Part 3
Der Abend sank vom leicht bewolkten Himmel auf rosigten Flügeln hinab, die Sonne glänzte am westlichen Horizont in halber Goldscheibe, und ein rother Strahl spiegelte in dem weniggefüllten Pokal. Man beschloß einen Spaziergang in den Park, und die Gesellschaft begab sich paarweise dahin.
Lolly -- sagte Spengler zu seiner Tochter, einem Mädchen, dem an den Rosenwangen der Frühling zum sechzehntenmale blühte -- Lolly unterhalte doch unsern jungen Gast recht gut.
Ja, Vater: das will ich schon thun! -- meinte sie, und ihre Wange ward höher roth. Sie schloß sich an Salassin, und wandelte mit ihm in die schönen Gänge des Gartens.
Heute war ein sehr schwüler Tag! begann Lolly, indem sie schalkhaft ihren Führer anlächelte, der zum erstenmal an einer so schönen Seite gieng. -- Ihr beiden werdet müde auf der Reise geworden seyn.
Um so angenehmer labt uns die Ruhe, und besonders hier, wo der kühle Abend, und so liebliche Blüthen um uns sind! -- sprach Salassin etwas verblüft; denn ihm ward es schon bei Lollys ersten Anblicke wunderlich ums Herz. Wenn das Mädchen zehnmal ein allerliebstes Gesprächsel anfieng, ließ der schüchterne Salassin sonst so gewandt um frey -- zehnmal ließ er den Faden fallen. Ein niegefüllter Drang klopfte schneller in seinem Pulse, und die Glut seines Gesichtes stieg höher bei jeglichen Blicke, den Lolly mit ihrem freundlichen Auge auf ihn warf.
Unsre Väter sind so gute Freunde, wie kommt es, daß sie sich selten besuchten? Ich sah dich noch niemal? -- fieng Lolly wieder an.
»Mein Vater hat immer der Geschäfte so viele« -- Auch meiner und doch ist er fast jede Woche irgendwo zu Gaste.
»Die Entfernung von Wallingau nach -- Wie nennet man dieses Dorf?«
Wallbach!
»Sind volle fünfzehn Meilen.«
Die kann man in einem Tage zurücklegen mit flüchtigen Luftgondeln.
»O ja! -- es ist aber nicht immer gut Wetter.«
Sage lieber Laune daheim zu bleiben -- Du fährst also nach der Residenz?
»Ja!
Wirst du nicht bald zurückkommen?
»Das läßt sich nicht bestimmen.
O du mußt uns öfter --
»Recht gerne!«
Das Gespräch hätte wieder sein Ende, und sie wandelten weiter in den labyrintischen Gängen des Parks. In der Mitte plätscherte eine Kaskade. Ein kristallener Erlenbaum schoß aus jedem künstlich gebildeten Zweige das flimmernde Wasser, das wie ein Staubregen in das Becken rieselte, und in einen schilfigten Teich rann.
Die Beiden weilten und sahen bald das schöne Schauspiel, bald -- sich an, und ihr Lächeln, ihr schnell sich begegnender Blick fiel schneller zurück auf die Kaskade.
Eine Goldrose schwamm mitten im Teiche. Die leichten Wellen gaukelten sie näher an das Röhriggestade.
Eine Goldrose! -- rief Lolly, und zeigte in den Teich. Salassin sammelte Kieseln, um die Blume durch ein geschicktes Werfen näher an den Damm zu treiben. Es gelang, und die Rose war fast mit der Hand zu erreichen. Schnell um dem schönen Gast zuvorzukommen, kniete Lolly auf den Grasdamm, und langte nach der Goldrose. Salassin der eben ein Stäbchen vom nächsten Strauche brach, stand mit dem Rücken gegen den Teich, und bemerkte die Müherinn nicht, die, indem sie nach der Blume tappte, das Gleichgewicht verlor, und mit einem lauten Ach! in den tiefen Teich sank. Erschrocken über den Schrey sprang Salassin dahin, als Lolly eben untertauchte.
Im Augenblick stürzt er sich nach, erhaschte sie, und schwamn das Mädchen in einem Arm haltend, damit er mit dem andern rudern könne, heraus.
Einen Theil der Gesellschaft führte der Zirkelweg auf die andere Seite des Teiches, sie erblickten mit lautem Hilfeschrein die klägliche Szene, aber kaum waren die meisten herbeigeeilt, als das Paar ganz naß schon wieder auf dem Damme stand.
Ich war so ungeschikt, -- sagte Lolly, und streifte das triefende Wasser vom Gewand -- und fiel in den Teich! O ich danke dir lieber Gast! Wie der Wind schnell trug er mich aus den Wellen!
»O nicht doch -- ich war so unachtsam« -- wendete Salassin ein -- »brach ein Stäbchen vom Strauche, um damit eine Rose aus dem Wasser zu ziehn, und bemerkte nicht, daß Lolly mir zuvorkomme, und indem sie sich nach der Blume bükte in den Teich sank.«
O gehe doch! ich bin Schuld daran! -- eiferte das nasse Mädchen. Warum war ich --
Jaja! -- rief ein anderes Mädchen schäckernd. Ich wette die Rose wars wohl eben nicht!
»Ey und was denn sonst?«
Gewiß sie standen beide da am Uferrand, und fielen, weil Lolly einem Kuß sich entsträuben wollte, unachtsam hinein.
Warum nicht gar« -- sagte Lolly mit jungfräulicher Verschämtheit. -- Und wenn ich es thue, er hat mich ja aus dem Wasser getragen!
Und die Goldrose doch erhascht! -- dachte Salassin, und die Gesellschaft verscherzte den leichten Schrecken.
Ihr seyd mir ein paar Unglückskinder! -- rief Bengler lächelnd. Zum erstenmal sehn sie sich, und bestehen schon ein Abentheuer in einem gefährlichen Element! Kinderchen! Scheut künftig das Wasser!
Eiliger gieng man itzo dem Schlosse zu, und aller Gespräche Stoff war -- die Rosenfischerei. Man lachte und schäckerte und würzte damit den Rest des Abends, bis man in den Schoos des Schlummers eilte. Lolly -- träumte mit offnen Augen von -- der Goldrose. Und Salassin? Dem verwandelten Salassin trieb ein süßes Empfindunggemisch den Schlaf vom Augenlied. Er schwamm mit der schönen Goldrose aus dem Teiche! Dies Bild wich ihm nicht aus dem Traume.
Achtes Kapitel.
Komm bald wieder zur Rosenfischerei!
Mit würzigen Kränzen aus Rosen gewebt, Verketten sich Herzen durch Liebe. Nicht leichter erhellet der mondliche Schein Das kühlige Dunkel im flüsternden Hain Als Herzen der Sonnenglanz -- Liebe.
Kaum hatte der Nachtwächter Hahn in seine kreischende Trompete gestossen, kaum röthete blaß noch der neue Tag den Ost da erwachten mit dem Geflügel des Hofes die Gäste im Schlosse.
Heiterkeit glänzte an jeglicher Stirne, wie an der Stirne des Tages der heitre Morgen glänzt. Freude, Munterkeit erwachten mit ihnen, und alle riefen sich: Guten Tag!
Fröhlicher als alle noch war die reizende Lolly, lieblich wie die sich entwickelnde Morgenröthe, scherzend und sanft wie das Lüftchen vom Fächer erregt, und unschuldig, wie ein junges Ringeltäubchen. Ein anderes Gewand aus feinstem Flor umfloß ihren rohrschlanken Wuchs, das lange, blonde, kunstlos geringelte Haar flatterte im Morgenwind, der ihre blühenden Wangen küßte.
Guten Morgen! -- sagte sie ein paarmal zu Salassin, den ihr Anblik wie ein Zauberbild verwirrte.
Guten Morgen! -- erwiederte er sanft, und schaute verlegen durch die auf ihn gehefteten Blicke der weiblichen Gäste, auf -- Lollys Schuhe. Auch er hatte sich netter als sonst gekleidet, zwar gab er vor, es sey geschehen, weil gestern sein Reisekleid naß geworden, und noch nicht getrocknet sey.
Aber seht mir doch den Schalk! -- um Lolly zu gefallen, zog er sein schönstes Gewand an. Um dem reizenden Mädchen zu gefallen, schmükst du dich, guter Salassin! mit deinem besten Kleide? Zwar du mögtest dir selbst nicht so ganz deutlich sagen können, warum? Doch meintest du -- es stünde dir doch besser, und -- und -- Aber fast meint ich, du wärest ein Stutzer des 18ten Jahrhunderts, die alle ihre Schönheit, und wohl auch ihre Menschenähnlichkeit dem Kleide verdanken, aber in deinem Sekulum wo das sinnlich Schöne weniger als das Geistige gesehen wird? Je nu, man besucht itzo und immer zuerst das Kleid der Rose, eh man an den Honig denkt! -- Aber dir war es wohl immer nöthig guter Jüngling! Im ersten Worte, das ihr beide spracht, waren eure Seelen verflossen. Da blick einmal hin, wie sie nach dir zurükschilt, wenn ihr der Vater zuflüstert, sie solle das oder jenes für die Gäste besorgen! Wie sie alles schnell und eilig verrichtet, um -- nur bald wieder unter die Gäste zu kommen. Unter die Gäste? -- Ja, deutsch gesagt -- zu Salassin. Lieber wie ist dir zu Muthe, wenn sie dich zärtlich fragt, wie du nach dem gestrigen Schrecken geschlaffen? Ob du dich nicht erkühlt hast? Wie sie so vollmondfreundlich zurüksieht, wenn dein Lächeln ihrem begegnet? Salassin! Denk' an die Stadt! Ohne Herzchen darfst du beileibe nicht dahin kommen! Ja wenn die Damen in deinem Jahrhunderte wie diese in unsern wären, daß sie darauf Verzicht thäten! Doch sey guten Muths! Du erhältst für dein Herzchen ein anderes dir gewiß noch wertheres -- Lollys -- zur Lebenszehrung.
Der Kranz der Gäste sammelte sich um das Frühmahl. Ein Lied gefühlvoll wie die Sänger ward angestimmt. Lolly schlug das Euphon dazu, und Salassin mit seinem ganzen Ich ein Ohr, bemerkte nicht, daß alle über ihn lächelten. Schlägst du nicht auch Euphon? -- fragte Bengler den aufmerksamen Träumer.
Ich -- bin ein Klimperer gegen Lollys Spiel! war seine Antwort.
Das ist zu bescheiden! Eine Schmeichelei! -- riefen einige der Gäste. Versuch es, laß uns doch hören!
»Spannt aber die Erwartung nicht zu sehr -- ich --« Jaja! -- sagte Lolly, indem sie ihn an das Euphon zog, -- Du konntest gestern so gut schwimmen, also -- Mußt du auch gut Euphon schlagen! Ueber den Mädchensyllogismus! -- lachte Bengler.
Salassin faßte sich, und spielte. Wie er vorhin die schöne Künstlerinn bewunderte, bewunderten ihn alle itzt, am meisten was ganz natürlich zu enträthseln ist, die Blume des Gastherrn selbst.
Salassin goß den Schwall der Empfindungen, die in seinem Herzen rangen in eine harmonische Fantasie. Alle fühlten die sanfte Wehmuth, wenn er im schmelzenden Moll klagte, alle waren hingerissen von dem Feuer, wenn er seine Gefühle in die wiedertönenden Saiten stürmte, alle bewegten die Füsse wenn er im lieblichen Allegro tändelte. Lolly wäre dem Zauberer beinahe um dem Hals gefallen.
Meisterhaft! Vortreflich! -- riefen die Gäste, und klatschten ihm ihren Beifall. Du mußt dich in der Stadt bewundern lassen!
Um Vergebung! -- sprach Salassin, -- nicht meine Geschicklichkeit -- das vortrefliche Euphon, das sich so gut ausnimmt --
»Weil du so gut spieltest -- sagte Lolly -- warte, laß uns doch auch deinen Gesang hören. Hier ist ein Duetto von dem Musiker des 18ten Jahrhunderts, Mozart.
Richtig! Der Einfall war schön! -- riefen die Andern. -- Sie sangen, O welch ein Gesang! Der liebliche Tenor mit des Mädchens Nachtigallsoprano schmolz so zärtlich -- so gefühlvoll, so süß ineinander -- Natur und Kunst war so schwesterlich vereint, -- alle vergaßen wie bezaubert des Frühmahles im Hören verloren.
Die beiden Väter blickten sich mit frohem Gesichte an, in jedem stieg der leise Wunsch auf: Welch ein herrlich Paar könnten unsre Kinder werden!
Graf Welly wurde mit Lob und Schmeicheleien über seinen Sohn überströmt, und freute sich innig. Man schloß endlich das ergötzende Schauspiel, und Welly sprach von der Abreise.
»Nicht doch Freund! Bleibe noch da! Du versäumst ja nichts! Wir sahen uns lange Jahre nicht! Die Stadt entläuft ja nicht!« -- warf Wallbach ein; als dieser sich zu empfehlen begann.
»Halte mirs zu Guten, theurer Wallbach! Meine Gattin würde bangen, träf ich zur bestimmen Stunde nicht ein in der Heimat.«
O dann sey unbesorgt! ich schick eine Luftgondel um sie!
»Ein andermal Freund! Ein andermal! Nun -- wie du willst. Zwang ist meine Sache nicht!
Die beiden Wellyngauer empfahlen sich; allen war leid, und alle bedauerten die kurze Dauer des Vergnügens, das dieser Besuch gewährte, am leidesten war's -- Lolly. Sie hätte gern alle Kutschen und Pferde, Gondeln und Fahrzeuge verzaubert, wenn es in ihrer Macht gestanden wäre; ach! ihr war der schöne Schwimmer, der geschickte Euphonschläger lieber und theurer geworden, als den Mädchen des 18ten Jahrhunderts die -- Schminke.
So gefiel es dir nicht bei uns? -- fragte sie trübe, den eben nicht sehr heitern Salassin.
»Mir? Könnte mir der Himmel besser gefallen?«
Und doch dringst du so auf die Abreise?
»Mein Wille muß des Vaters Wille seyn.«
Aber du kömmst doch bald wieder?
»Land und Meer!« -- sprach Salassin, und verbarg die schnellaufsteigende Gesichtsröthe mit dem Schnupftuch. Eine kleine Pause, worinn sich die Beiden wechselseitig anblickten, und die Augen sprechen ließen, was wir freilich nicht verstehen, da wirs nicht hören -- zulezt ein unwillkührlicher Händedruck -- endlich ein feuriger Abschiedskuß, und Leb wohl! Lolly! -- Leb wohl! Salassin -- Das war das Finale ihres Duetto.
Die Pferde wieherten im Hofe, und wühlten mit den Hufen im Boden, da traten alle vor das Schloß, man schied unter gewöhnlichen Abschiedsumarmungen, und die beiden Wellyngauer rollten in der Kutsche unterm Zuwinken der Zurückgebliebenen die Strasse weiter.
Salassin! Daß du ja bald wieder Euphon in Walbach schlägst! -- rief Lolly ihm zu, als er in die Kutsche stieg. Er nikte stumm die Antwort, und das weiche Mädchen, suchte auf der Erde, als hätte sie etwas verloren, inzwischen, verbarg sie so nur ein kleines Thränchen, das ihr wider Willen entquoll. Jaja! Komm nur bald wieder zur Rosenfischerei! scherzte ein anderes Mädchen.
Neuntes Kapitel.
Die müden Wanderer.
Warum bist du so traurig? -- fragte Vater Welly, nachdem sie Walbach weit im Rücken gelassen hatten. Du warst doch gestern heiterer auf der Reise!
»Ich dachte -- was wohl die Mutter machen würde?« Welly lächelte über die unvermuthete Wendung, und sah ihn mit einem forschendem Blicke an. Darum sprichst du heute kein Wörtchen? Sitzest da ohne Geist und Seele, wie ein mechanisch sich bewegender Fleischklumpen? Gukst immer zurück, woher wir kommen? Seufzest wohl auch gar, wenn du glaubst, ich bemerk es nicht.
»Mir ist -- vom Fahren bange geworden, und das Wetter, so da plötzlich den schönsten Tag, in den trübsten verwandelt hat, ist --«
Doch nicht etwa im Barometer deiner Seele auch auf den Regenpunkt gerükt?
»Der Einfluß --«
Des Regenwetters, war ja nie auf dich so groß, daß du trübe geworden wärest. Hattest du nicht immer sonst deine Freude daran, wenn die blitzenden Tropfen flimmernd vom Himmel rieselten? und das staubichte Baumlaub abwischten, die Luft heitrer und angenehmer zu athmen war? Salassin?
»Mein Vater --«
Mein Sohn! Du hast nicht Ursache deinem Vater und deinem Freunde diese Bewegung, die in dir vorgeht, so sorgsam zu verbergen. Lolly --
Salassin schlug die Augen nieder, und hörte bei diesem werthen Namen aufmerksam zu.
»Lolly ist ein edles liebenswürdiges Mädchen, deine keimende Liebe, die ein nicht blinder Vater sehr leicht bemerken muß, tadl' ich nicht.
»Liebe? mein Vater!« sagte Salassin und drückte sich mit inniger Rührung an des Vaters Brust.
Ich glaub es dir gerne, daß du deinem Empfindungsgemische den Namen nicht zu geben weist. Deine Unerfahrenheit -- aber Salassin! Laß diesen Trieb in deinem Innern noch nicht zu stark sprossen, daß er deinen andern Seelenkräfte nicht zu sehr verdränge, deine Lebens und Geisteskräfte nicht erschlaffe! Werd ein edler Mann! Sammle dir Verdienste, und ich will die Stunde zu meinen seligsten zählen, in der Lolly dir als Gattin zugeführt wird.
Der düstre Salassin ward mächtig getröstet, und erheitert. »Ja mein Vater! -- rief er -- edel und rechtschaffen will ich immer in deine Fußstapfen treten, deine väterliche Liebe sey mir ein Leitstern, der mich nie im Labyrinthe der Laster vom graden Weg der Tugend irren lassen wird!«
So mein Salassin! Und dann komm als unsre einzige Lebensfreude in die Arme deiner beglückter Eltern!
Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolken waren zertheilt, und des Himmels freundliches Blau lachte durch die zerstreuten Wolken. Die Sonne glänzte lieblicher auf die erfrischten Gefilde.
O Vater! -- fieng schnell Salassin an, indem er auf die Strasse sah -- Dort gehet ein paar Menschen. Sieh! ein junger Mann mit einer kränklichen Frau. Wie ihre dürftigen Kleider vom Regen triefen. Der junge Mann trug sie auf dem Rücken, führte sie bald, bald nahm er sie wieder auf sich --. Die sind gewiß sehr müd und matt. Nehmen wir sie doch in unsern Wagen. Ich setze mich zu Thomas auf den Bock.
»Brav, mein Sohn! -- Thomas!«
Herr!
»Jage die Pferde, und wenn du dies Paar Leute eingehohlt hast, halte!«
Gut, Herr!
In wenigen Augenblicken stand der Wagen, Salassin sprang heraus, und führte die matte kranke Frau auf seinen Sitz, ohne viel Worte zu wechseln. Ihr Führer dankte mit herzlicher Freude, und wollte zu Fusse fort.
»Nur auch herein! -- sprach Salassin!«
O guter Mann! ich bin ja noch jung, und rüstig, wenn nur meine liebe Mutter -- Nein, mein Sebald -- sagte die Mutter halb erschöpft. -- Herr nimm ihn statt meiner in den Wagen, wenn du so gut seyn willst. Er hatt mich schon einige Stunden weit auf dem Rücken getragen -- er kann seine Füsse kaum mehr heben.
Beide, beide herein! -- sagte Salassin, -- half ihnen in die Kutsche, und sezte sich zu dem Kutscher der Bequemlichkeit der Müden halber auf den Bock. Der junge Mensch gewahrt es kaum, als er schnell aus dem Wagen sprang und sprach: diese Güte kann ich nicht annehmen -- laß lieber mich dahin, -- warum sollst du dich deiner Bequemlichkeit berauben.«
Wie haben alle viere Platz! -- entschied Welly, und sie saßen beisammen. Die müde zitternden Fremden sahen sich bewegt an, und nickten sich zu: Gott hat uns diese Edlen zu Rettern geschickt!
Zehntes Kapitel.
Geschichte dieser müden Wanderer.
Salassin vergaß an -- Lolly, er war so froh und munter, und wußte nicht warum? Woher kommt ihr guten Leute! -- fragte Welly als sie sich einigermassen erholt hatten. Ihr habt heute eine garstige Witterung zur Reise gehabt.
Wir wanderten -- nahm der junge Mensch das Wort -- schon viele Monden aus den nördlichen Provinzen Deutschlands. Ich bin ein Mahler meiner Kunst, und wollte nach der Residenzstadt des Kaisers.
Ein Mahler? -- dachte Salassin, und bei der Vorstellung von Gemälden schwebt Lollys Bild schnell vor seiner Seele. Mahler haben in unserm Lande viel Verdienst! Die Vorstäher des Mahlermusäums belohnen Geschicklichkeit, wenn sie ausgezeichnet ist, sogar mit Beifall und Gütern.
Der junge M. Ich kenne Germanien wiewohl England mein Geburtsort ist, denn ich bin hier aufgewachsen; und habe mir seit mich mein Lehrmeister fähig hielt durch Fertigkeit mein Brod zu verdienen, manchen schönen Gulden verdient. Vor acht Monden wurden wir an der Küste Hollands, von Seeräubern überfallen, die uns außer dem Leben und dem Kleide, so wir angezogen hatten, nichts, nicht einmal meine nöthigsten Werkzeuge liessen. Meine Mutter erkrankte mir überdies bald darauf, und da mir alle Mitteln zu arbeiten fehlten, schlepten wir uns elend von Ort zu Ort. Zwar haben wir der braven Menschen viele angetroffen, die uns gastfreundlich aufnahmen. In einem Orte waren wir wohl vier volle Wochen, wo ein edler Pfarrer meine liebe Mutter vom Fieber kurirte: er sammelte noch überdies bei seiner Gemeinde einen Zehrpfennig für uns, wir reisten gemächlich bis auf wenige Meilen hieher, wo wir nun sind, aber vorgestern schon war ein Trunk Wasser und ein Stück Brod unsre einzige Labung. Die Leute können uns die Ehrlichkeit nicht im Gesichte lesen, und also betteln -- Herr
Welly. Was ein Mahler in unsrer Zeit betteln?
Der junge M. Das fiel mir schwer -- so unmöglich -- aber doch war meine Mutter nicht anders zu erhalten. Ich nahm all meine Stärke zusamm, und sprach einem der reichsten Häuser im Dorfe zu. Ein Mann saß darinn am Tische, und zählte eben eine ungeheure Summe Geldes, das in hohen Haufen aufgeschlichtet war. Der Mann war ein Gerippe, und als er mich ersah, sprang er schnell von seinem Sitze und stieß mich zur Thüre hinaus. Auf immer abgeschrekt empfahl ich meine Mutter und mich Gott, und trug sie weiter von Ort zu Ort, bis ihr uns traft.
Welly. In England bist du gebohren? Deine Denkart ist aber sehr deutsch; du warst gewiß nicht lange da!
Das glaub ich -- nahm die erholte Mutter das Wort -- Mein Sebald war noch in den Windeln als ich ihn in meinen Armen aus England zum Vater trug, der bei der Armee der Normänner, die damals gegen Deutschland im Felde war, seyn sollte; denn er war entflohn, und gewiß wußt ich es nicht wo er lebte. Wir zogen überall herum, und fanden ihn nicht. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er todt. Wir verliessen Norland und kamen nach Germanien. Eines Tages am Abend lag ich eben im thauigten Grase an der Strasse, mein Sebald war schon sechs Jahr alt, neben mir, und wollten hier die Nacht verschlafen, von allen entblöst was uns ein besseres Lager hätte bereiten können. Ein wohlhabender Mann sah unser Elend, und ließ uns, da wir auf den Füssen nimmer stehen konnten, in ein nahes Städtchen fahren. Er gewann Neigung für uns, behielt mich, da seine Gattin kurz vorher gestorben, und 4 unerzogene Waisen gelassen hatte, in seinem Hause, wo ich der Arbeit genug, und keinen Mangel hatte. Eben dies war der Mann, der meinen Sohn die Mahlerei lehrte, die er selbst trieb und wodurch er ein sehr wohlhabender Mann geworden war. Weit und breit war er berühmt, und aus fremden Ländern bestellt man sogar Gemälde bei ihm. So lebten wir bis der wohlthätige Mann zu unserm Jammer starb.
Sebald. Das ist seit zwei Jahren. Er war mir ein zärtlicher sorgsamer Vater. Ach! nie kann ich vergessen, wie er mich liebte, wie er seinen Kindern gleich mich erzog. Ruhe, süsse Ruhe seiner Seele! Wir verliessen damals dieses Städtchen, und kamen nach den Unfällen, die ich bereits anführte, hieher, wo uns Gott in euch einen zweiten Retter sandte.
Welly. Das war meine Pflicht, euch beizustehn. Daß würde jeglicher gethan haben. Wir sind morgen in der Stadt, und junger Mann ich will die Vaterstelle übernehmen, will fernhin für dich sorgen. Sey selbst auch thätig, dann wirst du einmal über nichts zu klagen haben. In unserm Jahrhundert verhungert nun kein geschickter Künstler mehr. Die Zeit der Barbaren, wo die Dumköpfe im Ueberfluß schwelgten, die verdientesten Köpfe darbten, ist gottlob nicht mehr. Ich will den Tag unter die schönsten meines Lebens aufzeichnen, an dem ich dich fand, und dem Vaterlande einen braven Bürger und geschickten Künstler, durch eine so geringe Hilfe erhielt. Salassin! -- Ihr bleibt Gefährten -- Freunde, Brüder! meine Söhne!
Sebald drückte voll ungestümmer Freude Wellys Hand, auf die eine glühende Thräne des stummen Dankenden rann.
Du kennst mich so wenig -- stammelte er -- und zeigst dich so edel gegen mich. Diese Güte -- dies Zutraun richtet mich auf! Nimm -- ich habe nichts als stille Thränen zum Danke -- Die Geretteten -- hier deutete er wortlos auf seine entzückte Mutter, welche wie er keine Silbe sprechen konnte.
Salassin umarmte seinen neuen Bruder. Ihre Neigungen trafen sich, der Ring der Freundschaft umschlang ihre Herzen, sie wurden Freunde, Brüder und blieben es.
So kamen sie in einer seelerhebenden Freude allmählig der Stadt näher. Sebalds Leiden gefurchte Stirne glättete die namenlose Wonne, die ihm im Innern glühte. Er war ein blühender junger Mann, voll Fähigkeiten, voll Streben, seine Anlagen zu bilden, und mit einem edlen Herzen von Mutter Natur beschenkt. Seine Seele trug er im Gesichte, das schwarze Aug funkelte von dem Feuer, das ein Abstrahl seines Geistes war. Aus seinen abgetragenen Kleidern schimmerte er hervor, wie der Vollmond durch ein zerrissenes Gewölke.
Seiner Mutter eine ungefähr vierzigjährige Frau, mit den unverkennlichen Spuren ehemaliger Schönheit, hatte der Kummer, das Elend und ein gewisser Harm (dessen Ursache meine Leser, wenn sie es noch nicht errathen haben, doch bald erfahren werden) die Wangen gebleicht, aber sie erregte dadurch in jeder Seele nur um so mehr Theilnahme, und ihr ganzes Betragen verrieth gar zu deutlich, daß sie einst edel erzogen, der Dürftigkeit nicht bestimmt war, die sie nun drückte.
Seelenvergnügt war Welly und sein Bewustseyn maaß ihm bereits ein hohes Gefühl süsser Empfindungen, wenn er Sebald und seine Mutter ansah. Salassin wurde bald vertraulicher mit Sebalden. Unter Erzählungen und Gesprächen vergaßen die aufgenommenen Pilger ihr voriges Leid, und träumten von dem Himmel, der sich vor ihren Blicken aufschliessen würde. Salassin durch diese zerstreut, dachte allenfalls noch manchmal, wenn der Mahler von Bildern sprach, an Lollys lebendiges Bild.
Eilftes Kapitel.
Die Stadt.