Part 9
»Verschmähe meiner Bitten letzte mir nicht! Das schamdurchdrungene Mädchen wagt es zum letztenmale mit dir zu sprechen. Ich zittre -- in meinen Adern raset ein stürmendes Blut -- mir schwindelts -- in meiner Seele tobt Verzweiflung -- ein wilder Kampf -- ein wüthender Streit des verschmähten Herzens und des beleidigten Ehrgefühls -- Ha Verzweiflung -- Verzweiflung raset in mir! Jüngling habe Mitleiden mit mir Verächtlichen -- Verächtlich -- ja -- das bin ich -- das ward ich -- du edler -- mußt mich verachten. Ha Liebe -- wohin hat mich deine Wuth verschlagen -- was war ich einst -- und was bin ich durch dich -- O Salassin, wenn ein Fünkchen Mitleid in dir glimmt -- o gewähre mir die letzte Bitte -- eine kleine Bitte, zu der mich mein wahrer Wahnsinn kühn macht! Du -- den ich so tief gekränkt, beleidigt -- o vergieb, vergieb mir -- in meinem Kopfe flirren blutige Gespenster -- ich kenne mich nimmer -- Heute wenn der Mond vom bläulichten Himmel seinen blassen Glanz verstreut -- erscheine mir -- sey ruhig, ich verachte mich selbst -- ich bereite dir keine Gefahr mehr -- erscheine auf dem hochbuschichten Wall gegen die Citadelle, bei der jener Strom vorüberrauscht, an dessen Ufern ich Schamvergeßne einst im unnennbaren Seelentaumel dir meine Liebe gestand! Salassin -- nur diese einzige Bitte dem verzweifelnden Mädchen, das zu tief gefallen seine beschämten Blicke nimmer im Tageshell auf dich werfen kann! Komm, komm, meine Seele erliegt dem wüthigen Krampf -- nur ein Wörtchen noch von deinem Munde will ich hören -- nur einen mitleidigen Blick -- einen leichten Seufzer -- daß ich der Verzweiflung, die kralligt mich geißelt -- daß ich der Furie nicht erliege. Verschmähe diese kühne Bitte mir nicht.«
Wellmine
Salassin staunte. In seiner Seele mengten sich Abscheu, Mitleid, Stolz und Rührung bunt wie in den Träumen eines Kranken die Fieberbilder.
Sie ist wirklich wahnsinnig! Sie dauert mich! -- Was kann ihr das helfen -- wenn sie noch einmal mit mir spricht? Kann sie mich noch ansehen? Warum an diesem Orte? -- Was hat sie vor? Die blutigen Gespenster in ihrem Kopfe -- sie raset wirklich! -- Ich will dir die Schande ersparen mir noch einmal unter die Augen zu treten! Aber sie verzweifelt in der Verachtung ihrer selbst! -- Kann ich sie -- darf ich ihr die Bitte gewähren? -- Sie ist so niedrig, ja doch nicht! Denn sie fühlt sie fühlt tief und quälend ihre Schande -- sie schämt sich vor sich selber -- Mädchen; Du rührst mich -- ich will doch an den Ort, wohin du mich bestelltest.
Salassin irrte den ganzen Tag mit sich selber im Streit umher. Des Briefes gräßliche Worte empörten ihn bald -- bald durchdrang ihn inniges Mitleid mit der jammervollen Lage der Unglücklichen.
Der Mond streute endlich seinen blassen Todtenglanz vom trüben Himmel durch zertheilte Gewölke. Salassin erstieg den Wall, auf dem hochbuschichte Hecken grünten. Wie ein Felsenberg hoch war der Wall aus Felsen gehauen. Der Strom wälzte sich unter ihm majestätisch in schaumvollen Wirbeln über hervorragende Klippen -- Schwindln und Schauern ergriff den Jüngling, und in ihm drängte sich eine fürchterliche Ahndung auf.
Stille wars rund um ihn her -- eine tiefe grauenvolle Todtenstille -- Kröten und Eidechsen hüpften an seinen Füssen -- und in den schwarzen Löchern des Felsen pfiffen Eulen ihr schauerlich Todtenlied.
Salassin sah niemanden, und schauerte vor Ahnungen.
Endlich schimmerte aus naher Ferne eine weiße Gestalt, die die Stiege des Walls kletterte. Ihr Kleid flatterte im Wind -- die Gestalt sah Salassin und näherte sich zagend.
Wellmine wars, mit zerrauftem Haare, ein weißflornes Kleid mit schwarzen Krepinen beblümt. Der Mond erhellte das mit sich selber ringende Mädchen, und Salassin erschrak über das Gespenst. Blaß und eingeschrumpft die sonst blühenden Wangen -- hager und matt von Westhauch umzuwehn. Die Feueraugen erloschen, hohl und tief eingesunken -- ihre Kniee schlotterten -- sie sank ohnmächtig zu Salassins Füssen.
Salassin bebte und hob sie auf.
Wellmine wachte wieder auf, mit gräßlichen Zuckungen -- sie stönte -- der Thränenquell des Auges war versiegt-- ihre heischre Stimme kaum vernehmlich -- ein tief aus der tobenden Brust gestossener Seufzer -- sie konnte lange nicht sprechen. Salassin bebte, und blickte mit einer heißen Thräne des Mitleids auf die Dulderinn.
Endlich stammelte sie mit der Anstrengung ihrer letzten Summe Kraft: Jüngling vergieb -- ich büsse schwer! Vergieb mir niedrigen Kreatur.
Salassin ward erschüttert -- die Zunge tödtete seine Sprache.
Well. Vergieß mein Vergehen! Vertilge jedes Gedächtniß an mich! Vergieß was du gehört und -- gesehen hast, Fluche mir -- ich verdien es --
Sie stürzte leblos nieder -- Salassin stand ohne Fassung. Gott des Sternenhimmels, wie gräßlich rächt sich das verlezte Gefühl der Scham! -- rief er mit einem grossen Blick auf die Ohnmächtige -- drückte sie vergebens in seine Arme -- ihr qualvolles Leben zurückzupressen. Sie schlug die matten Augen auf!
Wellmine -- ich vergesse -- ich verzeihe -- ich
Well. Fluche mir!
Sal. Beim Himmel! nicht! So tief sankst du nicht -- Lebe, lebe -- ich will dich schätzen -- achten --
Well. Achten -- ich verachte mich selbst --
Sal. Nein! nein! Du fühlst dein Vergehn -- dein Herz war edel --
Well. Aber ich vergaß mich, und büße -- ich bin eine verworfne Kreatur -- überall verfolgen mich die Gespenster -- Jüngling! ich war eine Schlange -- die dich vergiften wollte -- und sich selbst vergiftete --
Sal. Ich habe vergessen -- Wellmine -- um Gotteswillen -- dein Wahnsinn ist fürchterlich -- dein Gehirn ist zerrüttet -- komm, komm hinweg von dieser Stelle! Fort! Fort! Hier wütet Todtenluft.
Well. Todtenluft? Der Odem der Ruhe -- Jüngling! Schau hinab in den Strom -- schau -- wie flimmern die Sterne -- da ist der Himmel -- dort wohnt Ruhe -- Ruhe -- hörst du wie der Strom mein Schlaflied rauscht?
Sal. Wellmine -- bei aller Seeligkeit -- du willst mich morden -- dein Wahnsinn ergreift mich mit -- Fort! fort! von diesem Abgrund -- (er will sie forttragen -- sie zieht einen Dolch und zückt ihn --)
Well. Halt! Willst du mir zu sterben verbieten? Hast du mir die Schale des Lebens nicht mit sprudelndem Jammer gefüllt? -- Soll deine Verzeihung -- deine Großmuth wie dürstende Blutigeln an meiner Seele, an meinen Bewustseyn saugen? -- Schau hinab -- da winkt mein Freund -- er nimmt mich in seinen Schoos -- und tödtet meine Nattern! (sie fällt Salassin zu Füssen) Jüngling! Noch einmal -- vergieb -- vergiß -- fluche mir nicht -- ich liebte dich -- wie kein menschliches Herz dich je liebte -- ich rang um dich verzweiflungsvoll -- ich vergaß -- (Sie springt auf) Ha fluche mir! fluche! Ich will nicht Verzeihung -- nicht Vergessen -- donnre laut allen -- allen meines Gelichters die gräßliche Rache -- die ich mir selbst nehme! Fluche mir! (Sie rennt von dem Wall in die Fluth hinab, indem sie Salassin, da er sie halten wollte, mit dem Dolch die Hand durchstieß.)
Sal. (Auf das heftigste erschüttert) Wellmine! Rasende -- Gott! Sie ist verloren! Wie ist mir -- durch mich -- durch mich --! (Er ringt die Hände, und steht in dumpfer Betäubung am Abhang! Wellmine wimmert aus dem Strom und untersinkt. Salassin rennt Bewustlos fort, und stürmt:) Rettung! Rettung! Sie ist verloren! Menschliche Hilfe ist zu schwach -- sie ist zerschmettert an den Klippen! Weh mir weh, ihr Gespenst verfolgt mich -- durch mich ist sie wahnsinnig -- ich bin ihr Mörder! --
Er lief in schrecklicher Raserey in seine Wohnung -- und stieß den Kopf an die Wand. Sein Gehirn mahlt ihm das gräßliche Bild -- die Schuld warf ihm sein heiklich Gewissen vor -- er wüthete gegen sich selber, bis er erschöpft in ein hitziges Fieber sank.
Das ganze Haus wurde wach von seinem Getöse. Vom Ruhebette sprang Fürst Tellmann, Sebalds Mutter, die Diener schwärmten herbei -- alles zitterte beim Anblick des Tobenden; der keinen sah und hörte -- halbe Worte schrie -- Alle bebten über seinen Wahnsinn -- und kaum einer wagte zu fragen, was ihm fehlte? was ihm geschehen sey?
Wellmine! -- in den Strom! sie hat sich zerschmettert! Durch mich! -- das war noch das Verständlichste, und die schnellgeruffnen Aerzte wandten lange ihre Mühe vergebens an.
Nach einem fürchterlichen Schlummer, den die erschöpfte Natur erzwang; ward er endlich ruhiger, so, daß er mit einigen Zusammenhang die fürchterliche Begebenheit erzählen konnte.
Jeder, der es hörte, weinte der Verzweifelten Mitleid -- und bangte um Salassin -- der sich unaufhörlich die Schuld beimaß, keine Gegenvorstellung hörte -- und sich als ihren Mörder in die Jammerburg setzen lassen wollen.
Lange fruchtlos waren Aller vernünftige Gegengründe. -- Man schrieb Sebalden den Vorfall -- er reiste schnell aus den Armen der zärtlich ihn liebenden Jilla ab -- und traf den unglücklichen Freund vom Fieber ergriffen im Bette.
Ihm gelang es eher Salassin zu heilen von seiner wilden Narrheit -- der Kranke erholte sich wieder -- die trefflichen Wirkungen der Arzneien, der Aerzte Bemühungen und Sebalds Seelentinkturen machten den Unglücklichen bald genesen.
Zwar konnte der mächtige Eindruck nicht so ganz aus seiner Seele gelöscht werden -- oft sprach er noch davon -- aber Sebald wußte den Wurm zu fassen, und wenn er ihn doch nicht ganz vernichtete, so zerstörte er ihn wenigstens und machte ihn unschädlich.
Fünfzehntes Kapitel.
Begebenheiten.
Sebald hatte von seinem Schicksale dem Freunde nur äußerst wenig erzählen können; denn taub für alles war er; und die Angst, wenn Lolly und das Mädchen eins wäre nährten seine Schwermuth noch mehr; in der er verloren dem frohen Sebald Stunden lang zuhörte, ohne von dem Erzählten ein Wörtchen zu fassen.
An einem Festtage erhob sich der Monarch aus seinem Pallast, und wandelte mit den Aermsten, Elendesten, Dürftigsten leutselig, freundlich und gütig. Seinem Beispiele folgten die Edelsten, und in wenigen Minuten schien kein Dürftiger, kein Armer und Elender in der Stadt mehr zu seyn.
Salassin und Sebald waren lange schon unter dem bunten Gewimmel von glücklichen Menschen.
Du wirst heute Lolly sehen! -- sprach Sebald! Hurtig unsre Baarschaften her -- die Armen sind zahlreich! -- Und du -- soll ich das Mädchen nicht auch erblicken? entgegnete Salassin, ehe sie giengen. Meine Unruhe steigt mit jeder Minute! Komm -- ich brenne vor Ungeduld --
Warum? -- fragte Sebald etwas unverständlich -- Warum? -- Doch komm! Wir theilen uns itzo vermög den Gebräuchen! -- Sebald -- (rief er ehe sie noch völlig auseinander waren) -- Sebald! Wenn Lolly und das Mädchen eine Person sind -- dann (er lief eilends fort, und blickte immer nach Sebalden zurück, der verwundernd da stand) So ist er noch nicht aus dem Irrthum? Hat er euch nicht verstanden? Hab ich ihm nicht zehnmal erzählt, daß das Mädchen Jilla heisse, daß sie und ihr Vater von Lolly gar nichts wisse? Wenn ich ihn doch nur auf einem geheimen Orte sähe!
Er sprachs und schloß sich an den ersten besten an. Salassin verlor sich auf der andern Seite unter dem Wirwar der Versammelten. Er verließ einen 2 -- 3 -- 4ten Gefährten und schliech in eine abgelegene Gartenlaube -- still und dunkel -- sich von dem Gewirre der Menschenmenge zu erholen; er setzte sich auf die Rasenbank, sann und dachte an Lolly, hatte nicht Ruh und Rast und wandelte herum in den verworrensten Plätzen des großen Parkes.
Er kam grade in die kühle Schatten der Kastanien und lehnte sich mit verschlungnen Armen mit dem Rücken an einen Stamm.
Heute darf niemand traurig seyn! klang eine Stimme wie Silberklang auf den sinnenden Salassin zu -- ein niedlicher schneeweißer Arm faßte ihn. Salassin sah auf -- erblickte -- Lolly und sank der nicht minderüberraschten Geliebten in die Arme -- an das Jubelschlagende Herz.
Endlich -- endlich hab ich dich gefunden! -- sprach Salassin und umschlang sie inniger. -- Wie bange war mir um dich! Wie quälte mich Hoffnung und Furcht! Fast verzweifelte ich, Lolly, dich lange lang ersehnte mehr zu sehen!
Lolly blickte im stummen Entzücken dem Freudeberauschten ins schmachtende Auge -- --! Unsre Wonne ist um so höher!
Sal. Jawohl! Jawohl! Die Ueberraschung im Wiedersehn lohnt mir meine Leiden unendlich -- Lolly! -- noch hast du nie von mit gehört, was meine Seele so oft dir zugestehen strebte. Ich liebe dich -- einzig unsäglich lieb ich dich!
Lolly. (schmiegte sich zärtlich mit einem feurigen Kusse antwortend an Salassin.)
Sal. Seit ich dich gesehen -- lebt dein Bild in mir, im Wachen und Schlafen -- seit ich an deiner Seite am Euphon dich gehört, klingt deine Stimme um mich wie Harmonikaklang -- seit ich mein Herz gefühlt habe -- lieb ich dich!
Lolly antwortete wieder mit einer feurigen Umarmung: sie vermochte kaum zu stammeln: Auch ich so! auch ich!
Sal. Vergieb -- vergieb meinem Dringen -- ich glaubte dein Herz empfinde dies Bangen und Verlangen, dies frohe Schauern und Zittern, das in meinem wühlet, es empfinde auch für mich -- all die seligen Bilder von dir -- all die süssen Worte, die ich von dir gehört -- so mancher Schwarm lieblicher Gedanken flirrte in meinem Kopfe -- ich sog daraus Honig, daß auch du, auch du für mich fühltest -- Mädchen -- nur ein Wort -- eine Silbe nur sprich, und belebe mich -- bestättige meinen süssen Wahn -- gieb Zuversicht der Hoffnung -- sprich: daß du mich liebst --
Lolly. (an seiner Brust) Ich liebe dich!
Sal. (in der Betäubung des Entzückens) O so bin ich unaussprechlich selig!
Sie ließen sich im stummen Jubel der lange schon verketteten Herzen auf einen Rasensitz nieder, und kosten im süssen Liebesverein. Viel von vergangenen Stunden, von frohen und bangen Gefühlen, von süssen Hofnungen, von der Heimat und unzähligen andern wurde geschwäzt -- die Stunden drängten sich angenehm und schneller dahin, als sich Gedanken und Küsse drängen.
Mein Vater kam also nicht in die Stadt! das thut mir leid! -- begann Salassin wieder -- Und dein Vater?
Ist unter dem Volke: wir werden ihn bald sehen. Ja doch -- daß ich nicht vergesse -- dein Vater erzählte mir von den Pilgern, die ihr einst auf der Reise in euren Wagen aufnahmt so vieles -- den Jüngling laß er väterlich grüssen -- sagt er mir.
Salassin dachte an Sebald, und ward unruhig, weil ihm dabei das Mädchen einfiel: er fragte hastig:
Lolly -- warst du in der Stadt?
O ja! Mit meinem Vater!
Salassin erblaßte -- doch besann er sich bald -- denn daß Lolly in der Stadt war? mußte sie und Jilla eine Person sein? --
Warst du nicht neulich im Lager der Armee, und fuhrst in einer Luftgondel davon?
Jaja!
Ich habe dich gesehen?
Warst du auch im Lager? Und ich wußte es nicht?
Verwünscht! du warst da und ich wußte ebenfalls nichts davon? Aber ich sah dich, indem das Schiffchen in die Luft stieg: ich winkte dir Grüsse mit dem Hute nach -- gleich erkannt ich dich -- aber du -- mich nicht!
Was? Der sollst du gewesen seyn, der mit dem Hute mir nachwinkte? Ey -- von tausenden hätte ich dich erkannt? Du warst es nicht!
So that ein anderer das auch, was ich that? Gewiß, gewiß, das war Sebald!
Ich kannte ihn nicht!
Welche Farbe hatte dein Kleid?
So so? tref ich euch Leutchen da an! Erscholl unvermuthet eine Stimme, die Beide aus dem Gespräche riß. Lollys Vater war es. Salassin bewillkommte ihn herzlich.
Ja ja! -- hob Bengler an -- der Magnet zieht Eisen an, und das Eisen hängt sich an den Magnet. Schaut, schaut -- wie kamt ihr zusammen.
Sal. Durch Ungefähr -- ich wich dem Haufen, und gieng da herum, und Lolly erschien mir.
Lolly. Ich war müde von dem langen Herumwandeln -- da lagerten wir uns denn in den kühlen Schatten auszuruhn.
Beng. Ja wohl euch Beiden mag wohl ziemlich heiß seyn -- ihr glüht ja wie ein Kirchendach.
Die Beiden blickten sich an, und sahen auf die Bäume. Bengler lachte über ihre Verlegenheit.
Beng. Ich wohne im Gasthof zur silbernen Narrheit, Salassin, und bleibe noch einen Tag in der Residenzstadt: Dort kannst du uns morgen finden. Heute mögt ihr euch noch unter die Tänzer mengen. Doch -- vergeßt die Landessitte nicht länger! Geschwind kommt -- und wandelt wieder mit den Armen oder andern Unbekannten!
Salassin und Lolly drückten sich ungestüm die Hände, als sie unterm Volke wieder waren, und jedes schied von ihnen: Lolly rechts, Bengler lings, Salassin -- Lollyn nach, und Lolly Salassin in der Nähe. Doch verloren sie sich bald, und der beglückte Träumer gieng mit unbeschreiblich süssen Wallungen des Innern herum, jeder, dessen Arm er faßte, mußte heiter und froh mit ihm werden.
Unvermuthet stieß er auf Sebalden.
Pst! Auf einige Worte nur, Salassin! -- rief jener ihm zu, und drängte sich durch einen Haufen Menschen.
Sebald! Sebald! O ich bin glücklich -- entgegnete Salassin -- Lolly ist da -- ich habe sie gesehen, mit ihr geredet -- sie liebt mich -- Hast du dein Mädchen schon getroffen?
Seb. Leider nein! Ich war in ihres Vaters Hause -- das war leer von Menschen, gekommen sind sie aber schon, das weiß ich. Wo ich sie nur fände!
Sal. (Dem sogleich seine Grille wieder einfiel. Ja ja! Freylich kann sie nicht da seyn -- denn Lolly war an meiner Seite -- auf 2 Orten kann sie doch nicht seyn?)
Seb. Worauf sinnst du da?
Sal. Hm! -- Gehe doch -- wir müssen wieder auseinander.
Seb. Ich wandle Abends im Garten --
Sal. Gut!
Seb. Dort trifst du mich. Auf Wiedersehen!
Sal. Auf Wiedersehen!
Sie trennten sich wieder. In Salassins Herzen keimte eine Grille um die andere: von seinem Entzücken abgespannt ward er schnell in einen Tiefsinnigen verwandelt.
Sebald -- sah sie noch nicht? O freilich -- wie kann das seyn? Lolly war bei mir -- o nun ists doch gewiß -- Sebald liebt Lolly, die mit jenem Mädchen eins und dasselbe ist -- Sebald -- gewinne dir ihre Liebe -- ich mag in deinem Glücke dir kein Störer seyn! Du sollst sie lieben -- sie dich -- herzlich will ich eures beneidenswerthen Glücks mich freun, aber Augenzeuge kann und darf ich nicht bleiben.
Sebald traf seine langgesuchte Jilla endlich in dem Garten an, wo Lolly auf Salassin stieß.
Wie taumelten die Beiden entzückt auf einander zu! Wie umrankten sich fest ihre Arme! Die Farbe der Wonne mahlte ihre Gesichter -- ihre Blicke flammten Liebe und Zärtlichkeit -- sie traten jubeltrunken in eine stille Hollunderlaube, gepflanzt zum Kosen für Liebende.
Lange sprachen sie da von -- wer erräth das nicht? Zwei Liebende in einer stillen geheimen Hollunderlaube -- die sich langersehnt wiedersahen, wovon können sie sprechen, als von dem was -- sie sprachen.
Eben sassen sie im süssesten Geschwätze, als Salassin der Laube zu durch labyrintische Gänge wandelte. An dem Pläzchen, wo er Lolly sah, stand er still, und flüsterte zu sich selber.
Hier überraschte sie mich! An dem Baum gelehnt dacht ich an sie -- mein Herz schlug in ungestümmen Regungen! Und als ich sie in meine Arme schloß -- als sie so innig an mich sich preßte -- mich mit dem Vergißmeinnichtsauge so schmachtend ansah -- hier -- als ich meine Liebe ihr gestand -- als sie mir erwiederte! Ich liebe dich! -- O meine Seele -- was rang da in dir! Wie ungestimm war da mein Entzücken -- aber ach zerstiebt ists wie eine Seifenblase -- dies Entzücken -- ich kann sie nicht, ich darf sie nicht lieben! -- Er sprachs und gieng auf die Laube zu, wo Jilla und Sebald Arm in Arm sassen.
Salassin war am Eingang der Laube: Die Arme verschlungen, den Kopf sinnig auf den Boden gesenkt stand er da, warf einen flüchtigen Blick auf die Beiden darinn, erkannte Sebalden und Jilla, die Lollyn wie eine Rose der andern gliech, hielt er natürlich für Lollyn selber: er erblaßte und lief im bewustlosen Zustande fort durch Hecken und Alleen, fort aus dem Garten, durch Gassen und Plätze, als jagt ihn ein wüthiger Hund.
O nun ists gewiß -- gewiß -- mein Herz soll verstummen! Lolly saß an Sebalds Seite -- sie sassen Arm in Arm, Lipp an Lippe -- erschracken bei meinem Erscheinen -- Freund -- du sollst glücklich seyn -- und mir, wenn ich falle, meinem Andenken eine Thräne opfern. Aber Lolly -- Arm in Arm? Lipp an Lippe? Himmel! zeugt das nicht von näherer Bekanntschaft? Lolly -- der vor einigen Stunden an mir hieng? mir ihr seliges: Ich liebe dich! gestand? Ha das war Heucheley -- Mienenspiel gegen mich -- und doch -- warum das gegen mich? doch nein, nein Lolly kann nicht treulos seyn -- aber Sebald liebt sie -- fort! fort! von hinnen -- sie sollen glücklich seyn!
Ein unbeschreiblich Empfindungsgemisch kochte in ihm. Er sah und hörte nichts -- die zerschmetterte Wellmine stand hohlaugigt bleich und zerschlagen plötzlich vor seiner Seele -- er ward tobender. Mehrere der Wandler hatten ihn beim Arm gefaßt, keiner erpreßte ihm eine Silbe ab: er irrte herum überall und immer, ihn trieb es als sollt er fort aus dieser Welt, plötzlich stand er am Residenzplatze still, und eine Statue fiel ihm ins Auge. Es war das Ehrendenkmal eines tapfern Kriegers. Die Kanonen und Schwerdten von des Bildhauers Meisterhand gebildet erinnerten ihn an Schlacht und Tod. Salassin vergaß einen Augenblick den Sturm, der ihn durchwitterte, und las die goldne Inschrift:
Dem Andenken des Kriegers Edlen von Felsthal gefallen in der Schlacht --
Felsthal -- rief Salassin, und erinnerte sich der Erzählung aus des Dorfbewohners Munde nach dem Nachtlager in dem Walde. Die Urnen des schaurigen Gartens standen vor ihm -- er dachte an Felsthal den Sohn, der dem Vater gleich im Schlachtgewühl Tod und Ruhe für sein Herz fand, und durch Salassin fuhr wie ein Blitz durch den Sturm der Gedanke: »Fort! Fort! in den Krieg -- dort harrt auch meiner Ruhe.
Sechszehntes Kapitel.
Der neue Krieger.
Germaniens Feinde drangen mit Allgewalt in die nördlichen Provinzen, und des deutschen Kaisers Heere rückten bereits entgegen. Morgen mit der aufsteigenden Sonne sollte auch das Heer des Lagers bei jener Stadt aufbrechen, wo Sebald und Salassin unlängst waren, und die Erscheinungen der Mädchen hatten.
Der Kaiser hatte vom Feste zurück in die Residenz sich begeben, Salassin, flog in den Audienzsaal wo er bald vorgelassen ward.
Der Kaiser kam ihm freundlich entgegen, und grüßte den verstört sich verbeugenden Jüngling.
Vergönne mir Vater des Landes -- begann Salassin etwas verwirrt, weil er sich nicht einmal auf das vorbereitet hatte, was er sprechen wollte -- des Monarchen milder Anblick machte ihn, der ihn oft sah und wohl kannte, etwas gefaßter --
Sal. Vergönne dem Jüngling, dem deutsches Blut in den Adern glüht, der für sein Vaterland zu leben und sterben gelobte -- vergönn ihm eine Bitte erhabener Kaiser!
Der Kaiser. Rede!
Sal. Die Normänner wie ich vernommen, verwüsten den obern Theil deines Reichs -- laß o laß, mich unter deinen Kriegern gegen die Feinde ziehen, ich brenne vor Eifer dem Vaterland zu dienen.
Der Kaiser. Jüngling, ist deine Bitte kalter Ueberlegung Frucht, oder der flüchtige Wunsch einer ehrgeizigen Seele?
Sal. (verwirrt) Mein erlauchter Kaiser -- ich --
Der Kaiser. Getrauest du dich nicht auf andern Wegen deine Kraft dem Lande zu verwenden? Reizt dich nicht blos der lockende Ruhm, der im Schlachtgewühle so leicht zu verdienen scheint? Wisse, nicht jedem lächelt das Glück und läßt den Lorbeer ihn pflücken -- Mancher dir ähnliche Jüngling feurig, entschlossen, der diese Bahn wandelte, fiel unberühmt.
Sal. Er fiel für das Vaterland -- die Seinen beweinen ihn -- Ruhmes genug. Aber, erlaube mein Vater! Nicht der lockende Ruhm, nicht des Ehrgeizes quälender Durst, treibt mich deine Majestät anzuflehn um die Gewährung meiner Bitte -- das Wohl der Mitmenschen ist der Sporn, der mich spornt, auch meinen Arm gegen die Störer unsers Friedens zu erheben. Ich will helfen zu siegen, von meinem Bewustseyn, recht gehandelt zu haben belohnt, oder fallen, unberühmt und vergessen.
Der Kaiser. Jüngling -- ist dein Entschluß fest, unerschütterlich?
Sal. Ein Fels.
Der Kaiser. Jüngling -- noch einmal -- ich gönne dir Ueberlegung! Laß dich von Raschheit und feurigem Muthe nicht zu einem Schritt reissen, den du einst bereuen dürftest -- überlege -- der Pfade dem Vaterland ruhmvoll zu dienen sind noch unzählige.
Sal. Dieser für itzo der wichtigste.