Guirlanden um Die Urnen der Zukunft Eine interessante, originelle Familiengeschichte aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte

Part 10

Chapter 103,736 wordsPublic domain

Der Kaiser. Wohlan denn! Morgen mit dem dämmernden Tage bricht das Heer auf -- du hast nicht Zeit dich von Allem so dir theuer ist zu beurlauben -- vielleicht auf immer -- zagst du nicht?

Sal. Entschlossen und muthig, will ich gegen Feinde kämpfen.

Der Kaiser. (legt ihm die Hand auf die Schulter mit forschendem Auge) Ich gewähre dir die rasche Bitte nicht!

Sal. (entflammt) Mein Kaiser! Vergönne -- vergönne mir dies einzige -- erbarme dich meines Jammers -- ich will der letzte im Rang, der erste im Vordringen seyn!

Der Kaiser. Wohl! Es sey dir gewährt -- aber sogleich, ehe eine Stunde vorübereilt, sollst du in das Lager!

Sal. (fällt dankend auf die Knie, und faßt ungestüm und stumm des Kaisers Hand) Mein gütiger --

Der Kaiser. (der Kaiser sieht ihn mit einiger Verwunderung an) Ist dir alles das erwünscht? Du willst fort, sogleich fort, dahin, wo Tod in jedem Pulverstäubchen lauert, woher du vielleicht nie zurückkehrst -- und doch willst du nicht erst von deinen innigsten Freunden dich zum Lebewohl umarmen lassen? Entzückest über den schnellen Raum einer Stunde?

Sal. Deine Güte -- deine väterliche Weisheit löscht meine Flamme nicht!

Der Kaiser. So zieh denn hin! Jüngling -- ich wollte dämpfen die Glut, die leicht auflodernd und eben so leicht verglimmend schien -- ist dein Entschluß die Frucht eines nicht ganz edlen Gefühls -- dann büsse für die Folgen -- ich warnte dich.

Der Kaiser trat an ein Schreibpult, schrieb, und gab Salassin, der halb froh, halb harmbetäubt, auf seinen Knien lag, das Billet.

Morgen, wie gesagt, bricht das Heer auf -- wenn es dir Ernst ist -- so zieh dahin -- und komm als Held zurück.

Der Kaiser reichte dem Jünglinge das Papier, der trunken vor Freude und Harm nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung dem Antliz des Monarchen entschwand.

Schnell durch das Volksgewimmel dem tellmannischem Pallaste zu, rannte er das Papier in der Hand, so ihm einige der niedern Militärstellen bestimmte --

In seinem Zimmer ergriff er hastig Diente und Feder, und schrieb einige Briefe in wenigen Minuten. Seinem Vater und seiner Mutter, dem Fürsten von Tellmann und Sebalden. Er empfahl sich, allen dankte u. s. w. sagte aber Keinem wohin er gehe.

An Sebalden schrieb er folgendes:

_Sebald_!

»Sey glücklich! Ich wünsche das dir -- Du liebst Lolly, ich sah euch beide im Garten in einer Laube vertraut, -- Lolly liebt auch dich. Die Freundschaft muß meine Flamme, die für Lolly brennt, verlöschen. Noch einmal -- sey glücklich -- und weine dem Freunde eine mitleidige Thräne, dem eine wohlthätige Hand bald Ruh und Frieden geben wird.«

Salassin.

Keine Seele war in dem Hause -- alles bei dem Feste noch -- das war dem Stürmischen lieb: er konnte sich unbemerkt wegbegeben. -- Die Briefchen ließ er auf dem Tische liegen: Lollys Bildniß hieng an der Tapetenwand ob seinem Ruhebette -- schon stand er in der Thüre, ein Blick auf das Bildniß und er blieb wie eingewurzelt stehen. Unwillkührlich langte seine Hand darnach -- seine Seele ward mächtig erschüttert.

Lolly! Mädchen -- der schönsten schönstes -- edelstes der edelsten -- Ach ich darf dich nicht lieben -- Vielleicht wirst du gerührt einst meiner Urne eine Thräne schenken, wenn mich des Krieges Schlund verschlungen haben wird -- dann sprichst du vielleicht mit nassem Auge: »Er war auch ein guter Jüngling! Er liebte mich -- und opferte sich meinem Heile.« Ja -- Unendlich Geliebte -- dein Heil -- deins ist mir theurer als meines -- Sebald ist ein edler Mann -- der dich ganz mit voller Seele liebt -- du wirst glücklich in seinen Armen seyn.

Salassin ergriff das Bildniß, drückte es glühend an seine Lippen, blickte es noch einmal an -- gierig -- stand wieder -- ein Geräusch flüsterte in den Tapeten -- schnell flog er aus dem Zimmer: sattelte sich ein Roß, und entfloh mit unbeschreiblichem Drang im Herzen der Residenzstadt. -- Die Strassen die er unlängst geritten -- die Erinnerung der kleinen Vorfälle auf der Reise damals mit Sebalden -- die Urnen im Walde wurden nur schwach durch den Anblick der Plätze erregt -- wo es geschah und er nun vorüberritt -- so betäubend war das Gewitter in seinem Innern.

Mächtiger war der Eindruck des im Schlachtdampfe gefallenen Felsthals, der mit Salassins itziger Lage viel Nahes hatte. Ihn trieb einst Verzweiflung in den Krieg -- sich den Adel zu erkämpfen, und die Geliebte des Herzens dadurch zu erringen -- und ach! er fand den Tod --! Ich will Ruhe finden -- ich muß Sebalden glücklich wissen --

Noch stand die Sonne am Himmel, die Wölkchen spiegelten wie blanke Muscheln an dem Gewölbe des Firmaments -- als Salassin im schnellsten Galopp in das Lager an seinen Posten kam.

Mit der ersten Röthe des Tages brach das Heer auf, und Salassin ritt schweigend in sich gekehrt in dem Zuge. Die muthigen Helden sangen zum Musikhall ihre Kriegslieder, und glühten vor Eifer nach Schlacht und Tod oder Sieg, ihre Gesänge weckten den mit sich ringenden Salassin nur selten.

Dritter Abschnitt.

Erstes Kapitel.

Die Wahrheit in der Lüge.

Die Krieger ziehn dahin, wohin das Wohl des Vaterlandes sie bestimmt, schon sind sie nahe dem verheerenden Schwarm der Feinde -- schon stossen sie auf Spuren der feindlichen Verwüstungen. Wir lassen sie eiferglühend den Feind aufsuchen, und wenden uns in die Stadt zurück.

Noch weiß keine Seele von Salassins Entschluß außer dem Kaiser. Die Freunde noch immer den Ergötzungen des Festes überlassen, ahnten nicht einmal was der übereilte Jüngling unternommen. Zwar sprang Sebald von seinem Sitze in der Laube von Jillas Seite auf, als Salassin Beide in ihrem Kosen geweckt hatte, und ergriffen von Empfindungen, die wirklich aus übertriebnen Begriffen und Irrthum entsprangen, wie ein Flüchtling fortlief.

Aber Sebald -- wer hätte mit menschlichem Auge Salassins Seelengewitter vermuthen können? Die Beiden blieben lange noch da, in ihren traulichen Umarmungen.

Lolly suchte unter dem Gewimmel den Ersehnten -- ach -- Arme Bangende! Wie hättest du ahnden können, was deinen Geliebten so weit und vielleicht auf immer trennte! Lolly begnügte sich, weil sie schon manche Stunde vergebens nach ihn gespäht hatte, mit dem nicht ganz süssen Troste: »Morgen kömmt ja Salassin in unsre Miethwohnung!«

Aber als mit der Mitternacht das Fest zu Ende gieng, alle Wandler theils schon dem Schlummer huldigten, theils schon am Wege waren, zur Ruhe zu eilen, als schon nur hie und da in dunklen Alleen und Gartengängen einzelne Paare Liebender wandelten im Mondenscheine, und auch Sebald aus Jillas Armen in seine Wohnung kam: wie verdampfte der Rausch der Liebe, den er sich an Jillas Lippen geholt hatte.

Er glaubte Salassin schon im Schlafe zu finden -- aber natürlich der war nicht da.

Meinen Bruder läßt gewiß nicht die reizende Lolly von der Seite! meinte Sebald, und trat im Tageshell der Krystallsonne von ungefähr an Salassins Schreibpult.

Die Briefe fielen ihm auf -- Die Freunde kein Geheimnis sich verbergend, theilten sich jeden Gedanken mit, wenn der Eine oder der Andere es nur hören wollte: daher ergriff Sebald die Briefe -- las -- und erschrak, als er den an ihn gerichteten gelesen hatte.

Als wäre der Pallast auf ihn gestürzt, stand Sebald mit schwerem Herzen da.

Gott der Freundschaft! Was ist da geschehen -- rief er und starrte unentschlossen, was er thun solle, die Papiere an. -- Der Unglückselige -- Wohin trieb ihn sein schrecklicher Irrthum --! Was unternimmt er! Eine Thräne deiner Blindheit will ich weinen -- kaum verdienst du ja -- Blödsinniger -- -- Ich liebe Lollyn? Ich wäre mit Lolly in der Laube gesessen? Narr! Deine edle Aufopferung für Freundschaft ist Grille -- ha -- wie könnt ich da glücklich seyn -- glücklich, wenn dein Herz blutet! -- Unseliger Irrthum! -- Er rannte mit den Briefen in der Hand zu Tellmanns Gemach, und öffnete schon die Thüre. Das stille Dunkel des Ruhezimmers riß ihn plötzlich aus dem Traume, und errinnerte ihn, er habe vergessen daß es Mitternacht sey, und Tellmann schlafe.

»Weck ich den müden -- erfährt er Salassins Entweichen -- dann hab ich ihn um seine Ruhe gebracht! -- Und was nützt das, wenn er itzo noch drum weiß? -- Kann ich sagen wo der Verblendete hingeirrt ist? Können wir ihn finden?« -- Sebald begab sich zurück, und haderte mit der Nacht, die dem harmdurchdrungenen Bangen so lange nicht zu Ende schenkte, und kaum flüsterte des Morgens lauer Wind durch die Jalusien, als Tellmann die Geschichte erfuhr, und die Hände unwillig an einander schlagend vom Lager sprang.

Sein Edelmuth ist am unrechten Orte! Wo ist er hingerennt! Sebald sogleich auf Erkundigung! -- sprach Tellmann, und rafte sich verstört zusammen.

Eben erwachte das Getümmel der Menschen auf den Strassen: Trompeten und Pauken schmetterten, und Musiken hallten vom Platz der kaiserlichen Residenz.

Ha! der Kaiser bricht auf! -- scholl es überall. Wohin? -- rief hier eine Schaar und steckte die Köpfe zusammen. In den Krieg! -- schrien die Andern.

Gott gieb ihm Heil und Sieg! Gott erhalte ihn! -- Erklang es allenthalben, und die unzählige Menge der Menschen, die sich wie der Blitz geschwind aus den Armen der Ruhe gerissen hatten, sobald das Abschiedszeichen ertönte, umgab den innigverehrten Monarchen, der dem kleinen Kriegsheere, so in der Stadt noch lag, vorausritt, sein Lebetwohl, meine Kinder! dem Volke zurief, das sein kaiserlich geschmücktes Roß kaum traben ließ, und Millionen Segenswünsche der Majestät nachrief.

Sebald lief inzwischen die Stadt ab und auf, ohne zu wissen warum?

»Ja wo sollte er Salassin aufzusuchen? Keine Spur -- kein Wörtchen schrieb er von dem, wohin er fliehen würde. Ohne Zweifel -- sagte Sebald -- wird er in seine Heimat zurückgekehrt seyn, und dann auf Reisen gehen!«

Mit dem Strassengetümmel stand auch Bengler in dem Gasthof zur silbernen Narrheit auf. Lolly schlief die ganze Nacht sehr unruhig. Sie hatte trübe Ahnungen, die sich durch die Wonnegefühle des Wiedersehens drängten, und sich vermischten, daß dieses Empfindungsgemengsel einem süssen Weine gliech, in den man Meerwasser schüttet. Daß sie von dem träumte, an dem einzig und allein ihre ganze Seele hieng -- das fragen doch meine Leser schon gar nicht! Sie sprang wohl zehnmahl vom Ruhebette an das Fenster, und liebäugelte mit dem Mond, der blaß und trübe sie anguckte. Und als die Nacht ihr Schattenkleid kaum abzustreifen begann, war Lolly die erste im ganzen Gasthofe munter und wach. Die Freude -- heute morgen kommt er! erheiterte sie, wie die Morgensonne die Flur, und der Gedanken morgen seh ich ihn schon wieder nicht mehr! war ein trübes Wölkchen, das manchen Strahl der Wonne auffieng. Sie harrte voll banger Erwartung des Geliebten.

Der Kaiser war bereits aus der Stadt geleitet, das Volk begab sich allmählig an seine Taggeschäfte, der Morgen wich schon dem Mittage; aber Salassin -- natürlich konnte Lollyn nicht erscheinen!

Wo mag er seyn? Was hält ihn ab zu mir zu kommen? Er versprach hoch und theuer mit dem frühesten Sonnenglanz da zu seyn -- er kömmt nicht -- schon ist Mittagsschwüle -- Salassin! Salassin! Erscheine.

So härmte sich das liebende Mädchen, mit jedem Pulsschlage wurde das Herz banger, mit jeder Minute ihre Unruh bittrer. In jedem Manne, der in dem Gassengewimmel sich drängte, wähnte sie -- da kömmt er einmal! Aber wie herb war dann immer die Täuschung!

Als endlich die eilfte Stunde des Tages mit unaussprechlichem Verlangen und Sehnen schon heranschnekte, und Salassin noch nicht da war, da konnte das arme Mädchen nimmer die Unruhe, die ihre ganze Seele erschütterte, verbergen. Sie theilte dem Vater ihre Besorgniß mit, der selbst nicht begreifen konnte, wie ein Liebender weilen könne zu seiner brünstig harrenden Erkohrenen zu eilen.

Er ist mir ungetreu -- er heuchelte Liebe -- er ist falsch, würde ein Mädchen unsers Sekulums in diesem Falle sagen -- Aber Lollyn kam der Gedanke gar nicht bei, Salassin, der ein so edler Mann war, könnte treulos seyn, so sehr war sie überzeugt.

Sebald kam zu dem Gasthofe der silbernen Narrheit, und las den Thorzettel auf dem die Namen der Einkehrenden angezeigt waren. Wer? Woher? Wohin? Wie lange? Auf alle diese Fragen war die Antwort auf dem Zettel.

Edler Bengler von Palmhain, mit seiner Tochter Lolly -- stand unter andern da!

Ha -- rief Sebald freudig -- da sind sie! Er sprachs und ließ sich vom Diener die Zimmer zeigen.

Er trat herein, Lolly lag im Fenster und sah nach der Gasse, wand sich hurtig nach der Thüre, als sie rauschte, und kam dem Eintretenden entgegen, den sie für den Ersehnten hielt, freudig rief sie: Endlich ist er einmal da! Aber bitter getäuscht stieß sie einen lauten Schrei aus, als sie Sebalden erblickte, der mit unbeschreiblichem Entzücken sie faßte: Jilla! Jilla! Wie kömmst du daher?

Lolly verwunderte sich -- und zog sich erschrocken zurück. Mein Herr --

Sebald's Auge starrte das Mädchen plötzlich an, das in jeglicher Miene der schönen Jilla gliech, und bat verlegen um Vergebung seines Irrthums. Ha beim Himmel (sprach er für sich hin) Salassins Irrthum ist verzeilich -- die Beiden sind kaum unterscheidbar -- Armer -- armer Salassin! rief er etwas laut.

Lolly fuhr über der theuern Namen zusammen. Salassin! Kennst du Salassin? -- sagte sie einfallend, und ihre Blässe der Wangen verschwand in ein liebliches Rosenroth!

Seb. Ob ich ihn kenne? Salassin ist mein Bruder --

Lolly. (ungeduldig) Ach der Salassin mags wohl mehr geben, aber der, den ich meine, hat keinen Bruder.

Seb. Ich bin sein Freund -- sein adoptirter Bruder -- er ist von Wallingau.

Lolly. (mit losbrechendem Entzücken) O so kennst du ihn? Wo ist er? wo ist er? Wo zögert er? Geschwinde --

Seb. Er ist -- (die verwünschte Verlegenheit! Was soll ich nun sagen!) vermuthlich -- war er nicht da?

Lolly. Leider! Leider! Er versprach es mir gestern! Heiß und bange ward er erwartet -- aber (sie ward feuerroth)

Seb. (blickte traurig auf den Boden und dachte) Unselige Uebereilung! Salassin! Das Mädchen liebt dich! Was unternahmst du! Wie helf ich mir aus dem Graben! (läuft zu Lolly) Er war des Morgens schon nimmer zu Hause --

Lolly. (starrt ihn an) Und kam doch nicht hieher noch?

Seb. Vielleicht hat er den Kaiser mitgeleitet -- und verspätete sich --

Lolly. Aber es ist hoher Mittag schon --

Seb. Wahrhaftig -- er sagt mir diesmal kein Wörtchen, wohin er gehen wolle --

Nun kam Bengler dazu, Sebald grüßte ihn und verbarg seine Verlegenheit -- Lolly schlüpfte auf die Seite in unaussprechlicher Wallung, sie wußte nicht, was das werden sollte, und verließ die Beiden, um dem gepreßten Herzen durch lindernde Thränen im Nebenzimmer Luft zu machen.

Bengler und Sebald saßen auf einer Ottomanne.

Bengl. Das ist mir lieb -- dich, Salassins Freund kennen zu lernen. Welly hat mir viel von dir erzählt. -- Was macht Salassin? Warum kommt er nicht hieher? Was ist vorgefallen!

Seb. (faßte Benglers Hand voll Treuherzigkeit) Nimm es nicht übel -- ich bin in einer schrecklichen Unruh -- Deine Tochter liebt Salassin!

Bengl. Das ist mir nicht unbekannt -- ich merkt es mit herzlicher Freude -- wenn wir Väter gesellschaftlich beisammen waren, scherzten wir oft vergnügt über das Band, das unsre Kinder einmal verbinden kann -- Ihre Seelen sind längst verlobt!

Seb. Das weiß ich als Salassins einziger Freund, und es ist mir darum recht sehr lieb, daß ich mit dir reden kann -- deine Tochter verdient Schonung --

Bengl. Was heißt das? Erkläre -- du bringst Nachrichten ohne Zweifel, die mir nicht angenehm --

Seb. Ich kann mich nicht einmal fassen, wenn ich an Salassin denke! Er ist fort -- keine Seele weiß wohin?

Bengl. (erschrocken) Wann? Gestern versprach er uns heute zu besuchen --

Seb. Er muß gestern Abends noch sich verloren haben. Als ich gegen Mitternacht nach Hause kam, lag dieser Brief auf seinem Schreibpult -- ich sah mit Schaudern und Beben, daß er fort sey.

Bengler erbrach den Brief an ihn, den ihm Sebald überreichte, und las befremdet:

_Lollys Vater_!

»Ich liebte deine Tochter -- ich liebe sie noch. Aber ich kenne die Pflicht des Freundes, und weiß mich aufzuopfern, mit Freuden aufzuopfern. Sebald mein Bruder hängt mit voller Liebe an ihr -- er wäre verlohren, blieb ich da --«

Ein unseliger Irrthum! -- unterbrach Sebald den Leser -- Ein unglücklicher Mißverstand! Ich will dir die Sache erzählen.

Bengler las mit Erstaunen weiter:

»Auch Lolly liebt ihn, ich bin überzeugt --«

Bei der Würde des Kaisers nicht! -- rief Sebald hastig! -- Doch lies nur weiter!

»Dieses Menschenpaar, das mir unendlich theuer ist, das ich unaussprechlich schätze, kann nie anders glücklich seyn, als durch meine Entfernung. Ich gehe also dahin, wo ich Ruhe und Vergessenheit des Seelensturms mir holen kann, daß die Geliebten ungestört von mir einen beneidenswerthen Himmel ihrer Seligkeiten geniessen können. Denkt dann -- an den unglücklichen Freund

Salassin.«

Benglern zitterte die Hand, mit der er den Brief hielt, er saß lange da, ohne ein Wort zu finden, das ausdrückte, was in seinem Innern vorgieng. Was er unternommen? Warum? Erkläre --

Sebald erzählte ihm offenherzig die ganze Sache, soviel als er selbst des deutlichen wußte. Die außerordentliche Aehnlichkeit Lollys mit einem andern Mädchen, den Vorfall mit dem Bildniß, Salassins untrüglichen Irrthum, selbst seine Geschichte mit Jilla von Wort zu Wort. -- Mir ist bange um deine sanfte Tochter! -- fügte er endlich hinzu als er mit der Erklärung fertig war. -- Was wird sein Vater -- was seine Mutter sagen! -- Salassin! Was hast du gethan! -- rief Bengler mit zitternder Stimme, seine Stirne furchte sich, die Hand fiel auf den Schoos, der Brief auf den Boden. -- Wohin hat dich deine Raschheit verleitet! Welchen Jammer machst du deinen Eltern! Er der einzige Sohn, an dem sie mit aller Liebe unzertrennlich und einzig hiengen -- die ihre 6jährige Jadilla mit unbeschreiblichem Kummer verloren und betrauern -- auch Salassin -- ihre einzige Hoffnung -- Was werd ich den Eltern sagen! Wie werden sie jammern die Unglücklichen! O des traurigen Festes! Wie soll ich die Mutter vorbereiten --!

Und Lolly -- lispelte Sebald!

Ach! an sie vergaß ich schon gar beim Gedanken des elterlichen Kummers! -- Wir sagen er sey krank!

Seb. Verwünscht -- ich habe geplaudert, Salassin wäre seit der Morgenstunde nicht zu Hause mehr gewesen!

Bengler legte bedrängt die Hand an den Kopf, und sann und wußte nicht worauf. Das geht nun freilich nicht an -- und wenn es wäre, glaube mir, sie lief in der leidenschaftlichen Theilnahme wohl gar mit dir, um des Kranken zu pflegen. -- O des Leichtsinnigen! Wenn wir doch nur wüßten, wohin er geirrt?

Nach einer tiefen Pause, in der sich beide dem bittersten Gefühl preis gaben, sprach Bengler:

Der Kaiser zog heute in den Krieg?

Seb. Ja!

Bengler. Wenn Salassin im Heere wäre?

Seb. Ich zweifle -- zwar Muth, Entschlossenheit fehlt ihm nicht --

Bengler. Es mag angehen! Wir bereden Alle -- der Kaiser habe ihn an seine Seite verlangt, und Salassin folgen müssen.

Seb. Tröstet das Lolly? Die Vorstellung der Gefahr -- des Todes --

Bengler. Hältst du meine Tochter für so unedel, daß sie der Ehre, dem Wohle des Vaterlandes ihre eigne Zufriedenheit nicht opferte? Das geht! Sie ist ein deutsches Mädchen -- sie wird stolz auf den Geliebten seyn! Salassins Eltern -- auch diese werden dennoch ruhiger die Schreckenspost hören, als wenn sie nicht einmal müßten wohin Salassin gekommen sey.

Seb. Aber es ist ein Brief an sie da!

Bengler. Das übrige will ich vermitteln. Den behalt mir vor, bis die Zeit uns mehr von ihm aufhellt! -- Richtig! -- So mags wohl noch am besten gehen! -- Hätt ich doch -- fuhr Bengler etwas heitrer fort -- Hätt ich doch nie gesagt, daß ich das erstemal itzt in meinem Leben, und ziemlich spät eine leidentliche Lüge erfinden könnte. Nun trösten wir vor allem Lolly, die gewiß nimmer schon weiß, was sie vor Liebesangst und Erwartung thun soll. Lolly! -- rief Bengler mit lauter Stimme, indem er an ihre Zimmerthüre trat.

Lolly trocknete eilig das nasse Gesicht, und flog auf den Vater zu. Was willst du, mein Vater!

Bengler. Salassin!

Lolly. (zitterte bei diesem Namen) Wo ist er?

Bengler. Du liebst ihn?

Lolly. Mein Vater --

Bengl. Lieb ihn als ein deutsches Mädchen, und sey edel und stark wie diese. Salassin ward vom Kaiser für das Vaterland gefodert -- er ist an seiner Seite, in den Krieg gezogen, und sagt dir sein Lebewohl!

Lolly erblaßte; aber vom angebornen Stolze und Edelmuth ermannt, vergaß sie des Harms, der in ihr wüthete, und sprach: Darum kam er also nicht? Wohl ich bin ein deutsches Mädchen! Du bist mein, ja, Vater, Ich will seiner harren mit Lieb und Treue, die Lorberkränze winden für den Sieger, der zurückkömmt, oder -- ich habe auch Thränen, den Edlen, wenn er fürs Vaterland fällt, stolz zu beweinen!

Sie fiel dem Vater herzlich um den Hals.

So bist du meine Tochter. Der Monarch ließ ihm nicht Zeit dich noch einmal zu sehen, dir nicht einmal schreiben zu können. Bleibe ruhig! Wir fahren in einer Stunde der Heimat zu!

Der erste heftigste Schrecken war nun vorüber. Die Freunde trösteten sich allmählig; Sebald unterrichtete seinen Onkel Tellmann von dem Beschlusse als er zurückkam, und Bengler verließ mit Lollyn, die für sie so traurige, leere Residenzstadt!

Sebald hatte versprochen Salassins Bildniß Lollyn zu senden. Sie beurlaubten sich gerührt und in kurzer Weile waren alle an ihrem Orte, zwar nicht so ganz ruhig, vielleicht auch unruhig; doch lächelte jeder Munterkeit, wenn das Herz auch im Innern bange pochte; sie scherzten wohl gar über den Helden, wenn er zurückkommen würde, und die Wangen so hübsch zerhauen und zerfezt mitbrächte. Ach sagte Lolly -- die Wangen sind zu nach dem Kopfe, in dem das Leben sitzt; es wäre doch Schade um ihn.

Zweites Kapitel.

Eine Hochzeit.

Ein ganzer Monden vergangen, noch hatte niemand eine Silbe von Salassin gehört. Vater Welly und Jadilla die bedrängte Mutter lebten in quälenden Unruhe. Bengler hatte es ihnen auf eine gute Art beigebracht. Zwar schmeichelte es ihrer Ehre, den Sohn an des Kaisers Seite in seinem Angesichte kämpfend zu wissen, aber was ist Ruhm für ein Trost dem zärtlichen Elternherz? Ein Mondstrahl, der matt das Dunkel des finstern Haines erhellt. Es war ihr geliebter Sohn, ihr einziger Sohn -- und den in den fürchterlichsten Gefahren zu wissen, das trübt auch den Muth der stolzesten Seelen. Des langverlornen Kindes Jadilla Erinnerung wachte herber wieder auf. -- Auch diesen Einzigen soll ich noch verlieren? War ich nicht unglücklich genug meine vierjährige Tochter nimmer zu finden. -- Dachten oft die bangen Eltern, und waren öftrer als sonst in Benglers Gesellschaft, der ein gutmüthiger, launigter Mann, sie zu erheitern und zu trösten all seinen Witz aufbot. Viel des Trostes empfanden sie noch, wenn mit ihnen eine gute Seele um den Fernen trauerte, wenn Lolly in voller Begeisterung von Salassin sprach.

Welly schrieb an den Fürsten Tellmann und Sebald, und lud sie ein auf das Land zu kommen, um sich mit dem Gefährten des Sohnes im angenehmen Freudenkranze des trüben Herzens zu entledigen.

Tellmann hatte nun einen der stärksten Antheil an dem Regierungsgeschäfte, weil der Kaiser beim Heere war, und konnte die Residenz nicht verlassen, aber Sebald entschloß sich Salassins des edlen Freundes Vater zu Liebe auf einige Tage die Residenzstadt und -- Jilla, mit der er alle Tage enger sich verband, zu verlassen, und auf dem Lande Welly und Jadilla einigermassen zu erheitern. Sein Herz war schwer, wenn er an Salassin dachte, von dem noch nicht die geringste Nachricht gehört wurde, wiewohl es bereits 2 Monden waren, dreie der fürchterlichsten Schlachten in Lüften und auf der Erde, die Krieger zu tausenden gewürkt hatten, und schon manche verstümmelte, verwundete Helden, die nach dem Treffen gewöhnlich zurück in das vaterländische Lazareth geschifft wurden, bereits wieder gesund herum giengen, und stolz darauf waren, einen Arm oder Fuß zur Rettung des Vaterlandes aufgeopfert zu haben.