Part 8
Das tolle Thier war nimmer zu bändigen: des Reuters einziges Bemühen war sich im Sattel zu halten. Aber o wehe! Da setzt er über einen Graben, es stürzt hinein. Sebald liegt unter dem Pferde, es wälzt sich auf ihn -- o wehe! um Sebald ist es geschehen!
Die Leute, die hie und da standen, liefen eilends erschrocken herbei und halfen dem Halblebenden. Von dem Schlosse sahen eben einige Menschen aus den Fenstern den Vorfall, und über Hals und Kopf flog alles zu dem Unglücklichen her! Der Herr des Schlosses ließ Sebalden, der ohne Bewustseyn lag, sogleich in seine Wohnung tragen. Der Pfarrer der Arzt zugleich ist, war schon da -- alles beschäftigte sich um den Blut- und Schlammvollen gestürzten Reuter, der bald gar nicht, bald nur matt und schwach athmete -- die Augen aufgeschwollen, die Nase blutig und den linken Fuß gebrochen hatte. Nach langen Versuchen allen Lebenselixire gelang es den Bemühenden, ihn zur Sprache und zur Besinnung zu bringen? Er stammelte schwach und leise, und röchelte oft: Wo bin ich? Wie ist mir? Wer --
Pst! sprach der Pfarrer, und gebot ihm zu schweigen, damit er durch das Reden, so ihn anstrengte, nicht gar erschöpft werde. Er sank in einen konvulsivischen langen Schlummer, immer von wachenden Menschen umgeben, die ihn bedauerten und sorgfältig bedienten.
Ein Mädchen guckte zur Thüre hinein, und fragte leise den Nächststehenden: Schlummerte er? Ist er stark krank? Er stirbt doch etwa nicht?
Pst! er schlummert -- war die leise Antwort, und das Mädchen schlich auf den Zehen an Sebalden, sah ihn voll inniger Theilnahme an, und schien durch ihr Bangen, ihre Furcht, er könne sterben, durch die frohe Hoffnung, wenn er bald genäse, durch alles dies, so in ihrem Innern kochte, und so das Gesichtchen deutlich ausdrückte, schien sie etwas mehr als ein gewöhnliches Mitleiden zu verrathen.
Sie hatte unverwandten Auges den armen Schlummrer angesehn -- hätte ihm gerne das noch immer quellende Blut gestillt, gerne die Schmerzen gelindert, die ihn oft aus dem Schlafe aufzuschreien zwangen, wenn die geschäftigen andern sie nicht überflüssig gemacht hätten. Sie sah ihn noch einmal an -- noch einmal voll Wehmuth -- und schlich mit einem zärtlichem Blicke, den eine Thräne begleitete, aus dem Gemache, grade hin in das ihres Vaters.
O Vater er ists! er ists doch!
Wer?
Der Jüngling aus der Stadt, der dich wunden damals nach dem Schrecken mit dem zersprungnem Pulvergebäude auf seinem Rücken nach Hause getragen!
O weh, der gute Mann! Ist er stark hergenommen? Ach ja! sagte mir der Arzt. Wenn er nur heute ausdauert, so wird er morgen schon nimmer sterben -- Der arme, arme Jüngling!
Sie sollen recht sorgfältig seyn! -- die ganze Nacht bei ihm wachen! -- Mein Himmel! wer hätte mir das gesagt; ich würde einmal bei meinem Bruder ihn, der mich so brav einst behandelte, in dieser Lage sehen! -- Nur recht sorgfältig sollen sie seyn -- nichts sparen -- alles -- alles versuchen und anwenden!
Ach das sagt ich schon -- ich will selbst bei ihm wachen? sagte das Mädchen und schlich wieder in Sebalds Gemach.
Allmächtiger! athmete Sebald freier, schlief milder, fuhr seltner im Schmerze aus dem Schlaf -- das Mädchen kam nicht von seiner Seite. --
Tiefe Mitternacht herrschte in dem Garten, der durch die Fenster des Zimmers wo Sebald lag im Mondenschein flimmerte. Die müden Diener schliefen alle, nur Jilla -- wer kennt sie nun wohl nicht? Nur sie saß unaufhörlich beschäftigt bei ihm.
Hier wohnte der Bruder des Edlen von Wackerbach, der vor einigen Wochen daher kam, wo Jilla seine Tochter schon war, als Salassin und Sebald damals nach dem Vorfall mit dem verwischten Bildniß sie in der Stadt in ihres Vaters Hause aufsuchten und erfuhren, das Mädchen, so sie durchaus sehen wollten, sey bereits bei seinem Bruder auf dem Landgute, wohin er selbst auch reisen und dann wieder in die Stadt kommen wolle.
Sebald! Welche Freude wartet deiner! Wie angenehm wirst du aufwachen, wenn deine aufgeschlagenen Augen die Schöne an deinem Ruhelager so beschäftigt, so bang und ängstlich um dich bekümmert erblicken werden? Das Mädchen, um das du so lange mit stiller Herzenspein dich harmtest, das deine Seele so sehr erfüllte, daß du gestern vom rechten Wege abrittst, da du im Andenken an sie verloren den Gaul dahin traben liessest, wohin er wollte. Wie wird dich Schwachen die Wonne stärken, wenn dein erster Blick sie sieht, sie, die du gestern im Lager ersehen und entfliehn gesehen hast -- die überall und immer dein süssester Gedanke, und der Sporn dir Verdienste zu sammeln, war.
Und Jilla -- wie selig wirst du nicht den Erhohlten aufwachen sehen! Wie wird dich sein erstauntes Gesicht, und das frohe Lächeln, wenn er dich anschaun wird, nicht entzücken! Wie wird dein Bangen um ihn nicht in die schönste Freude verwandelt werden! O gesteh es dir nur, zärtliches Mädchen, dein Herz schlägt lange für ihn -- gesteh es dir nur daß nicht Mitleid bei Unglück deine Wangen blässet, deines Beiseins Sturm erhebet, sondern ein schöneres edleres Gefühl. -- Du glaubst ihm durch deine Sorgfalt die Schuld zu bezahlen, weil er einst deinen Vater auf dem Rücken nach Hause trug; o das ist schon recht -- aber sey nur dir selbst auch so aufrichtig zu gestehn, nicht das allein, auch eine andere Empfindung erhält dich an seiner Seite wach -- gesteh dir nur, daß du ihn lange schon -- still und innig liebtest.
Der Morgen warf seinen ersten schwachen Lichtstrahl in das Zimmer -- wo Sebald noch immer schlummerte, und Jilla wachte. Jilla die immer ruhiger und freier Athem schöpfte, wenn der Kranke ruhiger schlief, die immer angstvoller zitterte, und in quälender Furcht und Hoffnung schauerte, wenn der Kranke vom neuen Schmerz überwältigt, schwerer athmete, sichtlich mehr litt.
Endlich, endlich erhellt das Gemach der reifere Morgen! Endlich erwacht Sebald und forscht mit scheuen Blicken in dem stillen Zimmer.
Jilla saß auf einer Ottomanne, die Natur hatte ihre Rechte nicht vergeben -- die müde Wärterinn war eingeschlummert, den Kopf auf die schöne Hand gelehnt. Sebald erblickte sie -- aber er erkannte sie nicht wegen des bedeckten Gesichtes. Er fühlte sich gestärkt -- dankbar fleht er zum Himmel für seine Rettung, und seine Seele ward gerührt über den Anblick der müden Schläferinn.
Er dachte an gestern, soviel und deutlich als ein Kranker in dieser Lage denken kann. Wo wird Salassin seyn? dachte er, das Traumbild des gestrigen Tages im Lager flirrte lieblich in seinen Träumereien. Ach! nun seh ich gewiß keins sobald wieder! --! --!
Eben trat der edle besorgte Pfarrer herein, und freute sich herzlich, den Patienten mit offnen Augen und besser zu finden.
Wie steht es mein Lieber? -- sprach er mit leiser Stimme -- Mir ist wohl! -- antwortete Sebald.
Sprich nicht zu laut -- Lieber! es könnte dir schaden -- deine Brust hat stark gelitten! -- Du hast doch etwas milde geschlafen; und fühlst dich gestärkt?
Sebald nickte freundlich.
Deine Schmerzen werden bald geschwunden seyn. Den gebrochnen Fuß hab ich gestern schon in Faschen gelegt -- du wirst bald wieder gehen -- die Brust soll auch nicht viel gelitten haben -- das bedacht ich schon. Hier bring ich dir wieder ein Stärkungsmittel unsers Jahrhunderts -- du wirst genesen, daß du nie von dem Unfall einige Spuren fühlen sollst. Ich habe das Remedium heute Nacht elaborirt.
Sebald nahm ein. Der Arzt gewahrte Jilla. Sieh doch welche treffliche Wärterinn du hast? Nun wirst du schon gar nolens volens genesen müssen!
Wer ist das edle Mädchen!
Die Tochter des Bruders von unserm Gutsherrn -- Sie sind aus der Stadt schon einige Wochen da.
Aus der Stadt? -- Ich komme auch von da --
Wer bist du? Laß mich deinen Namen wissen?
Ich heiße Sebald Kaiserbild.
Was? Der vor 3 Tagen seinen Festtag erst hielt?
Ja!
Edler Mann! Ich schätze mich glücklich, wenn meine Mühe dir zum fernern Leben half -- ich habe einem edlen Staatsbürger geholfen.
Wie ist dir mein Name --
Durch Zeitungen. Unser Dorf feierte gleich den 2ten Tag auch dein Fest, wie dies zur Aufmunterung und Nacheifrung aller Jünglinge im ganzen Vaterlande geschieht. Wer hätte da denken sollen, wir würden den edelsten Mann sobald in unseren Auen sehen, und ach! in dieser Lage -- O wenn das meine Dorfkinder erführen -- Du würdest auf den Händen im Dorfe herumgetragen.
Ich bitte -- schweige von mir.
Das muß ich auch, wenn sie dir nicht alle auf den Hals mit ihren Glückwünschen kommen sollen, wodurch deine Genesung verspätet werden könnte, weil du Ruhe noch brauchst. -- Nun halte dich gut -- ich habe noch einen Gang itzt zu einem andern Kranken -- bin aber eh der Thau im Sonnenstrahl schmilzt, wieder da.
Er sprach es und gieng. Die Thüre fiel unvermuthet ein bischen geräuschvoll zu, und Jilla fuhr aus dem Schlummer, sprang an des Kranken Ruhelager, um zu sehen, ob er etwas bedürfe.
Sebald erblickte sie, und erschrak vor Freude, daß es ihm bei dem angestrengten Ausruf: Das Mädchen! durch alle Wunden bohrte.
Jilla sah ihn munter, und fragte zärtlich lächelnd: Ist dir wohl, lieber Mann! Leidest du noch immer große Schmerzen? Ach erhohle dich nur bald und erkranke nicht mehr -- Sebalds Herz klopfte schneller, Erstaunen und Freude belebten ihn -- er fand lang kein Wörtchen zu sprechen, endlich sprach er: Wie kömmst du hieher? und eine leichte Röthe übergoß die blassen Wangen.
Jilla. Je ich bin ja mit meinem Vater schon lange lange da -- o gut daß dich der Himmel zu uns bringen ließ -- ich will deiner recht warten -- ich habe dich gleich erkannt und wäre lieber gestorben, eh ich nicht jede Minute hätte sehen sollen ob du besser wirst. --
Seb. Ich danke dir von Herzen -- gute Seele. Wie lange sah ich dich schon nicht!
Jilla. So? Hast du zuweilen doch an mich gedacht? das freuet mich herzlich -- ich bin so froh, daß du da bist -- nun mußt du auch recht lange bleiben. In 3 Wochen wirst du noch kaum fortkönnen. --
Seb. Der Arzt sagte in 3 Tagen -- dann muß ich wieder in die Stadt.
Jilla etwas bestürzt, wünschte fast, der Kranke möchte nur lieber noch 3 Wochen lang nicht genesen, nur daß sie um ihn seyn könnte.
Ach -- der Arzt macht dir nur Hoffnung!
Seb. Und du willst sie mir nehmen?
Jilla. (besinnt sich) Ach nein! -- du sollst nur länger da bleiben.
Seb. (sehr heiter) So -- siehst du mich wohl gern? --
Jilla. (rasch) Und da frägst du noch? Ich -- bin dir -- ja -- Dank schuldig -- mein Vater damals --
Seb. (lächelt, in seiner Seele lebt Hoffnung) O schweige doch -- deßwegen nur?
Jilla. (verschämt) O ich -- bin dir ja schon sonst auch gut --
Seb. (zärtlich) So?
Jilla. (erschrikt über das, was sie da sagte, und kehrt um) Man muß ja dankbar seyn.
Seb. Auf Dank darf _ich_ doch nicht rechnen?
Jilla. Warum denn nicht?
Seb. Warum denn?
Jilla. Weist du -- wie mein Vater in der Stadt -- --
Seb. O laß das -- Jeder hätte es gethan --
Jilla. Aber nicht jeder so schön -- ich habe schon gesehen damals, wie du durch meinen Jammer gerührt -- bald auch geweint hättest -- das hätte ein Anderer nicht -- du hast ein empfindsames Herz. Und wie mein Vater rief: Jilla geschwind nach einem Arzt! Da liefst du schneller als ich -- o das weiß ich alles recht gut!
Seb. Ach! erinnere mich nicht daran --
Jilla. (theilnehmend) Hebt sich wieder dein Schmerz? du Armer! Wie das mich selbst auch schmerzet!
Seb. Du reichst mir ja lindernde Mittel!
Jilla. O sprich nur, sprich! Wie denn? Welche?
Seb. Unschuld! durch -- deine Theilnahme!
Jilla. So? freut dich das? Ach -- wenn du wüßtest -- (sie sieht ihn verschämt an)
Seb. Nun?
Jilla. (schüttelt ihr Köpfchen und schaut lächelnd auf das Fenster) Ja -- das -- sag ich nicht --
Seb. Wenn es kein Geheimniß ist -- das dir Jemand --
Jilla. Ach -- Niemand -- ich --
Seb. O so zage nicht -- --
Jilla. Ja -- das soll ich nicht sagen.
Seb. (stellt sich als fieng sein Schmerz zu toben an) O wehe lindere --
Jilla. (bestürzt) Wie denn? Wo ist das Medicinfläschgen?
Seb. (lächelnd) Du hast es ja -- die Linderung --
Jilla. Ach ja -- nun -- ich -- bin dir herzlich gut! -- (Sie springt aus dem Zimmer, blickt noch einmal durch die Thüre nach ihm, und schließt sie.)
Sebalds Wunden waren wie durch Zauberei geheilt. Wenigstens ließ ihn das Entzücken seiner Seele die Leiden seines wunden Körpers, nicht im mindesten empfinden.
Sie liebt mich! Das unschuldige schöne Mädchen liebt mich wieder! O ich bin entschädigt für meine Leiden! Himmlisch entschädigt!
So dachte er und stieß den schmerzhaften Fuß im Vergessen der Wunde an die Bettstelle, so daß er mit einem Schrei aus seinem Jubel durch den erregten Wundenschmerz auffuhr.
Der Pfarrer kam wieder, mit ihm der Herr des Schlosses und sein Bruder. Sie bedauerten den Unfall, und wünschten ihm nahe Herstellung.
Das unermüdete Bestreben des Arztes, die freundliche Bewirthung der Familie und -- Jillas vorzügliche Geschicklichkeit -- o welcher Halbtodte ersteht da nicht und wird binnen wenigen Tagen so gesund und stark als hätte ihn nie ein Fingerchen geschmerzt.
In wenig Tagen verließ er das Lager, und gieng im freiern Garten herum. Anfangs natürlich hinkte er so ein bischen; aber die geschäftige zärtliche Aerztin Jilla brachte es durch ihre Kunst soweit, daß Sebald nie begriff, der Unfall sey ein Unfall gewesen.
O -- rief er -- ich hatte ein Unglück, ein neidenswerthes Unglück! -- und blickte liebevoll auf die süsse Jilla an seinem Arm.
Er hatte in einem Brief an seinen Oheim, den Fürst Tellmann die ganze Sache geschrieben.
»Ich bin vollkommen hergestellt, und gesünder als sonst -- schrieb er darinn -- bald komm ich mit meinem edlen Wirthen wieder in die Stadt, in die Arme meines verehrten Oheims.
Wir lassen inzwischen Sebalden und Jilla immer nicht und mehr sich erklären, lassen sie wandeln im blüthigen Garten im Morgenglanz und Abendthau; lassen sie kosen in stillen unbelaubten Schasminlauben; und kehren zu dem betrübten Salassin.
Wo bleibt der? -- denken wohl einige ihm geneigte Leserinnen!
Das will ich kurz erzählen, erlauben sie mir erst ein wenig Erhohlung. Ein Gläschen ächten -- sprudelnd wie des 23. Jahrhunderts edler Rebensaft -- soll mich zur Erzählung begeistern.
Dreizehntes. Kapitel.
Eine Nachricht aus der Heimat.
Als Sebald aus dem Lager ritt, irrte Salassin in stiller Schwärmerey, aufgeregt durch Lollys Traumbild, das ihm kaum erschienen mit der Luftgondel wieder entflog, um die Reihe der Zelte immer denkend und lebend am und im Traumbilde.
Ist sie es denn doch gewesen, oder nicht? -- fragt er sich selbst. Sebald sah -- Verwünscht! wenn er auch Lolly gesehen hätte! Ach! -- so ist es vielleicht -- er hielt sie für das Mädchen! -- Aber er sagte ja -- jene wäre grün -- oder roth gekleidet gewesen; da Lolly blau sich trug? Grün oder roth? Was sind das für zwei verschiedene Farben! Und ein Mahler sah die Farben nicht bestimmt? Hm! wenn sie auch ein blaues Kleid gehabt -- wenn er mirs meiner Unruhe wegen verschwiegen hätte? -- Sehr möglich! Ach so haben wir beide nur eine gesehen -- Lolly ist das Mädchen und das Mädchen Lolly -- o wehe! -- einer ist verloren! Bei Gott -- da will ich der Verlorne seyn -- denn auf den stillen Kummer meines Freundes mein Glückgebäude bauen? -- Bei Gott nicht -- ich will verloren seyn!
So stritt der Edle mit sich, und gieng spät nach der verabredeten Stunde in die Stadt, sattelte sein Roß im Gasthof, wo sie eingekehrt waren, und weil er den Freund nimmer traf, meinte er: Er ist ohne Zweifel vorausgeritten, ich muß ihn einhohlen.
Salassin sprengte nach der Stadt, aber Sebald einzuhohlen gelang ihm natürlich nicht, weil dieser einen andern Weg ritt.
Die Stadtthore waren bereits versperrt, und Salassin mußte sichs gefallen lassen in einem Gasthofe vor den Thoren zu übernachten.
»Sebald ist ohne Zweifel zu Hause schon, und wird um mich bangen -- da ich heute nicht nachkomme. Doch -- er weiß ja -- ich bin kein Lämmchen so das erstemal in eine fremde Flur kommt« --
So beruhigte er sich, und gieng in dem Garten des Gasthofes im Mondenschein mit verschlungenen Armen herum.
Hehehe! -- lachte eine laute Stimme, indem ein Mann Salassin bei dem Arm griff -- Herr Salassin! Du kennst mich wohl gar nimmer.
Je -- Georg -- bist du es? Wie kommst du daher? -- sprach Salassin freudig, als er den Diener seines Vaters erkannte. Bist du etwa nimmer bei meinem Vater?
Georg. Hat sich wohl! Er schickte mich eben mit einem Briefchen und vollgefüllten Beutel an euch ab.
Sal. Ey sey mir willkommen! Ich habe eben beides nöthig. Ich hin aus der Stadt gesperrt!
Georg. Kam auch zu spät -- dachte, mach ich morgen dem lieben Herrn eine rechte Freude. -- Ja, also -- nun muß ich meinen Auftrag ausrichten. Der Vater und die Mutter und der Pfarrer und unser ganzes Dorf grüßt dich vom Herzen, und es soll dir nur recht gut gehen! Georg richte dich -- sagte der Vater vor 4 Tagen -- du gehst mit einem Brief zu Salassin! -- Nur her damit -- sagt ich -- ich will flink wie ein Hirsch seyn! Da hast du den Brief, sagt er, und ich lasse ihn grüssen, und er soll mir Freude und Ehre machen! Und die Mutter zupfte mich so auf die Seite, und da gieb ihm das Geld! sagte sie, daß der Vater nichts hörte.
Sal. (freudig und voll Ungeduld) Die guten -- guten Eltern! Geschwind wo hast du den Brief.
Georg. (zog ihn aus der Brieftasche) Und dann gab er mir auch den Befehl -- ich solle mich bei dem edlen Bengler aufhalten --
Sal. (voll brennender Begier) Nun? und was --
Georg. Dort hatten sie eine Freude! Der Vater und die Mutter sind allen Wochen einigemal da, und diese wieder bei uns. Wie ich erzählte ich gehe zu dir in die Stadt -- Wind und Blitz! -- da hättet ihr die schöne Tochter des Benglers sehen sollen -- wie sie aufsprang -- und fragte -- gar nicht auf meine Antworten hörte -- und immer nur recht viel des Schönen und Herzlichen und was weiß ich alles an euch auszurichten mir gab. Du mußt sie ja kennen?
Sal. (voll Jubel) O recht gut -- recht gut! Erzähle -- erzähle!
Georg. Da versprach sie mir ein silbernes Ringelchen, wenn ich ihr eine gute Nachricht von dir zurückbrächte -- und schenkte mit allerlei -- und da hatte sie eine so herzliche Freude -- ich glaube -- sie hat -- dich recht lieb -- so lieb -- wie ich einmal meine Marie lieb hatte, als ich sie lieb hatte! hehehe:
Sal. O goldner Georg! Du bringst mir zuviel angenehmes! Den Brief will ich gleich lesen! -- Sag mit doch -- sind alle gesund? vergnügt? Ist das Mädchen noch immer -- was wollt ich denn nur sagen? -- ja -- sie hat also nach mir gefragt? läßt mich grüssen? --
Georg. Ja ja! Und du sollst bald einmal wieder -- ich weiß nicht wie das Ding heißt -- das so hübsch klingt und singt -- es hat so viele Saiten -- und man klappt mit den Fingern darauf -- ja -- du sollst auf der Orgel bald wieder spielen --
Sal. Ach -- sie meint das Euphon -- o ich möchte alle Tage dahin!
Georg. So -- gefällts dir nicht mehr in der Stadt?
Sal. O ja -- doch wünscht ich einmal wieder meine Heimat --
Georg. Aha! und das schöne Töchterchen zu sehen! Verstanden! Ja! -- daß ich nicht vergesse -- In einigen Tagen kutschirt mein Vater und ich in einem Luftschiff ins Lager -- nach -- nach ihrer Rechnung -- müßte sie heut dort gewesen seyn!
(Salassins Freude sinkt plötzlich durch diese Nachricht) Ich habe sie gesehen! Aber grade stiegen sie in die Luft und -- sie erkannte mich gar nicht -- -- O nun ists gewiß -- Lolly und Sebalds Mädchen ist eins! -- (sprach er harmvoll für sich --) Komm, komm lieber Georg! -- Die Mitternacht ist nahe -- du hast Ruhe nöthig -- ich will den Brief lesen!
Sie giengen -- Salassin fragte noch tausendmal nach mancherlei von Lolly -- und ward immer unruhiger, froher, wieder verstimmter. Er las den Brief.
_Mein Sohn_!
»Du hältest dich wohl, und ich habe meine Freude daran. Wir sind gesund, Gesellschaften erheitern uns, und wenn meine väterliche Sorge für dich schläft bin ich ruhig. Lolly, Benglers Tochter, liebt dich innig -- sie soll einst deine Gattin werden. Wir freuen uns alle deß herzlich. Aber nicht eher, bis du edel ihr unter die Augen treten kannst. Ich hoffe Liebe und Ehre wird dich anspornen, den Preis ruhmvoll zu erringen. Bald kömmt Bengler mit Lolly nach der Hauptstadt. Deine Mutter und ich werden es noch überlegen. Ich habe der Geschäfte zu viel noch. -- Grüsse meinen Tellmann -- und Sebalds Mutter -- Sebalden würd ich gerne meinen Sohn nennen, wenn Tellmann hier nicht höhere Rechte besässe. Bleibt Freunde und mein Stolz«
Dein Vater Welly von Wallingau.
Salassin jubelte -- aber doch war sein Jubel zu sehr gemischt mit bittern Empfindungen.
Lolly kömmt in die Stadt! Da muß sich die Sache aufklären! Aber -- ach -- sprach er mit einem tiefen Seufzer -- Wenn Sebald sie als das Mädchen denkt? Und bin ich auch der Geliebte -- soll ihn ein Opfer des Harms sehen? ihn Zeuge meines Glückes meiner Seligkeit seyn lassen -- ihn so unnembar quälen?
Salassin wachte die ganze Nacht voll Unruh, und eilte in seine Wohnung sobald die Stadtthore geöffnet waren.
Er erschrak, als er Sebalden nicht fand! Er gieng zu dem Fürsten von Tellmann.
Tell. Seid ihr einmal da -- ihr Ritter! Nun wie sieht es im Lager aus? Der Kaiser kam erst morgen dahin!
Sal. Ist Sebald noch nicht gekommen?
Tell. So? Ward ihr nicht miteinander?
Sal. Ich habe die bestimmte Stunde der Abreise versäumt -- und glaubte, Sebald sey vorausgeritten; denn wir hatten uns im Lager getrennt -- ich begreife nicht wo er geblieben -- als ich um mein Pferd gieng -- war seins schon nimmer neben dem meinen?
Tell. Warum nahmt ihr euch nicht ein paar Diener mit? Ja -- da mußten die Herrn allein fort. Hm! Er wird bald nachkommen! Salassin -- heut ist ein wichtiges Geschäft, du gehst mit mir in die Residenz! Salassin erzählte dem Fürsten so manches, und von seines Vaters Briefe.
Sie giengen an ihr Geschäfte. Einige Tage verstrichen, und Sebald war noch nicht da. Die Mutter bangte.
Sebalden mags da gut gefallen wo er ist! -- sagte Tellmann ohne Sorge.
Nach einigen Tagen erschien endlich Sebalds Brief. Alle wurden bestürzt -- aber auch bald wieder getröstet, da sie die Versicherung hatten: Sebald sey hergestellt!
Ich will dahin -- sagte Salassin.
Nein! -- antwortete Tellmann. Er befindet sich ja recht wohl -- in der besten Gesellschaft -- wie er schreibt -- und sollt ihr denn Beide mich verlassen? Salassin -- du bleibst zu meinem Troste da -- den Gefallen --
Mit Freuden! -- sprach Salassin.
Vierzehntes Kapitel.
Die Verzweiflung.
Die Tage flogen allmählig dahin, wie die Gedanken des Menschen, immer höher und höher stieg Salassins Hoffnung und Furcht.
Er saß eben einsam und traurig in seinem Zimmer, und klagte dem vertraulichen Euphon des wühlenden Herzens Qualen. Ein Diener bracht ihm einen Brief; die Schrift war ihm nicht ganz unbekannt, doch sagt ihm sein Gedächtniß nicht so ganz deutlich, wo er sie einmal gesehen! Er erbrach ihn -- »Vielleicht ließ ihn Sebald, wenn er wieder kränker ward, durch eine zweite Hand schreiben!« -- Er las.
_Salassin_!