest du--
Gyges. Nicht an den Ring! Noch nicht! Ich glaubte, daß ein Gott mich durch ein Wunder Gerettet, auf die Kniee warf's mich nieder, Und zu dem Unsichtbaren sprach ich so: Ich weiß nicht, wer du bist, und wenn du mir Dein Antlitz nicht enthüllst, so kann ich dir Das Tier nicht opfern, das dir heilig ist, Allein zum Zeichen, daß ich dankbar bin Und nicht des Muts ermangle, bring ich dir Den wildesten von diesen Räubern dar, Dies schwör ich hier, wie schwer es immer sei. Nun eilt' ich ihnen nach und mischte mich In ihren Haufen, und ein Grauen faßte Mich vor mir selbst, wie sie mich nicht allein Gar nicht bemerkten, sondern durch mich hin, Als wär' ich bloße Luft, zusammen sprachen, Ja selbst das Brot sich reichten und den Wein. Mein Blick umflorte sich und schweifend fiel Er auf den Stein des Ringes, der mir rot Und grell von meiner Hand entgegen sprühte Und rastlos quellend, wallend, Perlen treibend Und sie zerblasend, einem Auge glich, Das ewig bricht in Blut, was ewig raucht. Ich drehte ihn, aus Notwehr möcht' ich sagen, Aus Angst, denn alle diese Perlen blitzten, Als wären's Sterne, und mir ward zumut, Als schaut' ich in den ew'gen Born des Lichts Unmittelbar hinein, und würde blind Vom übermaß, wie von der Harmonie Der Sphären, wie es heißt, ein jeder taub. Da aber fühlt' ich kräftig mich gepackt, Und: "Was ist das? Ei, wer hielt ihn versteckt?, Der Spaß ist gut!" erklang's um mich herum. Zehn Fäuste griffen nun mir nach der Kehle, Zehn andre rissen am Gewande mir, Und, blieb die plumpste für den Ring nicht übrig, So war ein schmählich Ende mir gewiß. Doch plötzlich hieß es: "Ei, der ist nicht arm, Das ist ein guter Fang, seht, blankes Gold, Sogar ein Edelstein, nur her damit!" Allein fast in demselben Odemzug Erscholl's: "Ein Gott! Ein Gott ist unter uns!" Und alle lagen mir zu Füßen da.
Kandaules. Sie hatten, wie sie an dem Ring dir zerrten, Ihn wieder umgedreht und schauderten, Als du verschwandest, wie ein Wolkenbild.
Gyges. So muß es sein. Ich aber drehte ihn, Jetzt endlich eingeweiht in sein Geheimnis, Stolz und verwegen noch einmal und rief: Ein Gott, jawohl, und jeder büßt mir nun! Dann drang ich auf sie ein, und sie, entsetzt, Als hätte ich den Donner in den Händen Und tausend neue Tode mir zur Seite, Behielten kaum zur Flucht noch Mut und Kraft. Doch ich verfolgte sie, als müßte ich Für die Erinnyen den Dienst versehen, Und nicht ein einziger kam mir davon! Dann wollt' ich mit dem Ring zurück zum Grabe, Allein obgleich ich mir mit blut'gen Leichen Den Weg bezeichnet hatte: nicht am Abend Und nicht des Morgens ließ es sich mehr finden, Und wider meinen Willen blieb er mein.
Kandaules. Das ist ein Schatz, wie keiner!
Gyges. Sagt' ich's nicht? Ein Königsring! Drum, König, nimm ihn hin!
Kandaules. Erst nach dem Kampfe!
Gyges. Herr, ich trug ihn nie Seit jenem Tag und trag ihn niemals wieder! Bist du mit Holz so geizig? Keines Waldes Bedarf es ja zu meinem Scheiterhaufen, Ein Baum genügt, und traue diesem Arm, Er wird dir auch wohl noch den Baum ersparen!
Kandaules. So gib! Ich prüf ihn!
Gyges. Und ich wappne mich!
(Beide ab.)
Erster Akt--2
Gemach der Königin.
Rhodope nebst ihren Dienerinnen, Lesbia und Hero darunter tritt auf.
Rhodope. Nun freut euch, liebe Mädchen, heute ist Es euch vergönnt! So sehr ich's tadeln muß, Wenn ihr an andern Tagen auch nur lauscht, So hart ich meine munt're Hero gestern, Als sie den Baum erstieg, gescholten hätte, Wenn nicht zu ihrer Strafe gleich ein Zweig, So leicht sie ist, mit ihr gebrochen wäre, Weil er zu schwach für so viel Neugier war--
Hero. O Königin, wenn du's gesehen hast, So weißt du auch, daß ich den dichtesten Von allen Bäumen unsers Gartens wählte.
Rhodope. Den dichtesten? Kann sein! Doch ganz gewiß Den, der am nächsten an der Mauer stand.
Hero. Den allerdichtesten! Ich kletterte In eine wahre grüne Nacht hinein! Es war fast schauerlich, den goldnen Tag So hinter sich zu lassen und im Dunkeln Doch fortzukriechen.
Rhodope. Warum tatst du's denn?
Hero. Nicht, weil ich dem Olymp um ein paar Fuß Mich nähern wollte! Nein, das überließ ich Der Nachtigall, die mir zu Häupten schlug. Ich wollte--Aber lache nicht! Ich kann Das Wiegen nicht vergessen, und ich wollte Mich oben etwas wiegen!
Rhodope. Weiter nichts?
Hero. Und nebenbei, doch wirklich nebenbei, Ganz nebenbei, ein wenig spähn, ich wüßte Es gar zu gern, ob diesen unsern Garten, Wie uns der finstre Karna immer sagt, Ein See umgibt.
Lesbia. Ein See!
Hero. Du weißt es besser!
Lesbia. Ei, hast du's hier noch jemals rauschen hören, Und ist ein See so ruhig, wie du selbst?
Rhodope. Ich will nicht weiter fragen, denn ich weiß, Daß du's nicht wieder tust. Nie fiel ein Mädchen So sanft, wie du, und nie erschrak es so!
Lesbia. Ja, alle Glieder waren hin!
Hero. Ich wäre Gar nicht gefallen, denn ein stärkrer Zweig War nah genug, der aber schaukelte Ein Nest mit jungen Vögeln, und ich wollte Ihn nicht betreten, um die zarte Brut, Die schon die federlosen Flügel regte, Nicht aufzuscheuchen!
Lesbia. Dieses also war's? Sie flogen aber dennoch auf, du griffst Zuletzt gewiß noch zu, um dich zu halten!
Rhodope. Neckt euch, solang ihr wollt, dies ist der Tag, An dem für euch das enge Haus sich öffnet, Nun treibt es, wie ihr mögt, und seht euch satt.
Hero. Und du?
Rhodope. Schaut nicht auf mich! Was euch erlaubt, Ist mir nur nicht verboten, heute kann Ich euch nicht Muster und nicht Vorbild sein.
Hero. So willst du abermals das Fest nicht sehn?
Rhodope. Um dich nicht in der Fröhlichkeit zu stören!-- Bei uns ist das nicht Sitte, und mir wär's, Als ob ich essen sollte ohne Hunger Und trinken ohne Durst. Auch scheint es mir, Daß unsre Weise besser ist, als eure, Denn niemals kommt ihr ohne Schauder heim Von diesen Festen, die euch erst so locken, Und das ist mir die Liebste, die den tiefsten Empfindet und zum zweitenmal nicht geht. Das soll für euch kein Tadel sein, o nein, Es freut mich nur, daß meine Lesbia, Die unter euch erwuchs, so fühlt, wie ich!
Lesbia. Wirst du mir heut vergeben--
Rhodope. Was denn nur? Was soll ich dir vergeben? Willst du mit? Oh, hätt' ich dieses Lob zurück! Sie schämt Sich jetzt, die Tochter ihres Volks zu sein, Und hat's nicht Ursach'. Bin ich selbst was andres? Geh, geh und sag mir, wer der Sieger war!
Hero. Gewiß wird auch der junge Gyges kämpfen, Der diese schöne Stimme hat.
Rhodope. Du kennst Schon seine Stimme?
Hero. Ja, doch weiter nichts! Heut werden wir ihn sehn, und glaube mir, Auch sie geht nur, weil er erscheint!
Lesbia.
Ich kann Noch immer bleiben und dich Lügen strafen!
Hero. Du tust es nicht!
Kandaules (tritt rasch ein). Rhodope, sei gegrüßt!-- Doch--Weißt du, wer ich bin? Ein Hermenwächter, Ein Grenzpfahlkönig, der die Ellen freilich, Doch nie die Schwerter mißt und schuld dran ist, Daß die zwölf Taten des Herakles nicht Durch vierundzwanzig andre, größere Längst überboten sind. Wenn du's nicht glaubst, So frage nur den grimmigen Alkäos, Du kennst ihn nicht? Ich auch seit heute erst! Und weißt du, wie ich Menschen glücklich mache? Ich spreche: Jüngling komm, da ist ein Kern, Den stecke in die Erde und begieße Den Fleck mit Wasser, tu es Tag für Tag Und sei gewiß, daß du mit weißen Haaren Für deine Mühe Kirschen essen wirst, Ob süße oder saure, siehst du dann! Als Währsmann stelle ich den Agron dir, Den würd'gen Freund des würdigen Alkäos, Ihm völlig gleich, nur nicht so weiß im Bart.
Rhodope. Du bist vergnügt!
Kandaules. Wie sollte ich's nicht sein? Wenn auch Alkäos mir in offnem Aufstand Entgegentreten will, sobald ich's wage, Vor ihm so zu erscheinen, wie vor dir, Ich meine mit dem neuen Diadem Agron wird mich beschützen, und ich soll Zum Dank mich nur verpflichten, du wirst staunen, Wie mild er's mit mir vorhat, nie den Putz Mehr zu verändern und ein Schwert zu tragen, Das meine ganze Kraft durch's Ziehn erschöpft.
Rhodope. Woher denn weißt du das?
Kandaules. Durch keinen Späher, Noch weniger durch einen falschen Freund: Von ihnen selbst, durch ihren eignen Mund.
Rhodope. Du spottest meiner Frage.
Kandaules. Nein doch, nein! Ich sprech im vollsten Ernst! Ich stand dabei, Wie sie, die Nägel in die Tische grabend, Und mit gewetztem Zahn die eigne Lippe, Als wär' es fremdes, wildes Fleisch, benagend, Sich's schwuren, und sie halten es gewiß. Es gilt hier eine Art von Gottesurteil, Der eine haut nach mir, der andre wehrt, Und Dike kann entscheiden, wenn sie mag.
Rhodope. So hättest du gelauscht? Das glaub ich nicht. Wenn ich wo bin, wo man mich nicht erwartet, So mach ich ein Geräusch, damit man's merkt Und ja nicht spricht, was ich nicht hören soll, Und du--nein, nein, das tut ein König nicht!
Kandaules. Gewiß nicht!--Doch, du kannst es nicht erraten! Siehst du den Ring? Wie teuer hältst du ihn?
Rhodope. Ich weiß ja nicht, von wem er kommt.
Kandaules. Von Gyges!
Rhodope. Da wird er dir unschätzbar sein!
Kandaules. Er ist's! Doch ahnst du nicht, warum. Vernimm's und staune, Unsichtbar macht er jeden, der ihn trägt.
Rhodope. Unsichtbar?
Kandaules. Eben hab ich's selbst erprobt. Nicht wieder klettern, Hero! Nur die Vögel Verstecken sich im Laube!
Rhodope. Lesbia!
Kandaules. Durch alle Türen schreit ich hin, mich halten Nicht Schloß noch Riegel fern!
Rhodope. Wie fürchterlich.
Kandaules. Für jeden Bösen, meinst du.
Rhodope. Nein doch, nein! Für jeden Guten noch viel mehr! (Zu Lesbia.) Kannst du Noch ruhig atmen, wirst du nicht in Scham Verglühn, nun du dies weißt? Herr, wirf ihn fort, Hinunter in den tiefsten Fluß! Wem mehr Als Menschenkraft beschieden ist, der wird Als Halbgott gleich geboren! Gib ihn mir! Man sagt bei uns, daß Dinge, die die Welt Zertrümmern können, hie und da auf Erden Verborgen sind. Sie stammen aus der Zeit, Wo Gott und Mensch noch miteinander gingen Und Liebespfänder tauschten. Dieser Ring Gehört dazu! Wer weiß, an welche Hand Ihn eine Göttin steckte, welchen Bund Er einst besiegeln mußte! Graust dich nicht, Dir ihre dunkle Gabe anzueignen Und ihre Rache auf dein Haupt zu ziehn? Mich schaudert, wenn ich ihn nur seh! So gib!
Kandaules. Um einen Preis! Wenn du als Königin Beim Feste heut erscheinen willst.
Rhodope. Wie kann ich! Du holtest dir von weit entlegner Grenze Die stille Braut, und wußtest, wie sie war. Auch hat's dich einst beglückt, daß vor dem deinen Nur noch das Vaterauge auf mir ruhte, Und daß nach dir mich keiner mehr erblickt.
Kandaules. Vergib! Ich denke nur, der Edelstein, Den man nicht zeigt--
Rhodope. Lockt keine Räuber an!
Kandaules. Genug! Ich bin ja an dies Nein gewöhnt! Bläst auch der frische Wind an allen Orten Die Schleier weg: Du hältst den Deinen fest.
(Musik.)
Der Zug! Da darf der König ja nicht fehlen.
Rhodope. Und die Empörer? Heute tut's mir weh, Daß ich nicht mit dir gehen darf.
Kandaules. Hab Dank! Doch ängstige dich nicht. Es ist gesorgt.
Rhodope.
Gewiß?
Kandaules. Gewiß! Zwar nicht, weil ich mich fürchte, Nur, weil ich strafen müßte, und nicht mag. Das Leben ist zu kurz, als daß der Mensch Sich drin den Tod auch nur verdienen könnte, Darum verhinge ich ihn heut nicht gern! (Ab.)
Rhodope. Nun geht auch ihr!
Lesbia. Ich bleibe, Königin!
Rhodope. Ei nein! Dir sang's die Amme nimmer vor, Daß Mannes Angesicht der Tod für dich!
(Lesbia, Hero und die übrigen ab.)
Das Träumen kennt hier keine! Auch der Besten Ist Opfer, was mir einz'ge Freude ist! (Ab.)
Freier Platz.
Viel Volk. Der König auf einem Thron. Lesbia, Hero usw. an der Seite auf einem Balkon. Die Spiele sind eben beendigt. Allgemeine Bewegung und Sonderung in Gruppen. Ringer, Faustkämpfer, Wagenlenker usw. werden nach und nach sichtbar, alle mit Zweigen von der Silberpappel bekränzt. Wein wird gereicht, Musik ertönt, das Fest beginnt.
Volk. Heil, Gyges, Heil!
Kandaules (in den Hintergrund schauend).
Im Diskuswerfen auch? Zum drittenmal? Das sollt' ich übelnehmen! Da kommt ja gar nichts auf die Meinigen.
(Heruntersteigend und dem aus dem Hintergrunde kommenden Gyges, dem das Volk noch immer zujubelt und Platz macht, entgegenschreitend.)
Bescheiden bist du, das ist wahr! Du nimmst Nicht mehr, als da ist.
Gyges. Herr, ich kämpfte heut Als Grieche, nicht als Gyges.
Kandaules. Um so schlimmer Für uns, wenn du die neue Regel bist! Da tut's ja not, die alten Drachenhäute Hervorzusuchen und sie auszustopfen, Die, vom Herakles her, noch irgendwo Im Winkel eines Tempels faulen sollen, Den Balg der Schlange mit den hundert Köpfen Und andres mehr, was euch erschrecken kann! Du hörst mich nicht!
Gyges. Doch! doch!
Kandaules. Ei nein, ich seh's, Du bist zerstreut, du schielst zu jenen Mädchen Hinüber, sie bemerken's auch, schau hin, Die Kleine neckt die Große! Du wirst rot? Pfui, schäme dich!
Gyges. Mich dürstet, Herr!
Kandaules.
Dich dürstet? Das ist was andres! Wer so kämpft, wie du, Der hat das Recht auf einen guten Trunk, Und, wenn auch ohne Recht, ich trinke mit! Nun kommt der Teil des Festes, den ich liebe!
(Winkt einem Diener.)
Heran!
Ein Diener (bringt einen Pokal mit Wein).
Kandaules (gießt einige Tropfen auf die Erde). Die Wurzel erst! Und dann der Zweig!