Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Part 4

Chapter 43,621 wordsPublic domain

Hoffe Ruh im Mißgeschicke, So das Daseyn dir vergällt. Bald entwölkt sich deinem Blicke Eine Flur, vom goldnen Glücke Für den Dulder aufgehellt.

Fort rollte der Wagen die Strasse zur Stadt. Der lezte der Berge verbarg sie nur noch. Itzt waren sie auf seinem Nacken, und ausgegossen lag in einer unermeßlichen Ebene die unübersehbare Residenzstadt. Welch ein entzückender Anblick für die Reisenden! In der Mitte stand die Residenz des germanischen Kaisers, mit stark vergoldeten Dächern, mit Erkern und spiegelnden Fenstern wie eine kleine Stadt. Im Kreise um sie herum die Paläste der Fürsten in schöner Ordnung, jeder vom andern durch einen prächtigen Garten abgesöndert. Um die Fürstenwohnungen in mäßiger Ferne die Gebäude der Edlen, und an diese schloßen sich die simetrischen Häuser der Bürger, auch diese immer durch Gärten getrennt, in welchen hochwipflichte Bäume über die blanken Dächer grünten. Eine dreifache Schanze mit ungeheuren Wällen und Gräben umhügelte in einem Ring die ganze Stadt, durchschnitten von breiten regelmäßig angelegten Strassen und Gassen, mit unzähligen Plätzen, wo Alleen und Denksäulen standen. Auf vier Seiten gleich an der Stadt ragten vier unbezwingbare Kastelle auf Hügeln empor, ein majestätisch gleitender Strom mit blauen Wasserspiegel, mit Schiffen und Kähnen besäet umarmte den einem halben Kranz der Stadt. Wie blinkten die Thürme mit gelben Spitzen im Sonnengolde! Wie mischte sich das Farbenspiel der Mauern, der Dächer, der Bäume mit den bläulichen Wolken die aus Schorsteinen stiegen!

Die Reisenden kamen zum Thore. Ein Mann trat an die Kutsche, und fragte ganz artig: Wer bist du? den Grafen.

»Graf Wallingau.«

Sogleich traten die wachthabenden Soldaten auf des Thorstehers Wink unter Gewehr, schulterten, und Welly fuhr ungehalten weiter.

Das bunte Menschengewimmel, der itzt noch lebhaftere Anblick der Gebäude, der schönsten Baukunst Meisterstücke, die mannigfältige Abwechslung gewährte den Ankommenden ein süsses Schauspiel. Sie hielten auf dem Platze der Gasthöfe, den eine lange Reihe der schönsten Einkehrhäuser formte. Die vergoldeten Schilde glänzten. Hier hieß es: zur Treue, dort zur Liebe. Da: zur Hoffnung. Hier: zur Menschlichkeit. Wieder dort: zum Vaterlande.

Im Vaterlande kehren wir ein! -- sagte Welly; sie stiegen ab, und ein halbdutzend windschnelle Diener bedienten die Gäste. --

Der Abend sank vom Himmel und zog seinen Purpurglanz von den wiederspiegelnden Thurmspitzen.

Unsre Reisenden machten eine kleine Promenade, und ruhten von den Beschwerlichkeiten der Reise auf sammtnen Kanapeen aus. »Morgen gehn wir in die Residenz, den Vater des Landes zu sehn! Und dann soll uns die Abwechslung der Stadtvergnügen ergötzen! -- sagte Welly, ehe man zur Ruhe gieng.

Zwölftes Kapitel.

Das unvermuthete Wiedersehen.

Noch glänzte das Licht der Kristalsonnen, die in den Zimmern statt Kerzen dienen, viel heller als der Strahl der aufgehenden Sonne. Da wachten alle vom lärmenden Getöse der beschäftigten Stadtmenschen auf. Kaum waren unsre Pilger angegleidet, da wurden schon Diener gemeldet mit Willkommensbriefchen von Bekannten und Freunden, die Welly in der Stadt besaß, und die seine Auskunft sogleich durch die gewöhnliche Anzeige der Gastwirthe erfahren hatten.

Der lud ihn zum Morgenbesuch, dieser zum Mittagmahle, jener zur Abendpromenade, ein anderer zur Gesellschaft ins Theater ein. Einer von Wellys geliebtesten Freunden drang in ihn, den Gasthof zu verlassen, und bei ihm einzukehren; dieser war der Fürst Tellmann, Minister und Polizeyobrist des Monarchen.

»Wenn du -- schrieb der Fürst in dem Briefchen -- meiner Bitte nicht erfüllst, so sollst du nicht die Freude haben mich noch einmal deinen Freund zu nennen.«

Das ist mir eine gar fürchterliche Drohung! -- sagte Welly lächelnd, und zeigte es seinen Gefährten an. Für Sebald und seine Mutter waren inzwischen neue Kleider herbeigeschaft, und die Beiden erkannten sich in dem neuen Anzug kaum. Sie giengen durch unzählige Gassen und über Plätze dem tellmanschen Palaste zu, an dem das fürstliche Wappen auf einer Silberplatte mit dem Namen des Fürsten, an dem Marmorportale hieng.

Hier sind wir am rechten Orte! -- rief Welly und sie betraten die Treppe. Sogleich ward er gemeldet, und Fürst Tellmann kam ihnen im Vorsale entgegen, rief: Willkommen! und lag in den Armen des Freundes. Willkommen! Willkommen! mit den Deinen! -- sprach er und führte sie in den Gastsaal zum Willkommensbecher.

Sebalds Mutter wankte wie betäubt über den Anblick des Fürsten, der, indem er den Pokal Welly reichte, sie anblickte, den Becher fallen ließ, und -- auf sie mit offnen Armen zulief.

Meine Schwester!

Mein Bruder! riefen sie, und Sebald schloß sich an den Fürsten. Die beiden Wallingauer standen voll Verwunderung.

Das ist mein Sohn! -- sagte Sebalds Mutter, indem sie auf ihn zeigte, der sich an den Oheim mit herzlicher Freude schmiegte.

Mein Schwestersohn! Mein Sohn!

Mein Oheim!

O Freund Welly welch angenehmes Geschenk brachtest du! Wie hast du mich überrascht! -- sprach voll Entzücken der Fürst, und taumelte aus einer Umarmung in die andere. Man sammelte sich endlich und ließ sich auf Ottomanen nieder.

Nun bleibst du bei mir, meine Schwester! -- fieng Tellmann nach einer Weile an -- Ha! der Gram in deinem Gesichte verräth mir nur zu sehr, es sey dir trübe gegangen!

»Laß mich das vergessen, was ich gelitten! An deiner Seite mein theurer Bruder! will ich ein neues Leben beginnen.«

Tellm. So recht! Mir Einsamen ist jedes Vergnügen so unschmakhaft! Allein bin ich, allein! Was nützt mir Ehre, Rang, und Reichthum, wenn ich keine freundschaftliche Seele um mich habe. Meine Gattin starb, meinen Sohn würgte der Krieg, meine Tochter folgte der Mutter. Welly! Welcher Genius führte diese zu dir?

Welly. Ein Zufall --

Tell. Ward ihr schon lange bei einander?

Welly. Seit drei Tagen.

Tell. Seit drei Tagen? Und wußtest du, welche Freude du mir brächtest?

Welly. Wer hätte das geahnet, daß ich meines Tellmanns Schwester auf der Strasse fände, in einem so mitleiderregenden Zustand fände?

Tell. Wie das? Welche Schicksale? -- O erzähle, erzähle mir liebe Schwester! Wie gieng es dir seit du das Vaterland verlassen, seit wir uns nicht sahen?

Und dem freudetrunkenem Tellmann ward erzählt was meine Leser bereits wissen. So manche Stunde schwand in dem Vergnügen des Wiedersehns schneller als der Augenblick, in welchem der Fürst seine Schwester erkannte.

Dreizehntes Kapitel.

Die Audienz.

Nun also in die Residenz! -- sprach der Fürst, und sie erhoben sich von ihren Sitzen. Sie giengen über den großen Platz vor der kaiserlichen Wohnung, der zum Lustwandeln mit hochästigen Kastanien, Pomeranzen und Nußbäumen in mannigfaltiger Abwechslung mit Marmor- und Rosenbänken unter den Schattendächern der Bäume eingerichtet war. Marmorne Ehrendenkmäler berühmter Männer prangten überall zwischen den Bäumen. Das Volk wandelte hier und sah nie solch ein Denkmal an, ohne des edlen Mannes Andenken, dem es gesezt war, zu segnen, wenn er noch lebte, ihm eine lange Erhaltung zu wünschen, der seine Kraft zum Besten des Vaterlandes und der Menschen anwand, oder seiner Asche, wenn er nimmer lebte, eine dankende Thräne zu weinen. Durch das grau und dunkelrothe Marmorthor der Kaiserburg, an der das Wappen Deutschlands der doppelte Adler auf einer Goldplatte glänzte, führte Fürst Tellmann seine Freunde über unzählige Treppen und Stiegen in den Audienzsaal des Kaisers. Die Wachten präsentirten vor ihnen, wo sie vorbei giengen. Sie standen in dem Vorsaal der Minister, meldete sie, und ohne zu säumen wurden sie vorgelassen.

Mit heitrer Miene nahte sich der Vater des Vaterlands, Milde und Majestät, Ernst und Freundlichkeit im Gesichte, vom Goldthrone ihnen entgegen.

Seid mir im Herzen des Landes gegrüst, meine Kinder! sprach er.

»Jeder meiner Bürger ist mir immer willkommen, und meine Seele weidet sich an den Vergnügen, das mir die Besuche der Rechtschaffenen gewähren. Seid mir willkommen!«

Unser Vater! -- sprach Graf Welly mit gerührtem Herzen und sanfter Stimme -- Dein Herablassen rührt uns, die wir freudig den geringen Zoll des stummen Dankes dir weihn. Lange hab ich die hohe Wonne dein Antlitz, Allverehrter zu sehn, lange hab ich sie entbehrt, still und ungesehen meine frommen Wünsche für dein Wohl, für das Wohl unsrer Aller zu dem Urwesen gesandt. Hier stehen meine Söhne erfurchtsvoll vor dir, Erlauchter! um aufgemuntert zu werden, durch deine mächtig wirkende Worte zur Thätigkeit, zum Eifer und zur Liebe für dich und das Vaterland, um durch den Anblick deiner Majestät belebt dem Staate Germaniens als Bürger unzertrennlich sich anzuketten.

Meinen Seegen! entgegnete mit feierlicher Majestät der Monarch, indem er nach dem goldnen mit Edelsteinen aller Art besezten Szepter grif. -- Meinen Seegen, ihr jungen Männer! Folgt dem Beispiel eures Vaters! Bleibet redlich und bieder! Seid rastlos, eifervoll und unermüdet in eurer Vervollkommnung! Das Wohl des Staates, und das Wohl der Menschheit sey euer Wohl! Seelengröße, Geistesstärke und Herzensgüte adeln den Menschen! Sammelt euch Verdienste, damit ihr ruhmvoll in die Fußstapfen eures Vaters tretet.

Er reichte den Szepter hin, und Salassin und Sebald berührten es schweigend mit dem Zeigefinger der rechten Hand. Der Monarch entließ sie mit freundlich ernstem Gesichte.

Diese feierliche Szene prägte sich tief in das Herz und Gedächtniß der Beiden ein, in deren Seele sich fest und unerschütterlich der Entschluß entspann: Eh ich mich einst leiten lasse von der Bahn der Tugend in die Labyrinthe des Laster, eh ich wanke, treu muthvoll und unaufhörlich mich dem Vaterlande zu weihen: eh treffe mich die Schande des Gefühls, daß ich unwürdig des Vaterlandes bin, daß ich unwerth meines Kaisers war, daß ich nicht die Achtung der Edlen verdiene.

Dies war die gewöhnliche Art der Aufmunterung für deutsche junge Männer, die sich dadurch erhoben und aufgerichtet sahen, die dadurch begeistert, ihr kraftvereintes Bestreben dem Lande widmeten. Dadurch entstanden die wackersten Männer, und so viele Eiferer für das Menschenwohl, als es in unserm Jahrhunderte Egoisten giebt.

Fürst Tellmann führte sie durch die ganze Residenz, und zeigte ihnen Millionen der Sehenswürdigkeiten. Tausend der schönsten Erfindungen deutscher Köpfe, und Salassin und Sebald im Enthusiasmus über den Anblick dieser Herrlichkeiten schwelgten in Wonne.

Wir haben noch nicht das geringste gethan -- sprach Salassin, zu seinem Freunde, was uns die Ehre gäbe, hier aufgestellt zu werden. Aber, ich will kein Deutscher seyn, wenn ich nicht auch soviel leiste.

Dein Schwur ist der meine! Entgegnete Sebald. Zwar bin ich gebohren auf Englands Boden, aber Germanien ist mein Vaterland, dem ich alles verdanke, und auch mich soll der Spott des sklavischen Normanns treffen, verachten soll mich jeder Edle, wenn ich des freien deutschen Landes, so mich trägt, nicht würdig werde!

Viele Stunden waren gedankenschnell im Anschaun dieser Sehenswürdigkeiten verflossen, und noch war des Nichtgesehenen Unzähliges. Sie kamen in einen zehnten Saal, wo die prächtigsten Denkmale bewahrt wurden, unter denen die Urnen ehmaliger Beherrscher auch waren. Unter den Urnen der Herrscher war eine dem Joseph II. römischen Kaiser gesezt mit dem Bilde einer aus dichten Wolken hervorstrahlenden Sonne. Eine andere Leopold II. mit einem Palmzweige und den Worten: Er segnete durch Weisheit und Frieden. Eine dritte Franz II. mit einem Taubenpaar dem Sinnbild der Milde und Menschenfreundlichkeit und dem Spruche: Sein Szepter war Liebe des Volks.

Endlich verliessen sie die bewunderte Residenz, und begaben sich zurück in Tellmanns Pallast, wo ein deutsches Mittagsmahl ihrer wartete.

Nach dem Mahle werden wir die Stadt besehen! -- sagte Welly, und Tellmann sezte hinzu: Abends gehen wir in das Theater. Heute ist ein schönes Stück von dem unsterblichen Dichter des 18ten Jahrhunderts Ifland! -- Doch itzo geniesset, die Tafelmusik beginnt schon.

Vierzehntes Kapitel.

Eine fürchterliche Begebenheit.

Noch saß man bei Tische und unterhielt sich mit mancherlei Gegenständen. Salassin und Sebald sprachen von dem Gesehenen in der kaiserlichen Burg, da krachte plözlich ein betäubendes Geprassel und wiederdonnerte durch die Stadt. Die festesten Gebäude erbebten, daß die Fenster klirrten; der Wein tanzte in den Bechern, und die Musikanten liessen Instrumente und die Kannen vom Munde fallen. Eine ungeheure Staubwolke verdunkelte das Licht des Tages, es knallte und schallte, als donnert und prasselte mit fürchterlichem Getöse der Feuerschwangre Vesuv.

Auf den Plätzen und in den Gässen war alles in schrecklicher Bewegung, Geschrei und Gelärme. Alles rannte durch einander mit schreckengebleichten Gesichtern, und zitternden Füssen.

Was ist das? -- rief einer um den andern im Saale, und sprang an das Fenster. Ein Strom ungeheurer Mauerstücke, Wolken von Asche und Staub rauchende und flammende Brandhölzer stiegen auf der westlichen Seite der Stadt hoch in die Luft, und sanken donnernd wieder herunter. Sebald und Salassin liefen schnell aus dem Saal über den Platz nach der Seite zu, wo das Getöse am fürchterlichsten hallte, und das Schuttwetter die Luft verdunkelt hatte.

Die Pulverfabrike! -- scholls überall. Sie ist in die Luft gesprengt!

Die beiden rannten dem Volksgedränge nach und nach einer halben Stunde waren sie vor den Thoren der Stadt. Welch ein kläglicher Anblick.

Hunderte der Menschen waren zerschmettert zerstückelt, zerstümmelt, verwundet, mit Schutt und Brändern überdeckt, und eine ungeheure Schlucht gähnte an dem Orte wo die große Pulverfabrike gestanden war -- Das Gewimmel der unzählbaren Menschen, die aus den Thoren strömten, das Röcheln der Sterbenden, das Stöhnen der Halbverschütteten, das Winseln und Wimmern der Halbzerschmetterten und stark Verwundeten und das Klaggeheul der Herbeilaufenden waren ein gräßliches Schauspiel.

Eilends half man den Unglücklichen. Hier warfen einige den Schutt auseinander, und zogen Erschlagene oder Verstümmelte heraus, dort verbanden andere die Wunden. Sebald nahm einen Mann auf den Rücken, der einer Fuß zerschlagen hatte, und Salassin trug einen andern, dem der Kopf und das Gesicht vom Blute röthete und eine Hand fehlte. Ihrem Beispiele folgten die andern Zuschauer, da packte ein Mann ein ohnmächtiges Weib, dort ein Weib einen wunden Mann auf den Rücken, hier führte ein reizendes Mädchen eine blutende Freundin, dort schlepte eine Zahl rüstiger Jünglinge andere wieder, und in wenig Minuten war das Theater des Jammers von den traurigen Akteurs leer. Dem sonderbaren Zug, der mit seiner Bürde truppenweise nach der Stadt wanderte, stürzten andere Schwärme von Menschen entgegen. Mein Vater! Meine Mutter! Bruder! Schwester! So tönte überall das Jammergeschrei derjenigen, die ihre unglücklichen Freunde in dem Zustande erblickten. Wie regegemachte Ameisen in einem aufgestörten Haufen untereinander wimmeln, diese Eyerchen, jene Weyrauchkörnchen tragen, und surren: so wimmelten die Schwärme der Zusamgelaufenen.

Sebald hatte seinen Mann vor das Haus gebracht, so dieser mit vollem Bewustsein ihm beschrieb, o wehe! da stürzte ein jammerndes Mädchen mit flatternden Haaren entgegen, und schloß weinend den blutenden Vater an ihren ungestümm schlagenden Busen. Ein Bach heißer Thränen rieselte über die schreckensblassen Wangen und sie taumelte neben den blassen Vater ins Haus. Sebald vergaß die Jammerszene und verlor sich im Anblick des huldvollen Geschöpfes, das der Jammer noch schöner kleidete. Er stand halbbetäubt und steif wie eine Bildsäule, und wußte nicht ob er gehen oder bleiben sollte. Das schöne Mädchen faßte sich endlich in ihrem Schmerz, und dankte dem Träger ihres Vaters mit einem herzlichem Kusse, der Sebalden durch Mark und Bein, und Herz und Seele wie ein Feuerstrom glitt.

Ein Wundarzt! -- rief der verwundete Vater, und Sebald sprang fort und kam mit einem zurück, der den Fuß besichtigte und alle mit dem Ausruf tröstete: Ist nicht gefährlich! In 4 Wochen kannst du wieder grade gehen! Jilla -- so nannte sie der Vater -- hüpfte vor Freude auf, wie ein Täubchen auf dem Ast, um das Lager des Kranken und Sebalds Augen waren auf Jilla geheftet, als wären sie angenagelt. Endlich verließ er sie, nachdem er versprochen hatte, sie bald wieder zu besuchen.

Die unglückliche Pulverfabrike! Nicht genug daß sie Menschenkörper durch ihren Schuttsturm verwundete, da muß sie auch schuld seyn, daß sogar unsers lieben Sebalds Herzchen, der doch so ziemlich weit davon war, verwundet ward! Jaja! Schau du nur das Haus und die Gasse wohl an, lieber Sebald! Das jammernde Mädchen hat deinem Herzchen so ziemlich auch eine Portion überlassen.

Die Freunde trafen spät in Tellmanns Palaste wieder zusammen. Graf Welly war mit Sebalds Mutter so eben zurückgekommen, als auch Salassin und Sebald erschienen. Das Menschengewühl war noch immer zu stark. Geschäftige Wundärzte rannten von Haus zu Haus, von Mitleiden getrieben und ohne erst -- wie die Wundärzte im 18ten Jahrhunderte im Gehen die Summe des Verdienstes zu berechnen.

Tellmann kam vom Kaiser aus der Burg, und brachte die Nachricht: daß des Kaisers Majestät über den unglücklichen Vorfall, den man sobald als möglich untersuchen würde, bestürzt vorgeschlagen habe, die Trost und Pflegbedürftigen zu besuchen, und eine beträchtliche Summe unter die Armen zu vertheilen.

Der gute Kaiser! -- sagte Tellmann ist immer bereit, die Unglücklichen aufzusuchen.

Sie folgten dem Beispiele des Monarchen, und verbrachten den Rest des Tages in mancherlei Ergötzungen, von deren Sorten es in dieser ungeheuern Stadt eben so viele Arten gab, als Blumen im Frühlinge sind.

Fünfzehntes Kapitel.

Trennung.

Graf Welly entschloß sich endlich die Stadt zu verlassen, um bald zu seiner um ihn bangenden Gattin nach Hause zu kommen.

Mein Sohn! -- sprach er -- Lebe nun wohl! Die Stunde der Trennung schlägt! Wandle fort den graden Weg zum Ziele, laß dich nie auf Schleichwege leiten. Mein Tellmann übernimmt nun Vaterstelle, und wird väterlich dich lieben. Du wohnst bei ihm und bleibst mit Sebalden unzertrennlich. Werdet der Liebe der Edlen werth! Wenn dein Bewustseyn dir sagen wird, du hast deine Pflicht gethan, dann komm zurück in deines Vaters Arme, an deiner Mutter Herz, die Freude unsers Alters, unser Trost wirst du seyn. Nun leb wohl!

Er sprachs und umarmte mit väterlicher Innigkeit seinen Sohn, gab ihm den Abschiedskus, und wand sich an den Freund und Fürsten Tellmann.

»Freund! Hier geb ich dir meinen Sohn -- ich gebe dir mein Alles. Sey ihm Vater und Freund, leite ihn -- bleibe mein Tellmann --«

Sie umarmten sich gerührt. Itzo wand sich Sebald zu dem Grafen, und sagte mit bewegter Stimme: Du hast meine Mutter und mich so menschenfreundlich gerettet, hast uns entrissen dem Elend und in einen Himmel uns versezt -- erlaube daß ich dir noch einmal mit dankdurchdrungenem Herzen danke -- Ich will dich verehren; Salassin als meinen Bruder lieben, uns trennt in Leiden und Freuden nur der Augenblick, der die Sterblichen trennt. -- Sie schlossen sich bewegt in die Arme.

Sebalds Mutter konnte nichts sprechen, aber ihre Miene, die halben Worte, die sie mühvoll dem hemmenden Gefühle abzwang, die nassen Wangen waren das unverkennbare Gepräge des reinsten Dankes, der in schönen Worten nicht glänzt.

Sie schieden von tiefer Rührung durchschauert -- Der Vater vom Sohne, der Freund vom Freunde -- der Sohn vom Vater, und die Zurückgebliebenen sahen mit gesenktem Blicke der fortrollenden Kutsche nach, und geleiteten ihn mit ihren Wünschen. --

Wie in einem Traume stand Salassin, die Seele von einem Empfindungsgemisch durchwallt. Er dachte -- Mein Vater ist glücklicher als ich! Er wird Lolly bald wieder sehen! --

Sebald und Salassin ketteten sich immer fester an sich, und machten den Plan zum neuen Stadtleben.

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel.

Fürst von Tellmann.

Wir verlassen unsre Helden auf eine kurze Zeit. Sie mögen sich indessen ein bischen mehr in der Stadt umsehn, und an ihre neue Lebensart gewöhnen. Sie mögen bald die Akademien der Wissenschaften, bald die Musäen der Künste, bald die Geschäftssäle der Großen, bald Promenaden, Theater, und Kirchen besuchen, wir schlagen das Buch auf in dem Tellmanns Schicksale beschrieben sind.

Also ist er ein geborner Engländer? Kennt den Grafen Wallingau? Ist Minister? Wie erstieg er in einem fremden Lande diese Stuffe.

In diesem 23ten Jahrhundert kann jeglicher Fremdling durch ausgezeichnete Verdienste ein Glied des Staats werden. Seine Treue, seine Anhänglichkeit und Liebe für den Monarchen und das Land, dem er zu dienen sich entschlossen hat, müssen allgemein erprobt seyn. Und das waren Tellmanns Verdienste, die ihn auf diesen hohen Gipfel der Ehre und als einen Freund an des Monarchen Seite gehoben hatten.

Tellmann war der Sohn eines Edlen in dem Königreiche England. Seine Schwester Sebalds Mutter und er, die einzigen Kinder wurden von ihren Eltern ihrem Stande angemessen erzogen. »Sohn! -- sprach der Vater -- Ich bin ein Edler, Verdienste adelten mich. Werde des Vaterlandes und meiner würdig!«

»Tochter! -- sagte die Mutter -- Sey deiner Eltern, und einst der Liebe eines wackern Mannes werth!« und die Kinder wurden es.

Germaniens Monarch gab, eh noch die Kaiserkrone auf seinem Haupte prangte, einem seiner Freunde in England einen Besuch. Seine blühende Tochter war mit ihm, und manches Jünglings Blick, der die deutsche Grazie traf, goß das Feuer der schnellauflodernden Liebe in die leichtfangende Brust. Zwei vorzüglich, die Söhne der edelsten Staatsdiener, sahen sich plözlich von der mächtigsten Neigung für die germanische Fürstentochter gefesselt. Ihrer Väter Rang, ihr eigner schön aufkeimender Ruhm, schien beiden kühnere Wünsche zu erlauben, und beide nährten die Flamme, beide spornten ihre Kraft an, die deutsche Blume zu erringen. Selmson wars und Lohnston, unser jetzige Tellmann, zwei Jugendfreunde, an Alter, Rang und Kraft nicht ungleich; aber jeder suchte dem Andern sich zu verbergen.

In einem Ring vergnügter Menschen, die einen heitern Sommerabend in dem Park des Kanzlers feierten, wandelte die Gesellschaft durch die Alleen.

Selmson und Lohnston umgaben Rosalien, (so hieß die deutsche Prinzessin) und beide wurden durch diesen Umgang immer mehr noch gefesselt.

Unvermuthet erschien in einer Seitenallee ein krankes, mattes, dürftig gekleidetes Weib mit zwei kleinen Kindern an der Hand, und setzte sich müde in das Gras. Lohnston gewahrte sie kaum, als er Rosalien sich empfahl, und das standhaft unterdrückte Gefühl der Liebe dem Mitleid Raum gab. Er gieng zu dem Weibe, half ihr auf, und führte sie mit dem einem Kind in dem Arm auf dem Park in ein kleines Häuschen, wo er sich gutherzig um ihr Befinden fragte, und sich als er ihrer Noth abgeholfen hatte, wieder unter die Gesellschaft mischte.

Rosaliens Aug war ihm nachgefolgt, sie leitete ihre Schritte in die Gegend des Gartens, dahin Lohnston mit der armen Familie gegangen war. Unbemerkt kam sie von der Gesellschaft, nachdem sie Selmson ersucht hatte, sie auf einige Augenblicke zu verlassen, hinweg, und trat eben so unbemerkt von allen in das Häuschen, aus welchem Lohnston vor ihr gekommen war, ohne Rosalien, die sich in den Gesträuchen verborgen hatte, gesehen zu haben.

Sie forschte das arme Weib aus, und erfuhr, daß Lohnston ihr Wohlthäter sey, der täglich in ihrem Elende sie besuche, und ihre Klagen verstummen mache.

»Meinen Gatten -- sagte das Weib -- erschlug eine alte Mauer, an deren Fuße er gegraben hatte. Ich fiel in das größte Elend. Dürftigkeit war stäts mein Loos. Meines seeligen Mannes Fleiß half uns, wir lebten arm aber froh. Mit seinem Tode war ich und meine 2 Kinder in Gefahr, den Hungertod zu sterben. Zu Betteln, ertrug ich nicht. Lohnston spürte meine Noth aus, und hilft mir großmüthig, daß ich wieder arbeiten und mich und meine Waisen ernähren kann.«