Part 11
In den Zeitungen forschte jeder von Salassins Freunden, die ihn im Heere glaubten, was freilich wahr gewesen, für das es aber Tellmann Sebald und Bengler, die diese Lüge und doch Wahrheit ausgesprengt hatten, leider nicht hielt. In jedem Zeitungsblatte so erschien, zählten sie begierig die angezeigten Krieger, die sich hervorthaten oder verwundet wurden, oder fielen. Salassin stand nie unter einer Rubrike davon.
Sebald traf in Wallingau ein, eine zahlreiche Gesellschaft war bereits versammelt. Man spazierte eben durch das Wallingauer Dorf, indem alles Jung und Alt, Mann, Weib und Kinder und Greise in einer lebhaften Bewegung war.
Sebald wurde von allen mit inniger Freude bewillkommt. Er war ja Salassins Vertrauter, und als dieser allein schon recht freudig gesehen, von Vater Welly, von Jadilla, und besonders von -- Lolly. Wenn der Geliebte fern ist, wie ist da der Freund desselben nicht geschätzt. Ein duzend Zungen hätte Sebald noch haben sollen, und noch einmal soviel Ohren (nur etwa keine Zungen unsrer Zeitungsschreiber) wenn er alle Fragen auf einmal hätte hören und beantworten sollen.
Lolly schloß sich an Sebalds Arm, und giengen in dem Kranze der Andern der Dorfkirche zu, wo die Gemeinde geschmückt und frohlockend versammelt war. Es wurde ein Vermählungsfest gefeiert. Die große majestätische Kirche umrundet mit hohen Linden, ganz gebaut die Seele des Betenden zur Ehrfurcht, Größe und Erhabenheit des ewigen Allvaters zu erheben, ragte mitten im Dorfe hervor. Ein prunkloser Altar aus Marmor mit einem Bildniß Gottes stand da, vor dem ein junger Mann ohne dem linken Arme, mit frischen Narben in dem Gesichte an der Seite eines sehr schönen Dorfmädchens kniete, das Kränze vom Rosmarin im braunen Lockenhaar verflochten trug. Die Väter der Beiden standen hinter dem Bräutigam, die Mütter hinter der Braut, und die Anverwandten und Freunde schlossen sich an die Vorigen.
Der Priester sprach eben das Amen! und die Anwesenden beteten laut für das neue Ehepaar, das nach einem kurzen Gottesdienst, dem Zug voraus unter Begleitung einer lieblichen Musik der Wohnung der Braut zugieng.
Wellys Gesellschaft mischte sich unter die frohen Hochzeitsfeirer.
Das hübsche Mädchen nimmt den häßlichen Krippel zum Manne? -- sprach Sebald zu Lolly, als sie aus der Kirche getreten waren.
Häßlich? -- warf Lolly ein.
Seb. Er ist ja im Gesicht zerfezt, und ohne der einen Hand! Und ein Mädchen --
Lolly. So? ein braves Mädchen taxirt also den Mann nach Gesicht und Händen? Ey, du mußt verzweifelt wenig von uns Mädchen halten! Die Braut ist grade ein doppelt schätzbares Geschöpf, weil sie den nimmt!
Seb. Vermuthlich wäre sie sonst --
Lolly. Vielleicht gar mannlos geblieben? O beileibe nicht. Der Bräutigam war ein bildschöner wackerer Jüngling. Vor 14 Tagen kam er aus dem Kriege so verunstaltet wie du ihn itzo siehst. Das Paar wollte eben sein Vermählungsfest feiern, als das Aufgebot wider die unversöhnlichen Feinde des Landes in dem Dorfe hier vorgetragen wurde. Er war der erste Freiwillige, der sich von seiner Geliebten trennte, und in die Schlacht zog. Der Freier wohl zwanzig warben um das Mädchen, als in der Zeitung stand, Mienchens Erwählter sey gefährlich verwundet; aber Mienchen wankte nicht. -- Wenn ich Philipen nicht wiedersehe, sagte sie, so mag ich keinen mehr zum Manne, und wiß alle Andere ab. Aus der Nachbarschaft hielt auch ein recht hübscher guter und gar reicher Jüngling noch um sie an, den Mienchen nicht so ungern sonst hatte; aber ihr Philip war zu sehr ins Herz gewurzelt, und als er endlich ohne Hand und kaum kennbar im Gesichte nach Hause kam, da hüpfte Mienchen vor Freuden und das heutige Fest ward sogleich verabredet.
Seb. Das ist brav von dem Mädchen! Ihr gleichen -- denk ich -- aber doch nur wenige, die so einem Bräutigam treu blieben.
Lolly. Ey, du kennst die Mädchen doch in der That wenig. Welches wäre wohl in dem Falle nicht so? Darauf sind sie mit Recht stolz einen unglücklichen Kriegshelden durch ihr liebendes Herz lohnen zu können.
Seb. Wenn nun Salassin ohne Hand und mit solch einem Gesichte zurückkäme, reizende Lolly?
Lolly sah Sebalden mit einem abweisenden Blick an. Nun? Sollt ich ihn dann nicht noch lieber lieben? O ich wünschte nur -- er wäre schon lieber da. Ohne Händ und Füsse, nur mit Kopf und Herz, ach! und du solltest sehen, wie überaus glückselig wir zum Altare träten!
Wahrhaftig unter den Mädchen des 18ten Jahrhunderts wäre wohl so ein Geschichtchen in allen Zeitungen und von allen Romanzendichtern besungen.
Der festliche Zug war inzwischen in das Haus der Braut gekommen, in einer großen reinlichen Stube standen die Gäste herum um das Brautpaar, das die Eltern noch einmal segneten. Der Bräutigam kniete nieder, sein Vater ein ehrwürdiger Greis, legte seine zitternde Hand auf des Sohnes Schultern -- alle sahen mäuschenstill der feierlichen Szene zu.
Dem Greise bebten die Lippen, eine Thräne hieng ihm an der Augenwimper, indem er sprach: Mein Sohn! Sey -- ein guter Vater! -- ihm erstarben die Worte, er fiel dem tiefbewegten Sohn um den Hals, indem er mit Mühe stammelte: ach mein Sohn --!
Gerührt wünschten nun die Gäste dem neuen Ehepaar Heil und Segen zu dem neuen Stande, manch weichherziges Mädchen hatte über den schönen Auftritt auch ihr Thränchen vergossen, und -- wenn ich recht gesehn habe -- den leisen Wunsch verrathen: Segnete mich doch auch mein Vater nur auch schon! --
Nun ertönte die Musik, bald drauf wurde das Gastmahl begonnen, und unter dem reinsten Vergnügen genossen. Als die letzte der Schüsseln aufgetragen ward, grief die Braut rasch in ihre Schürze, und warf dem uralten Brauch gemäß eine Handvoll Rosinen auf den Brautführer, der Bräutigam auf das Kranzmädchen, ihnen nach regnete es nun von allen Seiten Rosinen und Zuckerkörner, und in wenigen Minuten lag der Tisch mit den süssen Sachen bedeckt. Die fröhliche Freude gieng in leichten Muthwillen über, und allgemein überließ man sich dem lachenden Jubel.
Das frohe Getöse rauschte eben am stärksten, als der launigte Küster mit einem Pack Papier unterm Arm in die Stube trat, und mit unzähligen tiefen Verbeugungen gegen das Brautpaar und die Gäste figurirte. Alle drehten sich nach dem komischen Mann, der bei allen Hochzeiten und Festen als Lustigmacher seine Sporteln hatte, wofür er die hochachtbaren Gönner mit launigten Späschen, lächerlichen Schwänken und lustigen Liedern unterhielt, die er aus alten uralten Folianten sog.
Er wandte sich vor allen an die neuen Ehleute, und begann seine Gratulazion also:
Sintemal und alldieweilen Thut Eur Hochzeitsfest aneilen Ich also von Herzen schön Thue gratuliren gehn.
Das war der Eingang, und der gute Küster mit dem Hut unterm Arm, die andre Hand in der aufgeknöpften Weste räusperte sich und sammelte Athem zum fernern Vortrag. Alle sahen mit stillem Lachen auf den spassigen Rhapsodensänger unverwandten Blickes.
Der Herr Gratulant verzog den Mund und fuhr fort.
Weilen Gott die Welt zu mehren --
Lolly kicherte laut auf und bedeckte ihr glühend Gesicht mit der Hand, ihr nach platzten mehrere mit lautem Gelächter los, der ganze Ring endlich lachte mit, und der frappirte Küster blieb in seiner Gratulation unangenehmerweise stecken: Seine Kupfernase röthete sich vor Verlegenheit mit Karfunkelglanz, er stotterte und rüttelte sich zitternd, um das übrige seiner eigendsverfaßten Prekation noch hinauszubeuteln. Glücklicherweise kam ihm das Brautpaar mit der Danksagung zuvor und der Küster schöpfte freien Athem, und beruhigte sich, daß man zu stark gelacht und ihn unerwarteterweise nicht habe aussprechen lassen. Nun erklangen seine poetischen Gesundheiten, Lieder, Schwänke, auf welche die Musikanten ihre Antworten gaben.
Endlich packte er seinen Kram Papier aus -- Pst! Pst! Zeitungen sinds, neue, die neuesten, das heutige Blatt unaufhaltsamerweise aus der Stadt geschickt, und Briefe von meinen hochgelehrten Korrespondenten!
Er kramte die Zeitungen ordentlicherweise auf den Tisch hin, griff nach seiner Brille, und las mit meckernder Stimme:
Vermöge eingelaufenen --
Nein! das ist das Alte schon -- ich habe mich vergriffen! -- rief er und wühlte unter dem Pack, suchte wohl zehn der Blätter hervor, und legte sie zehnmal wieder hin, mit dem Worte: Das Alte! das ist das Alte? Das heutige vom 9ten. Endlich fand ers und las: Alle waren ein Ohr für den Neuigkeitsbringer unmaßgeblicherweise:
»Der Deutschen ruhmvoller Kaiser hat mit seinem tapfern Kriegsheere eine gänzliche Niederlage dem Feinde beigebracht.«
Es lebe der Kaiser, und unsre Krieger! -- scholls plötzlich und die Becher wurden unter Musik geleert.
Und Salassin -- dachte Lolly, indem sie aufmerksam auf den Küster kein Aug verwandte, und wünschte von Salassin eine fröhliche Nachricht zu vernehmen.
Der Kaiser und unsre Krieger! -- rief der Küster, und feuchtete seine trockene Kehle an. Er las weiter:
»Um die dritte Stunde des Tages noch im schwarzen Dunkel der Nacht griff der Feind den linken und rechten Flügel der k. deutschen Armee an, indem er zugleich mit einem Luftgeschwader auf das Centrum sank, wo der Kaiser selbst mit den tapfersten wachte. Mit ungestümmen Feuer drangen die Feinde auf uns vor, und ohne einer plötzlichen Hilfe wäre der Monarch und das Heer verloren gewesen.«
Der Küster blies sich Kühlung, und schöpfte Kraft aus dem Glase zum Weiterlesen: alle Gäste schwiegen ernsthaft als wäre nie ein frohes Gefühl unter ihnen gewesen. Die Aufmerksamkeit ward gespannter, alle Blicke hiengen fest an dem Küster.
»Der rechte Flügel stand allein noch unverrückt. Der Anführer sank von einer Kanonenkugel zerschmettert vom Pferde, und auch hier schon begann die Verwirrung einzureißen, die am Linken und auch sogar im Centrum schon ziemlich verderblich ward. Aber nun bekam plötzlich die Sache eine andre Gestalt. An der Seite des Anführers beim rechten Flügel kämpfte ein Held, ein junger Mann der nach dem Fall seines Generalen, wie ein Blitz alle Krieger entflammte, mit unbeschreiblicher Entschlossenheit und Muth seinen Mitsoldaten zudonnerte: Mir nach! Und in kurzer Zeit wichen die Feinde von dieser Seite, geschlagen und zerstreut, daß von 10000 Feinden wenigstens zwei Drittheile Leichen waren.«
Es lebe der junge Held! -- ertönten die Jubelstimmen Aller, und schwiegen sogleich wieder, begierigst den Ausgang zu vernehmen.
»Der Kaiser ist in Gefahr! Das Centrum geräth in Unordnung! Ein abgeschickter Adjutant brachte dem rechten Flügel sogleich die Nachricht. Itzt wand sich der junge Held mit seinen Truppen, und kam dem Feind, der immer tiefer in das Herz der Armee drang, auf den Rücken. Das feindliche Luftgeschwader sank fürchterlich herab, denn itzt erhob sich ein ziemlicher Regen, und brachte seine eigenen auf der Erde vordringenden Leute in Verwirrung. Der junge Held benützte diesen Vortheil, und der Feind war gänzlich auch in Centrum aufgerieben. Nur der linke Flügel des kaiserlichen Heeres kämpfte noch zweifelhaft, bis die Normänner benachrichtigt von der Niederlage ihrer Leute eiligst flohen, und den Deutschen das Schlachtfeld räumten. Im Centrum waren die Feinde bereits an das Zelt des Monarchen selbst vorgerückt, der Kaiser schon umrungen als der obenbenannte Held glücklich zur höchsten Zeit erschien, und als er die fürchterliche Gefahr des Landesvaters bemerkte, wie ein Rasender focht. Schon bauten die feindlichen Waffen blutige Wälle von Menschen um den Monarchen, als der tapfere Unteranführer des rechten Flügels den Monarchen der Gefahr entriß, und einen vollkommenen Sieg erstritt. Ein Schwarm Normänner als sich schon alles für uns entschieden hatte, fiel unvermuthet auf der unbesetzten Seite auf den Kaiser, der neue Held gewahrte dies, und machte sie zu Gefangenen, indem er aber eben einen feindlichen Reiter vom Rosse hieb, sank er selbst von Wunden erschöpft vom Pferde.«
Die ganze Gesellschaft betrauerte den Tapfern. Doch nicht todt? -- rief Bengler.
Der Küster hatte sich schnell an einem Zuge aus dem Glase gestärkt, und sprach: Hier ist noch ein Nachtrag erfreulicherweise! -- Es ward wieder todtenstill.
»Die Feinde verloren 18000 Todte, und gegen 8000 Gefangene: unser Verlust an Todten beträgt gegen 11000 an Gefangenen vielleicht keine 500. Der umständlichere Bericht nebst der Anzeige der Namen von Gefallenen, wird noch nachgetragen. -- -- Eben läuft die Nachricht ein, daß der vortreffliche Held nur vom vielen entronnenen Blute erschöpft vom Pferde gesunken sey, und allmählig sich erhohlt habe. Er ist der Sohn des Edlen --«
Der Küster läßt vor Entzücken die Zeitung fallen, und wirft seinen Hut in die Höhe. Ueber den Ausbruch seines komischen Jubels drängt sich alles von seinen Sitzen und zerrt sich um die Zeitungsblätter.
Es lebe unser Graf! Der Held ist Salassin sein Sohn! schrie der Küster, und lief wie unsinnig in der Stube herum. Die Musik erklang stärker, das Gewimmel der Gäste reger, das Getöse lärmender. Wellyn sank seine Gattin Jadilla in den Arm, Welly selbst war fassungslos, Lolly schlug vor Entzücken den Sessel um, und fiel Sebalden um den Hals, Bengler stand vor Erstaunen und Freude wie eine Bildsäule. Sebald vergaß daß es Lolly sey die ihm am Halse hänge, und küßte brünstig das unbefangene Mädchen. Lauter Jubel hallte und schallte, alle Gesichter glänzten vor sprechendem Entzücken. Der Küster dachte nicht einmal, wie er nun zu der Ehre und Freude seinem theuersten Grafen recht poetisch gratuliren werde.
Drittes Kapitel.
Eine Entdeckung.
Das Hochzeitsmahl war vorüber unter abwechselnden Ergötzungen: nun schloß das Fest ein ländlicher Tanz, und die wonnetaumelnden Freunde Wellys giengen erst spät zur Ruh. Konnte einst Mutter Jadilla nicht schlafen vor Kummer, als sie ihren trauten Salassin von Gefahren umlagert wußte, so konnte sie nun noch weniger schlummern vor Jubel.
Aber ist denn das schon so ganz gewiß, wahr und richtig was in der Zeitung stand? Wie möchte die laute Freude der Guten in kränkenden Kummer übergehen, wenn die Zeitung gelogen hätte? Den Blättern des drei und zwanzigsten Sekulums kann man ohne allem Zweifel Glauben beimessen. Eine so verächtliche Person fast in unserm jetzigen Jahrhundert ein Zeitungsschreiber geworden ist, durch seine Erfindungen von unverschämten Lügen und Partheilichkeit, eine so geachtete und verehrte ist die eines solchen im 23ten. Man kann sich auf die Worte desselben verlassen, daß Wahrheit darinn liege, dem man beweisen konnte, er habe eine falsche oder partheyische Nachricht eingerückt, der mußte für jedes Wort, das er darüber schrieb, einen Dukaten in die Armenkasse geben. Du lieber Himmel! Wenn man mit den jetzigen Zeitungsschreibern so verführe, und sie statt Dukaten nur Heller zahlen sollten, ich glaube, die Armen müßten bald reich werden.
Die Nachricht, die süsse herzerquickende Nachricht von Salassins Ruhm war also zuverlässig wahr. Lolly träumte schon, wie sie den wackern Helden empfangen würde, auf welche Art er bewillkommt werden müsse, welch ein herrlicher Augenblick es seyn werde, wenn Salassin der bekränzte Sieger voll des beneidenswürdigsten Ruhms belohnt vom Vaterland wieder in ihre Arme kehren wird.
Sebald! -- sprach Bengler vertraulich am andern Tage. Wer hätte glauben sollen, daß unsre Lüge die wahrste Wahrheit sey? Bin ich doch wirklich zum erstenmale in meinem Leben ein so guter Lügner gewesen, daß ich fast Gefallen daran fände. Nur Schade, daß es selten so gut ausfällt! Sieh mir nur einmal den seltnen Fall an! Hat der Kukuk den Feuermann doch in den Krieg getrieben! Nun, Nun! weil es nur so gut noch ablief.
Ich will -- setzte Sebald hinzu -- Salassin die ganze Sache mit wenigen Worten schreiben. Gewiß weiß ich, er ist längst bei seiner herrlichsten That nicht so froh und ruhig als wir. Lolly wird er mit mir glücklich wähnen, und ich wette, wenn der Friede die Kriegsheere zurückschickt, er macht uns den Streich und läßt sich nicht sehen.
Da sollt ihn der Kaiser in die Jammerburg setzen lassen, wenn er das zu thun im Stande wäre! -- sagte Bengler.
Seb. Ja -- übertriebner Edelmuth -- Am besten also ich fahre heut nach der Residenz Tellmann -- wie lange mag es seit dieser lezten Schlacht seyn?
Bengl. Hm! Heute zählen wir den letzten Herbstmond -- ungefähr 14 Tage.
Seb. Dann wird uns Tellmann vielleicht neue frohe Nachrichten geben.
Bengl. Ich will Wellyn die Geschichte erzählen. Nun kann ichs ja getröst thun. Wir wissen einmal wo Salassin ist, und -- nun ists leicht die Sache gut zu machen.
Sebald kam zurück in die Residenzstadt, wo ihm Tellmann mit freudefunkelnden Augen entgegenstürzte, und rief: »Salassin ist beim Heere des Kaisers. Er hat sich tapfer gehalten! Der Monarch zieht zurück; die Feinde trugen den Frieden an, der für uns ganz natürlich sehr vortheilhaft ausfällt. Salassin hat den Kaiser und das Vaterland gerettet!« --
Wir haben es auf dem Lande erfahren, theurer Oheim! sprach Sebald freudig, und erzählte den Vorfall. »Wann könnte das Heer wieder hier eintreffen?
In wenigen Tagen! -- antwortete Fürst Tellmann. In wenigen Tagen? Und Salassin kommt als Sieger, als Retter des Kaisers und des Landes! Welch eine Wonne für uns Alle!
Nichts als billig -- versetzte Tellmann -- daß er uns für das Leid, so uns seine übereilte Hitze verschafte, mit solch einem Jubel entschädige. Ich habe bereits an ihn geschrieben, zweifle aber daß er meinen Brief erhalten, noch ist alles im Heere ziemlich verwirrt. Salassin war lange dem Tode nah; aber die Aerzte, besorgt solch einem Helden dem Lande zu erhalten, haben ihn wieder hergestellt.
Sebald wollte sich von Tellmann nach einer Weile entfernen.
Daß ich nicht vergesse, lieber Sebald! -- rief der Fürst, ihm plötzlich zu. Geh sogleich zu Wolling -- er ist seit acht Tagen krank -- seine Tochter schickte ein Briefchen an dich, worinn sie dich dahin zu kommen bittet, ihr Vater habe wichtig mit dir zu sprechen.
Das ist Jillas Vater? mein Oheim! -- fragte Sebald hastig, und hielt die Thüre offen.
Richtig! Jilla Wolling -- so unterschrieb sie sich. Doch da ist das Briefchen selbst. Nimm es nicht übel daß ichs in deiner Abwesenheit erbrach. -- Schloß Tellmann und gab Sebalden das Briefchen, der es mit heftiger Unruhe las, und auf den Fittigen der Liebe zu seiner langentbehrten Geliebten flog.
Er trat in das Haus, und Jilla bewillkommte ihn mit dem Ausbruch der herzlichsten Freude. Kömmst du einmal zurück? -- sprach sie und sah ihn mit einem zärtlich strafenden Blick an.
Meine Jilla -- dein Vater ist krank? Noch nicht besser? Leider nicht! -- antwortete Jilla, und führte ihn in des Kranken Gemach. Pst! er schlummert! Da dürfen wir ihn nicht stören! -- rief das Mädchen, als sie die Thüre halbgeöffnet hatte.
Sie blieben in einem Nebenzimmer, und plauderten, ja, was plauderten sie denn? Von dem kranken Vater? Oder --
Die Antwort kann ich nicht wörtlich geben; denn das Buch der Zukunft, in dem ich diese Geschichte lese, meldet nichts davon. Doch sollt ich rathen; schöne Leserinnen, soll ich rathen, so kommt es wohl ziemlich auf den Punkt -- von dem zwei Liebende sprechen, die sich nach kurzer Trennung wiedersehen, und vielleicht gar wenn das Schicksal keinen Strich durch die Rechnung macht, bald -- was denn? -- Was? -- Hören sie das gerne meine Leserinnen? -- Mann und Frau werden.
So? sind sie schon nahe bekannt?
Ja freylich! du lieber Himmel, wie bald stehen zwei Liebchen nicht in enger Verbindung? und welche kleine Spanne Zeit verfliegt zwischen bekannt werden, und dem Entschlusse sich zu vermählen. Ein kleiner Sprung ists, ein -- bald hätt ich gesagt ein Flohsprung nur. In unserm Jahrhunderte giebt es für Liebende freilich der Hindernisse zu viele. Ein Stammbaum zum Beispiel einerseits und Tugend und Armuth anderseits ist schon ein faßt unüberwindlicher Riese! Elterngroll, wenn die Kinder auch gar nichts gegen einander haben, ist ein zweiter unübersteiglicher Stein. Ach und was giebts der Steine und Riesen die in unserm Sekulum die Leutchen trennen, nicht noch? Ich glaube deren so viele als es Verliebte nur immer geben kann. Aber in dem beglückten neuen Zeitraume wählten die Mütter nicht die Schwiegersöhne für ihre Töchter, und eben so wenig die Väter ihre Schwiegertöchter den Söhnen. Da mißt man das ehlige Glück nicht nach Dukaten oder Stammbäumen. Die jungen Leute gefallen sich, gestehen sich ihre drückende Herzensnoth und zeigen es den Eltern an: »Vater! Ich liebe deine Tochter, sie erwiedert meine Liebe, gieb sie mir zum Weibe, wir wollen arbeiten und dem Ruf der Natur folgen!« So hält der Jüngling an, und die Eltern bestättigen freudig die Wahl, wenn sie vernünftig vorsehen, daß ihre Kinder glücklich seyn können. Eine Familie machen dann alle aus, und Groll und Hader, wenn ja zuweilen so ein Distelchen unter Blumen blüht, ist vergeben und vergessen.
Die Mädchen selber halten es für Ehre, um ihre Geliebten zu frein, und solch einer entschlossenen Bräutigamswerberinn wird die Bitte schon gar nicht abgeschlagen. Daher treffen sich manchmal drolligte Späschen. Mancher recht hübsche junge Mann, wenn er mehrern den Hof machte, hat die Freude, daß sich zuweilen ein halb Duzend Mädchen um ihn bewerben, wo er dann der Erkohrenen den Apfel reicht. Oefters kömmt der Vater oder die Mutter dem Schwiegersohne, wenn er blöde oder scheu ist, selbst zuvor, und tragen ihr Kind an. Kurz, ungezwungener, freier, zuvorkommender ist man bei diesem Geschäfte im 23ten Sekulum als im jetzigen die Frauen.
Doch -- wohin gerath ich? Geschwind, was machen unsre Liebchen im Nebenzimmer! Plaudern sie noch immer? Nicht doch! Jilla! Jilla! -- stöhnt der kranke Wolling, und das Mädchen entreist sich windschnell Sebalds Armen.
Ist Sebald noch nicht zurückgekommen? sprach mit schwacher Stimme der Kranke.
Ja, Vater! Er ist schon da! Wir merkten, daß du schlummertest, und wollten dich nicht wecken von deiner bedürftigen Ruhe. Entgegnete Jilla.
Gutes Mädchen! -- Ich -- werde bald -- o vielleicht sehr bald -- fester -- schlafen; als -- daß mich Menschen würden wecken können! -- Führe Sebalden her! -- Stammelte mit einigen Lächeln der Vater, wand seine geringe Summe von Kraft an, erhob sich vom Ruhelager, und drückte mit mattem Drucke dem hereintretenden Sebald die Hand: Willkommen, Lieber! -- Setze dich mit Jilla nah zu mir -- daß ihr mich vernehmt -- was ich noch werde sprechen können.
Sebald und Jilla rückten an das Ruhlager, und horchten mit Aufmerksamkeit.
Der Greis schöpfte Athem, und streifte mit der Hand das kreidenweiße Haar in Ordnung. Er nahm Sebalden bei der Hand, und blickte mit wehmüthig frohem Blick auf ihn.
Sebald! du liebst Jilla?
Einzig und immer -- entgegnete dieser feierlich, und sein etwas ungestümmer Händedruck hätte fast den guten Alten zum lauten Schrey bewegt.
Jilla -- du liebst Sebalden!!
Mein Vater -- stammelte das Mädchen überrascht, und schmiegte sich traulich an ihn.
Der Vater. Ihr werdet ein glücklich Menschenpaar! Bleibt unbefangen und gut, wie ich euch Beide kenne. Handelt edel, seyd thätig, lebet rechtschaffen! -- Frieden und Eintracht umknüpfe euch immer eng und fest -- bleibt tugendhaft und edel --, dann segnet euch der Verklärte jener bessern Welt, der hier Jillas Vaterstelle vertrat.
Vaterstelle nur? -- fuhren Beide auf und horchten.
Der Vater. Ja -- blos Vaterstelle -- Jilla ist meine angenommene Tochter --
Nein! nein! du bist mein Vater -- du bleibest mein geliebter Vater! Geliebt und geduldet hast du für mich -- gesorgt und gekümmert für mich -- väterlich. Ich kenne dich seit ich denke -- wie sollst du mein Vater nicht seyn? -- Ergoß sichs Jillas langes Herz; sie herzte zärtlicher den lächelnden Greis.
Der Vater. Ich liebte dich als meine Tochter. Du warst mir anvertraut, deine kindliche Unschuld fesselte mein Herz mit unzerbrechlichen Banden. Meine größte Sorge warst du -- bist unter meinen Augen ein braves tugendhaftes Mädchen geworden -- bist durch meine Sorgfalt fähig einen edlen Jüngling als Gattin zu beglücken, dann -- hab ich meine Pflicht gethan.
Seb. O das hast du, edler Mann! Mann ohne gleichen redlich und bieder. Jilla verdankt dir --