Part 12
Jilla. Alles, alles Vater! Zu gering ist meine Liebe allein, dir die kleinste deiner Müh zu vergelten.
Der Vater. Still, meine Theuren! Hört mich an -- mir wirds schon wirrer im Kopfe -- schwerer im Herzen -- mein Athem schwach. -- Vor siebzehn Jahren -- starb -- mein seliges Weib -- Ich reiste -- zu ihren Anverwandten -- in den 8ten Kreis Deutschlands, und -- war auf der Rückreise einige Stunden hinter Ostende -- wo ein Luftschiff von Regen und Sturmwind verschlagen herabsank. Eine alte Frau fiel als die Gondel eben auf den Boden stieß, heraus. Sie hatte sich wund geschlagen, alt war sie ohnedem -- sie übergab mir ein kleines Mädchen -- und beschwor mich Vatersorge zu tragen -- Jilla, das Mädchen warst du -- Aber -- auch sie war deine Mutter nicht. -- Sie hatte dich gefunden -- in einem Walde -- und wollte dich nach England mitnehmen. -- Sterbend bat sie mich, ihrem Sohne das Unglück zu berichten, das sie getroffen. Jilla -- deine Kleider, die du damals trugst als ein vierjähriges Kind, und ein goldenes Kreuzchen, ein Halsgehänge -- das in dem Pult dort verschlossen aufbewahrt ist -- mag dir vielleicht -- einmal -- deine Eltern erkennen -- lassen. -- Wir -- lebten hier -- einsam -- und nur von Wenigen -- gekannt, und besucht in der -- Residenzstadt -- -- -- meldet -- meinen -- Tod -- dem -- Sohne -- dieser Dame -- dem -- Gastwirth -- auf der Landstrasse nach England -- beiläufig -- vierzig -- Stunden -- von hier -- zum Vollmond -- er heißt -- Jehnsen --
Also lispelte noch der Greis, seine Stimme ward immer matter, bis sie endlich nimmer vernehmlich war. Er warf einen fröhlichen Blick auf die Beiden, die in tiefen Trauer um ihn standen, schöpfte noch einmal Athem, und -- verschied, wie der letzte Sonnenstrahl am abendlichen Himmel noch einmal auf dem Wipfel der Eiche glänzt, zittert und verlischt.
Jillas Schmerz über den Verlust des Mannes, den sie als ihren Vater verehrte, ergoß sich in häufigen Thränen: sie küßte den Erlöschenden, und nezte seine Hand mit dem Opfer der nassen Augen. Sebald drückte mit tiefer Betrübniß des biedern Greises halbverschlossne Augen zu, und betrauerte kindlich den braven Mann, der Jillan väterlich erzogen hatte. Lange, lange konnten Beide nicht von der Leiche wegtreten, der Magnet der Dankbarkeit zog sie unwiederstehlich dahin. »Er kann nicht todt seyn, mein Vater, er schlummert nur!« rief Jilla! Aber er war es einmal, und deine Zähren gutes Mädchen erwecken ihn nimmer.
Die Allgewalt des ersten Schmerzes verlor sich allmählig, so wie lindernde Thränen dem gepresten Herzen zu Hilfe kamen, in hohe Betrübniß. Man machte Anstalten zum Begräbnisse, die Leiche ward feierlich am Begräbnißplatze verbrannt, und eine Urne mit der Asche des Seligen gefüllt. Die Worte des Sterbenden beschloß Sebald sogleich zu befolgen, und reiste mit Jilla und seiner Mutter nach dem Dorfe, wo der angezeigte Gasthof war, in der Gegend ohnweit von Wallingau, wo Wellys Landgut lag, und wo sie auf der Rückreise einige Tage versäumen wollten.
Sie fuhren stumm, von dem Bilde des geliebten Greises umschwebt, mit trauerndem Herzen in dem schnellen Luftschiffe. Nur manchmal lächelte Jadilla heiter auf Sebalden, wenn er sie mit den Worten der Liebe tröstete, und auf ihr nahes seliges Leben wiß. Sebalds Mutter war in banger Erwartung: der Name Jehnsen erregte ihr frohe Unruh.
Viertes Kapitel.
Der Gastwirth im Vollmond.
Endlich kamen sie an. Geschäftig sprang aus dem Gasthofe Jehnsen. Sebald und Jilla halfen der Mutter aus dem luftigen Wagen, und Jehnsen lief mit einem lauten Schrey auf sie zu.
Marlon! Marlon! Mein Weib! -- rief er, und Sebalds Mutter sank ihm in die Arme:
Mein Vater! mein Vater!? schrie Sebald, und schloß sich an den endlich einmal gefundenen Vater. Es war eine rührende Gruppe, werth des Meissels eines Phidias. In sprachlosem Entzücken umarmten sich die fünf Lustern lang getrennten Gatten, der Vater den Sohn, der Sohn den Vater, die beide sich noch nie gesehen hatten.
»O ich hatte dich sogleich erkannt meine langbetrauerte Marlon! Mit dem ersten Blick erkannt ich dich -- denn in meiner Seele lebte noch in Jugendfrische dein Bild. Laß uns den Rest unsers Leben nun freudig und ungetrübt in stetter Vereinigung verleben. Ach, wir entbehrten uns sogar lange. Alt sind wir geworden, seit wir uns getrennt haben, aber jung noch und immer neu ist das Gefühl, so in mir sich regt. Laß uns ausruhen von den Mühseligkeiten, die wir erlitten, seit uns ein feindlich Geschick geschieden, aber nun mit um so süsserer Wonne auf immer vereinet hat!«
So sprach der beglückte Jehnsen, als der Jubel des Herzens Worte fand. Er drückte den gefundenen Sohn mit dem Ungestüm der Zärtlichkeit an sein Herz, mit dem ein Vater einen Sohn, den er zum erstenmal sieht, umarmen kann. -- Vergieb, vergieb, mein Sohn! -- rief Jehnsen zu ihm. Ich war dein Vater noch nicht. Unglück genug für mich, daß ich die Wonne nicht geniessen konnte dich unter meiner Sorge aufwachsen zu sehen. Ich beneide die Guten, die an dir das thaten, was ich hätte thun sollen eben so sehr, als ich ihnen danke. Doch nun -- da uns meines Lebens seligste Stunde vereinte, nun will ich dein Vater für dich leben und handeln.
Im Erguß seines Entzückens hatte er Jillan gar noch nicht einmal begrüst. Sie stand mächtig gerührt an Sebalds Seite.
»Lieb Mädchen, du nimmst mir, dem Gastwirthe es doch nicht übel, daß ich zuletzt dich bewillkomme? -- wandte sich Jehnsen an Jilla. Das sind freilich meine Leute, aber wahrhaftig doch auch seltnere Gästen, als du, Jilla, dich sah ich ja faßt alle Jahr ein paarmal. Was macht der gute Vater?«
Die Angekommenen erwachten plötzlich durch diese Frage aus ihrem hohen Entzücken. Jilla sah Sebalden mit einer halbentquollenen Thräne im Auge an, Sebald trüb auf Jilla. Was deutet eure stumme Verlegenheit meine Lieben! -- fragte Jehnsen. Redet, redet -- Jilla du verbirgst dein Gesicht? Sebald-- du kennst ihn ja wie kämst du sonst mit Jilla zusammen -- redet --
Er ist nicht mehr! -- rief Sebald -- Vor acht Tagen starb der edle Greis, auf dem Todtenlager und entdeckte, Jilla sey seine angenommene Tochter, die ihm einst deine Mutter -- so sagt er -- als sie das Unglück hatte nahe bei Ostende zu verscheiden, übergab.
Jehn. Leider, leider erzählte mirs der wackre Mann, mit dem ich vor 6 Jahren durch eben diese Post bekannt wurde. Ich hatte meine liebe Mutter kaum einen halben Tag hier bewirthet, hatte sie -- seit wir, meine Marlon, England verliessen, nicht gesehen, war so von Herzen froh, daß sich mein trübes Schicksal einmal erhellen würde -- aber es ward noch trüber. Der edle Greis starb also? Er war ein Deutscher, das ätzet seiner Urne ein.
Und mein unvergleichlicher Vater -- stotterte Jilla, und schlug die Augen zur Erde.
Das war er -- fügte Jehnsen bei -- Dich unbekanntes Mädchen nahm er in seine Obsorge, und wie ich oft gesehen habe, als ich ihn besuchte, konntest du Jilla in keine bessere Hand gerathen. Doch -- Fried und Ruh dem Verdienten! -- Itzt kommt -- wir feiern unser Fest des Wiedersehens! Kommt in meine Behausung! Marlon! Mein Sohn! In welch unaussprechlich Entzücken setzte mich euer Wiedersehen!
Sie giengen in den Gasthof, alle des lautesten Jubels voll, und erzählten sich wechselseitig ihre Schicksale. Wie sprang Jehnsen froh vom Sitze auf, als Sebald in seiner Geschichte auf Jilla kam, und er erfuhr, Jilla sey Sebalds Verlobte! Er umarmte das schöne Mädchen, dem der Karmin der Wangen in höheres Roth stieg. Brav mein Sohn! -- rief Jehnsen! Dir wird ein edles Mädchen zur Gattin! Ha wie will ich mich vergnügen an deinem Hochzeitsfeste! Wie will ich trotz dem feurigern Bräutigam mit meiner Braut Marlon die Reigen durchschweben! Das soll mir ein Fest werden! Marlon -- nicht wahr meine Liebe, wir -- lassen uns doch aufs neue vom Bande des Priesters umweben, wenn auch andere Ketten uns längstens fest verkettet haben.
Marlon, Sebalds vergnügenstumme Mutter, nickte ihr frohes Ja! und in reinsten Vergnügungen flohen die wenigen Tage dahin, wie Sekunden, die Sebald bei dem Gastwirth zum Vollmond vermöge des Auftrags des alten Wolling zu verweilen dachte. Zwar meint er nur wenige Stunden wären hinlänglich, dem noch damals unbekannten Gastwirthe die traurige Todesnachricht zu bringen, um sogleich von da nach Wallingau zu Salassins Eltern zu fahren; aber die unvermuthete Entdeckung seines Vaters machten aus acht Stunden, acht Tage frohe, selige Tage, von denen der letzte schon erschien, ohne daß sie begreifen konnten, wie die sieben andern so schnell verträumet wären.
Endlich brachen sie auf. Selbst Jehnsen übergab seine Geschäfte der Obsorge seines treuesten Dieners, und sie kamen bald in Wallingau an, wo eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war.
Fünftes Kapitel.
Jillas Eltern.
Jilla trug das goldne Kreuzchen am Halse, sie hatte sich einfach gekleidet, aber um so reizender war sie. Ein kleiner Zug der Trauer über des Vaters unvergeßlichen Tod im blühenden Gesichte, das sanfte Lächeln, das Heiterkeit lächelte, wenn man sie noch zu trösten bedürftig fand, ihre Grazie -- alle Herzen wurden ihr sympathetisch angezogen.
Als sie vor dem Schlosse Wellys, in Wallingau aus dem Schiffe stiegen, erkannte der Graf Sebalden sogleich, und bewillkommte ihn mit offnen Armen. Die ganze Gesellschaft (worunter natürlich auch Bengler und Lolly war) die sich eingefunden hatte, um Wellyn und Jadillen zu dem Ruhme ihres Sohnes, der wie ein Lauffeuer sogleich im ganzen deutschen Lande verbreitet war, ihre theilnehmende Freude zu bezeigen, folgte dem Grafen hinab in den Schloßplatz, und begrüsten die neuen Gäste.
Bengler war eben aus dem Garten gekommen, und mischte sich schnell unter das Gedränge. Er erblickte seine Tochter Lolly aus dem Luftschiff steigend, und fragte hastig: Blitzmädchen, wie kommst du aus dem Schiffe? -- Aber Jilla lachte etwas laut -- über Benglers Ausruf, der sie für seine Lolly hielt, und sich vor die Stirne schlagend lächelnd rief: »Ey der tausend! Hab ich doch selbst meine Tochter verkannt, was denn also Salassin, wenn er dich Sebalden in der dunkeln Laube mit dem Mädchen da erblickte! Nun verzeih ich ihm den Irrthum schon gar! --« Man lachte über Benglern und jeglicher schwur, als Jilla und Lolly beisammen standen, nie habe die Natur zwei ähnlichere Blumen gezeugt.
Die Gesellschaft unterhielt sich lange mit der seltnen Erscheinung: es wurde geschäckert, erzählt und -- kurz die Gesellschaft unterhielt sich so gut, als sich ein solcher Kranz froher Menschen unterhalten kann.
Von der Gesellschaft hinweg stahl sich Jilla mit Sebalden, und wandelten lieber im freieren Parke. Der Herbst schmickte bereits das Laub der Bäume mit bunten Farben: in leichten Regen rieselten von fruchtbeladenen Aepfeln u. Birnbäumen die Blätter; die Grashalme rauschten welk und falb im kühlern Wind, des Gartens Schmuck starb allmählig, und die Schasmin und Fliederlauben verbargen, des Laubes beraubt, die Liebenden die darin kosen wollten, kaum mehr.
Es war einer der heitersten Herbsttage, die Sonne schien alle ihre Kraft und Wärme noch einmal auf die Erde zu strahlen, und die Schatten der Kastanienalleen waren heute so lockend, als im schwülen Sommer. Zu dem liebenden Paar gesellte sich bald darauf Wellys Gattin Jadilla mit Lolly, sie spazierten unter mancherley Gesprächen in den ziemlich verödeten Gartengängen, und blieben bei einer Kaskade stehen, die des Baches Wehr, der den Park umrieselte, machte. Die Aussicht war hier freier, man konnte weit durch ein Wiesenthal schauen, das eben dieser buschumränderte Bach mit schlängelnden Krümmungen zertheilte. Das Thal schloß sich an einen Hügel, der dem Dorfe zu ein Kastanienwäldchen und auf der andern Seite Birken und Kiefernschläge zeigte, die höhere Fichten und Tannen umgaben, und über welche hie und da eine falblichte Eiche ragte. Es war eben dieses Wäldchen, meine Leser, in dem sich einst Jadillchen verloren hatte.
Die jungen Leutchen blickten mit Vergnügen in die schöne Gegend; Jadilla hingegen sah mit merklicher Betrübniß dahin. Sie wand öfters ihre Augen von dem Wäldchen auf die Kaskade, und da die Andern etwas lange verweilten, und die liebliche Aussicht zu loben nicht satt wurden, stiegen Mutter Jadillen Thränen in die Augen, und eine leichte Blässe übergoß ihr Gesicht.
Was fehlt dir verehrte Jadilla! -- sprach Lolly sobald sie das bemerkt hatte; die Gräfin faßte sich schnell und entgegnete: Nichts, meine Theure! Es war eine trübe Erinnerung, die mir jenes Kastanienwäldchen erregte.
Das Wäldchen dort am Hügel? Eine trübe Erinnerung? fragte Sebald und Jilla wechselseitig. Wie so?
Es sind fünfzehn Jahre vorüber, seit ich mit meinem Gatten einmal an einem heitern Frühlingstage dahin lustwandelte. Unsre beiden Kinder, Salassin, den du Sebald wohl kennest, und meine vierjährige Tochter Jadilla hüpften an unsrer Seite, und verfolgten Blumen und Schmetterlinge. Die kleine Jadilla verlor sich unvermuthet aus unsern Augen, und verlief sich im Walde. Ach! wir haben sie seitdem mit unsterblicher Trauer beweint, und so oft ich diese Gegend sehe, macht mich immer die Erinnerung bewegt.
Und hörtest du seit dem keine Silbe von dem verlornen Kinde? -- fragte Sebald aufmerksam weiter.
Die Gräfin. All unser Forschen war vergebens. Die ganze brave Nachbarschaft half uns suchen, aber -- vergebens. Wir fanden nicht die geringste Spuren von Jadillen, und es war uns auch alle Hoffnung benommen, sie einst wieder zu sehen; wir beweinen sie als todt.
Sebald starrte sinnig Jilla an, hielt alles was er vor dem Mädchen erfahren zusammen, und ward immer aufmerksamer je mehr er forschte. Wenn Jilla Jadilla wäre? dachte er, und eine nicht unwahrscheinliche Möglichkeit schien es ihm, seine Freude mahlte sie ihm stets ausdrucksvoller im Gesichte, seine Vermuthung ward immer gegründeter, jemehr er Jillas Begebenheiten vergliech, bis ihn endlich die Hoffnung zur Frage trieb:
Kannst du theure Gräfin, kannst du dich nimmer der Kleidung deines verlornen Töchterleins erinnern? Hatte es nichts von irgend einem Schmucke?
Jadilla entgegnete mit gespannter Aufmerksamkeit: Was bringt dich auf diese Frage: Hast du Vermuthung etwa gar? Nicht möglich, Salassin ist mit dir gleich an Jahren, und der war damals sechs Frühlinge alt.
Seb. Ich bitte dich -- nur eine geringe Beschreibung der Kleiderstücke -- vielleicht --
Die Gräfin. O täusche mich mit keiner so lieblichen Vermuthung, ach! -- meine geheilte Wunde würde nur um so heftiger wieder bluten! Sie trug ein himmelblautafftnes Oberröckchen mit rosenrothen Schleifen und ein goldnes Kreuzchen als Halsgehänge.
Seb. (mit kaum zurückhaltender Freude) und hieß Jilla?
Die Gräfin. Jadilla -- sie selbst lallte ihren Namen nicht anders als Jilla -- Sebald was hast du vor? -- du zitterst --
Seb. Vor Freude (Er führt Jilla zur Gräfin, und zeigte auf das goldne Kreuzchen) Kennst du --
Die Gräfin erschrak, daß sie halbohnmächtig wankte -- das ist Jadillas --
So ist dies Mädchen deine Tochter -- Jilla! deine Mutter! O der seligen Ueberraschung! -- rief der wonnetaumelnde Sebald, und die Gräfin drückte sprachlos ihre wiedergefundene Tochter, ihre langbeweinte Jadilla an ihr hochschlagendes Herz. Jilla wußte nicht wie ihr geschah, noch weniger ihre Mutter. Sebald und Lolly weideten Aug und Herz an der schönen Scene, lange dauerte es eh sich das Entzücken in Worte ergoß.
Wie ist das möglich gewesen? -- erholte sich endlich die Mutter Jadilla, und hieng noch in Jillas Armen, Sebald erklärte das, so viel er von dem sterbenden Wolling vernommen, vermuthet und errathen hatte, und was unsre Leser bereits aus dem Kapitel des ersten und dem Kapitel des dritten Abschnittes wissen. So zielten dahin meine süssen Ahndungen, dies unwillkührliche Wohlgefallen, diese entlockte Zuneigung das unverwendbare Aug, als ich dich unbekanntes Mädchen zum erstenmal sah? -- sprach die Gräfin, und seit fünfzehn Jahren röthete zum erstenmal wieder ihre Wange vom Hochroth der längstentbehrten Wonne. So hab ich doch nicht meine leise Hoffnung umsonst genährt -- o meine Jilla -- meine Tochter! -- fuhr sie fort, und ergab sich dem lautesten Ausbruch der Freude.
Inzwischen war Lolly zur Gesellschaft gesprungen, und sprach schäckernd zu Welly dem Grafen, als sie ihn auf die Seite gewinkt hatte: Wie lohnst du mich Welly, wenn ich dir eine recht fröhliche Nachricht gebe?
Kann Lolly so eigennützig seyn? entgegnete Welly lächelnd.
Lolly. Ja -- ohne Botenlohn thu ichs einmal nicht, und denke nur -- denke -- du wirst vor Freude nicht wissen was du beginnen sollst!
Welly. Das muß ja gar eine erschrecklich fröhliche Nachricht seyn!
Lolly. Je nu -- scherze nicht! scherze nicht! Wer weiß ob du vor Freude nicht zitterst, daß dir der Weinbecher aus der Hand fällt! Denke nur -- denke!
Welly. Ey, so sprich doch, Schäckerinn! Spanne meine Neugierde nicht länger --
Lolly. Erst der Lohn -- der Lohn --
Welly. Nun so fodre! Mein Bestes, mein allerliebstes Gut --
Lolly. Auf dein Ehrenwort?
Welly. Je nu -- was will ich denn gegen dich machen? Nun also -- ist vielleicht -- Salassin da? oder zieht wenigstens aus dem Kriege zurück?
Lolly. O gehe doch! Das ist ein Mondstrahl gegen die Sonne selbst! Etwas viel, viel angenehmeres!
Welly. Schäckerinn, du übertreibst -- Ich habe sonst keine Hoffnung zu einer frohern Nachricht! So sprich doch einmal -- kläre auf -- dein Lohn -- je -- was hältst du denn für mein bestes Gut?
Lolly. Dich selbst!
Welly. (lachend) Du wirst mich doch nicht fodern wollen?
Lolly. Also den größten Theil deines Ichs!
Welly. Und der wäre? --
Lolly. Salassin!
Welly. Hier ist meine Hand! Ein Wort ein Mann, Lolly! Wie klug deine Sache du verstehest! Mädchen, du wärst ein trefflicher Advokat! Doch -- die Nachricht?
Lolly. Komm, komm geschwind in den Park --
Welly. Die fröhliche Nachricht erst --
Lolly. Dort hörst du sie --
Welly. Hier erst -- hier, nicht dort!
Lolly. Deine -- Jadilla ist gefunden!
Welly. (etwas empfindlich) Lolly, dein Scherz that wehe!
Lolly. Ey was Scherz -- voller Ernst -- Sebalds Verlobte ist deine Jadilla -- doch sieh, Zauderer! da kommen die Beglückten schon!
Meine Tochter! Jadilla -- sie ist gefunden! -- stürzte die Greisin auf den erstaunten Welly zu, indem sie Jilla bei der Hand hielt, die den freudezitternden Vater umschlang. Unter den Gästen war eine frohe Bewegung, alle nahmen Theil, und drängten sich an die herrliche Gruppe.
Sagt ichs nicht! -- fieng endlich Lolly an -- Sagt ichs nicht Welly du würdest vor Freude zittern?
Aber wie hätt ich mir so etwas träumen sollen? -- erwiederte Welly. Sebald du hast unsrer Wonne die Krone aufgesetzt! Zum Dank nimm dir sie die du uns gegeben hast! -- Er legte Jillas Hand in Sebalds, und die Beiden umrankten sich mit ihren Armen, wie sich zwei Reben um den Ulmbaum schlingen, um den Vater. Die Gäste, alles in Wellys Schlosse war in der lebhaftesten Bewegung; sie feierten dieß Fest einige Tage lang.
Nun ward alles erzählt, was Jilla betraf. Jehnsehn erstaunte froh, in dem Mädchen das vor 15 Jahren seine verunglückte Mutter, als sie unvermuthet in seinem Gasthofe mit der damals erst lallenden Jilla eingekehrt war, erst für sein eigenes Schwesterchen ausgegeben hatte, nun in diesem Mädchen Wellys Tochter und seines Sohnes Braut zu finden, und trug sein Schärflein Wissen zur weitern Erläuterung ihrer Geschichte bei, und es war nicht schwer sich ganz zu überzeugen -- daß Jilla die verloren gewesene Jadilla sey.
Sobald Salassin -- mit seinem Lorberkranz zurückkommt, feiern wir ein doppelt Hochzeitsfest -- rief Welly und Bengler.
Ein Dreifaches! -- setzte Jehnsen hinzu, und nahm seine Marlon bei der Hand! Uns hat ebenfalls noch des Priesters Band nicht umschlungen! -- Man fragte um Jehnsens Geschichte, die er erzählte.
Wahrhaftig, sprach Bengler -- als man mit den Erzählungen allenthalben fertig war -- Wahrhaftig das sind der Freuden gar zu viele! Fast wünscht ich einmal wieder etwas bitteres zu geniessen. Das immerwährende Süsse wird beinahe unschmackhaft.
Kaum hatte dies Bengler ausgeredet, als des Dorfes Pfarrer unter die Gesellschaft trat, und nach einigen Grüssen sich zu Welly wandte.
Mein Graf! Eben sind zwei verwundete Krieger in unser Dorf gebracht worden. Sie empfingen die Wunden in jener Schlacht, die dein Sohn für das Vaterland erkämpfte. Ich fragte sie nach Salassin, und der Lage in der itzt unser Kriegsheer stehe. Sie antworteten, es sey Friede mit dem Feinde, die Armeen wären schon im Heimzuge, in 8 Tagen würde das Friedensfest gefeiert werden.
Und was sagten sie von Salassin? -- versetzte Graf Welly hastig, Lolly horchte bei dem lieben Namen hoch auf, die Hälfte der Gäste schlossen einen Kreis um den ehrwürdigen Priester, der fortfuhr:
Sehr viel Rühmliches, aber auch eine Nachricht, die -- du gefaßt ertragen must. Salassin, sagten sie, ist von dem Heere abgegangen. Niemand wisse wohin?
Ha! -- unterbrach Bengler die Erzählung. Wird uns doch einmal wieder eine bittre Speise aufgetischt? Das Konfekt wird dann um so besserer behagen!
Das ist nur gar zu bitter! -- meinte Lolly.
Muß man denn aber, wenn das Süsse zu häufig da ist, von allen so viel geniessen, daß man hernach den Geschmack daran verliert? -- dachte Sebald.
Der Greis fuhr in seiner Erzählung fort:
Daß den Tag darauf, als sie fortgeschifft wurden, im ganzen Lager es verbreitet gewesen wäre, der tapfere Salassin sey in ein fremdes Land gereiset. In acht Tagen, wie gesagt, ist das Friedensfest, der Kaiser kömmt in 10 Tagen in die Residenz an.
Die von so vielen Freuden gespannten Sehnen der Anwesenden erschlaften ziemlich durch diese Neuigkeit.
So soll ich Salassin wieder sobald nicht sehen? -- meinte Lolly, und schlich auf die Seite.
Trübt er sich denn immer selbst seine Lebensquelle? -- dachte Welly.
Ist er von seinem Wahn denn noch nicht geheilt? -- sprach Sebald für sich.
Nun wird unser Vermählungsfest ziemlich noch fern seyn! -- flüsterte Jilla zu Sebalden.
Ach das ist verzeihlich! Er weiß ja von der Sache mit dir lieber Sebald, noch nichts tröstliches. Rief halb laut Bengler zu diesem. Seyd gutes Muths er ist ja darum noch nicht aus der Welt! Wir bändigen Wildfang gewiß! -- sprach er laut zu dem verstummt um ihn stehenden Zirkel, ergriff den Festpokal und rief: Es lebe der wackere Salassin!
Er lebe! er lebe! -- erklangs sogleich in dem Saale, und der Eindruck des Unangenehmen ward schwächer, durch Benglers vergnügenbewirkendes Beispiel. Bald ward wieder die halbentflohene Heiterkeit an jedem Gesichte, die unangenehme Nachricht endlich fast vergessen, und man erzählte sich wie vorher.
Zum Friedensfeste fahren wir in die Residenzstadt! fieng Bengler an, als der Kranz fröhlicher Menschen sich späterhin trennte.
Zum Friedensfest in der Residenzstadt! -- wiederhallte es, und der Kranz zerriß sich.
Sechstes Kapitel.
Der Zurückzug der Sieger.
Wir lassen sie hier indessen sich rüsten zur Abreise von Wallingau, und kehren in das Lager der tapfern Kämpfer. Haben wir doch Salassin schon lange nicht begleitet. Was macht er? Sind seine Wunden geheilt? Ist er wirklich fort von dem Heere in ein andres Land, oder hat ihn die Bedenkzeit, so ihm der Kaiser gab, zum bessern Entschlusse gestimmt?
Das sind zu viele Fragen auf einmal meine Leser! Ich will erst Athem schöpfen und dann antworten.
Salassin ist noch im Lager. Seine körperlichen Wunden sind vernarbt, und schmücken die hohe Stirne; aber -- mit seinem Herzen ist er noch immer im Kampf, wo er sich selber noch manche neue Wunde schlägt.
Seine unvertilgliche Liebe zu Lolly und seine nicht minder starke Freundschaft für Sebald, den er mit seiner eignen Aufopferung mit Lolly glücklich wissen will, trieben ihn durch die gefährlichsten Reihen Soldaten in die Schlacht, wo der Tod alle seine Kraft verstürmte.