Part 7
Endlich endete der labyrintische Schlag, und 12 Eichen umrundeten einen Platz voll hohen Grases in der Form eines Ringes. Eben so viele Cypressen bildeten wieder in der Mitte des Platzes einen kleineren Zirkel, wo 2 Grabhügel mit blühendem wilden Tymian und Dyanthen sich erhoben, an jedem derselben stand eine kohlenschwarze Marmorsäule weiß geädert, auf deren jeder ein welker Blumenkranz hieng.
Die beiden Freunde schauerte es, die feierliche Stille, die der Wind nur manchmal störte, wenn er die Aeste knarrend an einander blies, und in dem Laube stöhnte oder wenn ein Aestchen oder Blatt herabrauschte -- die beiden Grabhügel, die düstre Melankolie in dem ganzen Platze, das schwarze Monument -- alles das wirkte auf die Fremdlinge so neu und mächtig, daß sie stumm und den Odem anhaltend diese erfurchtsvolle Stelle durchschweiften.
An der einen Säule stand die weiße Inschrift:
Gottlieb Edler von Felsthal im 26ten Frühling seines Alters im Jahre 2300.
An der andern Seite das Bild einer jungen Eiche, die vom Blitz zerschmettert wird; mit den Worten: »Kein Blitz zersplittert nun die Eiche mehr.«
Die andre Säule der vorigen an der 4 eckigen Form und an Größe gleich trug das Bildniß einer Rose vom Strauche fallend, mit dem Motto:
Schöner konnte sie nicht blühen, aber länger!
An der andern Seite: Ernestine Losenau im 18ten Frühling ihres Alters im Jahr 2298.
An dem Fusse der beiden Gräber ein 3ter Hügel mit einer runden weißen Säule, hier das Bild eines abgewelkten Baumes mit dem Spruche; Dort grünest du ewig! und auf der andern Seite: Karl Edler von Felsthal im 79 Herbste seines Lebens, im Jahre 2295.
Neben diesem ein noch frisches leeres Grab -- Gewiß für eine noch lebende bestimmt. Oben an den Hügeln hob sich ein brauner Fels hie und da mit Moos und jungem Grase bewachsen empor, an dem eine stark vergoldete Metallplatte angekettet war, mit der Allegorie wie durch die Wolken des Leidens, hie und da durchs zerrissenes Gewölk ein Sonnenstrahl der Freude bricht, und mit der Inschrift:
Einem liebenden Paar einst getrennt, nun immer vermählet, Und dem Gatten, ist dies Denkmal der Trauer gesezt. Schlummert im Schoose der Ruh, ihr langebeweinten Geliebten; Bis ein schönerer Tag ewig uns alle vereint.
Leudalie v. Felsthal.
Schweigend blickten Salassin und Sebald bald sich, bald die Monumente an, und verließen es endlich, da die Dämmerung des Abends sich immer mehr und mehr in Nacht verlor. Sie irrten noch lange umher, überall die ernste feierliche Einsamkeit, schaurig und doch nicht unangenehm, alles gemacht, die Seele einer bessern Welt vorzubereiten.
Endlich erblickten sie das romantische Haus, und traten leise an die halbgeöffnete Thüre. Eine weibliche Gestalt saß am Euphon und sank in den Klang der Saiten ein Klagelied. Sie war verlohren in ihre Wehmuth, und bemerkte die Fremdlinge nicht, die hinter ihr an der Thüre stille standen, und dem Gesange zuhörten. Sie sang ein Lied von Mathisson.
Wann ich einst das Ziel errungen habe, In den Lichtgefilden jener Welt: Heil der Thräne dann auf meinem Grabe Die auf hingestreute Rosen fällt.
Sehnsuchtsvoll mit hoher Ahndungswonne Ruhig wie der mondbeglänzte Hain Lächelnd wie beim Niedergang der Sonne Harre ich, göttliche Vollendung dein!
Eil' o eile mich emporzuflügeln Wo sich unter mir die Wellen drehn Wo im Lebensquell sich Palmen spiegeln, Wo die Liebenden sich wiedersehn.
Sklavenketten sind der Erde Leiden Oefters ach! zerreißt sie nur der Tod Blumenkränze gleichen ihren Freuden Die ein Westhauch zu entblättern droht.
Sie sang so rührend und klagend -- die Beiden lauschten und -- fühlten -- fühlten diese süsse Wehmuth, diese verlangende Sehnsucht -- und eine Thräne glänzte in ihrem Auge: Die Seele schien in jenen Lichtgefilden zu schweben. -- Die Dame stüzte den Kopf auf die Hand, und trocknete einige Thränen: stand auf und erschrak über den Anblick der Fremden, die sich voll Rührung ihr näherten.
Vergieb, daß wir dich gestört haben. Bange Dulderinn, wir sind Verirrte, und wissen die Strasse nicht zu finden die nach der Stadt führt.
Fremdlinge seyd mir Einsamen willkommen -- sagte die Dame -- Es ist spät Abends und vor 4 Stunden trefft ihr aus dem Walde nicht auf die Strasse. Wenn es euch gefällig ist -- das Nachtlager hier zu halten -- in einem Zimmerchen findet ihr Ruhe --
Die Dame verschwand in ein Nebenstübchen, und ein alter Wann wies ihnen das Zimmerchen.
Wie haben unsre Pferde vor der Mauer an einen Baum gezäumt. Könnten sie nicht bequemer hier im Garten irgendwo stehen?
Der Alte nickte; Gleich!
Die Beiden giengen mit ihm, und führten die Rosse durch ein Thor, das er ihnen zeigte: sie banden sie bei dem Hause an eine hohe dickstämmige Buche an, der Alte brachte Gras und Wasser, und den Fremden blieb nichts übrig als nach einem kleinen Mahle von Obstfrüchten sich müde in das einsame Zimmerchen zur Ruhe zu legen.
Zehntes Kapitel.
Wohlthun bekäme bald übel.
Der Morgen vergoldete den romantischen Garten: der alte Mann wünschte guten Tag! und brachte Früchte zum Morgenmahle --
Könnten wir mit der Dame nicht sprechen -- guter Mann, sagte Salassin -- Sebald sah durch das Fensterchen in den Garten.
Ohne ihr wehe zu thun -- nicht! War die Antwort. Rede mit mir, was du zu sagen hast: ich höre und rede für sie.
Wer ist die Dame?
Sonst hast du nichts zu fragen? Dann geh ich --
Nicht doch -- für das Nachtlager, für die freundliche Bewirthung wollten wir uns bedanken!
Für nichts -- dankt man nicht!
Ist das nichts, uns bewirthet zu haben? Uns, die sie nicht kannte? Wir wünschten doch das edle Weib zu kennen.
Wird euch wenig frommen. Sie ist eine Dame, der Gatte und Kinder gestorben sind, die nun ihr Leben in stiller Trauer verweint -- und ich bin ihr alter Diener -- hier ist die ganze Geschichte -- nun kommt! ich will euch aus dem Walde führen. Die Pferde hab ich schon gesattelt.
Weile noch ein bischen! Ich --
Habe nicht Zeit -- mein Taggeschäfte bleibt ohnehin zurück, da ich vor 2 Stunden nicht wieder komme, wenn ich die Strasse euch deuten soll.
Das thut uns leid -- wenn du durch uns versäumst. Wer waren denn die beiden Liebenden, denen das Denkmal dort im Garten gesezt ist.
Habt ihrs gesehen?
Ja!
So werdet ihrs auch gelesen haben? Weiter kann ich nichts sagen.
Vergebens war Beider Müh, etwas mehr von dem Gesehenen, das sie so neugierig machte -- zu erfahren; aber der Alte wich allen Fragen aus, und sie mußten endlich ohne die Dame noch einmal gesehen zu haben, die Reise wieder antreten! Sie blickten noch einmal auf den Garten, und giengen vor ihren Pferden her.
Setze dich auf mein Pferd -- sprach Sebald. Deine Füsse tragen dich kaum, und du sollst so weit uns führen?
Meine Füsse tragen mich schon.
Du bist alt -- nein -- wir reiten lieber auf gut Glück herum, eh wir dich, guten Mann nebenher keuchen lassen.
So will ich mich aufsetzen.
Sie halfen ihm auf den Gaul, und wanderten langsam durch dunklere und lichtere Strecken des Waldes, von den hohen Wipfeln tropfte der Thau, der im Sonnenstrahl schmolz, unten war noch tiefe Nacht.
Du bist gewiß schon lange bei der Dame?
Ja!
Wie lange denn so ungefähr?
Bis heute.
Erzähl uns doch was --
Ich weiß nichts!
Das eine Grab schließt vermuthlich den Vater, das andere den Sohn ein?
Ich denke.
Das offne ist ohne Zweifel der Dame bestimmt, wenn sie einmal sterben wird.
So scheint mir.
Das eine worinn ein Mädchen ruht, das einen von der Familie verschiedenen Namen hat -- wer war denn die?
Ein Mädchen.
So viel konnt ich mir schon sagen. Wie kömmt sie in diese Reihe?
Weiß es nicht.
Vielleicht eine Blutsverwandte?
Mag seyn --
Und gestorbne Geliebte des gleichfalls todten Sohns?
Ja!
Eine gewöhnliche Geschichte mags wohl nicht seyn, die sich mit diesen Beiden zutrug; die Inschriften und Bilder an den Marmorsäulen lassen so etwas seltneres vermuthen.
So?
Edler von Felsthal? Ich glaub, er war ein Feldherr, und zog gegen --
Reh und Hirsche.
Sein Sohn liebte ein Mädchen, das der Vater aus gewissen frommen Gründen -- ich glaube das Mädchen war katholisch, und der Felsthal protestantisch -- und der Sohn wollte sich heimlich mit dem Mädchen trauen lassen?
Von Rabinern.
Das Mädchen härmte sich, weil sie den Sohn so einzig und innig liebte, und ihn nie den ihren nennen sollte -- ward sie nicht wahnsinnig und nahm sich das Leben im Was--
Ja, in der Buttermilch.
Ach quäle mich doch nicht Alter! Erzähl uns doch --
Ihr wißt ja schon alles.
Ich glaube so einmal etwas gehört zu haben von dieser Geschichte --
Das hör ich.
Ist der Sohn nicht darauf auch gestorben? Nein ich glaube er hat sich --
Zu todt gewimmert.
Nicht doch, auf ihrem Grab ist er --
Vor lauter Lieb erfroren.
Ach, diese Todesart findet man in Romanen des 18ten Jahrhunderts. Itzt ist Mode sich --
Lebendig zu begraben; oder --
Weist du das von deiner Dame her?
Sich todt zu fragen.
Hm -- meinte Sebald -- Salassin! Da erfahren wir nichts.
Sie erreichten endlich die Strasse. Naß vom feuchten Waldmoos waren die modischen Stiefelchen: Rock und Hut trieften vom herabrieselnden Thau.
Dahin geht die Strasse nach der Stadt -- dorthin, von der Stadt. Lebt wohl, sprach der Alte, stieg vom Pferde und trat den Rückweg an.
Dank, lieber Mann! -- sagten die Beiden, und drückten ihm ein Goldstück in die Hand.
Wozu das? -- Ich habe Kräuter und Früchte -- bin nicht in der Welt --
Nims zum Andenken.
Hört -- wenn ihr so gut seyn wollt -- sprach vertraulicher der Mann, und lächelte zum erstenmale ein bischen -- Wenn ihr da in das Dorf kommt -- wird euch ein grünangestrichenes Häuschen entgegen schimmern. Da geht hinein, und gebt es dem, den ihr antreffen werdet, und sagt -- aber von Wort zu Wort: Das schickt euch Thoms der Murrkopf aus dem Walde.«
Der Alte sprachs, drehte sich um, und lief fort bis er ihnen aus den Augen war.
Ein sonderbarer Mann! dachten beide, schüttelten den Kopf, und zauberten sich das Gesehene zurück.
Sie kamen in das Dorf: klopften an die Thüre des grünen Häuschens: Ein Mann hager, blaß, ein Skelet von einem Menschen, streckte den Kopf zur Thüre hinaus.
Salassin gab ihm einige Geldstücke, und sagte: Thoms der Murrkopf im Walde schickt euch das!
Der Mann verdrehte grimmig das Gesicht, und klapperte mit den Zähnen, biß in die Lippen und brüllte wild grinsend. Wollt ihr mich foppen, ihr Gauner! schrie er, ergriff einen Stab, und schlug nach den erstaunten Reutern, die nicht schnell genug auf dem Gaule fortgallopiren, und dem rasenden Mann, den sie für närrisch hielten, entfliehen konnten. --
Er lief bellend wie ein Hund, und geifernd wie Rezensenten durch das ganze Dorf ihnen nach, bis er über einen Stein stolperte, und auf der Erde liegen blieb, wo er vor Grimm in den Stein biß.
Einige von den Dorfleuten sahen dem Spektakel zu, und riefen: Hans Narr ist von der Kette los!
Dacht ichs ja gleich, der Mann sey närrisch! -- sprach Salassin, und die Beiden hielten still.
Ach Herr -- sprach ein grauer Mann -- du hast ihm gewiß ein Allmosen von dem Murrkopf Thoms im Walde gebracht?
Ja! und drum ist der Mann so wüthig?
O da schlägt er im Zorne den todt, der ihms bringt!
Warum? Was bedeutet das? Will er vom Thoms nichts annehmen?
Beileibe nicht! Thoms? ist ein grundbraver Mann, und lebt viele Jahre mit der Alten Frau im Walde. Der Mann, der euch so geifernd nachlief, ist sein Bruder, der Thomsen einmal um Haus und Hof betrog, Thomsens Weib und Kinder vergiftete, und --
Warum hat man ihn denn nicht in die Jammerburg gesezt?
Der ist ganz und gar nicht närrisch --
Aber Weib und Kinder vergiften ist ja ein unerhörtes Verbrechen in unserm Lande?
Das konnte man nicht beweisen: er lud sie einmal zum Essen, da mischte er untern Salat giftige Kräuter, und weil er selbst mit davon aß, sagte das sterbende Weib selbst, Hanns habe es mit Vorsatz nicht gethan; aber ich sah wohl ein, daß er auf seine Seite die guten -- jenseits aber die giftigen Kräuter theilte -- und es war um Haus und Hof zu thun.
Der Mann ist kein Deutscher?
Er ist ein entlaufener Fremdling, der sich da ansetzte; anfangs sich durch Fleis und Eifer hübsch bereicherte; aber sein Geiz konnte dem redlichen Thoms nichts vergönnen. Thomsen jagt er betteln, der arme Tropf kam endlich zu der Frau im Walde, und schickt dem teuflischen Bruder alles, was er sich verdient und abspart. Sein Bruder, den das Gewissen wie der Satan geiselt, wird denn immer ganz toll, wenn er vom Thomsen etwas annehmen soll.
Das ist eine garstige Rache vom Thoms.
Ey behüte Gott! Er thuts mit dem besten Willen. Seit vielen Jahren war er bei seinem Bruder hier im Dorfe nicht: er mußte einmal erfahren, daß dieser nun elend und krank sey, daher schickt er ihm, was er schicken kann. Er sagte immer: Auch dem, der mich unglücklich gemacht hat, muß ich Gutes thun!
Das ist ein edler Mann!
Ein braver Mann! rief Sebald und Salassin, und bedauerten, daß er nur so einsilbig geantwortet habe.
Aber guter Mann, kannst du mir nicht sagen, wer die Frau in dem Walde ist?
Ihr Mann war ein reicher Kriegsmann -- reich -- o je reich, der hatte der Dukaten so viele als Steine in unserm Dorfe sind. Er wurde im Krieg erschossen, die Frau lebt nun in der Einsamkeit und weint sich zu todt.
Hatte sie nicht auch einmal einen Sohn?
Ja! Der ist auch im Krieg ums Leben gekommen. Er hat ein Schätzgen, ein liebes gar schönes Kind, und brav war sie -- brav und gut, sanft wie ein Lamm, sie that allen Leuten Gutes; ich kannte sie recht gut, denn sie ist aus unserer Nachbarschaft eines vermöglichen Predigers Tochter gewesen. Der Sohn des alten Kriegsmannes hatte sie denn so außerordentlich lieb -- und sie ihn auch -- so lieb und werth wie ich meinen kleinen Philip, mein Enkelchen lieb und werth habe. Er wollte sie ehlichen; sein Vater sagte, du bist ein Bube, hast noch kein Verdienst, sieh dich erst in der Welt um, und wollte ihn erschiessen wofern er das Mädchen noch einmal sähe. Darauf kam der Krieg mit den Normännern aus -- ach Herr ist es denn wahr, daß die Sprudelköpfe schon wieder anfangen und unser gute Vater Kaiser seine Soldaten zum Kriege mustert?
Seyd getröst lieben Leute, es ist so gefährlich noch nicht -- Nun da kam also der Krieg aus -- wie war es weiter!
Nun ja -- da kam also der Krieg mit den Normännern aus, der Sohn zog in der Rasch mit in die Schlacht, und wollte lieber sterben als ohne seiner Herzallerliebsten Leben. Ach! er fand ihn nur gar zu bald, den bittern Tod. Der Vater wurde erschossen, und der Sohn zusammengehauen, denn er war gar zu muthig, und der erste der voraus ritt. Die Nachricht kam denn in die Ohren des Liebchens, die sich kränkete und keine Lebensfreude mehr hatte. Sie wurde krank und starb bald darauf. Wir haben alle herzlich geweint -- es wäre ein so gutes Paar Leutchen gewesen -- die alte Frau im Walde hat nun ihnen ein Grabmal gebaut. Ich komme alle Jahre einmal dahin, und bete für die Seligen. Da ist alles so traurig in der Einsamkeit, und die schwarzen Grabsäulen machen einem das Herz so wehmüthig -- seyd ihr auch da gewesen? Herren?
Ja! lieber Mann! Und gab eben der alte Thomas an seinen Bruder etwas mit, der uns denn so weidlich erschreckte. Habt ihr viele Armen im Dorfe?
Nein! Gott sey Dank wenige --
Da nehmt das Geld und theilt es unter sie!
Gotteslohn braver Herr! Sie werden bethen für euch und den alten Thoms!
Leb wohl, lieber Alter! Dank für deine Erzählung!
Hier hast du ein klein Andenken (Er warf ihm ein Geldstück in die Hand)
Ach ich danke -- bin gottlob nicht arm. Ich wills den Armen beilegen.
Fort sprengten sie wieder im raschen Gallopp die gepflasterte Strasse.
Sollen wir noch ins Lager oder reuten wir zurück in die Stadt -- fragte Sebald Salassin.
Ach --! Wir fragten nicht einmal wohin wir da kommen. Doch, da geht ein Mädchen, das können wir fragen.
Mädchen führt hier die Strasse zur Stadt?
Zu welcher denn Herrn?
Die beiden sahen sich erstaunt an. Sind wir denn so weit von der Hauptstadt, daß ein paar Duzend andere noch dazwischen lägen?
In die Stadt, wo der Kaiser ist!
Ja -- sprach das Mädchen -- da habt ihr noch gute 4 Meilen, und müsset euch zurückwenden; denn grade vorwärts kömmt ihr auch in eine, dort wohnt aber der Kaiservater nicht -- dort sind nur Soldaten -- o je Soldaten -- ihr konntet in 8 Tagen sie nicht alle zählen, sie haben dort ihr Lager.
Ist weit dahin?
Eine Stunde nur.
Und grade vorwärts!
Jaja! über den Berg oben werden euch die Häuser und Thürme schon entgegenblitzen.
Eilftes Kapitel.
Die Erscheinungen im Lager.
Sie kamen zu der kleinern Stadt. In einer unendlichen Ebene waren die Zelte des Lagers geordnet, wie eine kleine weiße Hügelsaat. Die blanken Flinten blizten im Sonnenglanze, und die zerstreuten Soldaten wimmelten wie ein Bienenschwarm. Eine unzählige Volksmenge von einheimischen Bürgern und fremden Menschen, die der Neugierde halber in das Lager gereiset waren, drängte sich in allen Gassen auf allen Plätzen der Stadt, und im ganzen Lager.
Die Luft war mit Gondeln die theils herabsanken, theils hinaufstiegen, und mit ihren bunten Segeln flatterten, angefüllt.
In der Mitte des Lagers ist ein viereckigter Platz für eben diese Gondeln, herum sind die Zelte der lustigen Marketender wimmelnd von fröhlichen Gästen.
Salassin und Sebald besorgten ihre Pferde, und verloren sich im Gemische des Haufens.
Eben kam Sebald an eine Ecke des Gondelvollen Lagerquadrats. An einem Luftschiffe wurden die Seegeln gespannt, und zum Aufsteigen bereitet. Ein Mann und Mädchen stieg eben hinein, er blickte flüchtig dahin, welch ein süsses Schauern durchfuhr ihn! Er erkannte das Mädchen und hätte auf des Kaisers Ehre geschworen es sey das und kein anderes, so ihm einst da jammernd entgegensprang als er den verwundeten Alten auf dem Rücken trug.
Er rief einige Grüsse den Aufsteigenden zu, die alle unbeantwortet blieben.
»Sie ists, beim Himmel! sie ists! Sie kennt mich nimmer! Sie blickte herab, als ich sie grüßte, und dankte mir nicht einmal! Ich bin verloren -- sie kennt mich nimmer.
So gieng er voll Unmuth mit einem gekränkten Herzen, nachdem er lange unverwandten Blickes der Gondel nachgesehn hatte, traurig und mit sich im Streite, ob sie es vielleicht doch nicht gewesen seyn könne, oder ihn nicht erkannt habe, das Lager auf und ab.
Eilends flog nach langem Suchen Salassin voll Hast und Staub, und ohne Athem fast, auf Sebalden zu. Ich habe sie gesehen! O ich habe sie gesehen!
Wen? -- fragte der aufmerksame Freund.
Lolly hab ich gesehen. Sie fuhr eben in einer Gondel davon. Ihren Gefährten sah ich nicht recht, denn er war bereits eingestiegen; aber es war ihr Vater. Lolly blickte hinab, ich erkannte sie: winkte ihr, grüßte sie: aber ach! sie mußte mich nicht kennen -- sie dankte mir nicht! -- Lolly -- sie dankte mir nicht!
Seb. (hastig) An welchem Ecke sahst du sie?
Sal. An dem Ersten, aus dem man in das Stadtthor kömmt. Sie wars -- mit Leib und Seele -- ihre Kleidung zwar hatte sie nicht -- die sie trug als ich mit meinem Vater in ihrem Schlosse war; aber Mädchen haben der Kleider so viele als Launen.
Seb. Was soll das heissen? Wisse -- ich sah das Mädchen auch; aber in dem letzten der 4 Ecke -- sie fuhr eben mit einem alten Mann davon: es muß ihr Vater gewesen seyn; auch ich konnt ihn nicht sehen, auch mir nickte sie keinen Dank auf meinen Gruß!
Sal. Wie sollen wir uns das erklären? Das schöne Mädchen sahst du, so du abzeichnetest?
Seb. Ja, ja! Mit Leib und Seele!
Sal. Wart einmal! Mir fällt ein -- (Himmel, wenn Lolly es wäre, die er gesehen! Ach Gott -- dann wäre mein Unglück gereift!)
Seb. Nun -- (Wenn er das Mädchen sah -- o gewiß Lolly und dieses ist einst -- Er liebt sie -- meine Seele hängt auch an ihr -- mein Elend ist unendlich groß!)
Sal. Wie -- miethen wir uns eine Gondel und fahren nach!
Seb. Aber wohin?
Sal. Ja -- auf Lollys Landgut!
Seb. Es ist zu weit. Wir kommen zu spät zurück!
Sal. Ist dir nicht bekannt, wo sich der Edle aufhält bei seinem Bruder, ich meine des Mädchens Vater --
Seb. Ja wenn ich das wüßte.
Sal. -- -- Mir fällt ein -- Was trug das Mädchen für ein Kleid? Nicht ein lichtblaues mit rosenrothen Streifen?
Seb. (bebt und stottert) O wehe! Lolly und das Mädchen ist eins -- (Sie hatte ein lichtblaues mit rothen Streifen!) (Weh mir!) (Er faßt sich und sagt laut zu Salassin) Ja das hab ich in der Eile nicht bemerkt -- ich -- dächte eher -- ein grünes oder rothes --
Sal. (etwas freudiger) O so waren es 2 verschiedene Schönen! Aber -- sie dankte mir nicht einmal -- sie grüßte mich nicht wieder! -- Erkennen hätte sie mich doch sollen!
Seb. (in stummer Angst für sich hin) Jaja! Freund! 2 verschiedene Mädchen! -- Ich gönne dir deine Freude, und will sie dir nicht entreissen! Ha -- mein Herz muß still schweigen -- Salassin hat ältere Rechte -- er ist mein Freund -- mein Retter -- (laut) Ein blaues Kleid trug sie?
Sal. Ja, Sebald, ja! Ich sah es sogleich; denn mir fiels in die Augen, weil ich Lollyn in keinem andern als einem weißen gesehen habe. -- Aber was fehlt dir? Du blickst zur Erde? Du willst sprechen? und verstumst -- Sebald?! --
Seb. Wenn ich sie doch nicht gesehen hätte!
Sal. Warum? Du erregst mir Unruh! --
Seb. (lacht laut auf) Aber ob wir nicht Thoren sind! Da machen uns 2 Mädchen bange! Wer weiß wer sie waren! Sie kannten ja uns nicht; denn sie wären doch so artig gewesen, und hätten uns wiedergegrüßt! Geh doch -- furchtsame Augen sehen immer Gespenster, und verliebte den Mond fürs Liebchen an!
Sal. Mein Auge trügt sich nicht leicht -- und du -- ein Mahler?
Seb. Der manchmal zuviel sieht! -- Komm wir kehren zurück.
Sal. Ich komme nach! Und willst du meiner nicht warten, so reute voraus -- in die Stadt zurück -- natürlich!
Seb. Komm bald nach.
Wenn die innigsten Freunde sich auch die kleinste Falte des Herzens nicht verdecken; so giebt es doch zuweilen welche, die sie nicht gerne sich aufwickeln, besonders im Punkt der Liebe. Oft sieht man sich selbst nicht gerne in das liebende Herzchen, und in diesem Falle einen andern, wenn er auch meinem Ich noch so sehr verwebt ist, drein gucken zu lassen? Das ist dem Menschen nur zu sehr unerträglich.
Beiden war es lieb, allein mit sich selber so ein Gesprächsel führen zu können -- und jener irrte noch lange im Lager herum, vergaß der Stadt, und, daß Sebald wenn er nicht bald folge, fortreuten würde: dieser dachte wieder nicht, daß Salassin noch im Lager schwärme, sattelte sein Roß, und ließ sich von ihm tragen, wohin es nur immer gehen wollte.
Der gute Gaul, der sein eigner Herr itzt war, trappte andern nach, die vor ihm hertrabten, und in einer Stunde war Sebald in einer ganz fremden Gegend; zwar war er auf der Chaussée, aber diese war es nicht die nach der Hauptstadt führte -- soviel gewahrte er plötzlich, ohne eben vielweniger zu schwärmen als vorher.
Zwölftes Kapitel.
Unfall und Zufall.
Er trieb den Gaul fort. -- Ich werde ja doch ein Dorf wo noch erreichen?
Das Roß flog und in einer kleinen Weile waren sie in einem Thale, aus dem ein Schloß schimmerte.
»Gewonnen! -- rief Sebald beim Erblicken desselben --
»Mir däucht ich sah schon einmal dies Gebäude!«
Lieber Ritter! Du bekriegst dich wohl garstig! Die Schlösser dieses Jahrhunderts so symetrisch und meisterhaft sie gebaut sind, sind manchmal das Werk eines und desselben Baumeisters; daher kamen sich die Produkte oft so ähnlich, daß man das eine Schloß in Norden für das hielt, so man in Süden sah.
Auf der Weide eine viertel Stunde weit vom Schlosse grasten Pferde. Sebalds Hengst wieherte vor Herzensfreude. In einem Satz gallopirte er unter sie; und Sebald hatte Mühe sich auf ihm zu erhalten. Alle Kraft strengt er an, ihn abzulenken; aber es war umsonst, der Hengst bäumte sich und schlug aus -- Endlich trieb Sebald ihm die Sporne so in die Haut, daß der Hengst ganz toll wurde, von der Strasse ab über Stein und Stock, Hügel und Gräben dem Dorfe zu nachrannte.