Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Part 6

Chapter 63,719 wordsPublic domain

Daß auf der Trift Im Felsenklüft Im Thalgedüft Die Ruhe säuselnd walle, Nur Quällenklang Und Bachgesang Zu meinem Drang Mir stürmend im Innern halle.

Im Wiesenborn Tönt Dumpf verworrn Das Stundenhorn Des jungen Tages Keime: Vom Sternenfeld Sank Ruh, sie hält Des Dörfchens Welt In Armen und bildet Träume.

Zur Ruhe schleicht Die Wangen feucht Auch sie vielleicht Mit bangen Herzens Spannen. Und kann allein Im Mondenschein Der Träumerein Erregendes Bild nicht bannen.

Und sinnt und denkt Den Blick gesenkt Und scheucht gekränkt Den Schlaf vom Augenliede Dann glänze licht Als Traumgesicht Wie Rosenlicht Der Sinnerinn, Seelenfriede.

Und Vollmond, du Blick Trost und Ruh Der Bangen zu, Und lächl ihr sanft im Harme. Und Lüftchen dich Umschlinge ich, Du flügelst mich In ihre mir offnen Arme.

Eben klang die letzte Strophe, das geschäftige Echo nach -- Salassin verstummte in stiller Wehmuth, und Schwärmerei, und blickte starr auf den Spiegel des vorüber gleitenden Stroms, sieh da! Eine weiche Schwannenhand schlang sich zärtlich um den überraschten Schwärmer -- und ein glühender Kuß ward auf seine Lippe gedrückt. Er sah auf und -- Wellmine lag in seinen Armen an seinem Herzen.

Der Jüngling entwand sich mit Kälte -- Wellmine -- bist du es? -- war sein erstes, als er sich vom Ueberraschen erholt hatte.

Ja, Jüngling -- den ich unendlich liebe -- ich bins! Ach vergieb meiner Zudringlichleit. Wenn in deinem Herzen auch nur ein Funke von dem Feuer meiner Liebe brennt -- dann vergiebst du meiner Kühnheit, dich hieher zu bestellen, dich überall aufzusuchen.

Wellmine -- du schwärmst --

O laß mir diese Schwärmerei, sie ist Thau der schmachtenden Blume, sie ist Trost meiner Seele. Noch einmal gesteh ichs dir -- Jüngling mein Herz liebt dich unsäglich. Wo ich gehe, geht dein Bildniß vor mir. Ich wache und träume von dir, überall und immer -- Seit wir in jener stillen Laube mit einander saßen -- fühl ich mich umschlungen von deinem Arm, wie du mich umschlangst als ich damals im Tanze mit dir in Elisien zu schweben schien.

Dein Geständniß -- ungestümmes Mädchen schmeichelt mir zu sehr -- ich -- weiß nicht -- wie --

O sprich nicht aus, Lieber! Ach, ich habe so lange mich gesehnt an deiner Seite wieder einmal zu fühlen, des Himmels Entzücken.

Mädchen, -- ich habe Geschäfte. --

O kalter Jüngling, mit den Geschäften der Männer! Wenn vom Tage dir die Hälfte frei bleibt -- eine Minute nur -- eine Minute könntest du ja doch der heissen Liebenden schenken. Aber ach -- dein Herz ist kalt.

Wellmine -- ich nehme Theil an deiner Unruh, und -- (etwas lasser) Theil nimmst du blos -- und an meiner Unruh? und -- bemitleidest mich vielleicht auch? -- (Sie schweigt, und einige Thränen fallen auf Salassins Hand, der gerührt das reizende Mädchen anblickt --)

Wellmine! Deine Thränen glühen an meiner Hand -- Wellmine -- Wellmine -- du quälst mich --

(Mit verstellter Kälte und einiger Ironie) Es sind Thränen eines Mädchens -- Jüngling! Ich heuchle, wie alle Mädchen -- vergieb -- ich habe dich getäuscht -- mein Geständniß war Lüge -- ich bin ja ruhig -- mein Herz ist kälter als das Deine --

O bei Gott nicht -- Wellmine -- mir bangts im Innern -- du hast die Nattern der Unruh in mir aufgeregt -- Wellmine-- -- verschone --

(im vorigen Tone) O das sind Schäckereien -- ich scherzte nur -- glaube keinem Worte -- was ich sprach -- du träumest selbst nur --

Foltre mich nicht -- Mädchen! Dein Ton ist bitter, und geißelt mein Herz -- ich liebe --

(voll Entzücken an seine Brust sinkend) O so bin ich gränzenlos glücklich -- vergieb meines verstellten bittern Tons -- ach auch er war der Sporn, den Liebe mir gab -- Jüngling -- ich bin dein --

(Salassin gewahrt den Mißverstand, und wendet sich gleichgültig ab.)

(Wellmine erblast und verstummt in sprachloser Verwirrung.)

Ein Diener kömmt eilig, und sagte: Die Schlafstunde schlug. Die Thore werden gesperrt. Wir kommen sonst nicht in die Stadt mehr!

So müssen wir nimmer säumen -- sprach Salassin und führte Wellminen verstimmt in die Stadt. Ohne viel Worte zu wechseln kamen sie nach Hause.

Süssen Schlummer! Wellmine sagte Salassin etwas wärmer.

Süsse Ruhe! wiederholte das Mädchen, und schlüpfte über die Stiege in ihr Gemach, warf sich auf eine Ottomane, und saß die ganze Nacht in Sinnen und Härmen.

Seine Brust ist kalt -- sagte sie weinend -- sein Herz ein Eisklumpen -- und ich Tollkühne -- Gott, ich habe mich blos gegeben -- Er verachtet mich nun -- ha verachten? Ha! vergebens soll ich um den Gefühllosen mich härmen? -- Doch -- er ist ja doch Mensch -- sein Blut rollt heiß in den Adern, sollen ihn Reize nicht rühren? -- Ha er muß fallen -- der Stolze -- durch meine Kunst soll er fallen -- aber welch verzweiflendes Mittel wähl ich? Und kann ich dies brennende Verlangen, dies marternde Härmen, kann ich meines Herzens Toben anders stillen? -- Ha so stähle mich denn, Liebe! die du mich an den Kalten so unbezwinglich zaubertest! --

So dachte sie, so sann sie auf Schlingen für das Vögelchen, das sie mit aller Gewalt fangen wollte.

Sechstes Kapitel.

Die Portraitsvorzeigung.

Doch nun lassen wir sie an ihrem Plänchen schmieden, wir werden am Ausgang genug sehen. Genug wenn der fertig gestrickte Strumpf uns zu Gesichte kömmt; warum sollen wir zusehen, wie er gestrickt wird.

Die Zeit, wo die von den Vorstehern ausgeschriebenen Bildnisse gezeigt werden sollten, war erschienen. Hundert der geschicktesten Mahler bemüthen sich ein Meisterstück ihrer Kunst zu liefern, und arbeiteten rastlos mit Ehre ihr Werk vorzulegen, voll dem Wunsche nach der schönen Belohnung.

Am Tage des Vorzeigens versammelten sich die Vorsteher in einem Saal des Musäums, saßen in einem Kreise, und die Mahler wurden mit ihren Produkten unter dem Donnern der Trompeten und Pauken in einen Vorsaal des Musäums gelassen.

Wer wird den Preis erhalten? -- sprach Einer -- Ich bin begierig den Glücklichen zu sehen! Ein Anderer. Welcher wird den Kaiser am besten gefaßt haben! Der Dritte. Ich wette der berühmte Haning, der den Kaiser alle Tag belauschte, um ihn recht zu fassen, liefert das vollkommenste Bild! Der Vierte.

O wer wird die Prämie erhalten, als der göttliche Fillner -- der mahlt alle weg --! Der Fünfte.

So lispelten die Vorsitzer untereinander voll Neugier den zu wissen, der die Braut nach Hause führt.

Den Mahlern, die mit ihren verhüllten Produkten im Vorsaal standen, zitterte das Herz im Leibe vor Sehnsucht, Hoffnung und Zweifeln. Einer sah den andern mit scheelen Augen an, jedes Miene schien zu sagen: Ich bin der Glückliche! mir fällt der Kranz zu! Endlich erscholl das Zeichen zum Anfang, als die Mahler versammelt waren. Sebald war der lezte in den Vorsaal gekommen, und erschrak über den Anblick so vieler Meister, worunter er den Unbedeutendsten geschickter als sich selbst hielt. Er wollte zurück mit seinem lieben Werkchen den Weg nach Hause treten, aber nun ward keiner herausgelassen, und die Schande hören zu müssen: »Seht der hat ein armselig Vorgefühl, er geht lieber bei Zeiten fort:« -- Diese Schande wäre Sebalden zu unerträglich gefallen. Lieber will ich der Lezte eintreten, als unter dem Gespotte dieser da aus dem Saale weichen! dachte er, und stellte sich in einen Winkel, wo ihn niemand mehr fixirte: allenfalls daß der oder jener von den berühmtesten Künstlern mit einem schiefen Blick auf Sebalden vorüber gieng, die Nase rümpfte, den Mund in ein hönisches Lächeln zog, und die Lippen aufwarf als wollt er sagen: der junge Laffe da will auch mit uns Meistern sich messen?

Das Zeichen ward mit Trompeten und Pauken gegeben, die Saalthüre wurde geöffnet, und einer der berühmtesten Künstler trat mit seinem nun enthülltem Bildnisse in den Saal.

Schön! trefflich! riefen diese -- andre Herrlich! man hieng es auf und der Nahme des Mahlers ward einprotokollirt.

Die Trompeten und Pauken schmetterten, und es trat ein 2ter ein -- so ein 3 --4 -- 5 -- so traten 50 nach und nach herein, und alle so trefflich, so vollkommen gezeichnet, daß man nicht wußte, wem der Preis entschieden werden sollte.

Endlich stand Sebald ganz allein im Vorsaale da, mit klopfendem Herzen, zitternden Schritten, und wankenden Knien, unentschlossen ob er itzt doch herein oder fortgehen solle.

Jeder Mahler, der sein Portrait abgegeben, und einprotokollirt war, reihte sich unter die Zuseher und Beurtheiler. So waren denn alle da und jubelten denn jeder, mich hat keiner übertroffen.

Sind der Herrn Künstler noch viele im Vorsaale, sprach der Präsident des Musäums. --

Ein einziger -- antwortete der Vorletzthereingekommene.

Der wird mir auch nicht den Dukaten aus der Hand reißen! -- dachte einer.

Der konnt sich wohl lieber nach Hause zeigen lassen! -- Ein Anderer.

Der muß ein sauberer Gesell seyn, daß er zuletzt bleibt -- Ein Dritter.

Du wirst mich auch nicht in den Graben stossen -- Ein Vierter.

So dachte jeder durch die Reihe, und starrte begierig bis die Thüre sich öffnen würde.

Das gewöhnliche Zeichen erscholl, und alle Blicke hiengen starr auf die Thüre, voll Erwartung des Endes.

Sebald faßte das Bild bei dem Rande, und hielt es vor sich her, so daß das Bildniß auf die Zuseher, auf ihn aber der unbemahlte Theil der Leinwand zu stehen kam; er war so zu sagen ganz bedeckt.

Die Thüre wurde geöffnet, und Sebald schritt herein.

»Der Monarch selbst! -- riefen alle -- standen von ihren Sitzen auf, und verbeugen sich erfurchtsvoll vor dem Gemälde.

Aber wie erstaunten alle -- als sie ihren Irrthum bemerkten.

O vortrefflich! vortrefflich: Göttlich! Das vollkommenste ohne Gleichen! Unübertrefflich! Der hat den Preis! -- schrien alle, und wähnten troz dem erkannten Irrthum den Kaiser in persona leibend und lebend vor sich.

Jeder Pinselzug war Leben! Jedes Fäserchen so natürlich ausgedrückt! Die hohe Stirne mit dem lebendigen Ernst und der Majestät, wie sie in des Kaisers Gesicht selbst schwebt. Die Milde und Freundlichkeit in dem Zug um den Mund, das Feuer der Augen -- alles -- alles so lebhaft daß die Vorsteher des Musäums und die Kenner und Mahler getäuscht werden mußten.

Der Beifall war unendlich, und der Preis ward Sebalden einstimmig zuerkannt; wiewohl Gall und Neid in unzähligen Gesichtern so richtig sich mahlten, als Sebalds Preisbildniß gemahlt war.

Einige schäumten vor Groll und Gift, andere ärgärte es, sich von dem Jungen da übertroffen zu sehn. Besonders haderten diejenigen mit sich, die vorhin so wenig in ihm suchten, ihn mit spottischen Näschen, oder scheelen Blick anguckten.

Der Präsident gebot Stille, und sogleich schwieg der Strom der Mißgunst zu brausen.

Empfange junger Mann! dem einstimmig die ausgeschriebne Prämie für das unübertreffliche Bildniß unsers Monarchen zuerkannt wird, empfange aus meinen Händen im Namen der Vorsteher den Preis! diese Ehrenmedaille auf die der Name noch geprägt wird! durch deine Geschicklichkeit -- durch dein Verdienst! bist du werth des Vaterlandes! Fahre fort ihm Ehre zu machen, und bleib ihm ein treues würdiges Glied.

Der Präsident umarmte ihn, die andern folgten ihm, wünschten ihm Glück. Die Trompeten und Pauken schmetterten stärker. Die Versammlung trennte sich; Sebald ward im Kranze der Vornehmsten unter dem Getöne einer lieblichen Musik, und von dem in Schwärmen herbeigeeiltem Volk in seine Wohnung begleitet.

Fürst Tellmann und Salassin waren gerade aus der Residenz zurückgekommen, erstaunten und taumelten im höchsten Entzücken auf den beneidenswerthen Sebald zu, der bescheiden da stand, die Huldigungen der Menge tiefgerührt annahm, und unaussprechlich seelig durch Tellmanns und Salassins Jubel eine dankbare Thräne vergoß.

Der Tag war ein Fest der allgemeinen Freude, Jünglinge und Mädchen beschäftigten sich um ihn, und führten ihn im Triumph -- er mogte sich sträuben wie er wollte -- zur Aneiferung Anderer durch die Stadt.

An den Theaterzetteln stand sogar: Dem neuen Künstler Sebald Kaiserbild zu Ehren.

Nach dem Schauspiele gieng es zum Ball, im Pallaste des Präsidenten des Musäums, und Sebald als der Held des Balles, der Gesellschaft, des Tages, begann den ersten Reigen.

Fürst Tellmann selbst vergaß sein Alter und tanzte wie ein Jüngling. Alle Mädchen drängten um sich Sebald, aber Sebald -- nun? er ist doch etwa nicht traurig? unzufrieden?

Je nun -- ganz zufrieden ist er -- aber doch auch nicht! Sein Gesicht ist der lachende Blüthenmond -- aber sein Herz? -- ein öder Wintertag. Warum? Ist ihm das alles zur Last? Gewiß ersah er das nicht -- was sein Herzchen ersehnt? Getroffen, mein Leser! getroffen.

Mit forschendem Blicke durchirrt er die Reihen der Mädchen -- das schöne jammernde Mädchen war aber nicht darunter. Doch ließ er sich das von keinem abmerken, höchstens daß sein trauter Salassin etwas geahndet hätte; aber der war zu sehr mit der Gesellschaft und dem Tanze beschäftigt.

Siebentes Kapitel.

Das Abentheuer.

Da schäckert eben ein Kranz muthwilliger Mädchen mit dem Helden des Tages und seinem Freunde.

Ist Wellmine nicht darunter? Nein! Sie plaudert an der Seite mit dem Kellner. Ihr Plänchen ist geschmiedet, und dazu braucht sie den Kellner, die Mundschenker und einige Diener, denen sie Goldberge verheißet für eine kleine Gefälligkeit.

Den besten stärksten Wein -- so spricht sie zu diesem -- schenkt dem Einen ein, der dort mit dem Ballhelden immer so vertraulich umgeht. Recht häufig und recht stark! Hört! vergeßt nicht! Er ist ein außerordentlich lustiger Mensch, wenn er ein klein Räuschchen im Kopfe hat. So stirbt er vor Leid!

Da wollen wir schon helfen, sagten die Diener, es soll der Himmel und die Erde mit ihm tanzen!

Armer Salassin! Was hat Wellmine heute mit dir vor? Was wird dir noch geschehen?

O wehe, da wirket der Geist des Trunkes schon. Unvorsichtiger, wehe dir -- es ist um dich geschehen!

Salassin ward ungemein munter -- so witzig -- so zum Scherzen und Schäckern, zum Tändeln und Tanzen aufgelegt, als ihn noch niemand im Leben gesehen. Tausend artige Gallantrien sagt er den Mädchen und Frauen, die den Jüngling bewunderten und liebten.

Mit allen trank er Brüderschaft -- sein Herz floß über seine Lippen -- kurz Salassin der lustige, galante, schöne Jüngling zog diesmal aller Aufmerksamkeit ungetheilt auf sich.

Sebald merkt es dann bald, was ihn begeistere, und beschwor ihn bei Zeiten sich des fernen Trunkes zu hüten, weil der überall geschätzte, leicht der überall belachte hätte werden können.

Salassin folgte zwar lange dem Rathe des Freundes, als aber der letzte der Reigen getanzt wurde, konnte Salassin dem Durste nicht länger widerstehen, und trank ein Gläschen um das andere leer.

Zum Glück war es spät nach Mitternacht, und das Ende des Balls da. Salassin mächtig vom Weine betäubt irrte fort nach Hause zu.

Ja nun war die Wirthschaft sauber. Das Gebäude lag in einer ihm etwas unbekannten Gegend der ungeheuern Stadt, die blos an Pallästen 4000 und an gewöhnlichen Bürgerhäusern wohl der 20000 zählte. Wohin nun?

Allein war er fort, klug genug um keinem andern seine Lage zu verrathen.

Vor dem Hause stand ein Wagen, man zog Salassin hinein, er ohne vielen Bedenken fuhr fort. Er stieg vor einem Pallaste ab -- das ist meine Wohnung meint er, und stieg die Treppe hinauf.

Er tappte im Dunkel eine lange Treppe fort, und schob unvermuthet eine leichte Zimmerthüre auf, wo ein Lichtstrahl von einer Kristallsonne den Weg erhellte. Er stand in dem Zimmer, es ward wieder dunkel, denn die Sonne war plötzlich verschwunden.

Bin ich doch einmal zu Hause! -- dachte er -- und zog den Rock ab -- und indem er denselben auf eine Ottomanne werfen wollte, erhellte sich plözlich das Gemach von der enthüllten Kristallsonne.

Salassin sah umher, und sah -- welch ein Anblick! Auf einem Ruhebette lag ein Mädchen halbverschleiert; Er wankte näher, das verstellt schlaffende Mädchen ergriff wie im Schlummer seine Hand, und stammelte den Namen Salassin! -- Ha! rief Salassin zitternd und zurückfliehend -- es ist Wellmine! Ha verächtliche -- deine Lockungen reizen mich nimmer! -- Er ergriff den hingeworfenen Rock, und floh, als loderte über ihm das Gemach zur Thüre und zum Hause hinaus.

Rasend sprang nun Wellmine auf -- rasend über den mißlungenen Plan. Sie verfluchte ihren unseligen Einfall und zerraufte ihr schönes Rabenhaar, und rannte weinend im Gemache herum.

So kann nichts, nichts die kalte Marmorseele locken? Das verlezte Gefühl der schönsten weiblichen Tugend, Schamhaftigkeit -- die unbelohnte dürstende Liebe -- Die Vorstellung sich Verachtung statt Achtung gesponnen zu haben, verfolgte das unglückliche Mädchen wie Furien -- sie kämpfte im unaufhörlichen Kampf. -- Vom Selbstgefühle so tief herabgesezt verwirrte sie Wahnsinn nach langen unaussprechlich jammervollen Stunden -- und das blühende Rosenmädchen hatte sich bald zum Gespenste gehärmt.

Salassin war inzwischen durch Gassen und Strassen geeilt -- und kam endlich an die Residenz des Kaisers; von da er bald seine Wohnung traf. Er sank betäubt in einen unruhigen Schlummer.

Achtes Kapitel.

Das Aerntefest.

Der Jubel des gestrigen Tages war endlich mit dem Schlaf und Traume verwichen. Schwere Köpfe, schläfrige Augen, und müde Füsse waren den Tänzern noch die deutlichsten Spuren, daß gestern ein Festtag gewesen. Alles gieng nun wieder seinen ordentlichen Gang. Salassin wachte spät von einem doppelten Rausche auf.

Du bist gestern oder eigentlich heut morgens spät nach Hause gekommen -- sagte Sebald lächelnd. Du wadetest gewiß einem lockenden Irrlichtchen nach in Sümpfen herum!

Bin aber doch glücklich und bei Zeiten herausgekommen -- antwortete Salassin etwas trübsinnig.

So? laß mich doch hören! Wie ist dir heute zu Muthe, und im Kopfe?

Nirgends gar zu wohl!

Da bedaure ich dich, daß mein Jubeltag dir so garstig bekommen! Nun, Ritter, hast du alla Don Quinxotte mit Windmühlen oder Riesen gekämpft?

Ach -- mit noch ärgern Feinden?

Und den Kampf siegreich bestanden?

Jenu -- das Feld hab ich zwar geräumt -- aber dadurch eben gesiegt.

Du wärst ein kluger Feldherr!

Wer weiß! nur möchte ich meine Taktik gegen Mädchen nicht gar zu oft versuchen.

Wie so?

Salassin erzählte mit Treuherzigkeit den ganzen Vorfall. In Sebalds Seele drängte sich Abscheu mit Mitleid.

Seb. Darum plauderte sie mit den Weinschänkern so oft.

Sal. Jawohl hat sie die Schuld -- meine Gewohnheit mich zu berauschen ists nicht; es war das erstemal in meinem Leben.

Seb. Du warst noch glücklich. Alle waren über deine thätige Munterleit entzückt. Niemand ahndete die Ursache derselben, und dabei hast du ja gewonnen, du bist nun der Liebling aller Schönen; aber die Schlange, weich ihr aus, Salassin!

Sal. Das that ich, und nun noch mehr.

Seb. Wir müssen uns heute erhohlen --

Sal. Erhohlung hätt ich nöthig!

Seb. Wir machen einen Spazierritt aufs Land.

Sal. Weit?

Seb. Wie du willst!

Sal. Wann kommen wir zurück?

Seb. Morgen!

Sal. Meinetwegen.

Seb. In einem Dorfe 4 Stunden von der Stadt ist das Lager abgesteckt für die Armee. Der Kaiser selbst wird dahin sich begeben, um das Heer zu mustern, sich den Soldaten zu zeigen, und ihnen Muth und Liebe einzuflößen. Man hat Bemerkungen gemacht, daß die unruhigen Normänner sich zu einem Streifzug ins nördliche Germanien rüsten. Der Sicherheit halber kampirt unsrer Armeen eine gegen Norden bin.

Sal. Reuten wir allein, oder in Gesellschaft?

Seb. Wie du willst.

Sal. Also allein.

Sie meldeten sich dem Fürsten von Tellmann drum und fort im flüchtigen Gallopp flogen die rüstigen Pferde durch Gassen und Strassen zum Thore.

Sie erreichten bald das erste der Dörfer. Eine Menge geschmückter Jünglinge und Mädchen, tanzten in Reigen in einem Wiesenthale. Sie feierten das Aerntefest. Die Musik hallte so lieblich aus der Ferne den Reutenden entgegen. Büsche und Hecken rauschten, und der Wind säuselte den Wiederklang der Töne.

Neuntes Kapitel.

Die Einsiedelei.

Die sanfthallende Harmonie regte Beiden Empfindungen auf, sie ließen den Zaum aus der Hand sinken, und hörten nur die lieblichen Töne, sahen nur nach der volkreichen fröhlichen Wiese. So traf es sich daß sie die Strasse abritten, und ihren Irrthum nicht eher als hinter dem Dorfe bei einem Bach gewahrten, über den keine Brücke führte.

Wohin sind wir gerathen?

Wo hatten wir die Augen?

Riefen beide, und bemerkten die verfehlte Strasse.

Wir müssen lings gegen Norden zu!

Da geht kein Weg durch den Wald!

Je -- so müssen wir ihn uns suchen!

Gesagt! Gethan! Und sie ritten dem Wald zu, ernahen einen etwas unbefahrnen Fuhrweg, der sie grade in das dunkelste Dickicht des Waldes führte, Tannen, Fichten kaum über die Spitzen zu schauen, verschlangen sich mit ihren Aesten, und selten blizte durch der Zweige dicke Dämmerung ein Sonnenstrahl auf das feuchte Waldmoos. Immer dunkler wurde der Wald -- 3 lange Stunden irrten sie darinn nicht auf Wegen und Stegen, -- von diesen waren längst alle Spuren vergebens aufgesucht: wo ein etwas breiteres Pläzchen durchzukommen war, da ritten sie, stiegen hundertmal ab, und führten die Pferde sich nach.

Seb. Wir rittern ja doch etwa nicht im 12ten Jahrhundert?

Sal. Wenn uns doch ein Abentheuer mit Geistern und Hexen aufstieße.

Seb. Wie kämpften wir denn? mit Fingern?

Sal. Narrchen -- da liegen Stöcke und Aeste genug!

Seb. Ja wohl -- wir könnten eine Fichte zum Spaß aus dem Boden wurzeln, und sie als Schwerdt brauchen.

Sal. Oder die Felsenstücke wie Kartätschen verschleudern!

Seb. Horch! Da klingt so ein menschlicher Ton aus dem Walde.

Sie standen und horchten.

Sal. Wahrhaftig -- das tönt ja wie ein Euphonklang!

Seb. O du Euphonschläger! Warum nicht gar wie ein Nachtigallied!

Sal. Wahrhaftig -- ich irre nicht! Ich vernehm es immer deutlicher! Wie ein Mädchengesang!

Seb. Ey wenn wir doch auf ein Feenschlos kämen!

Sal. Und ein Duzend verzauberte Prinzessinnen enthexen müßten!

Seb. Halt! da wirds heller vor uns!

Sal. Die Waldnacht dämmert! -- Still! horch! -- Nun wenn da kein Euphon mollirt: so will ich keins gehört haben! -- Pst! -- Hörst du wie die Harmonie so klagend durch die Bäume rauscht? -- Da wohnen Menschen.

Seb. Richtig -- der Wald ist zu Ende -- junge Schläge grünen da vor uns!

Sal. Die Tannen und Fichten wechseln mit lichtern Birken, und dort wehen hohe Buchen.

Seb. Da seh ich einen Fußsteig! Wir sind zu Ende!

Sal. Aber wo? Sieh links zur Seite -- da dämmert zwischen den dichten Buchen ein Gebäude!

Seb. Wahrhaftig -- eine Siedeley! Nun, nun Herr Bruder, wir sind richtig in einer alten Ritterwelt!

Sal. Ey! da wird er ja betrettner. Ein dunkler Buchenwald mit einer grauen Mauer umgeben -- was --

Seb. Spornen wir doch die Rosse -- meine Neugierde regt sich --

Sal. Sieh über die Mauer ragen 2 schwarze Säulen zwischen einigen Cypreßen --

Seb. Vielleicht gar die Eremitage eines Melankolikus!

Sal. Dort graut ein kleines Haus durch die Büsche!

Seb. Was ist das für ein Einfall! Schwarz angestrichen -- das Dach sogar schwarz!

Sal. Aber es läst gut -- das dunklere und hellre Grün der Zweige -- und das melankolische Schwarz! -- Aber horch! Der Klang hallt wieder! -- Aus dem Hause! Nun höre doch, -- ist das kein Euphon?

Seb. Was du für ein feines Gehör hast: schon auf eine halbe Stunde, im Dückicht noch, erkennst du den leisesten Ton!

Sal. Mahleraugen sehen -- sagtest du einmal -- die Wurzeln und Fasern, wo ein Andrer kaum die Warze bemerkt. Musikerohren unterscheiden die Töne bestimmt, wo du den Wind rauschen zu hören wähnst.

Seb. Eine Thüre! wir binden die Rosse an einen Baum -- denn durch die kleine Thüre können wir einmal doch nicht reiten.

Sal. Was sollen wir aber in der Einsiedeley?

Seb. Menschen suchen und fragen, wo wir auf die Strasse kommen. Der Abend thaut schon!

Sie banden die Rosse fest an einen Baum, öffneten die kleine Gartenthüre mit Gewalt, und schliechen durch Büsche auf das schwarze Haus zu. Die Gänge waren voll Grau und Diesteln; sehr verwildert lings und und rechts geschlängelt. Die Hecken mit hohen Buchen und Tannen untermischt, wurden immer höher und sie verloren das Gebäude aus dem Gesichte.