Part 5
Rosalie hörte bewegt zu, und gieng zur Gesellschaft. Rührung und Liebe regten sich in ihrem Herzen -- Liebe -- schon bei dem ersten Augenblicke, als Lohnston sie sah, gewann er ihre Liebe, und Selmsons Bemühungen und Bewerben ward ihr bloß dadurch nicht unlästig, weil sie bemerkte, daß beide junge Männer Freunde wären.
Unter einem Kastanienbaum harrten die Beiden und jubelten als Rosalie wieder kam. Ihr erster Blick schien Lohnston zu sagen, daß sie um seinen Edelsinn wisse: und die deutsche Tochter zeichnete ihn überall mit einiger auffallenden Theilnahme aus.
Selmson war bestürzt, als er dies bemerkte. Mit minderer Neigung und Empfindung für Freundschaft hätte er leicht auf Ränke gedacht er kämpfte mit sich -- die entstandene Liebe war mächtig -- aber mächtiger die alte Freundschaft, er mißgönnte dem Freunde sein Glück nicht, und lebte lange im Kampf mit seinem Herzen.
»Ich will nicht Liebe -- nur Achtung soll sie mir nicht versagen! --« dachte er und suchte sich diese zu erringen. Auf einem Felsenberge standen eben Rosalie und er (Lohnston war etwas abgewendet) bei einem sehr tiefen in den Fels gehauenen Brunnen. Rosalien entsank ein goldverbrämtes Tuch; es fiel in die schauerliche Tiefe. Selmson schwang sich in verliebter Begeistrung in den Brunnkessel, und ließ sich zum Schrecken Rosaliens in die grause Tiefe hinab, um das Tuch zu erhaschen.
Auf der Prinzessin ängstlich Geschrei, um Hilfe! sprang Lohnston herbei, und -- Selmson hatte unten in der grausen Kluft bereits glücklich das Tuch gefaßt. Man wand den Kühnen empor, und er überreichte unbeschädigt und lächelnd Rosalien das Tuch.
»Selmson -- sagte Rosalie -- Ich ehre Entschlossenheit und Muth, aber Tollkühnheit nicht.«
Sie sprachs, reichte Lohnston den Arm, und Selmson stand beschämt wie eine Marmorsäule da. Er war erbittert. Achtung verlangte er, und ihre Miene schien ihm Verachtung zu sagen. Das ertrug er nicht: der flammende Jüngling ward rasend, und -- stürzte sich in den Brunnen.
Dieser unglückliche Vorfall erschütterte Rosalien, die ihn nichts weniger als verachtet hatte. Sie drang in ihren Vater, England zu verlassen, und der Vater reiste in seine Heimat, eh Lohnston und Rosalie sich noch ihre heiße Liebe gestanden.
Lohnstons Vater starb in diesem Zeitpunkte, seine Mutter war schon vor vielen Jahren auch unter den Verklärten. Seine Schwester Marlon liebte unglücklich. Ihr Erkohrner hatte den Haß seiner Familie. Warum? Er war ein etwas leichtsinniger Jüngling voll Feuer, das ihn zu manchem unedlen Streich hinriß. Er liebte Marlon -- die Liebenden vergaßen sich. Marlon ward Mutter eines Knaben. Den Verlezzer dieses Gesezes strafte die Verbannung aus dem Vaterlande. Er floh, und Marlon folgte mit ihrem einjährigem Kinde dem Vater, ohne zu wissen, wohin? Sie war bisher nicht so glücklich ihren Geliebten zu finden, und irrte in unsäglich jammervoller Lage in Germanien herum, bis Graf Wallingau sie mit ihrem schon erwachsenen Sohne auf der Strasse traf.
Lohnston, dem alle Bande, die ihn an sein Vaterland ketteten, theils zerrissen, theils schwach waren, verließ von seiner unbezwinglichen Liebe für Rosalie, sein Vaterland, und bot seine Kraft Germanien an. Gelegenheit und Thätigleit erhoben ihn auf die höchste Schwelle der Menschen Glückseeligkeit. Er stieg von Ehrenstuffe zu Stuffe, und erhielt Rosalien zur Gattin, mit der er sein Vermählungsfest grade an dem Tage feierte, an dem Rosaliens Vater mit Germaniens Krone gekrönt wurde.
Aber ach -- sie starb im 8ten Jahr der beneidenswerthesten Ehe, und Tellmann stürzte vom höchsten Gipfel der Menschenseeligkeit in den tiefsten Abgrund des Jammers. Zeit -- dieser unvergleichliche Seelenarzt und der Schwall von Geschäften, die er dem Staat schuldig zu besorgen war, heilten ihn, und mit dem Wiedersehn seiner Schwester dämmerte die Sonne der Freude aus den Nebeln der Leiden hervor, um ihm bis an die Stunde des Scheidens zu strahlen.
Zweites Kapitel.
Eine Eroberung.
An einem Tage wurden die beiden Freunde zu einem Besuche geladen. Der Kranz der versammelten Gäste war groß, und man unterhielt sich sehr lebhaft. Salassin gewann vorzüglich die Neigung eines der reizendesten Mädchen, das ihn mit ungemeiner Aufmerksamkeit auszeichnete.
Später am Tage zerstreute sich die Gesellschaft im Garten. Salassin stahl sich in eine entlegene Laube. Er ruhte auf einer Rasenbank, eine Kaskade plätscherte, ihr Murmeln melodirte so lieblich mit dem Gesang einer Nachtigall -- er horchte sinnig, und das Plätschern der Kaskade machte die Erinnerung an Lolly rege.
Durch die schmalen sandbestreuten Gänge des Gebüsches rauschte es plözlich -- Er drückte sein Gesicht in die Hand, und träumte. Sie da! -- das geschäftige Mädchen, das sich seiner im Gastsaale so annahm -- stand wie ein Frühlingsengel am Eingang der Laube, und erblickte den holden Träumer in seiner tiefsinnigen Lage.
So allein? -- sprach sie lächelnd! und indem sie ihn sanft auf den Arm mit dem Fächer schlug -- du fliehst die Gesellschaft, und sinnest allein in einer dunkeln Laube?
Salassin fuhr aus seinem Sinnen, und wand sich an das reizende Mädchen. »Ich bin nicht so allein schönes Mädchen! wie du glaubst -- mich umgaben --
Träume allenfalls -- diese sind für die Nacht gut; aber bei Tage soll man --
»Vergieb, ich kenne die Lebensart der Stadt noch nicht so genau. Ich bin ein Fremdling den Sitten der Städte -- ich bin auch blöde und fühle mich zu unfähig -- mit lieblichen Mädchen --
Sage lieber -- mir gefällt es nicht, mit Mädchen zu schäckern --
»Dann sagt ich eine Lüge -- mir gefällst du recht sehr! --«
So? Du überraschest mich mit diesen Geständnisse und zeigst eine große Anlage unsern Modisten an Schmeichelein bald gleichzukommen.
»Nicht doch! Ich denke wie ich spreche --«
Und schmeichelst wie du sprichst.
»Der Bescheidne nimmt Lob für Schmeichelei.
Das thust du!
»Ich? Du scherzest mit meiner Unerfahrenheit, und machtest mich schon bei der Gesellschaft verlegen.«
Das ist mir recht leid -- ich sah aber nichts weniger als Verlegenheit in deinen Antworten. --
»Ich bin vom Lande --«
So? hat das Land nichts Liebenswürdiges?
»O ja! -- mich entzückt eine blühende Rosenflur -- ein Schattenwäldchen -- ein murmelnder Kieselbach --«
O wer spricht von dem? »So verstehe ich dich nicht!« Weil du nicht willst --
Salassin blickt sie forschend an -- sie lächelt und wirft ihm einen schmachtenden Blick zu --
»Vergieb -- ich bin nicht fein --«
Das find ich eben nicht. --
»Und ungalant --«
Das gefällt mir.
»Und schüchtern gegen süsse Mädchen --«
Das läst sehr hübsch.
»Vergieb -- wenn dich meine Gesellschaft nicht wohl ergötzen kann, wie --«
Soll ich mich entfernen?
»O das meint ich nicht!«
Du bist vielleicht lieber einsam?
»So wollen wir zur Gesellschaft --«
O warum willst du das?
»Du versäumst«
(sie kickert und schielt zärtlich durch den Fächer nach ihn)
Salassin verstummt -- sie rükt näher an ihn -- er wird verwirrt -- sie schmiegt sich liebvoll an ihn -- er zittert und rieß sich gern los --
Salassin! ruft eine Stimme: beide fahren erschrocken auseinander -- Sebald tritt in die Laube.
Ach! ich wollte nicht stöhren -- die Gesellschaft wartet im Tanzsaale -- man fragte --
»So müssen wir dahin! -- sprach Salassin, und schöpfte freier Athem. Wellmine gieng verstört an seinem Arme -- Sie kamen in den Saal. Die Musik hallte entgegen, und die Tänzerreihen waren schon geordnet.
Sie doch -- Wellmine kirrt den rüstigen Landjüngling schon wieder! -- rief eine Dame ihrem Tänzer zu.
Warum er nur mit Wellminen so vertraulich ist -- dachte eine Andere.
Ich glaube, er fände würdigere Gesellschafterinnen! -- sagte eine Dritte.
Er mag eben nicht besondern Geschmak haben -- eine Vierte.
Wenn er doch mit mir auch tanzte! meinte ein genügsameres Mädchen --
Wellmine ist verblüft in den Fremdling! Eine sechste.
Mir gefällt sein Freund besser -- flüsterte die Eine -- er ist nicht so kalt --
Der müht sich mehr um mich! -- Die 2te.
Wie herrlich er durch den Saal schwebt! -- Eine 3te.
Wellmine hängt sich doch an jeden an -- sagte wieder Eine.
Er ist so stolz -- und lächelt uns höchstens ein bischen freundlich an! -- Die 2te.
So flüsterten und wischperten die Mädchen unter einander, und hefteten die Blicke unwillkührlich auf Salassin. Er wechselte mit Tänzerinnen -- Ach! nun nimmt er doch einmal eine Andere! -- fieng Eine wieder an --
Nun wird mich die Reihe vielleicht doch auch treffen -- Eine 2te.
Wie göttlich es sich mit ihm tanzt! -- Eine 3te.
Sebald walzte mit Wellminen.
Hm! rümpfte die Eine ihr Näschen -- um die zerrt sich doch Jeder!
Die nimmt uns die schönsten Tänzer! --
Muß denn die grade mit den Beiden zuerst walzen? --
Die Beiden sind vernarrt in Wellminen! --
Sie weiß sich zu drehn und zu wenden!
Sie muß sich doch auch einmal entschädigen, die Hungrige!
Und so gab jede ihr Schärflein von Mißgunst. Der Ball war aus, und die Mädchen klagten nun nimmer über die neuen Tänzer, die so galant waren und mit allen wechselten.
Salassin und Sebald empfahlen sich ihren Tänzerinnen -- Wellmine drückte Salassin feurig die Hand, und geleitete ihn an die Thüre.
Hm! seht sie -- wie sie um ihn sich dreht!
Die hat sich vergaft!
Sie ist eine Klette, die überall hängen bleibt!
Hm! er soll das Wetterhänchen nur erst kennen! --
So wetteiferten die Züngelchen der andern Mädchen -- die sich allmählig zur Ruhe schliechen -- ein Traum umschwebte Alle -- die neuen Tänzer. --
Salassin und Sebald schliefen ruhig.
Drittes Kapitel.
Das Bildniß.
So verflogen Tage, Wochen, Monden und die beiden Helden lebten im schönsten Genuße der Wonne. Eines Tags kam Salassin zurück in sein Zimmer von einer Promenade.
Sebald war nicht da. Salassin gieng in des Freundes Zimmertheil, denn das Zimmer trennte nur eine goldgewirkte Tapete in Zweie. Auf einem Tische lagen Zeichnungen und Kupferstiche. Sieh da! Ein Bildniß lag bald ausgemahlen auf dem Tische.
Salassin erschrack wie vom Blitze getroffen! Es war Lollys Bild. Das blaue schmachtende Auge, die hohe glatte Stirne, der lächelnde Zug voll Milde um den Mund -- die Wange so blühend, so frisch gemahlen das blonde Lockenhaar, das sich in sanften Wallungen auf den Lilienbusen goß -- Lolly mit Leib und Seele! rief Salassin, und sah das Mädchen wie sie vor ihm stand, als sie Euphon schlug.
Hat er meiner Beschreibung nach, sie so richtig zeichnen können? Wie ist das möglich? Er sah sie nie --
Trunken von Begeisterung drückte er das Bild an seine Lippen, und -- verwischte das Gemälde, das noch nicht getrocknet war. Verdammt! rief er, und fuhr aus dem Traume, ich habe da einen dummen Streich gemacht! Was wird Sebald sagen?
Eben kam jener -- sah den Freund vor seinem Tische, warf den Blick auf das verwischte Gemälde, und indem er etwas unwillig auf Salassin sah -- kam ihm dieser mit einer Abbitte zuvor.
Ich gab nicht acht -- daß die Farben noch naß seyn -- sagt er -- und da hab ichs verwischt.
»Das seh ich an der Farbe, die an deine Lippen gedrückt ist --« antwortete Sebald, und sein Unwille ergoß sich in ein Lachen.
»Es war mir so ziemlich gelungen -- und Beyfall hätte es gewiß gefunden; denn es reizte dich halbfertig schon zu -- einem Kusse.«
Du thust mir Unrecht -- Sebald! ich verwischtes mit dem Tuche, und damit mahlt ich mir gewiß die Lippe an, indem ich das Tuch an den Mund brachte --
»Kennst du das Mädchen?«
Ob ich sie kenne? Sagt ich dir nicht tausendmal schon -- daß ich -- daß sie so herrlich Euphon schlage?
»Ey wohin denkst du? -- -- Dies sah ich ja nicht -- wie konnt ich sie kennen?«
(bestürzt) Nicht? -- Ich meinte, du trafst sie meiner Beschreibung gemäß -- Das Mädchen, die kennst du also? Wo ist sie? ich will sie sehen?
»Das kann geschehen! Komm einmal mit mir durch die Morgengasse: da wohnt sie bei ihrem Vater, den ich damals bei dem Vorfall mit dem Pulvergebäude heim trug, er hatte seine Füsse zerschmettert -- ist nun aber ganz hergestellt -- und ich -- -- sah sie damals. Ich habe dir ja zuweilen von ihr erzählt.«
Unmöglich! Das ist Lolly, wie sie leibt und lebt! (Stuzt) »Ha das wäre sonderbar!«
Sebald! O komm, zeige mir sie -- ich will -- ich muß sie sehen -- --
»Gedulde -- das geht sogleich nicht an! -- Warte bis an Ruhtag: da wandelt sie in der Promenade auf dem Ruinplatze.«
O mein Gott! -- bis dahin sterbe ich vor Ungeduld -- Wir können unter einem schicklichen Vorwande sie besuchen --
»Das geht nicht!«
Warum?
»Weil -- ach so warte nur -- heut Abends im Schauspielhause will ich dir sie zeigen?
Sebald?
»Nun?«
Du warst verlegen, als du mir sagen solltest, warum wir sie nicht unter einem schicklichen Vorwande besuchen dürfen?
»Weil -- ich -- es -- nicht -- grade nicht -- recht finde!«
Dir gefällt das Mädchen.
»Und? --«
Dir gefällt das Mädchen?
»Nun ja -- hab ich keinen Sinn das Schöne zu sehen, zu empfinden? Darum zeichnete ich sie auch ab, weil ich mich nicht erinnere -- irgendwo ein schöneres Gesichtchen erblickt zu haben. --«
Dir gefällt sie?
»Was willst du damit sagen? Du siehst mich so sonderbar an?
Es ist Lollys Bild!!
»Was kann ich dafür -- das wußt ich ja nicht, und ist das ein Vergehen, daß ich sie zeichne? Wenn es Lolly ist -- so solltest du mir noch Dank wissen --«
Warum willst du mich nicht dahin führen?
»O so geh doch -- weil es sich nicht schickt --«
Sebald -- gehst du redlich mit mir um?
»Welch ein Mißtraun! Was muthest du mir zu?«
Du liebst sie!
»Ey, wenn hab ich das gesagt?«
Ich merke es -- du warst immer so verstimmt, wenn ich dich auf jenes schöne Mädchen brachte, von dem du mir zuweilen wie ich mich entsinne, begeistert erzähltest -- wie sie gejammert habe, wie ihre Thränen so häufig über die Wangen rieselten -- Du bist in mancher Stunde nicht ganz mit deiner Seele da wo du sprichst --
»So gliech ich wohl gar dir am Ende!«
Spotte nicht, ich verbarg meine Empfindung für Lollyn nicht. Sebald! Freund! Ich bitte dich -- zeige mir das Mädchen.
»Von Herzen gerne! Aber --«
Wieder?
»Aber gleich, -- meint ich -- geht es nicht an. Heut Abends --«
Heut Abends?
»Ja!«
Im Schauspielhause?
»Wenn sie dahingeht!«
Und wenn sie nicht --
»Dann heute nicht --«
(Rasch) Zeige mir das Haus!
»Mein Gott, du bist toll!«
Ich kann nicht ruhen -- mir brennt es im Innern -- mir stürmts und tobts -- ich habe nicht Ruhe bis ich sie gesehen. --
»So komm!«
Sie giengen. Salassin in unbeschreiblicher Angst, mit dem bangen Wunsche: Wenn es Lolly wäre! Wenn sie es doch nicht wäre! Ist sie es -- ach so bin ich oder mein Sebald unglücklich. Ist sie es nicht -- wie bitter ist dann meine Hoffnung, sie wieder einmal zu sehn getäuscht!
Sebald selbst war in der quälendesten Lage. Seine Seele hieng an der Grazie, die das Bildniß trug. Immer stand das schöne jammernde Mädchen mit dem thränenden Auge vor ihm -- er liebte sie -- und hatte es sich selbst nicht gestanden. Er zeichnete sie -- und wußte nicht warum sie so richtig getroffen sey? Und nun? welch ein verwünschter Zufall, daß Salassin gerade Lollyn in ihr erkennen mußte?
Je näher sie der Gasse kamen, desto banger war ihm ums Herz! Je näher das Haus rückte, desto schneller klopfte es im Busen. Salassin flog, und Sebald wäre gern zurückgekehrt. Endlich standen sie vor dem Hause. Sie traten hinein -- der Besitzer bewillkommte sie freundlich -- und umarmte voll Liebe Sebalden, den er als seinen wackern Träger kannte.
Man sprach so von dem und jenem -- der Herr führte sie in seine Zimmer kein Mädchen war zu sehen. -- Sie wandelten im Garten, keine Seele da.
Ach! gäb es nur schon lieber keines in der Welt! dachte jeder der Beiden, und ich stimme von Herzen in ihren Wunsch. -- Sie blieben eben vor einigen marmornen Wasen stehen, die sehr schön gearbeitet in einer Laube lagen.
Ich werde morgen -- begann der Greis -- meinen Bruder besuchen auf dem Lande: die Vasen sind ihm bestimmt: er wird eine Freude haben, -- meine Tochter ist bereits da.
Versteinert standen die beiden Freunde über das: »Meine Tochter ist bereits da.«
Gern hätte Salassin mit tausend Fragen, wo? wohin? warum? wie so? u. s. w. den guten Mann bestürmt, wenn ihm nicht jedes Wort im Munde gestorben wäre. Doch war er getrösteter. Lolly meinte er, ist ja Benglers Tochter. Wie käme sie daher. Gefaßt fragte er:
Und wirst du, Herr, lange dich da aufhalten? Nachdem es mir gefallen wird. Ohngefähr 3 Wochen, hoffe ich, bin ich wieder da. --
Drei Wochen soll ich in einer solchen Ungewißheit leben? dachte Salassin und Sebald:
Drei Wochen lang soll ich sie nicht sehen?
Nun war freilich nichts anders zu thun, als den verwirrten Zwirn geduldig auseinander zu wickeln, wenn man durch Ungeduld ihn nicht noch mehr verwickeln oder gar zerreißen sollte.
Sie empfahlen sich bald dem freundlichen Greise, und begaben sich schweigend nach Hause.
»Wie blüht manchmal ein Rosenpaar so ähnlich einander, und gleich an Duft Farbe und Form, daß man sie von einander nicht unterscheiden kann. Aber sind sie darum Eine und Dieselbe? Schau doch nur auch auf den Strauch und den Garten, wo sie blühen! -- sagte Sebald, und begann sein verwischtes Gemälde frisch zu mahlen.
Salassin sezte sich an das Euphon -- dichtete ein Liedchen an -- Lolly, und sang es zu dem Harmonikamoll des schmelzenden Euphons.
Viertes Kapitel.
Das Gesellschaftshaus.
Sich von seinen Grillen zu befreien suchte einmal Salassin Zerstreuung, und gerith in ein Gesellschaftshaus.
Zu unsrer Zeit nennt man sie Koffeehäuser: weil aber diese Aufgeklärten dies Gesäufe kaum dem Namen nach kennen, und in dergleichen Gebäuden nicht Koffee wohl aber ächter Wein aller Sorten geschenkt, und der Gast mit allen möglichen Speisen bedient wird, findet er immer eine sehr große Gesellschaft aller Art Menschen und tausend Ergötzungen in so einem Gesellschaftshause.
Er trat in eines der nächsten Zimmer, da saß eine Menge Männer, die theils tief die Augen in die Zeitungen steckten, theils untereinander sprachen, theils stumm saßen.
Salassin ergriff ein Blatt, und las eine Anzeige der Vorsteher des Musäums der bildenden Künste.
Wir sind entschlossen unsern verdienten allgeliebten Vater des Landes -- hieß es darinn -- einen kleinen Beweis unsrer Liebe zu geben; und setzen auf das vollkommste Portrait des verehrten Kaisers eine Prämie von einer goldnen Ehrenmedaille, die auf einer Seite das Wappen des Musäums, auf der andern das Brustbild des Kaisers tragen wird. Wir machen den Mahlern des Landes unsre schuldige Anzeige.
Die Vorsteher des Musäums.
Mit dem Blatt in der Hand rannte Salassin fort, er reichte es seinem Freunde, der entzückt über die Gelegenheit sich auszeichnen zu können, dem Freunde um den Hals fiel.
Schnell wurden Farben und Pinseln, Stafeleyen und die nöthigen Materialien herbeigeschaft, und im Nu saß Sebald an der Arbeit.
Bist du toll? -- rief Salassin -- du sahst den Kaiser ein einzigesmal, und da mit schüchternen Augen die ohnmöglich jede Miene, jeden Zug, jede Linie der Stirne so genau bemerkt haben können, als zur Vollkommenheit des Bildnisses nöthig ist, und du willst um den Preis ringen.
Da laß du mich sorgen! Mahleraugen sehen, wo du eine Warze bemerkst, die Wurzeln und Fasern derselben.
Nun -- so wünsch ich dir Glück!
Danke!
Fünftes Kapitel.
Die Bestellung.
An der Hand des Fürsten von Tellmann wanderte jeden Tag Salassin in Geschäftssale der Regierung, und lag hier seinem Studium mit ungemeiner Thätigkeit ob. Er erwarb sich den Beifall der Fürsten und Edlen durch seinen Eifer, und sie freuten sich über den treflichen Staatsmann, den er versprach.
An einem Tage wandelte er eben von seinem Geschäfte durch die große Residenzallee, und starrte einige neuangekommenen Luftgondeln an.
Leise trat ein Diener herbei, drückt ihm unversehens ein Briefchen in die Hand, und verschwand wie ein Gedanke.
Er öffnete rasch das Blatt und las:
Wie lange schmacht ich in meiner quälenden Einsamkeit, seit ich dich, liebenswürdiger Fremdling gesehen habe. Meine ganze Seele lebt in dir: süß ist mir die Stunde, in der ich dich bei meinem Fenster vorüber wandeln sehe, da klopft mein Herz im schnellem Pulse, mir glüht es im Innern und brennts vor wehen und wohlen Drang. Jüngling, ich liebe dich -- mein Geständniß kostete mir eine große Ueberwindung, lange Tage, lange Wochen hat die unbezähmbare Liebe mit dem weiblichen Gefühle gerungen; aber vergieb, wenn die erstere mit weit mächtigern Waffen siegte, und mich zu einem Schritt trieb, den nur ein gränzenloser Harm entschuldigen kann. Ich lechze vor Sehnsucht dich einmal wieder zu umarmen. Jüngling laß dich rühren von meinem Schmerze. Heute Abends, wenn des Mondes Goldlampe mit freundlichem Blicke auf die Liebenden blickt, irr ich einsam am Ufer des Stroms -- bei dem 8ten Stadtthore. Willst du mich sehen, so wandle durch die Erlenallee am Strome, dort harrt deiner mit unbeschreiblicher Sehnsucht
_Eine_ dich gränzenlos liebende _Freundin_.
Salassin staunte, seine Augen verschlangen die Schrift, er las 2 -- 3mal und sein Erstaunen stieg immer höher.
Wer mag das kühne Mädchen seyn? Wenn es -- doch nein! die kann es nicht seyn! Soll ich dahin? -- Handle ich recht? Wenn es ein lockendes Irrlichtchen wäre? Aber -- doch, ich will meine Neugierde sättigen -- Ich sehe ja keine Gefahr -- Lollys Bild lebt in meiner Seele -- und die Reize eines andern Mädchens -- sind Tulpen gegen Rosen. Das Abentheuer muß ich doch der Sonderbarkeit wegen bestehn.
Er dachts und gieng als der Mond durch die Kastanienwipfeln seinen lächelnden Strahl senkte, durch Gassen und Strassen an das achte Thor, und wallte begierig die Erlenallee am Ufer des Stromes entlang.
Die liebliche Abendfrische, die aus den Weiden und Fliederhecken und den schlanken Erlen rauschte, des Stromes schöner Anblick, der majestätisch mit sanften Wellen durch thauige Wiesen sich wälzte -- sein liebliches Murmeln, das sich mit den Mollackorden der liebesingenden Nachtigall und dem Instrumentalklang ferner Musikanten vermengte, das Echo, das diese schmelzende Harmonie wiederklang, das Blinken der flimmernden Sternensaat am bläuchlichten Himmel -- ein Herz voll sehnender Liebe -- alles das wirkte auf Salassin bezaubernd, und führte ihn zu süssen Abendschwärmerein.
Allen Rasensitzen vorüber, durch alle Gänge der Allee, durch alle Hecken und Büsche war er gewandelt, aber nirgends hatte sich ein Mädchen gezeigt, das sich als die Senderinn des Briefchens an seinen Arm geschlossen hätte.
»Vermuthlich hat sich jemand den Scherz gemacht, mich ein bischen bei der Nase zu führen. Doch das Vergnügen, das mir der schöne Abend im Freien gewährt, entschädigt mich süß genug -- und ich will noch da bleiben.«
Er lagerte sich an den Bach unter dichtlaubigen Hollunder ins weiche hohe Gras, zu seinen Füssen plätscherten die Wellen, am wurzelvollen Ufer, und spielten mit Wasserröschen und Vergißmeinnichtblümchen. Eine Laute, die er bei sich trug -- wie es damals Sitte ist -- wurde zum sanfttönenden Echo seiner Gefühle ergriffen, er wühlte in den silbernen Seiten, und sang:
Im Abendthau Näßt Flur und Au, Der Dämmrung Grau Beflort das Thalgemälde. Mit Zweigen spielt Der Wind und kühlt Die Trift, und wühlt Im wallenden Roggenfelde.
Der Frösche Chor Hallt dumpf empor Aus Wiesenmoor Im Abendglocken Klange. Sanft rauschen nach Der Quell und Bach, Sie singen nach Das Echo vom Felsenhange.
Durch Astgeflicht Und Blätter bricht Des Vollmonds Licht Und zittert sanft auf Moosen. Die Sternchen streun Blashellen Schein Durch Dorngezäun Auf junge verschloßne Rosen.
Ich irre lang Mit regem Drang Im Erlengang Mit stillen Seelentrauern. Ach liebend streicht Die Wangen feucht Auch sie vielleicht Durch Wiesen in Ahnungschauern.
Und suchet mild Im Mond das Bild Das sie erfüllt Und weint dem Wahn die Thräne, Und sehnet sich Nach mir, wie ich Beklommen mich Ans liebende Herzchen sehne.
Dann fächle du O Lüftchen, Ruh Der Bangen zu, Daß frey ihr Herzchen schlage. Und flüstre traut Wie Flötenlaut, Wo Kühlung thaut Daß einsam, ich um sie klage.