Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Part 2

Chapter 23,665 wordsPublic domain

Die Dame. Sohn -- er ist -- gestorben! Er hat --

Der Gastw. Gestorben? Gestorben? Ach, und hat auf seinem Sterbelager --

Die Dame. Den Fluch zurükgenommen, dich gesegnet!

Der Gastw. (freudig) Gesegnet? Gesegnet? O denn Ruhe, Ruhe seiner Asche -- er hat mir ja verziehen, mich gesegnet! O meine Mutter! wie hat mich sein Fluch in der weiten Welt herumgejagt! Irrend in fremden Ländern, aus meinem Vaterland gestossen, lebte ich nur zur namenlosen Qual. Von einem Orte zum andern trieb es mich unaufhörlich, überall und überall verfolgte mich sein entrüstet Bild. Ueberall und immer klangen in meinen Ohren die Worte des Grimes: Fluch dir, Schande deines Vaters! Wo ich gieng und stand, wo ich schlief und wachte, und saß und eilte, klangs um mich und peitschte Ruhe und Frieden aus mir. Lange, lange, nach vielen Monden konnt ich Fremdling der Welt keinen Reiz meinem Leben abgewinnen: melankolisch war meine Seele und durchstürmt von tausend Martern, die mich oft zum verzweifelten Gedanken des Selbstmordes brachten. In dieser namenlos elenden Lage, meine Mutter! irrt ich umher in Gottes weiter Welt, ohne Obdach ohne Vater, ohne Mutter, ohne einem tröstenden Freunde; keine Seele nahm Antheil an meinem stillen Jammer, der noch immer folternder wurde, je länger ich aus meinem Vaterlande, von meinen Eltern verstossen, von Marlon getrennt, und vielleicht, ach vielleicht verwünscht in fremden Ländern herumschweifte. Bis ich endlich nach Norland kam, wo man mich unter das Kriegsheer steckte, das gegen meine itzige Heimath Germanien Krieg führte, bis ich hier im Schlachtgewühl betäubt nur den Retter verlangte, der meine Wunden heilen auf immer heilen konnte, den Tod. Aber ich fand den Ersehnten nicht. Zu meiner Stirnnarbe, die mir damals der entflammte Vater mit dem Schwerte schlug, als er mich fortjagte, gesellten sich neue Wunden -- gefährlich, tödtlich nennt man sie, aber ich nannte sie heilsam, denn ich meinte der Tod würde diese Wunden bald heilen.

Die Dame. Mein armer, armer Jehnson!

Jehnson. Aber ich hatte falsch gerechnet -- die Wunden bluteten noch als ich von den Deutschen gefangen ward. Doch welch eine Gefangenschaft! Freyheit, Freyheit war sie in diesem teutschen Lande! Die Normänner wurden einmal um das andermal geschlagen, und zum Frieden gezwungen. Ich ward wieder gesund, die Gefangenen erhielten die Willkühr, sich zurük zu begeben, oder wenn sie fleisige Glieder seyn wollten, da sich anzusetzen. Ich blieb da, man gab mir in wenig Monden das Bürgerrecht, und ich arbeitete für dies Land. Die Erinnerung an meine Unfälle ward nach und nach schwächer, ich fand Beruhigung und einige Vergessenheit in meinen Arbeiten. Die Baukunst war meine liebste Beschäftigung. Man gab mir Mitteln an die Hand, mich zu bilden, ich bemühte mich mit Freuden dieser Grosmuth gegen mich Fremdling werth zu seyn, und es gelang mir in einigen Jahren mich auszuzeichnen. Ich machte einen Riß für ein Gasthaus, und ward aufgemuntert das Gebäude nach der Angabe aufzuführen. Glüklicherweise stellt ich es her, und es übertraf an Simetrie, Feste und Bequemlichkeit des Baues alle noch stehenden Gasthöfe; das Kollegium der Edlen belohnte mich mit diesem besten Gasthofe da, wo ich nun seit vier Jahren in Frieden, aber doch nicht glüklich lebe. O wie oft sehnte ich mich, wenn es mir auch am besten gieng, an die Brust meiner Eltern -- wie oft war ich schon auf der Reise zu dir gute Mutter; aber ich kannte des Vaters unversöhnliche Härte -- ich empfand, daß mein Tropfen Freude dann nur noch gar vertroknen würde, wenn er erbittert mich nicht hätte sehen wollen; dann ward ich trübsinniger und gab mich meiner Melankolie preis. Ich segne die Stunde, die mich, Mutter! dich wiedersehen ließ. Sey mir tausendmal willkommen! Ich darf ja wieder mich an dein Herz drücken, der Vater nahm ja den Fluch von mir, er segnete mich!

Jehnson umarmte mit Sohnes Zärtlichkeit die gerührte Mutter, die den vielen Leiden ihres Jehnson manche Thräne weinte; sie erwiederte mütterlich und freudenvoll des Sohnes Umarmungen.

Glaube, mir lieber Sohn! -- sprach sie nach einer Pause, in der sich beide den süssesten Gefühlen stumm überlassen hatten -- Glaube mir, daß ich nie des Vaters harten übereilten Endschluß billigte. Ich sprach laut für dich, und gab mich dadurch seinem Ungestüm und vielen Vorwürfen blos. Nur zu oft dachte ich deiner. Wie wird es ihm ergehn? Wo irrt er herum, was wird er leiden, den ich unter meinem Herzen trug? So sprach ich zu mir in vielen bangen Stunden; und weinte im stillen Dunkel um dich. Vielleicht seh ich ihn nie wieder vor meinem Tode, nimmer der Mutter geliebten Sohn. Also ängstigte sich mein Herz. Marlon --

Jehnson. Meine Marlon -- was ward aus Marlon?

Die Dame. Sie rang über deine Trennung mit der Verzweiflung. Kaum warst du wenige Wochen entwichen als in unsrer Monarchie ein fürchterliches Wetter los brach. Lohnstohn ihr Vater ward einiger Verbrechen wegen in die Jammerburg gesezt, die beiden Kinder nebst der ganzen Familie des Landes verwiesen. Marlon hatte einen Knaben gebohren; und ehe ihr Bruder noch als Geächteter das Land verließ, war sie bereits mit ihrem Kinde fort. Niemand wußte wohin? Man sprach, sie sey dir nachgefolgt, du hättest ihr den Vorschlag schriftlich gethan, mit dir in einem andern Lande sich zu vermählen, darüber ward dein Vater wüthend, und zog sich eine dreijahrwährende Krankheit zu. Seit dem wußt ich kein Sterbenswörtchen von euch Allen.

Jehnson. Barmherziger Himmel! Wo irrt nun Marlon mit dem Geschöpf herum, das meiner Schwachheit sein kümmerlich Leben verdankt! Wo soll ich sie finden? Ich hörte nie von ihr! Aber suchen will ich die Leidende! Suchen in aller Welt! Vielleicht führt mir ein seeliger Augenblik die Unvergeßliche zu, und ich kann den Kummer, den ich ihr bereitet habe, in Freude verwandeln! Aber -- ach! vielleicht hat er sie schon lange getödtet!

Das ist nicht der Vater! unterbrach die Schwätzerinn Jadilla die Pause, nachdem sie lange Jehnson scheu angeblikt, und die Dame beim Kleide gezerrt hatte. -- Gelt, du bist nicht Vater?

Liebliche Unschuld! -- sprach Jehnson und nahm sie auf seine Arme, und küßte Jadillchen, die sich mit kindlichen Unwillen sträubte.

Du bist nicht Väterchen! -- küssen -- ey!

Die Dame lächelte, und Jehnson fragte:

Meine Mutter -- du scherzest -- ist das wirklich mein Schwesterchen?

Nein, lieber Jehnson!

Jehnson. Als ich damals England verließ, war Sara schon zehn Jahr alt. Was macht Schwester Sara?

Die Dame. Sie vermählte sich mit einem braven Manne, und ist bereits Mutter von zwei Kindern, vielleicht wenn ich sie in acht Tagen wieder sehe, treffe ich sie zum Drittenmale im Wochenbette.

Jehnson. O meine Mutter -- Sobald willst du wieder von mir. Kaum sind es ja zwei Stunden, seit wir uns fanden. Bleibe, bleibe bei deinem Jehnson -- theile mit ihm! Ich will dein Sohn, nur dir, nur dir leben! Will kindlich und so gut wie Sara dich pflegen, den Kummer, die Tage des Alters dir erfreulich machen, will all meine Kraft anwenden, deine mütterliche Sorgfalt einigermassen zu vergelten. Bleibe bleibe bei deinem Jehnson!

Die Dame. Dringe nicht in mich Lieber! So gerne ich dir willfahren möchte --

Jehnson. O was kann dich abhalten? Du sollst sehen, wie froh mein neues Leben --

Die Dame. Hör auf! Man stirbt so gerne da wo man gebohren ist, und Mutterherzen hängen doch immer mehr an Töchtern. Sara bedarf meiner -- drei Monde schon bin ich fern. Ich bin überdies schon sehr schwach -- krank -- vielleicht folg ich bald dem Vater.

Jehnson. Das wird der Himmel verhüten! Aber eben weil du alt und schwach bist -- meine Mutter! bleibe, die Reise möchte dir schaden!

Die Dame. Laß ab, ich kann von Sara fern nimmer ruhig seyn. Morgen zeitlich muß ich fort, vermehre meine Sorgen nicht.

Jehnson. Das ist traurig -- und darf ich nicht mehr bitten. Aber sobald es möglich, sehen wir uns wieder.

Sie verplauderten noch die kurze Zeit, und als der Morgen den Osthimmel röthete, lauer der kühle Nachtwind wehte, und die Schwalben ihr Morgenlied schmetterten, trennten sie sich bewegt. Jehnson führte seine Mutter und Jadillchen, um die er in seiner Wonne gar nicht mehr gefragt hatte, auf die Strasse. Sieh da! Die Kutsche war nicht hier, aber eine Luftgondel flatterte mit den ausgespannten Seegeln.

In diesem Reisewagen, wirst du bequemer und schneller heim kommen, meine Mutter! -- sprach Jehnson und schied tief gerührt von seiner geliebten Mutter! Leb wohl! mein Sohn! leb wohl, meine Mutter! riefen sie sich nochmal zu, und die Gondel trug auf den Fluthen des Aethers die Dame und Jadilla fort. Jadilla -- so nannte sich das verlohrne Mädchen, wenn es die Dame um ihren Namen fragte. -- Die Fluren Germaniens dämmerten allmählig wie durch einen Flor, und der unten nachsehende Jehnson bemerkte bald nichts, als einen schwarzen Punkt von der hohen Gondel, bis sie endlich ganz verschwand.

Jadilla weinte und rief. Mutter! Vater! Salassin! Ach wo sind sie denn? -- Die Dame tröstete das arme Kind, so gut sie konnte.

Sechstes Kapitel.

Die Abreise.

Mit stillem Schmerze betrauerten indessen Welly und Jadilla, den unersezlichen Verlust des hoffnungsvollen Kindes. Der Graf hatte Jadillchens Beschreibung in alle Zeitungen sezen lassen; aber vergebens! Die Laune des Schicksals, fand es einmal für besser, daß das Mädchen getrennt von seinen Eltern unter fremden Menschen leben müsse. Alsdann alle Nachfrage unbeantwortet, alles Forschen fruchtlos blieb, hielten die Eltern ihr Kind für todt, errichteten ihm eine Urne, und beweinten an diesem Denkmale Jadillchens Andenken. Die edlen Unterthanen halfen treulich die Betrübten erheitern; aber in eben dieser allgemeinen Theilnahme, wenn sich das gepreßte Herz auch noch so sehr erleichterte, fühlten sie ihren Verlust nur noch mehr. Selbst als der Balsam der Zeit ihre Wunde vernarbt hatte, galt noch manche ernste Miene Wellys, noch manche stille Thräne Jadillas dem Andenken der verlohrenen Tochter.

Sie ketteten sich nun um so enger an den einzigen Salassin, den beide mit elterlichem Eifer erzogen. Diese Erziehung war nun ihr süssester Unterhalt. Salassin ein Knabe von Mutter Natur zum Liebling erkohren, begabt mit Talenten des Körpers und der Geistes, unter den Händen eines klugen Vaters, der weise zu lohnen und zu strafen verstand, unter den Augen einer von aller Afterliebe freien Mutter -- wie sollte so ein Knabe zu großen Erwartungen nicht berechtigen?

Die ersten Jahre der Kindheit wurden einer vernünftigen physischen Erziehung gewidmet, und darauf die moralische gebaut.

Schon an dem Knaben ward mancher Zug bemerkt, der keinen gewöhnlichen Alltagsmenschen einst hoffen ließ. Ein hartnäckiger Muth zeigte sich schon in seinen Spielen, und ein gewisser Edelmuth, Gerechtigkeitsliebe war unverkennlich. Soldaten zu spielen mit den Knaben des Dorfes war ihm eine sehr angenehme Beschäftigung. Er formirte kleine Legionen, und war ihr Anführer; theilte sie in 2. Partheien und sie kriegten zu Land und zu Wasser.

Bei einem dieser Spiele war einmal Salassins Armee ziemlich im Gedränge. Das Schlachtfeld war eine Wiese, das Lager am Bache, der um das Dorf floß. Salassin ward angegriffen von seiner Gegenparthei, und an den äußersten Rand den Ufers zurükgedrängt, seine Mannschaft bereits zerstreut und gefangen, und er allein vertheidigte sich gegen zweie noch, die dem lieben Generalen so hart zu Leibe giengen, daß er nothwendig sich hätte fangen lassen müssen. Aber dies hielt er für den größten Schimpf. Indem ihn die beiden Feinde schon zu Boden reißen wollten; stürzt er sich unbesiegt zu bleiben, gerade in den Bach, riß aber einen von den Gegnern mit hinab, wo sie, weil es zum Glücke nicht tief war, sich noch immer balgten. In dieser Hartnäckigkeit mitten im Bach trieben sie sich immer weiter, bis beide in eine unvermuthete Grube geriethen. Ja -- nun war der Kampf freilich aus! Salassin der besser schwamm als sein Gegner, vergaß geschwind allen Kriegsgroll, und schlepte großmüthig den Andern mit hinaus aus dem Bache.

Oft kämpften sie im Bade in der größten Tiefe schwimmend ihre kleinen Kämpfe.

Ein andermal waren die Knabenpartheien so verwegen, und führten den Krieg in Luftgondln. Derjenige Theil, -- sagte Salassin als er mit Hilfe des Luftkutschers die Seegeln spannte, der in seiner Gondel den Andern hinabjagt, hat den Sieg. Sie stiegen empor und der Streit begann. Salassin geübter als sein Feind in der Luft, zerschlug die morsche Seegelstange der feindlichen Gondel, welche schnell hinabsank, und auf einem hohen Baume hangen blieb. Die Besiegten schwebten in einer ziemlich großen Lebensgefahr. Der Ball hatte sich in den Zweigen und Aesten verwickelt, und die Knaben steckten wie in einem Sack. Salassin eilte mit seinem Schiffe zur Rettung herbei, war aber diesmal so ungeschikt, daß seine Gondel herunterfiel, der sich die Nase zerschlug, jener den Finger brach, und jeder einen kleinen oder größern Schmerz durch den Fall erbeutete. Oben in dem noch hängenden Ballon hatten sich indessen die Eingewickelten durch ihr starkes Trampeln und Rütteln los gerissen, und stürzten grade auf Salassin, und seine weinende Parthei. Mit deinem verwünschten Krieg! schrie einer um den andern. Bleiben wir lieber auf der Erde! Ich wäre bald erstikt! Ich habe meinen Finger gebrochen! Mich schmerzt mein Kopf! Mir blutet die Nase! So scholls und die erzürnten Knaben wären bald noch einmal über den Herrn Kommendanten Salassin hergefallen, um ihn für seinen Vorschlag weidlich zu dreschen.

Vater Welly ließ Salassin auch das Euphon lehren, und um ihn mehr anzueifern gesellte er ihm einen andern Knaben zu. Beide wetteiferten, und wenn sein Gespiele sein Blatt besser als Salassin selber las, und richtiger am Euphon ausdrückte, mußte Salassin als Gemeiner im Soldatenspiele ihm folgen, was dessen Ehrgeiz mächtig traf, doch nie so, daß er diesen Keim zur Pflanze hätte sprossen lassen, denn er war erfahren mit diesem sehr gefährlichen Triebe, der so herrliche Wirkungen erregt, wenn er sorgfältig und klug geleitet wird; eben so fürchterliche Folgen dann hat, wenn er zum bloßen Sporne des Jünglings ohne aller Rüksicht gebraucht wird.

Welly bemerkte an seinem nun zehnjährigen Sohne nicht ohne geheimer Freude den Muth, die Entschlossenheit, den Edelsinn und eine gewisse Energie des Geistes, aber auch nicht ohne Bangen das große Maas des so irrführenden leicht erregbaren Gefühls. Seine Gabe alles leicht zu fassen, alles spielend zu erlernen, alles leicht zu verstehen, brachte den Vater eher an das Ziel, so man dem Knabenalter steckt, als er erwartet hatte.

Und war Salassin ein hoffnungsvoller Knabe, so war er noch weit hoffnungsvoller als Jüngling. Dieser wichtige Zeitpunkt des menschlichen Lebens war allmählig herangenaht. Hier gleicht der Mensch einer Flamme die wenn sie nicht vorsichtig und vernünftig genährt wird, leicht zum lodernden verheerenden Brand empor schlägt; die wenn sie zu unklug und zu gewaltsam gedrükt wird, leicht erstickt; die aber wenn ein weiser Mann sie besorgt, wie eine belebende Sonne am Mittag des Lebens aufsteigt, dem ein ruhiger seeliger Abend folgt.

So ein weiser Mann, war Salassins Vater, der, des Sohnes Flamme geschickt besorgte, daß sie jene Früchte trug, die meine Leser und Leserinnen erfahren werden, wenn mein Büchelchen im Stande ist, ihre Aufmerksamkeit bis dahin zu spannen, wo Salassin sich überlassen, selbst handelt.

Der Grund war gut und feste gelegt, auf dem das Gebäude des künftigen Wohles Salassins unerschütterlich dauerhaft ruhen sollte. Er hatte Kenntnisse mannigfaltiger Art, durch des Vaters Bestreben sich erworben. Des Dorfes Pfarrer ein geschickter Mann, ein würdiger Priester, und um mich bündig auszudrücken, ein wahres Gegenstück zu vielen Pfarrern des achtzehnten Jahrhunderts; war nebst andern Männern sein Lehrer, und Salassin erhielt Unterricht in allen jenen Wissenschaften, die ein Jüngling dieses Zeitalters nöthig hatte. Vater Welly beschloß nun zu Ende des Baues zu schreiten, und Salassin sollte die Welt kennen lernen, um seine Bestimmung, ein thätiger Staatsbürger und Vertheidiger des Menschheitswohls zu werden, allmählig zu erfüllen. Dazu war die Haupt- und Residenzstadt des vortrefflichen deutschen Kaisers ein sehr schickliches Mittel, von dem er sich alles versprach. Salassin sollte also nach einem Monden in die Stadt, so war es beschlossen und so blieb es.

Der Monden verflog, wie die Sekunde eines Traumes; -- wochenlang bereitete man sich schon zur Abreise vor, die endlich da war.

Da stand vor dem Schlosse der angespannte Wagen mit zwei muthigen Gaulen zum Fortfahren bereit. Salassin wand sich aus dem Arm der Mutter, empfieng gerührt ihren segnenden Abschiedskuß, sah sich zärtlich noch einmal nach der heimischen Gegend, dem Park wo der Vater ihn Gärtnerey und Naturgeschichte gelehrt hatte, den Aeckern wo er den müden Schnittern im schwülen Sommer einen Labetrunk trug, den schilfumgrünten Teich, den Kieselbach wo er so oft gebadet, so manchen Fisch gefangen, so manchen Kahn geleitet hatte, die Hecken und Gesträuche in deren dunkeln Geflicht er der Nachtigall zuhorchte, die Wiese wo sein Hut einen Schmetterling erhaschte, die Haide wo er die Knaben kriegend anführte, das Wäldchen wo er im kühlen Schatten weilte, las und lernte, oder auf der Flöte blies, den Hügel von dem er im Winter auf Schlitten herabglitt, sah mit wehmüthiger süsser Erinnerung seines Knabenalters noch einmal diese traute Heimath, und stieg mit dem Vater in die Kutsche, die schneller denn eilende Winde vom heimischen Schlosse fortrollte.

Siebentes Kapitel.

Der Besuch.

Graf Welly hatte theils der Witterung, theils des Anschauens so mancher schönen Gegend wegen statt der flüchtigen Luftgondel die Kutsche zur Reise gewählt. Es waren gegen dreisig deutsche Meilen zur Stadt und der Vater hatte seinem Sohne noch manches zu sagen, zu errinnern, zu ermahnen, warnen, lehren u. s. w. Wie es denn die guten Väter bei solchen Gelegenheiten auch im achtzehnten Sekulum nicht daran ermangeln lassen.

Sie fuhren durch die herrlichsten Gegenden, die überall das natürliche Gepräge glückliche, zufriedene Bewohner zu haben, an ihrer Kultur trugen. Abwechselnde Ebenen mit sanften Gebürgen, bald licht, bald dicht bewaldet, bald mit Akacien, bald mit guten Kastanien, bald mit Citronen, Pomeranzen, bald mit Birken, Tannen, und andern schon in unserm Jahrhunderte verbreiteten Waldbäume waren überall zu sehen.

Wie? Citronen, Pomeranzen, Mandelbäumen im deutschen Vaterlande, und das noch dazu in Wäldern? Gedeihen sie doch izt kaum in Treibhäusern gut! Meine theuersten Leser, das ist wieder eine Eigenschaft des 23ten Jahrhunderts. Das Klima war schon zu Franz des II. römischen Kaisers Zeiten nicht das nemliche, so einst zu Herrmanns Zeiten war, schon nicht so rauh unfruchtbar und ungesund. Die ungeheuere Waldungen wurden verkleinert, die unzähligen Sümpfe darinn in urbare Wiesen gemacht, und in dem neuen Zeitraum ist nun das Klima ungemein angenehmer, sanfter, milder, und trägt nun so gut und fruchtbar jene Pflanzen, Sträuche und Bäume, die vor fünf hundert Jahren nur in den warmen südlichern Erdgegenden gediehen -- dahin brachten es ebenfalls Menschen.

Sonstige Moräste sind itzo die lachendsten Wiesen. Hügel die sandigt, felsigt, nakt, und kahl waren, tragen nun die schönsten Weingärten, oder Kastanienwälder, und vom kleinsten Strauche bis zur Eiche zeigt jedes Gewächse das Gepräge einer bessern Veränderung.

Unsre zwei Reisenden waren am ersten Tage der Woche aus den vaterländischen Gefilden gereist, (das ist nach der itzigen Rechnung der Donnerstag) und kamen am Dritten in eine der lieblichsten Landschaften. Es war ein blumichtes Wiesenthal, das ein silberblinkender Bach dicht umbüscht mit Papeln, Erlen und Weiden durchmurmelte. Die Strasse wand sich regelrecht in einer graden Linie hindurch, von Nußbaumalleen beschattet, links und rechts mit den duftigsten Blumenbeeten eingefaßt, mit Rasen und Marmorbänken, mit Lusthäusern nicht im abgeschmakten bizaren chinesischen im rein deutschen Geschmake, niedlich zierlich und bequem für die Labungsbedürftigen gebaut. Quellen heller als Diamante sprudelten hie und dort aus künstlich angelegten und natürlichen Felsennischen an dem Wege, und in den nahen Gesträuchen und auf den Bäumen, sangen Fink und Hänfling den Reisenden ihre angenehme Lieder.

»Mein Sohn! -- Wir kehren hier in diesem Schlosse, das mitten im Thal im Abendscharlach mit seiner vergoldeten Kuppel aus dem Baumwipfeln glänzt, bei meinem alten braven Freunde Bengler ein. Er war einst mein Jugendgefährte, ein deutscher Jüngling, und noch ein deutscher Mann, er wird uns freundlich aufnehmen, und bewirthen!« Sagte Welly zu Salassin.

Wie ward Bengler adelich? -- fragete der Sohn. Er hat verschiedne sehr gute Erfindungen gemacht entgegnete Welly. Er baute eine Windmühle -- sieh! Dort klappert sie ja auf dem Felsenhügel! -- mit vierzehn Rädern, wo der leiseste Wind das erste bewegt, die andern alle sich nachdrehn, und wo man in einem Tage dreimal so viel mahlen kann, als auf einer Wassermühle von eben so vielen Gängen in einer Woche. Es wird darinn Papier, Getraide, Hülsenfrüchte und so gar Drechslerarbeit zu Stande gebracht, jedes Rad treibt eine von der andern verschiedenen Gewerbsmaschiene. Bengler hat auch noch eine andere Mühle gebaut, wo blos Papier aber aus verschiedenen Gewächsen so gut und schön verfertigt wird, daß aus dem achtzehnten Jahrhundert das holländische so zu sagen nur ein gemeines Papier dagegen ist. Wir werden es besehen, wenn eine Weile übrig bleibt.

Sie kamen nach einer Viertelstunde bei dem Schlosse an. Der Besitzer saß eben mit einer Gesellschaft unter einer hochästigen Eiche, deren moosigten Stamm, dick, kaum von vier Männerarmen zu umspannen, ein niedlicher Marmortisch dunkel roth, und gelblicht weiß geädert umrundete. Rasensitze daran, auf denen die Gäste herum saßen, die fröhlich im Kranz herum den Rheinwein, aus hochhalsigen Kristallflaschen sprudelnd, in Pokalen tranken. Schon in der Ferne vernahmen die Reisenden den Wiederhall von ihrem Rundgesang, und als sie beide durch das grün und weiß angestrichene Staketenthor fuhren, klang eben die lezte Stropfe von dem edlen Liede eines Dichters aus dem 18ten Jahrhunderte.

Mit dem lezten abgesungenen Verse stand der Gastherr aus dem Kranze seiner Gesellschaft auf, und kaum hatte er Welly erkannt, so eilte er mit ausgestrekten Armen seinem alten Herzensfreunde entgegen. Der ganze Ring folgte, und brachte den Kommenden den Willkommenspokal.

Dies ist ein Becher, der in jedem Hause des Landes nach Verhältniß des Vermögens von Gold, Silber, oder bei minderbegüterten Landleuten wenigstens aus feinem Porzellain gebildet ist. Bei einem Gastmahle steht er in der Mitte des Tisches, und dem Gaste reicht ihn der Gastherr, der ihm aus einem zweiten das frohe Willkommen zutrinkt, worauf ein kleines Mahl beginnt.

Von Golde mit spielenden Brillianten besezt war der, den Bengler Welly reichte. Das Bild der Gastfreiheit und Freundlichkeit mit den Worten: Willkommen! war darauf geäzt.

O so drück ich denn noch einmal wieder dich, mein guter Wallingau, an mein Herz! -- Sprach Bengler freudig. Sey willkommen!

Willkommen! Willkommen! scholls unter den andern, und die beiden Wallingauer wurden wie im Triumpf nach dem Rasensitz unter der Eiche geführt. Die ganze Gesellschaft ward munterer. Welly kannte außer seinem Freunde keins der Glieder, und doch waren alle so vertraulich und frei gegen ihn, als hätte man sich zu tausendmal gesehen, und seit unzähligen Jahren gekannt.

Salassin ward hingerissen von der lautern Munterkeit des Kranzes fröhlicher Menschen. Die Mädchen schielten mit lüsternen Blicken nach ihm, und wünschten ihm als sie erfuhren, er reise in die Residenzstadt, ein recht angenehmes Leben in der vergnügenvollen Stadt.